DVD-Rezension: „Blackout – Anatomie einer Leidenschaft“

blackoutEine junge Frau wird mit einer Überdosis Schlaftabletten in ein Wiener Krankenhaus eingeliefert. Während die Ärzte verzweifelt um ihr Leben kämpfen, verhört der Polizeibeamte Netusil (Harvey Keitel) den jungen Mann der die junge Frau gefunden hat. Langsam wird klar, wie es zu der Tragödie gekommen ist. Der amerikanische Psychoanalytiker Alex Linden (Art Garfunkel) lebt und unterrichtet in Wien. Dort lernt er auf einer Party die etwas jüngere Melina (Theresa Russell) kennen, die ihm sofort Avancen macht. Melina ist eine extrovertierte, lebenslustige junge Frau, die etwas zu sehr dem Alkohol zugeneigt ist und ihr freies Leben genießt. Beide beginnen einen leidenschaftliche Affäre. Bald schon kommt Alex durch Zufall dahinter, dass Melina hinter dem eisernen Vorhang mit einem sehr viel älteren tschechoslowakischen Geheimdienstoffizier namens Stefan (Denholm Elliott) verheiratet ist. Alex wird immer eifersüchtiger und versucht Melina mit allen Mitteln an sich zu binden…

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Ich weiß nicht, ob Quentin Tarantino ein Fan dieses Filmes ist. Auf jeden Fall scheint „Blackout – Anatomie einer Leidenschaft“ einen großen Einfluss auf ihn ausgeübt zu haben, als er seinen weltweiten Durchbruch „Pulp Fiction“ konzipierte. So trägt John Travolta in jenem 1995 in die Kino gekommenen Film nicht nur die gleichen Klamotten wie Harvey Keitel in „Blackout“, beide haben auch exakt die gleiche Frisur. So sieht Travoltas Vincent Vega beinah wie der Zwillingsbruder von Keitels Netusil aus. Eine andere Gemeinsamkeit beider Filme ist natürlich das nicht-lineare Erzählen. Heutzutage hat man sich an diese Erzähltechnik ja schon gewöhnt, weshalb es nach einer kurzen Zeit der Orientierungslosigkeit nicht besonders schwerfällt, die einzelnen Puzzleteile, die einem Regisseur Nicolas Roeg präsentiert, in das Gesamtbild einzupassen. Doch 1980 muss „Blackout“ sein Publikum zutiefst verwirrt haben. Figuren beobachten sich über unterschiedliche Zeitebenen hinweg. Anfang und Ende von Dialoge bilden keine zeitliche oder räumliche Einheit. So radikal wie Roeg hatte zuvor niemand diese Techniken in einem Mainstream-Film benutzt.

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Und tatsächlich ist dies hier keine kleine Independent-Produktion, die einfach mal Dinge ausprobiert, sondern ein Film der renommierten Rank Organisation, die ihre Produktion gerade ausbaute. Hauptdarsteller Art Garfunkel war als Musiker ein ähnlicher Superstar, wie David Bowie, der zuvor in Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ die Hauptrolle spielte. Harvey Keitel hatte sich einen Namen als Martin Scorseses Lieblingsschauspieler gemacht – bevor Robert deNiro auf der Bildfläche erschien. Gedreht wurde in Wien und an der Grenze zur Tschechoslowakei. Obwohl der Kalte Krieg hier keine aktive Rolle spielt, wird die ganze Stimmung der Zeit genutzt, um die Paranoia Alex Lindens, der in jedem Freund Milenas einen potentiellen Nebenbuhler sieht, noch zu verstärken. Alex hat neben seiner wissenschaftliche Arbeit noch einen Job als psychologischer Profiler gegnerischer Agenten. Ein andermal hält er eine Vorlesung über das heimliche Beobachten. Und auch Milena verfolgt er wie ein Detektiv, um möglichst viel über ihr Leben zu erfahren – immer getrieben einerseits von seiner Faszination für dieses geheimnisvolle Wesen, aber auch latenter Aggression, wenn er glaubt, sie betrüge ihn oder wolle ihn für einen anderen verlassen. Im Grunde spiegelt sich hier aber nur Alex‘ rücksichtslose Egozentrik wider, der einerseits mit seinem exotischen Fang angeben will, andererseits aber auch gerade diese Exotik austreiben will, um sie in sein eigentlich extrem konservatives Lebensbild zu pressen.

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Eine bezeichnende, beinahe schmerzvolle Szene ist die, in welcher die Beiden in Marokko zusammensitzen. Milena erfreut sich an der Gegenwart, der Landschaft, der Stimmung. Sie ist begeistert von genau diesem Tag, dieser Stunde, dieser Minute. Alex hat dafür aber gar kein Auge und auch kein Verständnis für Milenas Begeisterung. Brutal zerstört er ihr diesen wundervollen Moment, indem er ihr eröffnet, dass sie am nächsten Tag abreisen würden, denn in der Heimat könne man doch ein gutes Leben gemeinsam führen und heiraten. Während Milena also den Moment genießen und auch schätzen kann, lebt Alex ständig in einer von ihm erdachten Zukunft, die natürlich um so vieles besser sein muss, als seine Gegenwart. Die große Frage in dieser „Anatomie einer Leidenschaft“ ist es daher, was Milena an diesem Kotzbrocken findet. Alex versucht ihr ständig sein Leben und seine Idealvorstellung von einem Zusammenleben aufzudrängen, und reagiert wie ein beleidigtes Kind, wenn sie seine Pläne nicht honoriert. Demgegenüber ist ihr sehr viel älterer Ehemann ein sehr viel sympathischer Charakter, der seine Frau und ihre Bedürfnisse versteht und ihr schweren Herzens die Freiheit gibt, die sie braucht. Alex hingegen sperrt sie ein.

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Durch Roegs zersplitterte Weise der Erzählung erscheint Alex Linden auch dem Zuschauer zunächst als positiv besetzter Charakter. Er ist ein fein geistiger Intellektueller, der sich für Kunst interessiert und scheinbar so etwas wie ein Beschützer der anfangs ziemlich verrückt erscheinenden Milena Doch mit jedem Puzzleteil, welches Roeg uns präsentiert, ändert sich das Bild. Es wird klarer und am Ende ist es Alex, der als psychisch Kranker dasteht und Milena mit ihren nachvollziehbaren, freiheitsliebenden Wünschen und Leidenschaften entpuppt sich als die „Normale“ in dieser Beziehung. Wenn am Ende dann das letzte Stück ins Puzzle gedrückt wird, ist es unmöglich Alex Linden noch mit den selben unschuldigen Augen zu sehen, wie am Anfang. Dann steht er förmlich nackt vor uns. All seiner schützenden, täuschenden Aura des sensiblen Intellektuellen beraubt. Ein krankhaft ichbezogener Starrkopf, der ganz in seiner eigenen Welt lebt, unfähig Empathie für seine Mitmenschen zu empfinden. Milena wird sich nach ihrer traumatischen Nahtod-Erfahrung von ihm lösen können, doch die Narben bleiben. Physisch und psychisch. Doch sie wird ihren Weg gehen, während er in seinem Egoismus gefangen bleibt.

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Nicolas Roeg erzählt seine „Anatomie einer Leidenschaft“ in einer vertrackten Rückblendenstruktur, bei der jedes neu hinzugefügtes Puzzleteil ein häufig klareres, manchmal aber auch ganz anderes Bild der handelnden Personen ergibt. Roegs Film ist elegant gefilmt und mit einem erlesenen und passenden Soundtrack veredelt. Wenn man am Ende dann das ganze Puzzlebild erkennen kann, dann zeigt dieses eine Egoismus vergiftete Leidenschaft.

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Die Veröffentlichung im Rahmen der der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“ ist solide. Die Bildqualität ist gut, aber weit davon entfernt vollkommen perfekt zu sein. Für den Hausgebrauch reicht es aber vollkommen. Auch der Ton ist in Ordnung. Da der Film in Wien spielt und die Darsteller je nach Herkunftsland Englisch oder Deutsch sprechen – mit Ausnahme von Keitel, der zwar einen Wiener spielt, aber nur Englisch redet – empfiehlt sich die Originaltonspur. Als Extras gibt es 17 Minuten „Deleted Scenes“, die interessant sind, aber im fertigen Film auch nicht fehlen. Die Extras der amerikanischen Criterion-DVD wurden leider nicht übernommen.

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