DVD-Rezension: „Woody Allen: A Documentary“

Bei dem 2-DVD-Set „Woody Allen: A Documentary“ handelt es sich nicht um die bekannte 113-minütige Kinofassung, sondern um die ursprüngliche, 2-teilige TV-Dokumentation aus der die deutlich kürzere Kinofassung destilliert wurde. 184 Minuten nimmt sich Regisseur Robert B. Weide Zeit, Woody Allens Leben nachzuzeichnen. Dabei konzentriert er sich vor allem für dessen berufliche Karriere, private Details kommen nur am Rande vor. Auch der große Skandal von 1992, als Allen eine Affäre mit Soon-Yi Previn, der Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow einging, wird nur kurz gestreift. Wer also auf Klatsch und Tratsch aus ist, ist hier nicht richtig aufgehoben.

Wer sich allerdings für den Filmemacher und „Auteur“ Woody Allen interessiert, findet hier eine Fülle an Informationen. Vielleicht ist Robert B. Weide etwas zu nah an Allen dran, denn man hört kaum ein kritisches Wort. Nur die Filme Ende der 90er, kurz vor seinem furiosen Comeback „Match Point“, werden als „belanglos“ charakterisiert und – leider – aus der großen Werkschau ausgenommen. Ich finde das etwas schade, denn gerade aus dieser Phase mag ich einige Werke sehr gerne, wie z.B. „Celebrity“, „Anything Else“ oder „Schmalspurganoven“. Davon abgesehen wird jeder Film Allens (bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. das ernstere Werke „Die andere Frau“) ausführlich vorgestellt.

Auch wenn kritische Töne eher selten vorkommen (der größte Woody-Allen-Kritiker ist immer noch Woody Allen selber, der viele seiner Werke völlig ohne Koketterie gerne runterspielt oder gleich als vollkommen misslungen bezeichnet), scheint doch immer wieder die andere Seite Allens durch. Der schwierige, grüblerische Mensch, der voller Ängste und Zweifel steckt und mit nichts wirklich zufrieden ist. Interessanterweise scheint Allen tatsächlich davon überzeugt zu sein, dass er nur ein mittelmäßiger Regisseur ist, der noch nie ein wirklich bedeutendes Werk, wie seine großen Vorbilder Bergman oder Fellini, geschaffen hat. So war bei dem Soon-Yi-Previn-Skandal auch seine größte Überraschung, dass sich andere Menschen für ihn und sein Privatleben interessieren.

Der erste Teil dieser Dokumentation beschäftigt sich recht lange mit einer Facette aus Allens Karriere, die seinen deutschen Fans vielleicht bisher verborgen war. Vor seiner Filmkarriere war er bereits ein in den USA sehr bekannter Stand-Up-Comedian und ein bekanntes Gesicht aus dem Fernsehen. Faszinierend auch die Bilder des jungen Allan Stewart Konigsberg, der mit kurzem Haar, ohne die charakteristische Brille und mit einem durchtrainierten, sportlichen Körper so gar nicht an den späteren „Woody“ erinnert. Danach werden seine ersten Filme vorgestellt, Zeitgenossen dazu befragt und auch Ausschnitte aus älteren Interviews mit Woody Allen gezeigt. Dabei zeigt sich immer wieder deutlich, dass viele seiner Filme autobiographische Züge haben und auch, dass es einige Themen gibt (vor allem die Angst vor dem Tod), die sich durch alle Woody-Allen-Filme ziehen. Der erste Teil der Dokumentation endet mit „Stardust Memories“. Den Film, den er selber am meisten schätzt, der damals aber ein ungeheurer Reinfall an der Kinokasse und bei der Kritik war.

Teil 2 beginnt dann zunächst mit seinem „Comeback“-Film „Match Point“ und dem Beginn seiner „europäischen Phase“, schlägt dann aber eine Brücke zu „Eine Sommernachts-Sexkomödie“, der damals – nach dem Desaster mit „Stardust Memories“ – ebenfalls eine Art Comeback war. Danach geht es weiter bis „Harry außer sich“. Persönliche Dinge werden dabei eher ausgelassen, ein Schwerpunkt allerdings auf Allens Art mit Schauspielern umzugehen gelegt. Überraschend ist dabei die Aussage Allens und aller Beteiligten, dass er am Set durchaus Improvisation zulässt und die Schauspieler ermuntert, ihre Texte zu ändern, falls sie sich mit den von ihm geschriebenen Worten nicht wohl fühlen. Die Filme nach „Harry außer sich“ überspringt Robert B. Weide dann, um bei „Match Point“ wieder einzusteigen.

„Woody Allen: A Documentary“ hat dann sogar noch eine – für alle Beteiligten sicherlich überraschende – Pointe bereit. Eigentlich endet er mit den „To Rome With Love“-Dreharbeiten und einem Woody Allen, der bedauert, nie einen wirklichen Hit produziert zu haben – nur um mit den überraschend hohen Einspielergebnissen von „Midnight in Paris“ noch einen Epilog anzuhängen. Woody Allens großer Hit bei Kritikern und vor allem sein bisher größter an der Kinokasse. Happy End.

Trotz seiner Länge von über drei Stunden ist „Woody Allen: A Documentary“ sehr kurzweilig geworden. Besonders in der frühen Phase von Woody Allens Karriere gibt es sicherlich einige Dinge, die der normale Zuschauer bisher nicht wusste. Manchmal wünscht man sich ein wenig mehr Distanz des Filmemachers zu seinem Objekt, aber andererseits entpuppt sich der sonst privat so dröge wirkende Woody Allen als charmanter Gesprächspartner, der sich offensichtlich bei Robert B. Weiden wohl gefühlt hat. Den Freunden seiner Filme sei diese Dokumentation über einen der letzten großen, amerikanischen „Auteurs“ ans Herz gelegt. Vor allem aber macht der Film eins: Ungeheuren Appetit auf Woody-Allen-Filme.

Die Extras sind sehr reichhaltig. Man merkt deutlich, dass die „Deleted Scenes“ zu Recht geschnitten wurden, da sie den Film unnötig in die Länge gezogen hätten und seinen kurzweiligen Rhythmus zerstört hätten. Aber es ist schön, dass man sie separat vom Film ansehen kann. Insbesondere die 20-minütige Sequenz, in der Woody Allen Regisseur Robert B. Weide die Gegend in Brooklyn zeigt, in der er aufgewachsen ist, ist sehenswert. Aber auch die sehr charmante Geschichte, die Mariel Hemingway über Allens Besuch bei ihrer Familie in Idaho erzählt. Allein das Interview mit dem Nebendarsteller John Doumanian, der in 14 Woody-Allen-Filmen mal durch das Bild läuft, zieht sich etwas. Ferner gibt es noch ein kurzes, aber sehenswertes 5-minütiges Segment namens „12 Fragen an Woody Allen“ und ein 6-minütiges Interview mit Robert B. Weide.

Die Doppel-DVD erscheint am 25. Oktober von EuroVideo.

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