Blu-ray-Rezension: „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“

Von , 11. Dezember 2018 06:32

New York. Vier schnauzbärtige Männer gekleidet mit Mantel, Hut und Brille besteigen die U-Bahn der Linie 6. Während der Fahrt zücken Mr. Blue (Robert Shaw), Mr. Grey (Hector Elizondo), Mr. Green (Martin Balsam) und Mr. Brown (Earl Hindman) plötzlich ihre Waffen und teilen den geschockten Fahrgästen mit, dass sie die U-Bahn entführt haben. Sie verlangen eine Million Dollar Lösegeld. Wenn dieses nicht innerhalb einer Stunde gezahlt wird, werden sie jede weitere Minute eine der 17 Geiseln erschießen. Lieutenant Garber (Walter Matthau) von der U-Bahn-Polizei versucht alles, um das Leben der Geiseln zu retten. Doch schon bald gibt es den ersten Toten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Solche Filme werden heute nicht mehr gedreht. Zumindest nicht in Hollywood und mit einer derart hochkarätigen Besetzung. Joseph Sargents „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ ist ein Meisterwerk der Effektivität. Der Film lebt nicht von großen und spektakulären set pieces – die im deutschen Titel angesprochene Todesfahrt einmal ausgenommen, wobei diese auch eher unspektakulär endet – , sondern von seinen Figuren und der realistischen Darstellung wie eine solche Entführung vonstatten gehen und sich jeder einzelne dabei verhalten würde. Von dem großen Räderwerk, welches in Bewegung gesetzt wird und dem Zuschauer kaum Zeit zum Atmen gibt. Dies mit ruhiger und sicherer Hand zu inszenieren ist der große Verdienst des Regisseurs Joseph Sargent, der vor allem im Fernsehen tätig war und seine Karriere leider mit dem völlig an der Zielgruppe vorbei inszenierten Reife-Leute-Liebesdrama „Der weiße Hai 4 – Die Abrechnung“ abschloss.

„Stoppt die Todesfahrt“ atmet zu jedem Moment eine ganze Menge Lokal- und Zeitkolorit. Sei es Walter Matthaus unfassbar psychedelisches Hemd oder die Graffiti-verschmierte U-Bahn. Heute auch undenkbar: Die Dialoge der „kleinen Leute“, die vor Sexismus, Homophopie und latentem Rassismus nur so triefen. Sich dadurch aber tatsächlich real anfühlen. Denn solch ein rauer Ton herrschte damals (man denke nur daran, womit ein Rainer Brandt in seinen Spaß-Synchros in den 70ern durchgekommen ist – und die Leute fanden das tatsächlich einfach nur lustig). Nur rückblickend zuckt man hier und da schon ziemlich zusammen. Schön, dass sich die Zeiten weiterentwickelt haben, wobei ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass bei der U-Bahn-Polizei und den Schalthebel-Bedienern nicht immer noch so gesprochen wird. Besonders fällt dies bei Walter Matthau auf, der mit müden Bulldogen-Gesicht den Chef der Bahn-Polizei gibt. Die verräterischste Szene ist jene, in der er eine Gruppe Japaner herumführen soll und sie im Glauben, sie könnten ihn eh nicht verstehen, mit rassistischen Bemerkungen überzieht. Wenn sich am Ende auflöst, dass die Japaner sehr wohl jedes Wort verstanden haben, war das 1974 vielleicht als Gag gemeint, heute ist es vor allem das interesselose Schulterzucken Matthaus, welches seinen Charakter perfekt charakterisiert. Ein Profi, dem egal ist, wie er wahrgenommen wird und der sich nicht um Sympathie oder Karriere kümmert, sondern einfach seinen Job macht. Weil es das ist, was er kann und was er bereits sein Leben lang getan hat. Auch im Dialog mit den Entführern hat man das Gefühl, dass es ihm weniger um die Geiseln geht, als dass er viel mehr genervt ist, dass jemand seinen schönen U-Bahnbetrieb so massiv stört und ihm den Tag vermiest.

Unterstützt wird Matthau von einer ganzen Reihe hervorragender Charakterdarsteller. Neben dem immer zuverlässigen Jerry Stiller, der hier als Matthaus ebenso zynischer, wie zuverlässiger Partner fungiert, sind das Leute wie Dick O’Neill als Verantwortlicher für den U-Bahnbetrieb und Tom Pedi als Stellwerk-Chef. Vor allem auf den Seiten der Bösen schöpft Sargent aus dem Vollen. Allen voran mit dem großartigen Vollblut-Schauspieler und Charakterkopf Robert Shaw, der in seiner leider viel zu kurzen Filmkarriere, die 1978 durch seinen Tod allzu plötzlich beendet wurde, ein ausgesprochen gutes Händchen für seine Rollen besaß. Sein Mr. Blue mit stark britischen Akzent, absoluter Ruhe und Kontrolle, einer unglaublichen Präsenz und Überlegenheit ist eine der ganz starken Gangsterrollen der 70er Jahre. Neben ihn können Martin Balsam als Mr. Green, Hector Elizondo als Mr. Grey und Earl Hindman („Wilson“ aus „Hör mal wer da hämmert“, der ironischerweise auch hier aufgrund seiner Verkleidung mit Schnauzer, Hut und Brille kaum zu erkennen ist) als Mr. Brown allerdings bestehen. Insbesondere Balsam spielt den eher besonnenen, abgeklärten und dabei stets auch ein wenig resigniert wirkenden Mr. Green erinnerungswürdig. Und Hector Elizondo schafft es als stets unberechenbare Gefahr ausstrahlender Mr. Grey nach lange im Gedächtnis zu bleiben.

„Stoppt die Todesfahrt“ hat weniger mit den Cop-Thrillern der 70er zu tun, zeigt keine einsamen, harte Hunde – sondern lediglich Beamte, die ihren Job tun. Sogar die Gangster haben etwas beamten-mäßiges und wirken jederzeit überlegt und eiskalt. Aber eben nicht psychotisch (selbst Hector Elizondo als „der Typ, der bei der Mafia wegen Unberechenbarkeit raus geflogen ist“) verhält sich im Vergleich zu ähnlichen Figuren in anderen Filmen noch halbwegs professionell. Von der ganzen Stimmung, der Nähe zu den Figuren und dem fast schon dokumentarischen Ansatz her, kann man ihn vielleicht am ehesten mit Sidney Lumets Meisterwerk „Hundstage“ vergleichen. Wo ebenfalls sehr konzentriert der Ablauf einer Geiselnahme, die Mechanismen/Automatismen seitens der Staatsgewalt und der psychologische Druck, der auf allen lastet, untersucht werden.

Ein perfekter, mordsmäßig spannender Thriller, der es gar nicht nötig hat, kräftig auf die Kacke zu hauen und übermäßig viel Lärm zu machen. Unterstützt vom kongenialen, funkigen Soundtrack von David Shire läuft der Film unaufhaltsam voran, wie eine immer schneller werdende U-Bahn.

Das Mediabook von OFDb-Filmworks sieht gut aus und präsentiert den Film in Bestform. Das Bild ist tadellos. Scharf und selbst in den dunklen Szenen im U-Bahnschacht ist alles perfekt zu erkennen. Dabei wurde das Bild auch nicht todgefiltert, sondern wirkt körnig-filmisch. Auch der Ton ist sehr klar und gut zu verstehen. Ein besonderes Lob geht an OFDb Filmworks dafür, dass sie für diese Veröffentlichung drei exklusive Features produziert haben. Einmal ein 16-minütiges Interview mit Hector Elizondo mit dem Titel „Shades of Grey“, sowie „Above and Below“ (13 Minuten), indem Kameramann Owen Roizman zu Wort kommt. „Taking the Ride“ (7 Minuten) zeigt einen Vergleich der Drehorte damals und heute. Eine isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist David Shire, die „Trailers From Hell“-Ausgabe des Filmes und eine große Bildgalerie runden die Extras ab. Dazu kommt noch ein 16seitiges Booklet mit einem Essay von Torsten Hanisch.

Das Bloggen der Anderen (10-12-18)

Von , 10. Dezember 2018 17:20

– Die Filmlöwin unterhält sich mit den Macherinnen hinter „FURORA – Das Berliner Festival für junge Filmemacherinnen“.

– Jamal Tuschick hat für Hard Sensations den Dokumentarfilm „Piripkura – Die Suche nach den Letzten ihres Stammes“ gesehen, der ihn nachdenklich gemacht hat.

– Flo Lieb schreibt auf symparanekronemoi über den russischen Film „Loveless“ von Andrey Zvyagintsev.

– Sebastian Schwittay hat seine Schreibpause auf Odd & Excluded nach fast 1,5 Jahren endlich beendet und sich für seine Rückkehr „Mandy“ von Panos Cosmatos vorgenommen.

– Auch funxton hat „Mandy“ gesehen – und obwohl er ihm nicht den Status des Meisterwerks zukommen lassen möchte, hält er ihn doch für „einen guten, ambitionierten, kleinen Schweinehund von einem Film“.

– Andreas Eckenfels widmet sich auf Die Nacht der lebenden Texte „Under the Silver Lake“, den er eher zwiespältig sieht.

„Under the Silver Lake“ ist auch das Thema von Thomas Ressel auf Daumenkino. Allerdings ist auch er nicht besonders überzeugt.

„Die Schönste Frau“ ist ein Film von Damiano Damiani aus dem Jahr 1970. Sebastian von Nischenkino wurde von diesem Melodram des Mafia-Spezialisten ziemlich überrascht.

– Mehr Italien. Viel mehr Italien! Schattenlichter präsentiert einen Bericht vom Festival des italienischen Giallo-Films, welches vom 23.-25. November 2018 im KommKino Nürnberg stattfand.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later, dass er das Prinzip des Italowestern mehr schätze als seine konkreten Vertreter. Auch „Navajo Joe“ von Sergio Corbucci ließ ihn (leider) recht kalt. Mehr Spaß hatte er beim Billigheimer „Das tödliche Duell der Shaolin“.

– Christian von Schlombies Filmbesprechungen wird mir sicherlich nicht widersprechen: Die Miss-Marple-Filme mit Magarete Rutherford eigenen sich irgendwie wunderbar zur Vorweihnachtszeit. Besprochen hat er Film 3 („Vier Frauen und ein Mord“) und 4 („Mörder, Ahoi!“).

– Zwei Ausnahmen im „Bloggen der Anderen“ dank critic.de: Ein langer englischsprachiger Artikel mit acht Filmbesprechungen durch die Nigerianischen Teilnehmer eines Workshops des Goethe Institute Laos zum Thema Afrikanisches Kino. Und weil’s so interessant ist: Critic.de-Autoren über ihre neuen und alten Lieblings(web)videos des Jahres.

Das Bloggen der Anderen (03-12-18)

Von , 3. Dezember 2018 17:48

– In der letzten Woche sind zwei großartige Künstler von uns gegangen. Leider findet dies in den Blogs kaum einen Niederschlag. Umso dankbarer bin ich dem Kinogänger, der auf seinem Blog Nachrufe auf Nicolas Roeg und Bernardo Bertolucci verfasst hat.

– Am 29.11. wurde der Tag der Weltmusik begangen. Zu diesem Anlass hat Joachim Kurz auf kino-zeit.de einen Essay über Weltmusik im Film verfasst. Und Katrin Doerksen hat zum 65. Geburtstag des grandiosen britische Autor Alan Moore die Frage gestellt: Was verraten uns Moores Werke über das Verhältnis zwischen Comic und Film?

– Sehr schön: Von Bert Rebhandl wird auf cargo der Inhalt Zeitschrift „Filmkritik“ aus dem November 1968 vorgestellt. Ein erhellendes, mal erheiterndes, mal spannendes Zeitdokument.

– Als Dario Argentos „Non ho sonno“ 2001 erschien, hatte ich mir gleich die italienische DVD besorgt. Besonders angetan war ich damals nicht von dem Film. Zuviel Fan-service am Anfang, zu entschlossen später. Ich gebe aber zu, dass ich ihn seitdem auch nicht wieder gesehen habe. André Malberg hat ihn auf Eskalierende Träume noch einmal gründlich auseinandergenommen. Außerdem hat er das „Suspiria“-Remake von Luca Guadagnino gesehen und macht sich dazu so seine Gedanken.

– Letzteres hat auch Sven Safarow von Safarow schreibt gesehen, lässt aber in seiner Besprechung kein gutes Haar an dem Werk.

– Im Rahmen einer Kooperation mit dem „This Human World 2018“-Festival stellt Rainer Kienböck auf Jugend ohne Film diesmal den Film „City of the Sun“ von Rati Oneli vor.

– Lustig, kürzlich habe ich mich noch Freunden drüber unterhalten – und peinlicherweise mit „Die Ausgesperrten“ verwechselt – jetzt hat funxton den kontroversen österreichischen Film „Die Erben“ von 1983 gesehen und auf seinem Blog empfohlen. Sogar noch mehr hat ihn der isländische Geister-Film „I Remember You“ gefallen.

– Als damals die Stephen-King-Verfilmung „Kinder des Zorns“ auf Video erschien, kannte ich nur die Bilder in der Cinema und wusste, dass der Film ziemlich verrissen wurde. Aufgrund der Bilder stellte ich mir den trotzdem ziemlich gut vor. Wenig später hatte ich ihn dann tatsächlich einmal gesehen und fand ihn tatsächlich recht unheimlich. Schlombies Filmbesprechungen sind mehr auf der Cinema-Seite. Sollte ich vielleicht mal wieder gucken.

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