DVD-Rezension: “Die Sklavinnen“

sklavinnenMartine (Martine Stedil), die Tochter des Millionärs Radeck (Vítor Mendes) wurde entführt. Obwohl Radeck das geforderte Lösegeld von fünf Millionen Dollar zahlte, bleibt seine Tochter verschwunden. Die Spur führt zur Besitzerin des Edel-Bordells „Pagode“, Madame Arminda (Lina Romay), die allerdings gerade im Gefängnis sitzt, weil sie ihre Mädchen mit Drogen gefügig macht und gegen ihren Willen festhält. Um herauszufinden, was mit seiner Tochter und dem Lösegeld passiert ist, organisiert Radeck Armindas Flucht, um sie dann von seinem Handlanger (Jess Franco) foltern zu lassen. Der Plan geht auf: Arminda beginnt zu erzählen…

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Die Sklavinnen“ ist ein weiter Film aus der Ära, in der der spanische Kultregisseur Jess Franco für den Schweizer Filmproduzenten Erwin C. Dietrich Filme am Fließband produzierte. Die Rollen waren immer gleich verteilt: Dietrich steuerte unter dem Pseudonym „Manfred Gregor“ das Drehbuch bei, Franco inszenierte und die beiden Baumgartners, Peter und Walter, waren für die Kamera bzw. die Musik zuständig. Bei einem Ausstoß von bis zu sieben Filmen im Jahr und den selben Leuten hinter – und zumeist auch vor – der Kamera, ist es nicht verwunderlich, wenn diese Filme einige Ähnlichkeiten aufweisen und in der Rückschau auch ineinander verschwimmen. Immer geht es um Frauen, die irgendwo gefangengehalten werden (hier in der „Pagode“, dem Edel-Bordell von Madame Arminda) und gerne wird noch eine rudimentäre Krimi-Handlung integriert. Besonders auffällig ist allerdings die gewaltige Misanthropie, mit der Dietrich seine Drehbücher ausstattet. So wählt er oftmals Enden, die wenige Anlass auf Hoffnung geben und den Zuschauer eher runter ziehen, statt ihm ein Happy End zu gönnen.

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In „Die Sklavinnen“ treibt diese pessimistische Weltsicht ihre ausgeprägtesten Blüten. Als Erzählerin, und damit Identifikationsfigur für den Zuschauer, wird ausgerechnet die skrupellose Puffmutter Arminda gewählt. Diese lamentiert dann darüber, dass sie ein so schweres Schicksal habe und ihre Geliebte ja unter Drogen setzen und ins Bordell abschieben musste, weil es nun einmal so zu sein hätte. Dieser Zynismus ist schon bemerkenswert, ebenso wie die Tatsache, dass „Die Sklavinnen“ keinerlei positive Hauptfiguren kennt. Nun könnte man Martine Radeck als solche bezeichnen, doch schaut man genau hin, dann ist auch sie selbstsüchtig und beginnt nur eine Affäre mit Madame Arminda, um ein wenig an deren Macht partizipieren zu können. Das Schicksal der Mädchen in der Pagode ist ihr ziemlich egal. Tatsächlich gib es nur zwei Figuren, die eine menschliche Regung zeigen. Einmal die von Peggy Markoff gespielte Vicky, die versucht Martine zu retten, und dann mit Abstrichen der von Franco persönlich gespielte Handlanger des Radeck, der zwar auch eine gewisse Brutalität an den Tag legt, dem aber auch die finale Einstellung gehört, in welcher sein Gesicht die Resignation vor der Niedertracht der Menschen widerspiegelt.

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Wie so oft wirkt Francos Film über weite Strecken, als wäre er nur die Inhaltszusammenfassung eines anderen Filmes. Alles, was nicht unbedingt wichtig ist, wird weggelassen, und viele Dinge entweder nur behauptet oder als bekannt vorausgesetzt. Wenn sich Lina Romay am Anfang von einer Festungsmauer abseilt, wird einfach unterstellt, dass diese jetzt zu einem Gefängnis gehört. Das muss nicht noch einmal gezeigt werden. Auch das Madame Arminda ein prunkvolles Bordell mit vielen hundert Mädchen führt, wird zwar behauptet, aber durch das Bild nie bewiesen. Es ist auch unwichtig für die Handlung und ein solcher optischer Beweis würde nur Geld kosten. Oftmals greift Franco auch konsequent auf Stereotype und Handlungen zurück, die man aus der Filmgeschichte – oder Francos eigenem Oeuvre – zu genüge kennt. Da muss nichts erklärt oder plausibilisiert werden, weil sich durch die Filmerfahrung des Zuschauers die Handlung in seinem Kopf formt. Ganze Handlungsabschnitte werden einfach übersprungen und dem Zuschauer lediglich das Resultat gezeigt. Hier ist der Erzähler Franco eben auch ein Meister der Ökonomie. Das Fett vom Braten wird radikal weggeschnitten und auf die blanken Knochen dann viel nacktes Fleisch gehangen.

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Als böse Madame Arminda macht Lina Romay im wahrsten Sinne des Wortes eine gute Figur. Da Arminda als Identifikationsfigur aufgebaut wird, ist Lina Romay eine gute Wahl, denn sie bringt – bis auf Ausnahmen wie „Greta – Haus ohne Männer“ wo sie auch rein äußerlich verändert auftritt – immer auch etwas naiv-begeistert Liebenswertes mit. Mit einer Monica Swinn z.B. hätte diese doppelbödige Rolle nicht unbedingt funktioniert. Ihr zur Seite steht die ausgesprochen hübsche Martine Stedil, die an die junge Brigitte Lahaie erinnert. Martine Stedil ist als Schauspielerin interessanterweise nur in Franco/Dietrich-Filmen aufgetaucht. Zwischen 1975 und 1977 brachte sie es auf fünf Auftritte. Nach „Die Sklavinnen“ verschwand sie dann spurlos von der Bildfläche, und es war mir nicht möglich gewesen, irgendetwas über ihren weiteren Werdegang in Erfahrung zu bringen. Aber es ist ja für Franco durchaus typisch, dass es einen Kern von Schauspielern gibt, die ausschließlich mit ihm drehen – und dies oftmals über lange Jahre – und deren Filmographie dann irgendwann abrupt abbricht. Ich vermute einmal, dass viele nur aus persönlicher Freundschaft zu Franco in seinen Filmen auftraten und ansonsten keine weiteren Ambitionen auf eine große Filmkarriere hegten.

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„Die Sklavinnen“ ist ein weiterer Titel aus der Franco/Dietrich-Ära, der mit kleinem Geld eine zutiefst zynische und pessimistische Krimigeschichte um eine scheinbar entführte Millionärstochter, einer gierigen Jagd nach dem Lösegeld und Betrug auf allen Fronten erzählt. Mit Lina Romay und Martine Stedil ist das Filmchen dabei überaus attraktiv besetzt. Das Drehbuch weißt zwar große Lücken auf, doch diese überspringt Franco mit dreistem, aber auch sehr ökonomischem Pragmatismus und stopft diese mit viel nackter Haut zu.

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Die DVD weist ein gutes Bild auf, dessen Schärfe allerdings auch oftmals einen guten Blick auf diverse Hautunreinheiten freigibt. Der Ton liegt nur auf Deutsch vor. Extras gibt es bis auf den Trailer und eine Bildgalerie, sowie ein 40-minütiges Audio-Interview, welches Hans D. Furrer am 17.06.1976 mit Jess Franco im Hotel Gregory in Zürich geführt hat. Das Interview ist auf französisch mit deutschen Untertiteln.

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2 Antworten zu DVD-Rezension: “Die Sklavinnen“

  1. Eule sagt:

    Hört sich klar nach einem Film für mich an. Die misanthropischen Merkmale haben mich auch in FRAUEN FÜR ZELLENBLOCK 9 begeistert, den ich erst vor kurzem gesehen habe. Dieser Film ist komplett düster und doch gibt es dort eine Szene, die wenigstens für eine kurze Zeitspanne Helligkeit hereinbringt: nachdem vier Frauen aus einem „Gefängnis“ ausbrechen, müssen sie über den See, indem sich auch Krokodile befinden – diesen können sie auch entkommen – doch daraufhin entfernen sie sich nicht blitzschnell vom Ufer, sondern legen sich auf den sandigen Rand des Sees und sonnen sich erstmal eine Runde. Dieser zärtliche Augenblick, diese humane Geste des Drehbuchautors hat mich komplett umgehauen! Der Film ist nah dran, ein Meisterwerk zu sein. DIE SKLAVINNEN liest sich allerdings sogar noch besser. 😉

  2. Marco Koch sagt:

    Hallo Eule! Das mit „Frauen für Zellblock 9“ sehe ich genau wie Du. Sicherlich der finsterste und böseste Franco. Ganz so arg ist „Die Sklavinnen“ demgegenüber nicht. Aber „Zellblock 9“ legt die Latte bezüglich Zynismus und Hoffnungslosigkeit ja auch schon ziemlich hoch.

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