Filmbuch-Rezension: Wenzel Storch „Die Filme“

Storch_Die FilmeDie Lektüre des Buches „Die Filme“ von Wenzel Storch war für mich ein kleines Experiment. Kann man das Buch auch genießen, wenn man mit Storchs Werk bisher nicht vertraut ist? Über seinen Film „Sommer der Liebe“ hatte ich in dem leider nur zwei Ausgaben lang erschienenen, wunderbaren Fanzine „Absurd 3000“ Ende der 90er Jahre das erste Mal gelesen. „Reise ins Glück“ begegnete mir dann später in der „Splatting Image“. Doch zu sehen bekam ich diese Filme bisher nie. Einmal habe ich 10 Minuten von „Sommer der Liebe“ erhaschen können, aber das war’s dann auch.

Um meine Eingangs gestellt Frage gleich zu beantworten: Ja, man kann. „Die Filme“ ist weniger ein klassisches Filmbuch, als vielmehr die Autobiographie des 1961 in Braunschweig geborenen Universalkünstlers. Man erfährt viel über Wenzel Storchs Welt. Sein streng katholisches Elternhaus, das schlechte Verhältnis zum Vater und die Zeit als Ministrant, die sein Leben und seine ersten Filme prägte. Man hört etwas über das legendäre Kassetten-Label „Pissende Kuh Kassetten“ der beiden Brüdern Iko und Diet Schütte, über das auch der Filmgelehrte Christian Keßler schon oft berichtet hat, und bei dem auch Storch aktiv war. Man liest über das Leben in einem sozialen Brennpunkt am Rande von Hildesheim, wo Storch lange Zeit über einem Kiosk wohnte, der zentraler Anlaufpunkt für die Alkoholiker der Gegend war. Man lernt skurrile Typen, wie den Scheißefresser Hardy, den Philosophen oder den Baron von Lallu kennen. Zusammen mit einer repressiven Kirche bildete dieser Umgebung den Boden, auf dem Storchs Werk gedieh. Und ohne diesen wären Filme wie „Der Glanz dieser Tage“ wahrscheinlich gar nicht entstanden.

Erst nach 97 Seiten wendet sich das Buch dem Thema seines Titels zu: Den Filmen. Beginnend mit „Der Glanz dieser Tage“, der mit viel Fantasie und Skepsis gegenüber der katholischen Kirche in dem abbruchreifen Haus in Hildesheim entstand. Weiter zu „Sommer der Liebe“, der bereits aufwändiger war und Wenzel Storch einen Skandal bescherte, als eine radikale Lesbengruppe aus einem Göttinger Kino eine Rolle des Filmes entführen, weil sie den Film „rassistisch, sexistisch und faschistisch“ fanden. Abschließend mit dem Albtraum von „Reise ins Glück“. Ein Mammutwerk, welches zwölf Jahre zur Fertigstellung brauchte, Storch mehr als einmal in den Bankrott und tiefste Verzweiflung trieb. Selbst wenn man den Film nicht gesehen hat, so singen doch die zahlreichen Fotos im Buch ein Lied davon, dass sich der ganze Aufwand und Ärger zumindest optisch vollauf gelohnt hat.

Überhaupt muss man auf die Bilder zu sprechen kommen. Storch bebildert seine Lebensgeschichte mit allerlei Fundstücken, die einem selber aus der eigenen Jugend (zumindest, wenn man in den 70ern aufgewachsen ist) einerseits bekannt und doch wie aus einer völlig anderen Welt zu stammen scheinen. Die Art und Weise, wie Storch sie zum Teil ironisch, aber immer treffsicher in den Kontext des Textes einbindet, erinnert an Max Goldt, aber auch an Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“, wo ja auch eine Kindheit und Jugend anhand von popkulturellen Fundstücken aus der Vergangenheit rekonstruiert wird. Während die Bebilderung im ersten Teil des Buches noch der Illustration der Lebensgeschichte dienen, findet man in der zweiten Hälfte zahlreiche Fotos vom Set seiner Filme, die von seiner überbordenden Kreativität und der Fähigkeit aus Müll ganz wunderbare exotisch-verrückte Kulissen zu zaubern, zeugen. Spätestens diese Opulenz macht das Buch dann auch zu einem echten visuellen Leckerbissen.

„Die Filme“ ist eine Collage aus anderswo veröffentlichten Interviews, Ausschnitten aus Storchs literarischem Werk, seinen Zeichnungen, persönlicher Fotos und merkwürdigem, irgendwo gefundenen Bildmaterial. Nach der Lektüre des Buches hat man dann das Gefühl, „Deutschlands besten Regisseur“, wie ihn das Satiremagazin Titanic einst nannte, tatsächlich ein wenig zu kennen. Und man ist sehr neugierig auf sein filmisches Werk geworden. Ein erster Schritt in die ziemlich seltsame Welt des Filmemachers Storch kann man machen, indem man sich das Musikvideo „Altes Arschloch Liebe“ ansieht, welches Storch 2009 für Bela B. (einem großen Fan von „Reise ins Glück“) gedreht hat. Leider seine bisher letzte Filmarbeit – die ironischerweise auch von weitaus mehr Leuten gesehen wurde, als all seine Filme zusammen. Storch selber rechnet vor: Während „Der Glanz dieser Tage“ 3.000 Zuschauer hatte, „Sommer der Liebe“ 32.000 und „Reise ins Glück“ 26.000, haben den Videoclip 10x mehr Leute gesehen, als alle drei Filme zusammen.

Zurzeit beschäftigt Wenzel Storch sich, wie im letzten Kapitel des Buches zu lesen ist, mit dem Schreiben von Essays, von denen viele in den Büchern „Der Bulldozer Gottes“ (2009) und „Das ist die Liebe der Prälaten“ (2013) zusammengefasst sind. Wer sich näher mit Wenzel Storch beschäftigen möchte, der findet im Anhang des Buches umfangreiche Listen mit seinen Werken aus Film, Literatur und Musik, Kritiken, Beiträge in anderen Büchern, Artikeln, Lesungen und vieles mehr.

Und wer Wenzel Storch einmal live erleben möchte, der sei an dieser Stelle auf den 24. April hingewiesen. Dann zeigt das Bremer Kommunalkino City 46 in der Reihe „Weird Xperience“ nicht nur den Film „Die Reise ins Glück“, sondern hat Wenzel Storch auch eingeladen, um vorab aus seinem hier besprochenen Buch zu lesen. Hingehen!

Wenzel Storch : „Die Filme“ , Martin-Schmitz-Verlag, 336 Seiten und über 700 farbige Abbildungen, Zeichnungen und Skizzen. Euro 29.80

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1 Antwort zu Filmbuch-Rezension: Wenzel Storch „Die Filme“

  1. Sebastian sagt:

    Ein Bekannter von mir hat an „Reise ins Glück“ als Autor, Kulissenbauer, Cutter und Darsteller mitgearbeitet. Habe ewig von dem Projekt erzählt bekommen, das Werk nach Jahren im Kino gesehen, zum 40. Geburtstag die DVD geschenkt gekriegt und die Scheibe zum 45. erhalten. 😀 Lupenreines Meisterwerk! PS: Filme bringt der Storch!

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