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Blu-ray-Rezension: „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“

Von , 4. Juli 2019 08:26


Kommissar Giacomo Bonavia (Martin Balsam) setzt alles daran, dass der Kleinkriminelle Michele Li Puma (Adolfo Lastretti) aus einer Heilanstalt für Geistesgestörte Kriminelle entlassen wird. Li Pumas Weg führt geradewegs zum Büro des Bauunternehmers Ferdinando Lomunno (Luciano Catenacci), wo er ein Massaker anrichtet, bei dem er selber ums Leben kommt. Lomunno selber ist aber an diesem Tag nicht im Büro. Die Bluttat ruft Staatsanwalt Traini (Franco Nero) auf den Plan. Dieser vermutet bald, dass Bonavia in die Sache involviert ist. Während Bonavia dem jungen Staatsanwalt die Welt der Mafia und die Ohnmacht der Polizei zu erklären versucht, glaubt Traini unerschütterlich an die Macht des Rechtsstaats und versucht Lomunno mit legalen Mitteln beizukommen. Eine Schlüsselfigur komm dabei Li Pumas Schwester Serena (Marilù Tolo) zu, der Ex-Geliebte Lummons.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Wenn man Damiano Damiani als König des italienischen Mafia-Films bezeichnet, werden einige vielleicht noch mit Francesco Rosi kontern, doch es dürfte ein Konsens darüber bestehen, dass es Damiani wie kaum einem anderen gelang, politische Anklage und hervorragende Unterhaltung auf das Beste miteinander zu vereinen. Unvergessen seine TV-Serie „Allein gegen die Mafia“, welche 1984 auch in deutschen Haushalten ein echtes Ereignis und Tagesgespräch war. „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ war der Auftakt einer kleinen Reihe von Filmen, die ihn hierzulande bekannt gemacht haben. Sein ebenfalls 1971 entstandener Film „Das Verfahren ist eingestellt – vergessen sie’s!“ in dem auch Franco Nero die Hauptrolle spielt, wurde erst kürzlich von Koch Media auf Blu-ray veröffentlicht, sein „Warum musste Staatsanwalt Traini sterben“ (!!!) ist schon länger auf DVD erhältlich. Bereits vor „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ hatte sich Damiani mit politischem Kino (wie in seinem außerordentlichen Italo-Western „Töte Amigo“) und der Mafia („Der Tag der Eule“, seiner ersten Zusammenarbeit mit Franco Nero) beschäftigt. Doch „Der Clan, der seine Feine lebendig einmauert“ ist der erste Film, an den man sich erinnert, wenn das Gespräch auf Damiani kommt.

Das mag auch an dem ausgesprochen markigen deutschen Titel liegen, der weder etwas mit dem Originaltitel (dessen Übersetzung „Geständnis eines Polizeikommissars vor dem Anwalt der Republik“ heißen müsste) zu tun hat, noch der Wahrheit entspricht. Zwar wird wirklich jemand eingemauert, ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits mausetot. Wobei angedeutet wird, dass sich in den Stützpfeilern so mancher Neubauten Italiens die Opfer der Mafia befinden. Dass diese bei der Versenkung in Beton noch lebten wird aber nicht erwähnt – wobei es bei der Brutalität mit der die „ehrenwerte Gesellschaft“ zuwege geht, durchaus im Rahmen des Möglichen liegt. Damiano erliegt nicht eine Sekunde der Versuchung seine Mafia zu glorifizieren. Es sind ungehobelte, unflätige Menschen, die auch nicht davor zurückschrecken Kinder zu ermorden, wenn es ihrer Sache dient. Die erst einen Menschen brutal abstechen, um sich dann wie Kinder an einer Komödie zu ergötzen. Auch zeigt er auf, wie sich die Korruption gleich einem Geschwür in der italienischen Gesellschaft ausbreitet. Wie alles miteinander zusammenhängt und letztendlich nur der unersättlichen Gier einiger weniger Männer dient.

Dass Damiani auf Seite seines Kommissars steht, ist jede Sekunde klar. Er versteht dessen Frustration und Wut. Aber im Gegensatz zu einem Maurizio Merli weiß Bonavia, dass er mit den Konsequenzen seines Handelns leben muss. Dass er sich auf das Niveau derer herabbegibt, die er verachtet. Dass er sich mit seinen Taten selbst ein Todesurteil ausstellt. Dazu braucht es keinen Staatsanwalt. Sein von Franco Nero verkörperter junger, idealistischer Gegenpart Traini wird dabei nicht lächerlich gemacht, wie das so gerne mal der Fall ist, wenn man im Film den pragmatischen harten Hund mit dem idealistischen, regelstrengen Neuling zusammensteckt. Beide Seiten haben gute Argumente für ihr vorgehen. Während Franco Neros Traini noch die Kraft und den Glauben an die Gerechtigkeit besitzt, so ist Martin Balsams Bonavia von seinem langen, erfolglosen Kampf ausgebrannt und hat seinen Glauben schon lange verloren. Obwohl Martin Balsam nicht die erste Wahl für die Rolle des Bonavia war (favorisiert wurden Anthony Quinn oder John Cassavettes), kann man sich heute keine besser Besetzung als ihn vorstellen. Die gedrungene Gestalt, der so gar nichts heroisches anhaftet, die dunklen, irgendwie melancholischen Augen Balsams und diese kompromisslose Härte, die Balsam trotz alledem ausstrahlt. Auf der anderen Seite der schöne Franco Nero. Immer kerzengerade, gut angezogen, athletisch. Leicht hätte Staatsanwalt Traini zu einer Klischeefigur werden können. Doch Neros Schauspielkunst verhindert dies. Wie Balsam strahlt er einen unbarmherzigen Willen aus. Und unterschwellig erste Zweifel an seinem bedingungslosen, optimistischen Glauben an den Rechtsstaat. So unterschiedlich beide äußerlich sind – der Weg Trainis zu einem Bonavia ist bereits vorgezeichnet.

Damiani inszeniert seinen Film wie unerbittliches Uhrwerk oder eine sich langsam zuziehende Schlinge. Dabei legt er kaum Wert auf Action. Diese wird gleich zu Beginn des Filmes abgehandelt, ansonsten beschränkt sie sich auf kurze, wenn auch heftige Ausbrüche. Damianis Film treibt die Handlung immer vorwärts, unaufhaltsam auf ihr pessimistisches Ende zu. Die Spannung entsteht vor allem an der Reibung der Paarung Franco-Balsam und der Frage, welche „Glaubensrichtung“ sich durchsetzen wird. Ob Bonavia etwas vom jungen, idealistischen Traini annehmen wird oder Traini ins frustrierte Innere von Bonavias Seele gezogen wird. Da verzeiht man auch kleinere Holprigkeit, wenn z.B. für die Rückblenden den beiden haarlosen Balsam und Luciano Catenacci einfach Perücken aufgesetzt wurden und die Augen mit Kajal umrandet werden, und beide dabei noch immer wie Männer fortgeschrittenen Alters aussehen, die man mehr schlecht als recht auf jung getrimmt hat.

„Der Clan, der seine Feine lebendig einmauert“ ist ein Klassiker des italienischen Mafia-Films. Er lebt von seinen ausgezeichneten Darstellern und der ruhigen, aber zielstrebigen Inszenierung Damiano Damiani, die von der Korruption und Gewalt in der italienischen Gesellschaft erzählt und den tiefen Verletzungen, die diese in den Seelen von Männern hinterlässt, die kein legales Mittel gegen sie finden.

Endlich wieder Nachschub in der Polizieschi-Reihe von filmArt. Nachdem „Der Clan, der seine Feine lebendig einmauert“ bereits 2005 und 2009 bei Koch Media als DVD erschienen ist, kommt jetzt eine Blu-ray-/DVD-Kombi von filmArt. Dabei muss man die Blu-ray ein wenig suchen, denn zunächst sieht man lediglich die DVD. Die Blu-ray befindet sich in einem Papp-Schuber, der über dem Booklet liegend auf der linken Seite eingeklemmt wurde. Bild- und Tontechnisch macht der Film einen guten Eindruck. Die Blu-ray ist wie die alte Koch-DVD gegenüber der Kinofassung ungeschnitten, weshalb damals nicht synchronisierte Stellen im italienischen Original mit Untertiteln verbleiben. Neben der ungekürzten Version wurde noch die deutsche Kinofassung mit dazu gepackt, welche dann auch den deutschen Vorspann aufweist. Als neue Extras kommt noch ein 4-minütiges Interview mit Franco Nero dazu. Das 20-minütige Featurette „Franco Nero in His Own Words“ der Koch-Media-Version fehlt leider. Das 12-seitige und sehr lesenswerte Booklet stammt von Udo Rothenberg, dessen fantastischen Blog „L’Amore in città“ ich hier schon desöfteren verlinkt habe.

Kleiner Bildvergleich zwischen der alten Koch-DVD und der neuen filmArt-DVD

Koch (2005)

filmArt (2019)

Koch (2005)

filmArt (2019)

Bremer OFDb Filmworks bringt „Wenn du krepierst – lebe ich“

Von , 21. Mai 2015 22:41

HitchhikeAusgesprochen gute – wenn auch mittlerweile schon etwas ältere – Nachrichten aus der Nachbarschaft. Die OFDb Filmworks veröffentlicht am 05.06.2015 den grandiosen „Hitch Hike – Wenn du krepierst lebe ich“ von Pasquale Festa Campanile. Campanile ist mehr für seine Dramen und Komödien bekannt. Hier zieht er ganz mächtig vom Leder und lässt in seinem misogynen Meisterwerk David Hess („Krug“ aus Wes Cravens Kult-Schocker „Last House on the Left“ und ebenfalls in Ruggereo Deodatos bösen„Der Schlitzer“ zu sehen) Franco Nero und die bezaubernde Corinne Cléry aus „Die Geschichte der O“ zu einem grandiosen Morricone-Soundtrack aufeinander los.

Walter Mancini (Franco Nero) befindet sich mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einer Reise durch den Süden der USA. Die Reise ist aber kein allzu großes Vergnügen, denn das Paar ist zerstritten und die Beziehung alles andere als harmonisch. Als ihnen ein Anhalter begegnet, der offensichtlich eine Autopanne hatte, hält Eve gegen den Willen ihres Mannes an und nimmt ihn mit. Zuerst unterhält sich Walter noch mit Adam Konitz (David Hess), aber als dieser sexistische Bemerkungen gegenüber seiner Frau macht, eskaliert die Situation schnell und Konitz zeigt sein wahres Gesicht: Er ist ein gesuchter Krimineller, der eine Beute von zwei Millionen Dollar bei sich hat, die er mit der Hilfe von Walter und Eve über die mexikanische Grenze schmuggeln will…

Die Veröffentlichung kommt als 3-Disc Limited Edition daher, die eine Blu-ray und zwei DVDs im Digipak enthält. Der Film wurde neu vom Originalnegativ in HD abgetastet und mit drei Tonspuren (Deutsch, Englisch, Italienisch) versehen. Auch die Extras können sich sehen lassen. Enthalten sind u.a. ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und die 85 (!)-minütige Doku „Road to Ruin“.

Da herrscht bei mir große Vorfreude, und meine alte US-DVD dürfte bald ausgedient haben.

Blu-ray-Rezension: “Der Tag der Cobra”

Von , 13. Mai 2014 20:26

tag_der_cobraLarry Stanziani (Franco Nero) saß drei Jahre im Knast. Früher räumte er unter dem Spitznamen „die Cobra“ für das FBI in der Unterwelt von San Francisco auf, denn er war das beste Pferd im Stall seines Vorgesetzten Goldsmith (William Berger). Doch dann wurde er aufgrund einer Intrige selber wegen Drogenhandels verhaftet. Nun hat er ein kleines Detektivbüro und kümmert sich um belanglose Fälle. Eines Tages bietet ihm Goldsmith an, einen Job zu übernehmen, der ihn rehabilitiert. Stanziani soll nach Genua reisen und dort den Boss des Drogenhandels, Kandinsky, in Gewahrsam nehmen. Stanziani nimmt an und macht sich in Genua auf die Suche nach Kandinsky. Dabei gerät er in ein Netz aus Verschwörungen und Lügen…

1980 war das Genre des Poliziesco bereits so gut wie tot. Komödien um den Superbullen Tony Marroni bestimmten das Bild und die Zeiten, in denen Maurizio Merli die Straßen (un)sicher machte, waren vorbei. Enzo G. Castellari war im Bereich des Poliziesco nicht ganz so fleißig, wie seine Kollegen Lenzi und Massi, dafür waren seinen Beiträge sofort Klassiker des Genres. Mit Franco Nero drehte er „Straße in Jenseits“ und vor allem „Ein Bürger setzt sich zur Wehr„. Mit Fabio Testi in der Hauptrolle realisierte er „Dealer Connection“ und „Racket„. 1980 fanden Castellari und sein Lieblingsschauspieler Franco Nero wieder zusammen, um mit „Der Tag der Cobra“ noch einmal einen harten Poliziesco zu machen. Doch die 70er waren vorbei, die Zeit hatte sich geändert. Das wird einem unmittelbar klar, wenn die ersten Bilder zu sehen sind, welche in San Francisco und nicht im sonnigen Rom oder Mailand aufgenommen wurden. Zwar verlagert sich die Handlung bald nach Genua, aber der Film versucht trotzdem einen möglichst amerikanischen Look zu präsentieren. Dies gilt insbesondere für Franco Nero als Larry Stanziani, der mit seinem versiften Trenchcoat, dem komischen Hut und dem ständigen Kaugummi im Mund (welches ihn wohl, trotz italienischer Wurzeln, als bestens assimilierten Amerikaner ausweisen soll) irgendwie an Mike Hammer erinnert. Dazu passt auch sein verdrecktes Detektivbüro in San Francisco, welches zwar hübsch schmierig aussieht, aber auch einen Tick zu dick aufgetragen.

Der amerikanische Look überträgt sich auch auf die Action-Sequenzen. Hier hält sich Castellari auffällig zurück. Zelebrierten seine früheren Filme die Zeitlupen-Shoot-Outs und das Peckinpahsche Todesballet bis zum Exzess, so dominieren hier schnelle Faustkämpfe, die zwar schnell und hart, aber visuell eher unspektakulär umgesetzt werden. Zwei Ausnahmen erinnern daran, was für ein hervorragender und vor allem einfallsreicher Action-Spezialist Castellari ist. Zunächst ein Kampf zwischen Stanziani und einem Transvestiten, der sich überraschenderweise als durchtrainierte Kampfmaschine erweist, und die zu flottem Disco-Beat choreographiert wurde. Leider endet diese sehenswerte Sequenz recht unspektakulär. Und dann natürlich das große Finale, welches zwar auch unter der Erwartung des großen Spektakels bleibt (man vergleiche es nur einmal mit dem Wahnsinn, den Castellari kurze Zeit später mit den beiden „Riffs„-Filmen folgen lassen sollte), aber trotzdem ein paar hübsche Geschmacklosigkeiten einstreut, die man so schon gar nicht mehr erwartet hatte.

Zeitweise hat man fast das Gefühl, die ganze Figur des Larry Stanziani wäre als Parodie angelegt. Ständig führt er einen kessen Spruch auf den Lippen und neben seiner Kaugummi-Obsession, wird ihm noch eine Flummi in die Hand geben, mit dem er ständig herumspielt.  Um das Ganze noch mehr mit Stereotypen anzureichern, erhält er dann noch eine tragische Hintergrundgeschichte um Verrat und Gefängnisaufenthalt. Auch ein verlorener Sohn wird mit ins Skript genommen, wobei es sehr durchsichtig ist, dass diese Sub-Plot lediglich dazu dient, Stanzianis späteren Rachefeldzug zu legitimieren, und vielleicht auch Franco Neros leiblichen Sohn, Carlo Gabriel Sparanero, einmal vor die Kamera zu holen. Dieser macht seine Sache weder besonders schlecht und noch besonders gut. Es sollte dann auch sein letzter Auftritt vor der Kamera bleiben. Dem Filmgeschäft blieb er aber treu und ist heute als Regisseur aktiv. Trotzdem hätte man sich die Geschichte um Stanzianis Sohn, die auch nie wirklich ausformuliert wird, sparen können. Sie bringt den Film jedes Mal zum Halt und passt auch nicht wirklich zu Neros Figur, die als einsamer, zynischer Wolf eingeführt wurde. Allerdings nutzt Castellari gerade diese Sequenzen für einige nette filmische Spielereien.

Ein wichtige Rolle in „Der Tag der Cobra“ spielt die Stadt Genua, der Castellari förmlich ein Denkmal errichtet. Er zeigt ihre pittoreske Sonnenseite, ebenso wie die dunklen, heruntergekommenen Viertel. So wie Castellari die Stadt filmt, ist Genua das Spiegelbild der Handlung. Denn jede der vielen Nebenfiguren zeigt zunächst ihre prächtige Fassaden, aber dahinter lauern schon die verfallenen Hinterhöfe und finsteren Gassen. Dass am Ende dann wirklich jeder – mit Ausnahme von Stanzianis väterlichen Freund – irgendwie in die doch recht verworren erzählte Intrige verstrickt ist, versucht der Film nicht großartig zu verschleiern. Tatsächlich ahnt man schon bei seinem ersten Auftritt, wer am Ende hinter all dem steckt. So hält sich die Spannung dann auch im Rahmen. Schade ist es auch, wie die großartige Sybill Danning in ihrer Rolle verschwendet wird. Zwar wird ihr einmal ein starker, ikonischer Auftritt gegönnt, ansonsten bleibt ihre Figur nur Staffage und es gelingt auch nicht, sie als mysteriöse Femme fatale zu inszenieren. Ihre Rolle in der Geschichte ist dafür auch zu durchschaubar. Schade, das Duo Nero/Danning hätte durchaus mehr Potential gehabt, wenn man die Figur der Brenda etwas offensiver in die Handlung und die Action mit einbezogen hätte.

Dass nun die 80er angebrochen sind, hört man auch an der Musik. Paolo Vasile, der ansonsten wenig in Erscheinung getreten ist und nebenbei auch als Production Manager arbeitete, unterlegt den Film mit cool groovenden Synthesizer-Beats, wie sie gerade in USA in Mode gekommen waren, hier aber ein italienisches Flair erhalten. Besonders schön ist der Titelsong mit den hübschen Zeilen „I don’t give a damn‘, I am the cobra“. Das klingt verdächtig nach den De-Angelis-Brüdern, allerdings konnte ich nirgendwo einen Hinweis darauf finden, ob sie hier wirklich die Finger im Spiel hatten. Erfreulich ist auch das Wiedersehen mit vielen beliebten Gesichtern des italienischen Genre-Kinos. Neben dem wie immer wunderbaren Österreicher William Berger und den Amerikaner Mickey Knox, sieht man in kleineren Rollen auch wieder Enzo G. Castellaris Bruder Ennio Girolami und Romano Puppo. Und wer ganz genau hinsieht, erkennt vielleicht auch den späteren Kult-Regisseur Michele Soavi in einer nicht ganz unwichtigen Rolle.

„Der Tag der Cobra“ bleibt zwar meilenweit hinter den Castellari/Nero-Meisterwerken „Straße ins Jenseits“ und „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ zurück, liefert aber immer noch sehr ordentliche Unterhaltung ab. Dabei ist es schade, dass Castellari sich augenscheinlich vor allem von amerikanischen Vorbildern leiten ließ und bei den für ihn zum Markenzeichen gewordenen Action-Szenen spürbar zurückhält. Auch muss man bei der unnötig komplizierten und gleichzeitig doch leicht vorhersagbaren Geschichte Abstriche machen. Und leider wird dieser Schwachpunkt nicht durch den typisch italienischen Irrwitz in der visuellen Gestaltung ausgeglichen. Trotzdem ist „Der Tag der Cobra“ sehr solides Handwerk mit gern gesehenen Gesichtern, einem guten Soundtrack und einigen hübschen Einfällen, die ihn dann doch locker über das Niveau vergleichbarer US-Produktionen drücken.

Erstmals erscheint ein Film in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt auf Blu-ray. Ungünstigerweise für alle, die noch nicht von DVD auf HD-Technik umgerüstet haben, auch nur auf Blu-ray. Zuvor war „Der Tag der Cobra“ bereits auf suboptimalen DVDs von obskuren Kleinst- und Ramsch-Labeln erhältlich. Hier erstrahlt der Film nun erstmals in vollem Glanz. Grundlage der HD-Abtastung war ganz offensichtlich eine Kinorolle. Hier und dort sieht man einige Filmschäden, was meiner Ansicht nach aber nichts weiter ausmacht. Das Bild hat sehr kräftige Farben und ist in hellen und gut ausgeleuchteten Szenen sehr klar. Nur bei dunkleren Passagen wird es etwas grisselig, was aber am Ausgangsmaterial liegen dürfte. Der deutsche Ton liegt als Lichtton und Magnetton vor. Der Lichtton ist etwas heller, klirrt aber leicht in den Spitzen, während der Magnetton etwas dumpfer klingt. Ferner gibt es noch englischen Ton, allerdings ohne Untertitel. Die Extras sind etwas spärlich. Im Menü läuft der Titel-Song über verfremdete Bilder aus dem deutschen Trailer. Dieser ist auch in ganzer Länge auf der Blu-ray zu finden und amüsiert durch superlative Ankündigungen. Das Booklet besteht aus dem kompletten Aushangsatz des Filmes.

Western Unchained: „Die Zeit der Geier“ & „Mercenario – Der Gefürchtete“

Von , 28. Februar 2013 15:23

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Kitosch (George Hilton) arbeitet auf der Farm des Großgrundbesitzers Don Jaime Mendoza (Eduardo Fajardo). Hier sorgt er mit amourösen Ausschweifungen besonders bei den Ehefrauen seiner Kollegen für Unruhe. Als er eines Tages mit der Frau von Don Mendoza erwischt wird, flüchtet er von der Ranch. Doch Don Mendoza hetzt den Sheriff auf Kitosch und so landet er im Gefängnis. Hier wird er von dem berüchtigten „Schwarzen Tracy“ (Frank Wolff) befreit. Die beiden bilden schon bald ein Team. Tracy ist hinter einem ehemaligen Freund her, der ihn einst an den Sheriff ausgeliefert hat. Auf der Suche nach dem Verräter erkennt Kitosch immer mehr, mit was für einem gefährlichen Mann er da unterwegs ist…

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Die Zeit der Geier“ lockt den Zuschauer zunächst auf eine falsche Fährte. Der Film beginnt mit einer fröhlichen Prügelei und führt den vom Uruguayer George Hilton gespielten Kitosch als Schürzenjäger und unbekümmerten Hallodri ein. Das passt auch gut zu Regisseur Nando Cicero, der in den 70ern fast ausnahmslos Komödien drehte. Hilton verkörpert hier zunächst einen jugendlichen Draufgänger, so dass man sich in dieser Rolle auch sehr Giuliano Gemma vorstellen könnte.

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Doch bald schon ändert sich die Stimmung des Filmes. Bereits am Anfang, wenn Kitosch gebrandmarkt wird und später von den Männern seines Arbeitgebers (Eduardo Fajardo in einer für ihn typischen Rolle) verfolgt und bedroht wird, schwingt eine raue Brutalität mit, die so gar nicht zu dem Anfang passen will. Ganz finster wird es, wenn der von Frank Wolff bravourös gespielte „Schwarze Tracy“ auf einer Totengräberkutsche und Sarg auftaucht. Frank Wolff spielte in der Regel gutmütige – wenn auch manchmal etwas korrupte – Charaktere. Als Bösewicht sah man ihn eher selten. Vielleicht hat er nur darauf gewartet, seine dunkle Seite zeigen zu können. Hier lässt er den Zuschauer schon recht bald erschauern. Obwohl er bereits in der ersten Szene keine Skrupel zeigt, zahlreiche Ordnungshüter über den Haufen zu schießen, so glaubt man zunächst daran, dass sich zwischen ihm und Hilton so etwas, wie eine Vater-Sohn- oder zumindest Großer-Bruder/Kleiner-Bruder-Beziehung entwickeln könnte. So wie zwischen Lee van Cleef und Giuliano Gemma in „Der Tod ritt dienstags“. Das tut es auch, aber anders als geglaubt.

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Tracy ist ein Psychopath und Sadist, der in seiner Mordlust weder vor unbewaffneten Bürgern, noch wehrlosen Frauen zurückschreckt. Er mordet und quält mit einer Leidenschaft, die ihn – neben Kinskis Loco in „Leichen pflastern seinen Weg“ – zu einer der erschreckensten Figuren in der Geschichte des Italo-Western werden lässt. Wie Hilton mehr und mehr in seinen Bann gerät und mit der Zeit alle Skrupel verliert, ist spannend und in dreckigen, rauen Bildern erzählt. Die Fotografie von „Zeit der Geier“ besitzt keinerlei Eleganz, unterstützt aber gleichzeitig durch ungewöhnliche Winkel und Bildausschnitte das psychotische seiner Hauptfiguren.

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Der Film liegt nun erstmals vollständig in Deutschland vor. Für die Kinoauswertung waren damals zahlreiche Szenen geschnitten worden, in denen Tracy immer wieder an epileptischen Anfällen leidet. Vielleicht dachte der Verleih damals, es könnte eine Verbindung zwischen der Krankheit und Tracys eiskaltem Sadismus hergestellt werden. Neben den überzeugenden Hauptdarstellern sei hier auch die feine Musik von Piero Umiliani erwähnt und ein früher Auftritt der schönen Femi Benussi , die hier sehr gut ihr Mieder füllt.

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„Zeit der Geier“ ist einer der Filme, die Quentin Tarantino 2007 im Rahmen einer Italo-Western-Retrospektive auf dem Filmfest in Venedig zeigte. Die Bildqualität ist durchwachsen und reicht von leicht milchig bis sehr scharf. Das stört aber nicht sonderlich. Der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Die im Kino fehlenden Szenen wurden auf Italienisch mit deutschen Untertiteln eingefügt. Die Extras bestehen aus einer 12-minütigen Doku mit dem schönen Namen „Liebesgrüße aus Uruguay“, in der George Hilton über seine Karriere erzählt. Neun Minuten dauert die Doku „Mit Kitosch kam der Tod“ in dem der Filmhistorikers Fabio Melelli über „Die Zeit der Geier“ seine Einordnung im Italowestern spricht. Leider taucht hier erstmals das Problem auf, dass Melellis Ausführungen mit derart schlechten Untertiteln versehen sind, dass der Sinn teilweise untergeht.

 

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Mexiko 1910: Zur Zeit der mexikanischen Revolution rebelliert der Minenarbeiter Paco Roman (Tony Musante) gegen den Grubenbesitzer García (Eduardo Fajardo). Fortan nennen sich Paco und seine Männer „Revolutionäre“, sind aber in erster Linie nur am Rauben und Plündern interessiert. Sie heuern den Waffenhändler und Söldner Kowalski (Franco Nero), genannt der Pole, an, der ihnen beibringen soll, wie man „Revolution macht“. Aber Kowalski ist nur an seinem eigenen Vorteil interessiert, und als er immer höhere und abstrusere Forderungen stellt, eskaliert die Situation.

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Innerhalb des Italo-Westerns ist der Revolutions-Western ein Sub-Genre, in dem sich vornehmlich politisch motivierte Regisseure tummelten, die in der mexikanischen Revolution eine Parabel auf das sahen, was sie Mitte/Ende der 60er Jahre überall auf der Welt erlebten. Die Studentenunruhen, der Krieg in Vietnam und der Beginn eines terroristischen Untergrundes. Damiano Damiani schuf „Töte Amigo“, Sergio Sollima „Von Angesicht zu Angesicht“ und zu guter Letzt erzählte sogar Sergio Leone in „Todesmelodie“ vom Aufstand der ungebildeten Bauern und von den Gringos, die sich als Söldner in Mexiko verdingten.

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Auch Sergio Corbucci, der Schöpfer von „Django“ und Regisseur des wohl bittersten und nihilistischsten Italo-Westerns überhaupt, „Leichen pflasterten seinen Weg“, lieferte hierzu zwei Beiträge ab: „Zwei wilde Companeros“ und den hier besprochenen „Mercenario – Der Gefürchtete“. Beide mit Franco Nero in der Rolle des Gringos. „Mercenario“ ist der erste dieser beiden Filme, und er drückt sowohl Corbuccis Zynismus, als auch sein Mitgefühl für die Unterdrücken aus. Neros „Pole“ ist ein eiskalter, zutiefst zynischer Geschäftsmann, der schon lange nicht mehr an irgendwelche Ideale glaubt. „Ideale sind der Dünger für Friedhöfe“, sagt er irgendwann. Kowalski ist nur sich selbst und dem Geld verpflichtet. Für Leute wie Paco (Tony Musante in einer typischen Tomas Milian-Rolle) hat er nur ein müdes Lächeln übrig.

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Paco wiederum ist auch nicht gerade zum Revolutionär geboren. Revolution heißt für ihn erst einmal, seinen eigenen Bauch voll zu schlagen. Revolutionäre Ideen werden ihm von anderen eingepflanzt, vor allem von der schönen Giovanna Ralli. Bis dies aber Früchte trägt, wird er erst einmal von Kowalski wie eine Puppe gelenkt und immer wieder manipuliert. Wobei Kowalski natürlich nur eins im Sinn hat: Mit Pacos Hilfe möglichst viel Geld zu verdienen. Wie wenig Paco ein echter Revolutionär ist, erkennt man in der berühmten Szene, in der ihm Kowalski die Revolution anhand eines nackten Frauenkörpers erklärt: Der Kopf, das sind die Mächtigen, der Arsch, das sind die Unterdrückten – dazwischen ist der Rücken, und der verhindert, dass der Arsch sich an die Stelle des Kopfes setzt.

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In „Mercenario“ werden sowohl die sogenannten Revolutionäre vorgeführt, die weniger an der sozialer Gerechtigkeit, als an eigener Macht und Wohlstand interessiert sind. Aber auch der kapitalistische Westen, der die Unruhen noch anheizt, um daraus seinen maximalen Profit schlagen zu können, bekommt sein Fett weg. Immerhin gönnt Corbucci – im Gegensatz zu „Leichen pflastern seinen Weg“ – dem Zuschauer am Ende ein kleines Stück Hoffnung. Überhaupt ist die Inszenierung eher leicht und unterhaltsam, als schwer und tragisch. Dafür sorgt schon Ennio Morricones verspielte Musik und der großartige Jack Palance in einer bis an die Grenzen der Parodie gehenden Darstellung eines Profi-Killers, sowie der bei Leone abgeschaute finale Showdown.

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„Mercenario“ nimmt in Quentin Tarantinos Top 20 Italo-Western die Nummer 4 ein. Die DVD ist ein Repack der bereits 2010 erschienen Koch-DVD. Dementsprechend enthält sie die gleichen Extras. In „Die Regeln der Revolution“ (41:29 Minuten) werden Interviews mit Franco Nero, Drehbuchautor Luciano Vincenzoni und Sergio Corbuccis Witwe Nori Corbucci, sowie älteres Material mit Sergio Corbucci und Tony Musante präsentiert.Ferner gibt es einen knapp vier-minütigen Drehorte-Vergleich zwischen entsprechenden Filmausschnitten und aktuellen Aufnahmen der Drehorte, an denen „Mercenario – Der Gefürchtete“ gedreht wurde. Die Bildqualität ist okay, der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor.

DVD-Rezension: „Elio-Petri-Edition“

Von , 10. Dezember 2012 22:08

Der Italiener Elio Petri zählt zwar zu den einflussreichsten italienischen Regisseuren der 60er und 70er, ist aber leider der breiten Masse eher unbekannt. Sein bekanntester Film ist das Pop-Art/Science-Fiction-Spektakel „Das 10. Opfer“, der in diesem Jahr bei Bildstörung eine sehr schöne Veröffentlichung bekommen hatte (Review hier). Elio Petri war in den 40er Jahren der Organisator von kulturellen Veranstaltungen der italienischen kommunistischen Partei und nebenbei Filmkritiker. Nachdem er in den 50ern als Drehbuchautor und Regieassistent gearbeitet hatte, konnte er 1961 mit „Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?“ seinen ersten eigenen Spielfilm realisieren. Danach avancierte er zu einem der angesehensten Regisseure Italiens, der Stammgast bei der Berlinale und in Cannes war, wo er mit „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ 1972 die Goldene Palme in Cannes gewann.  Im Vorjahr hatte er mit „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ sogar einen Oscar gewonnen. 1979 drehte er mit der Komödie „,Buone notizie“ seinen letzten Film, fünf Jahre später verstarb er an Krebs. Es ist Koch Media hoch anzurechnen, dass sie nun eine Edition mit drei seiner bekanntesten Filme und einer Doku herausgebracht hat.

Zwei Särge auf Bestellung (1967)

Der örtliche Apotheker und Frauenheld Arturo Manno (Luigi Pistilli) erhält Morddrohungen, die niemand ernst nimmt, bis er gemeinsam mit seinem Freund Dr. Antonio Roscio bei der Jagd erschossen wird. Verdächtigt werden zwei Brüder einer minderjährigen Liebschaft Mannos. Doch der linke Professor Paolo Laurana (Gian Maria Volonté) glaubt nicht an die Schuld der Analphabeten. Er beginnt als Hobbydetektiv Ermittlungen anzustellen. Dabei verliebt er sich in die Witwe Roscio (Irene Papas) und bemerkt nicht, dass das Netz um ihn herum immer enger wird…

Die Kamera schwebt zu der schönen Musik des großen Meister Luis Bacalov über einer Kleinstadt auf Sizilien. Trotz der schönen Aussicht ahnt man aber schon, dass dort unten etwas nicht stimmt. Wir sind auf Sizilien und hier wird das Leben von Mächten bestimmt, die über den Dingen stehen, allmächtig sind, alles sehen, alles kontrollieren. Eben wie diese Kamera, die über allem schwebt und die Menschen zu Ameisen macht. Was beginnt wie ein normaler Krimi, entwickelt sich schon bald zu einem Polit-Thriller.

Unwissend bereits gefangen im Spinnennetz der Mächtigen und Skrupellosen: Der naive linke Professor Paolo Laurana, verkörpert vom brillanten Gian Maria Volonté, der als Gegenspieler Clint Eastwoods in den beiden ersten „Dollar“-Filmen von Sergio Leone Weltruhm erlangte. Noch glaubt er, er könne die Fäden entwirren und seine kleine Welt wieder ins Lot bringen. Die Bösen entlarven und damit wieder Ruhe einkehren lassen. Dass es dafür bereits viel zu spät ist, passt nicht in sein Weltbild. Er ist der heilige Narr, während sich seine abgestumpfte Umwelt mit den Verhältnissen abgefunden hat. Als er einmal Palermo besucht, explodiert neben ihm eine Autobombe. Die Sizilianer berührt dies aber nicht, das gehört hier schon zum Alltäglichen. Ein rascher Blick, Kopfschütteln, dann geht die tägliche Routine auch schon weiter. Wie fünf Jahre später in „Der Pate“ fällt auch hier nicht einmal das Wort Mafia. Doch das organisierte Verbrechen ist allgegenwärtig und umklammert die Schicksale der einfachen Leute. Damiano Damiani nannte seine – in Deutschland unter dem Titel „Allein gegen die Mafia“ gelaufene – TV-Serie über das organisierte Verbrechen in Italien „Die Krake“, und das trifft es auch hier sehr gut. „Zwei Särge auf Bestellung“ ist ein bewegender, aber auch sehr ernüchternder Film.

Das verfluchte Haus (1969)

Der Maler Leonardo Ferri (Franco Nero) steckt in einer Schaffenskrise. Seine dominante Frau Flavia (Vanessa Redgrave) kauft ihm auf sein Bitten hin ein großes Landhaus, in dem einst eine wunderschöne Frau starb. Leonardo Ferri stürzt sich sogleich in die Arbeit, doch bald schon glaubt er, dass unheimliche Mächte im Haus am Werk sind. Dazu entwickelt er eine krankhafte Obsession für das tote Mädchen und wird von Mordvisionen geplagt. Wirklichkeit und Wahn verschmelzen immer mehr…

Statt Gian Maria Volonté spielt in „Das verfluchte Haus“ Franco Nero – zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Vanessa Redgrave – die Hauptrolle. Während die anderen beiden Filme in der Edition eher politisch und nüchtern sind, erinnert „Das verfluchte Haus“ besonders zu Anfang mit seiner Pop-Art-Ästhetik an Petris bekanntesten Film „Das 10. Opfer“. Ist der Film ein surrealer Trip in das Gehirn eines Wahnsinnigen? Ein Thriller? Oder doch ein Horrorfilm? Denkt man daran, dass Petri auch vor allem ein politischer Regisseur war, mit einer starken linken Überzeugung, so ist aber auch eine andere Denkart möglich. Der Geist der Vergangenheit (DAS große Motiv beim Spukhausfilm), der für Leonardo Ferri zu einer Obsession wird, Wanda, gehörte einerseits zur alten Aristokratie Italiens, und war andererseits auch dem Faschismus nicht abgeneigt. Bilder, die Ferri findet, zeigen sie eindeutig beim faschistischen Gruß, auch hat sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Steht Wanda damit nicht für die Verführung der einfachen Leute (jeder im Dorf scheint von ihr fasziniert gewesen zu sein und sexuellen Kontakt gehabt zu haben) durch den Faschismus und den Geist, der heute noch aus der Vergangenheit hinaus in die Gegenwart greift und von dort aus eine ungesunde Faszination entwickelt, der auch die künstlerische Elite – hier repräsentiert durch den Maler Ferri – erliegt?

Und ist die tüchtige Geschäftsfrau Flavia nicht ein Musterbeispiel für den verderbenden Kapitalismus, der den Künstler korrumpiert und letztendlich auf eine geist- und willenslose, Kunst produzierende Maschine (ähnlich Lulù Massa in „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“) reduziert? Ist also Ferri, wie Petri selber, ein stark linker Künstler (immerhin ist er fasziniert von der Farbe Rot und lässt die Bäume vor seinem Haus in dieser Farbe anstreichen), der zwischen den alten Kräften des Faschismus und den neuen des Kapitalismus aufgerieben und schließlich in den Wahnsinn getrieben wird? Der nur glaubt, träumt, sich auflehnen zu können und doch nur verlieren kann? Sieht sich Petri in Ferri verkörpert, in einem sinnlosen Kampf gegen Kräfte, die ihn in eine Filmmaschine verwandeln wollen? Diese Lesart ist ebenso möglich, wie das Erleben des Filmes als Geistergeschichte oder eben die Ausgeburt eines fiebrigen Hirns auf dem Weg in den Irrsinn. Begleitet wird dies von einem kongenialen, sehr avantgardistischen Soundtrack, auf dem Ennio Morricone Ton- und Geräuschkollagen aneinanderreiht, dass einem fast schon die Ohren bluten. Ein faszinierender Film, der sich einem erst bei mehrmaligem Sehen erschließt und immer wieder neue Deutungsmöglichkeiten zulässt.

Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies (1971)

Lulù Massa (Gian Maria Volontè) ist stolz darauf, seine Arbeit in der Fabrik effizienter und schneller als seine Kollegen erledigen zu können. Deshalb ist er bei ihnen wenig beliebt. Auch sein Familienleben und seine Gesundheit leiden unter der Akkordarbeit. Als Teile der Belegschaft zu streiken beginnen, will Lulù damit nichts zu tun haben. Doch als er bei der Arbeit einen Finger verliert, ändert sich seine Haltung. Er schließt sich den Streikenden an und befreundet sich mit den radikalen Studenten…

In „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ spielt Gian Maria Volonté einen ganz ähnlichen Charakter wie in „Zwei Särge auf Bestellung“. Auch Lulù Massa begreift nicht die großen Zusammenhänge und wird dadurch zum Opfer. Weil er glaubt, ein Einzelner könnte etwas bewegen. Doch auch Lulù wird manipuliert und zum Spielball der Interessen anderer. Doch anders als Paolo Laurana ist Lulù Massa kein Träumer. Er ist naiv, aber das liegt mehr an seiner mangelnden Bildung und einen gewissen Obrigkeitshörigkeit. Am Anfang des Filmes ist Lulù noch das beste Pferd im Stall seiner Arbeitgeber. Er genießt deren Aufmerksamkeit und definiert sich darüber, dass er besser und effektiver als seine Kollegen funktioniert. Darauf ist er stolz und darüber zieht er sein Selbstwertgefühl. Darum braucht es auch einen Unfall, der Lulù einschränkt, um ihn empfänglich für andere Botschaften zu machen.

Lulù ist vollkommen ichbezogen, er glaubt dem, der vorgibt, allein Lulù in den Mittelpunkt zu stellen. War es vorher der Kapitalist, der ihn mit Lob und Akkordlohn gekauft hat, sind es nun die linken Studenten, die im einflüstern, dass er für sie wichtig sei. Letztendlich wird Lulù aber von beiden Parteien nur benutzt und eiskalt fallengelassen, wenn er seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Die Kapitalisten brauchen ihn als Maschine, die Linken als Manövriermasse für ihre Parolen. Als Lulù einmal die Hilfe der Studenten braucht, sind diese gerade wieder zur Vorlesung gegangen. Vom Leben und den Nöten der Arbeiter wissen sie praktisch nichts. Allein die Gewerkschaften wollen für die Arbeiter da sein, werden von Petri aber als weich und kompromisslerisch gezeigt. So bleibt dem Arbeiter am Ende nur noch, seine Arbeit zu tun oder aufgrund der Verhältnisse wahnsinnig zu werden. Dass er die Wand zum Paradies einreißen kann, bleibt allein seinen Träumen vorbehalten. Wieder einmal ist das Bild, welches Petri zeichnet, sehr ernüchternd. Der Einzelne hat keine Macht die Verhältnisse zu ändern, diejenigen, die es hätten, haben aber andere Interessen und sind allein an ihrem eigenen Einfluss interessiert. Von daher bildet „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ innerhalb dieser Kollektion eine ideale Klammer mit „Zwei Särge auf Bestellung“. Erwähnt werden muss hier unbedingt auch die einprägsame Musik von Ennio Morricone, der am Ende sogar noch einen Kurzauftritt als Arbeiter hat.

Leider lagen mir zur Rezension nur die drei in dieser Edition enthaltenen Spielfilme vor, nicht aber die vierte DVD mit der Dokumentation. Dabei wäre gerade diese spannend gewesen. Aus diesem Grunde kann ich auch nichts darüber schreiben, ob es sich hierbei um die preisgekrönte Dokumentation „Elio Petri… appunti su un autore“ von 2005 oder eigens für diese Veröffentlichung produziertes Material handelt. Schade. Die Extras, die auf den Film-DVDs enthalten sind, sind sehr spärlich. Trailer oder mal eine Bildershow, das war’s. Das Bild der Filme kann sein Alter nicht verleugnen (besonders „Das Verfluchte Haus“ zeigt ab und zu deutliche Gebrauchsspuren beim Wechseln der Filmrollen), ist aber absolut okay. Bei „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ scheint es sich um eine längere Fassung als ursprünglich in Deutschland erhältlich zu handeln, da einige wichtige Passagen nur auf Italienisch und untertitelt vorliegen. Jetzt fehlt nur noch „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ und Elio Petris wichtigste Werke liegen endlich auch in Deutschland auf DVD vor.

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