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Filmbuch-Rezension: „Walerian Borowczyks literarische Objekte der Begierde“

Von , 27. Mai 2020 18:01

Es ist ja immer so eine Sache, wenn man ein Buch bespricht, dessen Autoren man persönlich gut kennt und sehr schätzt. Christoph Seelinger kenne ich einerseits von meinem liebsten Internet-Forum Deliria-Italiano.de, als auch als Kollegen bei der „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“. Hier wie dort genieße ich es regelmäßig, seine wunderbaren Texte zu den obskursten Filmen und Themen zu lesen, bei dem er immer wieder sein ungeheures Wissen der (er studierte Mittelalterlichen Kirchengeschichte und Germanistik an der Universität Mannheim absolvierte ein Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste und erlangte parallel seinen Master-Abschluss an der Technischen Universität im interdisziplinären Studiengang Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt, wo er sich mit Raumfahrtphilosophie, Erziehungspsychologie, vor allem aber der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt) mit dem scheinbar trivialen. 2018 waren wir gemeinsam auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg, wo wir uns den Dokumentarfilm „Love Express. The Disappearance of Walerian Borowczyk“ ansahen. Denn Borowczyk war schon dort eines seiner Steckenpferde. Letztes Jahr erschien dann sein Buch „Walerian Borowczyks literarische Objekte der Begierde“, welches ich hier vorstellen möchte.

Das Buch trägt den Untertitel „Die Rezeption erotischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts im transgressiven Kino der 1970er Jahre“ und bringt damit zwei Dinge zusammen, die man so tatsächlich nur selten in einem Atemzug hört: Exploitation und Hochkultur. Was bei Christoph Seelinger aber auch keine Seltenheit ist, wie ich oben bereits ausführte. Obwohl diese Einteilung natürlich Quatsch ist, was Christoph Seelinger auch sehr wortgewandt beweist. Einmal sind Borowczyks Filme erst später als „Sexfilme“ abgestempelt worden. Ursprünglich kam er vom (eine ebenso dumme Schublade) „Kunstfilm“. Erst mit dem Erfolg seiner erotisch grundierten Filme (obwohl die Erotik bei ihm immer schon eine Rolle spielte) „La Bete“ und vor allem „Unmoralische Geschichten“, hatte er das Prädikat des „Sexfilmers“ weg und seine Filme waren plötzlich nicht mehr „Kunst“, sondern „Schmuddel“. Zumindest in der damaligen, öffentlichen Wahrnehmung. Aber so wie Borowczyks Filme eigentlich in keine Schubladen passen, so ist die angebliche Hochkultur auch nicht nur deshalb „hoch“, weil sie alt ist und sich mit berühmten Namen schmückt. In seinem Text zu „La Bête“ führt Seelinger beispielsweise aus, dass auch der verehrte Voltaire zum Spaß auch mal skurrile pornographische Gedichte schrieb.

Gerade im Kino Borowczyks küssen sich die erotische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts und das europäische Kino der 70er Jahre. Anhand der „Thérese-Philosophe“-Episode der „Unmoralischen Geschichten“ (1973), dem Märchen für Erwachsene „La Bête“ (1975) sowie der Stendhal-Adaption „Interno di un convento“ (1978) zeigt Christoph Seelinger auf, wie sich Borowczyk auf die literarischen Vorbilder bezieht, Querverbindungen und Suchbilder erstellt. Dabei lernt man nicht nur eine Menge über Borowczyks Filme und ihr Verhältnis zu erotischen Literatur vergangenen Jahrhunderte, sondern auch eine ganz Menge über eben diese Literatur, die im Laufe der Zeit von den respektablen Klassiker erdrückt und heute wahrscheinlich nur noch wenigen Spezialisten ein Begriff ist. Und die damals schon mit Anspielungen und bewussten Provokationen arbeitete.

Für den Uneingeweihten ist dieses Buch eine aufregende Wanderung durch eine unbekannte, faszinierende, erotisch und pornographisch aufgeladene Welt. Und selbst, wenn man sich mit Borowczyks Filmen auskennt, so wird man hier auf ganz neue, spannende Aspekte seiner Kunst aufmerksam gemacht, die einem bisher verborgen waren. Und wer noch nie einen Film von Borowczyk sah, wird sich nach der Lektüre dieses rundum gelungen und ungewöhnlichen Buches augenblicklich auf die Suche nach dessen Filmen machen (kleiner Tipp: „Unmoralische Geschichten“ und „La Bete“ sind in der tollen Edition „Drop-Out“ von Bildstörung erschienen), um durch diese Filme durch literarische Brille, welche einem dieses Buch aufsetzt, mehr über das erotische Kino der 70er zu lernen, und sich in einen Sinnentaumel fallen zu lassen, der nicht nur „unten“, sondern auch „oben“ herrliche Gefühle auslöst.

Christoph Seelinger „Walerian Borowczyks literarische Objekte der Begierde“, Büchner Verlag, 244 Seiten, € 35,00

 

Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 3. Oktober 2018 18:18

Auch der zweite Tag in Oldenburg gestaltete sich sehr angenehm. War ich am Vortag fast ausschließlich im Theaterhof gewesen, dessen Bestuhlung für einen längeren Aufenthalt nicht gerade ideal ist, war ich diesmal zunächst im sehr viel bequemeren cineK/Studio.

The Boat – Eine sehr, sehr langsam erzählte, von Petrus Cariry inszenierte Metapher aus Brasilien, über den Einbruch der Zivilisation in ein eigentlich glückliches, sorgenfreies Leben und der damit einhergehenden Verlockung der Moderne und Sehnsucht nach der Ferne. Das ist toll fotografiert mit einem wunderbar suggestiven Soundtrack. Die Bilder des an den Strand klatschenden Meeres, der Männer die ein Fischernetz durch die Gischt ziehen – überhaupt die Landschaft, das Meer – sind überwältigend schön und kraftvoll. Allerdings trägt diese ganze Metapher im Grunde nur einen Kurzfilm von maximal 20 Minuten, danach läuft sich der Film auf der inhaltlichen Ebene tot. Dadurch ziehen sich die 72 Minuten Spielzeit an vielen Stellen gewaltig.

Darauf muss man bereit sein, sich einzulassen und die inhaltliche Ebene weitgehend außer Acht lassen. Denn die ständigen Weiter lesen 'Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2'»

„Bildstörung“ bringt Filme von Borowczyk und Zulawski

Von , 3. Juli 2009 14:23

Das noch recht junge DVD-Label „Bildstörung“ – welches bereits positiv durch die Veröffentlichungen der kontroversen Filme „Marquis„, „In a Glass Cage“ und „Bad Boy Bubby„, sowie des Kultfilms „Ein Kind zu töten…“, aufgefallen ist – nimmt sich zweier berühmter polnischer Exilaten an.

Im Herbst erscheinen „La Bête“ von Walerian Borowczyk und „Possession“ von Andrezj Zulawski. Beide Filme verbinden märchenhaften Horror mit erotischen Albträumen. In „La Bête“ geht es um eine junge Frau, die in ihren Träumen (?) von einer Bestie verfolgt und geschändet wird. In „Possession“ wird von einem Ehemann (Sam Neill) erzählt, der seine Frau (Isabelle Adjani) verdächtigt einen Liebhaber zu haben. Er will mehr wissen und gerät in einen monströsen Albtraum.

Walerian Borowczyk wurde zunächst mit seinen experimentellen Animationsfilmen bekannt, die er Ende der 50er Jahre zusammen mit Jan Lenica schuf. Anfang der 60er wanderte er aus seiner Heimat Polen nach Frankreich aus, wo er zunächst solo die Animationsarbeit fortsetzte und sich dann dem Spielfilm zuwand. Hier wurden bald die Mysterien derd weibliche Sexualität das Haupthema seiner Filme. Seine bekanntesten Werke sind, neben „La Bête“, „Unmoralische Geschichten“, „Unmoralische Novizinnen„, „Lulu“ und der Horrorfilm „The Bloodbath of Dr. Jeckyll“.

Andrezj Zulawski hat einen ähnlichen Lebensweg. Nachdem sein zweiter Spielfilm „Diabel“ 1972 in seinem Heimatland Polen sofort nach der Premiere verboten wurde, ging er, wie Borowczyk, nach Frankreich. Wie Borowczyk drehte Zulanwski dort ebenfalls Spielfilme in denen Erotik und Sexualität eine große Rolle spielen. Seine berühmtesten Werke sind „Nachtblende“ (mit Fabio Testi, Romy Schneider und Klaus Kinski), „Die öffentliche Frau“ und „Deine Nächte sind schöner als meine Tage“ mit seiner damaligen Ehefrau Sophie Marceau.

„La Bête“ wird am 14.8. erscheinen. Für „Possession“ gibt es noch kein genaues Veröffentlichungsdatum.

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