Filmbuch-Rezension: Georg Seeßlen „Lars von Trier goes Porno – (Nicht nur) über NYMPHOMANIAC“

Bertz+Fischer_LarsvonTriergoesPornoUnmittelbar nach der deutschen Premiere des abschließenden Teils von Lars von Triers neustem Werk, dem zweiteiligen „Nymphomaniac“, erschien das Büchlein (ein Taschenbuch im wörtlichen Sinne, denn es passt bequem in die Hosentasche) „Lars von Trier goes Porno – (Nicht nur) über Nyphomaniac“ von Georg Seeßlen in der Reihe „Sexual Politics“ bei Bertz+Fischer. Wie der Titel schon verrät, geht es darin nicht ausschließlich um „Nymphomaniac“, sondern um die Rolle der Pornographie im „echten“ Spielfilm, sowie – natürlich auch – um den Regisseur und Autoren des Films, Lars von Trier, und seine Darstellung von Frauen in seinen Werken. Man kann also davon ausgehen, dass der überwiegende Teil des Buches im Vorhinein entstand und dann nur noch um den Film „Nymphomaniac“ ergänzt wurde. Anders wäre es ja auch in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen.

Seeßlen nähert sich zunächst der Person Lars von Trier, was kein leichtes Unterfangen ist. So heißt das Kapitel dann auch (passend zum Thema des Buches) „Who the fuck is Lars von Trier“. Auch Seeßlen findet darauf keine allumfassende Antwort. Dies ist bei einer solch facettenreichen Persönlichkeit wie Lars von Trier, bei der man nie weiß, wie weit die Selbstinszenierung geht und wo der „echte“ von Trier anfängt, auch gar nicht möglich. Bei Lars von Trier reicht die Spanne der Möglichkeiten, wer diese Mensch ist, davon dass er tatsächlich immer sagt, was er meint bis dahin, dass sich bei ihm nur eine erdachte Figur des Herrn Lars Trier (das „von“ ist ja bereits Schwindel) handelt. Irgendwo auf dieser Bandbreite wird die Wahrheit liegen, die von Trier aber so gut verschleiert, dass auch Seeßlen hier nur ein paar Denkanstöße und Theorien anderer Autoren liefern kann.

Im zweiten Kapitel geht es dann um ein offenes Theorem über Pornographie und Film. In diesem sehr filmtheoretischen Teil, untersucht Seeßlen, was eine pornographische Szene – vor allem in einem im Grunde nicht pornographischen Spielfilm – mit dem Zuschauer macht, welche Funktion sie innerhalb des Filmes einnehmen kann und welche anderen Zwecke sie noch verfolgen kann.

Sehr interessant ist das dritte Kapitel, welches sich mit den von Trier produzierten „Puzzy Power“-Filmen beschäftigt. Wie weit von Trier hier – bis auf die Tatsache, das die Filme von seiner Firma finanziert wurden – letztendlich involviert war, kann nicht abschließenden beantwortet werden. Immerhin stellte er aber ein Manifest auf, welches – ähnlich wie das ebenfalls von ihm mitinitiierte „Dogma 95“ – Regeln für diese Filme festlegte. Und wie bei der Dogma-Bewegung wurden diese Regeln dann in der Folge auch schon mal umgebogen oder schlicht und ergreifend nicht beachtet. Seeßlen stellt die vier „Puzzy Power“-Filme (unter denen auch ein Schwulen-Porno war, bei dessen Besprechung Seeßlen auf einen längeren Text der wunderbaren Sylvia Szymanski zurückgreift) vor und zieht Verbindungen zu von Triers anderen Werken, vor allem zu „Nymphomaniac“. Gerade letzteres ist recht interessant und deutet an, dass von Trier sich mich den Themen und der Struktur dieses Filmes schon länger beschäftigt hat. Bzw. dabei ganz bewusst auf Elemente der „Puzzy Power“-Filme zurück griff.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem kontroversen Thema, wie Frauen in von Triers Filmen dargestellt werden. Dabei spricht Seeßlen von „weiblichen Christusen“ und unterscheidet in diesem Zusammenhang den deutschen Begriff des „Opfers“ nach den englischen Wörtern „victim“ und „sacrifice“. Frauen werden zu Opfern und opfern sich auf. Doch dies bringt keine Erlösung, sondern führt unweigerlich in die Katastrophe. Seeßlen führt mehrere Theorien hierzu auf, insbesondere geht er auch auf Antje Flemming ein, die in ihrem Buch „Lars von Trier – Goldene Herzen, geschundene Körper“ von Trier zum Teil sehr hart für seine Frauendarstellung kritisierte. Und er spricht auch – gerade in Hinblick auf „Antichrist“ – von der Darstellung der Frau als „doppelter Anti-Christ“. Seeßlen liefert also eine breite Grundlage für eine weiterführende Diskussion. Wobei mir selber insbesondere der Umstand, dass von Trier immer wieder betont, dass er sich selber in seinen weiblichen Hauptfiguren sieht, als Schlüssel zu von Triers (Anti)-Heldinnen scheint.

Im fünften Kapitel stellt Seeßlen dann zunächst die Filme „Antichrist“ und „Nymphomaniac“ gegenüber, sucht Verbindungen und untersucht, in wie weit „Antichrist“ den in Kapitel Vier postulierten Theorien entspricht. Am Ende geht er dann in einem interessanten Exkurs auch noch einmal um den von Lars von Trier erzeugten Hype um und die perfekte Werbemaschinerie hinter „Nymphomaniac“ ein.

Die letzten beiden Kapitel beschäftigen sich dann sehr detailliert mit den beiden „Nymphomaniac“-Teilen.

Obwohl sich Seeßlen ihm von vielen Richtungen aus nähert, bleibt die Person Lars von Trier nicht greifbar, ebenso seine Filme. Seeßlen bietet viele Deutungen an, enthält sich aber selber wohlweislich einer abschließenden Bewertung. Allerdings erkennt man seine Faszination für diesen geheimnisvollen und vieldeutigen Filmemacher. Letzten Endes bleibt es dem Zuschauer überlassen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Seeßlens kleines Büchlein gibt ihm genug Rüstzeug an die Hand, die Filme unter verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und trotzdem wird jeder, der sich mit von Trier und seinem Werk auseinandersetzt, sicherlich – egal um man beide liebt oder hasst – noch viele weitere Facetten finden, die hier noch gar nicht angedacht wurden.

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