Blu-ray Rezension: „Nackt im Sommerwind“

Mr. Prince (Jeffery Niles), Sohn einer ausgesprochen reichen Familie (in der US-Fassung ein echter Prinz in einem kleinen Land) zieht es in die große Stadt, um wie normale Menschen zu arbeiten. Schnell findet er eine Stelle in leitender Position und zwei Mitarbeiterinnen, die gerade frisch in die Stadt gezogen sind: Die blonde Eve und die brünette Sue (beides Joni Roberts). Mr. Prince verliebt sich in Eve, während sich Sue unsterblich in ihn verliebt. Mr. Prince ist glühender Anhänger der Freikörperkultur und auch Eve ist überzeugte Nudistin. So trifft man sich im Nudisten-Camp, während Sue Pläne schmiedet, wie sie ihren Prinz für sich gewinnen kann…

Doris Wishman ist eine ganz besondere Filmemacherin. Eine, wie es sie so vorher nicht gab und auch nicht wiedergeben wird. Seitdem ich mich für die 22. Ausgabe des 35-Millimeter-Retro-Filmmagazin intensiv mit ihr und ihrem Werk bis 1965 auseinandergesetzt habe, bin ich ihrer sehr individuellen Art des Filmemachens verfallen. Umso größer die Freude, dass die große kleine Frau endlich mit einer ihr gebührenden Veröffentlichung auch hierzulande geehrt wird. Leider zählt „Nackt im Sommerwind“ nicht zu ihren besten Filmen. Auch in ihrer Nudisten-Phase gibt es Filme, die diesem eher unbedeutenden Werk haushoch überlegen sind. Wie ihr Erstling „Hideout in the Sun“ oder der sehr unterhaltsame „Nude on the Moon“, den wir einmal mit großem Erfolg bei unserer Bremer Filmreihe Weird Xperience zeigen durften. Aber man soll trotzdem froh sein, dass dieses Stückchen Zelluloid dem endgültigen Vergessen entrissen wurde.

Wie gesagt, ist „Nackt im Sommerwind“ kein besonderes Ruhmesblatt. Wishman nutzt die arg dünne Geschichte, die vor allem über das Voice-Over und ein paar ungelenke Spielszenen transportiert wird, um einem die immer gleichen Szenen aus einem realen Nudisten-Camp (die, wie ich meine, größtenteils schon in ihren anderen Filmen verwendet wurden) vorzuführen. Nicht, dass ihre anderen Nudisten-Filme gänzlich anders funktioniert hätten. Doch bei jenen gab es dann aber immer noch eine etwas interessantere oder ausgefallenere Handlung, welche die Aufmerksamkeit wachgehalten hat. Hier macht diese in dem eh schon sehr kurz ausgefallenen Film gerade mal die Hälfte aus und wirkt irgendwo lustlos nebenher inszeniert. Dass ein Wohnzimmer als Büro herhalten muss, passt zwar zur seltsamen Parallelwelt, die Wishman in ihren Filmen kreiert. Doch ihr Hauptdarsteller Jeffery Niles bringt in seiner einzigen Filmrolle außer gutem Aussehen rein gar nichts mit, was ihn irgendwo charismatisch erscheinen lässt. Nicht nur, dass der bekennenden Freikörper-Fan der Einzige im Nudisten-Camp ist, der eine Badehose trägt – was niemanden zu verwundern oder stören scheint – , ständig wandert sein Blick in Richtung Kamera, wo er sehnsüchtig auf sein Einsatzzeichen wartet und bei jedem Dialog kann man seinen Augen dabei zusehen, wie sie gerade den Text von einer Karte ablesen. Man kann natürlich argumentieren, dass das einen Teil des Charmes ausmacht. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Wishman hier mit einer gewissen „Egal“-Haltung gefilmt hat, die man in ihren anderen Filmen nicht spürt.

In der weibliche Haupt-(Doppel)-Rolle tritt Joni Roberts auf, die nicht besonders viele Nuancen nutzt, wenn es darum geht, die angeblich so unterschiedlichen Zwillingsschwestern zu spielen. Blonde und brünette Perücke und leicht abgeändertes Make-Up müssen da reichen. Immerhin hat sie den Mut, im Gegensatz zu ihrem Filmpartner, im Nudisten-Camp auch wirklich nackt aufzutreten. Ansonsten ist es nett anzuschauen, wie Wishman hier mit einfachsten Mitteln die Illusion hervorrufen möchte, dass wirklich zwei Personen anwesend seien. Dabei gibt es dann sogar eine einzige Szene, in der beide Schwestern zusammen zu sehen sind – wobei der extrem billige Effekt gar nicht so schlecht geraten ist. Ansonsten arbeitet Doris Wishman, wie man es von ihr kennt. Mit sehr vielen Natur-Aufnahmen (einmal sieht man minutenlang von Wasser umflossene Steine, während der Voice-Over die Handlung weitererzählt) und Schnitten auf Einrichtungsgegenstände (gerne auch mal als Standbilder). Das kennt und schätzt man an ihr, und macht auch ihren besonderen Stil aus. Selten allerdings wurden diese Mittel so inflationär und wahllos eingesetzt wie hier.

Die deutsche Fassung kann durch eine sehr gute, zeitgenössische Synchronisation punkten. Eine bekannte (von mir leider nicht identifizierte) Stimme spricht ironisch-amüsiert den blumigen Voice-Over, während ein sehr junger Christian Bruckner den Helden spricht und somit dessen Darstellung deutlich auswertet. Die englischen Tonspur wurde nachträglich neu erstellt. Da der Film in den USA verloren war, und die deutsche Fassung die einzige noch existierende war, wurde auf der Basis der noch existierenden Zensurkarten neu eingesprochen. Für den Wishman-Afficado ist diese Veröffentlichung natürlich ein Pflichtprogramm, denn dank der Arbeit von LSP, die für den Transfer zuständig waren, sieht der Film besser aus, als alles was man sonst von Doris Wishman sehen kann. Schade nur, dass die Mühe nicht auf ein sehr viel interessanteres Werk wie z.B. „Bad Girls Go To Hell“ aufgewandt wurde. Zudem ist der Film extrem rar und galt – bis im letzten Jahr eine DVD basierend auf der deutschen Kinorolle und mit der neuen englischen Tonspur erschien – lange als verschollen. Wer allerdings erstmals das bizarre Universum der Doris Wishman betreten möchte, dem würde ich zum Einstieg doch einen anderen Film empfehlen.

Trotz des eher schwachen Filmes ist die ausgesprochen liebevolle Veröffentlichung von Forgotten Film Entertainment ein Must-have für alle, die sich für Doris Wishman und/oder die Low-Budget-Filme der 60er interessieren. Die Veröffentlichung entstand im Zusammenarbeit mit dem Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega, der Doris Wishman 2001 zu sich nach Gelsenkirchen eingeladen hatte und reichlich Material aus dieser Zeit zur Verfügung stellen konnte. Und allein dieser Schatz ist es wert, sich die BluRay zu besorgen. Zum einen findet man hier viele – ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte – Aufnahmen von ihrem Besuch 2001 in Gelsenkirchen (27 Minuten). Da ist es nicht nur schön die jungen Gesichter der damaligen Protagonisten zu sehen, auch Doris fühlt sich wohl, redet frei von der Leber weg und inszeniert sogar ein wenig. Hier hat man wirklich das Gefühl, dabei gewesen zu sein und sich Jahre später die alten Aufnahmen anzusehen. Ebenfalls sehr schön ist eine Dokumentation des Besuches von einem „Buio“ und Freundin bei Doris in Florida ein Jahr vorher (18 Minuten). Hier bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie Doris ihren Lebensabend verbrachte und was sie für ein Mensch war. Anekdoten inklusive. Herzstück der Edition ist dann der 97-minütige Film „Better than Sex! Oder: Wie man einen Wishman-Film macht“, der Doris Wishman bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film zeigt. Am Set werden auch viele interessante Gespräche mit ihren Weggefährten geführt. Insbesondere ihr langjähriger Kameramann hat da viel zu erzählen. Daneben gibt es noch ein 5-minütiges Stück in dem Synchronsprecher-Legende Christian Brückner zeitgenössische Kritiken von „Nackt im Sommerwind“ vorliest, sowie ein knapp 2-minütiges Intro der „Buios“ Ingo Stecker, Jo Steinbeck und Heinz Klett. Die Drei bestreiten dann auch den Audiokommentar und liefern zusammen mit anderen aus dem Buio-Omega-Umfeld (u.a. Christian Keßler) die Texte für das sehr umfangreiche 32-seitige Booklet. Als Schmankerl hat man noch den Originalvorfilm restauriert und auf die BluRay gepackt, der bei der Deutschen Aufführung von „Nackt im Sommerwind“ vorweg lief: „Mädchen in der Sauna“. Dieser hätte jetzt nicht unbedingt eine solch perfekte Restauration (der Film sieht wirklich aus wie neu) benötigt, ist aber ein schönes Zeitdokument. Eine junge Journalistin schreibt einen Bericht über die finnische Sauna, recherchiert vor Ort und probiert die Sauna auch gleich mal selber aus, was dem Zuschauer Gelegenheit gibt, sie im Eva-Kostüm zu sehen. Erotisch ist das nicht direkt und statt „Mädchen“ sieht man allerlei Menschen beiderlei Geschlechts, Alter und Form. Die drei „Herr Weber“ hätte ich jetzt nicht gebraucht. „Herr Weber“ ist scheinbar eine „in der Szene“ bekannte Figur, die ich aber eher nervig fand. „Wie ich den Sommerwind fing“ (20 Minuten) soll davon erzählen, wie er die letzte Kopie von „Nackt im Sommerwind“ fand. Es erschließt mir aber leider nicht, was daran Fakt und was Fiktion ist. Soll wahrscheinlich lustig gemeint sein. Es folgen dann noch zwei 3- bzw. 4-minütige Kurzfilme mit Herrn Weber. Abschließend noch etwas zur technischen Qualität des Hauptfilmes: Diese ist sowohl was Bild als auch Ton angeht superb und so gut hat wahrscheinlich noch nie ein Doris-Wishman-Film ausgesehen.

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Das Bloggen der Anderen (19-11-18)

– Keine Britin hat bei mehr Filmen Regie geführt als Muriel Box. Sie war die erste Frau, die einen Oscar für das beste Originaldrehbuch erhalten hat. Und dennoch ist sie weitgehend unbekannt. Sonja Hartl sorgt auf kino-zeit.de für eine Wiederentdeckung.

Die Filmlöwin schreibt über „Bett und Sofa“, einem russischen Stummfilm aus dem Jahr 1927, der ihrer Meinung nach in vielerlei Hinsicht um so vieles progressiver als ein Großteil des zeitgenössischen Kinos. Ferner schreibt sie über den feministischen Mehrwert in Dorothy Arzners Melodram „Dance, Girl, Dance“ von 1940.

NeonZombie war auf dem 32. Braunschweig International Filmfestival und hat dort vor allem die Cinestrange- und Pagan Horror At Midnight-Reihe besucht.

– Ebenfalls in Braunschweig lief der schöne „Blue My Mind“, den ich schon in Oldenburg sehen konnte. Hier die Kritik von Michaline Saxel vom Blog Daumenkino.

– Die Ganze Redaktion von Jugend ohne Film lässt nochmal ihre Höhepunkte der Viennale Revue passieren und Andrey Arnold macht sich einige Gedanken zur Duisburger Filmwoche.

– Auch Frédéric Jaeger von critic.de war auf der Duisburger Filmwoche und macht sich etwas sorgen um deren Fortbestand. Karsten Munt berichtet vom Filmfestival Cottbus 2018. „Eine sinnliche Pathologie der Bilder“ nennt Lukas Foerster seinen sehr langen und auch sehr lesenswerten Text zum Spätwerk von Paul Schrader. Die Viennale widmete sich in ihrer diesjährigen Retrospektive der Goldenen Zeit des B-Movies und ihren Nachwehen. Michael Kienzl erinnert sich an vier besonders schöne Exemplare.

Filmlichter beleuchtet das Thema „Streaming“ von allen Seiten und bleibt skeptisch. Sehr interessant hier auch die lange Kommentarsektion unter dem Artikel.

– Gnaghi von Komm & Sieh ist ziemlich begeistert von dem ultrabrutalen indonesischen Martial-Arts-Reißer „The Night Comes For Us“.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über Douglas Sirks vorletzten Film: „Ich halte A TIME TO LOVE AND A TIME TO DIE auf Anhieb nicht nur für einen der stärksten Szenen Sirks und einen der besten Antikriegsfilme überhaupt“. Dem schließe ich mich an.

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Bericht vom 32. Braunschweig International Film Festival

Das erste Mal seit acht Jahren waren ich endlich mal wieder auf mehr als nur einem Filmfestival. Nach Oldenburg und Bremen, folgte ich dem Ruf nach Braunschweig. Dort war ich schon im vergangenen Jahr zweimal nett eingeladen worden, aber zeitlich war das damals nicht machbar. Dieses Jahr hatte ich aber einen guten Grund allen Widrigkeiten zu trotzen und mich auf den Weg zu machen. Das 35 Millimeter – Retro-Filmmagazin, für das ich nicht nur regelmäßig schreiben, sondern auch seit Jahren die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs ausfülle, war erstmals Medienpartner des Festivals, hatte nicht nur eine Sonderausgabe für das Festival produziert und präsentierte in der Reihe „Pagan at Midnight“ einen Film. Zudem hatten einige Mitautoren ihr Kommen angekündigt, und ich freute mich besonders darauf, meinen Redaktionskollegen Christian Genzel, der ganz aus Salzburg angereist war, endlich mal persönlich kennenzulernen.

Freundlicherweise holte mich unser Chefredakteur Clemens Williges als „Privatchauffeur“ vom Hauptbahnhof ab und brachte mich zu meinem Redaktionskollegen und Mit-Delirianer Christoph Seeliger, bei dem ich über Nacht bleiben wollte. Christoph nahm mich auch gleich in Empfang und mir, wie man am Schnellsten von Kino zu Kino kommt. Nach einer Stärkung in dem Kino-Bistro „Abspann“ gingen wir dann erst einmal getrennt Weiterlesen

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„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 29 erhältlich

Titelthema der aktuellen Ausgabe ist der 1. Weltkrieg, der vor 100 Jahren endete. Ich habe dazu einiges über Slapstick-Filme, die im 1. Weltkrieg spielen, geschrieben und war überrascht, dass es da sehr viel mehr gab, als ich zuerst dachte. Und auch die Kollegen waren wieder sehr aktiv und haben spannendes, interessantes, überraschendes und seltsames beigetragen. Ein wirklich farbenfroher Strauss an tollen Artikeln.

Ich bin immer wieder freudig überrascht, wohin sich das Magazin in seinen bisher 29 Ausgaben entwickelt hat und schreibe bereits fleißig an meinem Artikel für die Nummer 30, in der es dann Schwerpunktmäßig um das spanische Kino gehen wird.

Dem aktuellen Heft liegen für Abonnenten übrigens nicht nur ein Booklet zu „Für eine Handvoll Dollar“ bei, sondern auch kostenfrei beiliegenden Sonderausgabe #4 zum Braunschweig International Filmfestival, bei dem wir in diesem Jahr Medienpartner sind und am Samstag um 23:00 Uhr den finnischen Gruselfilm „Das weiße Rentier“ von 1952 präsentieren. Da werde ich dann auch mit vor Ort sein.

Heft #29 kann man HIER für € 4,50 zzgl. Versand beziehen.

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Das Bloggen der Anderen (05-11-18)

– Auf critic.de führt Frédéric Jaeger sein Gespräch mit Paolo Moretti fort. Diesmal geht es vor allem um die Quinzaine des réalisateurs in Cannes. Jonas Nestroy berichtet derweil von der DOK Leipzig 2018.

– Auf der DOK Leipzig 2018 war auch die Filmlöwin zu Gast und zeigt sich überaus begeistert. Zudem schreibt sie über das Pornfilmfestival Berlin und stellt einige dort gezeigte Filme vor.

– Patrick Holzapfel und Rainer Kienböck von Jugend ohne Film waren auf der Viennale und haben dort u.a. den neuen Film von Claire Denis, „High Life“ und den sehr spannend klingenden „Diamantino“ von Gabriel Abrantes und Daniel Schmidt gesehen.

– Der legendäre Eckhart Schmidt hat anlässlich seines 80sten Geburtstages einen kleinen, persönlichen Text auf Eskalierende Träume veröffentlicht.

– Ein anderer Filmemacher, Christoph Hochhäusler, hat auf seinem Blog Parallel Film einige Kurzreviews niedergeschrieben. U.a. zu Miikes „Audition“ oder Gerald Kargls „Angst“ (wobei ich jetzt erstmal gehört habe, dass die Kamera dort von Zbigniew Rybczyński , dessen experimentellen „Tango“ ich großartig finde, stammt. Jetzt muss der mal her!

– Lukas Foerster hat auf Dirty Laundry im Rahmen des Siegfied-Kracauer-Stipendiums einen Text über die cinephile Faszination für Liste verfasst. Und sich ausführlich mit der Kritik zum neuen Remake „A Star Is Born“ auseinandergesetzt und teilweise revidiert.

– Sehr ausführlich hat sich Christian Genzel auf Wilsons Dachboden mit dem 2018er „Halloween“ auseinandergesetzt.

– Wie immer sehr interessant schreibt Manfred Polak auf Whoknows presents über einen Dokumentarfilm von Alain Kaminker und Raymond Vogel, den beide 1958 in der Bretagne drehten.

– Ich habe ihn noch nicht gesehen, obwohl ich schon seit Jahren darauf hin fiebere. Aber so ist das wohl: Sind die Dinge erst einmal verfügbar, verschwindet der unmittelbare Drang. Oliver Armknecht hat auf film-rezensionen.de aber schon drüber geschrieben: Orson Welles „The Other Side of the Wind“.

– Christian reviewt auf Schlombies Filmbesprechungen den ebenso großartigen, wie ungewöhnlichen Animee „Belladonna“ und ist begeistert. Auch Margheritis „Sieben Jungfrauen für den Teufel“ gefiel ihm überraschend gut.

– Bleiben wir bei den italienischen Klassikern: Nie genug kann man über Mario Bavas Meisterwerk „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ schreiben. Darum sei hier auch noch die Besprechung von Allesglotzer verlinkt.

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Blu-ray-Rezension: „Antiviral“

In einer sehr nahen Zukunft. Stars sind die neuen Götter und um ihnen nahe zu sein, lassen sich ihre Fans in Spezialkliniken für teures Geld deren Krankheiten spritzen. Wenn man den Herpes der Vergötterten hat, hat man einen Teil von ihr. Syd March (Caleb Landry Jones) arbeitet in einer solchen Klinik. Aber er arbeitet nebenbei auf eigene Rechnung. Er schmuggelt die Viren aus der Klinik, indem er sie sich selbst injiziert. Dann verkauft sie an einen zwielichtigen Schwarzhändler (Joe Pingue). Als er dies auch mit dem Virus der beliebten Hannah Geist (Sarah Gadon) tut, erlebt er eine böse Überraschung…

Es ist schon mutig, was Brandon Cronenberg da gemacht hat. Der Sohn eines ebenso berühmten, wie insbesondere für sein Frühwerk bei zahlreichen Fans ausgesprochen beliebten Kultregisseurs begibt sich für sein Spielfilmdebüt auf exakt jenes Feld, welches Papa David einst bestellt hat. Kalkül, weil man mit dem Namen Cronenberg möglichst viele Fans anziehen oder zumindest höchst neugierig machen möchte? Oder ist es eher ein klarer Fall von „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und Cronenberg Jr. treiben nun einmal dieselben Themen um, wie seinen Vater? Vermutlich eher letzteres, den Brandon Cronenberg führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch zu „Antiviral“. Ein merkwürdiger, aber durchaus faszinierender Film, wie ihn auch Cronenberg Sr. in jungen Jahren hätte drehen können. Damit soll es aber nun genug sein, ob der Vergleich der beiden Cronenbergs. Denn Brandon C. hat hier ein eigenständiges Werk geschaffen, welches zwar stilistisch an das Frühwerk des Vaters erinnert, dieses aber noch einmal um ein paar Grad herunter kühlt.

Im Grund ist „Antiviral“ ein tiefschwarze Satire. So schwarz, dass sie komplett humorlos erscheint. Aber natürlich ist der auf die Spitze (und darüber hinaus) getriebene Starkult völlig grotesk und würde in den Händen z.B. eines Quentin Dupieux zu einem Stück absurd-surrealer Komödie werden. Cronenberg wählt aber einen anderen, grimmigeren Ansatz. Der von ihm geschaffenen, sterilen Welt ist jegliche Leichtigkeit, jeder Anflug von Spaß ausgetrieben. Die Fans der (für was eigentlich?) vergötterten Stars zeigen keine echten Gefühle, sondern eine übertriebene Sucht nach dem Kick der totalen Hingabe an ein Traumgeschöpf. Nicht nur, dass sie sich die Krankheiten der Stars spritzen lassen, um ihnen irgendwie nahe zu sein, sie verschlingen sie förmlich in Form von künstlich aus dem Muskelgewebe der Traumgötter hergestellten, gräulichen Fleischlappen. Cronenberg zeigt eine Welt in der die Menschen komplett leer sind. Die Fans als dumme Schafe, die alles dafür tun, damit ihre Stars das eigenen nutzlose Leben irgendwie aufwerten. Die Stars selber, die lediglich Produkte sind. So sehr, dass sie Teile von sich verkaufen lassen. Ihre Krankheiten, ihr Fleisch, ihre Persönlichkeit, welche virtuell den Bedürfnissen der Fans angepasst und jederzeit verfügbar ist. Und dazwischen diejenigen, die das ganze Elend skrupellos zu ihrer eigenen Bereicherung ausschlachten und an nichts anderem als Gewinnmaximierung interessiert sind. Keine der drei Gruppen ist irgendwie sympathisch oder bietet sich zum Mitfühlen an. So ähnelt Cronenbergs Film dann auch mehr eine klinischen Versuchsanordnung und weniger dem SF-Thriller als der er verkauft wird.

Dazu passt dann auch hervorragend die Besetzung der Hauptrolle mit Caleb Landry Jones. Jones hat nicht nur von Natur her ein seltsames, fiebrig-„krankes“ Aussehen, sondern auch eine unangenehme, unterschwellig aggressive, selbstfixierte Aura. So war er bereits die Idealbesetzung für den fiesen Armitage-Sohn im großen Überraschungserfolg „Get Out“, wie auch in „Twin Peaks: The Return“ wo man ihn als drogensüchtigen Freund von Amanda Seyfried sah. Einem Typen der nichts auf die Reihe bekommt, seine Mitmenschen ohne Rücksicht ausnutzt und sie sehenden Auges mit ins Elend zieht. Ein Mensch, dem man liebend gerne den Hals umdrehen würde. Oder „you love to hate“. Sein Syd March passt da in diese Reihe. Skrupellos, immer an der Grenze zur Selbstzerstörung, fast geisterhaft. Zur Identifikation lädt Syd sicherlich nicht ein. Aber er ist der perfekte Führer durch eine eiskalte Welt, der jegliche menschliche Wärme abhanden gekommen ist. Ein Welt, die Liebe und Mitgefühl in einen sinnentleerten Fanatismus pervertiert hat. Jones trägt den Film auf seinen schmalen, ausgemergelten Schultern und spielt locker gegen eine Größe wie Malcom McDowell an, der hier offensichtlich nur wenige Drehtage zur Verfügung stand und professionell, aber auch etwas egal agiert.

Man merkt „Antiviral“ jederzeit an, dass nicht viel Budget zur Verfügung steht. So wirkt er manchmal wie ein ambitionierter Hochschulabschlussfilm. Doch Cronenberg weiß mit dieser Limitation gut umzugehen. Die Welt, die er mit seinen weißen, klinischen Flächen erschafft, wirkt einerseits futuristisch, andererseits in seinem aseptischen Apple-Look auch sehr vertraut. In dieser Welt können auch die kleinen, schmutzigen Make-Up-Effekte für den allgegenwärtigen Ausschlag, dem ausgehusteten -fast schwarzen Blut und die krank-fleckige Haut einen größeren Effekt erzielen. „Antiviral“ mag weit weniger eklig sein, als man bei seiner Prämisse erwarten würde – aber das ständige Blut-Husten, die Großaufnahme, die fast schon dokumentarischen Einstiche der Spritzen, die Close-Ups auf die kranken-fiebrigen Gesichter verfehlen ihre Wirkung nicht. Ebenso wie das schwarz-zynische Ende und die unterkühlt-unangenehme Atmosphäre. Nein, ein mitreißender Film ist „Antiviral“ nicht. Aber ein faszinierender mit Widerhaken. Einer über den man noch lange nachdenkt, und der nicht so einfach aus dem Kopf verschwinden will, wie man das gern hätte. Fast wie ein Virus.

Die Bluray des mir zuvor unbekannten Labels Busch Media weist eine gute Bildqualität auf. Der Ton ist sehr klar. Effekte gibt es keine, sind aber auch vom Film her so nicht vorgesehen. Schade ist es, dass es keine Untertitel gibt, da man in der englischen Tonspur manchmal Probleme hat Caleb Landry Jones, aufgrund dessen Tendenz seine Sätze zu vernuscheln, zu versehen. Auch ist dem „Tech-Talk“ im Original nicht immer einfach zu folgen. Bonus gibt es außer Trailern aus dem Busch Media Programm leider nicht.

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Das Bloggen der Anderen (29-10-18)

– Mit „ein wenig“ Verspätung berichtet Silvia Szymanski auf Hard Sensations von ihrem Besuch 2017 auf dem Il Cinema Ritrovato in Bologna. Aber so etwas wird ja nicht alt und lesenswert sind Silvias Gedanken eh immer.

– Rainer Kienböck wundert sich auf Jugend ohne Film darüber, dass der etablierte Fassbinder-Kanon einen in die Irre führt. Eine sehr schöne Aufforderung Rainer Werner Fassbinder noch einmal ganz neu und unvoreingenommen für sich zu entdecken.

– Von Fassbinder zu Schlingensief ist es nicht so weit (Fassbinders „Satansbraten“ z.B. ist wirklich ein Proto-Schlingensief). Paul Poet hat dem an allen Ecken und Enden schmerzhaft fehlenden Schlingensief zum 58. Geburtstag auf kino-zeit.de ein sehr persönliches Requiem gewidmet.

– In La Roche-sur-Yon gibt es ein Kino. Und dieses richtet alljährlich ein angesehenes Filmfestival aus. Ein Vorbild für alle Kinomacher! Frédéric Jaeger hat auf critic.de ein höchst inspirierendes Interview mit Kino- und Festivalleiter Paolo Moretti geführt. Und Olga Baruk schreibt über einen der schönsten Filme, die ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe: „In den Gängen“.

– Zeit für Entdeckungen: Sano Cestnik stellt auf Eskalierende Träume sehr ausführlich den Essayfilm „Unsichtbare Tage oder Die Legende von den weißen Krokodilen“ vor, den Eva Hiller 1999 realisierte.

Der Kinogänger empfiehlt den Anime „Night Is Short, Walk On Girl”, der ihn in seiner unkonventionellen und phantasievollen Art sehr angenehm überrascht hat.

– Lukas Foerster widmet sich auf Dirty Laundry der Figur der Zosh aus Otto Premingers „Der Mann mit dem goldenen Arm“.

– Den deutschen Slasher „Flashback“ habe ich als überraschend gut in Erinnerung. Fuxton hat mir jetzt in seiner Review bestätigt, dass ich das scheinbar ganz gut behalten habe. Noch nie gesehen und übel beleumundet: Hammers Fanal: „To The Devil A Daughter“. Hier mal eine überaus positive Besprechung.

– Wer wissen möchte über welchen Film Oliver Nöding schreibt: „Was um Himmels Willen hatten sich die Verantwortlichen dabei nur gedacht? Hatten sie überhaupt gedacht? Kam ihnen im Verlauf der Produktion wirklich nie in den Sinn, dass die Mär, die sie da auf die Leinwand zu bringen gedachten, haarsträubend idiotisch und dazu noch heftigst geschmacksunsicher war?“ sollte schnell auf seinen Blog Remember It For Later hüpfen.

– Pünktlich zum HalloweenFest macht sich Filmlichtung Gedanken über Monster aus dem Weltall und ihre Filmgeschichte.

Schattenlichter kehrt kurz aus der Blogruhepause zurück, um ihr fassungsloses Erstaunen über „Mandy“ mitzuteilen.

– Den habe ich sogar schon im Kino auf 35mm gesehen: Schlombies Filmbesprechungen über den Film mit einem der schönsten Titel überhaupt: „Nackt unter Affen“. Ja, so fühle ich mich auch manchmal.

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Das Bloggen der Anderen (22-10-18)

– Zerbrechliche Männlichkeitsbilder auf Eskalierende Träume. André Malberg hat sich zum einen Ulli Lommels Erotik-Drama „Der zweite Frühling“ vorgenommen, den dieser 1975 mit Curd Jürgens in der Hauptrolle inszeniert hat. Und dann Enzo G. Castellaris Italo-Western „Töte sie alle und kehr allein zurück“.

– Ja, es ist eine elende Klick-Strecke, aber immerhin eine Interessante: Katrin Doerksen hat auf kino-zeit.deSitges 2018 – 13 Perlen des Genrekinos“ zusammengestellt. Da gibt es nämlich – abgesehen von den Filmen, die eh demnächst hier erscheinen – auch Neues von Quentin Dupieux! Lucia Wiedergrün wiederum wirft einen hochinteressanten Blick zurück auf die „Wirtschaftswunder“-Filme „Wir Wunderkinder“ und „Wir Kellerkinder“.

Sennhausers Filmblog widmet sich Ethan Hawkes „Blaze“, welches aus dem Leben des Country-Singer/ Songwriter Blaze Foley erzählt, der 1989 erschossen wurde.

– Vor Kurzem noch auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg, bald beim Internationalen Filmfest Braunschweig: Der Transgender-Ballett-Film “Girl“ von Lukas Dhont. Sarah Schild von Daumenkino hat der Film sehr gut gefallen.

– Rainer Kienböck schreibt auf Jugend ohne Film über „Waldheims Walzer“ von Ruth Beckermann. Obwohl er von einem „aufrüttelnden, bedeutsamen und mächtigen Film“ schreibt, ist er doch etwas enttäuscht.

Filmlichter macht sich ein paar Gedanken zum spannenden Thema „Kinder und Horrorfilme“, welches hier allerdings nur locker angerissen wird.

– Volker Schönenberger empfiehlt zu Halloween auf Die Nacht der lebenden Texte den Klassiker „Die Rache des Toten“ von Michael Curtiz und mit Boris Karloff.

– Den hätte ich auch gerne auf der großen Leinwand gesehen: Ken Russells „The Lair of the White Worm“, über den Oliver Nöding auf Remember It for Later schreibt.

– Ein wenig Angst habe ich ja vor Robert Schwentkes „Der Hauptmann“, aber nach funxtons begeisterter Besprechung werde ich wohl bald mal einen Blick riskieren. Sollte er mir zu sehr an die Nieren gehen, kann ich mich ja mit Claudio Fragassos „After Death“ abkühlen, den funxton ebenfalls bespricht.

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Blu-ray-Rezension: „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“

Die beiden Polizisten Alfredo (Marc Porel) und Antonio (Ray Lovelock) gehören zu einer Spezialeinheit in Rom an, welche die Straßen vom Verbrechen säubern will. Notfalls auf präventiv durch eine Kugel zwischen die Augen. Als ein Kollege durch die Leute des lokalen Mafiabosses Roberto Pasquini (Renato Salvatori) umgebracht wird, machen sich Antonio und Alfredo daran, Pasquini das Handwerk zu legen und geraten dabei ins Fadenkreuz des Gangsters.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Beim ersten Ansehen von „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ fällt einem erst einmal gepflegt die Kinnlade herunter. Was sich dort von den Augen des unbedarften Zuschauers abspielt ist im Grunde völlig unfassbar. Polizisten benehmen sich wie psychopathische Schulkinder und knallen mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht alles kaltblütig weg, was ihnen vor den Lauf kommt. Ohne Rücksicht auf Verluste unter den Zivilisten, und ohne auch nur einen Gedanken an eine simple Festnahme zu verschwenden. Nein, nur töten macht Spaß. Oder die Autos reicher Bonzen anzuzünden, die sich gerade in dem Spielkasino eines Verdächtigen aufhalten. Warum? Weil! Und wenn da der ein oder andere kleine Handlanger bei draufgeht? Was soll’s? Nebenbei wird die hübsche Kollegin sexuell belästigt oder man rutscht mal hintereinander über die nymphomane Schwester eines Verdächtigen rüber. Lustig ist das Polizisten-Leben!

Dass Regisseur Ruggero Deodato das alles bitterernst gemeint hat und die Taten seiner Protagonisten gut heißt, darf bezweifelt werden. Viel mehr treiben er und sein Drehbuchautor Fernando di Leo das auf die Spitze, was die Poliziotteschi von Leuten wie Lenzi oder Massi vor ihnen schon auf die Leinwand gebracht haben. Der Cop als reinigende Kraft, die auf eigene Faust mit dem Gesocks auf der Straße aufräumt. War Maurizio „Kommissar Eisen“ Merli noch der Watschenverteiler, dem zwar auch der Colt locker an der Hüfte saß, der aber noch ein letztes Bisschen Anstand und Bürgernähe besaß. Das ist hier vollkommen vorbei. Die beiden Posterboys Antonio und Alfredo interessiert eigentlich nur eins, nämlich sie selber. Und da ihnen das Töten solch eine Freude bereitet, sehen sie in ihrem Gegenüber nur das potentielle Opfer ihrer Mordlust. Beide sind Psychopathen reinsten Wassers, was ihr Chef natürlich allzu gut weiß. Halbherzig stellt er sie nach jedem Massaker zur Rede, weiß aber natürlich auch, dass die Beiden für ihn nicht mehr sind als zwei tödliche Waffen, die er bei Bedarf, und ohne mit der Wimper zu zucken einsetzt. So etwas wie Moral kommt in der Welt, wie Deodato sie zeichnet, nicht vor. Da wirkt sogar sein berüchtigter „Cannibal Holocaust“ in dieser Hinsicht etwas sanfter, da es dort mit Prof. Monroe wenigstens eine Figur gibt, die Herz und Gewissen zeigt. So jemanden sucht man in „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ vergebens.

Es wäre interessant herauszufinden, ob es jemanden gibt – heute oder in der Zeit der Filmpremiere – die in Antonio und Alfredo so etwas wie Helden oder gar Vorbilder sieht. Diesem Menschen möchte man allerdings nicht über den Weg laufen. Die gute deutsche Synchro versucht das blutig-misanthropische Treiben mit flotten Sprüchen noch etwas abzumildern, allerdings verstärken diese noch das Unwohlsein nur, welches einen beim Betrachten der Aktionen beider Herren befällt. Wenn beispielsweise Antonio eine Zeugin erst einen Kinnhaken verpasst und dann noch meint „Noch so ’n Scherz und du kannst dein Frühstück aus der Schnabeltasse lutschen“, dann wirkt das nicht cool, sondern im höchsten Maße sadistisch. Und am Ende sind die beiden hübschen Unsympathen nicht nur eitel, selbstverliebt, skrupellos, psychopathisch und übergriffig, sondern auch ziemlich dumm. Ohne das beherzte und ebenso kaltblütige Eingreifen ihres Bosses würden sie nämlich in 1000 Fetzen zerrissen werden. Weshalb? Weil sie lieber eine hübsche Blondine vergewaltigen, als auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, weshalb der Gesuchte nicht zugegen ist.

Aber nicht nur in Bezug auf die (Anti)Helden ihres Filmes, rechnen Deodato und di Leo mit dem klassischen Poliziottesco ab. War dieser bereits durch eine gewisse Epidodenhaftigkeit gekennzeichnet, so zerschlagen die Beiden ihren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ in einzelne Stücke, die nur notdürftig durch die Suche nach Pasquini als roten Faden zusammengehalten werden, oftmals aber gar nichts mit diesem zu tun haben. Dadurch, dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ die typischen Muster eines Poliziottesco gnadenlos übertreibt, legt er dessen Strukturen und oftmals diskussionswürdigen Elemente frei, wie eben gute Satire den Finger auf die Wunde legt, indem sie die Missstände auf die Spitze und darüber hinaus treibt. Dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ aber trotzdem hervorragend als Poliziottesco und Actionfilm funktioniert motiviert dazu, hier vielleicht mal genauer hinzuschauen, was diese Filme eigentlich aussagen und welche Methoden sie propagieren. Und – auf den Zuschauer zurückgeworfen – weshalb er das auch gerne mal so richtig geil findet. Natürlich ist es okay, Poliziotteschi oder Actionfilme zu mögen und ihren nicht zu leugnenden Unterhaltungswert sehr zu schätzen. Aber es ist sicherlich nicht verkehrt, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das eben eine Fantasiewelt ist, die dort kreiert wird und man solche reaktionären und gewaltgeilen Typen wie einen Merli in der realen Welt eben nicht unbedingt antreffen möchte. Von Antonio und Alfredo ganz zu schweigen.

In seinem schier unfassbaren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ arbeitet Ruggero Deodato mit einer Technik, die später auch Paul Verhoeven bei „Starship Troopers“ anwenden sollte. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Fernando di Leo treibt er unter dem Deckmantel rasanter Action und brachialen Unterhaltung die  „Law & Order“-Mentalität anderer Poliziotteschi auf die Spitze, legt so das darunterliegende Gedankengut frei und stellen es in Frage.

Mit „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ macht filmArt das Dutzend in ihrer Polizieschi Edition voll. Dafür wurde das Bild des Filmes neu abgetastet und ist nun – wie man in diversen Internetforen ließt – dem der englischen Bluray überlegen. Diese liegt mir zwar nicht zum Vergleich vor, doch es besteht wirklich kein Grund zur Beschwerde. Das Bild ist sehr gut, ohne seinen „Filmcharakter“ zu verleugnen. Hier hat der technische Partner LSP-Medien wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Auch der Ton ist klar und gut verständlich. Nichtsynchroniserte Stellen liegen auf Italienisch mit deutschen Untertiteln vor. Neben der deutschen ist noch die italienische und die englische Tonspur dabei, sowie ein sehr informativer und kurzweiliger Audiokommentar von Pelle Felsch und Oliver Nöding, der nur zum Ende hin etwas fahrig wird. Eine „unzensierte Deutsche Kinofassung“ ist auch dabei, wobie ich jetzt nicht sagen kann, inwieweit diese sich von dem Hauptfilm unterscheidet – wenn sie doch unzensiert ist. Als Special-Feature gibt es noch die von Ray Lovelock gesungenen Lieder „Maggie“ und „Won’t Take Too Long“, die über einem Foto von ihm abgespielt werden. Englischer Vor- und Abspann und diverse Trailer runden die Extras ab. Hervorzuheben ist noch das wirklich fette Booklet von Martin Beine, welches auch wunderbar bebildert ist.

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Blu-ray Rezension: „Rock ’n‘ Roll High School“

Als der Direktor der Vince Lombardi High School aufgrund der rebellischen und Rock’n’Roll-süchtigen Schüler einen Nervenzusammenbruch erleidet und als Wrack in die Psychiatrie muss, übernimmt die strenge und autoritäre Miss Evelyn Togar (Mary Woronov) die Schule und zieht andere Saiten auf. Unterstützt von ihren Schergen Fritz Hansel (Loren Lester) und Fritz Gretel (Daniel Davies) führt sie ein Schreckensregime, um den Schülern wieder Disziplin beizubringen. Doch sie hat die Rechnung ohne Riff Randell (P. J. Soles), dem größten Ramones-Fan der Welt, gemacht…

Es ist durchaus verwunderlich, weshalb um „Rock ’n‘ Roll High School“ solcher frenetischer Kult wie um „The Rocky Horror Picture Show“ entstanden ist. Zwar ist die „Rock ’n‘ Roll High School“ unter Ramones-, wie auch Roger-Corman- und Joe-Dante-Fans durchaus bekannt und beliebt, doch solch ein flächendeckenden Wahnsinn wie um das britische Grusel-Musical gab es leider nie. Dabei ist die unbändige Energie, die gute Laune und die mitreisende Musik eigentlich prädestiniert für jährliche Screenings vor Hunderten von Leuten. Aber in einer nicht so gerechten Welt, rangiert „Rock ’n‘ Roll High School“ leider nur unter den (immerhin umso mehr geliebten) Geheimtipps. Vielleicht ist der verrückte Charme des Filmes und die energiereiche Punkmusik der göttlichen Ramones dann doch nichts für Otto und Ottilie Normalkinogänger.

Aus heutiger Sicht ist allein schon der Soundtrack spektakulär. Gleich zu beginnt schallen einem Paul McCartney & The Wings entgegen. Später folgen Fleetwood Mac, Devo, Alice Cooper, Lou Reed und diverse Brain Eno-Stücke, die als Score genutzt werden. Wie es eine Billigproduktion geschafft hat, all diese Musiker auf dem Soundtrack zu vereinen und damit kein Millionenbudget verbraten zu haben, gehört zu den Firmengeheimnissen der Corman-Schmiede (nein, nicht wirklich. Es wird in einem der Extras ausgeplaudert – man hatte einfach sehr gute Kontakte). Und dann sind da natürlich die Ramones. Ich war immer davon ausgegangen, das Joey, Dee Dee, Johnny und Marky einen Kurzauftritt am Ende des Filmes hätten. Weit gefehlt. Der Film dreht sich nicht nur um einen verrückten Ramones-Fan, sondern auch um die Band selber, die tatsächlich ein weiterer Hauptdarsteller in „Rock ’n‘ Roll High School“ ist. Der Höhepunkt ist dann ein Konzert, welches die Ramones im The Roxy geben und bei dem sie nicht nur ihre größten Hits spielen, sondern auch zeigen, was für eine großartige und mitreißende Bühnenband sie waren.

Aber es ist nicht nur die tolle Musik, die den Film zu dem machen, was er ist. Wenn dem so wäre, könnte man ja auch ein Musikvideo ans andere reihen. Neben der zeitlosen Geschichte von den typischen High-School-Problemen, der ersten Liebe, dem Boy-Wants-(wrong)-Girl, (Right)Girl-Gets-Boy und Jugend-Rebellion, sind es vor allem die frischen und quirligen Schauspieler, die ihren Figuren echtes, sprühendes Leben verleihen. Allen voran die fabelhafte P.J. Soles als Riff Randell (was für ein Name!). Ein Mädel mit dem man gerne tausend Pferde stehlen möchte. Aber auch Dey Young (die später in zwei deutschen Produktionen – „Zärtliche Chaoten“ und „Starke Zeiten“ mitspielen sollte) ist perfekt in der Rolle der „grauen Maus“, die allerdings gar nicht so grau ist, sondern im Gegenteil immer für einen guten Scherz und eine tolle Party zu haben ist. Und bei der immer die Lust an der Subversivität durch das „Braves Mädchen“-Äußere durchscheint. Vor allem stimmte die Chemie zwischen Soles und Young was sich auch eindrücklich auf ihre Figuren überträgt. Zu keiner Zeit denkt man, die Beiden würden nicht zusammen durch Dick und Dünn gehen. An der Lehrerfront ist Paul Bartels als Beethoven-cum-Punkrock-Fan einfach zum Knuddeln. Den Vogel schießt aber die unvergleichliche Mary Woronov als Miss Togar ab. Hochgeschossen, in engem Kostüm und strenger Frisur, dominant, autoritär und dabei auch unglaublich sexy. Auch Clint Howard als „Fonzie“-Verschnitt Eaglebauer macht Spaß.

Allein Miss Togars beiden Schergen Fritz Hansel und Fritz Gretel sind arg drüber, fügen sich aber trotzdem in den generellen Wahnsinn des Filmes ein. Zudem ist Fritz Gretel für eine der schönsten Szenen des Filmes (Stichwort: Papierflieger) zuständig. Dass dann irgendwann noch eine mannsgroße Maus und seine Mutter (!) auftauchen, ist da dann auch schon egal. Wer den Film liebt, der liebt auch den von SFX-Guru Rob Bottin gespielten Mr. Mouse. Was „Rock ’n‘ Roll High School“ zusammenhält und seinen unglaublichen Drive gibt ist der perfekte Schnitt. Man merkt, dass Regisseur Allan Arkush zusammen mit Joe Dante für die Herstellung der spektakulären Trailern der Corman-Produktionen zuständig waren. Da stimmt vom Timing her alles und macht ordentlich Tempo. Besonders gut zu sehen in der Szene in der Riff Randell in der Sporthalle „ihren“ Song „Rock ’n‘ Roll High School“ zum besten gibt und ihre Mitschülerinnen mitreißt. Die Szene wurde wurde von Joe Dante gefilmt, da Arkush erschöpft im Krankenhaus lag. Da gibt es keine großartige Choreographie, aber im Schnitt wirkt das alles authentischer, mitreißender und lebensfroher als… sagen wir mal „Mamma Mia“.

Aber warum schreibe ich hier eigentlich so viel? Man kann das alles auch in drei kurze Sätze zusammenfassen: Die Blu-ray in den Player schieben. Die Lautstärke auf Ramones-Level. Und einfach Spaß haben.

Das Bild der Anolis-Bluray ist dem Alter entsprechend sehr gut und nicht tot gefiltert. Der Ton haut trotz 2.0 Mono mit DTS-HD ordnetlich rein, was bei diesem Film natürlich besonders freut. Ansonsten ist die Bluray randvoll mit spannenden Extras. Das beginnt mit gleich vier (!!!) Audiokommentaren. Es spreche Allan Arkush und Mike Finnell,dann Allan Arkush, P.J. Soles und Clint Howard, gefolgt von Roger Corman und Dey Young, sowie Jörg Buttgereit und Alexander Iffländer. „Back to School“ ist ein 24-minütige Feature in dem sich viele der Beteiligten an die Dreharbeiten zurück erinnern. Es gibt ein 11-minütiges Interview mit Allan Arkush (wo er viele Anekdoten aus „Back to school“ wiederholt). Es gibt einen 4-minütigen Auftritt von Roger Corman bei Leonard Maltin, bei dem Beide über „Rock ‚N‘ Roll High School“ sprechen. „Staying after Class“ ist ein sehr kurzweiliges und sympathische Treffen von P.J. Soles, Dey Young und Vincent van Patten, bei dem sich die Drei gutgelaunt über ihre Erlebnisse am Set austauschen (16 Minuten). Ferner gibt es eine 15-minütige Audioaufnahme, wie die Ramones bei ihrem Roxy-Auftritt wirklich geklungen haben. Eli Roth kommentiert für „Trailers from Hell“ den US-Trailer. Spots, Werberatschläge und eine Bildgalerie runden diese tolle Veröffentlichung ab.

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