DVD-Rezension: “Herzflimmern”

herzflimmernDer 15-jährige Laurent Chevalier (Benoît Ferreux), wächst in den 1950er Jahren im französischen Dijon auf. Zu seinem Vater Charles (Daniel Gélin) hat er nur ein sehr distanziertes Verhältnis, dafür liebt er seine italienische Mutter Clara (Lea Massari) über alles. Von seinen beiden älteren Brüdern wird Laurent animiert heimlich Bars zu besuchen, Alkohol zu trinken und Zigarren zu rauchen. Auch sein erstes sexuelles Erlebnis mit der Prostituierten Freda (Gila von Weitershausen) wird von seinen Brüdern arrangiert. Als bei Laurent eine Herzschwäche diagnostiziert wird, fährt er mit seiner Mutter in einen Kurort, wo sich beide ein Zimmer teilen müssen…

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Louis Malle gehörte zwar in das nahe Umfeld der Nouvelle Vague, war aber selber nie ein Teil von ihr. Sein Spielfilmdebüt „Fahrstuhl zum Schafott“ kam bereits ein Jahr vor dem Startschuss der Nouvelle Vague „Sie küssten und sie schlugen ihn“ in die Kinos, und auch später war sein Platz im Spannungsfeld zwischen den jungen Filmemachern, die alle als Filmkritiker im Film Magazin “ Les Cahiers du cinéma“ ihre Sporen verdient hatten, und dem französischen „Qualitätskino“. Aber gerade hier baute Malle sein eigenes Spielfeld auf. Das Interessante an seiner Arbeit ist, dass er sich nie auf einen bestimmten Stil festgelegt hat. Vergleicht man seine Arbeiten „Zazie“ und „Das Irrlicht„, so könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Oftmals wirken seine Werke, als ob hier verschiedene Regisseure am Werk gewesen wären. Denn der gelernte Dokumentarfilmer (er begann seine Filmlaufbahn als Assistent von Jaques Cousteau bei dessen Unterwasser-Dokus) erfand sich mit jedem seiner Filme neu. Der Inhalt seiner Filme bestimmten am Ende ihr Aussehen und nicht etwa irgendein Markenzeichen. In den 70er und 80er Jahren verarbeite Louis Malle auch viel Persönliches in seinen Filmen. Besonders ausgeprägt in den beiden biographischen Filmen „Auf Wiedersehen, Kinder“ und vor allem in „Herzflimmern“.

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„Herzfilmmern“ erzählt von einer Jugend im Frankreich der 50er Jahre. Malle selber war zwar in den 40ern aufgewachsen, doch die Themen, denen er sich hier widmet, sind zeitlos. Es geht um die Schwelle im Leben, an der aus dem Kind ein Mann wird. Mit all den Verwirrungen, physischen und psychischen Veränderungen, dem hin und her gerissen sein zwischen der Suche nach Geborgenheit und dem eigenen Weg. Der 15-jährige Laurent ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Auf dem Weg in das Erwachsenenleben durchläuft eine Reihe von Initiationen. Die erste Zigarre, der erste Alkohol, der erste Sex. Doch noch steckt auch noch der Junge in ihm, der seine Mutter vergöttert, auch mal bockig sein kann und kindlich ausgelassen. Dem die Naivität aber bereits abhanden gekommen ist und der anfängt die Welt zu durchschauen. Benoît Ferreux spielt Laurent mit einer großen Natürlichkeit. Malle leitet seinen jungen Schauspieldebütanten präzise an, genau diesen sehr speziellen Zeitpunkt im Leben eines jungen Menschen wiederzugeben. Dabei wird nichts verklärt oder verteufelt. Laurent verhält sich natürlich auch unmoralisch. Aber Malle hebt nicht den Zeigefinger oder thematisiert dies. Er zeigt einfach nur, dies allerdings mit viel Liebe für seine Figuren und die Details. Und jeder dürfte sich in Laurent wiederfinden. Das Austesten von Grenzen, das bewusste Provozieren, um eine Reaktion hervorzurufen, das Forschen und Tasten – aber gleichzeitig auch das noch nicht ganz in der Welt der Erwachsen angekommen sein. Das Unsichere, manchmal über die Stränge schlagende und die großen und kleinen Überraschungen, die das Leben bietet.

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Laurent gleicht dem jungen Malle mit seinem Interesse für Albert Camus, der Faszination von dem Thema Selbstmord, der tiefen Liebe zum Jazz, dem Aufwachsen in einem gut bürgerlichen Haushalt und die Schulzeit in einen streng katholischen Schule. Man kann sich gut vorstellen, dass auch Louis Malle seine Platten gestohlen hat, mit dem Klingelbeutel durch die Straßen gelaufen ist und mit seinen älteren Brüdern gestritten und Unfug getrieben hat. Wie er selber sagt, war er sogar – wie Laurent – einmal mit seiner Mutter nach einem Herzproblem in der Kur und musste mit ihr in einem Zimmer schlafen, was er „bizarr“ fand. Im wahrem Leben ist es aber nicht zu dem Äußersten gekommen ist, wie es der Film zeigt. Diese Inzest-Szene, die den Zuschauer recht unvorbereitet trifft, hat „Herzflimmern“ den Ruf eines Skandal-Films eingebracht. Doch selten sah man dieses Tabu-Thema so leicht und unbeschwert umgesetzt. Es wird nicht moralisch hinterfragt, und wie der Zuschauer dies bewertet, wird ihm selbst überlassen. Malle erliegt auch nicht der Versuchung, die Szene auszuwalzen und exploitiv zu verwenden. Alles verläuft eher nebenbei und nicht wie eine große Sensation. Vor allem entspannt die nachfolgende Szene, in der Laurent die von ihm verehrte Elaine aufsucht, um dann bei deren Freundin Daphne zu landen, die Situation. Und das gemeinsame Lachen der Familie am Ende verhindert ebenfalls, dass man mit einem eher flauen Gefühl im Magen den Film verlässt. Laurent hat nun mit seiner Kindheit abgeschlossen und tritt als junger, freier Mann in die Welt hinaus.

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Die junge Mutter Clara wird von der bezaubernden Lea Massari gespielt. Ein wahrer Wildfang, der so gar nicht zu dem konservativen, steifen Vater passt. Und doch spürt man noch ihre Zuneigung zu dem Mann, der scheinbar auch andere Seiten hat, als die, die seine Kinder von ihm kennen. Was Malle in einer Szene andeutet, in der Laurents Vater leicht angetrunken ist. Dass Clara ihn betrügt, liegt nicht an mangelnder Liebe zu ihrer Familie, sondern daran, dass sie noch jung ist und das Leben in vollen Zügen und unabhängig genießen will. Lea Massari legt so viel Energie und übersprudelnde Lebendigkeit in ihre Darstellung, dass man sich ein wenig in sie verlieben muss. Auch die anderen Nebenrollen sind exzellent besetzt. Sei es Daniel Gélin als strenger Vater, der wie oben beschrieben seiner eigentlich recht eindimensional Rolle Tiefe verleiht und eben nicht, wie ein eiskaltes Monster daher kommt, wie es in anderen Filmen mit autoritären Vaterfiguren oft der Fall ist. Besonders herauszuheben ist auch Michael Lonsdale als Priester und Lehrer Laurents. In ihren gemeinsamen Szenen vibriert er förmlich vor Begehren nach dem Jungen, ohne dass Malle dabei zu offensichtlich wird oder es aussprechen muss. Kleine Gesten, wie das etwas zu lange die Hand auf die Schulter legen oder da gedankenverlorene anfassen des nackten Oberschenkels sprechen aber Bände. Überhaupt ist es Malles großer Verdienst, nie mit erhobenem Zeigefinger oder mit der Hand im Nacken des Zuschauers zu agieren.

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Die große Entdeckung des Filmes ist aber natürlich Benoît Ferreux, der den Laurent mit einer großen Natürlichkeit und nervösen Lässigkeit spielt. Auch physisch passt er perfekt in die Rolle des Kindes an der Schwelle zum Mann. Seine Glieder wirken noch unproportional lang zum Rest des Körpers, seine Bewegungen erscheinen manchmal noch etwas ungelenk und Laurent schwankt stetig zwischen kindlicher Begeisterung an der Entdeckung der Welt der Erwachsenen, als auch tiefes Grübeln darüber, ob er dort überhaupt hineinpassen möchte. Sein Gegenspieler ist François Weber als Hubert. Ein reicher Schnösel, der die snobistischen Phrasen, die seine Eltern ihm eingepflanzt haben, nachplappert und sich dabei als etwas Besser generiert. Dabei steckt dahinter keinerlei Substanz, die scheinbare Abgeklärtheit ist Fassade und so ist es am Ende Laurent, der den „Sieg“ davonträgt. Weil er handelt, statt nur zu reden.

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„Herzflimmern“ ist einer der schönsten und persönlichsten Filme des Meisterregisseurs Louis Malle. Er lässt die Welt des französischen Bürgertums der 50er Jahre detailverliebt wieder auferstehen und zeigt auf sehr sensible Weise das Freud und Leid eines 14-jährigen Jungen, der auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenalter steht, und in diesem Moment in keine der beiden Welten gehört. Auch „der große Skandal“ wird angenehm beiläufig und ohne moralischen Zeigefinger inszeniert. Nicht nur in Louis Malles Schaffen ist „Herzflimmern“ ein Höhepunkt, sondern auch in dem Genre der „Coming of Age“-Filme.

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Dem Berliner Label CMV ist es zu verdanken, dass dieses Kleinod nun endlich auf DVD vorliegt. Das Bild ist gut und gibt kein Anlass zur Beschwerde. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Der Ton liegt nur auf Deutsch und nicht auf Französisch vor. Das ist sehr ärgerlich, da die deutsche Synchronisation zwar ausgezeichnet ist, die bekannten Sprecher für die Rollen der Jugendlichen aber viel zu alt wirken. Dies gilt insbesondere für Benoît Ferreux, der von Hans-Georg Panczak, der deutschen Synchronstimme von Luke Skywalker in den „Krieg der Sterne“-Filmen synchronisiert wird. Auch Fabien Ferreux als sein Bruder Thomas klingt zu alt, wenn er von Thomas Dannenberg (alias Arnold Schwarzenegger/Sylvester Stallone) gesprochen wird. Hört man im – ebenfalls auf der DVD enthalten – Original-Trailer, so klingen die echten Stimme viel jünger, was dem Film entgegen kommt. Zudem ist der Ton in der Szene nach dem Inzest kurz sehr asynchron, was ziemlich verwirrt. Nichtsdestotrotz muss man CMV dankbar sein, sich dieses Filmes angenommen zu haben.

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