Rezension: „Skyfall“

In Istanbul soll James Bond (Daniel Craig) eine gestohlene digitale Liste mit verdeckten Identitäten von Geheimdienstlern, die sich in Terrororganisationen eingeschleust haben, wiederbeschaffen. Doch die Aktion wird zum Debakel, als die zu seiner Unterstützung eingesetzte Agentin Eve (Naomie Harris) auf Befehl von MI6-Chefin M (Judi Dench) auf ihn schießt und dabei scheinbar tötet. In London wird M wegen der verschwundenen Liste von Gareth Mallory (Ralph Fiennes), dem Leiter des Sicherheitskomitees der Regierung, unter Druck gesetzt. Als das MI6-Hauptquartier durch einen Bombenanschlag zerstört wird, kehrt Bond „von den Toten zurück“, befindet sich aber in denkbar schlechter Verfassung. Trotzdem wird er auf die Spur des Cyber-Terroristen Silva (Javier Bardem) gesetzt, mit dem Bond mehr verbindet, als er ahnt…

Da ist er nun also: Bond No. 23. Eine ganze Zeit lang stand Daniel Craigs dritter Einsatz als Geheimagent Ihrer Majestät auf der Kippe. Mitten in den Vorbereitungen ging MGM, das Studio, welches die Rechte zur Serie besitzt, pleite. Damit wurden alle Arbeiten an dem Film gestoppt, und es hieß zeitweise sogar,die Reihe würde gar nicht mehr fortgesetzt. Aber das war natürlich Quatsch. Niemand würde ein so lukratives Franchise wie die Bond-Filme einfach aufgeben. Und so fand sich mit Sony rasch ein Helfer für das marode MGM-Studio, und nach einer Pause von vier Jahren (übrigens die längste, ohne dass der Hauptdarsteller wechselte. Die längste Auszeit – sechs Jahre – gab es beim Wechsel von Dalton zu Brosnan) ging nun, pünktlich zum 50. Jahrestag der „Dr. No“-Premiere, „Skyfall“ an den Start.

Die Erwartungshaltung war natürlich immens. Nach dem eher verunglückten „Ein Quantum Trost“, dem jegliches „Bond-Feeling“ durch einen hypernervösen Filmschnitt ausgetrieben wurde, und nach der langen Wartezeit, erwartet natürlich jeder zum Jubiläum große Dinge. Dass mit Sam Mendes ein waschechter Oscar-Gewinner (für „American Beauty“, zudem Regisseur des großartigen „Zeiten des Aufruhrs“) verpflichtet wurde und mit Javier Bardem ein grandioser Schauspieler als Schurke, der bereits in „No Country For Old Men“ bewiesen hat, wie furchteinflössend er agieren kann, hob die Stimmung weiter. Auch wenn Mendes – wie sein Vorgänger bei „Ein Quantum Trost“, Marc Forster – nicht gerade für Actionfilme bekannt ist.

Ich bin Bond-Fan durch und durch. Als die ersten Teaser zu „Skyfall“ im Netz zu finden waren, sog ich diese begierig in mich auf. Was ich da sah, war sehr vielversprechend und verursachte dieses gewisse Kribbeln der Vorfreude in meiner Bauchgegend. Gleichzeitig meldete sich da aber auch diese kleine Stimme im Hinterkopf, die sich vor einer riesigen Enttäuschung fürchtete. Die rauschende Begeisterung, die nach der Weltpremiere des Filmes in London durch den Blätterwald fegte, ließ die Stimme zwar leiser werden, brachte sie aber nicht zum Verstummen. So saß ich dann mit einer Mischung aus erregter Erwartung und leiser Angst im Kino. Würde dieser Bond, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, meine Erwartungen erfüllen?

Bereits die legendäre Pre-Titel-Sequenz – ein Muss bei allen Bond-Filmen und quasi der Appetitanreger für die folgende Haupthandlung – ließ meine Bedenken sich in Luft auflösen. Sie knüpfte direkt an die besten Traditionen der Serie an. Von der Rasanz erinnert sie an die Connery-Zeit und vom Spektakulären her an die Moore-Ära. Gute, alte Stuntarbeit, ein furioser Kampf auf einem fahrenden Zug, atemlose Spannung und sogar Humor. Diese Sequenz belegt eindrucksvoll: Bond is back! Wenn sie dann in die an den legendären Maurice Binder gemahnende Titelsequenz übergeht und diese mit Adeles Titelsong – ein ganz klassisches Bond-Stück und weit entfernt von vorherigen Rock-Experimenten – unterlegt wird, dann geht einem als Fan das Herz über. Nur die kleine Stimme fragte weiterhin leise: Kann der Film dieses Niveau halten?

Im Großen und Ganzen: Ja. Auf charmante und clevere Weise wird in „Skyfall“ der Bogen zurück zu den Klassikern der Serie gespannt. Nachdem Bond in „Casino Royale“ neu erfunden wurde und „Ein Quantum Trost“ eine Art Zwischenzustand darstellte, wird Daniel Craig – überzeugend und physisch ungeheuer präsent – in „Skyfall“ endgültig zu dem James Bond, den wir seit 50 Jahren kennen und lieben. Zurück zum Start und doch völlig neu: So präsentiert sich James Bond im Jahre 2012. Der Reboot ist gelungen, Craig IST James Bond. Für Fans und Nostalgiker hält „Skyfall“ viele schöne Überraschungen und Anspielungen bereit, die ich hier nicht näher ausführen werde – auch wenn es in den Fingern juckt – um allen, die den Film noch nicht gesehen haben, nicht die Freude zu verderben. Das macht einfach Spaß und ist erfreulicherweise auch nicht „gezwungen“, sondern entwickelt sich aus der Geschichte heraus. Sogar der lange vermisste Humor zieht wieder in die Serie ein und Craig lässt einige charmante Oneliner vom Stapel, die an die glorreiche Zeit mit Sean Connery erinnern.

Auch ein Film wie „Skyfall“ ist nicht ganz ohne Schwächen. So sind einige am Computer entstandene Effekte extrem offensichtlich (Warum? Am Budget kann es ja kaum gelegen haben). Insbesondere wenn Bond einen Riesenwaran als Sprungbrett benutzt, fühlt man sich fast in das Uralt-PC-Spiel „Pitfall“ hineinversetzt. Auch wird Craigs Gesicht etwas zu deutlich per Computer auf den Körper eines Stuntmans kopiert. Aber gut, in den alten Bonds waren die Szenen vor einer Rückpro-Leinwand auch nicht gerade realistisch. Am Anfang der zweiten Hälfte – wenn ein Schurke scheinbar mühelos festgenommen wurde – zieht sich der Film etwas. Auch bleiben die Bond-Girls eher blass. Doch das alles verzeiht man gerne, denn insgesamt macht der Film vieles richtig.

Ja, es ist wahr. James Bond wird hier noch mehr vermenschlicht, als in den beiden Vorgängern. Bis dahin stand Bonds Psyche ja eher selten im Vordergrund, vom ungewöhnlichen und für mich besten Bond-Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ – und einige zaghafte Versuche in der Brosnan-Periode – mal abgesehen. Dieser Bond zeigt seine ganze Spannbreite und ist sich auch nicht zu schade, Schwächen zu zeigen. Interessant – und etwas unlogisch – , dass er immer als „Relikt“ aus einer anderen Zeit und als „zu alt für diese Welt“ bezeichnet wird. In der Chronologie der Filme mit Daniel Craig steht Bond ja eigentlich erst am Anfang seiner Geheimdienstkarriere. Aber diese Bemerkungen sollte man wohl auf die 50jährige Kinogeschichte des James Bond, nicht auf die Daniel-Craig-Inkarnation beziehen. Craig macht sich die Rolle ganz zu eigen und ist mit keinem seiner Vorgänger direkt vergleichbar. Am wenigsten mit den „leichten“ Bonds Moore und Brosnan. Sein Bond schwitzt, blutet, zweifelt und zeigt Gefühle. Auch erfahren wir mehr über seine Kindheit und wie er der wurde, der er ist. Ob man „Skyfall“ nun mag oder nicht, hängt auch stark davon ab, ob man mit dieser „Vermenschlichung“ der Ikone Bond mitgeht oder nicht. Schön in früheren Bonds hatte ich Probleme, wenn seine Fälle zu persönlich wurden – so habe ich die jahrelange Gefangenschaft Brosnans in „Stirb an einem anderen Tag“ nie so richtig akzeptieren können. Andererseits mochte ich – wie gesagt – „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“. Vielleicht kommt es auch darauf an, wer Bond spielt. Frische, unverbrauchte Gesichter wie Lazenby oder Craig kann ich hier eher akzeptieren, als Connery, Moore oder Brosnan. Dalton liegt da so in der Mitte. Wer also seinen James Bond als über allen stehenden Superhelden, ja als Mythos, bevorzugt, könnte Probleme mit „Skyfall“ bekommen. Denn „Skyfall“ ist für die Bond-Serie in etwa das, was „The Dark Knight Returns“ für die Batman-Comics war.

Und am Ende stehen wir dann dort, wo die Serie vor 50 Jahren begann. James Bonds Lehrjahre sind abgeschlossen, die Trilogie zu einem Ende gekommen. James Bond ist nun James Bond, sein Universum ist komplett und die Geschichte kann endlich wieder von vorne losgehen. Mal schauen, was die Zukunft bringt. Vielleicht – was konsequent wäre – ein „Dr. No“-Remake? Oder etwas ganz anderes? „James Bond Will Return“ steht im Abspann und ich freue mich drauf.

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