DVD-Rezension: “Jagd auf Dillinger“

Jagd auf DillingerDer Gangster John Dillinger (Warren Oates) hat es in den Depressionsjahren zu einiger Bekanntheit und dem Titel „Staatsfeind Nr.1“ gebracht. Er und seine Bande halten das ganze Land mit Banküberfällen in Atem. Um der Situation Herr zu werden, setzt das FBI seinen besten Mann, Melvin Purvis (Ben Johnson), ein, um Dillinger und seinesgleichen dingfest zu machen. Purvis hat noch eine ganz eigene Rechnung mit den Gangstern zu begleichen und dezimiert dieses erbarmungslos. Nur Dillinger entkommt ihm immer wieder…

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Der Gangster John Dillinger hat die Fantasie der Filmemacher schon immer beflügelt. Ähnlich wie bei seinen Wild-West-Vorfahren Billy, the Kid oder Jesse James, entstand hier ein Mythos, der höchstwahrscheinlich nur wenig mit der realen Person zu tun hat. Zumindest die Eckdaten seiner kriminellen Karriere wurden immer wieder für die zahlreichen Verfilmung seines Lebens herangezogen. Die Banküberfälle, der spektakuläre Ausbruch aus dem Gefängnis mittels einer selbst geschnitzten Pistolen-Attrappe (großartig parodiert von Woody Allen in dessen Regie-Debüt „Woody, der Unglücksrabe“), die Jagd des FBIs auf ihn in Person des Melvin Purvis, der Medienrummel, der Zwischenfall in der Bohemia Lodge und schlussendlich seine Ende vor dem Kino „Biograph“ und die „Frau in Rot“. Zuletzt hatte Michael Mann mit „Public Enemies“ dem „Staatsfeind Nr. 1“ ein Denkmal gesetzt. Doch während Mann versuchte der Geschichte mit Digitalkameras ein modernes Gesicht zu geben, so ist John Milius Regie-Debüt „Jagd auf Dillinger“ dreckiges Testosteron-Kino klassischen Zuschnitts.

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Statt Johnny Depp und Christian Bale findet man in der Version von 1973 knorrige Typen wie Warren Oates und Ben Johnson in den Rollen der beiden Kontrahenten John Dillinger und Melvin Purvis. Oates hat sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem echten John Dillinger, was die Integration von Originalfilmmaterial und Fotos aus den 30er Jahren erlaubt. Auch sonst ist er die Idealbesetzung für den charismatischen Gangster, der sich kein anderes Leben als die Vogelfreiheit des Gesetzlosen vorstellen kann. Einmal hat er die Chance nach Mexiko zu entkommen. Er bleibt mit dem Wagen und seiner Geliebten Frenchie in Sichtweite der Grenze stehen. Dann entscheidet er, dass das sichere Leben dort für ihn wohl zu langweilig wäre – und kehrt um. Viel mehr Psychologie braucht Milius für seinen Dillinger nicht. Die Figuren definieren sich bei ihm durch Taten, nicht durch Worte. Innere Kämpfe gibt es nicht. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Dies gilt auch für dem bulligen Kampfhund Ben Johnson als Melvin Purvis. Am Anfang erklärt er, dass er die Gangster, die für den Tod einiger Polizisten verantwortlich sind, stellen und hinrichten will. Und über ihren toten Leibern genüsslich, will er die Zigarren rauchen, die ihm einst einer der getöteten Polizisten schenkte. Und genau dieses Vorhaben zieht er gnadenlos und unaufhaltsam durch.

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John Milius ist einer der großen Macho-Regisseure Hollywoods. Seine Figuren sind vor Testosteron sprühende Kerle, die sind, wie sie sind. Die keinerlei Probleme haben, für ihre Ziele und Ideale auch mal die Waffe in die Hand zu nehmen. Was Milius 1984 dazu prädestinierte, den damaligen Skandalfilm „Die rote Flut“ zu inszenieren, in dem eine Handvoll aufrechter amerikanischer Teenies, sich einer russischen Invasion des geliebten Heimatlandes entgegen stellen. Wer sonst hätte solch eine Stoff entwickeln und umsetzen können. Oder in „Conan, der Barbar“ einen langen Monolog über den „Stahl“ unterbringen. Wobei Milius politische Ausrichtung immer ambivalent wahrgenommen wird. Wahlweise als Liberaler, dem die Freiheit des Einzelnen über alles geht, oder aber als erzkonservativen Rechten, der Waffengewalt befürwortet und fragwürdigen Feindbilder nachhängt. Was als sicher gelten kann ist, dass John Milius eine extremer Waffennarr ist, der sich auch mal sein Gehalt in Gewehren auszahlen lässt. Kein Wunder also, dass auch „Jagd nach Dillinger“ vor Schießeisen und spektakulärer shoot outs strotzt.

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Der Film hüpft von Szene zu Szene, hakt die bekannten Stationen der letzten 13 Monate in Dillingers Leben ab, erzählt aber keine durchgängige Geschichte. Zudem interessiert er sich auch nicht für die komplizierten Figurenkonstellationen. Milius hält die Beziehungen der Gangster untereinander bewusst simpel. Allein der hitzköpfige Baby Face Nelson gerät mit Dillinger schmerzhaft aneinander. Die anderen scheinen fast schon so etwas wie eine harmonische Familie zu bilden (was nicht den historischen Tatsachen entspricht). Auch der Zuschauer fühlt sich bei den Gangstern durchaus wohl. Diese werden von bekannten und beliebten Darstellern wie Geoffrey Lewis und Harry Dean Stanton mit Leben gefüllt. Beide liefern eine Glanzleistung in punkto Coolness und entspannter Professionalität ab. In der Rolle des hitzköpfigen Baby Face Nelson erlebt man den sehr jungen Richard Dreyfuss in einer seiner ersten Rollen, bevor ihn zwei Jahre später Steven Spielberg mit „Der weiße Hai“, und danach dann „Unheimliche Begegnung der 3. Art“, zum Star machte. Als Dillingers Geliebte Frenchie hat die Ex-“The Mamas and the Papas“-Sängerin Michelle Philips nicht viel zu tun, verleiht der Männer-Geschichte aber eine Note Sex und weibliche Attraktivität.

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Obwohl der Film an einigen Stellen etwas gehetzt und lückenhaft wirkt, langweilt er doch keine Sekunde. John Milius hält die Zügel fest in der Hand und streicht alles Unwesentliche aus seinem Drehbuch. Zudem nutzt er jede Gelegenheit, um explosive Actionszenen und erbarmungslose Schießereien mit viel roher Kraft und explodierenden Blutbeuteln zu inszenieren. Dabei geht er weniger stilisiert als Sam Peckinpah oder Arthur Penn zu Sache, sondern rau, unmittelbar und verdammt blutig. Hier gibt es kein ästhetisch beeindruckendes „Todesballett“, wenn die Körper von Kugeln zerrissen werden, sondern nur ein lakonisches „So ist das halt, wenn Kugeln auf Körper treffen“. Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ kann dann auch als direkter Vorgänger des Millius-.Films gelten, trat er doch eine Welle von Gangsterfilmen los, die zur Zeit der großen Depression spielten und quasi den langsam aussterbenden Western ersetzten, indem sie die großen Gangster dieser Ära als die letzte Outlaws inszeniert. Nach „Bonny & Clyde“ hatte insbesondere Roger Corman und die Verleihfirma AIP – die auch „Jagd auf Dillinger“ produzierten – dieses Genre mit Filmen wie „Big Bad Mama“ oder „Die Faust des Rebellen“ angeheizt.

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John Milius Regie-Debüt „Jagd auf Dillinger“ ist ein vor Kraft und Blut strotzender B-Film. Mit seiner exzellenten Besetzung und einem gehörig Tempo, sorgt er dafür dass die Sprunghaftigkeit des Drehbuchs und die simple Charakterisierung seiner Figur mehr als ausgeglichen wird.

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Die Bildqualität dieser von Explosive Media veröffentlichten DVD ist guter Durchschnitt. Die deutsche Synchronisation ist zeitgenössisch etwas flapsig, so dass der ebenfalls auf der DVD befindliche Originalton zu bevorzugen ist. Das Booklet ist leider eine ziemliche Enttäuschung, da hier nur 1:1 die Trivia-Infos aus der IMDb ins Deutsche übersetzt wurde. Außer einer Trailer-Show für das weitere Explosive Media-Programm findet man hier noch den Vorspann mit der ursprünglich geplanten, alternativer Musik (einem ruhigen, eher melancholischen Stück, statt des flotten Dixieland-Songs „The Gold Diggers‘ Song (We’re in the Money) „. Ferner gibt es noch eine 5-minütigen Zusammenschnitt der besten Szenen, der auch unter dem Menü läuft und eine 2,5-minütige Slideshow mit zeitgenössischem Promomaterial.

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