DVD-Rezension: “Von Menschen und Pferden”

menschenundpferdenIrgendwo in der isländischen Provinz: Als Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson) der jungen Witwe Solveig (Charlotte Bøving) seine Aufwartung macht, wird dies von sämtlichen Nachbarn mit Ferngläsern beobachtet. Auch als Kolbeinns Stute von Solveigs Hengst begattet wird, während Kolbeinn noch auf ihr sitzt, bekommen das alle mit. In seiner Schmach erschießt Kohlbeinn das geliebte Tier. Doch auch die neugierigen Nachbarn haben ihr Päckchen zu tragen. Zwei befinden sich in einem Nachbarschaftsstreit mit tödlichen Konsequenzen, ein Spanier muss sich als Reiter beweisen, ein Trunksüchtiger gerät an den falschen Stoff und vieles mehr…

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Auf den ersten Blick erscheint „Von Menschen und Pferden“ als eine dieser typische nordeuropäischen Arthouse-Komödien mit skurrilen Charme und knorrigen Typen. Diese Art von Film, in die das „bessere“ Publikum geht, um sich bei einem Gläschen Wein gut und bloß nicht unter Niveau zu amüsieren, um dann am nächsten Tag stolz berichten zu können, dass man da einen ganz wunderbar „anderen“ Film gesehen hätte. Doch der Eindruck täuscht. Zwar erweckt der Film durchaus ein Gefühl von Skurrilität, und der Eine oder Andere wird auch über solche Dinge wie die merkwürdige Gangart der Island-Pferde und den stocksteifen Reiter lachen. Weil er eben immer erst einmal lacht, wenn etwas für ihn ungewohnt aussieht. Doch dieses Lachen bleibt bald im Hals stecken. Denn der Humor des Filmes ist derartig tiefschwarz, dass er von tieftraurig kaum noch unterscheiden ist.

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Hat man sich eben noch über das, zugeben bizarre, Bild des Hengstes, der erschöpft über der gerade begatteten Stute hängt – welches auch das Filmplakat ziert – amüsiert, da wird schon ein eiskalter Eimer über einem ausgegossen. Denn der auf diese Weise gedemütigte Reiter wird in der nächsten Szene ohne mit der Wimper zu zucken, seine über alle geliebte Stute erschießt. Später muss der Hengst für seine mangelnde Triebkontrolle büßen, indem ihm die Hoden abgeschnitten werden. „Von Menschen und Pferden“ ist voll von solchen Geschichten. Das Leben ist kein Ponyhof. Und das gilt hier auch für Pferde. Auch wenn am Ende eine Texttafel eingeblendet wird, dass kein Pferd zu schaden kam und alle Mitwirkenden Pferdeliebhaber und Pferdebesitzer seien, sollte man jemanden, dem die Vierbeiner besonders am Herzen liegt, durchaus warnen, bevor er sich diesen „Pferdefilm“ ansieht. Einige Stellen werden für ihn schwer zu ertragen sein. Was übrigens auch für den Menschenfreund gilt. Denn das Leben der Menschen scheint auf Island ebenso fragil zu sein, wie das ihrer behuften Mitbewohner. So enden bzw. beginnen zwei der fünf miteinander verwobenen Episoden dann auch mit einer Beerdigung. Und auch bei denjenigen, die am Ende des Filmes noch da sind, werden die Ereignisse physische oder psychische Narben hinterlassen haben.

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Wie eng hier das Leben der Menschen mit dem der Pferde verbunden ist, erkennt man auch an der Symmetrie der Ereignisse. Zwei Menschen sterben, zwei Pferde sterben. Ein Mann, dem die Freiheit über alles geht, erblindet, ein potenter Hengst muss seine Männlichkeit opfern. Zwei Pferde kopulieren zum Beginn und am Ende werden sich ihre Besitzer ineinander verschlungen ihren Trieben hingeben. Der vor allem als Schauspieler bekannte Regisseur Benedikt Erlingsson hat in seiner Kindheit einige Monate in der Isländischen Provinz verbracht, und seiner erster Spielfilm ist seine Liebeserklärung an die Landschaft, die Menschen, die in ihr leben und natürlich auch die Pferde, die an Eigensinn ihren menschlichen Nachbarn in nichts nachstehen. Oder andersherum. Erlingsson gelingt dabei das Kunststück, seine im Grunde tragischen Geschichten von der Härte des Lebens und seiner unvorhersehbaren Wendungen so zu erzählen, dass dabei nie eine bedrückende Stimmung aufkommt. Im Gegenteil, der Ton wirkt selbst dann leicht und humorvoll, wenn sich jemand mit 97%igen Alkohol zu Tode säuft.

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Dies liegt nicht nur an der beeindruckenden Landschaft und den markanten, stoischen Gesichtern seiner wunderbaren Darsteller, sondern auch an der sich in den Gehörgang schmiegende Musik und der unaufgeregten, ja stoischen Weise, in der Benedikt Erlingsson seine Geschichten präsentiert. Hier fühlt man sich oftmals auch an die Meisterwerke eines Roy Andersson erinnert. Erlingsson zeigt aber auch sehr deutlich, dass man für das Leben in dieser Welt geboren sein muss. Ein junger Spanier, der diese Welt neugierig erforscht und in seiner farbenfrohen Kleidung ein Fremdkörper in der Landschaft ist, wird erst dann zu einem „Isländer“, als er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leib eines Pferdes heraus neu geboren wird. Am Ende sieht man ihn freudig und ausgelassen zusammen mit den Anderen die von den Bergen herunter getrieben Pferde empfangen. Dabei trägt er einen nüchternen Strickpullover. Nur derjenige, der eine besondere Verbindung zu den Pferden hat, kann hier Teil der Gemeinschaft werden. Dem Rest bleibt nur das Staunen und Wundern über diesen besonderen Menschenschlag, dem Benedikt Erlingsson hier seine aufrichtige Liebe angedeihen lässt.

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Benedikt Erlingsson ist mit seinem Debüt-Spielfilm ein ganz besonderer Film gelungen, der mit leichter Hand im Grunde verzweifelt-tragische Geschichten voller tiefschwarzem Humor erzählt. Eine Liebeserklärung an die menschlichen und tierischen Bewohner der isländischen Provinz, die diese allerdings auch nicht verklärt.

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Das Bild der bei Eurovideo erschienenen DVD ist dem Film angemessen arm an Farben und wirkt dadurch stellenweise etwas milchig. Doch dies ist – angesichts der kargen Landschaft – vermutlich eine künstlerische Entscheidung des Regisseurs. Die Schärfe ist okay. Der Ton ist in der Räumlichkeit nicht spektakulär, aber zweckmäßig. Wo die DVD stark punktet ist im Bonusbereich. Hier gibt es ein Interview mit Benedikt Erlingsson indem er – unterstützt von seinen Mitstreitern – über die Probleme berichtet, den Film überhaupt finanziert zu bekommen und warum er gerade diesen Film drehen musste. Das ist nicht nur sehr interessant, sondern obendrein auch sehr unterhaltsam.

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