DVD-Rezension: “Dirty Mary, Crazy Larry“

dirtymarycrazylarryLarry (Peter Fonda) ist ein Rennfahrer, der Geld braucht, um die Teilnahme an Autorennen zu finanzieren. Der Rennfahrer Larry und sein Mechaniker Deke (Adam Roarke) brauchen dringend Geld, um ihre Teilnahme an einem wichtigen Autorennen zu finanzieren. Kurzerhand nehmen sie die Familie des Supermarktmanagers George Stanton (Roddy McDowall) als Geisel und erpressen von diesem 150.000 Dollar. Ihre Flucht wird dadurch kompliziert, dass sich ihnen Larrys One-Night-Stand Mary Coombs (Susan George) anschließt, und es Larry und Deke nicht gelingt, die freche Mary loszuwerden. Bald schon ist ihnen der gesamte Polizeiapparat des Distrikts unter Führung des unkonventionellen Sheriffs Franklin (Vic Morrow) auf den Fersen…

Im Jahre 1974 war „Dirty Mary, Crazy Larry“ einer der Spitzverdiener in den amerikanischen Kinos und schaffte in der 20. Kalenderwoche sogar die Nr. 1 Position in den Box-Office-Charts. Dennoch erinnert sich heute kaum noch jemand an den Film, der als „Kesse Mary, wilder Larry“ auch in deutschen Kinos lief. Da brauchte es erst den berühmten Film-Afi­ci­o­na­do Quentin Tarantino, um den Film wieder ins kollektive Gedächtnis zu holen. Laut Cover stammt von ihm die Aussage: „’Dirty Mary, Crazy Larry‘ was maybe the best inspiration for me to do ‚Death Proof‚“. Tatsächlich wird „Dirty Mary, Crazy Larry“ in Tarantinos Werk dann auch in einem Dialog erwähnt. Eigentlich unverständlich, weshalb „Dirty Mary, Crazy Larry“, trotz wilder Autoverfolgungsjagden und in Fankreisen durchaus bekannter und beliebter Schauspieler, solch ein Schattendasein führt. Vielleicht liegt es daran, dass ähnlich gelagerte Filme, wie vor allem das Burt-Reynolds-Vehikel „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ oder Sam Peckinpahs „Convoy“, welche beide recht ähnliche Geschichten erzählen, den kleinen B-Film mit einem weitaus höheren Humoranteil und der größeren Stars einfach überstrahlt haben. „Dirty Mary, Crazy Larry“ ist trotzdem ein Streifen, der sich lohnt, wiederentdeckt zu werden.

Ein weiterer Grund, weshalb der Film nicht die gleiche Popularität wie die oben genannten Filme genießt, mag auch in der Charakterisierung der Hauptfiguren liegen. Während Burt Reynolds‘ Bandit ebenso charmant, wie sympathisch ist, und als Identifikationsfigur ebenso gut geeignet ist, wie Kris Kristoffersen als „Rubber Duck“, gehen diese Qualitäten Peter Fondas Larry ziemlich ab. Larry ist sehr simpel, dafür aber mit einem überbordenden Selbstbewusstsein ausgestattet. Zudem ist er kein nassforscher Strolch, der sich mehr oder weniger aus Prinzip mit der Polizei anlegt, sondern ein recht skrupelloser Verbrecher. Wenn er mit seinem Freund Deke den Raub zu Beginn des Filmes durchführt, so zeichnet er sich durch eine Portion Mitleidlosigkeit aus. Und die Szenen, in der Deke die Familie in Schach hält, sind auch eher unangenehm, wenn man bedenkt, dass man sich auf die Seite der Beiden schlagen soll. Susan George ist als „Dirty Mary“ auch nicht gerade jemand, den man zum Nachbarn haben möchte. Ebenfalls vollkommen Ich-bezogen, nervig und vorlaut. Zwar schimmert durch, dass ihre dreiste Art ein Ruf nach Anerkennung und Dazugehörigkeit ist, doch man möchte sie deswegen nun nicht unbedingt in den Arm nehmen. Dass man auf der Seite dieser drei Außenseiter steht und bei ihrer Flucht mitfiebert, liegt vielmehr daran, dass man als Zuschauer darauf konditioniert ist, Genrekonventionen zu folgen. Das funktioniert hier zugestandenermaßen recht gut, so dass man den Gaunern dann spätestens im Finale des Filmes von Herzen gönnt, dass sie sich den engmaschigen Netz der Staatsgewalt entziehen.

Interessanterweise ist eben jene Staatsgewalt weitaus interessanter gezeichnet als unsere drei Anti-Helden. Vic Morrow gibt einen unkonventionellen Sheriff, der sich nur allzu gerne mit seinem Vorgesetzten anlegt. Letzterer entspricht dann auch am Ehesten dem Klischee des verbohrten, etwas dümmlichen Polizisten, der bei der Jagd nach Temposündern immer wieder auf die Nase fällt. Jedoch wird er von Kenneth Tobey sehr viel menschlicher und „realer“ dargestellt als Cartoon-Figuren, wie Jackie Gleason in den „Schlitzohr“-Filmen oder Ernest Borgnine in „Convoy“. Vic Morrow legt seinen Franklin als einsamen Wolf an, der tut, was zu tun ist. Und wenn er dabei seinen Vorgesetzten ärgern kann, umso besser. Franklin ist ein Cowboy im besten Sinne des Wortes und man könnte sich Vic Morrows Franklin auch gut als Hauptfigur einer TV-Serie vorstellen. Die restlichen Polizisten agieren dann allerdings wieder auf bekannten Keystone-Cop-Niveau und landen mit ihren Autos regelmäßig im Matsch. Hier hat „Dirty Mary, Crazy Larry“ großen Vorbildcharakter für die vielen ähnlich gelagerten Filme, die noch folgen sollten, Vom „Ausgekochten Schlitzohr“ über „Auf dem Highway ist die Hölle los“ und die „Blues Brothers“.

„Dirty Mary, Crazy Larry“ ist ein amerikanischer Film, wie er im Buche steht. Ein Film, wie er sonst wo auf der Welt nur schlecht oder überhaupt nicht funktionieren würde. Voller Archetypen und Americana. Umso verwunderlicher ist es, wie viele Briten an „Dirty Mary, Crazy Larry“ beteiligt waren. Insbesondere Susan George überrascht, weil das britische Mädchen so sehr in ihrer Rolle aufgeht, dass sie das perfekte Klischee des „White-Trash-Girls“ verkörpert und zu keiner Sekunde den Verdacht aufkommen lässt, sie wäre nicht im tiefsten Süden der USA, sondern in Surbiton, Surrey, England aufgewachsen. Die George wird Regisseur John Hough mit ins Projekt geholt haben. Hough ist ebenfalls Brite und hat in seinem Heimatland nicht nur in unterschiedlichen Positionen an zahlreichen Folgen der urbritischen TV-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ mitgewirkt, sondern war auch bei den britischen Hammer-Studios aktiv, wo er „Draculas Hexenjagd“ drehte. Vielleicht braucht es immer einen ausländischen Regisseur, um den amerikanischen Mythos auf Zelluloid zu brennen. Man denke hier nur an die Immigranten der 30er und 40er Jahre, wie z.B. Fred Zinnemann, der mit „12 Uhr Mittags“ eine der großen Western-Legenden drehte, die Amerikas Selbstverständnis (wir für eine gute Sache allein gegen alle) überzeugend wiedergab.

Die Stunts in „Dirty Mary, Crazy Larry“ sind rau und spektakulär. In Zeiten von „Fast & Furious“, wo (zu viel) mit Greenscreen und CGI gearbeitet wird, um die physisch unmöglichsten Stunts zu präsentieren, tut es gut, mal wieder „the real thing“ zu sehen. Echte Autos, echtes Blech und in vielen Szenen sieht man, dass Peter Fonda seine Stunts selber ausführt. Dies gibt dem Film eine gute Erdung und es fühlt sich „echt“ an, wenn der Dodge Charger R/T 440 durch den Wald brettert und von einem Helikopter im Tiefflug verfolgt wird. Kein Wunder, dass der spektakuläre und den Zuschauer ziemlich aus den Sitzen hebende, Stunt dann auch im Vorspann der Stuntman- / Kautionsjäger-Serie „Ein Colt für alle Fälle“ Verwendung fand. Ferner müssen noch die spitz-pointierten Dialoge erwähnt werden, die nicht auf „cool“ getrimmt sind, sondern sich so anhören, als ob sie den Darstellern just in dieser Sekunde eingefallen wären. Insbesondere die Wortduelle zwischen Larry und Mary gehören hier gesondert erwähnt. Dies macht durchaus vergessen, dass die Chemie zwischen den Beiden nicht wirklich stimmt. Was aber auch nicht schlimm ist, da sie sich auch laut Drehbuch wie Hund und Katze benehmen sollen und Mary am Ende dann auch mehr gefallen an dem stellen Deke, als den überheblichen Larry findet.

Der Vorläufer solch populärer, leichtfüßiger Car-Chase-Filme wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ und Konsorten ist zu unrecht ein wenig vergessen, und es ist traurig, dass solch ein Film erst durch das obligatorische Tarantino-Zitat wieder ins Bewusstsein geholt wird. „Dirty Mary, Crazy Larry“ ist uramerikanische Unterhaltung, die das Hohelied der individuelle Freiheit feiert, ohne dabei seine „crime does not pay“-Botschaft zu vergessen. Voller wunderbarer Autostunts und pointierter Wortduelle. Nur die mangelnde Chemie der beiden Titelcharaktere und die fragwürdige Moral der Anti-Helden stört etwas.

Die Blu-ray aus dem Hause filmArt weist ein sehr gutes Bild auf, dem man an einigen Stellen zwar das Alter des Filmes ansieht, die aber in vielen Szenen auch durch ein überraschend scharfes Bild überzeugt. Der Ton liegt in der guten deutschen Synchro und dem O-Ton im Original-Mono vor, ferner gibt es noch eine „aufgepimpte“, englische 5.1.-Version, die zwar auf Soundeffekte geht, sich aber in meinen Ohren etwas dünner anhört.  Die Extras sind zwar klein, aber fein. Da wäre zum einen der Audiokommentar des Regisseurs John Hough, und dann noch eine interessante, halbstündige Doku namens „Ride the Wild Side“, in der sich alle – bis auf den verstorbenen Adam Roarke – Beteiligten noch einmal zu Wort melden. Diverse Trailer und Radio-Spots runden, zusammen mit einem 8-seitigen Booklet voller Aushangfotos, diese gute Veröffentlichung ab.

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