Mein persönlicher Jahresrückblick 2012

Von , 27. Dezember 2012 20:32

Alle Jahre wieder heißt es kurz vor Silvester innehalten und das Jahr Revue passieren lassen. Was war gut, was war schlecht. Ich selber kann sagen: Sehr viel war gut, nur weniges schlecht. In der Tat war 2012 für mich ein sehr schönes und erfolgreiches Jahr, voller schöner Erinnerungen.

Der Blog läuft ausgesprochen gut und findet immer mehr Leser, was mich sehr freut. Dabei hat vielleicht auch geholfen, dass er zweimal in der Zeitung auftauchte. Insgesamt bin ich mit der Entwicklung zur Zeit mehr als zufrieden. Nur die Interaktion mit den Lesern könnte etwas mehr sein. Aber darüber beklage ich mich ja jedes Jahr. Also, Feedback und Kommentare sind ausdrücklich erwünscht. 🙂

Ein persönliches Highlight war sicherlich zunächst einmal das dritte Deliria-Italiano-Forentreffen, welches in diesem Jahr in Bremen stattfand, und bei dem ich daher weitaus mehr als bei den vorherigen involviert war. Umso mehr freut es einen dann, wenn alles wie am Schnürchen läuft und man überall glückliche Gesichter sieht. Überhaupt war es wieder eine große Freude, die Leute vom Deliria-Italiano-Forum wiederzusehen. Ein wirklich sympathischer und begeisterungsfähiger Haufen, den ich nicht missen möchte.

Dann gab es ja aber auch noch das Phantastival, das ich zusammen mit Alfred und Stefan auf die Beine gestellt habe. Auch ein absolutes Highlight für mich und ein großer Spaß.  Vier tolle Tage mit großartigen Menschen! Da freue ich mich schon auf eine mögliche Wiederholung im nächsten Jahr.

Ferner geht nun das erste Jahr „Weird Xperience“ zu Ende. Morgen wird es das letzte Mal auf dem alten Platz um 22:30 Uhr eine Vorstellung mit Einführung geben. Ab nächstes Jahr sind wir dann sonntags um 18:00 Uhr auf Sendung. Da  bin ich schon gespannt, wie sich das auf die Besucherzahlen auswirkt. Gerade in der zweiten Hälfte des Jahres ließen diese ja etwas nach. Trotzdem, ich fand jeden Abend schön und hoffe sehr, dem Publikum hat es ebenso viel Spaß gemacht, wie Stefan und mir, sich den „merkwürdigen Erfahrungen“ hinzugeben.

Als viertes war dann noch das Internationale Filmfest in Oldenburg, welches auch wieder ein schönes Happening mit vielen netten Leuten war. Mir macht es wirklich von Jahr zu Jahr mehr Spaß.

Und da sind dann natürlich auch noch die Filme. Was wäre ein Jahresrückblick ohne die obligatorischen „Bestenlisten“. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass es sich bei den nun folgenden „Top“-Listen natürlich NICHT um die besten Filme des Jahres handelt. Dafür habe ich a) zu viel verpasst und b) bin ich dieses Jahr besonders subjektiv bei der Bewertung.

Zwei Regisseure habe ich 2012 für mich entdeckt, auf deren weitere Werke ich extrem gespannt bin:  Nicolas Winding Refn und Quentin Dupieux, die es beide sowohl in die Kino-, als auch in die Neu-/Wiedergesehen-Liste ganz nach oben geschafft haben.

Los geht’s:

Mein Top 10-Kinofilme:

Hugo Cabret

1. Hugo Cabret (Martin Scorsese) – Ein zauberhafter Film über die Liebe zum Kino und zum Geschichtenerzählen. Ein endlich mal großartiger Einsatz von 3D und eine magische Atmosphäre. Ein Kinderfilm für große Kinder.

2. Drive (Nicolas Winding Refn) – Ein Film, der mich quasi in die Leinwand gesaugt hat. Perfekt in der Inszenierung, gradlinig, schnörkelos und mit einem genialen Soundtrack.

3. Wrong (Quentin Dupieux) – An diesem Film ist alles falsch und das macht ihn so großartig. Urkomischer Surrealismus, wie ich ihn liebe. Hier steht weiter unten was drüber.

4. Moonrise Kingdom (Wes Anderson) – Ähnlich wie “Hugo” eigentlich ein Kinderfilm. Und gleichzeitig schön nostalgischer Wes-Anderson-Quatsch mit einem Soundtrack zum Verlieben. Ganz großes Nostalgiekino über eine Vergangenheit, die es so nie gab, aber hätte geben sollen.

5. A torinói ló (Béla Tarr) – 2,5 Stunden mit nur 30 Einstellungen, schwarz-weiß, monotone Musik, es passiert fast nichts und die täglichen Handlungen (wie Anziehen, Essen, Kochen, Wasser holen) werden in aller Ausführlichkeit wieder und wieder gezeigt. Schwere Kost, die sich aber lohnt, denn hat man die 2,5 Stunden überstanden und haben sich die apokalyptischen Bilder im Hirn festgesetzt, kann man sich ihnen nicht mehr entziehen und der Film fängt an zu wachen und zu wachsen, bis er das ganze Hirn ausfüllt. Hypnotisch trifft es wohl ganz gut.

6. Holy Motors (Leos Carax)- Auf Platz 6, weil ich bisher noch nicht weiß, was das eigentlich war… und es mir einfach nicht aus dem Kopf geht.

7. Skyfall (Sam Mendes)– Bond is back. Review hier

8. Onna no kappa (Shinji Imaoka) – Der Beweis, dass man mit etwas Fantasie und Respektlosigkeit, einer abgedrehten Geschichte und toller Musik auch für sehr wenig Geld einen tollen Film machen kann. Nicht perfekt, aber sehr sympathisch.

9. Cabin in the Woods (Drew Goddard) – Ist zwar nicht das Meisterwerk, das so mancher herbei schreiben möchte, aber ein sehr gelungener und intelligenter Genrefilm. Review hier.

10. The Dark Knight Rises The Avengers (Christopher Nolan / Joss Whedon)– So müssen Mainstream-Comicverfilmungen heute aussehen. Reviews hier und hier

 

Top 10 – DVD-Premieren (draufklicken, dann geht es zu meiner Review)

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1. Shame (Steve McQueen)
2. Ichimei (Takashi Miike)
3. Rampart (Oren Moverman)
4. Svinalängorna (Pernilla August)
5. Sons of Norway (Jens Lien) – Review folgt
6. Twixt (Francis Ford Coppola)
7. V/H/S (Diverse)
8. The Hunter (Daniel Nettheim)
9. Livide (Alexandre Bustillo & Julien Maury)
10. Doomsday Book (Jee-woon Kim & Pil-Sung Yim)





 

Top 10 Dokumentationen

Searching-For-Sugarman

  1. Searching for Sugar Man (Malik Bendjelloul, 2012) – Feel-Good-Movie of the Year. Absolute Empfehlung!!!
  2. Kovasikajuttu (Jukka Kärkkäinen & Jani-Petteri Passi, 2012)
  3. Woody Allen: A Documentary (Robert B. Weide, 2012)
  4. Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher (Dominik Wesseley, 2008)
  5. Bébé(s) (Thomas Balmès, 2010)
  6. Der andere Blick (Johanna Heer & Werner Schmiedel, 1991)
  7. Machete Maidens Unleashed! (Mark Hartley, 2010)
  8. Schlock! The Secret History of American Movies (Ray Greene, 2001)
  9. Corman’s World: Exploits of a Hollywood Rebel (Alex Stapleton, 2011)
  10. Christopher Lee – Gentleman des Grauens (Oliver Schwehm, 2010)

 

Top 10 Wieder- oder Neugesehen

Valhalla-Rising

1. Valhalla Rising (Nicolas Winding Refn, 2009)  – Wow, was für ein Monster von einem Film. Pure Hypnose, Bildgewaltiges Minimalkino, ein Tritt in den Magen, ein merkwürdiger Traum. Das alles und noch viel mehr. Meisterwerk.

2. Picnic at Hanging Rock (Peter Weir, 1975)  – Noch ein Meisterwek. Wunderschöner Film und kreuzunheimlich, obwohl.. tja.. was passiert da eigentlich? Ganz weit oben in meiner Gunst gerutscht.

3. Sanatorium pod klepsydra (Wojciech Has, 1973) – Meisterwerk, die Dritte. Wer eine stringente, leicht nachzuvollziehende Handlung bevorzugt, den möchte ich hier eindrücklich warnen. Alle Szenen reihen sich völlig assoziativ aneinander und folgen eine absoluten Traumlogik. Um alles zu erfassen oder auch nur ansatzweise zu verstehen, braucht es sicherlich mehrere Sichtungen. Aber was für Bilder! Was für ein Sound-Design! Was für eine im wahrsten Sinne des Wortes „traumhafte“ Stimmung!

4. Spalovac mrtvol (Juraj Herz, 1969)- Grandioser „New Czech Wave“-Film. Kameraarbeit, Schnitt (!), Musikuntermalung, Schauspieler.. alles perfekt.

5. Incident at Loch Ness (Zak Ness)- Großartige „Mockumentary“ mit Werner Herzog, der auch das Drehbuch mitgeschrieben und produziert hat. Hier ist die Grenze zwischen Wahrheit und Unsinn wirklich sehr schmal. Gleichzeitig ein intelligenter Kommentar auf die Verlässlichkeit des Erzählens und Werner Herzogs Methode der „Ekstatischen Wahrheit“.

6. Rubber (Quentin Dupieux, 2010)-  Telekinetische Killer-Reifen, dazu mindestens zwei Metaebenen und vielerlei merkwürdiges, wirres Zeugs, das in einem unglaublich gemächlichen Tempo abgespielt wird. Worum es eigentlich geht? „No reason“!

7. Rekopis znaleziony w Saragossie (Wojciech Has, 1965)- Drei Stunden Geschichten in Geschichten in Geschichten. Visuell extrem beeindruckend, und das verschachtelte, erzählerische Labyrinth zieht einen immer tiefer in den Bann, bis man fast gar nicht mehr aus dem Film herausfindet.

8. Essential Killing (Jerzy Skolimowski, 2010)–Ähnlich radikal minimalistisches Kino wie „Valhalla Rising“, hier allerdings ganz der Vorwärtsbewegung unterworfen.

9. Mais ne nous délivrez pas du mal (Joël Séria, 1971)- Ein böser Film aus Frankreich. Review hier.

10. Shin jingi no hakaba (Takashi Miike, 2002)- Die Miike-Version des Yakuza-Klassikers „Graveyard of Honor“  von 2002. Hält sich von der Story her relativ eng ans Original, holt es aber ins neue Millennium. Grandioser Film über ein Arschloch, von dem man eigentlich von Anfang an hofft, dass ihm jemand endlich eine Kugel in den nutzlosen Schädel jagt.

 

Worst 8 (draufklicken, dann geht es zu meiner Review)

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1. Arheo (Jan Cvitkovic)
2. Legendary Amazons (Frankie Chan)
3. Piranha 3DD (John Gulager)
4. Battleship (Peter Berg)
5. Guitar Men: The Darkest Secret of Rock’n Roll (Thomas Wind) – Die richtigen Zutaten sind alle da, aber die Inszenierung macht leider alles falsch. Sehr, sehr schade.
6. Snow White and the Huntsman (Rupert Sanders)
7. John Carter (Andrew Stanton)
8. Machete (Robert Rodriguez) – Weniger wäre mehr gewesen… und wenn sie dieses widerliche „Hach, bin ich ein cooler Film“ weg gelassen hätten auch. Potential ist nämlich da, wird aber komplett durch den computeraminierten Schornstein geblasen.



Die größte Enttäuschung:

Prometheus (Ridley Scott)

Das Ende der gedruckten „Splatting Image“ und ziemlich viel Nostalgie

Von , 23. Dezember 2012 15:15

SI 92Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Hinweis darüber schreiben, dass die von mir sehr geschätzte „Splatting Image“ ab der nächsten Ausgabe nicht mehr gedruckt, sondern nur noch digital als PDF verschickt wird. Herausgekommen ist aber ein nostalgischer Trip in meine Vergangenheit, in der die „Splatting Image“ immer eine große Rolle gespielt hat und für 15 Jahre eine der Konstanten meiner Filmliebhaberei war. Lange habe ich überlegt, ob ich den daraus entstandenen Text online stelle, aber ich denke, der 4. Advent ist eine gute Zeit für nostalgische Besinnlichkeit und ein wenig Sentimentalität. Ich lasse den langen Text mal ganz bewusst eingeklappt. Wen es interessiert, der kann jetzt gerne auf „Weiter lesen“ drücken.

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DVD-Rezension: “Blood Letter – Schrift des Blutes”

Von , 22. Dezember 2012 12:28

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Tran Nguyen Vu überlebt als Kind das Massaker an seiner Familie durch die Königinmutter Tuyen Tu Hoang. Er wächst bei einem Mönch auf, der ihm die Kunst des Kampfes beibringt. Als Nguyen Vu die Wahrheit über das Schicksal seiner Familie erfährt, beschließt er sich zu rächen. Zu selben Zeit machen Gerüchte über die Existenz eines Blutbriefes die Runde. Geschrieben wurde dieser von einem sterbenden Eunuchen des Palastes, und sein brisanter Inhalt würde Tu Hoang kompromittiert und vom Thron stoßen. Nguyen Vu macht sich zusammen mit der Kämpferin Hoa Xuan auf, den Blutbrief zu finden. Doch auch andere Parteien sind bereits auf der Suche und kennen keine Skrupel, um ihr Ziel zu erreichen…

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Blood Letter“ wird als erstes großes Martial-Arts-Epos aus der Volksrepublik Vietnam angepriesen. Tatsächlich scheint es die erste große, und für vietnamesische Verhältnisse recht hoch budgetierte, Produktion aus dem asiatischen Land zu sein. Vietnam ist nun nicht gerade für seine Filmindustrie berühmt. Vielleicht gingen die Macher dieses Filmes deshalb auf Nummer Sicher und orientierten sich deutlich an dem, was aus den international erfolgreichen asiatischen Filmländern Hongkong/China, Südkorea oder sogar Taiwan kommt. Ein eigenständiges Flair besitzt „Blood Letter“ nämlich leider nicht. Im Gegenteil, statt auf eine innovative Geschichte zu setzen, werden vor allem Standards aus Filmen wie „Hero“, „House of Flying Daggers“ oder „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ kopiert. So hat man vor allem das Gefühl, all das schon tausendmal gesehen zu haben. Allein die beeindruckende vietnamesische Landschaft erinnert daran, dass dieser Film eben nicht aus einem der oben genannten Länder kommt.

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Die durch zahlreiche Nebencharaktere unnötig verkomplizierte, aber an sich recht simple, Rachegeschichte ist ein alter Hut. Diese leidet außerdem zu Beginn noch darunter, dass in einem mythischen Prolog so schlechte CGI – und Spezialeffekte eingesetzt werden, dass man am liebsten erschrocken den Aus-Knopf drücken möchte. Danach läuft die Geschichte dann aber wieder auf altbekannten Bahnen weiter und verzichtet erst einmal auf solche technische Sperenzchen. Leider schafft es Hauptdarsteller Huynh Dong dabei aber, zu keiner Zeit echtes Charisma zu entwickeln. Er wirkt dafür zu brav und uninteressant. Seine beiden weiblichen Mitspielerinnen machen ihre Sache nur geringfügig besser, wobei zumindest die junge Midu in der Rolle einer jungen, rachesuchenden Schwertkämpferin, neben einem gewissen Nervfaktor, auch ein sehr süßes Aussehen mitbringt. Heimlicher Star des Filmes ist der (leider trotz intensiver Recherche im Internet namenlos gebliebene) Darsteller des bösen Schurken. Der glatzköpfige und durch eine Narbe im Gesicht entstellte Handlanger der bösen Königin ist ein echtes Highlight. Jederzeit bedrohlich und von einer geierhaften Aasigkeit, stiehlt er dem Helden locker die Schau. Jeder Auftritt dieses – irgendwie an Darth Maul aus „Star Wars: Episode 1“ erinnernden – Bösewichts ist von exquisiter Gefährlichkeit. Alle andern Nebendarsteller spielen solide, ohne großartig zu glänzen.

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Während andernorts vor allem die von Johnny Tri Nguyen choreographierten Kampfszenen gelobt werden, fand ich diese doch eher enttäuschend. Zum einen sieht man deutlich, dass die Darsteller nicht aus dem „Genre“ stammen und ihre Bemühungen leicht ungelenk wirken, andererseits wird aber auch übermäßig häufig versucht, diesen Makel durch einen unverhältnismäßigen Einsatz von Seilen, erhöhter Geschwindigkeit und Computertricks zu kaschieren. Natürlich wirken einige dabei entstandene Bilder dynamisch, z.B. wenn der Getroffene nach einem Schlag, wie in einem Zeitlupen-Ballett durch die Luft segelt. Andererseits fehlt den Kämpfen aber auch jede Bodenhaftung und sie wirken nicht spielerisch leicht, wie z.B. ihr chinesisches Pendant. Die Regie unternimmt auch gar nicht erst den Versuch, die Figuren so wirken zu lassen, als ob sie tatsächlich meterhoch durch die Luft springen könnten. Es sieht ganz einfach nach dem aus, was es ist: Menschen, die an einem Seil durch die Luft gezogen werden. Leider gilt dieses Manko auch für viele teurere Produktionen aus China und Südkorea, und man sehnt sich doch sehr danach, endlich mal wieder einem echten Kampf-„Künstler“ bei der Arbeit zusehen zu können. Dazu muss man aber wohl nach Thailand ausweichen, wo ein Tony Jaa gerade durch die beeindruckende Echtheit seiner Kämpfe Furore macht.

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Das erste große Martial-Arts-Epos aus Vietnam bewegt sich auf ausgetretenen Pfaden. Innovationen oder einen eigenständigen Stil sucht man vergebens. Dafür kann der Film mit einem hervorragenden Schurken und der eindrucksvollen vietnamesischen Landschaft punkten.

Das Bild der Splendid-DVD ist ein Tick schlechter als bei anderen Produktionen, was aber einerseits am Ausgangsmaterial liegen dürfte und andererseits immer noch sehr gut ist. Die Synchronisation ist gewohnter Standard. Extras sucht man (bis auf den Trailer) allerdings vergeblich.

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Das Bloggen der Anderen (21-12-12)

Von , 21. Dezember 2012 20:32

bartonfink_type2Ein letztes Mal in diesem Jahr gibt es den Blick über den Tellerrand. Da ich letzte Woche nicht dazu gekommen bin, sind diesmal auch einige ältere Artikel mit eingestreut. Dadurch ist die Liste länger als gewohnt, aber jetzt wo die Feiertage vor der Tür stehen, muss ich meinen Lesern ja auch ordentlich Futter bieten.

– Fangen wir mal mit dem Hobbit an, einem der großen Themen in der Blogsphäre. Bei den Fünf Filmfreunden haben drei der Autoren den Film in HFR und 3D gesehen und berichten von ihren Erfahrungen.  Ferner gibt es hier auch John Waters Liste der besten 10 Filme des Jahres zu bewundern. Mit Kurzkommentaren des Meisters. Ich muss sehen, dass ich endlich „Killer Joe“ gucke. „The best Russ Meyer film of the year“. Wow, wenn das keine Empfehlung ist! Und John ist scheinbar Ulrich-Seidl-Fan. Sehr sympathisch.

– Auch Thomas Groh hat den Hobbit schon gesehen und weist auf seinem Blog filmtagebuch auf seinen entsprechenden Artikel bei perlentaucher.de hin. Wobei er auch befürchtet, dass durch die neue Technik Mainstream-Blockbuster-Kino und Programmkino immer weiter auseinanderdriften.

Die seltsamen Filme des Herrn Nolte berichtet diesmal über „den besten Film, der jemals in Nürnberg gedreht wurde“. „Macho Man“ mit dem „schönen“ René Weller. Trash as trash can.

– Auf affenheimtheater werden die für 2013 geplanten Produktionen des legendären Anime-Studios Ghibli vorgestellt.

– Auf dem cargo-Blog kann man Bert Rebhandls Text zum Film „Die Vertreibung aus dem Paradies“ von Niklaus Schilling lesen, den er für den Reclam-Band „Stilepochen des Films VI: Neuer Deutscher Film“ geschrieben hat, der dort aber aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde.

– Vom Heft „SigiGötz-Entertainment“ meine ich schon mal was gehört zu haben. Da in der neusten Ausgabe das „Hofbauer-Kommando“ interviewt wurde, wird auf Eskalierende Träume auf diese Publikation hingewiesen. Klingt wirklich interessant und genau nach meiner Kragenweite. Werde ich wohl mal antesten. Zumindest weckt es in mir nostalgische Erinnerungen an die gute alte „Absurd 3000“.

– gabelingeber rüttelt auf Hauptsache Stummfilm stark am Denkmal-Sockel von Greta Garbo und kann ihrem ersten amerikanischen Spielfilm, der sie zum Star machte, nicht viel abgewinnen. Das sehe ich zwar etwas anders und mochte „Flesh and the Devil“ recht gerne und fand auch Clarence Browns Regie durchaus ansprechend, in einem Punkt muss ich ihm aber zustimmen: Schauspielern konnte die Garbo nie. Aber dafür hatte sie – meiner Meinung nach – eine magische Lernwandpräsenz.

Nachtsichtgerät bespricht einen Film von Klaus Lemke: „Die Ratte“. Habe ich noch nicht gesehen, scheint aber ein typischer Lemke zu sein und wandert mal auf die Wunschliste.

– Ich finde es immer wieder spannend, wenn Filmemacher Filme rezensieren. Christoph Hochhäusler tut dies auf seinem Blog Parallel-Film. Er hat „Lore“ von Kate Shortland gesehen und ist begeistert.

– Martin Beck hat sich das „Red Dawn“-Remake angetan und berichtet darüber auf Reihe Sieben.

– Oliver Nöding bespricht auf Remember it for later mal keine Actionware, sondern großartige Filme von Lubitsch und vor allem Preston Sturges. Exemplarisch hier die Reviews des wunderschönen „Heaven Can Wait“ von Lubitsch und „The Great McGinty“ von Sturges. Ansonsten einfach mal auch die anderen Reviews durchklicken.

– Michael Schleeh hat sich auf Schneeland mal den vierten Teil der Pinky-Violence-Reihe „Sukeban“ vorgenommen.

„Citizen Kane“ von Welles, „Herzen“ von Resnais und „Profondo Rosso“von Argento. Eine gute Mischung an Reviews hat Hoffman auf Drei Cineasten eingestellt.

L’Amore in città kümmert sich derzeit um den Italo-Western. Erst einmal ist die Frühphase 1964-66 dran. Besonders ausführlich geht Udo Rotenberg dabei auf die Filme „Django – Sein Gesangbuch war der Colt“, „Ringo kommt zurück“ (wobei mich wundert, dass er hier nicht auf die Inspirationsquelle, nämlich die “Rückkehr des Odysseus“, eingeht) und den mir vorher völlig unbekannten „Django – Schwarzer Gott des Todes“ (!?!?) aka „Starblack“ ein.

– Auf filmgazette schreibt Andreas Busche über die, meiner Meinung nach, schönste Dokumentation des Jahres: „Searching for Sugar Man“.

DVD-Rezension: “Thale – Ein dunkles Geheimnis”

Von , 20. Dezember 2012 17:46

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Die beiden Tatortreiniger Elvis und Leo werden zu einer einsamen Hütte an einem abgelegenen Waldsee gerufen, in der ein alter Mann gestorben ist. Zufällig entdecken sie im Keller der Hütte einen laborähnlichen Raum und darin eine junge Frau. Diese scheint die Fähigkeit zu sprechen verlernt zu haben und weist ein animalisches Verhalten auf. Während Elvis und Leo auf Hilfe aus der Stadt warten, kommen sie Stück für Stück hinter die Geschichte der jungen Frau.

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Skandinavische Filme haben bei mir seit jeher einen Stein im Brett. Von daher war ich sehr auf den norwegischen „Thale“ gespannt, den wir auch gerne für unser Phantastival Bremen im November gehabt hätten. Leider haben wir ihn nicht bekommen, was sehr schade ist, denn er hätte wirklich gut in unser Programm gepasst. „Thale“ ist ein Low-Budget-Streifen, was man schon daran erkennt, dass der Name des Regisseurs, Aleksander Nordaas, im Abspann gleich zig Mal auch bei anderen Positionen auftaucht. Es ist dem Film aber auch so anzusehen, dass wenig Geld zur Verfügung stand, wenn auch das Beste daraus gemacht wird.

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Manchmal leidet „Thale“ allerdings etwas darunter, dass sein junger Regisseur zu viel auf einmal wollte. Einige Plotwendungen am Ende wären nicht unbedingt nötig gewesen, denn das Kammerspiel, welches sich in den ersten zwei Dritteln zwischen den beiden Tatortreinigern und dem geheimnisvollen Mädchen entspinnt, hätte völlig ausgereicht. So wird aber noch das Feld der Verschwörungstheorien beackert, was eigentlich überflüssig ist. Dass die ersten beiden Drittel so gelungen sind, liegt vor allem an den starken männlichen Protagonisten. Während Elvis als kleines Sensibelchen der nominelle Held der Geschichte ist, wird ihm dieser Rang doch sehr bald durch den lakonischen und äußerst praktisch veranlagten Leo abgelaufen. Der von Jon Sigve Skard gespielte Leo ist dann auch der eigentliche Star des Filmes. Mit seiner trockenen Art lässt er sich nie aus der Ruhe bringen, pragmatisch erledigt er die Dinge, die zu tun sind und macht dabei nicht viele Worte. Dadurch wirkt er weitaus interessanter als der sensible Elvis. Wobei Erlend Nervold seine Sache auch nicht schlecht macht. Ganz im Gegenteil. Man wünscht sich förmlich, dass dieses Duo nicht auseinander gerissen wird, und es wäre schön, würde man diesen beiden Tatortreinigern in Zukunft in einer ganz anderen Geschichte wieder begegnen. Silje Reinåmo in der Titelrolle hat es da schwer, sich durchzusetzen. Zwar besitzt sie als wildes Mädchen eine gewisse animalische Ausstrahlung, legt ihre Rolle aber ab und zu doch zu nahe am Klischee an. Trotzdem weiß diese interessant anzusehende Schönheit allein durch ihre physische Präsenz zu gefallen. Auf alle weiteren Charaktere könnte man leicht verzichten.

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Aleksander Nordaas lässt sich Zeit. Langsam baut er seine Geschichte und deren Charaktere auf. Nichts wirkt hier gehetzt, und gerade durch das eigentlich Unspektakuläre bezieht der Film seine Glaubwürdigkeit. Die Spannung entsteht nicht durch Effekte oder spektakuläre Horroreinlagen, sondern daraus, wie die Figuren mit der Situation umgehen und welches Geheimnis hinter dem Mädchen Thale steckt. Bis alle drei Charaktere schließlich tatsächlich in Gefahr geraten und der Film plötzlich erst in eine Belagerungs- und dann blitzschnell in eine Verschwörungsgeschichte umkippt, vergeht zunächst viel Zeit. Und gerade das arg gehetzte Finale mag gar nicht so recht zu der Geschichte passen, obwohl es sich durchaus aus der Story entwickelt. Am Ende bleibt der Zuschauer dann ebenso verdutzt zurück, wie die beiden Protagonisten, die das gerade Erlebte auch noch nicht so recht einordnen können.

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Die mythischen Hundra (Definition) spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl die Hundra-Abstammung der Heldin (diesen Punkt kann man ruhig verraten, da das DVD-Cover dies auch schon tut) zwar wichtig für die Handlung ist, geht Aleksander Nordaas hier nicht ins Detail – wodurch er allerdings auch einige Widersprüche in der inneren Logik seiner Geschichte produziert. Überhaupt hält sich der Regisseur nicht mit Unwesentlichem auf. Statt den Film zu strecken, lässt er ihn dankenswerterweise nach 75 Minuten enden. Mehr hätte das Drehbuch nämlich auch nicht hergegeben und der Versuch weitere Minuten zu schinden, wäre unweigerlich nach hinten losgegangen.

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Die Low-Budget-Herkunft offenbart sich insbesondere bei den Effekten, die leider recht unprofessionell daherkommen. Die deutlich aus dem Computer stammenden Hundra mit ihren seltsamen, an ein PC-Spiel erinnernden, Bewegungen, sind da noch das geringste Übel. Irritierender wirken da einige dahingerotzte CGI-Pyro-Effekte am Ende. Diese Schwachpunkte werden allerdings durch eine gute Kameraarbeit unter Einbeziehung der norwegischen Wälder wieder ausgeglichen.

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Der leichtfüßige norwegische Fantasy-Horror-Mystery-Film „Thale“ besticht vor allem durch seine sympathischen Hauptcharaktere, wodurch man einige Schwäche im letzten Drittel gerne verzeiht. Die mysteriöse Geschichte um das seltsame Mädchen Thale ist dabei auch interessant genug, um den Zuschauer über kurzweilige 75 Minuten bei der Stange zu halten.

Die Splendid-DVD punktet mal wieder im Bereich Bild und Ton. Leider wurden aber – bis auf den Trailer – auf jegliche Extras verzichtet. Man sollte sich den Film unbedingt mit der norwegischen Tonspur ansehen, da die deutsche Synchronisation nur sehr mittelmäßig ist und darunter insbesondere die Figur des Leo leidet, die im Deutschen weit weniger lässig rüberkommt, als im Original.

Originalfassungen in Bremen: 20.12.12 – 26.12.12

Von , 20. Dezember 2012 13:46

Die Tage vor Weihnachten ist nicht viel los. Wer den „Hobbit“ schon gesehen hat (oder nicht sehen will) und keinen Faible für türkische Komödien entwickeln kann, für den sieht es mau aus. Alternativ läuft lediglich im City 46 ein britisches Liebesdrama. Das war’s.

The Hobbit: An Unexpected Journey – Cinemaxx (in 3D), Do./Sa./So./Di./Mi. um 20:30 und Fr. 19:00/23:00 in IMAX 3D, Schauburg, Mi. 26.12. um 20:30 – Da ist er nun endlich. Lange in der Planung und dann von zwei in drei Teile aufgeblasen. Peter Jacksons epische Vorgeschichte zu seinem ebenfalls epischen Herr der Ringe. Ich mag ja “Bilbo” Martin Freeman seit er den Dr. Watson in der großartigen BBC-Serie “Sherlock” gespielt hat. Sein Partner Benedict “Sherlock Holmes” Cumberbatch ist übrigens auch mit von der Partie und leiht – zumindest in der O-Fassung – dem Necromancer und Drachen Smaug seine Stimme.

Evim Sensin – Du bist mein Zuhause – Cinemaxx, Do.-Mi. 22:15 (außer Mo. da 12:15 und 15:15) – Türkisches Liebesdrama um ein ungleiches Paar, dessen gemeinsames Glück bedroht wird.

Çakallarla Dans 2: Hastasiyiz Dede! – Tanz der Schakale 2: Wir sind heiß drauf Opa – Cinemaxx, Sa., 22.12 um 22:15 – Türkische Komödie um drei Knastbrüder, die sich für ein medizinisches Experiment zur Verfügung stellen, das aus ihnen gesetzestreue Bürger machen soll.

Bana bir soygun yaz! – Schreibe mir ein Verbrechen – Cinemaxx, Do.-Sa. und Mo. um 23:15 – Türkische Komödie um einen Mann, der von seiner Freundin verlassen wird und sich unwissentlich mit einem Gangsterboss anlegt.

The Deep Blue Sea – City 46, Do.-Mi. außer Fr. und Mo. immer 20:00 – Britisches Liebesdrama von Terence Davies mit Rachel Weisz in der Hauptrolle. Eine reiche Frau lässt sich in den 50er Jahren auf eine Affaire mit einem ehemaligen Royal-Air-Force-Piloten ein, wird dabei aber auch nicht glücklich.

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Sneak Preview – Schauburg, So. 23.12. um 21:45 -> Achtung: Wegen Heiligabend einen Tag eher!

Französische Sneak Preview, Mi., 28.11. um 21:00 Uhr in der Gondel und im Atlantis

Der 15. Bremer Filmpreis geht an den Regisseur Béla Tarr

Von , 17. Dezember 2012 15:25

bela_tarrWas ich heute auf der ersten Seite des „Weser Kuriers“ erblickte, war eine große Freude für mich. Der Bremer Filmpreis 2013 geht an einen Regisseur, der seit Jahren ganz oben in meinem persönlichen Film-Pantheon sitzt: Den Ungarn Béla Tarr. Nach einem Komponisten und einer Kamerafrau jetzt also wieder ein Regisseur und dann auch noch jemand, der mir so nahe steht. Ich freue mich schon jetzt sehr auf die Preisverleihung und die Möglichkeit, Béla Tarr einmal persönlich zu erleben.

Béla Tarr macht es mit seinen Filmen den Zuschauern nicht leicht. Im strengen Schwarz-Weiß gehalten, zeichnen sie sich durch eine hypnotische Langsamkeit aus, die noch durch lange Plansequenzen unterstrichen wird. Dagegen wirken selbst Aki Kaurismäkis Werke wie Actionfilme. Oftmals folgt die Kamera viele Minuten lang den Protagonisten, die sich durch eine karge Landschaft bewegen. Darauf muss man sich einlassen und gerade deshalb sind Tarrs Filme echte „Kinofilme“. Denn hier wird man nicht abgelenkt, nur hier kann man sich in die elegischen Bilder hineinfallen lassen. Tarr versteht es dabei, eine Stimmung zu kreieren, die den Zuschauer in einen melancholischen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit versetzt und eine Welt offenbart, die sich ebenfalls in diesem irrealen Zustand befindet. Damit steht Tarr abseits von allem Mainstream, ja bildet quasi einen Gegenpol dazu. Seine Filme sind lang, bestehen aber nur aus wenigen Einstellungen. Oftmals gehen Kamerafahrten über zehn Minuten. Sein Film „Satantango“ ist mit über sieben Stunden einer der längsten Spielfilme aller Zeiten, besteht aber aus gerade einmal 150 Einstellungen. Mal zum Vergleich, ein herkömmlicher Actionfilm hat mehr als 12 Einstellungen pro Minute.

Béla Tarr wurde 1955 in Pécs geboren. Nach einer Phase, die vom Sozialistischen Realismus geprägt war, änderte sich ab 1982 sein Stil und seine Filme erinnerten von nun an mehr an das Kino Andrej Tarkovskis, wobei Tarr selber Fassbinder und Bresson als seine Einflüsse angibt. Mit seinem international ersten großen Erfolg „Damnation“ (1988) vervollkommnte er diesen Stil. Seitdem arbeitet er regelmäßig mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai zusammen und adaptierte in der Folge zwei weitere von dessen Romanen („Satantango“ und „Werckmeister Harmonies“). Danach war Krasznahorkai auch an den Drehbüchern von „Man from London“ und „Turin Horse“ beteiligt. Auch andere Mitarbeiter tauchen in der Folge regelmäßig auf, wie Mihály Víg (Musik), Gyula Pauer (Set- und Kostümdesign), Gábor Medvigy (Kamera) sowie Tarrs Ehefrau Ágnes Hranitzky (Schnitt und Ko-Regie).

Mit „Werckmeister Harmonies“ (2000) schuf er meines Erachtens sein Meisterwerk. Ein unwirklicher, aus Zeit und Raum gefallener Film, der wie die bösen Nachwehen eines merkwürdigen Traumes wirkt. Irgendwo zwischen magischem Realismus und Surrealismus. Seinen kommerziellsten Film drehte Tarr 2007 als französisch-ungarisch-deutsche Co-Produktion, eine – für Tarrs Verhältnisse mit 135 Minuten relative kurze – Verfilmung des Georges-Simenon-Thrillers „The Man from London„. Doch die englischsprachige Produktion mit Tilda Swinton wurde durch viele Schwierigkeiten behindert. So führte der Selbstmord des französischen Produzenten dazu, dass die Dreharbeiten für fast ein Jahr unterbrochen werden mussten. Als er bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere hatte, wurde er zwiespältig aufgenommen. Vielleicht lag es am Sujet, und damit verbundenen falschen Erwartungshaltungen, aber viele Kritiker fanden den Film zu langatmig und langweilig.

2011 drehte Tarr seinen letzten Spielfilm, „The Turin Horse„. Eine 2,5-stündige, apokalyptische Vision, die sich allein um einen alten Mann und seine Tochter dreht, die in einer sterbenden Welt ihren täglichen Ritualen nachgehen. Abgesehen von einer Gruppe Flüchtender und einem Nachbarn, tauchen keine anderen Menschen auf. Der Film ist extrem minimalistisch und nimmt sich viel Zeit, die Rituale der beiden in aller Deutlichkeit zu zeigen. Das kann sehr anstrengend sein, zieht einen aber unterstützt durch die Musik von Mihály Víg tief hinein in eine trostlose, kalte Welt ohne Hoffnung. „Turin Horse“ ist ein Film, den man sich förmlich erarbeiten muss. Er kann dabei auf den Zuschauer faszinierend oder sterbenslangweilig wirken. Wer sich aber darauf einlassen kann, der wird mit einer intensiven, emotionalen Erfahrung belohnt. Obwohl „Turin Horse“ viele Preise gewann, blieb Tarr bisher bei seiner Ankündigung, dass dies sein letzter Film gewesen wäre.

bela_tarr2Leider sind Béla Tarrs Filme bisher nicht in Deutschland für das Heimkino erhältlich. Hier muss man nach England ausweichen, wo „Damnation“, „Satantango“, „Werckmeister Harmonies“ und „Man from London“ beim Arthouse-Label Artifical Eye auf DVD erschienen und günstig zu haben sind. Vielleicht ist Tarr einfach zu sperrig und unkommerziell für die Marketingpläne deutscher Verleihe, was allerdings seltsam ist, denn schließlich wurden viele seiner Filme auch mit deutschem Geld und deutschen Schauspielern gedreht. Eines dürfte jedenfalls klar sein: Béla Tarrs Filme sind sehr speziell und definitiv nicht für jedermann.

Der 15. Bremer Filmpreis wird am Do. 17.01.2013 in der Oberen Rathaushalle verliehen.

DVD-Rezension: “Wake of Death – Rache ist alles, was ihm blieb”

Von , 15. Dezember 2012 15:14

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Der ehemalige Nachtclubbesitzer Ben Archer (Jean-Claude Van Damme) arbeitet für einige aus Marseille in die USA ausgewanderte Gangster. Doch er will raus aus dem Job, um sich mehr um seine geliebte Familie kümmern zu können. Seine Frau Cynthia (Lisa King) arbeitet bei der Immigrationsbehörde. Als eines Tages eine Schiffsladung mit Flüchtlingen aufgegriffen wird, nimmt sie sich des kleinen chinesischen Mädchens Kim an. Sie weiß aber nicht, dass diese die Tochter des mächtigen Triaden-Bosses Sun Quan (Simon Yam) ist. Der will seine Tochter zurück, und Menschenleben interessieren ihn nicht besonders…

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Wenn man bedenkt, wie viele Regisseure und Drehbuchautoren bei „Wake of Death“ verheizt wurden, kann man sich nur wundern, dass am Ende tatsächlich ein nicht nur ordentlicher, sondern sogar richtiggehend guter Film herausgekommen ist. Zunächst sollte die Hongkong-Actionfilm-Legende Ringo Lam Regie führen und der Film in Kanada gedreht werden. Doch Lam verließ nach einigen Wochen das Set. Er wurde durch den unbekannten Cess Silvera ersetzt, und die Produktion ging nach Südafrika. Nach zwei Wochen wurde Silvera dann gefeuert und Produzent Philippe Martinez übernahm. Dieser war vorher nicht unbedingt als Regisseur aufgefallen. Tatsächlich ist „Wake of Death“ erst sein zweiter Film auf dem Regiestuhl, und danach sollte nur noch ein weiterer Versuch folgen. Bis auf einige nervige Schnitt-Spielereien im MTV-Stil, macht er seine Sache aber recht gut. Das Drehbuch wurde gleich von vier Autoren zusammengeklöppelt. Was verwundert, da es nun wirklich keine innovative Geschichte erzählt, sondern eine solch altbekannte Story durchgekaut, dass man beinahe glaubt, die Dialoge mitsprechen zu können.

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Trotzdem ist das Wunder geschehen und „Wake of Death“ sticht deutlich aus der Masse der billigen Direct-to-Video-Action-Klopper hervor. Warum? Nun, einmal konzentriert sich Martinez auf die Charaktere seiner Geschichte. Er lässt sich Zeit, um sie mit Leben zu füllen und aus ihnen Menschen zu machen, die uns etwas angehen und deren Schicksal uns nicht völlig kalt lässt. Immer wieder ruht das Bild in Großaufnahme auf ihren Gesichtern. Immer wieder geht sie ganz nah ran, an die Emotionen und den Schmerz. Dabei stehen Martinez nun wirklich keine Schauspielgiganten zur Verfügung. Aber er kitzelt aus seinen Darstellern genau das heraus, was die Geschichte braucht. Nicht mehr und nicht weniger.

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Dabei überrascht insbesondere Jean-Claude Van Damme. Drei Jahre, bevor er für „JCVD“ erstmals auch in der seriösen Presse als Schauspieler wahrgenommen wurde, liefert er hier schon ein überzeugendes Portrait ab. Er trifft dabei genau die richtige Dosierung. Die Kamera vergrößert Emotionen, und gerade in seinen jungen Jahren wirkten seine Versuche, seinen Figuren Emotionen zu geben, ziemlich albern. Hier nimmt er sich einmal deutlich zurück und wird gerade deshalb glaubwürdig in seinem tiefen Schmerz, den der Tod seiner Frau in ihm hinterlassen hat. Man glaubt ihm auch seine Verzweiflung, wenn er seinen Sohn sucht, und dass ihm sein Leben als Handlanger der nach Amerika emigrierten Marseiller Mafia zum Halse heraus hängt. Ohne Van Damme als emotionales Zentrum würde der Film nicht funktionieren, und daher ist ihm seine Leistung hier hoch anzurechnen, besonders wenn man sich seine schauspielerische Limitierung vor Gesicht führt.

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Aber auch den anderen Schauspielern gelingt es, ihre Charaktere zu Menschen werden zu lassen und als interessanten Typen zu zeichnen. Insbesondere Anthony Fridjohn als Mafia-Boss und Claude Hernandez als sein Helfershelfer bleiben im Gedächtnis. Beide wirken zu gleichen Teilen sympathisch und hochgefährlich. Hongkong-Veteran Simon Yam als Bösewicht bekommt nicht so viel zu tun, wie man sich wünschen würde. Hier schlummerte weitaus mehr Potential als der Film am Ende ausschöpft. Doch in den (zu) wenigen Szenen, in denen er auftritt, weiß er auch gleich aufzutrumpfen und gibt mit Hingabe den brandgefährlichen „man-you-love-to-hate“. Dabei hilft, dass auch seiner stereotypen Figur mehr als nur eine Dimension verpasst wird. Denn er ist auch – wie Ben Archer – ein Vater, der sein Kind sucht und dabei über Leichen geht. Dies schimmert zwar unterschwellig immer wieder durch, doch diese Spiegelung wird nicht bis zur letzten Konsequenz ausgespielt.

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Eine wichtige Rolle übernimmt in „Wake of Death“ auch die Stadt. Dabei doubelt das südafrikanische Cape Town für das amerikanische Malibu. Die Stadt wird von den Kameramännern Emmanuel Kadosh und Michael Swan so eingefangen, dass sie eng und bedrohlich, ja erstickend wirkt. Überhaupt hat das Bild eine beinahe schon klaustrophobische Enge, in denen es den Figuren kaum möglich scheint, einmal richtig durchzuatmen. Selbst, wenn Ben Archer durch die Straße eines idyllischen Vorortes rennt oder sich auf dem Highway eine wilde Verfolgungsjagd liefert, gibt das Bild kein Gefühl von Weite und Offenheit, sondern scheinen die Ränder förmlich von allen Seiten ins Bild zu drücken und die Figuren in ihrer Welt einzuschließen.

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In seinen besten Momenten erinnert „Wake of Death“ an einen klassischen Film Noir. Er ist absolut gradlinig und ohne jeden Schnörkel erzählt, die Dialoge beschränken sich ganz auf die Übermittlung wichtiger Informationen (von einigen wenigen pathetischen Momenten zum Ende hin abgesehen) und „Wake of Death“ ist absolut humorlos. So schafft der Film es, trotz seiner ausgelutschten und weitgehend vorhersehbaren Geschichte, das Interesse des Zuschauers jederzeit aufrecht zu erhalten. Die Actionszenen sind kurz, knackig und teilweise recht spektakulär, Hilfe von CGI konnte ich dabei nirgendwo ausmachen. Einige Szenen sind von geradezu schmerzender Brutalität, was bei der Erstausgabe des Filmes zu Kürzungen von ganzen vier Minuten führte. In der mir vorliegenden „Black Edition“ ist der Film aber wieder intakt.

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Eine überraschend gelungene Direct-to-Video-Produktion. Trotz seiner bereits zu Tode erzählten Geschichte, liegt es vor allem an der Konzentration auf die Charaktere, der gradlinigen Inszenierung und einem glaubwürdigen Jean-Claude Van Damme, dass „Wake of Death“ aus der breiten Masse der Veröffentlichungen herausragt.

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„Wake of Death“ wurde bereits vor sieben Jahren von Koch Media in zwei – mal mehr, mal weniger – geschnittenen Fassungen veröffentlicht. Auch Splendid hat zwei unterschiedliche DVDs auf den Markt gebracht: Während die FSK 18-Fassung weiterhin geschnitten ist, enthält die „Black Edition“ mit „SPIO/JK“-Siegel erstmals in Deutschland den kompletten Film. Das Bild ist sehr gut, ebenso der Ton. Nur an den Extras wurde gespart. Im Gegensatz zur alten Koch-Media-DVD haben es hier bis auf den Trailer keine Extras auf die DVD geschafft.

Originalfassungen in Bremen: 13.12.12 – 19.12.12

Von , 12. Dezember 2012 16:53

Hobbit, Hobbit, Hobbit… der Kleine macht sich ganz schön breit. Wer Brasilien mag, für den gibt es im City 46 im Rahmen eines Mini-Festivals gleich drei Filme zu begutachten. Ansonsten empfehle ich ganz klar die Doku „Camp 14 – Total Control Zone“.

The Hobbit: An Unexpected Journey – Cinemaxx (in 3D), Do.-Mi. immer 20:30, Schauburg, So. 16.12. um 20:30 – Da ist er nun endlich. Lange in der Planung und dann von zwei in drei Teile aufgeblasen. Peter Jacksons epische Vorgeschichte zu seinem ebenfalls epischen Herr der Ringe. Ich mag ja “Bilbo” Martin Freeman seit er den Dr. Watson in der großartigen BBC-Serie “Sherlock” gespielt hat. Sein Partner Benedict “Sherlock Holmes” Cumberbatch ist übrigens auch mit von der Partie und leiht – zumindest in der O-Fassung – dem Necromancer und Drachen Smaug seine Stimme.

Evim Sensin – Du bist mein Zuhause – Cinemaxx, Do.-Mi. 18:00 (außer Freitag), 20:30 und 23:00 – Türkisches Liebesdrama um ein ungleiches Paar, dessen gemeinsames Glück bedroht wird.

Çakallarla Dans 2: Hastasiyiz Dede! – Tanz der Schakale 2: Wir sind heiß drauf Opa – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 23:00 – Türkische Komödie um drei Knastbrüder, die sich für ein medizinisches Experiment zur Verfügung stellen, das aus ihnen gesetzestreue Bürger machen soll.

Moskova’nin Sifresi: Temel – Moskow’s Code Temel – Cinemaxx, Fr. 14.12. um 20:30 – Türkische Komödie. Nachdem Temel im ersten Teil (Sümela’nin sifresi: Temel) einen Schatz und seine Liebste erobert hat, bekommt er es nun mit der Mafia zu tun, die ihm das Geld wieder abjagen will.

7 Psychos – Schauburg, Mi. 19.12. um 21:00 – Starbesetzte britische Komödie mit Colin Farrell, Woody Harrelson, Tom Waits, Christopher Walken und Sam Rockwell. Vom Regisseur des großartigen “Brügge sehen – und sterben?“, Martin McDonagh.

Camp 14 Total Control Zone – City 46, Do./So./Di. um 18:00 und Mo./Mi. um 20:30 – Bedrückende Dokumentation über Shin Dong-Hyuk, der 1983 als Kind zweier Häftlinge in dem nordkoreanischen Umerziehungslager Camp 14 geboren wurde. Mit 23 Jahren gelingt ihm die Flucht. Heute lebt er in Südkroea, seine Seele blieb aber im Lager zurück.

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3/Tres – City 46, Sa-Mi. immer 20:00 – Aktuelle südamerikanische Produktion aus Urugay/Argentinien/Chile. Als plötzlich im Leben eines Zahnarztes alles schief läuft, beschließt er, seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter aufzusuchen und wieder Teil ihres Lebens zu werden. Doch die sind davon nicht begeistert…

Kapitäne des Sandes – City 46, Do. 13.12. um 20:30 – Brasilianische Romanverfilmung über eine Bande Straßenkinder in den 50er Jahren.

Liebesgeschichten dauern höchstens 90 Minuten – City 46, Fr. 14.12., 20:30 – Brasilianische Komödie um einen 30-jährigen Schriftsteller mit Schreibblockade, der glaubt, seine Frau betrüge ihn mit einer Freundin. Dies wird für ihn zur Obsession. Er verliebt sich in die Freundin, was sein Leben verkompliziert.

Der Clown – City 46, Sa., 15.12. um 18:00 – Brasilianischer Film, der von einem jungen Mann handelt, der zusammen mit seinem Vater ein Clown-Duo bildet. Doch geplagt von Zweifeln, verlässt er eines Tages den Zirkus, um sesshaft zu werden.

Der Nebendarsteller – City 46, Di. 18.12. um 20:30 – Fiktive japanische Biographie über das Leben von Tonoyama Taiji, der über eine Zeitspanne von dreißig Jahren in etwa 250 Filmen als Nebendarsteller auftritt. Eintritt frei!

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 17.12. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 17.12. um 21:45

DVD-Rezension: „Elio-Petri-Edition“

Von , 10. Dezember 2012 22:08

Der Italiener Elio Petri zählt zwar zu den einflussreichsten italienischen Regisseuren der 60er und 70er, ist aber leider der breiten Masse eher unbekannt. Sein bekanntester Film ist das Pop-Art/Science-Fiction-Spektakel „Das 10. Opfer“, der in diesem Jahr bei Bildstörung eine sehr schöne Veröffentlichung bekommen hatte (Review hier). Elio Petri war in den 40er Jahren der Organisator von kulturellen Veranstaltungen der italienischen kommunistischen Partei und nebenbei Filmkritiker. Nachdem er in den 50ern als Drehbuchautor und Regieassistent gearbeitet hatte, konnte er 1961 mit „Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?“ seinen ersten eigenen Spielfilm realisieren. Danach avancierte er zu einem der angesehensten Regisseure Italiens, der Stammgast bei der Berlinale und in Cannes war, wo er mit „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ 1972 die Goldene Palme in Cannes gewann.  Im Vorjahr hatte er mit „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ sogar einen Oscar gewonnen. 1979 drehte er mit der Komödie „,Buone notizie“ seinen letzten Film, fünf Jahre später verstarb er an Krebs. Es ist Koch Media hoch anzurechnen, dass sie nun eine Edition mit drei seiner bekanntesten Filme und einer Doku herausgebracht hat.

Zwei Särge auf Bestellung (1967)

Der örtliche Apotheker und Frauenheld Arturo Manno (Luigi Pistilli) erhält Morddrohungen, die niemand ernst nimmt, bis er gemeinsam mit seinem Freund Dr. Antonio Roscio bei der Jagd erschossen wird. Verdächtigt werden zwei Brüder einer minderjährigen Liebschaft Mannos. Doch der linke Professor Paolo Laurana (Gian Maria Volonté) glaubt nicht an die Schuld der Analphabeten. Er beginnt als Hobbydetektiv Ermittlungen anzustellen. Dabei verliebt er sich in die Witwe Roscio (Irene Papas) und bemerkt nicht, dass das Netz um ihn herum immer enger wird…

Die Kamera schwebt zu der schönen Musik des großen Meister Luis Bacalov über einer Kleinstadt auf Sizilien. Trotz der schönen Aussicht ahnt man aber schon, dass dort unten etwas nicht stimmt. Wir sind auf Sizilien und hier wird das Leben von Mächten bestimmt, die über den Dingen stehen, allmächtig sind, alles sehen, alles kontrollieren. Eben wie diese Kamera, die über allem schwebt und die Menschen zu Ameisen macht. Was beginnt wie ein normaler Krimi, entwickelt sich schon bald zu einem Polit-Thriller.

Unwissend bereits gefangen im Spinnennetz der Mächtigen und Skrupellosen: Der naive linke Professor Paolo Laurana, verkörpert vom brillanten Gian Maria Volonté, der als Gegenspieler Clint Eastwoods in den beiden ersten „Dollar“-Filmen von Sergio Leone Weltruhm erlangte. Noch glaubt er, er könne die Fäden entwirren und seine kleine Welt wieder ins Lot bringen. Die Bösen entlarven und damit wieder Ruhe einkehren lassen. Dass es dafür bereits viel zu spät ist, passt nicht in sein Weltbild. Er ist der heilige Narr, während sich seine abgestumpfte Umwelt mit den Verhältnissen abgefunden hat. Als er einmal Palermo besucht, explodiert neben ihm eine Autobombe. Die Sizilianer berührt dies aber nicht, das gehört hier schon zum Alltäglichen. Ein rascher Blick, Kopfschütteln, dann geht die tägliche Routine auch schon weiter. Wie fünf Jahre später in „Der Pate“ fällt auch hier nicht einmal das Wort Mafia. Doch das organisierte Verbrechen ist allgegenwärtig und umklammert die Schicksale der einfachen Leute. Damiano Damiani nannte seine – in Deutschland unter dem Titel „Allein gegen die Mafia“ gelaufene – TV-Serie über das organisierte Verbrechen in Italien „Die Krake“, und das trifft es auch hier sehr gut. „Zwei Särge auf Bestellung“ ist ein bewegender, aber auch sehr ernüchternder Film.

Das verfluchte Haus (1969)

Der Maler Leonardo Ferri (Franco Nero) steckt in einer Schaffenskrise. Seine dominante Frau Flavia (Vanessa Redgrave) kauft ihm auf sein Bitten hin ein großes Landhaus, in dem einst eine wunderschöne Frau starb. Leonardo Ferri stürzt sich sogleich in die Arbeit, doch bald schon glaubt er, dass unheimliche Mächte im Haus am Werk sind. Dazu entwickelt er eine krankhafte Obsession für das tote Mädchen und wird von Mordvisionen geplagt. Wirklichkeit und Wahn verschmelzen immer mehr…

Statt Gian Maria Volonté spielt in „Das verfluchte Haus“ Franco Nero – zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Vanessa Redgrave – die Hauptrolle. Während die anderen beiden Filme in der Edition eher politisch und nüchtern sind, erinnert „Das verfluchte Haus“ besonders zu Anfang mit seiner Pop-Art-Ästhetik an Petris bekanntesten Film „Das 10. Opfer“. Ist der Film ein surrealer Trip in das Gehirn eines Wahnsinnigen? Ein Thriller? Oder doch ein Horrorfilm? Denkt man daran, dass Petri auch vor allem ein politischer Regisseur war, mit einer starken linken Überzeugung, so ist aber auch eine andere Denkart möglich. Der Geist der Vergangenheit (DAS große Motiv beim Spukhausfilm), der für Leonardo Ferri zu einer Obsession wird, Wanda, gehörte einerseits zur alten Aristokratie Italiens, und war andererseits auch dem Faschismus nicht abgeneigt. Bilder, die Ferri findet, zeigen sie eindeutig beim faschistischen Gruß, auch hat sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Steht Wanda damit nicht für die Verführung der einfachen Leute (jeder im Dorf scheint von ihr fasziniert gewesen zu sein und sexuellen Kontakt gehabt zu haben) durch den Faschismus und den Geist, der heute noch aus der Vergangenheit hinaus in die Gegenwart greift und von dort aus eine ungesunde Faszination entwickelt, der auch die künstlerische Elite – hier repräsentiert durch den Maler Ferri – erliegt?

Und ist die tüchtige Geschäftsfrau Flavia nicht ein Musterbeispiel für den verderbenden Kapitalismus, der den Künstler korrumpiert und letztendlich auf eine geist- und willenslose, Kunst produzierende Maschine (ähnlich Lulù Massa in „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“) reduziert? Ist also Ferri, wie Petri selber, ein stark linker Künstler (immerhin ist er fasziniert von der Farbe Rot und lässt die Bäume vor seinem Haus in dieser Farbe anstreichen), der zwischen den alten Kräften des Faschismus und den neuen des Kapitalismus aufgerieben und schließlich in den Wahnsinn getrieben wird? Der nur glaubt, träumt, sich auflehnen zu können und doch nur verlieren kann? Sieht sich Petri in Ferri verkörpert, in einem sinnlosen Kampf gegen Kräfte, die ihn in eine Filmmaschine verwandeln wollen? Diese Lesart ist ebenso möglich, wie das Erleben des Filmes als Geistergeschichte oder eben die Ausgeburt eines fiebrigen Hirns auf dem Weg in den Irrsinn. Begleitet wird dies von einem kongenialen, sehr avantgardistischen Soundtrack, auf dem Ennio Morricone Ton- und Geräuschkollagen aneinanderreiht, dass einem fast schon die Ohren bluten. Ein faszinierender Film, der sich einem erst bei mehrmaligem Sehen erschließt und immer wieder neue Deutungsmöglichkeiten zulässt.

Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies (1971)

Lulù Massa (Gian Maria Volontè) ist stolz darauf, seine Arbeit in der Fabrik effizienter und schneller als seine Kollegen erledigen zu können. Deshalb ist er bei ihnen wenig beliebt. Auch sein Familienleben und seine Gesundheit leiden unter der Akkordarbeit. Als Teile der Belegschaft zu streiken beginnen, will Lulù damit nichts zu tun haben. Doch als er bei der Arbeit einen Finger verliert, ändert sich seine Haltung. Er schließt sich den Streikenden an und befreundet sich mit den radikalen Studenten…

In „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ spielt Gian Maria Volonté einen ganz ähnlichen Charakter wie in „Zwei Särge auf Bestellung“. Auch Lulù Massa begreift nicht die großen Zusammenhänge und wird dadurch zum Opfer. Weil er glaubt, ein Einzelner könnte etwas bewegen. Doch auch Lulù wird manipuliert und zum Spielball der Interessen anderer. Doch anders als Paolo Laurana ist Lulù Massa kein Träumer. Er ist naiv, aber das liegt mehr an seiner mangelnden Bildung und einen gewissen Obrigkeitshörigkeit. Am Anfang des Filmes ist Lulù noch das beste Pferd im Stall seiner Arbeitgeber. Er genießt deren Aufmerksamkeit und definiert sich darüber, dass er besser und effektiver als seine Kollegen funktioniert. Darauf ist er stolz und darüber zieht er sein Selbstwertgefühl. Darum braucht es auch einen Unfall, der Lulù einschränkt, um ihn empfänglich für andere Botschaften zu machen.

Lulù ist vollkommen ichbezogen, er glaubt dem, der vorgibt, allein Lulù in den Mittelpunkt zu stellen. War es vorher der Kapitalist, der ihn mit Lob und Akkordlohn gekauft hat, sind es nun die linken Studenten, die im einflüstern, dass er für sie wichtig sei. Letztendlich wird Lulù aber von beiden Parteien nur benutzt und eiskalt fallengelassen, wenn er seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Die Kapitalisten brauchen ihn als Maschine, die Linken als Manövriermasse für ihre Parolen. Als Lulù einmal die Hilfe der Studenten braucht, sind diese gerade wieder zur Vorlesung gegangen. Vom Leben und den Nöten der Arbeiter wissen sie praktisch nichts. Allein die Gewerkschaften wollen für die Arbeiter da sein, werden von Petri aber als weich und kompromisslerisch gezeigt. So bleibt dem Arbeiter am Ende nur noch, seine Arbeit zu tun oder aufgrund der Verhältnisse wahnsinnig zu werden. Dass er die Wand zum Paradies einreißen kann, bleibt allein seinen Träumen vorbehalten. Wieder einmal ist das Bild, welches Petri zeichnet, sehr ernüchternd. Der Einzelne hat keine Macht die Verhältnisse zu ändern, diejenigen, die es hätten, haben aber andere Interessen und sind allein an ihrem eigenen Einfluss interessiert. Von daher bildet „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ innerhalb dieser Kollektion eine ideale Klammer mit „Zwei Särge auf Bestellung“. Erwähnt werden muss hier unbedingt auch die einprägsame Musik von Ennio Morricone, der am Ende sogar noch einen Kurzauftritt als Arbeiter hat.

Leider lagen mir zur Rezension nur die drei in dieser Edition enthaltenen Spielfilme vor, nicht aber die vierte DVD mit der Dokumentation. Dabei wäre gerade diese spannend gewesen. Aus diesem Grunde kann ich auch nichts darüber schreiben, ob es sich hierbei um die preisgekrönte Dokumentation „Elio Petri… appunti su un autore“ von 2005 oder eigens für diese Veröffentlichung produziertes Material handelt. Schade. Die Extras, die auf den Film-DVDs enthalten sind, sind sehr spärlich. Trailer oder mal eine Bildershow, das war’s. Das Bild der Filme kann sein Alter nicht verleugnen (besonders „Das Verfluchte Haus“ zeigt ab und zu deutliche Gebrauchsspuren beim Wechseln der Filmrollen), ist aber absolut okay. Bei „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ scheint es sich um eine längere Fassung als ursprünglich in Deutschland erhältlich zu handeln, da einige wichtige Passagen nur auf Italienisch und untertitelt vorliegen. Jetzt fehlt nur noch „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ und Elio Petris wichtigste Werke liegen endlich auch in Deutschland auf DVD vor.

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