Nachruf: Jean Rollin (1938-2010)

Gestern geisterte die Nachricht erst als Gerücht durch diverse Foren. Nachdem am frühen Nachmittag erst Entwarnung gegeben wurde, bestätigte sich die traurige Meldung dann doch noch. Jean Rollin ist tot. Obwohl bereits gemunkelt wurde, dass seine letzter Film gleichzeitig sein eigenes Requiem war, kam die Nachricht doch wie ein Schock.

Jean Rollin begleitet mich schon lange durch mein filmisches Leben. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Rollin-Film. Es war „Requiem For A Vampire“ und ich war von Anfang an gebannt. Wie es der Zufall so will, war ich damals schon im Netz aktiv und hatte flugs einen kleinen Text für meine damalige Homepage verfasst, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Man sollte allerdings bedenken, dass dieser nun um die 15 Jahre alt ist.

Ein phantastischer, unglaublich schöner Film. Der Film schwelgt in wunderschönen Bildern und verzichtet dabei fast völlig auf Dialoge. Allein der Anfang, wo die beiden als Clowns verkleideten Mädels über die Felder laufen, lässt einen wohlige Schauer vor lauter Schönheit der Bilder über den Rücken laufen. Auch sonst ist alles perfekt. Da Rollin, wie gesagt, fast völlig auf Dialog verzichtet, wird die Story allein durch Stimmungen und Atmosphäre erzählt. Man fühlt sich (auch durch den kongenialen Musikeinsatz) stark an alte Stummfilme erinnert. Wer allerdings auf Action steht sollte von diesem sehr bedächtigen Film die Finger lassen. Für alle anderen: Pflichtprogramm!

Rollins Filme sind seltsame Gebilde, die man entweder liebt oder mit denen man so gar nichts anfangen kann. Bekannt wurde er mit seinen vier erotischen Vampirfilmen, die er zwischen 1968 und 1971 drehte. Für diese war eine traumgleiche Stimmung kennzeichnend. Schöne, halbnackte Mädchen in durchsichtigen Gewändern, die traumwandlerisch durch die Gegend strichen; Vampire, die plötzlichen aus Standuhren heraus traten; dazu eine lyrisch-poetische Stimmung und das alles endete dann oft an Rollins Lieblingsplatz, dem Strand von Pourville in der Normandie. Rollins Filme kann man schwer beschreiben, man muss sie erleben. Weitere Meisterwerke folgten mit „La rose de fer“ (1973), „Les démoniaques“ (1974) und „Lèvres de sang“ (1975).

1973 begann Jean Rollin unter dem Pseudonym Michel Gentil auch Sexfilme zu drehen, die bald schon die Grenzen zur Pornographie überschritten. In dieser Phase entdeckte er den Pornostar Brigitte Lahaie, der er dann auch Rollen in seinen ambitionierteren Filmen gab. Brigitte Lahaie wurde durch diese Filme Ende der 70er zum Kultstar.

Ende der 70er/Anfang der 80er drehte er dann seine kommerziellsten und in Genre-Fan-Kreisen beliebtesten Filme; „Les raisins de la mort“ (1978, der in Deutschland unter dem markigen Titeln „Foltermühle der gefangenen Frauen“ oder – noch schlimmer – „Zombis – Geschändete Frauen“ veröffentlicht wurde), „Fascination“ (1979) und „The Living Dead Girl“ (aka „Lady Dracula“, 1982). Vor allem auch einen seiner besten Filme, den großartigen und unterkühlten „La nuit des traquées“ (The Night of the Hunted, 1980).

Ab Mitte der 80er drehte er vor allem wieder Pornos. Mit „Les deux orphelines vampires“ feierte er 1997 ein Comeback, dem 2002 „La fiancée de Dracula“ und 2007 „La nuit des horloges“ folgten. Noch in diesem Jahr kam ein neuer Film heraus, „Le masque de la Méduse„, der – wie eingangs erwähnt – von den Fans bereits als Abschiedsgeschenk aufgefasst wurde. In diesem, seinen nun leider wirklich endgültig letzten, Film hatte Jean Rollin noch einmal all die Themen behandelt, die ihn in seiner Karriere begleitet hatten. Die Rollen waren mit alten Freunden, Weggefährten und auch Familienmitgliedern besetzt. Es war sein Abschied und noch einmal die Zusammenfassung einer außergewöhnlichen Karriere. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt starb Jean Rollin am Mittwoch in Paris. Mit ihm stirbt ein visionärer Filmemacher und ein Stück dessen, was wir heute „Euro-Cult“ nennen.

Weiterführende Links:

mubi.com

fearnet.com

Ein langes und sehr informatives Rollin-Portrait auf Telepolis

Aus dem „filmtagebuch“ von Thomas Groh

Nachruf von Christian Keßler

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