Das Bloggen der Anderen (30-11-15)

Von , 30. November 2015 19:15

bartonfink_type2– Passend zum demnächst anlaufenden neuen „Star Wars“-Film, wirft Marco auf Duoscope noch einmal einen Blick zurück in die Zeit, als das Ganze noch „Krieg der Sterne“ hieß. Eine sehr schöne, objektive „Geschichtsstunde“.

– Cutrin war auf dem Cinefest in Hamburg und hat auf Filmosophie einen ausführlichen Bericht über ihre Erlebnisse geschrieben.

– Till Kadritzke war für critic.de gleich auf vier Filmfestivals in Köln unterwegs, und hat dementsprechend viel zu berichten.

– Patrick Holzapfel sinniert auf Jugend ohne Film über Film als Fremdsprache und was dies für den Zuschauer heißt.

– Sven von Reden hat auf B-Roll ein sehr interessantes, zweiteiliges Essay unter dem Titel „Der Verlust der physischen Realität“ geschrieben. Darum geht es nicht – wie ich zunächst annahm – um die inflationäre Zunahme von CGI, sondern eher darum, wie unsere immer mehr virtuelle, digitale Realität im Film darstellbar ist. Sehr spannend. Andreas Köhnemann schreibt über seine Enttäuschung über Gapar Noes „Love“ und wie andere Filme Sex darstellen.

– Oliver Armknecht bespricht auf film-rezensionen.de den neuen Film von Khavn de La Cruz: “Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore”, den ich leider verpasst habe, als er in Bremen im Kommunalkino gezeigt wurde.

– Auch Apichatpong Weerasethakul hat einen neuen Film in die Kinos gebracht. Frank Schmidke schreibt über „Cemetery of Splendour“ auf cintastic.de

– Und auch Sion Sono ist wieder unterwegs und lässt den „Tokyo Tribe“ los. Mise en cinéma meint: „Tokyo Tribe sprüht geradezu vor Kreativität, Verspieltheit und Mut, um ein ganz besonderes filmisches Musical-Erlebnis zu schaffen, das mit irrsinnigen Ideen und virtuoser Inszenierung maximalen Spaß verspricht.“

– Sebastian macht sich auf Nischenkino Gedanken, warum „Once Upon a Time in Shanghai“ kein guter Film ist und ob sich das chinesische Genre-Kino in einer lang anhaltenden Krise befindet.

Hans Helmut Prinzler gefällt Christian Keßlers „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“.

– Und Christian Genzel von Wilsons Dachboden hat die Memoiren von Porno-Pionier Howard Ziehm gelesen. Und weil es so gut passt, hat er auch gleich „Cop Killers“ gesehen. Der Film, den Ziehm drehte, als sich die Fertigstellung seines bekanntesten Film „Flesh Gordon“ verzögerte.

– Gerade hatte ich gedacht, wir Franco-Fans hätten ihn endlich bekommen, da verreißt Schlombie auf Schlombies Filmbesprechungen den schönen „Küß mich, Monster“. Na ja, wenigstens bei Bavas „Die toten Augen des Dr. Dracula“ sind wir dann wieder auf einer Linie.

– Auf Die Nacht der lebenden Texte setzt sich Ansgar Skulme sehr intensiv mit dem Klassiker „Invasion vom Mars“ von 1953 auseinander, während Andreas Eckenfels sich des Remakes von 1986 annimmt.

– Eines der – wie ich finde – großartigsten Gangsterfilme aus italienischer Schmiede stellt totalschaden auf Splattertrash vor: „Milano Kaliber 9“.

Ab ins Grindhouse geht es mit Harald Mühlbeyer auf Screenshot. Er hat in Mannheim das wunderbare Spanien-Double-Feature „Blutmesse für den Teufel“ und „Die Nacht der reitenden Leichen“ gesehen.

– Unter Grindhouse wird auch gerne mal Lucio Fulcis bedrückender „Non Si Sevizia A Un Paperino“ subsummiert, was natürlich Blödsinn ist. Das dürfte jedem klar sein, der fuxtons entsprechende Review gelesen hat.

– Vor einigen Monaten verstarb der Ex-Profi-Wrestler Roddy Piper von dessen Ausflügen ins Filmgeschäft man vornehmlich „Sie leben“ kennt. Dabei findet Jan Noyer von Kuleschow-Effekt, dass auch „Hell comes to Frogtown“, eine „Obskurität aus der Videotheken-Resterampe aber ein – zumindest für Trashfreunde – interessantes Werk“ ist.

– Die erste Hälfte der 80er Jahre war die hohe Zeit der Stephen-King-Verfilmungen. Eine der ersten, die ich sah, war „Feuerkind“ mit der kleinen Drew Barrymore. Bei Oliver Nöding auf Remember It For Later gibt es ein Wiedersehen.

– Alex hat wieder ein paar Real Virtualinks gesammelt und stellt sie auf Real Virtuality vor.

Filmbuch-Rezension: “DER WEISSE HAI revisited“

Von , 27. November 2015 19:58

Bertz+Fischer_Weisse_HaiZum 40-jährigen Jubiläum des „Weißen Hais“ ist nun bei Bertz + Fischer ein Buch erschienen, welches sich auf 274 Seiten allein und in aller Ausführlichkeit mit diesem einen Film beschäftigt. Natürlich hat „Der weiße Hai“ ein solche „Sonderbehandlung“ allemal verdient, denn er änderte nicht nur die Art und Weise, wie Hollywood seine Filme vermarktete, sondern er leitete auch das Zeitalter der „Blockbuster“ ein und tötete – so die landläufige Meinung – das New Hollywood-Kino. Eine Strömung, aus der auch „Der weiß Hai“-Regisseur Steven Spielberg und „Krieg der Sterne“-Macher George Lucas stammten. Ferner katapultierte „Der weiße Hai“ Spielberg zu Weltrum und ist vor allen Dingen verdammt aufregendes und perfektes Spannungskino. Und das von Wieland Schwanebeck herausgegebene Buch „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“ beweist, dass hinter dem reinen Unterhaltungsanspruch noch sehr viel mehr Dimensionen stehen, die dem Film eine spannende Komplexität geben, die unter der perfekten Unterhaltung lauert, wie der große Weiße unter der Wasseroberfläche. Es muss allerdings hinterfragt werden, ob es dem Buch gut tut, wenn es sich ganz auf die detaillierte Deutung und kulturwissenschaftliche Untersuchung eines einzigen Filmes konzentriert. Und ob hier nicht auch weniger mehr gewesen wäre. Doch dazu später.

Der Beginn des Buches ist hervorragend gelungen. Nach einer höchst informativen Einleitung durch Wieland Schwanebeck schreibt Felix Lempp über verschiedenen „Making Of“-Dokumentationen, die es zu „Der weiße Hai“ gibt. Dabei erfährt der Leser durch die Beschreibung der Inhalte der Dokumentationen nicht nur eine Menge über die Entstehung des Filmes, sondern auch über unterschiedliche Strategien in „Making Of“s und wie sich scheinbare Wahrheiten über die Zeit verändern und immer wieder in den Dienst einer vorgefertigten „Story“ gestellt werden, die ein und das selbe Ereignis immer wieder neu und anders erzählen. Das ist nicht nur spannend, sondern schlägt auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Michael Hiemke wendet sich dann in seinem Beitrag über die Filmmusik mit zahlreichen Notenbeispielen und Sequenzanalysen vor allem an musikwissenschaftlich affine Leser.

Ein Highlight des Buches ist Ian Freers Kapitel über die zutiefst bedrückende Katastrophe der U.S.S. Indianapolis. Ein reales Ereignis, das im Film eine zentrale Rolle einnimmt. Wieland Schwanebeck vergleicht dann Spielbergs Film mit dem Gesamtwerk Alfred Hitchcocks und sucht nach Parallelen. Den oben beschriebenen Tod des New Hollywoods durch Blockbuster wie „Der weiße Hai“ beschreibt Heiko Nemitz in einem sehr lesenswerten Abschnitt. Im Folgenden wird versucht „Der weiße Hai“ einzelnen Genres zuzuordnen. So verortet Marcus Stiglegger den Film im „Tierhorror“-Genre, während Michael Flintrop ihn eher im Katastrophenfilm sieht. Bei den jeweiligen Untersuchungen kann der Leser gleichzeitig etwas über die beiden jeweiligen Genres lernen. Die Wahrheit aber liegt wahrscheinlich in dem „Genre-Hybrid“ von dem Sofia Glasl schreibt, was eine schöne Erweiterung zu den Thesen im ebenfalls bei Bertz + Fischer erschienenen Buch „Actionkino“ (Besprechung hier) darstellt.

Hatten die einzelnen Essays „Der weiße Hai“ bis dahin in einen filmischen Kontext eingeordnet, der gleichberechtigt zum Film vorgestellt wird, konzentrieren sich die folgenden Kapitel ganz auf den Film selber und versuchen in ihm Texturen zu finden, die verschiedenen wissenschaftlicher Theorien zugeordnet werden. Dies ist zwar grundsätzlich eine sehr spannende Herangehensweise, ermüdet aber in solch geballter Form recht schnell. Folgt man den ersten Interpretationen noch gebannt, so langweilt es irgendwann, wenn man die gleiche Szene nun schon zum dritten Mal beschrieben bekommt – auch wenn sie nun mit einer völlig anderen Bedeutung aufgeladen wird. An dieser Stelle empfiehlt es sich, das Buch nicht in einen Rutsch zu lesen. Diesen sechs Essays sollte man besser in einem gewissen zeitlichen Abstand einräumen, um nicht mittendrin das Interesse zu verlieren und die durchweg spannenden Interpretationen nur noch gelangweilt zu überfliegen.

Stefan Jung untersucht den Gegensatz von suburbanen und exurbanen Raum in „Der weiße Hai“ und dem Gesamtwerk Spielbergs. Willem Strank schreibt über die Ikonodramatugie der Annäherung, während Eckhard Pabst ausführt, wie Spielberg in „Der weiße Hai“ Grenzen inszeniert und was diese für den Film und seine Wirkung bedeuten. Der fünfte Teil des Buches beleuchtet den Film dann von psychologischen und soziologischen Aspekten her. Elisabeth Bronfen liest „Der weiße Hai“ im Zeichen des Todestriebes, Jan D. Kucharzewski wiederum arbeitet die Darstellung von Männlichkeit und Homosozialität heraus. Am Faszinierendsten ist aber Dorothe Mallis Essay „Das jüngste Gericht in JAWS“ welches religiöse Wurzeln im Film findet, die zwar manchmal etwas sehr weit hergeholt wirken, aber durchaus schlüssig und sehr spannend sind.

Die folgenden Teile des Buches sind demgegenüber dann wieder sehr geerdet und greifbarer. Vor allem lösen sie sich vom Film und erklären mehr das reale Umfeld, welches er geschaffen hat. Tabea Weber beschreibt die Darstellung des Haies im Film und wie diese unsere Wahrnehmung des Tieres beeinflusst. Konstanze Hiemkes kurzer Text über das Haifischgebiss ist zwar interessant, wirkt aber wie ein Lückenfüller. Lars Koch schreibt darüber wie „Der weiße Hai“ und andere Filme aus einer Furcht vor dem Hai eine tieferliegende Angst geschürt haben.

Die Sequels zu „Der weiße Hai“ kommen in diesem Buch vielleicht etwas zu kurz, werden aber von Kathleen Loock in ihrem Text „Zwischen Jawsmania und Sequelitis“ aufgegriffen, indem sie auch auf die Geschichte der Fortsetzungsfilme generell eingeht. In einem sehr wichtigen Text erklärt Christian Wild, was eigentlich wirklich dran ist, an der Legende von Hai als angsteinflößenden Menschenfresser. Den passenden Abschluss findet das Buch dann durch Csaba Lázár, der sich nicht nur der unmittelbar auf „Der weiße Hai“ folgenden Nachahmungswelle annimmt, sondern auch den Bogen zur gerade schwer angesagten „Sharkploitaion“-Welle schlägt.

Insgesamt lässt das Buch „DER WEISSE HAI revisited“ kaum noch Fragen zum Film offen. Der Film wird von vielen ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet, interpretiert und in einen Kontext gesetzt. Diese Konzentration auf die immer gleichen 124 Minuten Film kann allerdings auch mal zu Ermüdungserscheinungen führen, weshalb man gerade den Mittelteil besser häppchenweise genießen sollte.

Wieland Schwanebeck  (Hrsg.) „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“, Bertz+Fischer, 276 Seiten, € 19,90

DVD-Rezension: „Im Dutzend zur Hölle“

Von , 25. November 2015 21:02

dutzendzurhoelleAls der „consigliori“ des einflussreichen Mafiaboss Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), Anwalt Thomas Accardo (Tomas Milian), aus dem kriminellen Milieu aussteigen will, löst er damit einen Mafiakrieg aus. Da Don Antonio seinen Ziehsohn Thomas unbehelligt ein neues Leben mit der schönen Laura (Dagmar Lassander) beginn lässt, hat Don Antonios rechte Hand Vincent Garofalo (Francisco Rabal) einen Grund gefunden, um sich gegen seinen Don zu wenden und dessen Organisation mit Duldung der anderen Familien zu vernichten. Als Don Antonio beinahe Opfer eines Attentats wird und auch Thomas nur knapp einem Anschlag entgeht, kehrt Thomas an die Seite Don Antoinis zurück, um mit Garofalo abzurechnen…

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Alberto de Martino ist vielleicht der „amerikanischste“ Regisseur des italienischen Genre-Kinos. Seine Filme greifen immer nach Höherem. Er besetzt gerne US-Stars und verlegt die Handlung seiner Streifen immer wieder in die USA. Das tun andere italienische Filme zwar auch, doch die wahren Drehorte strafen sie immer wieder Lüge oder es werden nur wenige Minuten an markanten Stellen wie der Brooklyn Bridge aufgenommen, damit die Illusion der authentischen Drehorte entsteht. De Martino hat den größten Teil seines Mafia-Filmes „Im Dutzend zur Hölle“ aber tatsächlich vor Ort in Kalifornien gedreht. Die Besetzung des Filmes ist zwar überwiegend aus italienischen Produktionen bekannt, aber mit Martin Balsam hat De Martino einen bekannten Charakterdarsteller aus den USA mit der zweiten Hauptrolle betraut, den man u.a. aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt und der für seine Rolle in „Tausend Clowns“ einen Oscar gewann. Balsam hatte zwei Jahre zuvor seinen ersten Film in Italien gedreht, Damiano Damianis großartigen „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“, und Gefallen am italienischen Leben gefunden. Es sollten noch zahlreiche Italo-Produktionen folgen und Balsam verlagerte seinen Lebensmittelpunkt immer mehr in sein geliebtes Italien, wo er dann auch 1996 verstarb.

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„Im Dutzend zur Hölle“ ist stark von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ inspiriert, was man schon am Originaltitel „Il consigliori“ merkt. Im „Paten“ spielte Robert Duvall den „consigliori“ Tom Hagen, eine Rolle die ganz ähnlich angelegt ist, wie von Tomas Milian in „Im Dutzend zur Hölle“. Jemand, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem für den Mafia-Paten so etwas wie ein eigener Sohn ist. Ein Anwalt und brillanter Stratege, seinem Ziehvater treu ergeben. Zudem mixt das Drehbuch auch noch einiges von der Persönlichkeit des Michael Corleone in die Figur des Thomas Accardo. Beide wollen ein normales Leben führen und der Mafia-Familie den Rücken kehren. Kam Michael Corleone im „Paten“ aus dem Krieg zurück, so ist es bei Thomas Accardo das Gefängnis, wo er über sein Leben nachgedacht hat und beschloss, es in eine neue Richtung zu lenken. Die wunderbare Dagmar Lassander übernimmt dabei die Rolle, die Diane Keaton in „Der Pate“ inne hatte. Nur leider wird die gute Dagmar von de Martino ziemlich verschwendet. Nicht nur, das sie hier etwas mopsig aussieht und kaum etwas von ihrem natürlichen Charisma verbreiten kann, auch ihre Figur der Laura stark unterentwickelt. Dies fällt insbesondere bei der Abschiedsszene mit Milian ins Gewicht, welche überhastet und ohne echte Chemie zwischen den Beiden inszeniert ist.

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Milian selber schlägt sich sehr gut als „consigliori“. Seine zynische, manchmal etwas zu selbstsicher wirkende Art, verleiht ihm Autorität. Auch seine Rückkehr in die Arme der Mafia ist recht überzeugend ausgefallen. Man ihm vorher sowieso nicht so recht abnehmen können, dass er tief im Herzen nicht das Leben an der Seite von Don Antonio weitaus mehr genossen hat, als jenes, welches er nun mit Laura führt. Im Grunde hegt er für seinen Ersatz-Vater Don Antonio doch weitaus tiefere Gefühle als für die, in diesem Film, doch recht fade Dagmar Lassander. So gewinnt der zuvor eher hölzern agierende Milian plötzlich an Charisma und Elan, wenn er seinem bedrohten Paten zur Seite steht, Strategien entwirft und mit der Knarre in der Hand kurzen Prozess macht. Die blutigen Actionszenen sind Alberto de Martino gut gelungen. Hier kommt der gewalttätige Wahnsinn durch, der das Genre des Polizieschi auszeichnet. Es werden keine Gefangenen gemacht und tatsächlich im Dutzend Gangster zur Hölle geschickt. Sie werden niedergemäht, in die Luft gesprengt, verbrannt und erstochen. Zwischendurch werden Autoverfolgungsjagden eingestreut und Leichen auf besonders kreative Weise entsorgt. Eine unglückliche Gestalt wird erst in ein Fass eingeschweißt und dann im Sockel einer Brücke versenkt.

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Wie in „Der Pate“ wird die Mafia als große Familie mit einem strengen Ehrencodex beschrieben. Auch Don Antonios Organisation erinnert mehr an ein komplexes Familienunternehmen mit sonderbaren Geschäftsmethoden als an eine Gangsterbande. Die Gefahr für die Familie entsteht dann auch nicht durch die Polizei – welche hier kaum eine Rolle spielt – sondern durch Figuren, die die alten Methoden nicht respektieren und den Ehrencodex brechen. Waren es im Paten die Drogendealer, so ist es hier der Emporkömmling Garofalo, der sich gegen Don Antonio und den alten Stil stellt. Gerade diese Besinnen auf „alte Werte“ wird in „Im Dutzend zur Hölle“ aber große geschrieben und gerade darum hat Garofalo kein Chance, wenn sich das Kampfgebiet in die Heimat der Mafia, Sizilien, verlagert. Dort, wo der eine Don den anderen noch herzlich empfängt und Abmachungen eingehalten werden. In diesen Sizilien-Szenen gibt es dann auch ein willkommenes Wiedersehen mit so beliebten Gesichtern, wie denen von Edoardo Fajardo und Nello Pazzafini, was den Liebhaber italienischer Genrekost ebenso erfreut, wie der wunderbare Score von Riz Ortolani. Das die Geschichte sehr episodenhaft erzählt wird, kennt man ja aus diversen anderen Polizieschi und gehört fast schon zum guten Ton dieses Genres.

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„Im Dutzend zur Hölle“ orientiert sich am Welterfolg „Der Pate“, ist aber trotz vieler Gemeinsamkeiten ein eigenständiges und actionbetontes Werk. Prominent besetzt weiß der Film trotz eines recht episodenhaften Drehbuchs kurzweilig zu unterhalten.

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Zur DVD aus dem Hause filmArt, der No. 7 der Polizieschi-Edition, muss man leider zunächst sagen, dass Bildqualität nicht wirklich gut ausgefallen ist. Wie man im Internet lesen kann, stand hier lediglich eine Digibeta im originalen 2.35:1 Scope zur Verfügung. Das Negativ scheint verschwunden zu sein. Da es keine besseren Quellen gibt, kann man die Bildqualität akzeptieren, doch es erschreckt zunächst, auch wenn man sich mit zunehmender Spieldauer daran gewöhnt. Neben deutschen Ton ist nur die englische Tonspur mit an Bord. Eine italienische fehlt. Ferner gibt es noch eine Bildergalerie und eine Trailershow, sowie ein zwölfseitiges Booklet mit kompetent geschriebenen Texten von Ulrich Köhler und Gerald Kuklinski zum Film und de Martino.

Das Bloggen der Anderen (23-11-15)

Von , 23. November 2015 19:00

bartonfink_type2– Das große Thema der letzten Woche war Gaspar Noes neuer Film „Love“, der die Blogger-Gemeinschaft spaltete. Auf Cereality wurden gleich zwei Reviews veröffentlicht: Eine Pro von Timo Kießling und eine Contra von Nathanael Brohammer.  Auf der Contra-Seite finden sich auch Ronny Dombrowski von cinetastic  wieder, während stu von Die drei Muscheln begeistert ist. Keine Ahnung, wie mir der Film gefallen wird, aber ich finde es immer schön, wenn ein Film die Kraft hat so zu polarisieren.

– Passend dazu: cutrins Notizen vom Pornofilm-Festival in Berlin auf filmosophie.

– Jemand, der mit seinen Filmen ebenfalls stark polarisiert ist Ulrich Seidl, der auf critic.de von Johannes Bluth interviewt wird.

– Dennis Vetter macht sich auf Negativ anlässlich des 58. DOK Leipzig Festivals kritische Gedanken zum Status des Dokumentarfilms.

– Kritische Gedanken macht sich auch Joachim Kurz, der in einer dreiteiligen Reihe auf B-Roll den immer wieder angekündigten, ausgesprochenen und dann doch verschobenen Tod des Kinos und mögliche Zukunftsperspektiven untersucht.  An selber Stelle schreibt Martin Beck über den Filmtrailer, enttäuscht, falsche und erfüllte Erwartungen. Und Patrick Holzapfel fragt: „War Woody Allen früher wirklich besser als heute?“ – meine Antwort als jemand, der bis auf eine Handvoll Filme alle auf DVD besitzt fällt etwas anders aus als Patricks, lesenswert und nachdenkenswert ist sie aber allemal.

– Wie aufmerksame Leser dieser Rubrik wissen, hat Patrick auch seinen eigenen Blog Jugend ohne Film. Auf diesem stellt diesmal Claudia Siefen den koreanischen Meisterregisseur Im Kwon-taek vor. Eine für das koreanische Kino sehr wichtige Figur.

– YP und PD von Film im Dialog waren auf der Viennale und haben dort mit “Outrage” und “The Bigamist” zwei Filme der amerikanischen Regisseurin (und Filmstar) Ida Lupino gesehen. Diese liefen dort als „Tribute“ für die einzige weiblichen Studioregisseurin der 50er Jahre.

– Sir Donnerbold kommentiert auf seinem Blog sdb-film die bisherigen zwölf Marvel-Universe-Verfilmungen auf bringt sie in eine persönliche Rangfolge.

– Immer wieder schön, wenn ein Blogger den anderen (oder in diesem Falle die andere) vorstellt. Hier interviewt Alex Matzkeit von real virtuality Andrea David von filmtourismus.de. Den Blog hatte ich ja anfangs auch ein paar Mal verlinkt bis mir etwas zu viel kommerzielles Sponsoring auftauchte. Schade, dass dies im Interview nicht angesprochen wird. Des weiteren hat Alex unter der Rubrik „Real Virtualinks“ einige Links aus der Film-Blogosphäre zusammengesucht. Ich hatte ja schon gedacht, dann könnte ich „Das Bloggen der Anderen“ ja langsam dicht machen, aber Alex‘ Links stammen mehr aus dem englischsprachigen Raum. Zudem schreibt er: „Sollte mir “Real Virtualinks” auf lange Sicht übrigens doch zu viel Zeit rauben, werde ich es wieder einstampfen.“ Ich bin gespannt…

– Apropos: Wunderschöne Touren zu den Drehorten toller Filme findet man auch immer auf Schattenlichter. Diesmal hat es Mauritia Mayer allerdings nach Nürnberg gezogen. Nicht um Drehort-Vergleiche zu knipsen, sondern zum 1. Festival des Actionfilms mit dem großartigen Namen „Karacho“. Hier ihr Bericht.

– Schlombie hat ja auf Schlombies Filmbesprechungen auch eine Rubrik, in der er Links mit Filmbesprechungen sammelt. Diese Woche bleibt diese aber leer, dafür hat er mehrere Jess-Franco-Filme gesehen und die stießen bei ihm nicht auf Ablehnung. Zu „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ schreibt er, der Film „steckt so voller liebenswerter bescheuerter Ideen, dass es eine Freude ist ihn zu sichten“ und zu „Jungfrau unter Kannibalen“ da sei “etwas nicht Greifbares das mir gefällt, eine gewisse Stimmung, die sich erst entfacht wenn man sich eine Zeit lang in „Mandingo Manhunter“ (Alternativtitel) hineingeguckt hat.“ Hey, Schlombie – jetzt gleich noch 10-12 Francos hinterher und dann at der Meister auch Dich in seinen Bann gezogen. 😉

– Interessanterweise hat auch Oliver Nöding von Remember It For Later gerade den „Jungfrau unter Kannibalen“ gesehen und kommt zu einem ganz ähnlichen Schluss: „Es ist vor allem diese seltsame Aufgeräumtheit, die Francos Filme oft auszeichnet, die auch EL CANIBAL gegen jede Vernunft zum Funktionieren verhilft.“  Und eine ganz große neue Liebe hat Oliver auch gefunden: Peter Stricklands „The Duke of Burgundy“.

– In Olivers „Fachgebiet“ fällt auch „Protect and Kill“ von 1993. Dieser wird diesmal allerdings von Christian Genzel auf Wilsons Dachboden besprochen.

– „Vergessene Stunde“ ist ein sehr toller Film noir. Findet auch totalschaden auf Splattertrash.

– Da ist er wieder. „Im Visier des Falken“ –eine verstörende Jugenderinnerung von mir. Jetzt bespricht ihn auch Sebastian auf Nischenkino. Es wird Zeit, dass ich mir mal die DVD zulege, auch wenn diese laut Sebastian nicht so toll wie der Film ausgefallen ist.

Roger Corman macht jetzt „The Asylum“ Konkurrenz und hat „Sharktopus vs Pteracuda“ ins Feld geschickt, wie Volker Schönenberger auf Die Nacht der lebenden Texte zu berichten weiß.

– In ähnlichen, aber weitaus sympathischeren, Gewässern fischt auch „The Night of the Lepus“ mit seinen Killer-Kaninchen. Gar nicht flauschig ist der französische Film „Dealer“, der „einen auf überaus dankbare Weise durch ein unerbittliches, emotionales Wechselbad treibt“. Über beide Filme liest man auf funxton.

– Ich bin ja ein großer Jan-Švankmajer-Fan und ärgere mich darum, dass ich bis heute noch keinen Blick auf seine „Alice“-Verfilmung werfen konnte. Dank Oliver Armbrust und seiner Besprechung des Filmes auf film-rezensionen.de weiß jetzt aber, dass ich mir die wohl recht günstig via England besorgen kann. Wo ich ihm ebenfalls dankbar bin: Ich bin noch nie durchgestiegen, welche Filme, Serien, Zusammenhänge, Spin-Offs etc. es jetzt eigentlich bei „Ghost in the Shell“ gibt. Dank seines Specials zu diesem Animee-Universum weiß ich jetzt endlich Bescheid.

Blu-ray-Rezension: “Der Mann mit der Tigerpranke”

Von , 21. November 2015 14:43

der-mann-mit-der-tigerprankeQiu Lian-Huan (Chen Kuan-Tai) ist der Anführer einer kleinen Gangsterbande mit einem Drang zu Höherem. Als er eines Tages Yu Chow-Kai (Tin Ching), dem Sohn des der mächtigsten Gangster in Shanghai beim Kartenspiel erst dessen gesamtes Geld und dann noch die Freundin (Ching Li) abnimmt, scheint seine Zeit gekommen. Doch so einfach ist das nicht, denn der durchtriebene Chang Gen-bao (Chu Mu) unternimmt alles, um den schwachen und leicht beeinflussbaren Yu auf den Gangsterthron zu heben und dessen Feinde zu vernichten…

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Der Mann mit der Tigerpranke“ stellt das Sequel zum enorm erfolgreichen „Der Pirat von Shantung“ dar. Zunächst wird die Geschichte des Vorgängers kurz zusammengefasst und man sieht gerade noch, wie die blutige Leiche des Antihelden weggeschafft wird. Dann informiert eine Einblendung den Zuschauer, dass der neue Film nun 20 Jahres später auf den selben Straßen wie „Der Pirat von Shantung“ spielt. Der junge Chen Kuan-tai hatte mit der Hauptrolle in „Der Pirat von Shantung“ gerade seinen großen Durchbruch erlebt. Hier nun darf er wieder die Hauptfigur spielen, wobei diese in keiner Verbindung zu seinem „Pirat aus Shantung“ steht. Wie überhaupt bis auf den Prolog keinerlei Verbindungslinien zu dem angeblichen ersten Teil gezogen werden. „Der Mann mit der Tigerpranke“ ist also ein vollkommen selbstständiger Film, auch wenn die Macher dahinter und auch die Schauspieler teilweise identisch sind.

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Chen Kuan-tai läutete die dritte Welle der Shaw-Brothers-Stars ein. Nach Jimmy Wang Yu in den frühen Martial-Arts-Epen und vor allem dem „tödliche Duo“ David Chiang und Ti Lung nach ihm, kamen mit Chen Kuan-tai und vor allem Alexander Fu Cheng nun neue Typen auf die Leinwand. Während Alexander Fu Sheng dabei mehr die Rolle des jungenhaften, gewitzten und sympathischen Frauenhelden verkörperte (eine Mischung aus Jackie Chan und Shah Rukh Khan, war Chen Kuan-tai eher auf die dunkleren, eigenbrötlerischen Typen abonniert. So spielt er auch hier den Antihelden, der uns im Grunde nur deshalb sympathisch ist, weil er seine Freunde nicht im Stich lässt und die Schurken um in herum so vieles unsympathischer agieren. Chen Kuan-tai ist kein strahlender Held und auch kein unschuldig auf die schiefe Bahn geratener Junge. Das würde auch nicht in sein Rollenbild passen. Er ist ein Krimineller, der sich seinen Weg nach oben hart und mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen erkämpft hat. Dabei folgt er allerdings einem ausgeprägten Ehrenkodex, was ihn von seinen skrupellosen Feinden unterscheidet. Da macht es dann auch nichts, dass er seinen besten Freund weitaus besser behandelt als seine Geliebte. Aber das kennt man ja bei Filmen des berühmten Regisseurs Chang Cheh.

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Das große Plus von „Der Mann mit der Tigerpranke“ sind seine Actionszenen. Chen Kuan-tai war wahrscheinlich der Beste der vielen Martial-Arts-Stars, die Anfang der 70er die Shaw-Brothers-Filme bevölkerten. Mit seinen druckvollen, dynamischen Bewegungen und einer gewissen Portion street credibility ist er die ideale Besetzung für einen Film wie „Der Mann mit der Tigerpranke“. Während bei anderen Stars die Kämpfe vor allem leicht und wie ein Ballett des Todes aussehen, ist sein Auftreten sehr viel athletischer, brutaler und auf den Punkt. Die beiden Action-Choreographen Choreographie von Lau Kar Leung (kurze Zeit später später mit „Die 36 Kammern der Shaolin“ enorm erfolgreich) und Chan Chuen wissen Chen Kuan-tai hervorragend in Szene zu setzten. Da wird in einer besonders eindrucksvollen Szene ein Fahrrad zur tödlichen Waffe, in den Kämpfen splittern Knochen und Autoscheiben, Chen Kuan-tai rast mit dem Motorrad durch eine Glasfront und beim großen Finale pflügt er sich blutend durch immer wieder neue Armeen des Feindes. Freunde harter Martial-Arts-Action kommen hier voll auf ihre Kosten.

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Vom Drehbuch her schwächelt der Film allerdings etwas. Die zahlreichen Nebenfiguren bleiben konturlos, eventuelle Hintergründe unbeleuchtet. Auch dem Protagonisten Qiu Lian-huan selber wird keinerlei Geschichte gegönnt. Er ist einfach plötzlich da. Wie er zu dem wurde was er ist, weshalb er die kriminelle Laufbahn einschlug und ihm sein Freund Lin Ken Sheng so treu ergeben ist, all dies wird nicht beantwortet. Dies muss es auch nicht zwangsläufig, denn der Film funktioniert auch so. Aber etwas mehr Tiefe hätte den Film möglicherweise auf eine andere Ebene heben können. Weg von der natürlich hervorragend gemachten Action-Unterhaltung, hin zu einem Gangster-Drama, welches sich etwas nachhaltiger im Gedächtnis verankert als „Der Mann mit der Tigerpranke“.

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„Der Mann mit der Tigerpranke“ ist ein sehr unterhaltsamer Film mit grandiosen Kampfszenen, dessen Drehbuch allerdings die Tiefe vermissen lässt, welche beispielsweise den Vorgänger „Der Pirat von Shantung“ zu einem Klassiker gemacht hat.

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„Der Mann mit der Tigerpranke“ ist die Nummer 4 der bisher vorzüglichen „Shaw Brothers Collector’s Edition“ aus dem Hause filmArt. Wie gewohnt erscheint der Film in einer Blu-ray/DVD-Kombi. Das Bild der Blu-ray ist wieder vorbildlich. Auch beim Ton bleiben keine Wünsche übrig. Neben sehr klarem Deutsch (gefiltert und ungefiltert) und Mandarin (mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) Mono-Tonspuren, liegt noch eine alternative Musik- & Geräusche-Spur (tatsächlich ohne Sprache) vor. Interessant ist bei den drei Tonspuren, dass sie alle drei eine unterschiedliche Musikbegleitung und Geräusche habe. Die Musik der deutschen Version ist gut, doch der extrem funky Beat der Mandarin-Fassung ist ein wahrer Goldschatz. Das 12-seitige Booklet besteht aus einem kompletten Satz deutscher Aushangfotos. Außerdem hat das Mediabook ein Wendecover mit alternativem Cover. Von den obligatorischen Trailern abgesehen liegt sonst kein Bonusmaterial vor.

DVD-Rezension: „Die Stimme des Mondes“

Von , 18. November 2015 20:36

stimmedesmondesIvo Salvini (Roberto Benigni) ist gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen worden, weil er nachts Brunnen aufsucht, aus denen Stimmen zu ihm sprechen. Außerdem kann er die Stimme des Mondes hören. Gonella (Paolo Villagio), ein ehemaliger Präfekt, der unter Verfolgungswahn leidet und glaut einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Eines Tages kreuzen sich die Wege der Beiden…

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1990 drehte Frederico Fellini nach fast 50 Jahren im Filmgeschäft seinen letzten Spielfilm. 1993 verstarb der große Meister des italienischen Films, dem wir u.a. den Ausdruck „Paparazzi“ und „fellini-esque“ verdanken. „Die Stimme des Mondes“ ist sein Abschiedsgeschenk, in dem er noch einmal viele Themen aufgriff, die ihn vor allem ab den 60er Jahren beschäftigten. Die Macht der Träume und der Fantasie, die Erinnerung an die Kindheit und auch die Kritik an der Institution Kirche. Dabei spaltet sich Fellinis Persönlichkeit in zwei Figuren auf. Mit dem berühmten roten Schal stattet er den Komiker Roberto Benigni aus, der hier den nachdenklichen, leicht melancholischen Träumer gibt. Seinen zum Markenzeichen gewordenen Hut setzt er einem anderen italienischen Komiker auf den Kopf. Paolo Villaggio spielt einen ehemaligen Richter, der sich über die herrschenden Zustände echauffiert und unter latenter Paranoia leidet. Natürlich finden die beiden Facetten des fellinischen Charakters irgendwann zusammen. Obwohl beide nicht wirklich in unsere Welt gehören – der von Benigni gespielte Ivo Salvini wurde gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen, der Verfolgungswahn von Villaggios Gonnella ist schon sehr verhaltensauffällig – erscheinen sie in einer verrückt und laut gewordenen Welt fast schon wie die einzigen Normalen.

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Fellini bricht seinen Film stilistisch in zwei Teile. Die Nacht, die ganz dem Mond gehört, inszeniert er in extrem artifiziellen Kulissen, die nicht verleugnenden können, statt in freier Landschaft, im Studio zu stehen. So ließ Fellini beispielsweise ein gesamtes Kornfeld Halm für Halm in einer großen Halle nachbauen. Laut einem Interview, dass „The Guardian“ mit der Autorin, Feministin und Fellini-vertrauten Germain Greer führte (1) tat er dies aus zwei Gründen. Zunächst, weil er der Überzeugung war, dass das künstliche Kornfeld vor der Kamera „echter“ aussehen würde als ein tatsächliches. Aber vor allem konnte der dadurch helfen, die zahlreichen Handwerker in Cinecittà in Brot und Lohn zu halten.

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In der Nacht passieren auch die merkwürdigsten und im wahrsten Sinne „traumhaften“ Dinge. Sei es, dass ein Mann in einer Urnenwand lebt und von einer verwunschenen Trompete spricht, Salvini die Erinnerungen an seine Tante und tausenden von roten Äpfeln überrollen oder drallen Afrikanerinnen in einem italienischen Wäldchen Tänze aufführen. Die Tagszenen sind dem gegenüber deutlich realistischer ausgestattet und offenbar an Originalschauplätzen gedreht. Zumindest machen sie diesen Eindruck, denn im englischsprachigen Wikipedia nachzulesen ist, liess Fellini das Städtchen mit seinem Marktplatz zusammen mit seinem genialen Set-Designer Dante Ferretti in der Nähe von Cinecittà errichten. Hier fehlt die Magie der Nacht, aber es kommt nichts desto trotz zu surreal-grotesken Szenen, die allerdings weniger traumartig, als vielmehr chaotisch-grotesk wirken. Beispielsweise, wenn eine japanische Reisegruppen durch das Städtchen getrieben wird, überall hektischer Trubel herrscht und gleichzeitig mit riesigen Maschinen der ganze Marktplatz umgegraben wird.

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Beim Stolpern, Schlendern, Rennen und Schleichen durch Felllinis Welt folgen die Figuren keiner eigentlichen Handlung. Immer wieder werden kleine Geschichten eingeflochten, wie die vom schüchternen Mann, der sich in eine Frisörin verliebt und nach der Heirat feststellen muss, dass sie ein sexueller Orkan ist, dem er kaum standzuhalten vermag. Oder von den Männern, die den Mond einfangen und in ihrer Scheune einsperren. Salvini verliebt sich in eine Frau, die rein gar nichts von ihm wissen will. Dies ist einer der wenigen, wenn auch nicht konsequent verfolgten, Fäden der Geschichte. Es gibt Echos früherer Filme, wie „Amacord“ oder „Stadt der Frauen“ und immer wieder findet die Figur des Salvini zu einer Altersweisheit, die gar nicht zu dem jungen Benigni passen möchte. Aber gerade an diesen Stellen wird klar, wie ernst es Fellini mit der „Fellini-Verkleidung“ seiner beiden Hauptfiguren meint. Er spricht durch sie, als ahne er den nahenden Tod und möchte noch einmal die Welt an seinen Ansichten, Erfahrungen und Erinnerungen teilhaben lassen. An einer Stelle ruft Salvini dann auch, er hätte nur noch wenig Zeit. Fellini hat diesen Film offenbar als sein Vermächtnis begriffen.

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Und gerade darum packt er alles, was er noch zeigen und sagen will in „Die Stimme des Mondes“. Dadurch wirkt der Film oftmals überladen und chaotisch. Insbesondere während der großen Schlussszene, die an das Finale von Filmen wie „8 1/2“ und auch wieder einmal an „Amacord“ erinnert. Die geistige, politische und intellektuelle „Elite“ schwadroniert dort in hohlen Phrasen. Plötzlich zieht jemand einen Revolver, und die wichtigen Leute haben nichts Eiligeres zu tun, als panisch vom Ort des Geschehens zu flüchten. Doch „Die Stimme des Mondes“ ist weniger erzählender Film als vielmehr ein von Fellini gebautes Haus, in dem man mal in die eine, mal in die andere Ecke schauen kann und in dem es in jedem Zimmer etwas Neues zu entdecken gibt oder einen ein alter Bekannter begrüßt. Das muss einem nicht alles gleich gut gefallen, manches mag einen langweilen, anderes wiederum albern erscheinen – aber trotzdem ist es spannend, sich in Fellinis Haus aufzuhalten und sich davon überraschen zu lassen, was sich hinter der windschiefen Haustür so alles verbirgt. Dafür sollte man sich allerdings Zeit lassen, denn wir Salvini am Ende sagt, dass alle ein wenig ruhiger sein sollten, um dann vielleicht etwas zu verstehen.

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Federico Fellinis letzter Film erzählt keine Handlung, sondern webt assoziativ einzelne Episoden aneinander und gibt Fellini die Gelegenheit, durch seine beiden Hauptfiguren ein letztes Mal seine Sicht auf die Welt darzulegen.

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Die DVD ist innerhalb von Koch Medias „Masterpieces of Cinema“-Reihe erstmals digital erschienen. Das Bild ist gut, der Ton liegt auf Italienisch und Deutsch vor. Leider mangelt es mal wieder an den Extras. Außer einer Bildgalerie ist hier nichts zu finden. Laut anderer Quellen, soll die DVD auch ein Booklet enthalten, indem ein älteres Essay von Georg Seeßlen zu lesen ist. Mir liegt das Booklet nicht vor, aber bei dem Text dürfte es sich um diesen hier handeln.

(1) http://www.theguardian.com/culture/2010/apr/11/germaine-greer-federico-fellini

 

Das Bloggen der Anderen (16-11-15)

Von , 16. November 2015 19:23

bartonfink_type2Der für mich schönste Artikel der Woche stammt von Christoph Draxtra, der auf critic.de eine leidenschaftliche Verteidigung des vielfach geschmähten Lamberto Bava veröffentlicht hat, der – so ist es angekündigt -noch weitere Teile von ausgesprochen geschätzten Kollegen folgen werden.

– Geht es um italienische Filme, darf der Hinweis auf den schönen Blog Schattenlichter von Mauritia Meyer selbstverständlich nicht fehlen. Diesmal hat sie den herrlichen Barbaren-Star-Wars-Rip-Off „Einer gegen das Imperium“ am Wickel, der mir auch schon viele fröhliche Minuten beschert hat.

– Hierzu passt dann auch sehr gut der Artikel von Christian Genzel auf Wilsons Dachboden über ein anderes wunderbar absurdes SF-Abenteuer: „Flesh Gordon“.

– Oliver Nöding hat sich zur Zeit selber dem großen Meister Ford verschrieben und hat auf seinem Blog Remember It For Later eine umfangreiche John-Ford-Retro begonnen, die er diese Woche mit der Komödie “Lightnin‘“ von 1925 und dem ein Jahr später entstanden Western „3 Bad Men“ fortsetzt.

– Daher möchte ich Oliver an dieser Stelle auf einen sehr interessanten Text von Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film aufmerksam machen, der sich ebenfalls eingehend mit John Ford beschäftigt hat.

– Auf B-Roll schreibt Patrick dann über Filme über Filmemacher, die für ihn oftmals große Ärgernisse sind. Die Filme, nicht die Filmemacher. Ferner werden die drei Cutter Milenka Nawka, Gesa Jäger und Bernhard Strubel interviewt und darüber befragt, welche Herausforderung es darstellt, improvisierte Filme zu schneiden.

– Auf PewPewPew hat Sascha nach einem Jahr mal wieder einige empfehlenswerte SF-Kurzfilme zusammengetragen. Viel Spaß beim Anschauen!

– David war auf der Viennale und hat auf auf Whoknows presents einen sehr umfangreichen und kurzweiligen Bericht über die von ihm dort gesehenen Filme – hauptsächlich aus der Retrospektive – veröffentlicht, der einen umgehen zum Stift greifen lässt, um zu notieren, was man sich denn mal so besorgen sollte.

– Nicht nur der Titel „Zarte Haut in schwarzer Seide“ klingt verlockend, auch Udo Rotenbergs Besprechung dieses von Max Pécas in Deutschland gedrehten Filmes auf Grün ist die Heide macht Lust auf mehr.

– Oliver Armknecht hat auf film-rezensionen.de zwei „Alice im Wunderland“-Variationen am Start, die nicht so bekannt sein dürften, wie die Disney-Versionen. Einmal eine SEHR frühe Verfilmung von 1903 und dann eine faszinierende, russische Zeichentrick-Variante von 1981.

– Auch Andreas Eckenfels von Die Nacht der lebenden Texte stellt dem schon in der letzten Woche an dieser Stelle erwähnten Retro-Spaß „Turbo Kid“ gute Noten aus.

– Eine ziemliche 6 verpasst Jan Noyer auf Kuleschow-Effekt dem deutschen Tierhorrorfilm „Stung“ und bestätigt in seiner Besprechung alles, was ich schon befürchtet hatte.

– JackoXL gefiel auf Die drei Muscheln der wunderschöne „Malastrana“, dem ich durchaus ein Pünktchen mehr gegönnt hätte als Jacko.

– Der neue Film von Gaspar Noe, „Love“, kann Flo Lieb von symparanekronemoi nicht vollends überzeugen. Er macht aber deutlich, warum es in den Blogs in den kommenden Wochen sicherlich noch einige Kontroversen um diesen in 3D gedrehten Film mit seinen vielen explizierten Sexszenen geben wird.

„Die Schlange im Schatten des Adlers“ katapultierte Jackie Chan – mit dem seine Regisseure zuvor nicht viel anzufangen wussten – über Nacht ganz nach oben. Zu Recht, wie auch totalschaden auf Splattertrash findet.

Das Bloggen der Anderen (10-11-15)

Von , 10. November 2015 21:12

bartonfink_type2– Die Nordischen Filmtage in Lübeck sind ein ganz wunderbares Filmfestival, welches ich auch gerne mal wieder besuchen würde. Leider fehlt mir dazu momentan die Zeit. Sonja Hartl hat auf B-Roll einen Vorbericht zu den Filmtagen geschrieben, Rainer Kienböck berichtet auf Jugend ohne Film direkt vom Festival und auf Zeilenkino kann man dann nachlesen, wer die diesjährigen Preisträger waren.

– Zwei Nachträge zur Viennale gibt es auf critic.de. Michael Kienzl vervollständigt seine Festivalnotizen und in meinen Augen fast noch wichtiger: Seine Beobachtungen zu der „Austrian Pulp“-Nebenreihe, die hochspannend kuratiert war.

Daumenkino berichtet vom Filmfest Braunschweig, wo einige ausgesprochen interessante Filme liefen. So schreibt Florian Krautkrämer über den kolumbianischen „Embrace of the serpent“, Philipp Baumgartner über den spanischen „Heroes of Evil“ und Miriam Eck über den deutschen „Der Bunker“, auf den ich schon sehr gespannt bin.

– Lucas Barwenczik hat auf B-Roll einen hochinformativen und sehr lesenswerten Artikel um die Wechselwirkung und gegenseitige Beziehungen von Filmen und ihre Fans veröffentlicht. Stefan Otto stellte eine Neuerscheinungen bei den Filmbüchern vor.

– Simon Kyprianou stellt auf Die Nacht der lebenden Texte noch zwei seiner Bond-Favoriten vor und überrascht mit „Ein Quantum Trost“.

– Auch bei Duoscope dreht sich alles um Bond und zwar um den ersten Bond-Film „Dr. No“, der von Marco detailliert und kenntnisreich analysiert wird.

Schöner Denken fast unter dem hübschen Titel „Das Mars-Bloggen der Anderen“ (aha) mehrere deutschsprachige Blog-Einträge über Ridley Scotts „The Martian“ zusammen.

– Carsten Happe ist auf filmgazette begeistert von Peter Stricklands neuem Film „The Duke of Burgundy“, über den er schreibt „(Peter Strickland durchmisst) mit (…) „The Duke of Burgundy“ einen europäischen Filmraum, der von Subgenres wie dem italienischen Giallo und Filmemachern wie Jess Franco und Dario Argento geprägt wurde und mit einem ausgeprägten Ästhetizismus einhergeht. Dabei aber, und das ist neu und wesentlich für Stricklands Werk, eine Reflektionsebene über das Genrekino direkt mit einbezieht.“ Klingt doch super.

– Wer wissen möchte, welche Filme 2015 in deutschen Kinos anliefen, der wird bei mehrfilm.de fündig.

– Robin Schröder empfiehlt auf Mise en cinéma den japanischen „Sterben auf dem Land“, ein „Metafilm durch und durch, der sich zwar gewisse formale und inhaltliche Unterhaltungswerte bewahrt, aber in erster Linie eben der (Selbst-)Reflexion dient. Kein leichter Stoff, aber eine lohnenswerte Erfahrung für interessierte Denker und faszinierte Anhänger der japanischen Avantgarde.“

– Und Oliver Nöding kniet auf Remember It For Later vor John Fords frühem Meisterwerk „The Iron Horse“ nieder. Auch von Peter Hymes „Enemies Closer“ mit Jean-Claude Van Damme kann er sich begeistern.

– Oliver Armknecht von film-rezensionen.de empfiehlt den Retro-Spaß „Turbo Kid“, der überall sehr gut ankommt. Der Anime „Tokyo Ghoul“ klingt zwar klasse, kommt aber scheinbar über guten Durchschnitt nicht hinaus. Schade.

funxton empfiehlt den wunderbaren „Die Engel von St. Pauli“, der gerade auf Blu-ray veröffentlicht wurde. Ferner schreibt er über Juan Piquer Simóns im Zuge von „The Abyss“ entstandenen Unterwasser-Film „The Rift“, der hier überraschend gut abschneidet.

– Apropos Horror aus Spanien. Schlombies Filmbesprechungen haben diesmal „Invasion der Zombies“ zum Thema und hier bin ich mir mit Schlombie auch einig. 4 von 5? Passt.

– Nicht wirklich überein stimme ich mit JackoXL, der auf Die drei Muscheln Dario Argentos „Stendhal Syndome“ bespricht. Den finde ich doch sehr viel interessanter. Des weiteren sieht sich stu noch einmal „The Crying Game“ an, der in den 80ern große Furore machte, heute aber fast schon wieder vergessen ist.

– Jan Noyer schreibt auf Der Kuleschow-Effekt über den – wie ich finde – wundervoll bösen „A Boy and his Dog“, der bei ihm aber nur gutes Mittelmaß erreicht.

– Milian und Merli, was soll da schon schief gehen? Eigentlich nichts, meint auch totalschaden auf Splattertrash über „Die Viper“.

– Sebastian empfiehlt auf Nischenkino ganz herzlichen den deutsch produzierten und mit einer internationalen Besetzung (Robert „Elliot Ness“ Stack in der Hauptrolle) gedrehten Abenteuer-Reißer „Die Hölle von Macao“ und die Besprechung macht auch wirklich Lust auf diesen Film.

– Sehr ans Herz legt auch Michael Schleeh seinen Lesern auf Schneeland einen Film. Der chinesische „Buddha Mountain“ wird von ihn beschrieben mit: „Manchmal fühlt sich das auch alles an wie eine Märchenerzählung, außerweltlich, traumartig, schockierend, traurig, ätherisch, flüchtig. Zurück bleiben eher Bilder und Gefühle, als eine Geschichte.“

– Alex Klotz schreibt auf Hard Sensations über den abschließenden Teil der „This is England“-Saga.

– Obwohl ich ein großer Freund des polnischen Kinos bin, habe ich von dem Ehepaar Themerson und ihren in den 30er und 40er entstandenen, experimentellen Kurzfilmen noch nie etwas gehört. Bis ich Manfred Polaks hochspannenden Artikel auf Whoknows presents gelesen habe.

Neues aus Hollywood liest man beim Kinogänger.

DVD-Rezension: „Der Meister und Margarita“

Von , 7. November 2015 19:29

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Moskau im Jahre 1930. Während Stalin regiert, kommt der Teufel (Alain Cuny) in die sowjetische Hauptstadt. Satan gibt sich als distinguierter „Meister der schwarzen Magie“ Woland aus. Der Autor Nikolai (Ugo Tognazzi) versucht derweil gegen den Willen der Kulturelite sein Theaterstück über Pontius Pilatus auf die Bühne zu bringen. Doch die korrupten und nur auf ihren eigenen Vorteil bedachten Funktionäre, werfen ihm ständig Knüppel zwischen die Beine und versuchen ihn zu demontieren. Allein die schöne Margarita (Mimsy Farmer) hält noch zu ihm. Und der Satan, der sich in den Kopf gesetzt hat, Nikolai zu helfen…

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Der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrović verfilmte 1972 den bis dahin als unverfilmbar geltenden Jahrhundert-Roman „Der Meister und Margarita“ als italienisch-jugoslawische Co-Produktion. Wobei der Film mehr als jugoslawischer Film gelten kann, denn bis auf die drei Hauptfiguren wurden alle anderen Rollen mit Jugoslawen besetzt. Auch die Musik von Ennio Morricone wird nur spärlich eingesetzt und besteht zumeist aus der enge Verdichtung von natürlichen Geräuschen, Glockengeläut und kirchlichen Gesängen. Zudem nutze Petrović auch die Gelegenheit, um mit seinem Film die damaligen Verhältnisse in seinem Heimatland anzuprangern. Die Bürokratie, die ideologische Gehorsam, die Heuchelei und die erbarmungslose Zensur. Ironischerweise wurde sein Film dann gleich darauf in Jugoslawien verboten und Petrović musste seine Tätigkeit als Dozent an der Belgrader Filmakademie einstellen. Und das, obwohl er zu den bedeutendsten Regisseuren des Landes zählte.

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Für seine Verfilmung vereinfachte Petrović die komplexe Struktur der Vorlage und stellte den Meister (der hier den Namen Nikolaj Afanasijevic Maksudov trägt, während er im Roman namenlos bleibt) in den Vordergrund. In der literarischen Vorlage ist der Meister Schriftsteller und das von ihm verfasste Werk Teil von Bulgakovs Roman. Das Problem des Meisters Buch „Pilatus“ in den Film zu integrieren, löst Petrović auf kreative und schlüssige Weise dadurch, dass er aus dem Meister einen Theaterautoren macht und „Pilatus“ zum Theaterstück umgewidmet wird. Dessen Proben wohnt der Zuschauer immer mal wieder bei. Durch die Reaktionen der Theaterbetreiber und Kritiker wird so ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem großen Thema hergestellt, welches Petrović in seiner Verfilmung in den Vordergrund stellt: Die Freiheit der Kunst und wie diese in totalitären Systemen beschnitten und auf bigotte Art und Weise von den Günstlingen des Systems unterdrückt wird. Insbesondere, um eigene Interessen zu schützen oder sich Vorteile zu schaffen.

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Dabei vernachlässigt Aleksandar Petrović vollkommen die Liebesgeschichte zwischen dem Meister und seiner Magarita. Diese wird von Mimsy Farmer gespielt, die in diesem Film eine überraschend gute und attraktive Figur macht. Leider wird sie mehr oder weniger zur Stichwortgeberin reduziert und verschwindet auch immer mal wieder ganz aus der Handlung. Es ist sehr offensichtlich, dass Petrović dieser Aspekt des Romans nicht sonderlich interessiert hat. Man hat das Gefühl, die Magarita käme nur vor, weil sie ja Teil des Titels ist. Ungewöhnlich auch die Besetzung des Satans mit Alain Cuny der wenig dämonisches mitbringt. Weiter weg von der Klischeedarstellung eines typischen Mephisto, kann man kaum inszenieren, was dem Film durchaus gut tut. Deshalb ist es umso unverständlicher, dass Wolands Helfershelfer zweidimensionale Abziehbilder sind, die all jene Stereotypen mitbringen, die man bei Woland vermieden hat. Der derbe und wenig originelle Klamauk, den sie in ihre Szenen einbringen, mag so gar nicht passen. Und er steht im krassen Gegensatz zu der eher langsamen und bedachten Inszenierung der Figur des Meisters und seines Kampfes gegen die absurde Zensur und das Verbot seines Stückes.

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Beim große Finalen haben Woland und seine Helfershelfer ihren großen Auftritt. Sie lassen es teure Kleidung regnen, die dann wieder verschwindet und einen aufgeregte Haufen Nackter zurücklässt. Dies wirkt allerdings im harten Kontrast zu der kopflosen Herumgerenne auf der Leinwand, seltsam unaufgeregt. Vielleicht hat man ähnliches schon zu häufig gesehen, vielleicht ist die Botschaft zu dick aufgetragen: Die eigenen Gier lässt den Menschen, am Ende alles verlieren und nackt und beschämt dastehen. Der Autor der Vorlage, Michail Bulgakow, gilt als großer Satiriker der russischen Literatur. Von der feinen Satire ist hier nicht viel zu merken. Aber vielleicht kennen wir auch heutzutage die Mechanismen der Macht zu genau, um den bösen Witz der Geschichte noch als ebensolchen wahrzunehmen. Denn wir wissen ja mittlerweile, dass die Wahrheit häufig noch viel absurder als die Persiflage ist.

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In der freien Bearbeitung des Roman-Klassikers wechseln ruhige Sequenzen oftmals unvermittelt mit groben Klamauk. Ugo Tognazzi ist eine ideale Besetzung für den nachdenklichen, für seine freie Meinungsäußerung kämpfender Theater-Autor. Handwerklich hervorragend, wirkt Aleksandar Petrović Film heute manchmal etwas zahm.

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Die DVD-Umsetzung ist recht anständig geraten. Manchmal wirkt das Bild allerdings etwas blässlich und es kommt zu einem leichten Flackern der Farben. Dies zieht sich aber nicht durch den gesamten Film, sondern ist nur an einigen wenigen stellen zu bemerken. Neben der guten deutschen Synchronisation, befindet sich noch die italienische Sprachfassung mit auf der DVD. Da hier aber bis auf Tognazzi alle Schauspieler nachsynchronisiert wurden, kann man auch mit ruhigem Gewissen die deutsche Fassung anschauen. Was Extras angeht ist die DVD leider nur sehr schwach mit einer Bildergalerie und einem Trailer ausgestattet. Das beiliegende Booklet kann ich leider nicht beurteilen, da mir dieses nicht vorlag.

Blu-ray Rezension: “Der Mann mit den Röntgenaugen“

Von , 4. November 2015 21:31

mannaugenDr. Xavier (Ray Milland) hat ein Serum entwickelt, mit dessen Hilfe die Sehkraft des menschlichen Auges gesteigert wird. Beaufsichtigt von seinem Freund Dr. Brant (Harold J. Stone) testet er das Mittel im Selbstversuch. Dieser ist ein voller Erfolg. Schon bald kann Xavier sogar durch Gegenstände hindurchsehen. Als Xavier immer exzessiver das Serum nutzt, versucht Brant ihn von weiteren Versuchen abzuhalten. Bei einem Streit, stößt Xavier seinen Freund versehentlich durch ein Fenster in den Tod. Xavier flüchtet und versteckt sich als Wahrsager Dr. Mentalo auf einem Jahrmarkt…

Regisseur Roger Corman hält „Der Mann mit den Röntgenaugen“ für seinen besten Film. Eine Haltung, die man durchaus diskutieren kann, schließlich ist der Mann auch für „Satanas – Schloss der blutigen Bestie“ verantwortlich. Unstrittig dürfte aber sein, dass „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zu den allerbesten Film des King of the Bs zählt. Wofür, neben einem starken Drehbuch und innovativen Kameraeffekten, vor allem Hauptdarsteller Ray Milland verantwortlich ist. Milland ist einer der großen, aber heutzutage leider immer etwas unterschätzten Hollywood-Stars. Wer sich an „Der unheimliche Gast“ oder seine Glanzleistung in Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“ erinnert, kann kaum verstehen, weshalb dieser Mann, der sowohl eleganten Esprit, als auch tiefste Verzweiflung gleich überzeugend auszudrücken vermochte, es nie ganz in den heute gültigen Hollywood-Pantheon geschafft hat. Und das, obwohl er nach „Verlorenes Wochenende“ zu den bestbezahltesten Schauspielern Hollywoods gehörte. Vielleicht war es sein normales Aussehen – welches allerdings, wie in „Bei Anruf Mord“, durchaus auch dämonisch daherkommen konnte. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass er sich in den 50er Jahren zunehmend auf die Arbeit hinter der Kamera konzentrierte. Anfang der 60er adelte er das Reich der B-Filme mit seinen beeindruckenden Auftritten in drei Roger-Corman-Produktionen. Neben der Poe-Verfilmung „Lebendig begraben“, waren dies der hier besprochene Film und „Panik im Jahre Null“, welchen er auch selber inszenierte. In den 70ern wurde zu einem Relikt aus einer anderen Zeit, mit dessen Namen sich viele preisgünstige Produktionen gerne schmückten. Aber auch in größeren Produktionen trat er hin und wieder in kleinen Nebenrollen auf. Heute sind es neben „Bei Anruf Mord“ und dem grandiosen „Verlorenen Wochenende“ gerade die Corman-Produktionen, an die man sich bei seinem Namen erinnert.

In „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zeigt Ray Milland noch einmal die ganz Palette seines Könnens. Sein Dr. Xavier ist ein Getriebener seines Forschungsdrangs. Den von ihm versehentlich herbeigeführten Tod seines besten Freundes, quittiert er mit einem Blick, der sagt „Schade, ist aber so“. Gleichzeit kann Milland aber auch glaubwürdig die spitzbübische Freude zeigen, wenn er die netten Nebeneffekte seiner Erfindung entdeckt – ebenso wie die tiefe Verzweiflung und Lebensmüdigkeit, wenn er sich aus der Umklammerung seiner Fähigkeiten nicht mehr lösen kann. Mit Milland kann man also ebenso sehr Mitleid haben, wie man seine wissenschaftliche Kaltschnäuzigkeit, die an Herzlosigkeit grenzt, verabscheuen kann. Doch ein Bösewicht im klassischen Sinne ist Xavier nicht. Tatsächlich will Xavier Gutes für die Menschheit tun, und dabei gleichzeitig zu beweisen, was für ein brillanter Kopf er doch ist. Xavier ist nicht wirklich gut, nicht wirklich böse. Das verleiht diesem Charakter seine Tiefe. Milland erkennt dies und macht Xavier zu einer der interessantesten Gestalten des klassischen Science-Fiction-Films.

Am Ende ist es Xaviers Stolz und seine Gier nach Anerkennung, die sei Schicksal besiegelt. Niemand hat ihn gezwungen, das Mittel an sich selbst auszuprobieren. Den unglücklichen Tod seines besten Freundes hätte er verhindern können, wenn er nicht so starrsinnig gewesen wäre. Und wenn seine Tarnung am Ende auffliegt, so liegt es auch wieder nur daran, dass er sich nicht zurückhalten konnte und anfing mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten zu prahlen. Der Film erzählt also die klassische Geschichte eines begnadeten Mannes, der das Gute will und am Ende über die eigene Eitelkeit stolpert. Roger Corman erzählt Xaviers Tragödie in drei Akten. Im ersten Akt lernen wir Xavier als (über)ambitionierten, enthusiastischen Wissenschaftler kennen, der sich über die Konsequenzen seines Tuns nicht im Klaren ist. Xavier ist selbstsicher und arrogant. Im zweiten Akt lernen wir einen ganz anderen Xavier kennen. Die vorangehenden Ereignisse haben ihn zu einem verbitterten, zynischen Menschen gemacht. Abgestiegen zu einen billigen Jahrmarktsattraktion, die sich ohne großen Widerstand einem kleinen Gauner manipulieren lässt. Im dritten Akt dann das letzte Aufbäumen. Xavier sieht seine Chance gekommen, dem Dreck und Elend den Rücken zu kehren, und wieder in der besseren Gesellschaft anzukommen. Sich ein Stück Normalität in seiner anormalen Situation zu erkämpfen. Sein Anker ist die junge Frau, die sich in ihn verliebt hat. Doch wieder sind es seine Gier nach Bewunderung, die zur endgültigen, persönlichen Katastrophe führen.

Neben Millands brillanter Darstellung tragen noch weitere Faktor dazu bei, aus „Der Mann mit den Röntgenaugen“ einen Klassiker seines Genres zu machen. Wie die wunderbare, sich auf unheimliche Weise in die Gehörwindungen schleichende Musik von Lex Baxter. Auch die Titelsequenz, in der minutenlang ein blutiger Augapfel zu sehen ist, dürfe dem Publikum damals schlaflose Nächte bereitet haben. Möglicherweise liegt hier auch der Grund darin zu sehen, warum der Film zu seiner Entstehungszeit keinen deutschen Verleih fand. Trotz Ray Milland und den Erfolgen von Cormans Poe-Filmen. Oder war Film den Verleihern hierzulande zu ernst, zu düster? Ein ähnliches Schicksal erfuhr ja auch Hammers Juwel „Sie sind verdammt“, welches ich hier erst kürzlich vorstellte. Im Falle von „Der Mann mit den Röntgenaugen“ mussten die deutschen Zuschauer sogar bis 1979 warten, bis der Film in der ARD seine Deutschland-Premiere erlebte.

Um so schöner, dass der Film hier nun als Blu-ray erschienen ist. Nachdem er bereits in Anolis Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“ als DVD erschienen ist, liefert Anolis nun die HD-Variante nach. Und das Ergebnis ist durchaus beeindruckend. Die Farben sind kräftig, das Schwarz wirklich tiefschwarz und insbesondere die Titelsequenz wird fast schon plastisch. Manchmal ist das Bild fast schon zu klar, wodurch einige Effektszenen plötzlich sehr deutlich als sehr simple Kameratricks zu entlarven sind. Doch dies tut der Freude keinen Abbruch. Schade ist es allerdings, dass die wunderbaren und vielzähligen Extras der DVD-Fassung nicht mit auf die Blu-ray gepackt wurden. Vermutlich um die Exklusivität der „Rückkehr der Galerie des Grauens“ zu wahren und die Käufer der nicht gerade preisgünstigen DVD nicht zu verärgern. So befinden sich auf der Blu-ray unter „Extras“ dann auch nur zwei Trailer und eine Bildgalerie. Der Mono-Ton liegt in klar verständlichem Englisch und in einer guten TV-Synchronisation mit bekannten Sprechern vor.

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