Nachruf: Michael Ballhaus (1935-2017)

Über Michael Ballhaus muss man nicht viele Worte verlieren. Er war einer der brillantesten, einfallsreichsten und berühmtesten Kameramänner der Welt. Gerade letzteres zeigt seinen großen Stellenwert in der Filmgeschichte. Sind doch die Namen selbst der Großen dieser Zunft oftmals nur einem interessierten Kreis bekannt. Schlechter ergeht es da oftmals nur den Drehbuchautoren. Michael Ballhaus war aber eine Legende. Berühmt geworden als Stammkameramann Faßbinders, dann in die USA gegangen, um dort eine langjährige Kooperation mit Martin Scorsese zu beginnen.

Doch Ballhaus sollte auf keinen Fall auf seine Arbeit für diese beiden Regie-Ikonen reduziert werden. Auch für andere Regisseure fing er grandiose, atemberaubende und vor allem immer als seine zu erkennende Bilder ein. Für Steve Kloves‘ wunderschön anzusehenden „Die fabelhaften Baker Boys“, für Robert Redfords Regiearbeiten, Kollegen Barry Sonnenfeld, Barry Levinson, Wolfgang Petersen, Prince (!) und Francis Ford Coppola bei dessen „Dracula“-Verfilmung.

Letztere scheint Ballhaus besonders am Herz gelegen zu haben. Als er im Herbst 2011 in Bremen zu Gast im City 46 sein sollte, hatte er sich ausdrücklich diesen Film gewünscht. Ich weiß noch, wie ich damals diesem Tag entgegenfieberte und extra Urlaub genommen hatte, um dabei sein zu können. Leider musste Michael Ballhaus kurz vorher aus persönlichen Gründen absagen. Ich war sehr traurig über diese verpasste Gelegenheit und hoffte, dass sich trotzdem irgendwann die Gelegenheit ergeben würde, Michael Ballhaus persönlich zu erleben. Diese ergab sich leider nie.

Nun ist Michael Ballhaus am 12. April im Alter von 81 Jahren in seiner Geburtsstadt Berlin verstorben. Bereits 2014 hatte er in Autobiographie öffentlich gemacht, dass er durch den grünen Star nach und nach seine Sehkraft verlor. Für einen Menschen, der ganz mit und durch die Augen lebte die Höchststrafe. Er selber sagte dazu: „Was mir bleibt, sind die Bilder im Kopf. Sie sind da und kommen immer wieder“. Seine Bilder werden auch uns im Kopf bleiben.

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Kulturfestival „So macht man Frühling“ zeigt vier tschechische Filme im City 46 (mit Gästen)

Wenn man mich nach meinen liebsten Filmländern fragt, steht weit oben auf der Liste mit Sicherheit immer Tschechien. Nicht nur, weil die tschechischen Kinderserien meine frühe Jugend so aufregend gemacht haben und eine meiner frühsten TV-Erinnerungen „für Erwachsene“ das „Krankenhaus am Rande der Stadt“ ist. Auf Filmfestivals steuere ich immer noch die tschechischen Filme mit als erste an und bin damit eigentlich noch nie reingefallen.

Im Rahmen des Deutsch-Tschechischen Kulturfrühlings 2017 wird in Bremen das Deutsch-Tschechische Kulturfestival „So macht man Frühling“ veranstaltet. Im Rahmen dieses Festivals werden zwischen dem 27. und 30. April im City46 vier Filme gezeigt, die einen Einblick ins Filmland Tschechien geben sollen.

Gezeigt werden folgende Filme:

SCHMITKE (D, CS 2014, OmU) – 27.4. um 19:30 – In einen kleinen Ort an der deutsch-tschechischen Grenze soll der griesgrämiger Ingenieur Schmitke ein Windrad reparieren. Die nebelverhangene Landschaft des Erzgebirges schlägt Schmitke aufs Gemüt und merkwürdige Dinge passieren.

MENANDROS UND THAÏS (CS, A 2016, 129 Min., OmU) – 28.4. um 20:30 – Eine Art theatraler, surrealistischer Sandalenfilm. Menandros irrt durch eine antike Welt auf der Suche nach seiner von Piraten entführten Braut.

MARKETA LAZAROVA (CS 1967, 162 Min., OmU) – 29.4. um 19:30 – Ein experimentelles Mittelalter-Action-Epos, welches von Kritikern als bester tschechischer Film aller Zeiten gehandelt wird. Dank der unermüdlichen Arbeit des Labels BILDSTÖRUNG des Verleihs Drop-Out tourte der Film im letzten Mal erstmals durch die deutsche Kinolandschaft – aber leider nicht durch Bremen. Das wird nun im Rahmen des Kulturfestivals nachgeholt. Weitere Vorstellungen gibt es bis einschließlich 2.5. Toll, toll, toll!

GIRL POWER (CS 2016, OmU) – 30.4. um 20:00 – Dokumentarfilm um die tschechische Grafifiti-Künstlerin Sany. Zusammen mit dem Filmemacher Jan Zajícek hat sie über 7 Jahre hinweg weltweit nach weiteren Frauen in der immer noch stark männerdominierten Sprayerszene gesucht.

Bei dem Film SCHMITKE ist Regisseur Štěpán Altrichter und bei GIRL POWER die Grafifiti-Künstlerin Sany zu Gast!

Regisseur Ondřej Cikán steht bei MENANDROS UND THAÏS zur Verfügung und hält zudem am Samstag, den 29.4. um 11:30 Uhr eine Lesung im Foyer des kleinen Hauses im Theater Bremen. Dort liest er aus seinem Roman „Der Reisende. Band 1: Du bist die Finsternis“.

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Das Bloggen der Anderen (10-04-17)

bartonfink_type2– Am 22. März verstarb der großartige Tomas Milian, dem ich hier einen längeren Nachruf widmete. Es hat mich etwas enttäuscht, dass diesem Ausnahme-Schauspieler nicht mehr Nachrufe im Netz folgten. Jetzt hat Udo Rotenberg auf L’amore in città Milians Tod zum Anlass genommen, um über einen sehr frühen Film mit dem jungen Milian – der damals vor allem in Filmkunstdramen zu sehen war – zu schreiben:  „Le soldatesse“ von Valerio Zurlini.

Filmlichter hat ein längeres Essay über Waffen im Film veröffentlicht und dabei die kontroverse These aufgestellt, dass die Darstellung von Waffen und der Umgang mit ihnen fest zum Kino gehören. Der Text ist ganz klar als Aufforderung zum Dialog zu verstehen, und der Autor des Essays betont, dass ihm der Austausch mit anderen zu diesem Thema sehr wichtig sei.

– Andreas Köhnemann hat für B-Roll Jakob Lass interviewt. Indirekt sehr Kinorelevant: Sonja Hartl in einem sehr lesenswerten Artikel über Kino-Regisseure, die „Tatorte“ drehen und wie das hier Kino dem TV helfen kann und andersherum  Und Patrick Holzapfel schreibt über den Mythos des „armen Filmemachers“.

– Auf Patricks Blog Jugend ohne Film hat sich Viktor Sommerfeld am Beispiel der Diagonale einige sehr interessante Gedanken über die Arbeit des Kuratierens eines Filmfestivals gemacht.

– Christoph Hochhäusler hat auf seinem Blog Parallel Film einen Beitrag wiederveröffentlicht, den er 2011 für „Revolver“ geschrieben hat. Darin geht es um Federico Fellini und wie sein Name an Bedeutung verloren hat, nachdem er in den 70ern quasi synonym für „Film“ stand. Außerdem hat er noch einen sehr, sehr schönen Text veröffentlicht, indem es zwar vordergründig gar nicht um Film geht, irgendwie aber schon um unzuverlässiges Erzählen, falsche Erinnerungen und  die daraus entstehenden Geschichten, die oftmals schöner als die Wirklichkeit sind.

Funxton bespricht auf seinem Blog Helmut Käutners „Hamlet“-Variante „Der Rest ist Schweigen“ und begeistert sich für „Love To Kill“, der auch als „The Last Horror Movie“ bekannt ist und den ich einst unter dem Titel „Manaic 2“ sah.

– Gerade fand das 19. „Besonders wertlos“-Festival statt. Lukas Foerster war dabei und schreibt auf Dirty Laundry über Uwe Frießners Berlin-Film „Baby“ und Walter Boos „Exorzisten“-Variante „Magdalena – Vom Teufel besessen“.

– Apropos „Exorzisten“-Variante.  Bluntwolf von Nischenkino hat sich mal ganz genau den berüchtigten „House of Exorcism“-Cut des ansonsten wundervollen „Lisa und der Teufel“ angesehen.

– Der österreichische Episodenfilm „Parapsycho – Spektrum der Angst“ – eine der ersten Regiearbeiten von  Peter „Kottan ermittelt“ Patzak – steht normalerweise nicht besonders hoch im Kurs. Ich mag recht gerne und freue mich, dass Mauritia Meyer von Schattenlichter das ganz ähnlich sieht.

– Andreas Eckenfels ist auf Die Nacht der lebenden Texte völlig zu Recht von Jean Rollins tollem „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“ angetan.

– JackoXL hat sich auf Die drei Muscheln eines meiner Lieblingsfilme von Wes Craven angenommen: „Die Schlange im Regenbogen“. Ganz so toll wie ich fand er ihn scheinbar nicht (ich hatte ihn aber auch auf 35mm im Kino gesehen), aber trotzdem recht gut.

– Noch ein Film, der einen großen Platz in meinem Herzen hat ist – wie ich glaube ich letzte Woche schon erwähnte – „Halloween 3 – Season of the Witch“. Nicolai Bühnemann gibt dem Film auf filmgazette den hohen Stellenwert, der ihm auch gebührt. Und Wolfgang Nierlin schreibt über die griechisch-deutsche Co-Produktion „Nacktbaden“von Argyris Papadimitropoulos, die sich sehr vielversprechend anhört.

– Sehr bewegend klingt das Alkoholiker-Familien-Drama „Die beste aller Welten“ welches Gastautor Dr. Willy auf Wilsons Dachboden vorstellt.

– Flo Lieb von symparanekronemoi hat Ozu Yasujirōs letzten Film „An Autumn Afternoon“ gesehen, der ihm sehr gefallen hat.

– Oliver Nöding schließt auf Remember It for Later seine „Airport“-Besprechungen mit dem vierten Teil „Airport 80“ ab und stellt den besten Katastrophenfilm der 70er Jahre (und überhaupt) vor: „Das Poseidon Inferno“.

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Filmbuch-Rezension: Benjamin Moldenhauer “Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm“

„Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm“ ist der etwas sperrige Titel eines der interessantesten Filmbücher, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Die erweiterte Fassung der Dissertation des Bremer Kulturwissenschaftlers Benjamin Moldenhauer ist ein echter Brocken, der aber gar nicht schwer im Magen liegt, sondern dem Kopf ordentlich Futter bietet, um möglicherweise bereits verkrustete Denkschemata zum Thema Horror und Gewalt aufzubrechen, an die frische Luft zu holen und ordentlich durchzulüften. Dabei wird nicht Altbekanntes wiedergekäut, sondern eine sehr nachvollziehbaren filmästhetische Theorie des Horrorfilms zur Gewalt der Bilder hergeleitet. Dabei gelingt Benjamin Moldenhauer das Kunststück, seinen wissenschaftlichen Text so zu formulieren, dass man als Laie, der nicht im Bereich Kulturwissenschaften oder Psychologie promoviert hat, trotz der vielen Fachbegriffe kein Problem hat, den Kernaussagen zu folgen.

Man muss allerdings auch die Bereitschaft aufbringen, sich von Moldenhauer durch die vielzähligen theoretischen Ansätze, seine Interpretationen und die sich daraus ergebenden neuen Denkansätze führen zu lassen. Das soll heißen: „Ästhetik des Drastischen“ ist keine Strandlektüre und erfordert vom Lesen schon ein gehobenes Maß an Konzentration und geistiger Regheit.

Für mich sehr aufschlussreich und gewinnbringend war vor allem der erste Teil des Buches, welcher sich primär mit der Geschichte des Horrorfilms und seiner Rezeption beim Publikum und in der Theorie auseinandersetzt. Das ist hervorragend formuliert und hergeleitet. Demnach war der Horrorfilm bis 1960 vor allem von dem Verdrängten der Seele, dem freudschen Kampf von Über-Ich, ich und Es geprägt. Eine Deutung, die sich bis heute gehalten hat. Für Moldenhauer stellt aber die Premiere von „Psycho“ im Jahre 1960 eine Zäsur da, da hier ein neues Element dazu kam und dem freudschen Prinzip des „Heimlichen“ und „Unheimlichen“ eine ganz konkrete Angst entgegen gesetzt wurde. Horror heißt hier dann wirklich Schrecken und Angst. Die Filme zielten auf die Erfahrung des Publikums und wollte einen körperliche Reaktion hervorrufen. Primär ging es um die Furcht um die eigene körperliche Unversehrtheit, der Furcht, dass einem selber etwas schlimmes, schmerzhaftes zustoßen könne. Was dies sein könnte, wurde nun „drastisch“ auf der Leinwand gezeigt. Das „Monster“ lebt also nicht mehr in der eigenen Seele, sondern ist Bedrohung von außen, die darauf aus ist uns grausame Schmerzen zuzufügen. Und diese Bedrohung muss nicht zwangsläufig übernatürlicher Herkunft sein, sondern kann ihre Wurzeln auch in dem Grausamen haben zu dem Menschen fähig sind.

Der anschließende Teil, der sich vor allem eine weitergehende Erklärung psychologischer Theorien und die Abrechnung damit ist, wäre meines Dafürhaltens nicht zwangsläufig nötig, um Moldenhauers Theorie des Drastischen nachzuvollziehen, ist für an psychologischer Theorie Interessierte aber ein zusätzliches Bonbon.

In der zweiten Hälfte des Buches wird die Theorie des Drastischen an vier konkreten Beispielen detailliert erläutert. Diese sind Tobe Hoopers „Texas Chain Saw Massacre„, Wes Cravens „Last House on the Left„, Alexandre Ajas „The Hills Have Eyes„-Remake und Rob Zombies „The Devil’s Rejects„. Einerseits erläutert Moldenhauer hier, was diese vier Filme in dem Zuschauer auslösen, andererseits nimmt er den Leser auch gleich mit auf eine Reise durch das Backwoods-Genre, dem Rape’n‘-Revenge-Film, den sogennanten „Torture Porn“, stellt Originale und Remakes gegeneinander und arbeitet die unterschiedlichen Wirkungen der Filme auf den Zuschauer heraus. Besonders interessant sind dabei seine Beobachtungen zu „The Devil’s Rejects“, dem er merklich zwiegespalten gegenübersteht.

Zusammengefasst, eines der spannendsten und geistreichsten Bücher über den oftmals verfemten, häufig einseitig betrachteten oder überpsychologisieren Horrorfilm, das frische und jederzeit gut nachvollziehbare Argumente für eine neue Herangehensweise an die theoretischen Grundlagen dieses Genres liefert. Klare Empfehlung.

Benjamin Moldenhauer Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm„, Bertz+Fischer, 360 Seiten, € 25,00

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„Shin Godzilla“ läuft am 03. und 05. Mai in Bremen

Das „Tanz der Teufel“-Event kürzlich hat es scheinbar vorgemacht. Film-Events mit einem begrenzten Start und nur sehr kurzer Laufzeit scheinen von den Filmverleihen als Möglichkeit gesehen zu werden, nicht nur Werbung für ihre Heimkino-Veröffentlichung zu machen, sondern auch für die Kinos zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Nischenpublikum in größerer Zahl in die Kinos zu locken.

Ich vermute mal, dass es sich finanziell nicht lohnen würde, einen Film wie „Shin Godzilla“ über eine Woche zu zeigen, aber an zwei Tagen (oder einen, wie bei „Tanz der Teufel“, könnte schon überdurchschnittlich viel Publikum an diesen Tagen in den Kinosaal bringen. Dazu müssen nur die Verleihe mitspielen und keine übermäßig hohen Leihgebühren und exorbitante Garantiesummen verlangen.

Generell predige ich ja schon seit Jahren das Mantra, dass die Zukunft des Kinos in einer „Eventisierung“ liegt. Bestes Beispiel auch: Das Open-Air-Kino am Schlachthof, wo wir mit Weird Xperience auch mal über 100 Zuschauer hatten, obwohl wir mit einem gleichen Programm im City 46 oder der etage 3 oftmals mit Zuschauerzahlen im einstelligen Bereich kämpfen mussten. Das Thema wäre einen ganz eigenen Blogbeitrag wert, aber hier soll es nun um dem lang erwarteten „Shin Godzilla“ gehen.

„Shin Godzilla“ ist die japanische Antwort auf das Hollywood-Remake und nach „Final Wars“ im Jahre 2004 der erste „echte“ Godzillafilm in 13 Jahren. Und darum geht es:

In der Bucht von Tokio kommt es zu unerklärlichen Ereignissen: Eine Yacht treibt auf dem Wasser, der Besitzer ist spurlos verschwunden. Zur gleichen Zeit scheint unweit davon wie aus dem Nichts ein Vulkan auf dem Meeresgrund auszubrechen. Doch schnell wird klar, dass die Geschehnisse von einem lebenden Organismus ausgegangen sein müssen. Erste Videos der unbekannten Kreatur tauchen auf: Es ist riesig und bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit auf die Stadt zu.

Die Behörden müssen schnell handeln, um die Bevölkerung vor einer Katastrophe zu schützen. Doch in keinem Notfall-Plan der Welt ist geregelt, wie man mit einem unbekannten, gigantischen Monster umgeht. Einem Mitglied der Regierung werden bislang unveröffentlichte Aufsätze eines Forschers zugespielt, die das Geschöpf zu erklären versuchen – und ihm einen Namen geben: Godzilla!

Mit Hilfe der Experten setzt die Regierung alles daran, es zu besiegen, doch der Zerstörungswahn von Godzilla wird immer größer.

Der Trailer und die ersten Bilder zum Film sehen schon mal sehr gut aus. Und „Godzilla“ darf endlich wieder so richtig böse sein. Ich freue mich schon sehr auf den Film, der am 03. und 05. Mai im Kristall-Palast Cinestar auf der großen Leinwand zu sehen wird.

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Das Filmforum Bremen zwitschert jetzt auch auf Twitter

Auch ein alter Sack wie ich muss ab und an mit der Zeit gehen. Darum habe ich mich nach anfänglicher Aversion nun auch mal mit Twitter auseinandergesetzt. Ich gebe zu, so ganz habe ich den Nutzen und die Spielregeln noch nicht in Gänze verstanden. Aber das wird hoffentlich noch.

Also, wer mir gerne folgen möchte, der kann dies unter https://twitter.com/FilmforumBremen gerne tun.

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Nachruf: Radley Metzger (1929-2017)

Und wieder muss ich unerwartet einen Nachruf schreiben. Noch dazu einen, der mich besonders traurig stimmt, da ich zumindest einmal die Chance hatte, den Verstorbenen einmal persönlich zu erleben. 2010 war Radley Metzger auf dem 17. Internationalen Filmfest Oldenburg zu Gast, wo ihm eine Retrospektive gewidmet war. Begenet bin ich ihm damals nur durch Zufall. Als „Oldenburg-Novize“, wusste ich noch nicht, wo man, wann sein sollte. Und da ich mich in der „filmlosen Zeit“ vor der ersten Vorstellung des Tages langweilte, warf ich einen Blick in die VIP-Lounge. In der Lounge hatte man einen Beamer aufgebaut und als ich rein kam, lief dort gerade Radley Metzgers „Carmen, Baby“, ein Film der gar nicht zur Retrospektive gehörte. Nach dem Film guckte Radley Metzger auch noch persönlich vorbei und plauderte etwas aus dem Nähkästchen. Was wunderbar war, da der Mann nicht nur unglaublich sympathisch, sondern auch einem verschmitzten Schalk im Nacken ausgestattet war. Dann wurde – begleitet von seinen humorvollen Anmerkungen – noch ein „Making-Of“ seines Filmes „Score“ gezeigt, an dessen Anschluss Metzger noch eine DVD aus der Tasche zauberte, die ein – wie er ankündigte – sehr gelungenes Interview mit ihm enthielt.  Auf seine Frage, ob jemand Interesse hätte dies zu sehen, antworteten die Anwesenden natürlich unisono mit „Ja!!!“. Leider bin ich ja von Natur aus sehr schüchtern und konnte mich nicht überwinden, meinen Helden meiner frühen „Filmausbildung“ und des erotischen Films in den 60er und 70er Jahren generell anzusprechen. Worüber ich mich heute noch ärgere.

Ein  Jahr später sah ich ihn erneut in Oldenburg. Da saß er dann zusammen mit Matthew Modine in der internationale Jury. Leider war der Ort an dem wir uns trafen nicht dafür geeignet, um endlich mal allen Mut zusammenzunehmen und ein paar Worte an Radley Metzger zu richten. Wir begegneten uns nämlich auf der Toilette des Casablanca-Kinos. Damals fiel mir allerdings schon auf, dass er im Vergleich zum Vorjahr sehr gealtert und gebrechlich schien. 2013 war er nochmal in Oldenburg, um seinen Film „The Image“ in einer neuen remasterten Version vorzustellen. Aber da kreuzten sich unsere Wege leider nicht mehr.

2014 wurde ich von der  geschockt über die Nachricht, dass ausgerechnet dieser Film in Deutschland verboten wurde. Metzgers Meisterwerk „The Image“ – welches bisher nur bei der amerikanischen Firma „Synapse“ auf DVD veröffentlicht wurde – wurde am 30. Januar 2014 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, kurz BpjM, indiziert und auf ihre berüchtigte Liste B gesetzt, auf der nur Filme (Musik, Spiele, Bücher usw.) stehen, bei denen von schwerer Jugendgefährdung und der Annahme einer strafrechtlichen Relevanz ausgegangen wird. Und am 02. April 2014 beschlagnahmt das Amtsgericht Fulda die amerikanische „Synapse“-DVD. Metzgers „The Image“ verstosse angeblich gegen § 131 StGB, woraus folgt, dass er „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt.“ Ich kann beim allerbesten Willen keinen der oben genannten Punkte in diesem Film sehen – es sei denn bereits das Zeigen sado-masochistischer Praktiken (die ja unter Einverständnis beider Parteien geschehen) ist bereits eine „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeit“. Dann müssten aber auch Filme wie der im selben Jahr entstandene „Die Geschichte der O“ oder „9 1/2 Wochen“ auf der Liste B landen. Mir ist auch nicht bekannt, dass 2013 in Oldenburg jemand wegen dieses Filmes in Ohnmacht gefallen oder vor lauter Empörung die Festivalsleitung angezeigt hätte. Richtig ärgerlich wurde die ganze Geschichte, wenn man damals in einer Diskussion auf Facebook aus berufenem Munde hören konnte, dass bereits eine deutsche Veröffentlichung des neu gemasterten Filmes unter Beteiligung von Radley Metzger persönlich in Vorbereitung war. Angesichts der sehr dünnen Verbreitung von Metzgers Filmen in Deutschland (es sind hierzulande bis heute gerade einmal „Das lüsterne Quartet“, „Camille 2000“ und „Die Katze und der Kanarienvogel“ auf DVD erschienen), wäre dies nicht nur großartig gewesen, sondern hätte möglicherweise zu einer kleinen und längst überfälligen „Radley-Metzger-Renaissance“ führen können, die bis heute nicht wirklich stattfand.

Radley Metzger begann seine Karriere in den späten 50er und frühen 60er Jahren, indem er europäische Arthouse-Produktionen von Bergmann oder Rossellini für den amerikanischen Markt aufbereitete, kürzte und den „sensationellen “ (sprich sexuellen) Inhalt in den Vordergrund schob. Diese „europäische“ Ausbildung merkt man dann auch in seinen ersten eigenen Spielfilmen, welche er dann auch konsequenterweise in Europa drehte, an. „Carmen, Baby“ (1967) ist ein wichtiger Meilenstein, weil Metzger sich erstmals dazu entschloss, den Film in Farbe zu drehen. Als „sexiest film with no nudity“ bescherte ihm der Film den größten finanziellen Erfolg seiner Karriere. Um Kosten zu sparen, realisierte Metzger viele seiner Filme in Europa, die er zudem vornehmlich im gutbürgerlichen Milieu ansiedelte. Aus diesem Grund wird er auch gerne als „Aristokrat der Erotik“ bezeichnet. „Therese und Isabelle“ (1968) wird als sein bester Film gehandelt: Basierend auf Violette Leducs autobiographischem Roman schildert er eine aufkeimende Liebe in einem Mädcheninternat. Der Film erschien auch in Deutschland, erhielt hervorragende Kritiken und gilt ebenso wie „Das lüsterne Quartet“ (1970) als ein Meisterwerk des erotischen Films. Metzger arbeitete mehrfach mit dem deutschen Kameramann Hans Jura zusammen, der in den sechziger Jahren zweimal mit dem Bundesfilmpreis für seine herausragenden Fähigkeiten als Kameramann ausgezeichnet wurde.

The Lickerish Quartet (1970)1973 drehte er mit Christiane Krüger und Siegfried Rauch in den Hauptrollen den empfehlenswerten „Evita Peron“-Schlüsselfilm „Sie nannten ihn kleine Mutter„, bevor er ein Jahr später mit „Score“ die Grenzen des erotischen Films schon leicht verschob.

Danach folgten 1974-78 einige Filme, welche dann ganz eindeutig im pornographischen Bereich angesiedelt waren. Aber auch hier leistete Metzger (unter dem Pseudonym Henry Paris) Außerordentliches. Er drehte keine platten Pornos, nein, seine Filme waren hochwertige und sehr stylische Spielfilme mit pornographischem Inhalt. Vor allem „The Opening of Misty Beethoven„, aber auch „The Private Afternoons of Pamela Mann“ und „Barbara Broadcast“ sind Klassiker und absolute (ähem) Höhepunkte des Genres, welche man sich so heute gar nicht mehr vorstellen kann. Großes Kino, dort wo man es normalerweise nicht (mehr) erwartet.

Camille 2000 (1969)In den „Paris“-Jahren drehte er nur einen Film unter eigenem Namen: Den oben schon erwähnten „The Image“ (aka „The Punishment of Anne“). Eine ernsthafte und hocherotische Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Abhängigkeit und Sadomasochismus. Nach dieser Phase trat Metzger dann eigentlich nur noch mit dem Gruselkrimi-Remake „Die Katze und der Kanarienvogel“ (prominent besetzt mit Edward Fox und Honor Blackmann), sowie 1984 mit „The Princess and the Call-Girl“ (den ich allerdings nicht kenne) in Erscheinung. Seitdem hat sich Radley Metzger aus dem Filmgeschäft zurückgezogen.

Radley Metzger starb bereits am 31. März im stolzen Alter von 88 Jahren in New York.

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Das Bloggen der Anderen (03-04-17)

bartonfink_type2– Der erste April ist überstanden, die teilweise aufwändigen und trotzdem doch sehr lahmen Scherze aufgelöst. Ich hoffe mal, in meine wöchentliche Übersicht ist kein Aprilscherz gerutscht und wenn doch, wäre er dann wohl um einiges besser gemacht als das Zeugs, welches am Samstag Facebook überflutete.

– In Graz fand die Diagonale, das Festival des österreichischen Films statt. Michael Sennhauser von Sennhausers Filmblog war zu Gast und hat u.a. so interessant klingende Filme wie „Das unmögliche Bild“ und den letzten Film von Michael Glawogger (der während der Dreharbeiten leider verstarb – ein gewaltiger Verlust für das Kino), „Untitled“, gesehen.

– Auch Joachim Kurz von B-Roll war auf der Diagonale und hat seine Eindrücke hier zusammengefasst. Sonja Hartl befasst sich mit den Getriebenen in Aki Kaurismäkis Filmen. Mal wieder ein Thema: Wie das große Online-Angebot an Filmkritik generell verändert hat und wie die Spieler auf diesem Markt agieren. Niedergeschrieben von Rajko Burchardt. Und Lucas Barwenczik schreibt darüber, wie heute Filmklassiker geschaut werden und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.

– Christoph Hochhäusler macht sich auf seinem Blog Parallel Film darüber Gedanken, warum in unserer Zeit apokalyptische Filme so hoch im Kurs stehen. Außerdem hat er Hans Jürgen Pohlands Jazzfilm „Tobby“ von 1961 für sich entdeckt.

– Rainer Kienböck von Jugend ohne Film weilt in Venedig und meint anlässlich eines Museumsbesuchs: „Es ist mir ein Rätsel, weshalb Filmarchivare und -kuratoren sich so selten an den Kustoden der Kunstmuseen und den Archivaren der naturwissenschaftlichen Sammlungen orientieren, die über Jahrhunderte Maßnahmenkataloge erarbeitet haben, wie mit ihren Werken angesichts eines wandelnden medialen Umfelds umgegangen werden soll. Ebenfalls erstaunlich, wie wenig man in Fragen der Werktreue, oder in kniffligen Konflikten, wie dem zwischen Original und Faksimile auf die Kunstgeschichte rekurriert.“

– Manfred Polak schreibt auf Whoknows presents ausführlich und gewohnt interessant über eine eher unbekannte Größe des British New Wave: Desmond Davis. Hier konkret an zwei Filmen, die nach Vorlagen von Edna O’Brien entstanden.

– Auch Sascha von Die seltsamen Filme des Herrn Nolte hat ein wenig bekanntes Juwel für sich entdeckt: „The Rocking Horse Winner“, den Anthony Pelissier 1949 nach einer Vorlage von D.H. Lawrence inszenierte.

– gabelinger gesteht auf Hauptsache (Stumm)Film, dass er alten, überkandidelten Hollywood-Musicals aus der Glanzzeit der Filmindustrie liebt. Den von ihm vorgestellte „Garden of the Moon“ findet er zwar nicht bedeutend, aber beglückend. (Über sein Marx-Brothers-Bashing hülle ich aber mal besser den Mantel des Schweigens).

– 2x Fulci gibt es bei funxton. Während er „Wolfsblut“ (der noch ungesehen bei mir Zuhause liegt) zu routiniert und profillos empfindet , ist er von „Die Nackte und der Kardinal“ (zu recht!) sehr begeistert.

– Oliver Nöding rechnet auf Remember It For Later mit „Airport“ und dem 70er-Big-Budget-Katastrophenfilm als Ganzes ab. Auch das frühe Chuck-Norris-Vehikel „A Force of One“ hat ihm nicht so recht gemundet.

– Christian bespricht auf Schlombies Filmbesprechungen den japanischen Gruselkrimi „Das Dorf der acht Grabsteine“ und kann seine Faszination trotz aller Kritik nicht verbergen. Und mit seiner Liebe zu „Halloween III – Season of the Witch“ läuft er bei mir offene Türen ein.

– Auch diese Woche wieder sehr lesenswert: Witte’s wöchentliche Tipps. Fuego! Psyched by a 4D-Witch! The Velvet Vampire! Und, und, und…

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Blu-ray-Rezension: „Milano Kaliber 9“

Ein dilettantischer durchgeführter Raubüberfall hat Ugo Piazza (Gastone Moschin) hinter Gitter gebracht. Wegen guter Führung wird er nach drei Jahren entlassen und umgehend von seinen alten Kumpanen in Empfang genommen. Kurz vor Ugos Verhaftung verschwanden nämlich 300.000 US-Dollar und der Mailander Gangsterboss „der Amerikaner“ (Lionel Stander) hat Ugo in Verdacht, diese beiseite geschafft zu haben. Nun wird Ugo Schritt auf Tritt von dem Schläger Rocco (Mario Adorf) und seinen Leuten verfolgt, die versuchen ihn unter Druck zu setzen. Doch Ugo scheint sich nur nach einem ruhigen Leben mit der wunderschönen Nelly (Barbara Bouchet) zu sehnen. Doch der Druck auf Ugo wächst und schon bald sieht er sich gezwungen, wieder für den „Amerikaner“ zu arbeiten. Doch gleich der erste Job geht schief, und die Leichen fangen sich an zu türmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Milano Kaliber 9“ ist für mich ein besonderer Film. Es war damals der Film, der mich in das Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, einführte. Der mich von der ersten Sekunde lang mitgerissen hat. Mich nicht wieder losließ und noch lange nach dem Schlussbild beschäftigte. Der zu meiner Messlatte für alle weiteren Poliziotteschi wurde und welche vielleicht in wenigen glücklichen Fällen erreicht, nie jedoch überboten wurde. Dabei hatte es der Film bei mir zunächst nicht leicht. Angefixt durch das Buch „Der Terror führt Regie“ von Karsten Thurau und Michael Cholewa, welches ich irgendwann um 1999 herum auf einer Filmbörse mitgenommen hatte (wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt), waren meine Erwartungen an den Film schon extrem hoch. „Der Terror führt Regie“ damals das erste Buch in Deutschland, welches sich überhaupt mit dem Poliziottesco beschäftigte und von daher für mich ein sehr wichtiges Werk, denn es eröffnete mir ein Genre, mit welchem ich mich bisher noch nicht beschäftigt hatte. Das war noch in einer Zeit, in der das Internet zwar schon Einzug in das allgemeine Leben hielt, aber Filmfreunde tatsächlich noch ihr Wissen noch vor allem aus den – spärlichen – Publikationen zum Thema europäisches Genrekino speisten. Der Säulenheiliger des Autoren-Duos war Fernando di Leo, sein zentrale Meisterwerk „Milano Kaliber 9“.

Dann hatte ich endlich „Milano Kaliber 9“ im Videorekorder. Eine Kopie des alten deutschen VHS-Tapes. Vielleicht die zweite oder dritte. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die her hatte, das Bild war jedenfalls noch erstaunlich gut. Da war man zu den wilden, prä-DVD-Zeiten auch anderes gewohnt – was man aber ohne viel Murren schluckte, nur um endlich mal den begehrten Titel, über den man zuvor nur mal irgendwas gelesen hatte, sehen zu können. Egal wie. Und, holla, allein der Anfang von „Milano Kaliber 9“ hatte es dermaßen in sich, dass ich den Film auch dann als Meisterwerk tituliert hätte, würde der Rest aus Schwarzbild bestanden haben. Diese furiose Montage, in der in nur fünf Minuten zu der kongenialen Musik von Luis Bacalov die Geschichte eines fehlgeschlagenen Geldschmuggels und den brutalen Konsequenzen erzählt wird, gehört bis heute für mich zu den großartigsten Filmanfängen aller Zeit. Gleich ganz oben dort mit jenem von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ oder Leones „Spiel mit das Lied vom Tod“. Vor einigen Jahren gab es im Bremer Kommunalkino mal kurzzeitig ein kleine Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen traf, um Filme anhand von Filmausschnitten vorzustellen und zu diskutieren. Leider habe ich es nur einmal geschafft, an dieser kurzlebigen Veranstaltung teilzunehmen. Das Thema war „Filmanfänge“. Ich hatte natürlich „Milano Kaliber 9“ im Gepäck und danach war es sehr ruhig im Raum und man sah viele heruntergeklappte Kinnladen. Bildungsauftrag erfüllt.

Nun ist „Milano Kaliber 9“ bei filmArt erstmals in Deutschland in HD erschienen. Zeit Mailand mal wieder einen Besuch abzustatten, nachdem ich den Film nun schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und was war das für ein Wiedersehen. Wie beim ersten Mal traf mich die Rasanz und Gewalt der ersten Minuten wie ein Hammer. Mario Adorf liefert in seiner Darstellung des Rocco eine der besten Leistungen seiner an überragenden Darstellungen nicht gerade armen Karriere ab. Er spielt nicht, er ist. Dieses schleimig-einschmeichelnde, dass in der nächsten Sekunde in erschreckend rohe Brutalität umschlägt. Hier der narzisstische Clown mit den viel zu großen Gesten, dort der hitzköpfige, aber in der Wahl seiner Mittel erschreckend kontrollierte Gewaltmensch. Und am Ende die einzig ehrliche Figur in diesem Film Noir voller Intrigen, Masken und Machtspielchen. Rocco mag ein extrem gefährlicher, stets gewaltbereiter Schläger sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Der ohne mit der Wimper zu zucken wortwörtlich über Leichen geht. Aber er gibt niemals vor, jemand anderer zu sein als der, der er ist. Rocco ist immer Rocco, womit er sich von den anderen Figuren in dieser Geschichte unterscheidet.

Überhaupt diese Schauspieler, die Regisseur und Autor Fernando di Leo für sein Poliziottesco-Debüt zusammengetrommelt hat. Allen vorweg der unglaubliche Gastone Moschin, der ein wenig an eine primitivere Version von Jason Statham erinnert. Er versprüht pure Körperlichkeit, wenn er seinen massiven Leib, dieses unbewegte, wie festgemeißelte, grobschlächtige Gesicht durch Mailand schiebt. In jeder Szene nimmt er sich einfach den Raum, den er braucht – ohne dass er sich groß anstrengen müsste. Es ist fast nicht zu glauben, dass dieser aus grobem Fels gehauene Mann auch in der leichten Muse daheim war. Zwei Jahre zuvor hatte er so wunderbar einen spleenigen, britischen Landpolizisten in Michele Lupos schönen „Konzert für eine Pistole“ gespielt und im selben Jahr wie „Milano Kaliber 9“ gab er als Nachfolger von Fernandel (der während der Dreharbeiten verstarb) den Don Camillo! Übrigens mit „Kaliber 9“-Gegenspieler Lionel Stander als Peppone. Um gegen diese Naturgewalt anzuspielen, braucht es ganz besondere Schauspieler, und die Leo hat sie. Neben dem fantastischen Mario Adorf quasi als Gegenentwurf zu Moschins Ugo Piazza, ist da der alt gewordene Philippe Leroy als Killer im Ruhestand. Ruhig, überlegt und von einer schweren Melancholie durchzogen. Frank Wolff, als wütender Kommissar mit althergebrachten, faschistischen Ansichten. Urgestein Lionel Stander als Gangsterboss „Amerikaner“ – irgendwo zwischen Güte und knallharter Skrupellosigkeit. Und letztendlich auch die göttliche Barbara Bouchet in der Rolle ihres Lebens. Von ihrem ersten Auftritt als Erotik-Tänzerin – der niemanden auf dem Sitz halten dürfte – bis hin zum großen Finale, als sich plötzlich ihr schönes Gesicht in eine gierige Hexenfratze verwandelt.

Aber was wären diese tollen Schauspieler und die souveräne Regie Fernando di Leos ohne seine anderen Mitstreiter, die aus „Milano Kaliber 9“ solch einen kraftvollen, unvergesslichen Film gemacht haben. Ohne Kameramann Franco Villa (dessen Lied man nicht laut genug singen kann, wie ich es bereits anlässlich des Western „Mörder des Klans“ tat, wo dieser viel zu unbekannte Meister hinter der Kamera bereits sein großes Können zeigte. Schade, dass er später im Bodensatz des italienischen Exploitationkinos versank), der genau weiß, wie man mit den Schatten spielt. Wie man den Eindruck einer Szene noch verstärken kann, indem die Kamera leicht in die Untersicht gebracht wird bringt. Der im richtigen Moment ganz nah dran an den Gesichtern und Figuren ist. Der Mailand diese raue, triste Antlitz verleiht. Ohne Amedeo Giomini, der mit seinem Schnitt den Actionszenen diese unerhörte Dynamik gibt. Und natürlich – die Musik. Was Luis Bacalov zusammen mit der Prog-Rock-Gruppe Osanna hier zum Film beisteuert, hebt diesen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Ein Soundtrack für die Ewigkeit. Wie bei der eingangs beschrieben Geldübergabe mit jedem Wechsel der Träger die Musik von neuem anschwillt und aus den Boxen birst – das geht unter die Haut. Oder jene Musik, welche Barbara Bouchets erotischen Auftritt begleitet. Melodien für die Ewigkeit. Schade, dass der tollen Veröffentlichung nicht auch noch der Soundtrack beiliegt. Aber das ist schon ein sehr hehrer Wunsch. Man muss filmArt dankbar sein, dass „Milano Kaliber 9“ nun in einem hervorragenden HD-Bild vorliegt, welches all die großen Qualitäten dieses Meisterwerkes noch einmal deutlich hervorhebt.

Ein zeitloser Klassiker des italienischen Gangsterfilms. Keine Maurizio-Merli-Haudrauf-Action, sondern ein desillusionierter Film Noir, bei dem alles stimmt. Von den überragenden Schauspielern bis zur aufpeitschenden Musik. Selten was das ausgelutschte Wort vom „Muss see“ so angebracht wie hier.

„Milano Kaliber 9“ ist die Jubiläumsnummer 10 der „Polizieschi Edition“ aus dem Hause filmArt und endlich mal wieder ein echtes Schwergewicht. Die Scheibe kommt als Blu-ray-/DVD-Kombi daher und hat den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, die Stellen ohne Synchronisation wurden untertitelt) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten) daher. Bild und Ton sind sehr gut. Positiv sei vermerkt, dass der Film bei aller Brillanz seinen „Kinolook“ behält und somit lebendig und nicht totgefiltert aussieht. Beim deutschen Ton hat man allerdings das Gefühl, dass hier etwas zu viel Atmo raus gefiltert wurde. Das klingt manchmal etwas flach. Sehr angenehm und informativ ist die 15-minütige Einführung in den Film, in der Prof. Dr. Marcus Stiglegger das am film beteiligte Personal vorstellt. Sehr interessant sind auch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ – quasi ein Making-Of – und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“ in dem Fernando di Leo über seine lange Karriere Auskunft gibt. Beide Features befinden sich auch auf der Raro-Veröffentlichungen (USA und Italien). Leider wurde auf das Feature „Scerbanenco noir“ (über den Autoren der Vorlage), welches in den internationalen Veröffentlichungen auch enthalten war, hierzulande verzichtet. Ferner sind noch Trailer (leider nicht der deutsche), ein Musik-Video der Gruppe Salem’s Pop (welches zu der Tanz-Szene mit Barbara Bouchet das Hauptthema des Filmes remixt, verfremdet und mit vielen Scratch-Effekten versieht – ist nicht so mein Ding) und ein sogenanntes Artbook mit dem kompletten deutschen Kinoaushang.

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Das Bloggen der Anderen (27-03-17)

bartonfink_type2– Wie in der Vorwoche war auch diesmal wieder sehr wenig im Netz los. Dementsprechend kurz wird die Übersicht wieder. Starten möchte ich mit einer Herausforderung, der sich Christian Witte von Witte’s wöchentliche Tipps stellte. Er zog mal eben ein 24-Stunden-Filmmarthon durch, währenddessen er 15 Filme am Stück guckte. Da wird man doch glatt ein wenig neidisch, dass man mittlerweile so ein alter Sack ist, dass einem solche schönen Schnappsideen nicht im Traum mehr einfallen würden. Ich bin ja schon froh, wenn ich in der Woche einen Film ohne einzuschlafen hinbekomme. Wie es sich gehört, hat er auch brav Protokoll geführt.

– Morgen Luft stellt auf Cinematographic Tides den Kurzfilm „Next Floor“ vor, den Shooting-Star Denis Villeneuve 2008 inszenierte. Tja, und wer am Ende dann noch die „Einstürzenden Neubauten“ in sein Blog-Posting mit unterkommt, den verlinke ich gleich doppelt so gerne.

– Den Tod Tomas Milians hat Heiko Hartmann von Allesglotzer zum Anlass genommen, sich noch einmal dessen tollen Film „Die Kröte“ vorzunehmen.

– Christian von Schlombies Filmbesprechungen findet, dass Warren Beattys „Dick Tracy“ absolut eine Wiederentdeckung verdient hat. Meine Erinnerungen an den Film sind nur sehr schwach (und bunt), aber ich glaube, Schlombie hat Recht.

Funxton hat einige Filme mit Stewart Granger gesehen, die ihm alle sehr gut gefallen haben. Die Spitzenposition nimmt bei ihm aber mit einer 10/10-Wertung „Gefährten des Grauens“ von 1952 ein.

Samuel Fullers „Park Row“ hatte ich bisher überhaupt nicht auf dem Schirm. Dank der enthusiastischen Besprechung auf Drei Cineasten hat sich dies nun aber geändert.

– Einen Film, den ich bisher nur vom Namen her kenne und – natürlich – von seinem super catchy Titelsong, das ist „Gina Wildkatze“. Eine Zeitlang meinte ich sogar, den dazugehörigen Film gäbe es gar nicht. Totalschaden von Splattertrash hat ihn aber irgendwo ausgegraben. Nun, eine lange und schwierige Suche lohnt wohl nicht, sehen würde ich ihn trotzdem mal gerne.

– Auf Grün ist die Heide beschäftigt sich Udo Rotenberg mit einer weiteren Zusammenarbeit von Regisseur Alfred Weidenmann und Autor Heinz Reinecker, die später so manchen „Derrick“ zusammen machen sollten. Nach dem NS-Propagandafilm „Junge Adler“, arbeiteten sie nach dem Krieg zusammen an dem preisgekrönten dokumentarischen Kurzfilm „Weg in die Freiheit“ über die Resozialisierung im Strafvollzug.

– Olga Galicka schreibt auf B-Roll über zwei Filme, die sich mit dem Schicksal junger Flüchtlinge. Beide Filme klingen sehr sehenswert und das Lesen der Inhaltsangaben hat mich bereits recht bewegt. Andreas Köhnemann gibt einen kurzen Überblick über die Filme, die sich aktuell „based on a true story“ nennen.

– Ebenfalls „based on a true story“ ist der Film „Barry“, der sich mit den frühen Jahren Barack Obamas beschäftigt. Victoria Steiner hat den Film sehr genau unter die Lupe genommen und auf Blickabtausch eine sehr lesenswerte Rezension geschrieben.

– Ich bin ja immer wieder dankbar für gute Tipps aus dem aktuellen Horrorkino, welches meiner Meinung nach schon seit längerem sehr viel mehr Masse als Klasse produziert. Nicolai Bühnemann empfiehlt auf Filmgazette nachdrücklich „Bedeviled: Das Böse geht online“ und trotz des etwas doofen Titels bin ich nach seiner so positiven Rezension sehr neugierig auf den Film geworden.

– Und auch LZ von screen/read hat eine Empfehlung für mich: „The Monster“ , den ich mir auch gleich mal notiert habe.

– Isabelle Huppert hat einen Film in Süd-Korea gedreht! Eigentlich sogar drei Kleine. Michael Schleeh berichtet auf Schneeland von Hong Sang-soos bereits 2012 entstanden Film „In Another Country“.

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