Bericht vom 23. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

ol16_aWie jedes Jahr, zog es mich auch in diesem September wieder in das schöne Oldenburg. Das mittlerweile 23. Internationale Filmfest rief, und ich folgte dem Ruf nur allzu gerne. Und der Ruf war in diesem Jahr ungewöhnlich laut. Festivalleiter Torsten Neumann war ein schier sensationeller Coup gelungen. Ließen die bisherigen Stargäste des Festivals vor allem cineastisch interessierte Besuchern das Wasser im Munde zusammenlaufen, hatte er diesmal einen absoluten Megastar an die Ems locken können: Nicolas Cage. Böse Zungen werden nun behaupten, dass Herr Cage seine glanzvolle Zeit schon lange hinter sich hätte und nun mit billigen, direkt für das Heimkino produzierten Filmchen seine Brötchen verdienen muss. Diejenigen vergessen allerdings, dass Nicolas Cage mit dem richtigen Regisseur und einem guten Drehbuch noch immer ein grandioser Schauspieler ist. Und die Filme, in denen er dem Affen ordentlich Zucker gibt, sind gerade auch wegen ihm immer noch unterhaltsam. Dieser sehr schöne Text von Thorsten Bruns bringt es gut auf den Punkt. Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Auf jeden Fall sorgte Cage sowohl für positive, wie auch zumindest diskutierbare Begleiterscheinungen. Positiv sind auf jeden Fall die Schlagzeilen, die das Filmfestival Oldenburg damit auch überregional machte und der daraus resultierende, gewaltige Enthusiasmus in der Stadt. Überall hörte man die Menschen über Cage sprechen, und natürlich machten auch die Filmemacher in den Frage-und-Antwort-Runden immer wieder Bemerkungen über den Superstar. Und vor allem: Die Leute strömten ins Kino! Die Filme mit Nicolas-Cage-Beteiligung waren im Nu ausverkauft. Und das färbte auch auf das restliche Programm ab. Erstmals passierte es mir, dass mein sorgsam zusammengestellter „Guck-Plan“ in sich zusammenbrach, weil die Karten im Vorverkauf alle weg waren. Das war für mich persönlich zwar in diesem Fall negativ, aber für das Filmfest natürlich klasse. Und da ich hier einmal an der Abendkasse noch erfolgreich war und dort auf interessante Alternativen ausweichen konnte, war es am Ende auch gar nicht so schlimm.

Diskutierbar ist die übermächtige Strahlkraft eines Nicolas Cage, die beispielspielweise die nicht minder großartige Amanda Plummer (die eigentlich nirgendwo in der Berichterstattung mehr auftauchte) vollkommen in den Schatten stellte. Und auch der junge französische Filmemacher Christophe Honoré, dem die Retrospektive gewidmet war, bekam dadurch nicht die Plattform, die er verdient hätte. Das ist schade, aber am Ende dürfte die Freude über die gelungene Werbung und die Zuschauerzahlen überwiegen. Wie immer, war ich nur zwei volle Tage anwesend. Freitag und Samstag. Ersteren musste ich noch ganz allein bestreiten, da mein Weird-Xperience-Kompagnon erst am Samstag dazustoßen sollte, und ich am Freitag leider auch sonst kein bekanntes Gesicht erblicken konnte. Also stürzte ich mich zunächst allein ins Getümmel und machte mich auf Richtung Casablanca.

The Noonday Witch von Jiri Sádek ist eine tschechische Psychodrama-Horrorfilm-Melange. Eine alleinstehende Mutter zieht mit ihrer kleinen Tochter in jenes Dorf, aus der ihr Ehemann stammt. Wo sich dieser aufhält, erfährt man zunächst nicht. Die Mutter behauptet ihrer kleinen Tochter gegenüber, er würde zu Ostern zurück kommen. Doch man kann rasch erahnen, dass dies nicht stimmt. Tatsächlich hat er Selbstmord begangen, wie sich später herausstellt. Im Dorf ist man herzlich, doch die drückende Hitze, das baufällige Haus irgendwo weit draußen und das fehlende Wasser setzen der Mutter sehr zu. Zudem entfremdet sie sich immer mehr von ihrer Tochter und die plumpen Annäherungsversuche des älteren Nachbarn, machen das Leben auch nicht einfacher. Dann taucht eine verwirrte, geisterhaft wirkende, ältere Frau auf, die der Mutter von der „Noonday Witch“ erzählt. Diese Hexe holt sich jedes mal, wenn es so unerträglich heiß wird, ein Kind. Die Frau warnt die Mutter, dass ihre Tochter das nächste Opfer der Hexe sei. Daraufhin beschleunigt sich der nervliche Zerfall der Mutter und allgemeines Unwohlsein schlägt in Paranoia um. Hat es am Ende die Hexe wirklich auf ihre Tochter abgesehen?

Ich habe einen Faible für tschechische Filme, und auch dieser hier hat mir wieder sehr gut gefallen. Man konnte die Hitze über den Feldern förmlich spüren und das Dorfleben war so extrem authentisch inszeniert, dass ich lange Zeit der Meinung war, die exzellenten Darsteller der Dorfbewohner wären allesamt Laien, die sich praktisch selbst spielen. Tatsächlich sind aber alle Beteiligten gelernte Schauspieler, die allerdings in einem sehr langwierigen Casting-Prozess ausgewählt wurden, wie der anwesende Drehbuchautor versicherte. Aber auch der Blick für das Dorfleben und die Mechanismen in diesen Gemeinschaften fühlten sich echt an. Angeführt wird der Cast von der in Tschechien sehr populären Anna Geislerová, die auch ein sehr glaubwürdige Darstellung der Mutter liefert. Bemerkenswert auch die Leistung der sehr jungen Karolína Lipowská, die ihre Tochter spielt.

Obwohl das psychologische Drama eine vollkommen überforderten Mutter im Vordergrund steht, versteht es Regisseur Jiri Sádek sehr gekonnt immer wieder jump scares einzusetzen, sodass ich dann auch öfter mal unter Herzrasen und Schwindel litt. Mich kriegt man mit so etwas eben immer. Das einziges Manko dieses Filmes ist eine Unglaubwürdigkeit, die allerdings das Fundament dieses Filmes bildet: Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Mutter der Tochter nicht die Wahrheit über den Vater sagt – wo sie damit doch, für alle klar zu sehen, eine Katastrophe herauf beschwört. Doch schluckt man diesen sperrigen Köder, wird man mit einem starken, gut gespielten und mit wundervollem Lokalkolorit durchtränkten Drama belohnt, welches auch in seinen Gruselanteilen bestens funktioniert.

Interessant wäre allerdings noch zu wissen, was da zwischen dem Regisseur und seinen Drehbuchautoren und dem Produzenten vorgefallen ist. Letztere Beiden kamen allein nach Oldenburg und kündigten gleich zu Beginn an, sie wollten nichts dazu sagen, warum der Regisseur Jiri Sádek nicht dabei sei. Später machten dann doch zahlreiche Andeutungen, dass das Verhältnis zwischen ihnen – um es gelinde zu sagen – nicht das Beste sei und „The Noonday Witch“ doch besser Jiri Sádeks letzter Film bliebe.

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Gern gesehene Gäste in Oldenburg

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Drehbuchautor Michal Samir und Produzent Matej Chlupacek

She’s Allergic To Cats ist halb Experimentalfilm, halb Nerd-Lovestory. Irgendwo zwischen Quentin Dupieux, Installationskunst und Indiefilm. Wild, herausfordernd, nett, komisch, gewagt und alles im Look von 20x überspielten VHS-Tapes. Und mit einer wahnsinnig schönen Sonja Kinski (Tochter von Nastassia und damit Enkelin von Klaus). Jene war bei meiner Vorstellung leider nicht dabei, ich sah sie aber kurz vor der zweiten Vorstellung des Filmes am nächsten Tag (mein Gott, ist das eine wunderschöne Frau), wo mein Kollege Stefan das große Vergnügen hatte, fast direkt neben ihr zu sitzen. Der Film gefiel mir ausgesprochen gut. Er handelt von einem Videokünstler namens Mike Pinkney (gespielt von Mike Pinkney), der sein Geld als Shampoonierer in einem Hundesalon verdient. Hier lernt er die von Sonja Kinski gespielte Cora kennen. Der Film handelt nun im Grunde davon, wie Mike sich auf das erste Rendezvous mit ihr vorbereitet, und was die beiden dann zusammen erleben. Und wie Mike gegen die Rattenplage in seiner Wohnung kämpft. Und wie er versucht seine Idee von einem Remake von „Carrie“ an den Mann zu bringen – ein Remake, in dem die Hauptfiguren von Katzen gespielt werden. Und letztendlich auch davon, wie er seine Videoinstallationen herstellt.

Der ganze Film ist vollgepackt mit wundervollem Nerd-Zeugs und feinen Details. In einer Szene sieht man z.B. dass in Mikes Auto eine Kassette mit dem „Cat People“-Soundtrack von Giorgio Moroder liegt. Wer mag, kann den wundervoll beiläufigen Witz an der Sache jetzt selber googeln. Auch seinen fürchterlich schraddeligen Look nutzt er nicht als Gimmick, sondern bindet ihn sinnvoll in seine Geschichte ein. Regisseur Michael Reich stand nach dem Film noch für Fragen und Antworten zur Verfügung und entpuppte sich als genau der sympathische und leicht durchgeknallte Typ, denn man bei einem Film wie „She’s Allergic To Cats“ auch erwartet. Er verriet, dass er bereits viele, viele Jahr an dem Film gebastelt hat und eigentlich immer noch nicht das Gefühl hat, damit fertig zu sein. Aber irgendwann muss das Kind mal raus in die Welt, und ich bin froh, dass dies pünktlich zum Filmfest Oldenburg geschah. Michael Reich sollte man auf jeden Fall im Auge behalten.

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Unbekannter Produzent und Regisseur Michael Reich

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Michael Reich

Um in den nächsten Film zu gelangen, musste ich versuchen an der Abendkasse noch eine Karte zu bekommen, denn obwohl „The Love Witch“ in der Spätnacht-Schiene lief, war bereits im Vorverkauf alle Karten weg gewesen. Das steigerte natürlich die Erwartung, und ich war froh, dass ich problemlos noch eine der wenigen Abendkassenkarten ergattern konnte.

The Love Witch begann für mich mit einer Überraschung. Kurz nachdem der Film begann, merkte ich, dass vor einiger Zeit schon mal den Trailer gesehen hatte. Schon damals hatte ich mich kurzzeitig gefragt, ob das nun ein neuer Film sei oder einer, welcher tatsächlich in den späten 60ern gedreht worden war. So perfekt war die Illusion. Und tatsächlich ist der Film optisch ein absoluter Traum. Sowohl, was die Kostüme, als auch die liebevolle Ausstattung, die Tecnicolor-Farben und die Kameraführung angeht. Das Sahnehäubchen ist dabei das Edwige-Fenech-Double Samantha Robinson, die einem bei jedem Auftritt das Herz schneller schlagen lässt. Aber auch inhaltlich macht „The Love Witch“ viel her. Es ist kein Retro-*hihihi*-Trash, sondern der Film trotz aller Leichtigkeit und Humor ein durchaus ernsthaftes Anliegen.

„The Love Witch“ handelt von Elaine, einer jungen Hexe, die nach dem tragischen Ende ihrer Ehe in eine nordkalifornische Kleinstadt zieht und dort nach dem perfekten Mann sucht. Ihre Hexenkünste sollen ihr dabei helfen. Leider sind die Machos und Frauenhelden, die sie sich aussucht, alles andere als seelisch stabil und so enden ihre Verführungen zu ihrer großen Enttäuschung immer tödlich. Denn für die vor Testerstorn überschäumende Kerle, ist die bedingungslosen Liebe und Hingabe, die Elaine ihnen entgegenbringt, und mit der sie ihnen ihre tiefsten Wünsche erfüllt, viel zu viel. Damit können sie nicht umgehen. Der Film möchte etwas zu den Geschlechterrollen und der stereotypen, eindimensionalen Art und Weise wie Männer Frauen sehen, aussagen. Und gerade hier hat der sehr hübsche Retro-Stil dann auch seine absolute Berechtigung. Denn wenn es darum geht starre Rollenbilder plakativ und überspitzt darzustellen, dann bedient man sich an Besten welche sich am Besten jenen, die sich in den 60er Jahren in Film und Werbung tummelten – und heute noch in den Köpfen verankert sind.

Doch auch jenseits dieser Thematik, weiß „The Love Witch“ als wunderhübsch durchkomponiertes Technicolor-Fest für die Augen zu gefallen. Und für die Ohren. Auf dem Soundtrack hört man Ennio, Ennio und Ennio. Und dies ohne jede Penetranz und wissend grinsende „Kennste? Kennste?“-Anbiederung. So wie man bei diesem Film generell sagen muss, dass er zu keinem Zeitpunkt seine perfekte Rekreation einer vergangenen Leinwandepoche aufdringlich ins Gesicht drückt und nervig „Na, was bin ich cool!“ schreit, wie das bei ähnlichen Produktionen im Retro-Look leider oftmals der Fall ist. Ich habe es sehr bedauert, dass Regisseurin und Autorin Anna Biller nicht in Oldenburg zugegen war. Diese Frau, die nicht nur für Regie und Drehbuch, sondern auch für die Produktion, den Schnitt, die Kostüme, Kulissen und die Dekoration ihres Filmes verantwortlich ist hätte, ich gerne kennengelernt.

Mir hat „The Love Witch“ sehr gut gefallen, wenn der Film auch mit seinen 120 Minuten einige Hänger hatte. Was auch daran liegen könnte, dass er an diesem Tag erst um 23:45 startete und meine Kondition merklich nachließ. Ich meine aber, 30 Minuten weniger hätten auch nicht weh getan.

Nach „The Love Witch“ ging es um 2 Uhr nachts über die A29 zurück nach Bremen. Immer wieder aufgeschreckt durch undurchdringliche Nebelbänke, die über die Fahrbahn waberten. Das dabei ausgeschüttete Adrenalin sorgt dafür, dass die Müdigkeit im Nu verflog und man im Bett noch lange Zeit hatte, den Tag Revue passieren zu lassen.

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