Blu-ray Rezension: “Blutgletscher“

Blutgletscher-Blu-rayAuf einer Klimaforschungsstation, hoch in den Südtiroler Alpen, analysiert ein vierköpfiges Wissenschaftlerteam das klimabedingte Abschmelzen der Gletscher. Unterstützt wird es durch den grantigen Techniker Janek (Gerhard Liebmann). Als sie auf einen blutrot gefärbten Gletscher stoßen. Dieser enthält einen unbekannten Organismus, der bei anderen Lebewesen blitzschnelle Mutationen hervorruft. Da trifft es sich gar nicht gut, dass die Ministerin Bodicek (Brigitte Kren) mit einer Delegation des Umweltministeriums zu einem PR-Termin auf die Station kommen will. Janek erfährt, dass auch Tanja (Edita Malovcic), die ihm einst das Herz brach, bei der Delegation ist. Er versucht sie aufgrund der unsicheren Lage zum Umkehren zu bewegen, und die Forschungsstation zu evakuieren. Von dieser Idee sind die Wissenschaftler – die den Termin unbedingt zur Werbung in eigener Sache nutzen wollen – allerdings wenig begeistert und sie wollen Janek erst einmal aus dem Verkehr ziehen. Derweil kommt es in den Bergen zu immer mehr gefährlichen Mutationen…

blutgletscher07Während in Deutschland darüber gejammert wird, dass der Genre-Film hier keine Chance hat und generell unterdrückt wird, zeigen die Nachbarn aus Österreich mit gleich zwei Produktionen, wie Genre auch im Kino funktionieren kann. Während Andreas Prochaska mit „Das finstere Tal“ das Western-Genre in die Alpen verlegt und dafür nicht nur von der Kritik gefeiert, sondern auch gleich mit zahlreichen Filmpreis-Nominierungen überhäuft wurde, zeigt Marvin Kren, dass es auch gute deutschsprachige Horrorfilme gibt, die sich einmal explizit nicht als amerikanisch zu verkaufen versuchen, sondern, im Gegenteil, den Lokalkolorit zum Stilmittel erheben und uns damit sehr viel näher sind, als z.B. ein Till-Schweiger-„Tatort“, der möglichst nach Hollywood aussehen und Hamburg in Manhattan verwandeln will.

blutgletscher06Nachdem Marvin Kren 2010 bereits das Kunststück gelang, der altehrwürdigen Dame ZDF das Geld für einen waschechten Zombie-Film aus den Rippen zu leiern. Und nicht nur das, „Rammbock“ wurde dann auch nach mehreren Festivaleinsätzen, im Fernsehen gezeigt. Wenn auch zunächst in einem der digitalen Nischenkanälen des Senders. Produziert wurde er im Rahmen des „Kleinen Fernsehspiels“, in dem einst in den 70er Jahren noch Leute Fassbinder und Erler experimentieren durften. Für seinen neuen Film hat Kren nun den Berliner Hinterhof verlassen und siedelt seinen Mutanten-Horror in den Südtiroler Alpen an. So wurde nicht nur die Kulisse größer, sondern auch das Budget. Von der österreichischen Filmförderung bedacht und mit dem Vertrauen einer österreichischen Produktionsfirma ausgestattet, verhundertfachte sich das Budget von den € 20.000 bei „Rammbock“ auf € 2 Mio. bei „Blutgletscher„. Dies ist immer noch recht wenig, wenn man das Budget mit dem eines durchschnittlichen Hollywood-Films vergleicht. Aber Kren gelingt es, seine begrenzten Ressourcen ökonomisch und effektiv einzusetzen, indem er gar nicht erst versucht mit irgendwelchen US-amerikanischen Blockbustern zu konkurrieren, sondern sich an dem kostengünstigen Außenseiterkinos eines John Carpenter, oder noch vielmehr eines frühen Cronenberg, zu orientieren.

GletscherblutPositiv fällt auch die Entscheidung Krens auf, CGI nur spärlich und wenn, nur dort, wo es gar nicht anders geht, einzusetzen. Stattdessen setzt er auf handgemachte Effekte. Was man auch deutlich merkt, und was dem Film „Gewicht“ gibt. Denn CGI wirkt – egal wie gut gemacht es ist – doch auch immer unecht. Es fehlt im immer etwas „Masse“, eine gewisse physische Präsenz, die man als Zuschauer förmlich spüren kann. Mit seinen hübsch matschig-ekligen Effekten, versetzt einen Kren zurück in die Zeit, als beispielsweise John Carpenter in „The Thing“ – mit dem „Blutgletscher“ gerne verglichen wird – ein alptraumhaftes, schrecklich lebendig wirkendes Latex-Biest auf uns los ließ. Ferner verzichtet Kren auch wohltuend auf glattpolierte Teenie-Charaktere, sondern dreht einen Film mit und für Erwachsene. Sein Held ist klein, um die Vierzig, hat eine beginnende Halbglatze und grummelt mit dem schönsten österreichischen Slang vor sich her. Da wünscht man sich als Nordlicht zwar ab und zu Untertitel, aber andererseits passt dies so auch sehr viel besser in die imposante Bergkulisse, als wenn alle einwandfreies Hochdeutsch sprechen würde. Man erinnere sich nur an den anderen Austro-Western „Autumn Blood„, in dem sich die Bewohner eines österreichischen Dorfes alle auf Englisch unterhalten, was dem ansonsten gelungenen Film doch einiges an authentischer Atmosphäre gekostet hat.

GletscherblutDer zuvor eher in Nebenrollen aufgefallene Gerhard Liebmann, hat für seine Darstellung des Janek bei der Verleihung des diesjährigen Österreichischen Filmpreises die Kategorie des besten männlichen Hauptdarstellers gewonnen und dabei Konkurrenten wie Klaus Maria Brandauer ausgestochen. Neben ihm brilliert die Mutter des Regisseurs, die in Österreich sehr beliebte Brigitte Kren, in der Rolle der handfest zupackenden Politikerin, die dann auch für die coolen One-liner zuständig ist. Neben diesen beiden haben es die anderen Schauspieler schwer, sich in den Vordergrund zu spielen. In den Nebenrollen wird solides Handwerk abgeliefert, auch von Wolfgang Pampel, der deutschen Stimme von Larry Hagman/J.R. Ewing und Harrison Ford. Pampel sieht hier aus wie Heidis Großvater und spricht im breitesten südtrioler Dialekt. Die schöne Edita Malovcic in der weiblichen Hauptrolle spielt ebenfalls sehr routiniert und fällt weder positiv noch negativ besonders stark auf. Leider muss man aber unter den Darstellern aber auch einen Komplettausfall anprangern. Hille Beseler in der Rolle der Birthe, hat zwar einen undankbaren Part, da sie vor allem die pseudo-wissenschaftlichen Grundlagen erläutern muss, sie spielt davon abgesehen allerdings auf eine solch gekünstelte, unnatürliche Weise, dass sie geradezu aus dem Film herausfällt und man denken könnte, sie würde in einer typischen deutschen Amateur-Horrorfilm-Produktion mitwirken.

GletscherblutMan merkt deutlich, das Kren und sein Drehbuchautor Benjamin Hessler – der auch für einige Folgen der unterhaltsamen und intelligenten ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ verantwortlich ist – ihre Vorbilder genauestens studiert haben. Es wird ein starker Fokus auf Charakterentwicklung gelegt (wenn auch nur auf die ohnehin schon stark gezeichneten Figuren Janek, Ministerin Bodicek und mit Abstrichen Tanja) und der Terror baut sich langsam auf, um erst gegen Ende ein Inferno zu entfachen. Auch werden die Monster nicht gleich in aller Direktheit präsentiert, sondern zunächst einmal durch eine Verlagerung des Blickwinkels angedeutet. Auch später werden sie nur teilweise oder im Schatten gezeigt. Dies erhöht die Spannung und verhindert zugleich, dass man sie allzu schnell als „Trickfiguren“ entlarven könnte. Wobei die handgemachten Effekte und Puppen sehr realistisch gelungen sind. Generell fällt bei „Blutgletscher“ eine überraschende Härte auf, die sparsam eingesetzt wird und dem Schema der Eskalation folgt.

„Blutgletscher“ ist sicherlich nicht ohne Fehler. Die Nebengeschichte einer Abtreibung und das damit verbundene, scheinbar von „Alien 4“ inspirierte, Ende sind schon etwas zu viel. Aber der Film hat sein Herz am rechten Fleck und gibt gar nicht erst vor, es mit Hollywood aufnehmen zu wollen. „Blutgletscher“ zieht sein eigenes Ding durch und gerade das Einbinden des Lokalkolorits, holt das Grauen in Nachbarschaft und macht es dadurch greifbarer. Leider wurde dies bei seiner selektiven Kinoauswertung (u.a. in unserer „Weird Xperience“-Reihe) vom Publikum nicht besonders honoriert. Deshalb bleibt zu Hoffen, dass der Film nun bei seiner Heimkinoauswertung den Zuspruch erhält, den er verdient.

blutgletscher11Die bei Koch Media erschienene Blu-ray weißt ein sehr schönes, gestochen scharfes Bild auf, welches – obwohl digital gedreht – sogar leicht an „echtes“ Filmmaterial erinnert. Überhaupt ist die ganze Bildgestaltung für das Kino gemacht und kein „TV-Look“. Gleiches gilt für den Ton, der in DTS 5.1 vorliegt und das atmosphärische Sounddesign perfekt in die heimischen vier Wände bringt. Normales 5.1. gibt es auch, sowie Untertitel für Hörgeschädigte, welche wir Nordlichter an die dialektbedingt schwerer verständlichen Stellen zum Einsatz bringen können. Als besonderer Service, kann der Film auch als „Hörfilm“ mit Audiodeskription abgespielt werden. Als Extra gibt es leider nur einen – in alter Super-8-Optik gehaltenen – 11-minütigen Einblick in die Herstellung der Effekte. Dies ist sehr aufschlussreich, aber statt einer reinen Musikuntermalung, hätte man sich doch die ein oder andere Erklärung oder gar ein Interview mit den Machern gewünscht.

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