Filmbuch-Rezension: „Film-Konzepte 38: Dominik Graf“

grafbuchEin Buch über Domink Graf und sein Werk ist in der deutschen Filmbuchlandschaft mehr als überfällig. Einen ersten Schritt in diese Richtung macht das, bei der edition text+kritik erschienene und von Jörn Glasenapp herausgegebene, Werk „Film-Konzepte 39: Dominik Graf“. Dieses beschränkt sich allerdings auf die TV-Arbeiten des Filmemachers, welche „einer kontextsensitiven film- und fernsehwissenschaftlichen Sichtung unterzogen werden“.

Den Kinoarbeiten sind Grafs Fernseharbeiten auch anzahlmäßig weit überlegen. Nach dem desaströsen Flop von „Die Sieger“ wandte sich Graf konsequent dem TV-Format zu, in dem einige seiner Hauptarbeiten entstanden, und welches er konsequent nutzte, um seine Themen in einer größtmöglichen Freiheit in Bilder umzusetzen. Tatsächlich sind Grafs TV-Arbeiten in vielerlei Hinsicht mehr Kino, als die für die große Leinwand bestimmten Werke seiner Kollegen. Und oftmals gibt es auch Schnittpunkte zwischen seiner TV-Arbeit und seinen Kinofilmen, was im vorliegenden Buch auch genauer beleuchtet wird. So findet Felix Lenz in den Graf-Episoden der TV-Serie „Der Fahnder“, nebenbei bemerkt eine der großartigsten deutschen Krimiserien – zumindest solange Klaus Wenneman den Fahnder Faber gab –, die Bausteine und Skizzen zu Grafs späteren Werken. Beispielsweise bildet die Folge „Bis ans Ende der Nacht“ die Blaupause zu seinem späteren Kinofilm „Die Sieger“.

Judith Ellenbürger beschäftigt sich mit der Körperlichkeit des Gelds in Grafs Werk. „Hotte im Paradies“ steht im Zentrum von Jörn Glasenapps Essay über die Verweigerung der Figuren dieses TV-Films. Kathrin Rothemund erklärt anhand der Mini-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ den Begriff der Serialität. Lisa Gotto, Florian Lehmann und Oliver Fahle nehmen sich einer eher unbekannteren, von Graf-Kennern aber umso mehr geschätzten, Seite des Filmemachers an: Dem Essay-Film. Namentlich „Das Wispern im Berg der Dinge“ über Grafs Vater, den Schauspieler Robert Graf, „München – Geheimnisse einer Stadt, den Graf zusammen mit dem Filmkritiker Michael Althen realisierte und „Es werde Stadt“ über 50 Jahre Grimme-Preis in Marl. Dieser letzte Artikel ist von den dreien von daher der interessanteste, da er sich auch mit der Fernsehgeschichte an sich befasst. Das Prunkstück des Buches ist aber eine Schrift von Dominik Graf selber, die sich „Logbucheintrag Dezember 2014“ nennt, und in der er in einen wunderbaren Stil, den er schon in dem höchst empfehlenswerten Buch „Es schläft ein Lied in allen Dingen“ pflegte, über seine Gedanken und Projekte in eben jenem Dezember schreibt.

Wer sich in das Werk Dominik Grafs einlesen möchte, für den ist dieses Buch sicherlich nicht unbedingt geeignet. Zu speziell sind die Themen, die hier abgehandelt werden. Auch fehlen – dem Konzept des Bandes geschuldet – jegliche biographischen Informationen. Vielmehr ist „Dominik Graf“ ein Buch mit einem streng wissenschaftlichen Ansatz, welches Aspekte des Graf’schen Oeuvres zerlegt und in einen neuen Kontext bringt. Dabei herrscht selbstverständlich der wissenschaftliche Jargon vor, schließlich entstanden die Texte im Rahmen eines Kolloquiums, welches an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg stattfand und den Titel „Avantgarde in Serie“ trug. Dies macht die Lektüre für fachfremde Einsteiger recht herausfordernd. Man sollte also zumindest schon einmal in kulturwissenschaftliche Bücher hineingeschnuppert haben, um zu wissen, worauf man sich hier einlässt.

Jörn Glasenapp (Hg.) : Film-Konzepte 38: Dominik Graf, edition text + kritik, 116 Seiten, Euro 20.00

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2 Antworten zu Filmbuch-Rezension: „Film-Konzepte 38: Dominik Graf“

  1. Sebastian sagt:

    »Ein Buch über Domink Graf und sein Werk ist in der deutschen Filmbuchlandschaft mehr als überfällig.« Dazu sei gesagt, daß bereits zwei umfangreiche Bücher über Graf erschienen sind: 2012 der dicke Band »Im Angesicht des Fernsehens: Der Filmemacher Dominik Graf«, ebenfalls in der »edition text + kritik« (beschäftigt sich, anders als der Titel vermuten läßt, nicht nur mit Grafs TV-Arbeiten), und 2013 »Dominik Graf« bei den Wiener »Filmmuseum Synema Publikationen« (mit einem lesenswerten Essay von Christoph Huber und einer tollen kommentierten Filmografie von Olaf Möller). Den »Film-Konzepte«-Band fand ich im Vergleich zu den beiden anderen Veröffentlichungen eher enttäuschend.

  2. Marco Koch sagt:

    Die beiden Werke kannte ich in der Tat noch nicht. Danke für den Tipp.

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