Nachrichten getagged: Koch Media

In eigener Sache: Mein erstes Booklet ist da

Von , 27. April 2017 20:50

Endlich ist es auch bei mir angekommen. Die wunderbar aussehende dritte Folge der „Mario Bava Collection“ aus dem Hause Koch Media: Das Mediabook von „Die toten Augen des Dr. Dracula“ mit meinem ersten Booklet! Daran gekommen bin ich durch meinen ehrenamtlichen Nebenjob als stellvertretender Chefredakteur des „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“. So ist das Booklet dann auch eine Kooperation zwischen der „35 Millimeter“ und Koch Media.

Einmal ein Booklet für eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung zu verfassen, ist wahrscheinlich der Traum eines jeden, der gerne über Filme schreibt. Bei mir war es das jedenfalls – was dieses euphorische Poser-Posting hoffentlich rechtfertigt. Vielleicht kann sich der ein oder andere Stamm-Booklet-Autor, für den das Schreiben von Booklets mittlerweile Routine geworden ist, und der über mein Geschreibsel hier nur müde lächeln kann, sich noch daran erinnern, wie es war, als er das erste Mal ein von ihm verfasstes Booklet in der Hand hielt. Vielleicht erging es ihm da ja ebenso wie mir jetzt.

Auf jeden Fall hat es mir sehr viel Freude bereitet, für das Booklet zu recherchieren und es letztendlich zu schreiben. Mein Dank geht hier an Thomas „DrDjangoMD“ Hödl, der da netterweise immer mal wieder drauf geschaut hat, ob man hier und da noch etwas umformulieren oder klarer schreiben kann. Und etwas Romantik ist mir auch genommen worden. In meiner naiven Vorstellung habe ich ja geglaubt, bei so etwas arbeitet man sehr eng mit dem Verlag und einem Lektorat zusammen. Dem war hier nicht so. Nach Abgabe des Textes habe ich bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich das Booklet jetzt in den Händen hielt, nicht gewusst, was mit meinem Text passiert und wie das Ganze am Ende aussieht. Ich muss aber sagen, dass ich hochzufrieden mit dem Resultat bin. Es war eine tolle Erfahrung und das Endprodukt erfüllt mich – wie man sicherlich gerade deutlich merkt – mit einem gewissen Stolz.

Jetzt bin ich der zweite Bremer in der Geschichte, der jemals ein Booklet für einen Mario-Bava-Film verfasst hat. Toll! 🙂

DVD-Rezension: „Casbah – Verbotene Gassen“

Von , 16. Juli 2016 20:47

casbahIm Schutze der Casbah und ihren engen, verwinkelten Gassen, lebt der berüchtigten Juwelendieb Pepe Le Moko (Tony Martin). Für die Bewohner der Casbah ist er ein Held, für den neue Polizeichef von Algiers (Thomas Gomez) ein Stachel im Fleisch, den er lieber heute als morgen verhaften und seinen Vorgesetzten in Paris präsentieren möchte. Dabei gerät er immer wieder mit seinem Inspektor Silmane (Peter Lorre) aneinander, der ebenfalls schon lange versucht, Pepe Le Moko dingfest zu machen. Doch Silmane weiß, dass dies nur mit Geduld und List möglich ist. Als sich Pepe in die wunderschöne Touristin (Marta Toren) verliebt, scheint für Silmane die rechte Zeit gekommen…

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Gleich zu Beginn des Filmes wird der Begriff „Casbah“ erklärt. Es ist eine große Festung, durchzogen mit „verboten Gassen“, voll von Händlern, Dieben, zwielichtigen Gestalten und neugierigen Touristen. Ein Staat im Staat mit seinen eigenen Gesetzten und einem eigenen König: Pepe Le Moko. Pepe ist eine ebenso charismatische, wie tragische Gestalt. Innerhalb der Casbah ist er der uneingeschränkte Herrscher und weiß die Bewohner der Festung hinter sich. Doch er kann sein Königreich nicht verlassen. Denn nur hier ist er vor dem Zugriff der Staatsmacht sicher. So sitzt er denn in seinem goldenen Käfig. Die Zeit vertreibt er sich mit Gaunereien, der schönen Barbesitzerin Inez und seinen willfährigen Freunden. Ein besonderes Gegenüber ist der Polizist Slimane. Dieser hat sich zur Aufgabe gemacht, Pepe Le Moko zu schnappen. Doch Slimane kennt die Casbah und weiß um die Vorteile, die Pepe im gegenüber ausspielen kann. Statt in blinden Aktionismus zu verfallen, begreift Slimane das Ganze als Schachspiel. Geduldig wartet er auf den richtigen Augenblick, jederzeit bereit, wie ein Schlange die tödlichen Fänge in Pepe Le Moko zu schlagen.

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Slimane ist eine Paraderolle für Peter Lorre. Ihm zuzusehen, wie er ganz cool, manchmal etwas lethargisch, aber hinter jedem Zwinkern jederzeit auch Gefährlichkeit ausstrahlend seine Kreise um Pepe Le Moko zieht, ist ein großartiges Vergnügen. Slimane gleicht einem Hai, der ein potentielles Opfer an der Wasseroberfläche erspäht hat und nun unter diesem gleichmäßig seine Bahnen zieht, immer enger und enger… bis er zupackt. „Cashbah“ zeigt wieder einmal, wie weit Lorre seiner Zeit voraus war, wenn es um seine Art des Schauspiels geht. Hier verschluckt er mal einen Satz, dort nuschelt er gedankenverloren vor sich hin, bricht Sätze einfach ab. Dies verleiht seiner Figur eine Wahrhaftigkeit, die sich stark von der glatten Theaterhaftigkeit des Hauptdarstellers Tony Martin oder den pompösen Auftritten eines Thomas Gomez als Polizeichef Louvain unterscheidet. Und über allem schwebt eine schwere Melancholie, die Slimane in jeder Szene ausströmt. Er weiß, dass er Pepe Le Moko fangen wird, und dies das Ende seines Gegenspielers sein wird. Damit wird auch ein Teil seines Lebens, seiner Persönlichkeit verschwinden. Doch er weiß auch, dass es für ihn hier keine andere Alternative gibt.

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„Casbah“ ist bereits die dritte Verfilmung des Stoffes, Der Roman erschien 1931 und wurde von Henri La Barthe unter dem Pseudonym Détective Ashelbé (H-L-B) geschrieben. Die erste Verfilmung fand in Frankreich statt und die Rolle des Pepe Le Moko im gleichnamigen Film zementierte den Star-Staus des jungen Jean Gabin. Im ersten amerikanischen Remake übernahm sein Landsmann Charles Boyer die Rolle des herzenbrechenden Gauners und startete damit seine Hollywood-Karriere. Die Figur des Pepe Le Moko war so populär, dass es nicht nur Parodien gab, sondern auch das französische Stinktier Pepe Le Pew in den Warner-Brother-Cartoons seinen Namen wegen des anderen Pepe erhielt. In „Casbah“ wird Pepe Le Moko von Tony Martin gespielt, und hier liegt das Problem. Tony Martin ist ein schauspielender Sänger oder singender Schauspieler. Diese wurden in den 40er Jahren gerne eingesetzt, um die Handlung eines Filmes aufzulockern und daraus einen Familienfilm mit Massenappeal zu machen. Man denke nur an die reichhaltigen Gesangsnummern zwischen verliebten Pärchen in den Laurel&Hardy-Langfilmen oder in den späteren Marx-Brothers-Komödien, wie z.B. „Die Marx Brothers im Kaufhaus“, in dem ebenfalls Tony Martin für Romantik und Gesang zuständig war. Obwohl Martin ein durchaus vorhandenes Charisma nicht abzusprechen ist, zerstören seine Gesangsnummern die mühevoll aufgebaute Atmosphäre, und lassen Martin wie einen Operetten-Banditen und weniger wie einen gerissen und unter der anziehenden Oberfläche gefährlichen Gangster wirken. Dies arbeitet dann leider kräftig gegen den Film.

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Abgesehen von dieser künstlerischen Fehlentscheidung ist der Film superb besetzt. Die als Star angekündigte, atemberaubende Yvonne de Carlo tritt zwar nur in einer kleineren Rolle in Erscheinung, schmeichelt den Augen der Zuschauer als exotische Barbesitzerin aber ungemein. Einen größeren Part übernimmt die Schwedin Märta Torén – hier als Marta Toren aufgeführt. Sie spielt die Frau, für die Pepe Le Moko Kopf und Kragen riskiert. Und man kann ihn verstehen. Die damals gerade 21jährige wurde bereits als The Next Ingrid Berman gefeiert. Die Torén bringt eine natürliche, unaufgeregte Schönheit mit, ein unbefangenes Strahlen. Auch wenn ihr der Part der Gaby nicht viel abverlangt, schafft sie es in jeder ihrer Szenen ganz von selbst im Mittelpunkt zu stehen. Märta Torén hätte ein großer Star werden können, wenn es das Schicksal nicht böse mit ihr gemeint hätte. Gelangweilt von Hollywood suchte sie in Italien größere schauspielerische Herausforderungen. Dort lernte sie Regisseur Leonardo Bercovici kennen und brachte eine gemeinsame Tochter zur Welt. Doch das Glück währte nur kurz. Mit nur 31 Jahren starb sie an einem Gehirnschlag. Sieht man „Casbah“, weiß man, was der Filmwelt da für ein hell glänzender Stern verloren gegangen ist.

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„Casbah“ ist bereits die dritte Verfilmung des populären Stoffes um „Pepe Le Moko“. Vor allem funktioniert der Film als Vehikel für einen grandiosen Peter Lorre, doch auch die Damen können hier glänzen. Hauptdarsteller Tony Martin bringt zwar das nötige Charisma für die Hauptrolle mit, allerdings leidet der Film unter dem Versuch der Produzenten ihn durch zahlreiche Gesangsnummern in Richtung exotisches Musical zu drücken. Durch diese Einlagen, sowie die recht konventionelle Inszenierung durch John Berry, bleibt der Film trotz des wunderbar aufgelegten Peter Lorre und der betörenden Schönheit des Duos Yvonne de Carlo/Marta Toren hinter den beiden Vorgängern zurück.

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Die Nummer 23 der Koch Media „Film Noir Collection“ hat ein etwas weiches Bild, welches ansonsten aber ohne weitere Makel ist. Auch der englische Ton ist sauber und angenehm zu hören. Die deutsche Synchro ist zeitgenössisch und sehr schön anzuhören. Die DVD enthält sowohl die kürzere deutsche Kinofassung, als auch die sieben Minuten längere amerikanische Fassung, die 7 Minuten länger läuft. Leider ist der Extras-Bereich ausgesprochen mau ausgefallen. Gerade mal eine Bildgalerie hat es auf die Scheibe geschafft. Empfehlenswert ist aber wieder einmal das informative, 12-seitige Booklet von Frank Arnold.

Blu-ray Rezension: „Der gläserne Schlüssel“

Von , 6. Juli 2016 22:38

schluessel_brFrüher war Paul Madvig (Brian Donlevy) ein Krimineller, heute ist er ein korrupter, aber auch erfolgreicher Politiker. Während er im Vordergrund den charismatischen Bürgerfreund gibt, hält im Hintergrund seine rechte Hand Ed Beaumont (Alan Ladd) die Fäden zusammen. Nachdem sie ihn in aller Öffentlichkeit geohrfeigt hat, setzt sich Madvig in den Kopf, Janet Henry (Veronica Lake), die Tochter des ehrenwerten Senators Ralph Henry (Moroni Olsen) zu heiraten. Um sich bei Henry einzuschmeicheln, lässt Madvig den Nachtclub des Gangster Nick Vama (Joseph Calleia) ausheben, mit welchem er zuvor gemeinsame Sache gemacht hat. Vama sinnt auf Rache. Zeitgleich unterält Madvigs kleine Schwester Opal (Bonita Granville) ein Verhältnis mit Janets Bruder Taylor (Richard Denning). Einem Spieler, der bei Vama große Schulden hat. Als Taylor ermordet wird, fällt der Verdacht auf Madvig. Ed Beaumont hat nun alle Hände voll zu tun, um seinem Chef den Kopf zu retten…

Dashiel Hammett ist einer der ganz großen Wegbereiter der amerikanischen Krimi-Literatur. Als einer der Väter des „Hard-boiled“-Romans, ist sein Schaffen bis heute enorm einflussreich. Wim Wenders hat während seines missglückten Hollywood-Ausflugs versucht, Hammett mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal zu setzen. Aber auch für den amerikanischen Filmgeschichte war Hammett immens wichtig. Seine Romane wurden früh und mehrfach verfilmt. Am Bekanntesten ist sicherlich „Die Spur des Falken“, der Film, welcher Humphrey Bogart zum Star machte. Doch dies war bereits die dritte Verfilmung des Romans. Auch „Der gläserne Schlüssel“ war bereits die zweite Adaption des gleichnamigen Romans. Sieben Jahre zuvor war der Stoff bereits von Frank Tuttle mit George Raft und Edward Arnold in den Hauptrollen verfilmt worden. Ferner schuf Hammett das Screwball-Amateuerdetektiv-Duo Nick und Nora Charles aus den „Der dünne Mann“-Filmen. Und sein Debütroman „Red Harvest“ war Inspiration für Akira Kurosawas „Jojimbo“ (was Kurosawa allerdings bestritt), der wiederum als „Für eine Handvoll Dollar“ und „Last Man Standing“ neu in Szene gesetzt wurde.

„Der gläserne Schlüssel“ erzählt eine komplexe Geschichte, ohne sich dabei in den zahlreichen Handlungsfäden und Nebenfiguren zu verlieren. Nomineller Hauptdarsteller ist der wie immer zuverlässige Brian Donlevy, der den bulligen Politiker Paul Madvig spielt. Madvig kokettiert gerne mit seiner nicht ganz sauberen Vergangenheit und seine Nähe zum Mob. Da ist es nur folgerichtig, wenn Donlevy ihn auch wie einen – durchaus sympathischen – Gangster anlegt. Tatsächlich macht der Film keinen Hehl aus der Korruptheit seines Helden, der auch gerne mal von den Fäusten Gebrauch macht, um seine Meinung durchzuboxen. Man wundert sich, wie der Film durch die engen Maschen des Hays Office geschlüpft ist. Der andere hier auftauchende Politiker ist ein Waschlappen, der sich gerne dorthin neigt, woher der Wind weht. Der Staatsanwalt ist eine lächerliche Gestalt ohne eigenen Willen und ein Zeitungsverleger in der Hand der Mafia. Es ist kein besonders positives Bild, welches Regisseur Stuart Heisler da von Amerika und seinen Würdenträgern zeichnet.

Auch die eigentliche Hauptfigur, Madvigs rechte Hand Ed Beaumont, wird ihn kein positives Licht gestellt. Ed handelt als willfähriges Werkzeug seines Meisters Madvig. Um dessen Unschuld zu beweisen, ist ihm kein Trick zu schmutzig. Er lässt sich auch lieber halb tot prügeln, als gegen die Interessen seines Auftraggebers zu handeln. Woher diese verbissene Loyalität kommt, wird im Film nicht ganz klar. Madvig hat Ed wohl mal aus der Klemme geholfen. Eds bedingungslose Treue, lädt aber diverse Kommentatoren im Netz dazu sein, über eine Liebesbeziehung zwischen Ed und Madvig zu spekulieren. Ein Aspekt, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Auch in Eds Beziehung zu dem, von dem großartigen William Bendix verkörperten, Schläger Jeff spielt eine homoerotischer Unterton eine tragende Rolle. Jeff behandelt Ed fast zärtlich, gibt ihm Kosenamen, bevor er ihn mit aller Brutalität und Körperlichkeit als Punching Bag benutzt. Bei ihrem letzten Zusammentreffen lädt Jeff Ed zunächst auf eine Flasche Whiskey ein und umarmt ihn liebevoll, während er voller Vorfreude davon spricht, dass er ihn gleich totprügeln wird. Interessantes, wenn auch irrelevantes Detail am Rande: Während der Dreharbeiten freundeten sich Alan Ladd und William Bendix an, und es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft zwischen Beiden.

Eine spannende Rolle spielen auch die eigensinnigen und selbstbestimmten Frauen in diesem Film. Sei es Madvigs kleine Schwester, die durch ihre starrköpfige Liebe zum spielsüchtigen Taylor eine Katastrophe hinauf beschwört. Oder die Ehefrau des Zeitungsverlegers, die sich sobald sie vom Bankrott ihres Mannes erfährt, vor dessen Augen sofort Ed Beaumont an den Hals wirft. Im Mittelpunkt steht aber natürlich die wundervolle Veronica Lake. Hier empfiehlt es sich auch, den Film im Original zu schauen, um die rauchig-verruchte Stimme der Lake genießen zu können. Diese vermutet man bei einem so zierlichen Persönchen gar nicht, aber sie passt hervorragend zu ihrer forschen, fordernden Rolle. Veronica Lake besitzt diesen belustigten, zynischen Unterton in ihrem erotischen Timbre. Das macht sie, neben ihrem wunderschönen und unverwechselbaren Äußeren, zur perfekten Femme Fatale. Ihre Janet Henry ist eine interessante Rolle, denn sie hält selbstbestimmt die Fäden in der Hand und lässt sich nicht vor fremde Karren spannen. Auch wenn Madvig damit prahlt, dass er sie erobert hätte, so ist es doch eher so, dass sie ihm erlaubt hat, in ihre Nähe zu kommen, um ihn in den Abgrund stürzen zu lassen. Mit Ed verbindet sie vor allem die Beziehung zu Madvig, auch wenn man eine unterschwellige, sexuelle Neugierde zwischen ihnen spürt. Dass Beiden dann ein geradezu lächerliches Happy End aufgebrummt wird, ist ausgesprochen ärgerlich. Denn diese Konzession an die Hollywood-Konventionen will so gar nicht zu dem Rest des Filmes passt, und schwächt diesen dadurch vollkommen unnötig.

Die Dashiell-Hammett-Verfilmung erstaunt durch einen hohen Grad an Brutalität und einer generell skeptischen Weltsicht. Das Paar Alan Ladd und Veronica Lake harmoniert perfekt miteinander, auch wenn sie sich eher wie Tiger umkreisen. Hervorgehoben müssen aber auch die Nebendarsteller werden. Allen voran der wie immer großartige William Bendix, der seiner im Grunde eindimensionalen Figur ungeahnte Untiefen verleiht. Allein das unglaubwürdige und auch vollkommen unpassende Ende trübt ein wenigen den ansonsten guten Eindruck.

„Der gläsernen Schlüssel“ ist die 22. Folge aus der „Film Noir Collection“ des Hauses Koch Media. Das Bild ist zwar nicht gerade brillant, macht aber auch nicht den Eindruck einer billigen „Public Domain“-Presse. Etwas körnig, dafür scharf und ohne Verschmutzungen. Der englische Ton ist für sein Alter klar und deutlich und definitiv der deutschen TV-Synchronisation vorzuziehen, da diese recht leblos und mit ihren nachträglich eingefügten Geräuschen sehr künstlich wirkt. Zudem kommt man nur so in den Genuss der wunderbaren Stimme von Frau Lake. Falls man mal etwas nicht versteht, kann man die englischen Untertitel zuschalten. Deutsche gibt es leider keine. Das Bonusmaterial ist lächerlich. Drei kurze Clips, die aus der US-Vorlage stammen und zusammen keine 9 Minuten gehen. Zudem wird hier vor allem oberflächlich auf die anderen Filme eingegangen, die in der amerikanischen „Film Noir Collection“ erschienen, aus der das Master dieser Veröffentlichung augenscheinlich stammt. Sehr viel informativer ist da das sehr gut geschriebene, 12-seitige Booklet von Frank Arnold. Ansonsten gibt es noch eine Bildergalerie und den Trailer.

DVD-Rezension: „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“

Von , 4. Mai 2016 20:23

polypIm kalifornischen Solana Beach verschwindet erst ein Baby nahe des Wassers, dann ein alter Segler, dessen entstellte Leiche von einem jungen Pärchen gefunden wird. Der Journalist Ned Turner (John Huston) geht der Sache nach und findet heraus, dass der Bau eines Unterwassertunnels durch die Firma Trojan, die dem einflussreichen Mr. Whitehead (Henry Fonda) gehört, ein gigantischer Oktopus aufgestört hat, der nun Jagd auf Schwimmer und Boote macht. Turner überredet daraufhin den Meeresforscher Will Gleason (Bo Hopkins) sich auf die Suche nach dem Riesenoktopus zu machen…

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Das waren noch Zeiten, als sich die Italiener mit Leidenschaft und einer Portion Dreistigkeit daran machten, erfolgreiche Hollywood-Produktionen zu kopieren, und dabei zu etwas ganz eigenem umzubiegen. Natürlich lag 1977 nichts näher auf der Hand, als auf den großen Killerfisch-Hype aufzuspringen, der durch Steven Spielbergs enorm erfolg- wie ein einflussreichen „Der weiße Hai“ losgetreten wurde. Statt eines großen weißen Hais, entschied sich Produzent und Regisseur Ovidio G. Assonitis (der zuvor auch schon mit eine erfolgreich „Exorzist“-Variante geschaffen hatte) für einen gewaltigen Oktopus, der seinen Opfern das Rückenmark aussaugt. Hier findet sich leider auch gleich das Hauptproblem von „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen„: Man sieht diesen Oktopus nicht wirklich. Und wenn, ist er bei unter Wasseraufnahmen deutlich als Aquariumaufnahme eines echten, normal großen Tieres zu erkennen. Über Wasser wiederum sieht man irgendwann mal kurz zwei Augen auf einem Plastikkopf. Aber das war es dann auch. Nie kommt es zu einer grafischen Attacke. Die Leute verschwinden einfach oder werden maximal noch unter Wasser gezogen. Zu keiner Zeit sieht man, was passiert und auch das furchtbare Knochenmark-Aussaugen wird einmal behauptet und dann nie wieder aufgegriffen.

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Freunde von deftigem Tier-Horror kommen also nicht wirklich auf ihre Kosten, auch wenn Regisseur zwei durchaus spannende und gruselige Angriffssequenzen inszeniert hat. Diese zeigen dann auch, dass die Idee vom Riesenoktopus durchaus gruseliges Potential hat, auch wenn man kein Geld zur Verfügung hat, um die Bestie und ihre Untaten in Szene zu setzen. Eine nächtliche Attacke auf ein Boot, sowie der verzweifelte Fluchtversuch der einzigen Überlebenden ist einigermaßen aufregend und unheimlich in Szene gesetzt. Auch die Kinder-Regatta, in deren Mitte plötzlich der Oktopus auf Jagd geht (eine Szene, die so auch fast 1:1 in dem erst ein Jahr später in die Kinos gekommenen „Der weiße Hai“-Sequel vorkommt) sorgt zunächst für Suspense. Doch dann kommt der coitus interuptus. Gerade wenn die gewaltige Silhouette des Oktopus unter dem Boot der Kinder auftaucht, wird abgeblendet und auf die im Hafen auf die Geretteten Wartenden geschnitten. Da fühlt man sich dann irgendwie betrogen, wenn zusätzlich noch die unzähligen durch die angebliche, nie gezeigte Oktopus-Attacke gekenterten Boote gezeigt werden, streut das noch Salz in die Wunde.

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Ein anderer Kritikpunkt ist die etwas alberne Idee, dem Hauptdarsteller und Helden zwei freundliche Killerwale zur Seite zu stellen, die ihm im letzten Augenblick im Kampf gegen das Tentakelmonster beistehen. Das hat dann mehr wie „Flipper“ als von „Der weiße Hai“. Es zeigt aber auch, dass die Italiener keine Hemmungen hatten, verrückte und vollkommen abwegige Ideen in ihre Filme einzubringen. Und gerade dies macht ihre Filme so unverwechselbar und trotz aller Fehler dem „Gewollt-trashigen“-Blödsinn ala „Sharknado“ überlegen. Diese abstruse Idee wird einfach völlig ironiefrei und ohne Rücksicht auf Verluste knallhart durchgezogen. Leider ist der finale Kampf Oktopus gegen Killerwale (bei dem zwei Killerwalschatten – mehr erkennt man nicht – auf einen toten Oktopus losgelassen wurden) reichlich unübersichtlich geraten. Nur manchmal entschädigt der Film solch ein schwerwiegendes Manko mit dann doch auch gelungen und beunruhigenden Szenen, beispielsweise wenn zwei Taucher mit ihrem Mini-U-Boot durch einen Wald toter Fische fahren.

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Der Clou des Filmes ist überaus prominente Besetzung, bei der man sicherlich nicht erwartet hätte, sie in einem italienischen „Der weiße Hai“-Rip-Off anzutreffen. Henry Fonda hatte ja durchaus schon Erfahrungen in italienischen Filmen und ist hier trotz prominenter Platzierung nur in einer kleinen Nebenrolle zu sehen, die in knapp zwei Drehtagen abgehandelt wurde und für den Film eigentlich keine echte Bedeutung hat. Die unvergleichliche Shelley Winters spielt die etwas skurrile Alte mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. So wie sie es nach dem „Poseidon Inferno“ häufig tat. In „Der Polyp“ darf sie dafür zur Belohnung den größten Sombrero der Welt tragen. Sehr überraschend ist es auch, Regie-Legende John Huston in diesem Film zu sehen. Huston, der Klassiker wie „Asphalt Dschungel“ oder „Die Spur des Falken“ drehte, trat ab den 60er Jahren häufiger vor die Kamera (am prominentesten in „Chinatown“), doch in „Der Polyp“ hätte man ihn jetzt nicht unbedingt erwartet. Als Journalist Ned Turner hat er auch nicht besonders viel zu tun, und obwohl er der Protagonist der ersten Hälfte des Filmes ist, verschwindet er dann später, zusammen mit seiner Film-Schwester Shelley Winters, kommentarlos aus der Handlung. Der Stab wird dann an Bo Hopkins weitergegeben, der in den ersten 60 Minuten gerade mal eine erweiterte Nebenrolle inne hatte, nun aber zum Helden des Filmes gemacht wird. Hopkins, damals ein vielbeschäftigter Charakterdarsteller, schlafwandelt allerdings durch seine Rolle, und bemüht sich dabei nicht gerade zu verbergen, dass er das, wo er da hineingeraten ist, für ziemlichen Schrott und unter seiner Würde hält.

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Eine große Stärke des Filmes ist seine tolle Musik, für die sich Stelvio Cipriani verantwortlich zeichnet, der durch seine großartigen Scores für italienische Polizeifilme, die sogenannten Poliziotteschi, einen großen Fankreis besitzt. In „Der Polyp“ recycelt er sein grandiosen Titelthema aus „Der Tod trägt schwarzes Leder“, was zunächst einmal seltsam anmutet, sich aber spätestens bei der großen Regatta-Szene gut in den Film einfügt und auch einmal für zusätzliche Pulsschläge sorgt. Kameramann Roberto D’Ettorre Piazzoli ist ebenfalls kein Unbekannter im italienischen Genrefilm, sondern arbeitete regelmäßig mit Produzent und Regisseur Ovidio G. Assonitis zusammen. Unter anderem bei dessen bereits oben erwähnten, unfassbaren „Exorzist“-Variante „Vom Satan gezeugt“ oder James Camerons, von Assonitis produzierten, Regie-Debüt „Piranhas 2: Fliegende Killer“. Und trotz der amerikanischen Drehorte und Darsteller, bleibt „Der Polyp“ ein typisches – wenn auch etwas langweiliges – Produkt der italienischen Film-Küche. Denn nur dort kann es dann auch Szenen geben, in denen Babies und Kinder dem Monster zum Opfer fallen, und nette Killerwale den Flipper machen.

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Leider ist „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“ ein reichlich lahmer und unspektakulärer Vertreter des Tierhorror-Films geworden, der zu allem Überfluss auch fast gänzlich den Blick auf seinen Titelhelden verwehrt und auch dessen Attacken der Fantasie des Zuschauers überlässt. Immerhin kann Stelvio Ciprianis tolle Musik und die solide Kameraarbeit überzeugen. Nur ganz selten deutet „Der Polyp“ an, welches Potential hier eingeschlummert ist.

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Der in der „Creature Feature“-Reihe des Hauses Koch Media als Nummer 4 erschienene Films wird im Widescreen-Format von 2,35:1 präsentiert. Über kleinere Macken und Verschmutzungen kann man getrost hinwegsehen, da das Bild an sich sehr scharf ist. Der Ton liegt zwar in der deutschen und auch englischen Fassung vor, nicht jedoch in der italienischen. Beide Fassungen gehen von der Qualität her in Ordnung. und ist dem Alter entsprechend ebenfalls in Ordnung. Als Extras gibt es zwei deutsche und einen englischen Trailer zum Film, einen englischen Radio-Werbespot und eine umfangreiche Bildergalerie.

DVD-Rezension: „The Returned“

Von , 7. April 2016 17:41

returnedOhne Vorwarnung oder Erklärung kehren die Toten plötzlich ins Leben zurück. Sie wollen ihren alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, doch die Lebenden wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Manche nehmen ihre Verstorben mit offenen Armen auf, anderen reagieren mit offener Feindseligkeit. Ihnen gemein ist die Verwirrung, diejenigen, um die sie getrauert haben, plötzlich wieder vor sich zu sehen. Unter denjenigen, die zurückkehrten ist die Frau des Bürgermeisters (Catherine Samie), der 6-jährige Sylvain (Saady Delas), der von seinen Eltern Isham (Djemel Barek) and Véronique (Marie Matheron) wieder aufgenommen wird und Mathieu (Jonathan Zaccaï), dessen Frau Rachel (Géraldine Pailhas) damit hadert, ihn wiederzusehen…

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The Returned“ besitzt eine der schönsten, unheimlichsten und lyrischsten Anfänge der letzten Jahre. Durch das Tor des lokalen Friedhofs strömen Hunderte von Menschen. Desorientiert, neugierig, überrascht – aber scheinbar mit einem festen Ziel. Nichts wird erklärt, der Zuschauer wird mitten ins Geschehen hineingeworfen. Doch man ahnt sofort, was diese merkwürdige Szene bedeutet. Die Toten sind auf die Erde zurückgekehrt. Was nun der Auftakt zu einem action- und blutreichen Zombie-Slasher sein könnte, entpuppt sich als exaktes Gegenteil. Obwohl „The Returned“ gerne dem Zombie-Subgenre zugerechnet wird, führt diese engstirnige Kategorisierung doch in die Irre. Ja, „The Returned“ ist ein Wiedergänger-Film, doch mehr dem Geisterfilm, denn dem Zombiefilm nahe. Oder doch wieder nicht? Es ist der große Verdienst des Regisseurs Robin Campillo und seiner Co-Drehbuchautorin Brigitte Tijou sich jeder einfachen Schublade zu entziehen und etwas Neues zu erschaffen. Eine Allegorie, die gerade in Zeiten, in denen sich manche vom „Fremdartigen überschwemmt und bedroht“ fühlen, hochaktuell ist.

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Die spannende Prämisse des Filmes, dass die Toten plötzlich auf die Erde zurückkehren und ganz selbstverständlich ihren alten Platz in der Gesellschaft zurück beanspruchen, führt zu interessanten Gedankenspielen und Szenarien, die weit über die 100 Minuten hinausgehen, die „The Returned“ dauert. Dass aus dem Film in Frankreich ein paar Jahre später eine TV-Serie entstand und diese wiederum in den USA ein Remake erfuhr (wie ich erfuhr – Danke an Paul – , wurde das gleiche Konzept bereits 2007 und und dann noch einmal 2014 für den Pilotfilm einer dann doch nicht realisierten TV-Serie namens „Babylon Fields“ verwendet), zeigt nicht nur wie faszinierend die in „The Returned“ aufgeworfenen Gedanken sind, sondern dass das Thema auch eine universelle Relevanz hat. Das Leben geht weiter und schließt die Lücken, die der Tod eines nahestehenden Menschen, eines Kollegen oder eines Freundes hinterlassen hat. Die Zeit heilt alle Wunden. Doch was, wenn die Grund für die Lücke plötzlich wieder da ist? Dann gibt es zwei Szenarien, die Campillo in ihrem Film auch beide durchspielen. Die Lücke wird schmerzhaft wieder aufgerissen oder es gelingt dem Rückkehrer nicht, seine alte Lücke zu finden, da die Wunde mittlerweile verheilt ist, neue Menschen in das Leben seiner Liebsten getreten sind oder sein Job an einen anderen weitergeben wurde.

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Hier erschüttert gerade das Schicksal einer Familie, die sich unter großen Schmerzen von ihrem tragisch verstorben, acht-jährigen Sohn verabschiedet hat. Der es irgendwie gelungen ist, ein Leben ohne das geliebte Kind zu führen. Nun ist er wieder zurück und weder Vater, noch Mutter können mit dieser Situation umgehen. Während der Vater anfängt, sich an das Kind zu klammern und es nie wieder loszulassen, erkennt die Mutter unter Tränen, dass der Junge, der zurückgekommen ist, nicht mehr der ist, der ihnen einst genommen wurde. Sie entfernt sich wieder von ihm, was den ursprünglichen Verlust nur noch schmerzlicher macht. Der Konflikt dieser Familie und die tragische Konsequenz rührt zu Tränen. Mehr noch als das Schicksal der Hauptdarstellerin, die sich daran gewöhnen muss, dass ihr Ehemann wieder da ist und sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. All diese verschiedenen Geschichten hat Robin Campillo warm und nachvollziehbar inszeniert, und er konfrontieren den Zuschauer mit der Frage, ob man wirklich jemanden als Person liebt – oder nur die schönen Erinnerungen, die mit ihm assoziiert sind.

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Und natürlich weckt der Strom der Toten, der sich durch die Straßen ergießt, Assoziationen an die aktuelle Flüchtlingskrise. Insbesondere, wenn behelfsmäßige Unterkünfte in Turnhallen eingerichtet werden, stundenlange Debatten geführt werden und das Misstrauen gegenüber den Anderen steigt. Der Staat weiß nicht wie er der Situation Herr werden soll und verlegt sich zunächst auf die Überwachung der Bevölkerung, um am Ende dann zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. „The Returned“ bietet auch keine einfache Lösung an, sondern lässt vieles im Vagen und fordert den Zuschauer auf, das Geschehen für sich einzuordnen. „The Returned“ ist der Impuls, der im Kopf seines Publikums eine größere Geschichte ins Rollen bringt und ihn zwingt sich manchmal schmerzhafte Fragen zu stellen. Kein Wunder also, dass man einige Jahre später auf die Idee kam, die Welt von „The Returned“ zum TV-Serien-Format zu erweitern.

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„The Returned“ ist eine intelligente und emotionale Variante des Wiedergänger-Films. Seine Grundidee der Rückkehrer aus dem Grab, die ihren alten Platz in der Gesellschaft einnehmen wollen und die Reaktion eben dieser Gesellschaft, regen zu den unterschiedlichsten philosophischen Gedankenspielen darüber an, was der Sinn von Leben und Tod ist.

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Die DVD von Koch Media punktet mit einem ausgezeichnetem Bild und einem sauberen Ton. Die deutsche Synchronisation klingt leider recht preisgünstig. Hier ist das französische Original mit seiner lebendigeren Sprache definitiv vorzuziehen. Allerdings gibt es für den nicht französischsprachigen Filmfreund hier ein dickes Manko. Die deutschen Untertitel bleiben nach knapp einer Stunde „hängen“. D.h. Bei jedem Dialog wird der immer gleiche deutsche Satz in den Untertiteln eingeblendet. Hier hat jemand nicht aufgepasst und man ist ohne sehr gute Französischkenntnisse gezwungen auf die deutsche Synchronfassung auszuweichen. Sehr ärgerlich. Ärgerlich ist auch das Bonusmaterial, denn bis auf einen Trailer ist hier absolut nichts zu finden.

DVD-Rezension: „Prison“

Von , 23. März 2016 20:57

prisonNachdem Charlie Forsythe hier 1964 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde, schlossen die Behörden das Wyoming State Penitentiary. 20 Jahre später wird es im Zuge einer Reform wieder eröffnet, um die umliegenden Gefängnisse zu entlasten. Zum Direktor wird der Eaton Sharpe (Lane Smith) berufen, der einst als junger Wärter eine wichtige Rolle bei Forsythes Hinrichtung spielte. Sharpe ist ein harter Hund, was nicht nur die junge Katherine Walker (Chelsea Field), die die Wiedereröffnung des Gefängnisses begleitet, sondern auch die neuen Insassen, unter ihnen der Autodieb Burke (Viggo Mortensen) zu spüren bekommen. Doch Sharpe ist nicht die einzige Gefahr für sie. Denn durch den Abriss der Mauer zur ehemaligen Todeskammer wird auch Forsythes Geist freigesetzt, und der sinnt auf Rache…

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1986 war der junge finnische Regisseur auf den Sprung zur großen Hollyood-Karriere. Nachdem er mit seinem amerikanisch co-finanzierten Debüt „Born American“ mit Chuck-Norris-Sohn Mike nicht nur in seiner Heimat auf sich aufmerksam gemacht hatte, wurde ihm umgehend sein US-Debüt angeboten. Für Charles Bands B-Movie-Produktionsfirma Empire Pictures drehte er den Horrorfilm „Prison“. Dieser war dann die perfekte Vorstudie zu seinem großen Durchbruch „A Nightmare on Elm Street 4“, welchen er im folgenden Jahr drehte. Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten zwischen beiden Filmen erstaunlich. In beiden taucht Harlin seine Bilder in einen blauen Schleier und arbeitet viel mit Nebel und Gegenlicht. Die Morde sind blutig und kreativ, aber der Grusel bleibt bei dem ganzen Spektakel auf der Strecke. Insbesondere bei „Prison“ merkt man deutlich, dass Harlin ein guter Action-Regisseur ist und ihm dieses Genre weitaus näher steht, als der traditionelle Horrorfilm. Auch wenn er natürlich klassische Schauerelemente in seinen Film einbringt, dürfte sich bei „Prison“ niemand ängstlich unter der Bettdecke verkriechen.

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Diese weitgehende „Grusellosigkeit“ liegt teilweise natürlich an dem Geist, der das Wyoming State Penitentiary heimsucht. Dieser manifestiert sich bis kurz vorm Schluss in Lichtstrahlen und elektrischen Funken. Und die Lichtershow taugt nur sehr bedingt dazu, Ängste zu schüren. Zudem fehlt dem mörderischen Geist der Unterbau. Erst beim großen Finale wird seine Geschichte und sein Motiv enthüllt – und dies beißt sich dann aber gehörig mit den Ereignissen, denen der Zuschauer zuvor Zeuge geworden ist. Wenn Forsythe das unschuldige Opfer einer gemeinen Intrige war, weshalb richtet er dann seinen übersinnlichen Zorn nicht ausschließlich gegen das Wachpersonal und damit die Verursacher seines Leides, sondern killt auch wahllos seine „Kollegen“? Wieso wird mit Burke ein Wiedergänger des armen Opfers und nun übersinnlichen Mörders präsentiert? Eine Wiedergeburt des Opfers Forsythe kann er schlecht sein, und auch sonst wird die frappierende Ähnlichkeit zwischen Burke und Forsythe nie thematisiert. Es scheint so, als hätte das Drehbuch am Anfang eine enge Verbindung zwischen den beiden konstruiert, die dann aber im Lauf des Drehs fallen gelassen wurde.

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Renny Harlins Stärken liegen in den Actionsequenzen und der sehr stimmungsvolle Bildgestaltung, die einem noch lange im Gedächtnis bleibt. Diese Stärken konnte er dann konsequenterweise in „Nightmare 4“ weiter ausbauen und im Laufe seiner Karriere perfektionieren. Mit „Stirb langsam 2“ und „Cliffhanger“ bewies Harlin nachdrücklich seine Eignung zum Action-Regisseur, zum Horrorfilm sollte er erst 2004 wieder zurückkehren, als er das unglückselige „Exorzist“-Prequel „Dominion“ von Paul Schrader übernahm. Interessanterweise gelang es ihm aber auch hier nicht, einen wahrhaft unheimlichen oder zumindest tiefschichtigen Film abzuliefern. Wie auch in seinen Frühwerken ersetzen Spektakel und Schauwerte den Grusel. Was nicht negativ verstanden werden sollte, denn Harlins Filme gaukeln auch keine philosophische Grundierung vor, sondern funktionieren sehr gut als purer Eskapismus.

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In „Prison“ kann er sich zudem auf ein gut aufgelegtes Ensemble verlassen. Der noch sehr junge, gutaussehende Viggo Mortensen überzeugt als cooler und schweigsamer Rebell, während Lane Smith als strenger Warden Sharpe zu kräftig aufdreht, es dabei aber schafft, nicht gänzlich zur Karikatur zu verkommen. Unterstützt werden beide durch eine Statisten-Gang aus echten Strafgefangenen, die ein wenig Authentizität mit einbringen. Allein die von Chelsea Field gespielte junge Heldin bleibt blass und hinterlässt keinen größeren Eindruck. Diesen hinterlässt allerdings die wunderbare Location. Ein altes, verrottetes Gefängnis voller Winkel, geheimen Zellen und Schleichwegen. Die perfekte Kulisse für einen „Spukhaus“-Film, der viel zu einer unheimlichen und bedrückenden Atmosphäre beiträgt, welche Harlins Inszenierung nicht alleine auf die Beine stellen kann.

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Renny Harlins US-Debüt „Prison“ zeigt schon deutlich seine Stärken und Schwächen. Die temporeiche Inszenierung und wundervoll stimmige Bildgestaltung können überzeugen, Grusel oder Personenentwicklungen bleiben dabei auf der Strecke.

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Koch Media hat diesem fast schon vergessenen 80er Horrorfilm eine wahre Deluxe-Veröffentlichung mit drei Scheiben beschert. Wobei mal wieder vortrefflich über Sinn und Unsinn solcher Media-Book-Veröffentlichungen diskutiert werden kann. Denn bei den zwei der drei Scheiben handelt es sich um jeweils eine Blu-ray und eine DVD mit dem Film. Die Gruppe derer, die beides braucht dürfte da ziemlich gegen null gehen. Die dritte Scheibe ist eine DVD mit bonus-Material, welches aber vielleicht auch auf der Blu-ray Platz gefunden hätte. Wie dem auch sei, die Bonus-DVD enthält laut Hersteller ein Making-of (38 Min.), ein Interview mit Renny Harlin (48 Min.), zwei „Wild Force“-Musikvideos von Renny Harlin, ein Grußwort von Viggo Mortensen und eine Bildergalerie mit seltenem Werbematerial enthält. Ferner gibt es noch ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph Huber. Zur Qualität und dem Inhalt der Extras kann ich aber nichts sagen, da mir zur Rezension lediglich die DVD mit dem Film vorlag. Hier ist die Präsentation in Ordnung. Wie bei vielen Filmen, die in der zweiten Hälfte der 80er gedreht wurden, hat man manchmal das Gefühl, es würde ein ganz leichter grauer Schleier über dem Bild liegen. Da dies aber wie gesagt auf sehr viele spät 80er-Produktionen gilt, dürfte dies am Ausgangsmaterial und nicht an der DVD-Umsetzung liegen. Der Ton ist gut, die deutsche Synchronisation auf einem guten 80er-Videothekenware-Niveau. Im Gegensatz zur ehemals indizierten Videokassette ist die DVD ungeschnitten.

DVD-Rezension: „Yakuza Apocalypse“

Von , 17. März 2016 17:10

yakuza-apocalypseKamiura (Lily Frankie) ist das Oberhaupt einer Yakuza-Bande, die in ihrer Stadt nicht nur das Verbrechen kontrolliert, sondern auch dafür sorgt, dass Recht und Ordnung unter den Bewohnern herrschen. Doch Kamiura hat ein finsteres Geheimnis: Er ist ein Yakuza-Vampir. Als Kamiura von dem Martial-Arts-Killer Mad Dog (Yayan Ruhian) enthauptet wird, kann Kamiuras körperloser Kopf noch seinen treuen Gefolgsmann Kagayama (Hayato Ichihara) beißen und ihn ebenfalls in einen Yakuza-Vampir verwandeln. Für Kagayama heißt es nun Rache an den Hintermännern der ruchlosen Tat zu nehmen…

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Der häufigste Vorwurf, der „Yakuza Apocalypse“ gemacht wird, ist jener, dass sein Regisseur Takashi Miike in seiner Unvorhersehbarkeit vorhersehbar geworden sei. Zwar klingt dies wie ein schwarzer Schimmel, aber muss zugeben, dass hierin auch ein Körnchen Wahrheit stecht. Aber man muss die „vorhersehbare Unvorhersehbarkeit“ auch differenziert sehen. Natürlich macht Miike noch immer die Filme, die ihn berühmt gemacht haben. Bunte Spektakel, mal blutig, mal spaßig, bei denen sich der Wahnsinn übereinander türmt und die skurrilen Einfälle Programm sind. Daher ist die eigentliche „Unvorhersehbarkeit“ eher seine leisen, ernsten Filme, die ganz ohne die als typisch geltenden Miike-Zutaten auskommen. Wie beispielsweise sein schönes Remake „Harakiri“. Zwischendrin streut Miike auch immer mal wieder Kinderfilme oder Videospielverfilmungen ein.

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Mittlerweile ist Miike – dieser unvorstellbar produktive Filmemacher mit den 1.000 Gesichtern – im Mainstream angekommen, wo er sich mit den ganz großen Verrücktheiten etwas zurückhält, aber auch nicht vollständig drauf verzichtet. Man könnte seine Entwicklung mit der von John Waters vergleichen, der ja nach seinen wilden Underground-Anfängen irgendwann auch bei „Serial Mom“ gelandet ist – und trotz des großen Studios im Rücken und dem Verzicht auf die ganz großen Geschmacklosigkeiten – noch immer seinen ganz eigenen Stil pflegt. Und so wie Waters 2004 mit „A Dirty Shame“ zu seinen Ursprüngen zurück gekehrt ist, ohne das Mainstream-Publikum zu sehr vor den Kopf zu schlagen, so sieht auch Miike sein „Yakuza Apocalypse“ als eine Reise in die Zeit, in der er mit geringem Budget durchgeknallte Direct-to-video-Produktionen inszenierte. Und wie im Falle „A Dirty Shame“ ist es natürlich keine „echte“ Rückkehr. Dazu hat sich Miike in den Jahren viel zu sehr weiter entwickelt und der Film sieht im Vergleich zum dreckigen Beginn auch viel zu gut aus.

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Aber dies muss ja kein Nachteil sein. Für „Yakuza Apocalypse“ greift Miike wieder tief in die Wundertüte und präsentiert dem staunenden Zuschauer nicht nur Yakuza-Vampire, einen waschechten Kappa (ein japanisches Fabelwesen, welches sich von Gurken ernährt und einer Schildkröte ähnelt – sieht hierzu auch „Underwater Love“), sondern auch einen Kung-Fu-kämpfenden Killerfrosch im Kermit-Kostüm. Wenn man aufgrund dieser Zutaten glauben sollte „Yakuza Apocalypse“ sei eine durchgeknallte Klamotte, so kennt man Miike schlecht. Dieser zieht seine Story sehr ernsthaft und ohne allzu offenkundigen Klamauk durch. Dies ergibt einen wunderbaren Verfremdungseffekt, denn so lächerlich der Killer-Kermit auch auf den Zuschauer wirkt, seine Taten sind es nicht. Dieser Frosch versteht keinen Spaß und wäre in der Tat ein angsteinflößender Gegner, wenn nicht das blöde Kostüm wäre, welches aber auch von keinem der Handelnden thematisiert wird. Aber in einer Welt, in der es vor Yakuza-Vampiren wimmelt und bösartige Kappa-Gangster existieren, ist auch ein riesiger Frottee-Frosch nun einmal nichts Außergewöhnliches. So hat Miike einen relativ straighten Yakuza-Film inszeniert, bei dem seine wahnwitzigen Zutaten das Genre aber durchaus kritisch kommentieren.

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So werden die Yakuza wie Nachfahren von Robin Hood und seinen lustigen Gesellen dargestellt. Gesetzeslose, die in ihrem Distrikt für Ruhe und Gerechtigkeit sorgen. Doch die Fassade täuscht natürlich, denn hinter dem freundlichen Lächeln des guten Onkel stecken Reißzähne und die normale Bevölkerung wird wortwörtlich bis aufs Blut ausgesaugt. Der merkwürdige Strickzirkel im Keller einer Bar ist zunächst putzig und skurril anzusehen, doch tatsächlich werden hier nur die Widerspenstigen ruhiggestellt und solange domestiziert, bis sie mit einem seligen Lächeln in den Tod gehen. Und der Frosch macht vor allem eines deutlich: Nicht alles was putzig aussieht, ist auch harmlos. Don’t judge a book by it’s cover. Dies gilt für Wesen in riesigen Kermit-Kostümen ebenso, wie für väterliche Yakuza oder freundlich winkende Politiker. Und dass das Gleichgewicht des eigenen ökologischen Systems empfindlich gestört wird, wenn man zu viele Zivilisten beißt und in Yakuza-Vampire verwandelt, wird auch noch einmal deutlich gemacht.

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Neben den Yakuza-Vampiren und dem Frosch-Monster fährt Miike noch eine ganze Wagenladung merkwürdiger Gestalten auf. So einen (schlecht) englisch-sprechenden Priester im Puritanerkostüm mit auf dem Rücken geschnallten Minisarg oder einen als IT-Nerd/Touristen getarnten Martial-Arts-Kämpfer. Dieser wird von Yayan Ruhian geben, der als fieser Antagonist „Mad Dog“ (hier hat er denselben Rollennamen) in Gareth Evans‘ Actionkracher „The Raid“ bekannt wurde. In „Yakuza Apocalypse“ wird sein Talent leider verschwendet, da er nur wenig von seiner akrobatischen Kunst zeigen darf. Wahrscheinlich wurde der Martial-Arts-Star Miike nur untergejubelt, um den Film etwas kommerzieller zu gestalten. Miike selber ist aber herzlich wenig an Kampfkunst interessiert, und so ist der Film dann konsequenterweise kein Martial-Arts-Spektakel. Außerdem treten auf: Junge Damen in Schulmädchenuniformen, ein kleiner Junge der zum Hulk-mäßigen Rächer mutiert, eine weibliche Yakuza-Chefin, die merkwürdigen Schleim aus ihrem Ohr holt und dann aus jenem ständig Wasserfontänen verschießt, sowie eine wundervoll Kaijun-Hommage. Manchmal wird einem die Ansammlung von verqueren Elementen allerdings fast schon zu viel. Man hat dann den Verdacht, Miike wollte sich ein wenig zu angestrengt seinen Anfängen näheren. Andererseits entdeckt man zwischen all dem Irrsinn aber auch das Augenzwinkern, mit dem sich Miike seiner alten „Markenzeichen“ bedient.

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Takashi Miike kehrt mit „Yakuza Apocalypse“ zu den Filmen zurück, die ihn berühmt gemacht haben und türmt Irrsinn und Wahnwitz übereinander. Seine Stärken spielt „Yakuza Apocalypse“ aber vor allem in den ruhigeren Szenen und in der kritischen Sezierung des Genres des Yakuza-Filmes aus. Vor allem macht er aber auch jenseits aller Doppelbödigkeit eine Menge Spaß.

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Die Koch-Media-DVD zeichnet sich durch ein sehr gutes und klares Bild aus. Der japanische Originalton ist kräftig und mit gut lesbaren, zuschaltbaren Untertiteln ausgestattet. Die deutsche Synchronisation ist zweckmäßig, und kann die spezielle Dynamik der japanischen Sprache wieder einmal nicht wiedergeben. Im Bonus-Bereich befindet sich ein höchst interessantes Making-Of welches mit 62 Minuten auch äußerst üppig ausgefallen ist. Hier werden Interviews mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen gemischt und Takashi Miike berichtet über seinen Werdegang als Regisseur.

Blu-ray Rezension: „Ich seh, ich seh“

Von , 29. Dezember 2015 17:58

ichsehichsehDie 10-jährigen Zwillinge Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) leben zurückgezogen in einer modernen Villa am Waldrand. Als ihre Mutter (Susanne Wuest) eines Tages von einem längeren Krankenhausaufenthalt zurückkehrt, ist ihr Gesicht aufgrund chirurgischer Eingriffe bandagiert. Den Zwillingen fällt auf, dass sich die vormals so liebende Mutter nun herrisch und fremd verhält. Immer mehr reift in ihnen die Erkenntnis, das die Frau, die dort in ihr Haus gekommen ist, gar nicht ihre Mutter ist, sondern eine Fremde. Nun setzen die beiden Jungen alles daran herauszufinden: „Wo ist die Mama?“.

Es ist schon erstaunlich, was in den letzten beiden Jahren aus unserem Nachbarland Österreich an guter Genre-Ware kam. „Blutgletscher„, „Das finstere Tal„, „Autumn Blood“ und aktuell „Ich seh, ich seh„. Und dass die Österreicher dann noch einen düsteren Horrorthriller zum diesjährigen Oscar-Kandidaten küren, wundert nur diejenigen, die das deutsche „Auf Nummer sicher“ gewohnt sind. Wobei hier nicht angedeutet werden soll, dass es sich hier um eine „Welle“ handelt. Aus Österreich kamen in den letzten Jahrzehnten immer wieder Filme, die ihren deutschen Pendant an Wagemut, an brutaler Ehrlichkeit und menschlichen Abgründen weit überlegen waren. Und Filmemacher, die ihren eigenen, nicht immer geraden, aber gnadenlos konsequenten Weg gehen. Natürlich Michael Haneke, dessen frühen österreichischen Filme wie „Der siebente Kontinent“ wie gezielten Schläge in die Magengrube wirkten. Der großartige Michael Glawogger, der zwischen Dokumentation und Spielfilm mühelos hin- und her wechselt und dabei ein in sich geschlossenes Werk schuf. Eddy Saller und Peter Patzak müssen ebenso genannt werden, wie Franz Novotny und Wolfgang Murnberger. Und selbstverständlich auch Ulrich Seidl, der bei „Ich seh, ich seh“ als Produzent fungiert. Was kein Wunder ist, da Regisseurin Veronika Franz mit ihm verheiratet ist und bei zahlreichen seiner Filme in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Was man dem Film durchaus ansieht, da er ähnlich streng komponiert ist wie Seidls Werke, ebenfalls auf Laien zurückgreift und eine merkwürdig, steril-beunruhigende Atmosphäre aufbaut.

Zusammen mit ihrem Co-Regisseur Severin Fiala hat Veronika Franz einen Film geschaffen, der auf unterschiedliche Arten lesbar ist. Die Überforderung der Eltern durch die Kinder, die ihnen den Raum und die Luft zum Leben nehmen. Die Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber den emotionalen Bedürfnissen der Kinder. Die unheilvolle Mischung aus beiden, wenn zwei Welten aufeinander prallen, die sich nicht verstehen, aber aufeinander angewiesen sind. Allein durch diese Szenarien wird bereits der blanke Horror erzeugt. Franz und Fiala sind allerdings so klug, sich nicht auf eine Lesart festzulegen, ihre Zuschauer belehren zu wollen, oder eine bestimmt Bedeutung in ihren Film hinein zu prügeln. Im Gegenteil, kommentieren sie nichts und verzichten auch darauf, den Zuschauer durch billige „Kaninchen aus dem Hut“-Tricks zu unterfordern. Die „Pointe“ ist bereits in den ersten Bildern evident. Und wird in der Folge auch gar nicht kaschiert, um am Ende zu zeigen, wie clever man doch sein Drehbuch gestrickt hat. Die Überraschung ist keine und das Wissen um das „Geheimnis“ der Zwillinge macht die Geschichte nur noch verstörender – und auch spannender. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte schwindet durch dieses Wissen von den ersten Minuten an immer mehr.

Denn neben den intelligenten Deutungsmöglichkeiten sollte man nicht vergessen, dass Fiala und Franz auch einen guten und spannenden Genrefilm gedreht haben, der auch oberflächlich und ohne den allegorischen Unterbau hervorragend funktioniert. Dazu tragen auch die hervorragenden Hauptdarsteller bei, die den Film als Drei-Personen-Stück tragen. Neben den (realen) Zwillingen Lukas und Elias Schwarz, die hier erstmals vor der Kamera stehen, ist dies natürlich die großartige Susanne Wuest, die nicht nur eine physisch herausfordernde Rolle hat, sondern sich auch die erste Hälfte des Filmes hinter Bandagen verstecken muss und nur mit den Augen und den Körper agieren kann. Wenn die Bandagen fallen, ist es ihr ausdrucksstarkes, schönes und doch auch irgendwo seltsamen Gesicht, welches den Verdacht, die Frau im Haus könnte nicht die geliebte Mutter sein, durchaus anfeuert. Aber wie erwähnt, ist „Ich seh, ich seh“ kein Film, der von einem clever konstruierten Geheimnissen lebt. Diese werden dann auch eher nebenbei aufgelöst und man meint die Macher im Hintergrund: „Aber das war doch eh klar, oder?“ flüstern zu hören. Zu diesem Zeitpunkt interessieren diese Enthüllungen auch gar nicht mehr, weil man schon zu tief in den Strudel aus Trauer, Wut und die Unfähigkeit beides aufzulösen hingezogen wurde. Fiala und Franz ergreifen auch keine Partei und auch der Zuschauer wird hin und her gerissen, da beide Seiten gute und nachvollziehbare Gründe so zu handeln, wie sie es tun. Und das macht einen ebenso hilflos wie traurig. Fiala und Franz ersparen ihren Zuschauer nichts. Die Gewaltdarstellungen sind extrem unangenehm und geht Richtung „Audition„. Obwohl ich in einer Szene gar nicht richtig erkennen konnte, was genau vor sich geht, reichten doch die Andeutungen aus, das Kopfkino soweit anzuheizen, dass ich wegschauen musste. Man darf gespannt sein, welche Chancen „Ich seh, ich seh“ bei den Oscars 2016 hat. Wir schicken mit „Im Labyrinth des Schweigens“ mal wieder eine Geschichts-Aufbereitung und was mit Nazis. Wie gehabt. Felix Austria.

Der österreichischer Horror-Thriller von Severin Fiala und Veronika Franz bietet mehrere Lesarten an, ohne den Zuschauer im Nacken zu packen und auf das Offensichtliche zu stoßen. Der „große Plottwist“ ist dann auch keiner, sondern es ist von Anfang an klar, was los ist. Das macht aber gar nichts, weil es die Geschichte noch verstörender macht, als wenn die „Pointe“ wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert würde. Der Gewaltlevel ist extrem unangenehm und geht Richtung „Audition“. Ein packender Film und zu recht Österreichs Oscar-Kandidat.

Das Bild der Blu-ray (der Film wurde in „glorious 35mm“ gefilmt) ist sehr gut. Gestochen scharf ohne dabei digital und leblos zu wirken. Die durchkomponierten Bilder des grandiosen Kameramann Martin Gschlacht erhalten so den würdigen Rahmen. Die Tonspur ist klar und sehr frontlastig. Auf Toneffekte wird fast gänzlich verzichtet. Erfreulicherweise werden deutsche Untertitel mitgeliefert, denn manchmal ist das österreichisch für norddeutsche Ohren schwer zu verstehen. Die Extras sind eher Durchschnitt. die knapp acht Minuten „Deleted Scences“ bringen keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn. Das Making Of ist ein B-Roll, welches das Team vor allem bei der Ausführung der Effekte zeigt. Das Casting-Tape der Zwillinge ist nett anzusehen, aber nicht mehr. Dafür ist das knapp 13-minütige Interview mit den beiden sympathischen Filmemachern Severin Fiala und Veronika Franz sehr interessant. Und wenn Veronika Franz dann auf die Frage nach ihren Vorbildern zuerst Dario Argento nennt, dann von Nicolas Roeg schwärmt und am Ende noch Jess Franco erwähnt – dann möchte man sie gleich in den Arm nehmen.

DVD-Rezension: „Der Meister und Margarita“

Von , 7. November 2015 19:29

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Moskau im Jahre 1930. Während Stalin regiert, kommt der Teufel (Alain Cuny) in die sowjetische Hauptstadt. Satan gibt sich als distinguierter „Meister der schwarzen Magie“ Woland aus. Der Autor Nikolai (Ugo Tognazzi) versucht derweil gegen den Willen der Kulturelite sein Theaterstück über Pontius Pilatus auf die Bühne zu bringen. Doch die korrupten und nur auf ihren eigenen Vorteil bedachten Funktionäre, werfen ihm ständig Knüppel zwischen die Beine und versuchen ihn zu demontieren. Allein die schöne Margarita (Mimsy Farmer) hält noch zu ihm. Und der Satan, der sich in den Kopf gesetzt hat, Nikolai zu helfen…

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Der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrović verfilmte 1972 den bis dahin als unverfilmbar geltenden Jahrhundert-Roman „Der Meister und Margarita“ als italienisch-jugoslawische Co-Produktion. Wobei der Film mehr als jugoslawischer Film gelten kann, denn bis auf die drei Hauptfiguren wurden alle anderen Rollen mit Jugoslawen besetzt. Auch die Musik von Ennio Morricone wird nur spärlich eingesetzt und besteht zumeist aus der enge Verdichtung von natürlichen Geräuschen, Glockengeläut und kirchlichen Gesängen. Zudem nutze Petrović auch die Gelegenheit, um mit seinem Film die damaligen Verhältnisse in seinem Heimatland anzuprangern. Die Bürokratie, die ideologische Gehorsam, die Heuchelei und die erbarmungslose Zensur. Ironischerweise wurde sein Film dann gleich darauf in Jugoslawien verboten und Petrović musste seine Tätigkeit als Dozent an der Belgrader Filmakademie einstellen. Und das, obwohl er zu den bedeutendsten Regisseuren des Landes zählte.

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Für seine Verfilmung vereinfachte Petrović die komplexe Struktur der Vorlage und stellte den Meister (der hier den Namen Nikolaj Afanasijevic Maksudov trägt, während er im Roman namenlos bleibt) in den Vordergrund. In der literarischen Vorlage ist der Meister Schriftsteller und das von ihm verfasste Werk Teil von Bulgakovs Roman. Das Problem des Meisters Buch „Pilatus“ in den Film zu integrieren, löst Petrović auf kreative und schlüssige Weise dadurch, dass er aus dem Meister einen Theaterautoren macht und „Pilatus“ zum Theaterstück umgewidmet wird. Dessen Proben wohnt der Zuschauer immer mal wieder bei. Durch die Reaktionen der Theaterbetreiber und Kritiker wird so ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem großen Thema hergestellt, welches Petrović in seiner Verfilmung in den Vordergrund stellt: Die Freiheit der Kunst und wie diese in totalitären Systemen beschnitten und auf bigotte Art und Weise von den Günstlingen des Systems unterdrückt wird. Insbesondere, um eigene Interessen zu schützen oder sich Vorteile zu schaffen.

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Dabei vernachlässigt Aleksandar Petrović vollkommen die Liebesgeschichte zwischen dem Meister und seiner Magarita. Diese wird von Mimsy Farmer gespielt, die in diesem Film eine überraschend gute und attraktive Figur macht. Leider wird sie mehr oder weniger zur Stichwortgeberin reduziert und verschwindet auch immer mal wieder ganz aus der Handlung. Es ist sehr offensichtlich, dass Petrović dieser Aspekt des Romans nicht sonderlich interessiert hat. Man hat das Gefühl, die Magarita käme nur vor, weil sie ja Teil des Titels ist. Ungewöhnlich auch die Besetzung des Satans mit Alain Cuny der wenig dämonisches mitbringt. Weiter weg von der Klischeedarstellung eines typischen Mephisto, kann man kaum inszenieren, was dem Film durchaus gut tut. Deshalb ist es umso unverständlicher, dass Wolands Helfershelfer zweidimensionale Abziehbilder sind, die all jene Stereotypen mitbringen, die man bei Woland vermieden hat. Der derbe und wenig originelle Klamauk, den sie in ihre Szenen einbringen, mag so gar nicht passen. Und er steht im krassen Gegensatz zu der eher langsamen und bedachten Inszenierung der Figur des Meisters und seines Kampfes gegen die absurde Zensur und das Verbot seines Stückes.

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Beim große Finalen haben Woland und seine Helfershelfer ihren großen Auftritt. Sie lassen es teure Kleidung regnen, die dann wieder verschwindet und einen aufgeregte Haufen Nackter zurücklässt. Dies wirkt allerdings im harten Kontrast zu der kopflosen Herumgerenne auf der Leinwand, seltsam unaufgeregt. Vielleicht hat man ähnliches schon zu häufig gesehen, vielleicht ist die Botschaft zu dick aufgetragen: Die eigenen Gier lässt den Menschen, am Ende alles verlieren und nackt und beschämt dastehen. Der Autor der Vorlage, Michail Bulgakow, gilt als großer Satiriker der russischen Literatur. Von der feinen Satire ist hier nicht viel zu merken. Aber vielleicht kennen wir auch heutzutage die Mechanismen der Macht zu genau, um den bösen Witz der Geschichte noch als ebensolchen wahrzunehmen. Denn wir wissen ja mittlerweile, dass die Wahrheit häufig noch viel absurder als die Persiflage ist.

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In der freien Bearbeitung des Roman-Klassikers wechseln ruhige Sequenzen oftmals unvermittelt mit groben Klamauk. Ugo Tognazzi ist eine ideale Besetzung für den nachdenklichen, für seine freie Meinungsäußerung kämpfender Theater-Autor. Handwerklich hervorragend, wirkt Aleksandar Petrović Film heute manchmal etwas zahm.

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Die DVD-Umsetzung ist recht anständig geraten. Manchmal wirkt das Bild allerdings etwas blässlich und es kommt zu einem leichten Flackern der Farben. Dies zieht sich aber nicht durch den gesamten Film, sondern ist nur an einigen wenigen stellen zu bemerken. Neben der guten deutschen Synchronisation, befindet sich noch die italienische Sprachfassung mit auf der DVD. Da hier aber bis auf Tognazzi alle Schauspieler nachsynchronisiert wurden, kann man auch mit ruhigem Gewissen die deutsche Fassung anschauen. Was Extras angeht ist die DVD leider nur sehr schwach mit einer Bildergalerie und einem Trailer ausgestattet. Das beiliegende Booklet kann ich leider nicht beurteilen, da mir dieses nicht vorlag.

Blu-ray-Rezension: „“The Twilight Zone – Die gesamte vierte Staffel”

Von , 30. August 2015 13:56

twilightzone4Das vierte Jahr sollte für die „Twilight Zone“ ein schwieriges werden. Ein letztes Mal wurde das berühmte Intro geändert, welches ab jetzt lautete: „You unlock this door with the key of imagination. Beyond it is another dimension: a dimension of sound, a dimension of sight, a dimension of mind. You’re moving into a land of both shadow and substance, of things and ideas; you’ve just crossed over into the Twilight Zone.“ Der produzierende Sender CBS beschloss, die vierte Staffel als Ersatz für die Comedy-Serie „Fair Exchange“ zu nutzen. Diese lief allerdings eine Stunde (inklusive Werbung), als doppelt so lang wie eine „Twilight Zone“-Folge. Dies hatte zwei Konsequenzen: Es wurden nur 18 statt wie sonst über 30 Folgen produziert. Und auch die „Twilight Zone“ hatte nun eine Stunde zu laufen, um den freiwerdenden Sendeplatz auszufüllen. Eine Entscheidung, die beim Schöpfer, Moderator und Hauptautoren der Sendung gar nicht gut ankam. Schon früh beschwerte er sich darüber, dass die einzelnen Folgen nun mit „Seifenopern-Elementen“ auf Länge gebracht werden müssten, und der Zuschauer in der ersten Viertelstunde gar nicht wüsste, ober nun die „Twilight Zone“ oder eine populäre Drama-Serie sehen würde. Und tatsächlich bekam die längere Laufzeit der Sendung nicht besonders. Dies ist vor allem in den ersten Folgen der vierten Staffel sehr offensichtlich. Während sich die erste Folge noch gut schlägt, leiden insbesondere die beiden folgenden Episoden sehr unter zu viel Laufzeit.

In „In His Image“ (Wie ein Spiegelbild, Folge 103), der ersten Folge der vierten Staffel geht es um ein typisches „Twilight Zone“-Thema. Ein Mann kehrt mit seiner Verlobten in seine Heimatstadt zurück. Dort scheint nicht nur die Zeit plötzlich 20 Jahre nach vorne gesprungen zu sein, es erinnert sich auch niemand mehr an ihn. Im Haus seiner Tante wohnt ein fremder Mann und die Gräber seiner Eltern sind auf dem Friedhof verschwunden. Um die Nettospielzeit von knapp über 50 Minuten zu füllen,wird dies alles sehr ausführlich erzählt. Ein guter Plot-Twist im letzten Drittel bringt aber wieder Tempo in die Geschichte und ermöglicht es dem fantastischen Hauptdarsteller George Grizzard noch einmal sein ganzes Können zu zeigen. Sieht man seine charismatische und fesselnde Darstellung in „Wie ein Spiegelbild., fragt man sich, warum George Grizzard kein Name ist, den man heute noch kennt.

In der zweiten Folge „The Thirty-Fathom Grave“ (Die Tiefe, Folge 104) können die Auswirkungen der längeren Laufzeit nicht mehr verdeckt werden. Die Geschichte um ein Kriegsschiff, welches mitten auf dem Atlantik plötzlich Kopfzeichen aus einem lange versunkenen U-Boot vernimmt, ist nett und perfekt für 25 Minuten. Gestreckt auf eine Stunde fängt die Geschichte, trotz einiger guten Szenen und Einfälle, an zu nerven. Denn die Auflösung liegt spätestens der Hälfte klar auf der Hand und es erstaunt, weshalb niemand von den handelnden Personen schon viel früher darauf kommt. So ist die „Überraschung“ am Ende nur noch die lange herbeigesehnte Bestätigung dessen, was man eh schon weiß. Ähnlich verhält es sich mit „Valley of the Shadow“ (Das Tal der Schatten, Folge 105), die wieder eine altbekannte Geschichte – Mann verirrt sich in ein geheimnisvolles Dorf in dem jeder Bewohner Teil eines großen Geheimnisses zu sein scheint – nur eben in der doppelten Zeit wie zuvor. Trotz wiederum guter Einfälle und Schauspieler, dauert es viel zu lange, bis die Geschichte endlich auf den Punkt kommt und sie enthält auch viel zu viele genaue Erklärungen, was in der merkwürdigen Stadt los ist.

Erst mit der vierten Folge, „He’s Alive„( Er ist zurück, Folge 106), scheint sich die vierte Staffel gefunden zu haben. Die Handlung um einen jungen Mann mit Minderwertigkeitskomplexen, der alles versucht, um sich an die Spitze einer kleinen Nazi-Gruppe in einer amerikanischen Stadt zu setzen, nutzt das mehr an Spielzeit effektiv, um die Geschichte langsam und nachvollziehbar aufzubauen, und den einzelnen Figuren Tiefe zu verleihen. Dabei profitiert „He’s Alive“ von der intensiven Darstellung eines blutjungen Dennis Hopper, der den jungen Nazi spielt. Zudem verzichtet Serling in dieser Episode, die im scheinbar sehr am Herzen lag, weitgehend auf phantastische Elemente. Diese kommen eher allegorisch zum Tragen.

In der vierten Staffel gab es keine Klassiker, an die man sich besonders erinnert oder die auf den Bestenlisten der Fans auftauchen. Dabei hätte dort durchaus die Folge „On Thursday We Leave for Home“ (Gestrandet, Folge 118) hingehört. Ein großartiger James Whitmore spielt „Captain“ Benteen, den Anführer einer Gruppe von Erd-Aussiedlern, die vor 30 Jahren der Erde den Rücken gekehrt haben, um auf einem anderen Planeten eine neue, bessere Welt zu schaffen. Dummerweise sind sie auf einem extrem unwirtlichen Planeten gelandet. Als nach 30 Jahren tatsächlich das von allen ersehnte Raumschiff kommt, um sie wieder zur Erde holen, merkt Benteen schnell, dass seine über die Jahre aufgebaute Autorität und sein fast gottgleicher Status rasch schwinden. Verzweifelt versucht er, seine Leute davon zu überzeugen, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Der „Diktator“ wird hier nicht als Unhold gezeichnet und man kann seine Gefühle nachvollziehen, ohne seine Einstellungen gut zu heißen. Autor Rod Serling hielt „On Thursday We Leave For Home“ für die effektvollste Folge der vierten Staffel, und man kann ihm da recht geben.

Die letzte Folge der vierten Staffel , „The Bard“ (Der Barde, Folge 120) ist dann eine satirische Abrechnung Serlings mit dem TV-Betrieb. Ein hoffnungslos untalentierter Autor versucht hartnäckig, seine immer gleichen Drehbücher an den Mann zu bringen. Eines Tages gelingt es ihm mithilfe schwarzer Magie, Wilhelm Shakespeare ins Leben zurückzuholen und diesen als wortwörtlichen „Ghostwriter“ zu nutzen. Tatsächlich wird sein neues Drehbuch ein Erfolg, auch wenn der Sponsor der Fernsehsendung zahlreiche Änderungen vornehmen lässt. Vor den überzogenen Forderungen der Geldgeber ist nämlich selbst ein Shakespeare nicht gefeit. Serling legt diese letzte Episode der vierten Staffel ganz klar als überdrehten Klamauk an. Immer wieder werden die Taten der handelnden Personen über die slapstickhafte Musik kommentiert. Jack Weston gibt eine gnadenlos überzogene Darstellung des großmäuligen Verlierers Julius Moomer und Burt Reynolds taucht kurz auf, um eine solch bösartige Parodie auf Marlon Brando abzuliefern, dass man das „Original“ beinah wutschnaubend vor dem Fernseher sitzen sehen kann. Allein Hitchcock-Stammschauspieler John Williams behält als wiederauferstandener William Shakespeare seine Würde und würzt seinen Auftritt mit feiner Ironie.

Nach nur 18 Folgen endete die vierte Staffel und man hatte etwas gelernt: In der fünften und letzten Staffel kehrte man zu bekannten Halbstunden-Format zurück.

Die Qualität der Blu-rays beeindruckt wieder nachhaltig. Die schwarz-weiße Bilder wirken teilweise schon plastisch. Die 18 Folgen der vierten Staffel verteilen sich auf 6 Blu-rays. Die Folgen werden, wie in den Staffeln zuvor, wieder fast immer von einem oder gleich mehreren Audiokommentaren begleitet und man kann sich – seltsamerweise bis auf die letzten drei Folgen – die Musikspur isoliert anhören. Die sonstigen Extras befinden sich auf der sechsten Blu-ray und beinhalten Radiohörspiele nach Folgen der vierten Staffel, Interviews, Werbespots mit Rod Serling und einen Sketch aus „Saturday Night Live“ von 1979, in dem Dan Aykroyd eine perfekte Rod Serling-Imitation gibt. Da die vierte Staffel zuvor nie in Deutschland gezeigt wurde, gibt es auch keine Synchronisation. Alle Folgen liegen im Original mit deutschen (manchmal leider etwas fehlerhaften) Untertiteln vor.

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