Nachruf: Sylvia Kristel (1952-2012)

Ein Rattansessel. Darauf eine schöne, kurzhaarige Frau, die lasziv mit einer Perlenkette spielt. Die Beine übergeschlagen, die Brüste frei. Wer an Sylvia Kristel denkt, hat sofort dieses ikonische Plakat des ersten „Emmanuelle„-Films vor sich. Ein Bild, das an Erotik kaum zu überbieten ist und die Fantasie – insbesondere eines Heranwachsenden kurz vor der Pubertät – ordentlich anheizt. Dieses Bild kannte ich lange, bevor ich irgendwann den dazugehörigen Film gesehen habe. Als ich es dann irgendwann tat – er lief Anfang der 90er auf RTL – war ich eher enttäuscht. Zu stark hatte sich das Bild der schönen Frau auf dem Korbstuhl in meinem Gehirn eingebrannt, zu viele andere Geschichten hatten meine Gedanken bereits gesponnen. Da konnte Just Jaeckins Erotikstreifen gar nicht mithalten.

Die am 28. September 1952 in Utrecht geborene Sylvia Kristel war eine wunderschöne Frau, die gleichzeitig Eleganz und ein natürliches „Mädchen-von-Nebenan“-Gefühl ausstrahlte. Sieht man die aufgepumpten, geklonten „Erotikstars“ von der Stange, die heute die Szene bevölkern, dann erscheint Sylvia Kristel wie eine überirdische Schönheit von einem anderen Stern. Aber sie war auch eine gute Schauspielerin. Etwas, wovon ihre hocherotische Ausstrahlung gerne einmal ablenkt.

Emmanuelle war DIE Rolle der schönen Niederländerin Sylvia Kristel. Obwohl es bereits 1969 eine Verfilmung des gleichnamigen Romans durch Cesare Canevari mit Erica Blanc in der Hauptrolle gegeben hat (Io, Emmanuelle), wurde erst der Film von 1974 zu einem sensationellen Erfolg und Sylvia Kristel sollte das erotische Image der Emmanuelle nie wieder verlieren. Dabei ist es eigentlich unfair, sie ganz auf diese eine Rolle festzunageln. Spielte sie doch in der Folge Hauptrollen bei Alain Robbe-Grillet (Das Spiel mit dem Feuer, 1975), Claude Chabrol (Alice ou la dernière fugue, 1977),  Walerian Borowczyk (La Marge, 1976) oder Roger Vadim (Une femme fidèle, 1976). Aber Emmanuelle sollte ihr Schicksal sein. 1975 folgte bereits „Emmanuelle 2 – Garten der Liebe„, 1977 der dritte Teil „Goodbye, Emmanuelle„. 1984 übergab sie im vierten Teil den Stab an die junge Mia Nygren, die allerdings keinen solch nachhaltigen Erfolg wie Sylvia Kristel in der Rolle hatte. Gleiches gilt für ihre Nachfolgerinnen in der Rolle. 1992, nach vielen mageren Jahren, kehrte Sylvia Kristel für eine erotische TV-Reihe noch einmal zu ihrer Erfolgsrolle zurück, ebenso für einen unbekannt gebliebenen siebten Teil der Kinoreihe, bei dem der legendäre Porno-Regisseur Francis Leroi Regie führte.

1981 hatte Sylvia Kristel noch einmal mit einer Literaturverfilmung Erfolg: „Lady Chatterleys Liebhaber„, wieder vom „Emmanuelle“-Regisseur Just Jaeckin. In den 80er Jahren war Sylvia Kristel gänzlich auf die Erotiknummer in billigen Filmen abonniert. Highlights dieser Jahre waren 1985 der Film“Mata Hari“ und das kultige „Women-in-Prison“-B-Movie „Red Heat“ mit Linda Blair und Elisabeth Volkmann (!).

An die Berichterstattung zu „Mata Hari“ kann ich mich noch gut erinnern. Da gab es im „Stern“ (ich meine zumindest, es war der „Stern“) einen großen Fotobericht drüber – und der Anblick der nackten Frau Kristel löste ganz komische Gefühle bei mir aus. Zumindest kann ich mich bis heute noch ganz genau an die Bilder erinnern.

In den letzten Jahren spielte Sylvia Kristel oft in niederländischen Produktionen mit. Ihr letzter Kinofilm war die kroatisch-französische Ko-Produktion „Two Sunny Days„, 2010.

Letzten Mittwoch erlag eine der schönsten Frauen der Filmgeschichte in Amsterdam einem Krebsleiden. Sie wurde nur 60 Jahre alt.

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