DVD-Rezension: “Wicked Women”

Wicked-Women

In einer Villa werden die Leichen eines nackten Paares gefunden. Die einzige Zeugin der Bluttat, Margeritta (Lina Romay) ist durch das traumatische Erlebnis schwer verwirrt und hat hat die Fähigkeit zum Sprechen verloren. Sie wird umgehend in die psychiatrische Klinik des Doktoren-Pärchens Farkas (Kurt Meinicke und Muriel Montossé) eingewiesen. Doch auch hier ist sie nicht sicher, da sich ein geheimnisvoller Mörder in der Klinik herumtreibt. Außerdem haben die Farkas, zusammen mit dem Arzt Dr. Antonio, ein ungesundes Interesse an verschwundenen Juwelen, von denen Margeritta angeblich wissen soll, wo sie versteckt sind.

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Ich bin mir nicht sicher, ob die Mitarbeiter des Labels Ascot Elite wissen, wie das Label einst entstand. Die Elite Film war die Schweizer  Produktionsgesellschaft des legendären Sexploitation-Produzenten Erwin C. Dietrich, bekannt für Klassiker wie „Die Nichten der Frau Oberst„, „Ich – ein Groupie“ oder die „Blutjunge Verführerinnen„-Reihe. Ascot war später, als Nachfolger das Avis, sein Standbein in Berlin, von wo aus der Vertrieb seiner Filme in der Bundesrepublik und viele internationale Co-Produktionen organisiert wurden. 1975 ging Dietrich eine kurze Partnerschaft mit dem spanischen Regisseur Jess Franco ein. Dieser sollte seinen Produktionen einerseits ein internationales Flair geben, und stand darüber hinaus in dem Ruf, schnell und kostengünstig zu arbeiten. In der Folge drehte Franco 14 Filme für den Schweizer. Die Bekanntesten dürften „Jack the Ripper“ mit Klaus Kinski und der berüchtigte „Frauengefängnis“ mit seiner Muse Lina Romay sein. Letzterer trat eine ganze Lawine ähnlich gelagerter Filme (das Gerne wird kurz „W.I-P.“ = Women in Prison“ genannt) los. Auch „Wicked Women“ (oder „Frauen ohne Unschuld“, wie er bei früheren Veröffentlichungen hieß) war einer davon. Zwar spielt der Film in keinem Frauengefängnis, doch Personal und Struktur des Filmes ist mit dem der W.I.P.-Filme identisch. Ein unschuldige Schönheit gerät in Schwierigkeiten und wird von einer skrupellosen Exekutive (in der Regel Militärpolizei, hier die Mitarbeiter eines örtlichen Irrenhauses) hinter Gitter gebracht, wo sie auf einen Haufen durchgeknallter und gerne auch lesbisch veranlagter Miteinsitzender trifft. So dann auch hier, nur das das Gefängnis ein Irrenhaus ist. Dies gibt dem Franco’schen Frauengefängnis-Stammpersonal (u.a. wieder Peggy Markoff und Esther Studer) die Gelegenheit, noch mehr als sonst ihre Rollen zu überziehen und ordentlich auf den Putz zu hauen. Für die markante Markoff war dies die letzte Filmrolle. Soweit die Internet-Recherche nicht trügt und es keine zufällige Namensgleichheit ist, scheint sie in den letzten Jahren eine Karriere als Sängerin von Liedern aus den 20er und 30er Jahren gestartet zu haben.

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Wie immer wurden alle Schauspieler nachsynchronisiert und die Texter der deutschen Fassung lassen keine Gelegenheit aus, noch mal einen oben draufzusetzen. Oftmals erkennt man deutlich, dass die Tonspur noch munter weiterplappert, während die Münder der angeblich Sprechenden schon lange geschlossen sind. Was da dann an Obszönitäten und Albernheiten rauskommt, reicht eigentlich für zwei Filme. „Frauen ohne Unschuld“ war einer der letzten Filme, die Franco für Dietrich drehte und hier packt er noch einmal alles rein, was möglich ist. Da gibt es einen maskierten Killer mit langem Messer, eine Schmuggler-Geschichte mit blutigem Ausgang, das Irrenhaus als pittoresken Schauplatz, intrigante Schurken und natürlich viel, viel Sex. Dieser unterbricht ständig die rudimentäre Handlung und ist Dreh- und Angelpunkt des Filmes. Natürlich sind wieder alle Frauen potentiell lesbisch und dauergeil. Die Männer entweder Bösewichte oder/und Schlaffis, die sich von den dominanten Frauen um den Finger wickeln lassen. So etwas wie Spannung will bei der Krimigeschichte nicht aufkommen. Man genießt das typische Jess-Franco-Panoptikum und lässt sich von ihm durch den Film spülen. Immer in der Position des Voyeurs.

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So gerät dann auch der letzte Teil des Filmes, in dem die Vorgeschichte aufgerollt wird, zur Geduldsprobe. Vorbei der Wahnsinn der verrückten Frauen im Irrenhaus, kein maskierter Killer mehr und nackte Opfer, die von Dachbalken hängen. Franco konzentriert sich in weichgezeichneten Bildern ganz auf die Menage-a-trois zwischen der unschuldigen Touristin Lina Romay und dem Schmugglerpärchen – und natürlich auf ausgedehnte Sexszenen. Immerhin mit Lina Romay. Diese stellt im Film meistens ihre, aus „Greta – Haus ohne Männer“ bekannte, Kurzhaarfrisur zur Schau. Diese gereicht ihr hier aber nicht zum Vorteil gereicht, da die Romay, im Vergleich zu „Greta“, doch einige Pfunde mehr mit sich herum trägt und nicht mehr das harte, jungenhafte Aussehen aus dem anderen Film hat. Für die Vorgeschichte trägt sie dann eine schwere Perücke. Trotz der in diesem Teil schön gefilmten Bilder (Kamera: Peter Baumgartner), schaut man hier doch häufiger einmal auf die Uhr.

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Neben Lina Romay ist die Spanierin Muriel Montossé als Klinikleiterin und Schurkin zu sehen. Sie spielt hier unter dem Pseudonym Nanda van Bergen. Im Jahr zuvor hatte sie noch als Vicky Adams ihr Film-Debüt in „Der Ruf der blonden Göttin“ (ebenfalls eine Dietrich/Franco-Kollaboration) gegeben. Und irgendwas scheint in diesem Jahr mit ihr passiert zu sein. Sie wirkt blasser und klobiger. Zudem meint es die DVD-Technik, die den Bildern eine exzellente Schärfe verleiht, nicht gut mit ihr. Zu deutlich sieht man die Narben einer Brust-Vergrößerung. Schade, um diese eigentlich sehr schöne Frau, die noch bis Mitte der 80er mit Franco drehte. Ebenfalls mit dabei ist auch Michael Maien, der vom Ende der 60er bis in die 70er Jahre in diversen Exploitationfilmen mitwirkte. U.a. in Olsens „Das Stundenhotel von St. Pauli„, wo er einen ähnlich zwielichtigen Charakter wie hier verkörperte. Maien war noch bis Mitte der 80er in diversen „Derrick“ und „Der Alte„-Folgen zu sehen, dann verliert sich seine Spur. Prominent wird auch mit dem Namen der Belgierin Monica Swinn geworben. Diese hat sehr häufig mit Franco zusammengearbeitet. Zumeist spielte sie dabei sadistisch veranlagte Charaktere, wie die Direktorin in „Frauengefängnis“, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Hier hat sie nicht viel zu tun und wird zudem durch eine riesige Sonnenbrille und unpassende Perücke entstellt. Nach „Frauen ohne Unschuld“ drehte sie nur noch wenige Filme und verschwand dann 1982 ganz von der Bildfläche, um sich Theaterarbeit zu widmen. Allerdings hat sie laut IMDb eine Rolle in dem neuen Film von Peter Strickland („Berberian Sound Studio„), „The Duke of Burgundy“ bekommen. Man darf gespannt sein, zumal sie dort den Rollennamen „Lorna“ (den Franco seinen Figuren auch gerne gab) bekommen hat.

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In „Frauen ohne Unschuld“ wird das Frauengefängnis gegen ein Irrenhaus für weibliche Patienten ausgetauscht, aber ansonsten bleibt alles beim Alten. Eine dünne Krimihandlung wird mit einem gialloesquen Killer, verrückten Weibern und viel, viel Sex aufgebauscht. Wenn der Film im letzten Drittel diese Elemente zugunsten eine schön gefilmten Menage-a-trois Geschichte vernachlässigt, wird es schnell etwas langweilig. Für Franco-Fans und Lina-Romay-Verehrer trotzdem ein Muss. Alle anderen seien vorgewarnt.

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Nachdem der Film bereits in einer „The Official Jess Franco Collection“ als „Frauen ohne Unschuld“ erschienen ist, hat Ascot Elite ihn nun im Rahmen einer sogenannten „Jess Franco Golden Goya“-Reihe, zusammen mit anderen Franco/Dietrich-Kollaborationen, noch einmal neu veröffentlicht. Das besondere dabei ist, dass der Film auch auf Blu-ray erschienen ist. Der Ton liegt nur auf Deutsch vor, Extras gibt es leider (bis auf den Trailer und eine Fotogallerie) keine.

Die Abstastung dürfte neu sein. Anbei ein Bildvergleich zwischen der alten „The Official Jess Franco Collection“ (links) und der neuen „Jess Franco Golden Goya Collection“ (rechts).

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