Blu-ray Rezension: „Stille Nacht, Horror Nacht“

Von , 16. März 2019 13:44

Der gut aussehende Billy (Robert Brian Wilson) hat es nie leicht im Leben gehabt. Als Kind verlor er seine Eltern durch einen als Santa Claus verkleideten Killer. Dann ging er durch die Hölle eines katholischen Waisenhauses, wo er den brutalen Methoden der Mutter Oberin (Lilyan Chauvin) ausgeliefert war. Doch nun hat er endlich seinen Platz im Leben gefunden. Er jobbt in einem Spielzeugladen und freundet sich mit seiner hübschen Kollegin Pamela (Toni Nero) an. Leider hat sein Chef (Britt Leach) zu Weihnachten die schlechte Idee, den psychisch immer noch stark angeschlagenen Billy in ein Weihnachtsmannkostüm zu stecken. Als sich bei der feucht-fröhlichen Weihnachtsfeier des kleinen Ladens noch der schmierige Kollege Andy (Randy Stumpf – nomen est omen) , an seine Pamela heran macht, erinnert sich Billy, wofür der Weihnachtsmann steht: Artige Kinder werden beschenkt und die Unartigen bestraft…

Heute mag man kaum glauben, welchen Aufruhr „Stille Nacht, Horror Nacht“ bei seiner Premiere in den USA verursacht hat. Ein Weihnachtsmann als Killer! War diesen Filmleuten denn gar nichts mehr heilig? Der kollektive Zorn ist sehr gut auf der exzellenten neuen Blu-ray von Anolis dokumentiert. Heutzutage gehört der Killer-Santa eher zu den ausgelutschten und durchgerittenen Klischees. Gleich neben Killer-Clown und Killer-Hai. Vor 1984 hatte dies aber noch niemand so offensiv gewagt und dadurch erhielt der moderat budgetierte Slasher, der ohne bekannte Namen aufwartete. Die bekannteste Darstellerin dürfte Linnea Quigley sein. Damals bereits eine Veteranin im Horrorgeschäft, die allerdings erst im folgenden Jahr mit ihrem unvergesslichen Auftritt in „Return of the Living Dead“ voll durchstartete und zu DER Scream-Queen der späten 80er und der frühen 90er wurde.

Auf dem Höhepunkt der nach 1984 schnell wieder abebbenden ersten Slasher-Welle, war „Stille Nacht, Horror Nacht“ eine durchaus ungewöhnliche Angelegenheit. Die kostengünstigen Slasher funktionierten in der Regel nach einer ziemlichen starren Formel. Ein kurzer Epilog, in dem gezeigt wird, wie der Böse böse wurde – durch einen missratenen Scherz oder ein traumatisches Erlebnis -, danach liegt der Fokus ganz auf dem Teenie-Kanonenfutter, welches eigentlich niemanden interessiert und nur Staffage für hübsch kreative Tötungsszenen ist. Am Ende überlebt das Final Girl, nur damit in der allerletzten Szene der Grundstein für das Sequel gelegt wird (welcher im Übrigen im folgenden Teil nie aufgenommen wird). Es gibt auch Ausnahmen, wie den ersten „Sleepaway Camp“ oder das schwitzende Filmmonster „Maniac“, welches ganz aus der Perspektive des irren Killers inszeniert wurde.

An Letzterem orientiert sich auch „Stille Nacht, Horror Nacht“. Zumindest in der ersten Hälfte. In dieser wird der Leidensweg des jungen Billy gezeigt. Wie er als kleiner Junge zunächst von seinem verrückten Opa – mit dem ihn seine Eltern während eines Besuchs in der Psychiatrie alleine lassen – die fixe Idee eines blutrünstigen, strafenden Weihnachtsmannes ins Ohr gesetzt wird, die sich kurz darauf auf grausame Weise durch einen Psychopathen im Weihnachtsmann-Kostüm bestätigt. Und dann der psychische (und auch physische) Missbrauch des heranwachsenden Billy durch die katholische Kirche, in deren Waisenheim er schutzlos den perfiden „Erziehungsmethoden“ der sadistischen Mutter Oberin ausgesetzt ist. Wenn Billy zu einem gutaussehenden, muskulösen jungen Mann herangewachsen ist, wird es nicht viel besser. Trotz seiner offensichtlichen Weihnachtsmann-Phobie zwingt ihn sein Chef in das Kostüm des Kinderbeschenkers und löst damit eine todbringende Psychose in Billy aus – die schließlich allen Anwesenden bei der Weihnachtsfeier des kleinen, schmierigen Spielzeugladens den Tod bringt.

Von da ab folgt „Stille Nacht, Horror Nacht“ konventionellen Slasher-Mustern, lässt Billy zu einer bestialischen Horrorfigur werden, die ständig die Sünder bestrafen will. Allerdings hat sich Regisseur Charles E. Sellier Jr. einen interessanten Kniff ausgedacht, um die Geschichte doch noch auf Pfade abseits der maskierten Buhmänner Jason oder Michael zu bringen. Er lässt Billy quasi mit offenem Visier morden. Statt sein Gesicht hinter einem gewaltigen weißen Bart zu verstecken, sieht man die ganze Zeit über Billys kindlich-gutaussehendes Bubi-Gesicht, welches einen immer wieder an den armen, am Anfang noch ganz süßen Jungen erinnert, dessen Seele mit Gewalt so weit verbogen wurde, dass er nun mit einer Axt durch die Gegend läuft und sündige Mitmenschen bestraft.

Sein Amoklauf in dieser zweiten Hälfte ist zwar wie gesagt genre-konventionell, aber recht kreativ umgesetzt. Gerade die Szene in der die zukünftige Scream-Queen Linnea Quigley ungute Bekanntschaft mit einem Hirschgeweih macht, dürfte – nicht nur aufgrund von Frau Quigleys herausstechenden Merkmalen – lange im Gedächtnis bleiben. Die beste Szene ist allerdings ganz unblutig. Billy trifft auf die kleine Schwester eines Opfers und fragt sie, ob sie denn das ganz Jahr über brav gewesen sei. Das kleine Mädchen bejaht dies und kann Billy von ihrer „Unschuld“ überzeugen. Billy – der ja die Rolle des Weihnachtsmannes einnimmt – ist nun in der für ihn ungewöhnlichen Situation, nicht brutal zu strafen – sondern Geschenke verteilen zu müssen. Woraufhin er dem Mädchen gütig das Einzige schenkt, was er gerade zur Hand hat: Ein mit Blut verklebtes Cuttermesser. Das verdatterte Gesicht des Mädchens und das zufrieden Antlitz Billys ist einerseits voller rabenschwarzen Humors, andererseits auch ebenso bedrohlich, wie traurig.

Wenn der Film am Ende dann Billy auch noch seiner „gerechten Rache“ beraubt, dann hat man es – trotz allem grimmigen Humors, welcher den Film auch auszeichnet – mit einer lupenreinen Tragödie zu tun und es darf ruhig ein kleiner Kloß im Hals bleiben. Dieses konsequente Ende hilft dem Film auch über einige Schwächen und die schrecklichen 80er Weihnachts-Rocksongs hinweg.

Wie bei den vorherigen Folgen der Reihe „Der phantastische Film“ kann man Anolis wieder zu einer hervorragenden Veröffentlichung gratulieren. „Stille Nacht, Horror Nacht“ läßt keine Wünsche offen. Zu sehen bekommt man die ungekürzte Fassung. Da die einst herausgeschnittenen Szenen nicht mehr als Negativ vorlagen, wurden sie aus einer anderen Quelle wieder in den Film eingefügt. Das kennt man ja aus eher zweifelhaften Veröffentlichungen anderer, weniger seriöser Labels, wenn plötzlich das zuvor gute plötzlich in grauenhafte, bereits 5x kopierte VHS-Qualität gibt. Nicht so bei Anolis! Die eingefügten Szenen unterscheiden sich von der Bildqualität kaum von dem brillanten HD-Bild, welches direkt vom Negativ abgenommen wurde und würde wohl kaum auffallen, wenn man nicht darauf achtet. Und wenn das trotzdem stört, der kann ja zur 3 Minuten kürzeren R-Rated-Fassung greifen, die ebenfalls auf dieser Scheibe enthalten ist, Auch die Extras sind wieder einmal sehr umfangreich und informativ. So kann man zwischen zwei Audiokommentaren wählen. Einmal mit Justin Beahm, Brian Wilson und Scott J. Schneid, sowie einen Tonspur mit Michael Hickey, Perry Botkin, Michael Spence und nochmals Scott J. Schneid. Ferner befinden sich in den Extras ein 22-minütiges Interview mit Linnea Quigley in dem sie unter dem Titel „Oh Deer!“ über die Dreharbeiten zu „Stille Nacht, Horror Nacht“ spricht. Die sehr informative Doku „Slay Bells Ring“ – The Story Of Silent Night, Deadly Night“ geht 45 Minuten und es gibt noch einen 10-minütigen Vergleich der „Filming Locations – Damals und heute“. Ebenso aufschlussreich, wie erheiternd sind die Texttafeln auf denen die „Kontroversen und Kritiken“ zu lesen sind. Abgerundet wird dies alles noch vom US-Trailer, Werbespots und einer Bildergalerie. Nicht vergessen sollte man das 24-seitigem Booklet geschrieben von dem mir bisher unbekannten Jonas Hoppe.

Das Bloggen der Anderen (11-03-19)

Von , 11. März 2019 17:48

– Es gibt ein neues Filmfestival. Und zwar in Jena. Es nennt sich „Paradies-Filmfestival“ , fand letzten Oktober statt und laut david von Whoknows presents haben „die beiden Veranstalter für das Programm ihre jeweiligen Vorlieben zusammengelegt, um ein Festival zusammen zu machen: italienisches Genre-Kino und vergessene DEFA-Filme“. Klingt wild – nach davids sehr ausführlichem Bericht (den man fast so lange liest wie so ein Festival dauert) ist man aber überzeugt und kann Jena durchaus mal für dieses Jahr ins Auge fassen.

– Auf Revolver hat der Autor Franz einige Gedanken zum Kino, Monoperspektiven im Film und akademische Klassengesellschaften gemacht.

– Rüdiger Suchsland rechnet auf out takes mit dem neuen Populismus in der deutschen Filmdebatte ab. Dabei geht es um Filmförderung und dem scheinheiligen „Argument der Publikumszufriedenheit“.  Und noch nachgetragen: Auf artechock.de hat Rüdiger Suchsland letzte Woche einen Nachruf auf Stanley Donen verfasst, der mir durch die Lappen gegangen war, da Artechock keinen RSS-Feed nutzt.

– Erinnerungen Teil 1: Ich stamme aus einer Familie von Western-Liebhabern. Mein Opa, mein Vater, meine beiden Onkel väterlicherseits – die Kochs hatten immer ein Herz für den Western. Und das war auch etwas, was uns immer verband. Mein Onkel mochte mal liebsten Western mit James Stewart (und mein anderer Onkel hatte sogar leichte Ähnlichkeit mit Jimmy). So war „Winchester 73“ ein in unserer Familie wohlbekannter Film, den ich immer mit diesen leider mittlerweile alle bereits verstorbenen Menschen verbinde. Dirk Ottelübbert hat „Winchster 73“ ausführlich für Die Nacht der lebenden Texte besprochen.

– Erinnerungen Teil 2: Ich erinnere mich tatsächlich noch daran, dass ich Richard Brooks „Die gefürchteten Vier“ zusammen mit meinem Vater sah und er mich darauf aufmerksam machte, dass in Western die Verfolgten immer total erschöpft und am Ende aussehen, die Verfolger aber immer ausgeruht und frisch, obwohl sie doch dieselbe Strecke zurücklegen und die Verfolger auch schneller reiten. „Die vier Gefurchten“ haben wir aber trotzdem beide sehr gemocht. Schön, dass auch funxton ihm 10/10 Punkten gibt.

– Gar nicht gut fand ich übrigens „Nackt unter Leder“ und freue mich, dass Sebastian von Nischenkino in seiner Besprechung so gut ausdrückt, was auch ich an dem Film alles falsch finde.

– Zombie-Time bei Schlombies Filmbesprechungen: Von „Night of the Living Dead“ über „Zombie“ zu „Zombi 2“ – mit einer kleinen Exkursion zu „Die Rückkehr der Zombies“. Hier sind wir uns im Großen und Ganzen mal einig.

– André Malberg hat auf Eskalierende Träume einen sehr schön Text über Joe D’Amatos für die richtigen Gründe sträflich unterschätzten (oder für die falschen Gründe überschätzten – wie man das sehen möchte) „Buio Omega“ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

– Artjom Tom Klester, auch genannt Eule, hat sich auf Schritte Richtung Film (ehemals Das Tagebuch der Eule) mit František Vláčil wundervollen „Marketa Lazarová“ auseinandergesetzt.

– Noch nie was von gehört, scheint aber laut Oliver Nöding auf Remember It For Later durchaus einen Blick wert zu sein: die RomCom-Parodie „They Came Together“ von David Wain.

– Eigentlich sind mir die beiden Texte viel zu kurz, um sie hier zu verlinken, aber wenn Safrow schreibt: „Die Bilder von Pawlikowskis Cold War verfolgen mich noch immer. Der Film ist wahrscheinlich mein Film des Kinojahres 2018“, dann mache ich eine Ausnahme.

– Heiko Hartman hat auf Allesglotzer dem erfolgreichsten Anime aller Zeiten, Makoto Shinkais „Your Name.“ ,auch einige kritische Worte anzumerken.

DVD-Rezension: „Liebelei“ & „Lola Montez“

Von , 7. März 2019 09:20

In der wunderbaren Schatztruhe der Edition Filmmuseum sind Ende letzten Jahres als Doppel-DVD zwei Filme des großen Max Ophüls erschienen. Trotz Ophüls Status als einer der großen Meister der Filmkunst, sind dies tatsächlich hierzulande die ersten digitalen Veröffentlichungen seiner Filme. Die Ausgabe 99 der Edition Filmmuseum enthält zwei seiner wichtigsten Filme. Zum einen sein letzter vor seiner Flucht nach Frankreich noch in Deutschland gedrehter Film „Liebelei“ von 1933. Zum anderen sein letztes Werk, den damals teuersten deutschen Film der Nachkriegszeit: „Lola Montez“.

„Liebelei“ beruht auf einem Bühnenstück von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1895. Die Geschichte spielt in der KuK-Zeit in Wien. Ein junger Leutnant Fritz hat eine Affäre mit einer Baronin. Sein bester Kumpel Theodor ein Oberleutnant lernt die flotte und burschikose Mitzi kennen und verkuppelt Fritz mit deren süßen Freundin Christine (Magda Schneider – deren Tochter Romy dieselbe Rolle 25 Jahre später an der Seite von Herrn Delon als Fritz spielen sollte). Zwischen Fritz und Christine kommt es zur großen Liebe, die allerdings äußerst tragisch endet, wenn der Baron (Gründgens!) hinter die ehemalige Affäre zwischen Fritz und seiner Frau kommt. Ophüls schuf mit „Liebelei“ ein beeindruckendes Melodram, welches einerseits den tragischen Konventionen folgt, andererseits in der Inszenierung auch mit den Standards bricht. So schwenkt Ophüls den Fokus oftmals weg von den Höhepunkten und konzentriert sich stattdessen auf deren Folgen. So wird zu Beginn in der Oper nicht das Stück selber gezeigt, sondern die Aufmerksamkeit der Kamera konzentriert sich auf den Bühnenmeister in den Kulissen und das Publikum im Saal. Kurz darauf tritt der österreichische Kaiser auf. Doch auch dieser – gewiss pompöse – Auftritt, der förmlich danach schreit in den Mittelpunkt der Inszenierung gestellt zu werden, wird von Ophüls nicht gezeigt. Dafür aber die Reaktionen der übrigen Theatergäste und Kleinigkeiten die später wichtig werden. Wie das herabfallende Opernglas und wie der Vorgesetzte Theos sich kopfschüttelnd Notizen macht.

Eigentlich ist in dieser kurzen Szene schon das ganze Drama, welches sich später zutragen soll, schon angelegt, alle Figuren in Stellung gebracht. Die kecke Mitzi die eher verträumte Christine, deren unterschiedliches Temperament das Opernglas zum Fall bringen, womit die Handlung in Gang gesetzt wird. Fritz, der den Baron Egersdorf beobachtet, um im richtigen Moment zu dessen Gattin zu schleichen, womit er ohne es zu Wissen sein Schicksal besiegelt und der Baron, dessen Misstrauen, Eifersucht und verletzter Stolz deutlich zu sehen sind, wenn er Fritz eilig folgt. So sind alle wichtigen Figuren vor Ort und ihre Handlungen hier sind die Fäden, die zum traurigen Ende der Geschichte führen. Wenn interessiert da schon ein Kaiser? Auch später nutzt Ophüls diese Technik, dass er das erwartbare, das offensichtliche eben nicht zeigt. Beim fatalen Duell zwischen Fritz und dem Baron, verharrt er bei Theo und Mitzi, die zunächst hoffnungsvoll, dann immer entsetzter auf den zweiten Schuss warten, was auch die Nerven des Zuschauers an den Anschlag bringt. Hauptfiguren des Stückes sind Fritz und Christine, und Ophüls findet wundervoll zärtliche Szenen für sie. Wie den ersten, zögerlichen Tanz in einem leeren Bierhaus, bei dem die Kamera sie zärtlich umschmeichelt und die kleinen Funken der Liebe einfängt. Das Herz des Filmes schlägt aber mit dem zweiten Paar: Die umwerfende Luise Ullrich ist als Mitzi, so lebendig und selbstbewusst, dass man mit ihr sofort Pferde stehlen möchte. Mit Theodor bildet sie quirliges Paar, welches an die US-Screwball-Komödien der 30er und 40er erinnert. Hier beeindruckt die Entwicklung Theodors vom selbstverliebten Hallodri zum reflektierenden Menschen, der sich in einer der stärksten Szenen gegen seinen Vorgesetzten auflehnt, das sinnlose Töten auf das Schärfste verurteilt und als Konsequenz für seine Überzeugungen aus seinem geliebten Armeedienst austritt, welcher ihm bis dahin seine Stellung garantiert hat.

Als zweiten Film beinhaltet diese Ausgabe Ophüls ersten Farbfilm und zugleich sein letztes Werk vor seinem Tod 1957. „Lola Montez“ erzählt die Geschichte der berühmten Mätresse, die für die Vielzahl ihrer berühmten und weniger berühmten Liebhaber berüchtigt war. Zu diesen zählen Franz Liszt, Frederic Chopin, Alexandre Dumas und König Ludwig I. von Bayern. Wenn wir Lola das erste Mal begegnen ist von ihrem Glanz nicht viel übriggeblieben. In einem amerikanischen Zirkus verdingt sie sich als Hauptattraktion. Unter der Leitung eines zynischen Zeremonienmeisters – brillant gespielt von Peter Ustinov – , der gleichzeitig ihr letzter Liebhaber ist, werden Stationen ihres Lebens aufgeführt und das skandalsüchtige Publikum immer wieder aufgehetzt. Ophüls gelingt es in diese Zirkusszenen, welche in ihrer surrealistischen Stimmung (es kommt einen in den Sinn, dass dies der Zirkus sein muss, den Kafka am Ende seines Romans „Der Verlorene“ beschreibt) einen Sog zu inszenieren, der den Zuschauer hineinzieht in eine seltsam-unwirkliche Welt. Nie sieht man die Zuschauer, die nur als Schatten oder graue Masse am Rande des Bildes wahrzunehmen sind. Man spürt, dass sie da sind, man hört sie – aber man sieht sie nie richtig. In der Manage tummeln sich seltsame Gestalten, wie die wie Liftjungen (noch eine Anspielung an „Der Verlorene“?) gekleidete Wesen, deren Gesichter von rotem Stoff verdeckt sind, und der Körper wie die Halbwüchsiger – ihre Stimmen aber wie die alter Männer erscheinen. Ophüls schwelgt in ebenso komplizierten, wie schwerelosen Kamerafahrten und taucht seine Bühne in kräftige Primärfarben. Rot und Grün dominieren, ebenso wie kräftige Schatten. Man fühlt sich unweigerlich an Mario Bavas durchkomponierte Farbexzesse ein Jahrzehnt später erinnert.

Die hier gnadenlos zur Schau gestellten Momente aus Lolas Leben führen zu Rückblenden auf das was wirkliche (?) geschah. Es beginnt mit einer Kutschenfahrt mit Franz Liszt (ein junger Will Quadflieg), welcher bemerkt, dass er nur eines von Lolas‘ Abenteuern ist, sich von ihr trennen will, doch dann wieder ihrem Charme und ihrer Schönheit verfällt. Darauf folgen Szenen aus Lolas Kindheit, ihre Ehe mit dem ehemaligen Geliebten ihrer Mutter (Ivan Destny). Wie in „Liebelei“ arbeitet Ophüls hier mit Auslassungen. Man muss nicht sehen, dass der alkoholsüchtige, unbeherrschte Leutnant James Lola misshandelt. Die Bedrohung liegt in der Luft und wenn er sie bei einem Fluchtversuch an der Tür stellt und wir nur noch kurz die Schatten der Beiden sehen, wissen wir doch sehr genau, wie Lola leiden muss. Später gibt es eine wundervolle Szene, rund um die (historisch verbürgte) „Busenprobe“, als sich Lola – zum Beweise, dass sie „gut gebaut“ ist – das Kleid vom Oberkörper reißt. Dies wird dem Zuschauer nur im Ansatz gezeigt, dann ertönt schon der Ruf nach Nadel und faden, woraufhin die Lakaien durch das riesige, beeindruckende Schloss eilen.

Überhaupt die Ausstattung. Hier hat Ophüls an nichts gespart. Jede Szene ist ein Fest für die Augen und man entdeckt an allen Ecken und Enden stetig neue Details, an denen man sich nicht satt sehen kann. Martine Carol als Lola Montez ist keine beeindruckende Schauspielerin. Das Drehbuch gibt ihr aber auch nicht viel mehr zu tun als einfach schön zu sein und die Männer um die Finger zu wickeln. Weder Martine Carol noch ihre Figur Lola besitzen übermäßig viel Tiefe. Diese erhält sie mehr durch die Männer, die sie um schwirren und ihre Sehnsüchte und Neugier in sie projizieren. Insbesondere der fantastische Adolf Wohlbrück als weiß hier zu glänzen und seinen Ludwig I. ganz nebenbei mit kleinen Gesten und Schrullen eine Lebendigkeit zu verleihen, die dann auch auf die schöne Leinwand Lola übergeht. Am Ende steht dann ein surreales Albtraumbild, welches man sich auch bei Jodorowsky oder Arabal vorstellen kann. Lola in einem Käfig, vor ihr eine schier unendliche Schlange von Männern, die einen Dollar dafür zahlen, um ihr die Hand zu küssen. Zwar enthält sich Ophüls – wohl auch der Zeit geschuldet – jeder Drastik, die diese höchst deprimierende Szene bieten könnte, doch irgendwie wird man bei diesem traurigen Bild heutzutage den Gedanken eines gewaltigen Gangbangs nicht mehr los.

Die Doppel-DVD aus dem Hause Edition Filmmuseum beinhaltet auf der ersten DVD den Film „Liebelei“, sowie die sehr interessante, 90-minütige Dokumentation von 1990 mit dem Titel: „Max Ophüls – Den schönen guten Waren“ von Martina Müller, bei der viele, damals noch lebende Weggefährten Ophüls‘ zu Worte kommen. Auf der „Lola Montez“ befindet sich ein fast 2-stündiger Vergleich der unterschiedlichen Versionen und Fassungen von „Lola Montez“, der für die deutsche, die französische und englische Export-Fassung teilweise ganz anders geschnitten wurde und auch jeweils anderer Einstellungen und Szenen aufweist. Des weiteren beinhaltet die DVD noch eine 3-minütige Aufnahme des „Liedes von Lola Montez“ von Ophüls selbst gesungen, sowie ein einstündiges Hörspiel von Max Ophüls mit dem Titel „Gedanken über Film – Eine Improvisation“, welches er 1956 für den Hessischen Rundfunk aufnahm und bei dem neben Ophüls u.a. auch Friedrich Schönfelder beteiligt war. In einem umfangreichen CD-ROM-Teil findet man noch viele weitere Texte zu beiden Filmen, das „Lola Montez“-Arbeitsdrehbuch von Produktionsassistent Werner Roeder, Alben mit den Pressefotos, Pressehefte, Aushangfotos, einen Vortrag von Ophüls und einiges mehr. Nicht zu vergessen auch das 20-seitige, kleingeschriebene Booklet, welches ebenfalls hochinteressante Texte zu „Liebelei“ und „Lola Montez“ von Martina Müller und Stefan Drössler. Auf Seiten der Extras und der Möglichkeit sich vertiefend mit Ophüls und beiden Werken zu beschäftigen gibt es also nichts zu meckern. Wie sieht es mit der Qualität der Filme aus? Ton- und Bild-technisch gibt es noch Luft nach oben. Besonders in Hinblick auf das Bild muss man sagen, dass es keine Katastrophe ist, allerdings auch besser geht. Man sollte hier keine neu-restaurierten Fassungen erwarten. „Liebelei“ ist okay bis gut. Ab und zu kommt es zu geringfügigen Helligkeitsschwankungen und Kratzern. Der Ton klingt sehr nach 30er, ist aber verständlich. Bei „Lola Montez“ gibt es wiederum am Ton nichts auszusetzen, dafür wünscht man sich beim Bild von ganzem Herzen eine Restaurierung und 4K-Abtastung, damit es in all den von Ophüls gewollten Farben schimmern kann. So wirken die Farben teilweise etwas dumpf und könnten mehr Intensität vertragen. Auch schwankt die Bildqualität zwischen geht so und gut, was sicherlich auf die verschiedenen Quellen zurückzuführen ist, die benötigt wurden, um Premierenfassung zu rekonstruieren, wofür verschiedenen Bildnegative und Tonspuren aus dem Münchner Filmmuseum und der Luxemburger Kinemathek genutzt wurden. So oder so: Die Doppel-DVD der Edition Filmmuseum ist ein Pflichtkauf für alle Filmbegeisterten.

Das Bloggen der Anderen (04-03-19)

Von , 4. März 2019 17:22

– Einen der, wie ich finde, interessantesten und wichtigsten Artikel der letzten Zeit findet man auf critic.de. Dort hat Lukas Foerster über ein Thema geschrieben, welches ich nicht nur hochspannend finde, sondern von dem ich auch glaube, dass es nicht nur jetzt schon eine große Relevanz hat, sondern dass diese auch noch wachsen wird. „Videopiraterie“ als alternative Filmarchive und Rettung der Filmgeschichte. Wobei ich in einem Punkt nicht zustimmen kann: „Die betreffenden Websites werden dabei zumeist (und dabei wird es auch hier bleiben) nicht per URL identifiziert. Allerdings nicht, weil niemand die Namen kennen würde. Fast im Gegenteil: Eben weil fast alle irgendwie in sie verwickelt sind, muss die Sache anonym bleiben. Denn auch wer nicht selbst Mitglied ist, kennt jemanden, der es ist und der oder die im Zweifelsfall schnell Film x oder Serie y besorgen könnte.“ Das ist wohl doch stark die Perspektive eines Insiders. Denn obwohl ich viele Leute kenne, die sich intensiv mit Film beschäftigen, kenne ich in der Tat weder eine der hier angesprochenen URLs, noch jemanden, der sie kennt.

– Paul Katzenberger schreibt auf kino-zeit.de über die große Zeit der DEFA-Western.

Neon Zombie macht sich Gedanken darüber, ob eine von Brie Larson getätigte Aussage über „männliche, weiße Kritiker um die 40“ dazu geführt haben könnte, dass ihr bald anlaufender Film „Captain Marvel“ ganz schlechte Vorabeinschätzungen bekam.

Der Kinogänger war – zumindest in meinem Blickfeld – der Einzige, der einen Nachruf auf den großen Stanley Donen verfasste. Außerdem: eine Übersicht darüber, was demnächst im Kino anläuft.

– Noch nicht gesehen, steht aber auf der „Watch-List“, weil ich mich generell mal mit dem großen Blonden aus dem Norden befassen wollte: Dolph Lundgren in „Dark Angel“. Besprochen von Heiko Hartmann auf Allesglotzer.

Funxton hat in der letzten Woche über so viele filme geschrieben, dass eine Auswahl schwer fällt. Darum verlinke ich hier mal die längsten Besprechungen: Über „Die drei Amigos“ (ein absoluter Kultfilm zu meiner Schulzeit – lange nicht gesehen), Roger Fritz‘„Frankfurt Kaiserstrasse“ und den neusten Streich der Coen-Brothers „The Ballad Of Buster Scruggs“ der auf Netflix auch noch darauf wartet, gesehen zu werden.

– Ich glaube, „Squirm – Invasion der Bestien“ habe ich vor Urzeiten mal aus einer jener Videotheken ausgeliehen, die es schon lange, lange nicht mehr gibt. Erinnerungen habe ich aber kaum. Da hilft eine Auffrischung bei Die Nacht der lebenden Texte, wo sich Leonhard Elias Lemke des Filmes angenommen hat.

– André Malberg bringt mich auf Eskalierende Träume in Schwierigkeiten, da ich hier eigentlich nur „deutschsprachige“ Filmblogs verlinke, sein Text aber wieder auf Englisch ist. Okay, bei einem langen und tiefgehenden Text über ein obskures Werk von Roberta Findlay ziehe ich mich mal darauf zurück, dass immerhin der Blog aus dem deutschsprachigen Lande stammt.

Filmbuch-Rezension: Henning Engelke “Metaphern einer anderen Filmgeschichte“

Von , 3. März 2019 14:09

Ich wage einfach einmal eine Unterstellung: Auch eingefleischte Filmfans sind sich nicht bewusst darüber, dass es neben dem klassischen Hollywood und den kleinen unabhängigen B-Picture-Lieferanten in den 40er und 50er Jahren in den USA noch eine ganz andere, reiche Filmwelt gab. Die Welt des Experimentalfilms mit Protagonisten wie Kenneth Anger, Maya Deren, Jonas Mekas, Brakhage um nur mal diejenigen zu nennen, die noch am Ehesten einem größeren Publikum bekannt sind.

Wie groß und einflussreich diese ausgesprochen fruchtbare Szene mit ihren verschiedenen Strömungen war, dürfte trotzdem viele überraschen. Die Filmemacher verstanden sich als Künstler, die statt Leinwand oder Stein, das neue Medium Film nutzten, um ihre Werke zu gestalten. Und wie in jeder Künstlerszene gab es hier verschiedene Richtungen, Dogmen, Streitigkeiten und Zirkel. Manche Künstler filmten im Stillen vor sich hin, andere versuchten eine Bewegung ins Leben zu rufen. Manche glaubten Regeln aufstellen zu müssen, anderer scherten sich keinen Deut darum. Es war tatsächlich eine „andere Filmgeschichte“, die sich hier abspielte. Eine, die in der Regel keine Schnittmengen zum „Unterhaltungsfilmbetrieb“ aufwies. Allein Curtis Harrington – ein Weggefährte Kenneth Angers – machte „zur anderen Seite“ rüber und drehte in den 60er und 70er einige bemerkenswert seltsame Horrorfilme und Psychothriller, die in ihren besten und merkwürdigsten Momenten an seine Vergangenheit als Experimentalfilmer erinnerten.

Dem Kunsthistoriker und Filmwissenschaftler Henning Engelke gebührt die Ehre mit seinem Buch „Metaphern einer anderen Filmgeschichte“ vielleicht DAS deutsche Standardwerk zum amerikanischen Experimentalfilm zwischen 1940 und 1960 geschrieben zu haben. In seinem 576 (nicht 480, wie vom Verlag angegeben) Seiten starken Werk beleuchtet er diese Jahre aus den verschiedensten Blickwinkeln, stellt die Filmemacher vor, untersucht eingehend repräsentative Arbeiten und verschafft seinen Leser so einen umfassenden Überblick über die damalige Experimentalfilm-Szene, ihre Bedeutung, ihre Strömungen und ihre Geschichte. „Metaphern einer anderen Filmgeschichte“ ist eine Habilitationsschrift, die an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main entstanden ist. Trotzdem versteigt sich Engelke dabei nicht in allzu akademische Begrifflichkeiten, sondern breitet auf angenehm lesbare und trotzdem anspruchsvolle Weise die Fakten aus.

Das klingt nun sehr nüchtern, doch trotz des sehr sachlichen Stiles ist man fasziniert von dieser sehr komplexen alternativen Filmgeschichte, von seinen Hauptfiguren und den Filmen, die damals geschaffen wurden. Ja, von dieser „ Art that never was“, wie Engelke seine Einführung überschrieben hat. So bleibt nach der sehr anregenden Lektüre dieses sehr dicken und gut bebilderten Buches – welches jetzt schon zu meinen Lieblingen aus den letzten Jahren zählt – eigentlich nur noch eine Frage offen: Wo kann ich all diese faszinierenden Filmen sehen (und wann)?

Henning Engelke „Metaphern einer anderen Filmgeschichte – Amerikanischer Experimentalfilm 1940-1960“, Schüren Verlag, 576 Seiten, € 48,00.

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