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Blu-ray-Rezension: „Revolver“

Von , 30. April 2020 20:06

Die Frau des stellvertretenden Gefängnisdirektors Vito Cipriani (Oliver Reed) wird entführt. Die Entführer verlangen von ihm, dass er den Häftling Milo Ruiz (Fabio Testi) aus seinem eigenen Gefängnis befreit. Cipriani holt Ruiz raus, denkt aber nicht daran ihn auszuliefern, bis er nicht seine Frau zurückbekommt. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem niemand mehr jemanden trauen kann…

Was bleibt einem noch lange im Gedächtnis, wenn man sich vom letzten Bild dieses großartigen Poliziottesco erholt hat? Einmal natürlich die kongeniale Musik von Ennio Morricone, die einen noch lange begleiten wird, denn sowohl das Titelthema als auch das wunderschöne „Un Ami“ sind auf jedem Stoff, der lange im Gehörgang kleben bleibt. Und die großartige Leistung von Oliver Reed, der hier ein Beispiel der breiten Palette seiner Schauspielkunst gibt. Reed spielt den bulligen, knallharten Haudrauf ebenso überzeugend, wie den sensiblen Menschen, dessen Welt vor seinen Augen immer mehr zerbricht. Manchmal beides in der selben Aufnahme. Glaubt man dem, was im Internet über den Film und die Dreharbeiten zu finden ist, so ist diese Leistung umso höher einzuschätzen, als dass Reed dem vernehmen nach am Set regelmäßig betrunken und generell extrem reizbar und schwierig war. Im Film merkt man davon nichts. Reed spielt den stellvertretenden Gefängnisdirektor Vito Cipriani nicht nur, sondern lebt und atmet ihn ohne auch nur einmal die Grenzen zum „Zuviel“ zu überqueren. Oftmals muss er nicht mal das Gesicht verziehen, um maximale Wirkung zu erreichen. Da reicht ein Blick in seine blass-blauen, glasigen Augen und man spürt, welcher Gefühlsorkan in seiner Figur brodelt.

Demgegenüber hat Fabio Testi natürlich einen schweren Stand, doch er schlägt sich überraschend gut und zeigt, warum ihn die großen Regisseure wie Zulawski oder Visconti durchaus auf der Rechnung haben. Fabi Testi sieht nicht nur unverschämt gut aus (und erinnert gerade hier an den jungen Sean Connery), sondern weiß auch seine Figur nicht nur eindimensional als charmanten, etwas zu selbstsicheren Gauner, der sich ganz auf sein freches, gewinnendes Lächeln verlässt anzulegen. Sondern er spielt seinen .. sehr ambivalent. Nicht ganz gut, nicht ganz böse. Milo Ruiz versucht vor allem sein Leben zu retten. Da stellt er Heldentum auch mal hinten an. Auch weil er nicht unbedingt die intellektuellen Fähigkeiten hat das große Ganze zu überblicken. Fabio Testi zeigt hier wieder einmal, dass er zu den großen unterschätzten des italienischen Films gehört, dem vielleicht sein blendendes Aussehen und athletisches Äußeres immer etwas im Weg gestanden hat, um wirklich als Schauspieler anerkannt zu werden. Dabei hat er der Zeug, der Burt Lancaster des italienischen Kinos der 70er Jahre zu sein.

Auch nach wiederholtem Ansehen, entwickelt „Revolver“ immer noch die selbe gewaltige Kraft wie beim ersten Mal. Was nicht nur an den vielschichtigen Personen, sondern auch der extrem düsteren und pessimistischen Handlung liegt. Gewinner sind nur die Mächtigen im Hintergrund, die man auch nie zu sehen bekommt. Es handeln nur die Handlanger und Mittelsmänner. Und auch diese bleiben am Ende auf der Strecke. Werde entsorgt, wenn es opportun erscheint. Jeder wird korrumpiert, um am Ende dann – mit Glück – äußerlich das Leben zu behalten, aber innerlich zerbrochen zu sein. Wer den mächtigen Hintermännern im Wege steht, wir vernichtet. Ideale zertrümmert. Egal, wie sehr man glaubte, auf der richtigen Seite zu stehen und daher eine Chance zu haben, die Verhältnisse zum besseren zu wenden. Am Ende muss man sich die eigenen Ohnmacht eingestehen und zähneknirschend das Spiel mitspielen, auch wenn man dadurch innerlich ein Stück stirbt. In dieser Hinsicht ist Sergio Sollima hier sogar noch brutaler und pessimistischer als sein Kollege Damiano Damiani, der auch nicht gerade als Gute-Laune-Regisseur bekannt ist.

„Revolver“ ist ein wütender, verzweifelter und radikaler Aufschrei gegen eine völlig korrupte Gesellschaft in der die Mächtigen im Hintergrund einen Scheiß um das Leben der „einfachen“, kleinen Leute geben. In der ein Leben nur soviel wert ist, wie es den Interessen des Geldes und der Macht zuträglich ist. Daneben ist „Revolver“ aber auch ein perfekt inszenierter, ungemein spannender Action-Thriller mit einer großartigen Besetzung. Ein Film mit lebendigen Figuren, die einem nahe sind und deren Schicksal einem nicht egal ist. Weshalb der emotionale Effekte weitaus größer ist als in einem durchschnittlichen Poliziottesco in dem sich ein eisenharter Kommissar durch die Unterwelt schießt und prügelt. Ein sehr starker Film, der weh tut.

„Revolver“ ist die Nr. 14 der Polizieschi Edition von filmArt. Bereits vor 5 Jahren ist der Film bei Colosseo auf DVD erschienen. Von dieser Fassung wurden auch das tolle Interview mit einem gut aufgelegten Fabio Testi (17 min.) übernommen. Neu hinzugekommen ist eine gekürzte Fassung, die der ursprünglichen deutschen Fassung entspricht, also eine durchgängige deutsche Tonspur benutzt. Die ungekürzte Fassung ist 7 Minuten länger, die Fehlstellen der deutschen Fassung sind auf Englisch mit deutschen Untertiteln. Das große Plus dieser neuen Blu-ray ist das Bild. Was hier gegenüber der DVD noch einmal herausgeholt wurde ist unglaublich und setzt Maßstäbe. Der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und (weder auf der Hülle, noch im Menü erwähnt) Englisch vor. Der deutsche Ton klingt leider recht leblos und wenig atmosphärisch. Auch wirken die (mir unbekannten) Sprecher der beiden Hauptfiguren irgendwie lustlos. Vermutlich ist die Synchro in der DDR entstanden, wo der Film (im Gegensatz zum Westen) im TV lief. Alle Tonspuren liegen in DTS-HD Master Audio 1.0 vor. Neben Trailern gibt es noch ein 12-seitiges Booklet mit einem Essay von Thomas Hortian, Aushangbildern und Kinoplakaten.

Blu-ray Rezension: “Die Bande des Captain Clegg“

Von , 20. Juni 2017 20:17

Die königliche Krone schickt den Marine-Captain Collier (Patrick Allen) in ein kleines Dorf in den Romney-Sümpfen an der Frankreich zugewandten englischen Küstengegend, um dort einer Schmugglerbande das Handwerk zu legen. Diese macht sich den Aberglauben um unheimliche Romney-Moorgeistern zu Nutze, um ungestört ihrem Treiben nachgehen zu können. Im Dorf treffen Collier und seine Männer auf den freundlichen Reverend Dr. Blyss (Peter Cushing), der weitaus mehr ist als er zunächst zu sein scheint. Und welche Verbindung hat der gefürchtete Pirat Captain Clegg, dessen Grab sich auf dem Kirchfriedhof befindet, mit den seltsamen Vorgängen in den Romney-Sümpfen?

Denkt man an Hammer, denkt man zuallererst an die berühmten Horrorfilme, welche die klassischen Monster der Universal Studios in neues, farbiges Licht rückten. Fans kommen sicherlich noch die von Clouzots „Die Teuflischen“ inspirierten, von Freddie Francis umgesetzten Psychothriller in den Sinn. Doch das Studio produzierte in seiner Glanzperiode noch sehr viel mehr. Neben einige „Robin Hood“-Streifen auch Piratenfilme. „Die Bande des Captain Clegg“ fällt zwischen diese beiden Genres. Sein Anti-Held ist Pirat, seine Bande Schmuggler – er selber sieht sich als eine Art Robin Hood, der gegen die Krone kämpft und den armen Leuten zu Reichtum verhilft. Und somit liegt die Sympathie des Zuschauers dann auch ganz klar bei dem doppelgesichtigen Geistlichen Dr. Blyss und nicht bei dem gewissenhaften Captain der Krone, der mit seinen Männern versucht, dem Schmuggler-Treiben ein drastisches Ende zu setzen. Dr. Blyss wird dabei von dem Hammer-Star Peter Cushing gespielt, der selber ein großer Fan der Vorlage war und sichtlich Freude an der Rolle hat.

Peter Cushing zeigt in „Die Bande des Captain Clegg“, was ihn so großartig machte. Brille auf und er ist der liebenswürdige, stets gütig lächelnde Vikar. Ein Mann, dem man ohne weiteres sein Haus anvertrauen würde, und der eine große Wärme ausstrahlt. Brille ab und aus Cushing wird augenblicklich der harte Chef einer Schmuggler-Bande, hinter dessen eisblauen Augen das Gehirn wie eine Maschine arbeitet. Zwischen diesen beiden Gesichtern liegt kein Atmenzug und Cushing überzeugt mit beiden gleichermaßen. Für Cushing war der Dr. Blyss eine Traumrolle, denn er war schon lange ein Fan der Bücher über Dr. Syn und sein Alter Ego Captain Clegg, welche diesem Film zugrunde lagen. Bereits 1937 gab es eine erste Verfilmung mit George Arliss und 1963 folgte eine weitere durch das Walt Disney Studio. Hier spielte Patrick „Nummer 6“ McGoohan die Hauptrolle. Da die Hammer-Produktion lediglich die Rechte am ersten „Dr. Syn“-Buch hatte, Disney aber die an den Figuren, musste Dr. Syn kurzfristig in Dr. Blyss umbenannt werden. Alle anderen Charaktere konnten allerdings ihre Namen behalten. Cushing selber versuchte sich immer wieder ins Drehbuch einzubringen und schrieb einige Jahre später selber ein auf den „Dr. Syn“-Romanen beruhendes Drehbuch, welches allerdings nie realisiert wurde. Selbst wenn man die Darstellungen von Arliss und McGoohan kennt, Peter Cushing IST einfach Dr. Blyss. Zu jeder Sekunde sieht man ihm seine Begeisterung und Spielfreude an. Sogar die zahlreichen Stunts führte er augenscheinlich zum Großteil selber aus.

Nah dran Peter Cushing die Schau zu stehlen ist Hammer-Veteran Michael Ripper, der in „Die Bande des Captain Clegg“ seine großartigste Darbietung zeigt. Der im Laufe seiner Karriere auf mal größere, mal kleinere Nebenrollen abonnierte Schauspieler, spielt hier die wahrscheinlich größte Rolle seines Lebens und lässt sich diese Chance nicht entgehen. Sieht man Ripper als Sargmacher Jeremiah Mipps, mag man kaum glauben, dass die Filmgeschichte keine Hauptrolle für ihn bereit hielt. Sympathisch, augenzwinkernd, aber auch hart durchgreifend, wenn es sein muss Im großen Finale möchte man fast mit ihm mit weinen. Aber auch die anderen Schauspieler gehen in ihren Rollen auf. Sei es der blutjunge Oliver Reed, der hier zwar weit hinter seinen ungeheuer charismatischen King aus „Sie sind verdammt“ zurückbleibt, dessen beeindruckende Präsenz aber auch hier in jederzeit spürbar ist. Oder der mehr als solide Patrick Allen welcher als Captain Collier eigentlich der nominelle Held der Geschichte sein müsste. Da aber die Sympathien der Filmemacher und des Drehbuchs ganz klar bei den Schmugglern liegen, bleibt für ihn nur der Platz eines klugen und sehr menschlichen Antagonisten, wobei der wahre Schurke der Geschichte der intrigante, eifersüchtige Barbesitzer Mr. Rash ist, welcher von Martin Benson herrlich widerlich gegeben wird. Allein die schöne Yvonne Romain bleibt etwas blass und ist mehr Ausstattungsstück als eigenständiger Charakter. „Die Bande des Captain Clegg“ ist eben ein reiner Männerfilm, der mit Frauen nicht viel anfangen kann.

Obwohl formell nicht dem Horrorfilm zuzurechnen, herrscht auch in „Die Bande des Captain Clegg“ eine Hammer-typische, unheimlich Atmosphäre vor. Diese wird von den „Moorgeistern“ verbreitet. Eine wahrlich schauerliche Gruppe von Geisterreitern, die auf ihren skelettierten Pferden durch das neblige Moor reiten und selber nur aus Gerippe und Totenschädel zu stehen scheinen. Zwar wird recht schnell verraten, dass es sich bei den Moorgeistern um sehr irdische Phänomene im „Misfits“-Outfit handelt, trotzdem sind die Szenen in denen sie auftauchen recht gruselig und beeindruckend gefilmt. Auch für den stämmigen „Mulatten“, zunächst noch ein besonders bedauernswerter Charakter, wird in der zweiten Hälfte des Films zu einem unheimlichen Todesengel, der immer wieder aus den Schatten auftaucht, um jemanden zu meucheln. Dies sind aber nur die Sahnehäubchen auf einen durchweg unterhaltsamen und kurzweiligen Film, der sein Herz auf dem rechten Fleck hat und vor allem auch wegen Peter Cushings exzellenter Darbietung und den pointierten Dialogen zwischen ihm und seinem Feind von der Marine noch heute viele Freunde hat.

Die schöne Blu-ray Veröffentlichung des Hauses Anolis lässt diesen schönen Film in ganz neuer Pracht erstrahlen. Auch der glasklare Ton macht Freude. Neben der guten deutschen Synchronfassung ist natürlich auch der O-Ton an Bord. Richtig punkten kann die Blu-ray in Punkto Ausstattung. War die alte DVD von Koch Media mehr oder weniger „bare bones“, so wird hier groß aufgefahren. Zunächst findet man hier einen informativen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Hochinteressant ist auch das Featurette „The Making of Captain Clegg“ (32 Minuten). Und sehr hübsch geraten ist das kurze „Die Kutschen des George Mossman“ (7 Minuten), wo man viel über den Mann erfährt, der Hammer mit Kutschen ausstattete. Sonst gibt es noch den US- und deutscher Trailer, sowie britische, deutsche und französische Werberatschläge und eine Bildergalerie. Alles in allem wieder eine tolle Veröffentlichung für einen wirklich schönen Film.

DVD-Rezension: “Sie sind verdammt”

Von , 22. Oktober 2015 19:19

siesindverdammtDer Amerikaner Simon Wells (Macdonald Carey) befindet sich mit seiner Segel-Yacht auf einer Törn vor der Küste Englands. Als er in einer kleinen Küstenstadt festmacht, wird er dort Opfer eines Überfalls durch eine Bande Jugendlicher, die von King (Oliver Reed) angeführt wird. Bald schon kreuzen sich Wells Wege wieder mit denen von Kings Schwester Joan (Shirley Ann Field), die von der Bande als Lockvogel genutzt wird. Joan schließt sich gegen den ausdrücklichen Willen ihres Bruders Wells an. Dies führt zu weiteren Konfrontationen mit Kings Bande, in dessem Verlauf sowohl Wells und Joan, als auch King auf ein sorgsam abgeschirmtes militärisches Gelände geraten. Hier wacht der geheimnisvolle Bernard (Alexander Knox) über ein streng geheimes Projekt. Wells und Joan stürzen von King verfolgt ins Meer. Sie werden von einem Jungen aufgelesen, der sie in ein unterirdischen Bunker-Komplex bringt. Hier treffen die Beiden auf noch mehr Kinder, die allerdings alle seltsam kalt sind…

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Nach vielen Jahren erhält die Hammerproduktion „Sie sind verdammt“ endlich eine deutsche Heimkinoauswertung. Die lange Wartezeit muss mit Lizenzproblemen zusammenhängen, denn anders ist es nicht zu erklären, dass dieses Kleinod bisher ein Dornröschenschlaf erdulden musste. „Sie sind verdammt“ ist einer der ungewöhnlichsten Filme, die aus den Hammer Studios kamen und gleichzeitig auch einer der Besten. Ein Film, der sich nicht in Schubladen stecken lässt. Häufig läuft er unter dem Label „Science Fiction“, was durchaus nicht ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig ist. Er verwirrt seine Zuschauer, legt falsche Fährten, um dann seine losen Fäden zu einem Seilen zu binden, welches sich dem Zuschauer langsam um den Hals legt und ihm dann erbarmungslos die Kehle zuschnürt. Dabei nimmt „Sie sind verdammt“ bereits 1963 Bilder und Themen auf, die sich bei Stanley Kubrick in seinen später entstandenen Meisterwerken „Dr. Seltsam“ und „Uhrwerk Orange“ wiederfinden. Zumindest hallen einem diese beiden Film im Kopf wieder, sobald „Sie sind verdammt“ zu Ende ist.

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Inszeniert wurde „Sie sind verdammt“ von Joseph Losey, einem der interessantesten amerikanischen Regisseure, dem heute leider nicht der Platz in der Filmgeschichte eingeräumt wird, der ihm zusteht. Sein „Der Junge mit den grünen Haaren“ hat mich als Kind nachhaltig verstört, „Im Visier des Falken“ dann als Heranwachsender. Werke wie „Der Mittler“ oder „Monsieur Klein“ begeisterten noch heute die Kritiker. „Sie sind verdammt“ gehört in die zweiten Phase seines Werkes. Als er der USA den Rücken kehrt musste, da er wegen kommunistischer Sympathien unter den Bann der Behörden geraten war und in Europa sein Glück suchte (und fand). Unterstützt wird er durch die fantastische Kameraarbeit von Arthur Grant (der bei zahlreichen Hammer-Fan-Favoriten der zweiten Reihe die Kamera führte), dem grandiosen Set-Design von Don Mingaye (wie Grant ein Hammer-Veteran), der grandiosen und sehr stimmungsvollen Musik von Hamer-Stammkomponist James Bernard und natürlich von den Darstellern. Zwar ist es etwas unwahrscheinlich, dass eine junge, sehr attraktive Dame in einen älteren, langweilig wirkenden Herrn verliebt und dessen machohaft-ruppigen Annäherungsversuchen spontan erliegt. Aber andererseits ist der Amerikaner Simon Wells für die junge Joan mehr ein Ausweg aus der Umklammerung ihres Bruders, als eine echte Liebesaffäre. Das ambivalent-ungesunde Verhältnis zwischen Joan und King wurde von Losey zunächst deutlicher betont, dann aber von den Produzenten etwas entschärft. Aber man muss mit Blindheit geschlagen sein, um es nicht in jeder Szene, die beide zusammen haben, zu erkennen.

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Der blutjunge Oliver Reed dominiert den Film zunächst. Sein elegant gekleideter King, der zu dem rockigen Swing des großartigen Songs „Black Leather“ arglose Touristen zusammenschlägt, erinnert stark an den Alex aus „Uhrwerk Orange“ und Reed wäre 1961 sicherlich eine Traumbesetzung für den einerseits dandyhaften, andererseits brutal-grobschlächtigen Gewalt-Junkie gewesen. Umso bewundernswerter die Wandlung, wenn Reed aufgrund der sich langsam entwickelnden Ereignisse die Kontrolle verliert und zunehmend verwirrter und hilfloser einer Welt gegenübersteht, die um einiges brutaler agiert als er und dabei mit emotionsloser Kälte vorgeht. Ebenso zwiespältig wird der eigentliche Antagonist vorgestellt. Der von Alexander Knox brillant gespielte Bernard würde sich selber sicherlich nie als Schurke in diesem Stück sehen. Im Gegenteil, ist er felsenfest davon überzeugt, dessen Held zu sein. Derjenige, der tut, was getan werden muss. Derjenige, der am Ende unter großen persönlichen Opfern die Menschheit rettet. Bernard ist der perfekte Nazi. Menschenverachtend, dass einem übel dabei wird, aber selber felsenfest davon überzeugt, das Gute zu repräsentieren. So schwankt Knox‘ Darstellung dann auch zwischen gütiger Onkel und eiskalter Technokrat, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht.

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Gedreht wurde „Sie sind verdammt“ bereits 1961. In die Kinos kam er aber erst 1963. In Deutschland erlebte er seine Premiere sogar erst am 23.9.1973 in der ARD. Nicht auf der großen Leinwand – wo er hingehört – sondern im Fernsehen. Der Grund dafür ist offensichtlich. Ein solch nihilistisches Werk, dessen Ende einem noch lange das Gefühl gibt, gehörig zwischen die Beine getreten worden zu sein, war seiner Zeit weit voraus. Ein Film, der einem jede Hoffnung raubt und die Tränen in die Augen treibt ist auch keiner, der ins Portfolio der Hammer Studios passt. Wo am Ende das Monster doch immer besiegt wieder wurde – auch wenn es im nächsten Film wieder auferstand. „Sie sind verdammt“ ist dazu die Antithese. Das Monster hat gesiegt, alle Hoffnung ist dahin. Was bleibt sind die verzweifelten Schreie der Kinder.

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„Sie sind verdammt“ ist ein beinahe vergessenes Meisterwerk, welches seiner Zeit voraus ist und den Zuschauer nachhaltig verstört. Grandiose Darsteller, eine wunderschöne Bildgestaltung und eine fantastische Ausstattung sind das i-Tüpfelchen auf einer lange nachhaltigen Parabel über Gewalt in all seinen Ausprägungen und den ganz normalen Faschismus.

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Der Film erlebt bei Explosive Media seine Heimkino-Premiere. Zuvor war er noch nicht einmal auf VHS – zumindest lässt sich darüber nichts finden – erhältlich. Umso schöner, dass sich die DVD bildtechnisch wirklich sehen lassen kann. Das schöne, schwarz-weiße Breitwand-Bild lässt wenig zu wünschen übrig. Neben der Originaltonspur liegt auch die alte TV-Synchronisation vor. Auf Letztere muss man auch als O-Ton-Hörer ab und zu zurückgreifen, denn es gibt leider keine Untertitel und der englische Slang ist an einigen Stellen etwas schwer verständlich. Auch gibt es bis auf einen Trailer keinerlei Extras, was in diesem Falle ganz besonders schade ist. Aber man muss froh sein, dass diese kleine Juwel endlich in Deutschland verfügbar ist.

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