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Filmbuch-Rezension: „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“

Von , 29. April 2017 16:57

Vor knapp vier Jahren erschien bei Bertz+Fischer das Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ (Rezension hier), als erstes deutschsprachiges Buch, welches sich auf wissenschaftliche Art und Weise mit dem italienischen Regisseur Dario Argento beschäftigte. Der Ansatz war damals, die Filme für sich sprechen zu lassen. Also dem Regisseur die Deutungshoheit über sein Werk zu nehmen, und sich somit ganz allein auf das zu beziehen, was für alle sichtbar ist. Eine Methode, die von vielen Filmwissenschaftlern immer wieder protegiert wird. Nun ist ein neues, deutschsprachiges Buch über Argento erscheinen. Geschrieben wurde es von Robert Zion, der bereits Bücher über William Castle und Vincent Price veröffentlicht hat. Und Robert Zion geht nun den anderen Weg und gibt Argentos Stimme wieder Gehör. Seine Untersuchungen der Argento’schen Filme unterfüttert er mit zahlreichen Zitaten des Regisseurs und verortet die Filme in dessen Biographie, wie er auch biographische Details aus Argentos Leben für seine Interpretation und Bewertung der Film zu Rate zieht. Dieser konträre Ansatz zu „Anatomie der Angst“ macht „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“ damit zu einer spannenden Ergänzung zu jener Veröffentlichung.

Robert Zion beschränkt sich auf zehn Filme, die er als Argentos Hauptwerk definiert, oder die er für Argentos künstlerische Entwicklung am Wichtigsten hält. Über die Auswahl kann man natürlich streiten. So steigt Zion erst bei „Vier Fliegen auf grauem Samt“ ein und verbucht die beiden Vorgängerfilme unter „Fingerübungen“. Auch Argentos ungewöhnlichstes Werk „Die Halunken“, welches so vollkommen aus seinem sonstigen Oeuvre herausfällt und daher meiner Meinung nach eine nähere Betrachtung verdient hätte, wird nur in ein paar wenigen Sätzen als misslungen abgewatscht. Auch das umstrittene Spätwerk wird außer acht gelassen. Zions Buch endet mit „Sleepless“. In Anbetracht der Tatsache, dass gerade diese Filme von den Fans regelmäßig in der Luft verrissen und regelrecht mit Hass übergossen werden, hätte ich mir an dieser Stelle einmal eine konträre Meinung gewünscht. Doch da auch Zion Filme wie „The Card Player“ oder „The Mother of Tears“ als größtenteils missraten und damit für den Kern seines Buches als unerheblich ansieht, werden sie allenfalls gestreift. Ein wenig Bauchgrummeln macht mir auch die Herabsetzung anderer Regisseure, insbesondere Lucio Fulcis und hier explizit dessen „New York Ripper“, demgegenüber Robert Zion eine in Abscheu übergehende Aversion hegt.

Was Robert Zion zu den von ihm in den Fokus gestellten Argento-Filmen zu sagen hat, ist aber hochinteressant und dürfte auch für den Kenner der Materie einige neue Einsichten bieten. Dabei ist spannend, wie „Phenomena“ als Wendepunkt in Argentos Filmographie – und seiner Art Filme zu machen – herausgestellt wird. Zuvor waren Argentos Filme laut Zion abstrakt und von jungschen Archetypen geprägt. Mit „Phenomena“, den Zion als ersten – wenn auch nicht ganz gelungenen – autobiographischen Film Argentos ansieht, ändert sich dies. Die Figuren werden psychologisch unterfüttert und statt an Jung, orientiert sich Argento nun an Freud. Auch das Abstrakte seiner Kunst nimmt ab. Argentos Fokus ändert sich dadurch und man kann seine Filme von seiner ganzen Herangehensweise und Intention in ein „Vorher“ und „Nachher“ einteilen. Auch in „Terror in der Oper“ findet Zion zahlreiche autobiographische Details und gleichzeitig eine Psychologisierung der Bilder. „Aura“ ist für ihn schließlich das, was „Phenomena“ sein wollte – ein Schlüsselfilm, der viel über Argento erzählt, und von ihm als versteckte Autobiographie konzipiert wurde. Besonders erfreulich ist die Wertschätzung, die Zion dem oftmals stark unterschätzen „The Stendhal Syndrome“ zukommen lässt. Für ihn ist „The Stendhal Syndrome“ Argentos Meisterwerk. Eine Bewertung, die sicherlich kontrovers diskutiert werden kann, aber von Zion sehr überzeugend hergeleitet wird. Aufschlussreich sind die vielen Verweise dieses Films auf die Welt der Malerei, die Zion hier herausarbeitet. Interessant sind auch seine knappen Ausführungen zu „Das Phantom der Oper“ im „Sleepless“-Kapitel, welche den Film durchaus in einem neuen, positiven Licht erscheinen lassen. „Sleepless“ selber bildet nicht nur den Schlusspunkt des Buches, sondern für Robert Zion auch den perfekten Abschluss für Argentos Karriere als bedeutender Filmemacher. Dementsprechend werden Argentos weitere Filme nur noch im Vorübergehen angerissen. Für Robert Zion ist Argento ein Künstler des 19. Jahrhunderts, der seine Kunst nicht mehr ins 21. Jahrhundert transportieren konnte.

Abgerundet wird das Ganze durch einen 25-seitigen Epilog, der noch einmal sehr schön die vorhergehenden Punkte bezüglich Argentos Stils – wie die Parallelen zur Malerei -, seiner Inhalte und seiner Bedeutung für die Filmgeschichte noch einmal aufgreift und verdichtet.  Eine detaillierte Filmographie seiner Kinofilme (bei der der TV-Film „Do You Like Hitchcock?“ zwar aufgenommen wurde, seine sonstigen TV-Arbeiten aber leider keine Beachtung finden) und ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis beschließen das Buch.

Robert Zion hat ein sehr interessantes Buch über Dario Argento geschrieben, welches dem Leser viele spannende, neue Denkansätze nahe bringt, die natürlich auch kontrovers diskutiert werden können. Insbesondere, was die Bewertung einiger Filmen (vor allem außerhalb von Argentos Werk) angeht. Sehr gelungen ist die Erläuterung der Hauptthesen anhand von 14 farbigen Bildtafeln in der Mitte des Buches. Der einzige Kritikpunk wäre das mangelnde Lektorat, welches am Anfang des Buches (und dann nochmal im „Phenomena“-Kapitel) durch unnötige Rechtschreibfehlern und einer Vorliebe für endlose Schachtelsätze auffällt. Dies gibt sich dann aber recht bald im weiteren Verlauf des Buches und soll auch bei einer bald anstehenden zweiten Auflage überarbeitet werden. Von daher steht einer Empfehlung nichts im Wege.

Robert Zion Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“, Books on Demand, 368 Seiten, € 28,99

DVD-Rezension: „Dario Argentos Dracula“

Von , 5. September 2014 20:46

Dario-Argentos-DraculaJonathan Harker (Unax Ugalde) nimmt nach Vermittlung durch Lucy Kisslinger (Asia Argento), der besten Freundin seiner Ehefrau Mina (Marta Gastini), eine Stellung als Bibliothekar im Schloss des Grafen Dracula (Thomas Kretschmann) an. Dort hat er bald schon eine bösartige Begegnung mit der schönen Vampirin Tania (Miriam Giovanelli). Als sie nichts mehr von ihrem Ehemann hört, reist Mina besorgt nach Transsylvanien, nicht wissend, dass sie damit geradewegs in eine Falle tappt, die Dracula ihr gestellt hat…

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Dario Argento war einmal ein bedeutender Regisseur, der bei seinen Fans gottgleiche Verehrung erfuhr. Dafür sorgten vor allem surreale Meisterwerke wie der Über-Giallo „Profondo Rosso“ und die beiden Horrorfilme „Suspiria“ (der ihm seinen Platz im Filmgeschichtsbuch sicherte) und „Horror Infernal“. Mit jedem neuen Film war die Erwartungshaltung der Fans enorm, und jeder Eintrag in seine Filmographie, der den Erwartungen nicht entsprach, wurde mit äußeren Umständen entschuldigt. Mit den Kompromissen, die er bei seinem ersten und einzigen US-Film „Aura“ eingehen musste, mit niedrigem Budget oder generell schlechten Produktionsbedingungen. Doch irgendwann wurde das Rumoren unter den Fans immer lauter. Jeder neue Film beinahe gefürchtet, da er Mal um Mal die Hoffnung der Fans auf ein weiteres Meisterwerk gründlich zerstörte. Jeder neue Film galt nun umgehend als sein schlechtester überhaupt. Stimmt das aber so? Man muss Argento zugutehalten, dass er versucht hat, sich weiterzuentwickeln. Seinen Stil zu ändern. Von visueller Opulenz – die von seinen Anhängern so geliebt wurde – zu einem gröberen, realistischeren Stil. Mit „Stendhal Syndrome“ von 1996, der sehr zwiegespalten aufgenommen wurde, ist ihm dies bravourös gelungen, auch wenn schlechte Computergrafiken und eine fehlbesetzte Asia Argento die Wucht des Filmes etwas sabotieren.

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In seinen folgenden Filmen wurden diese Versuche auszubrechen und etwas völlig anderes zu erschaffen, aber immer wieder von einer gewissen Kompromissbereitschaft unterminiert. Besonders deutlich tritt dies bei „The Card Player“ zutage, wo Szenen, die den Film auf eine formal realistische Ebene bringen sollen – was zugeben nicht wirklich funktioniert – von kleinen Kabinettstückchen begleitet werden, die in ihrer lyrisch-surrealen Art an frühere, bessere Werke erinnern. Mit dieser hasenfüssigen Hinwendung zu einem Publikum, das keine Veränderung seines Stils mitmachen möchte, zerstört Argento gleichzeitig seinen Ansatz, neue Wege zu gehen. Mittlerweile scheint es fast so, dass er seine Filme nicht mehr für sich, sondern für ein Publikum dreht, dem er gefallen möchte, aber gleichzeitig auch keine Lust mehr hat, ständig aufgefordert zu werden, zum Stil von „Suspiria“ zurückzukehren. In der Folge sind seine Filme unentschlossen. Weder Fisch, noch Fleisch und zudem gehandicapt durch miserable Drehbücher und Argentos immer deutlicher zu Tage tretende Schwäche in der Führung seiner Schauspieler. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung war „Giallo“, indem ein schmierender Adrian Brody und eine nichtschauspielende Emmanuelle Seigner durch eine wirre Geschichte stolpern.

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Oftmals versuchte Argento in der Vergangenheit diese Schwächen unter möglichst blutigen Szenen zu begraben („Mothers of Tears“), doch auch da folgte ihm sein Publikum nicht mehr. Was uns zu „Dracula 3D“ bringt, der beinah einhellig als absoluter Tiefpunkt seiner Karriere angesehen wird. Und leider kann man dies nur bestätigen, denn von der einst optischen Eleganz und innovativen Gestaltung ist hier noch nicht einmal ein letzter Hauch übrig geblieben. Und dies, obwohl Argento das erste Mal wieder mit Luciano Tovoli zusammenarbeitete, der auch sein Kameramann bei „Suspiria“ war. Einen Teil des Fiaskos kann man sicherlich auf die für Argento ungewohnte 3D-Technik schieben. Zunächst einmal scheint sie bewirken, dass die Bilder einen billiges, ausgesprochen unattraktives Aussehen besitzen. Ihnen fehlt völlig der kino look, wodurch sie stark an auf Video gedrehte Amateurfilme erinnern. Dadurch wirken die kargen Kulissen noch kümmerlicher, der Film regelrecht freudlos. Besonders deutlich wird die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, wenn die faden Videobilder noch mit Claudio Simonettis opulenter Orchestermusik zugekleistert werden, wodurch ihre Ärmlichkeit noch deutlicher zum Tragen kommt. Ebenfalls der 3D-Technik geschuldet sind mit Sicherheit auch einige Einstellungen, die in 3D den Räumen Tiefe verleihen sollen, sich aber in der 2D-Version nur noch wie für das Fernsehen abgefilmtes Theater anfühlen.

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Erinnert schon das Aussehen des Filmes an Low-Budget-Amateuerfilme, so wird dieser Eindruck noch durch die Darsteller unterstrichen. Kaum einer spielt in irgendeiner Weise natürlich. Man hat in vielen Szenen das Gefühl, Argento hätte seine Darsteller angewiesen:“Jetzt guck mal ängstlich“ und das hätten sie dann auch genauso gespielt, wie sich Klein Fritzchen „ängstlich aussehen“ vorstellt. Man sieht hinter jeder Geste das Spiel und davon dann auch viel zu viel. Besonders grausam ist das, was Asia Argento hier anstellt. Billigstes Schmierentheater vom Schlechtesten. Auch ein gestandener Schauspieler wie Thomas Kretschmann verfällt regelmäßig in dickes Pathos und Theaterhaftigkeit. Auffällig ist dieser eklatante Mangel an Schauspielführung bereits in der ersten Szene, in der sich die beiden Figuren exakt so hilflos verhalten, wie man es von aus Debütfilmen aus dem Amateurbereich kennt, wo gerne mal Laien aus dem Freundes- und Bekanntenkreis besetzt werden. Lediglich zwei Ausnahmen seien hier erwähnt. Zunächst Rutger Hauer, der sich ohne große Anstrengung durch den Film schlafwandelt, und dann die einzige Schauspielerin, die sich in „Dracula 3D“ diese Bezeichnung auch verdient: Die talentierte Marta Gastini in der Rolle der Mina Harker.

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Aber nicht nur Bildgestaltung und Schauspielführung sind Argento anzulasten. Es hapert an allen Ecken und Enden. So ist der Schnitt des Filmes erschreckend uninspiriert und erinnert an Papas erste Versuche, am Computer aus seinem Urlaubsfilm eine Hollywoodproduktion zu machen. Auftritte und Abgänge werden so inszeniert, das einfach jemand die starre Einstellung betritt und seinen Spruch aufsagt und diese dann wieder verlässt. Auch hier gibt es keinerlei Dynamik oder den Versuch einer filmischeren Lösung. Die Special Effects aus dem Computer sehen genau danach aus, und scheinen aus 20 Jahre alten PC-Spielen übernommen zu sein. Was besonders ärgert, da diese Effekte zum größten Teil gar nicht nötig gewesen wären, hätte Argento nicht die fixe Idee gehabt, seinen Dracula in immer neuen Tier-Inkarnationen zu zeigen. Aber wenn man das so macht, sollte man besser auch über die technischen Möglichkeiten verfügen. Vielleicht waren Argento diese Schwächen auch bewusst, so dass er dann versuchte, sie mit deftigem Splatter (Schaufel in den Kopf) und Sex (die gut bestückte Miriam Giovanelli muss ständig blank ziehen) zu übertünchen.

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Möglicherweise war Argento mit der 3D-Technik überfordert und vernachlässigte deshalb jeden anderen Aspekt seines Filmes. Dass der Film dann noch allen Ernstes mit „eine berauschende Hyper-Trash-Erfahrung und essenzielle B-Filmkunst“ beworben wird, ist die endgültige Bankrotterklärung eines Filmes, dem man seine Ambitionen, ebenso wie ihr eklatantes Scheitern, ansieht. Nein, Trash sollte das nie sein. Dass es das geworden ist, stimmt mich traurig. Ich kann in „Dracula 3D“ auch nicht die „gekonnte Persiflage“ erkennen, die Beatrice Behn in dem empfehlenswerten Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ in ihm gesehen hat. Ich stimme ihr allerdings zu, wenn sie schreibt: „(Es ist) fast so, als möge Argento mit (der Persiflage) sagen: Sehet, ich könnte euch vieles bieten. Aber ich tue es nicht.“ Dieses Gefühl beschlich mich – leider – auch.

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„Dracula 3D“ ist leider eben jenes Fiasko, welches die Filmkritik und die Gemeinde der Argento-Fans in ihm sieht. Der Regisseur scheint mit der 3D-Technik völlig überfordert gewesen zu sein, was sich nicht nur eklatant in der kümmerlichen Bildgestaltung, sondern auch in allen sonstigen Aspekten des Filmemachens niederschlägt. Da helfen auch nackte Brüste und viel Kunstblut nicht weiter.

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Das Bild der Koch Media DVD ist leider etwas zu hell, so dass Schwarztöne als dunkles Grau erscheinen. Die deutsche Synchronisation ist eher unterer Durchschnitt, die englische Tonspur aber nicht viel besser. Man hört deutlich, dass einige Schauspieler ihre Rolle auf Englisch interpretiert haben (Asia Argento z.B. mit deutlichem Akzent) und andere nachträglich synchronisiert wurden. Leider nicht immer passend und manchmal mit einer unnatürlichen Diktion. Rutger Hauer spricht sich selbst, neigt aber zu merkwürdigen Kunstpausen mitten im Satz, was etwas irritiert. Die Extras können absolut überzeugen, neben einem interessanten – vielleicht angesichts des Ergebnisses etwas zu enthusiastischen – 62-minütigen Making-Of, weiß insbesondere ein Q&A mit Dario Argento zu gefallen, welches beim Slash Festival in Wien aufgenommen wurde. Zwar ist Argento manchmal etwas – aufgrund seines doch recht bescheidenen Englisch – schwer zu verstehen, aber er erzählt einige interessante Dinge und eine ganz wunderbare Anekdote über Rutger Hauer, die dieser sicherlich nicht gerne hört.

Veranstaltungstipp: Weird Xperience zeigt Argentos „Horror Infernal“

Von , 24. Januar 2014 23:43

horror_infernalMit ganz besonderem Stolz präsentieren wir in unserer Reihe „Weird Xperience„, am kommenden Sonntag, den 26. Januar um 18:00 Uhr im großen Saal des Kommunalkinos City 46 auf 35mm, ein Juwel des europäischen Genrekinos: Dario Argentos „Horror Infernal“.

Dario Argento gehört zu den ganz Großen des italienischen Horror- und Thrillerkinos und genießt eine fast kultische Verehrung. Zumindest für seine Film, die er in den 70ern und 80ern gedreht hat. Über seinen späteren Output wird in Fankreisen durchaus kontrovers diskutiert. Zu der Zeit als er „Horror Infernal“ drehte, hatte er den Höhepunkt seiner schöpferischen Kraft erreicht. Gerade hatte er mit „Profondo Rosso“ (aka „Deep Red“) den „Citizen Kane des Giallo“ gedreht und mit „Suspiria“ den Horrorfilm in bisher kaum gekannte, delirierenden Höhe gehoben. Mit „Horror Infernal“ setzte er dann seine Trilogie der drei Mütter, die er mit „Suspiria“ begann, fort.

inferno4Einst entwarf der Architekt Varell drei Häuser, die den drei Müttern Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum und Mater Lacrimarum als Tor zur Hölle dienen. Eines steht in Freiburg, eins in New York und das letzte in Rom. Die junge New Yorkerin Rose Elliot liest in einem alten Buch darüber und hegt den Verdacht, selber im Hause der Mater Tenebrarum – der Mutter der Finsternis – zu leben. Sie schreibt darüber ihrem Bruder Mark, der in Rom studiert, und macht sich auf die Suche nach Beweisen für ihre Theorie. Mark kehrt nach New York zurück, doch Rose ist verschwunden und jeder, den er nach dem Verbleiben seiner Schwester und dem Geheimnis des Hauses befragen, stirbt einen grausamen Tod…

inferno3Mit hypnotischen, surreal-psychedelischen Bildern verabschiedet sich Argento vom traditionellen Erzählkino und kreiert eine dichte Atmosphäre des Grauens. Das Böse lauert buchstäblich in allen Dingen, immer bereit zuzuschlagen und zu vernichten. Für sein Opus des Schreckens sicherte sich Argento der Hilfe seines großen Vorbildes und genialen Meisters des Horrorfilms, Mario Bava. Dieser half bei den Effekten und inszenierte die berühmte Szene im überschwemmten Keller des Hauses. Für den eindrucksvollen Soundtrack waren diesmal nicht Argentos Stammmusiker von der Band „Goblin“, sondern Keith Emerson zuständig. Emerson hatte 1970 die supergruppe „Emerson, Lake & Palmer“ gegründet, eine der populärsten und erfolgreichsten Progressive-Rock-Bands.

inferno2„Inferno ist ein Manifest des filmischen Antirealismus und eine perfekte Vorlage für das moderne Blockbusterkino, das allerdings bis heute nie auch nur halb so weit gegangen ist wie der Meister. Argento spielt mit offenen Karten – und gewinnt trotzdem mit Leichtigkeit.“ – Lukas Foerster, Dirty Laundry

„INFERNO ist nur noch Stimmung, reines Kino, das man nicht hermeneutisch entschlüsseln muss, um der dahinterliegenden “echten” Bedeutung auf den Grund zu gehen.“ – Oliver Nöding, Remember It For Later

Ein Gruselstück, das in Spannungsaufbau und Kameraführung Könnerschaft verrät, aber mit seinen Blut- und Mordorgien abstößt. –Katholischer Filmdienst

inferno8Die Weird-Xperience-Vorstellung am Sonntag ist dann auch die letzte in alter Form. Aber keine Angst, ab März geht es weiter. Dann wird das dynamische Duo, besteht aus Stefan und mir, allerdings zu einer 5-köpfigen Arbeitsgruppe mit geballter Frauen-Power erweitert, die ein neues Konzept für die Reihe erarbeiten soll. Ausserdem bekommt die Reihe einen neuen „Sendeplatz“ und zwar ab dann immer jeden vierten Donnerstag im Monat um 20:30 Uhr. Der erste Filme auf dem neuen Termin steht auch schon fest. Welcher das sein wird, verraten wir dann an diesem Sonntag.

Wir würden uns sehr freuen, wenn zur letzten Vorstellung in alter Form möglichst viele interessierte Zuschauer erscheinen. Stefan und ich werden auch, wie gewohnt, wieder die Einführung in den Film machen.

Filmbuch-Rezension: „Dario Argento – Anatomie der Angst“

Von , 10. September 2013 16:40

Bertz+Fischer_Dario_ArgentoUm eventuelle Enttäuschungen schon im Vorfeld auszuräumen, möchte ich darauf hinweisen, dass es in dem exzellenten Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ nicht um die Person Dario Argento geht, sondern allein um sein filmisches Werk. Natürlich steckt darin auch der Regisseur und Drehbuchautor Argento, aber wer sich ein Buch, welches den Untertitel „Sein Leben – seine Filme“ tragen könnte, erhofft hatte, wird zwangsläufig enttäuscht werden. „Anatomie der Angst“ ist keine Biographie und auch Anekdoten von Dreharbeiten oder gar Erinnerungen vom Maestro persönlich, sind hier nicht zu finden.

Im Mittelpunkt von „Anatomie der Angst“ stehen Argentos Filme, und wie die Opfer der unheimlichen Killer mit den scharfen Messern, die seine Werke bevölkern, werden diese von fast drei Dutzend Filmwissenschaftlern und -journalisten feinsäuberlich aufgeschnitten und in ihre Bestandteile zerlegt. Wie immer, wenn sich eine Vielzahl an Personen einem Thema widmet, sind die Beiträge sehr unterschiedlich ausgefallen und reichen von mitreißender Begeisterung (Dominik Graf) bis hin zu nahezu kryptischen, streng wissenschaftlichen Fremdwortungetümen (Ivo Ritzer). Ein kleines Manko ist es vielleicht, dass Argento nicht selber zu Wort kommt, um über seine Filme zu sprechen. Vielleicht würde dies einiges wieder relativeren, denn oftmals fällt eine Tendenz zum Überinterpretieren auf und es werden Dinge in die Filme hinein gelesen, von denen es einem sehr schwerfällt zu glauben, dass Argento sie bei den Dreharbeiten tatsächlich so im Sinn hatte. Trotzdem fördert die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Aspekt, wie z.B. die Kunst in Argentos Filmen oder die Bedeutung der Architektur, viele interessante Perspektiven und Einsichten zutage. Und vor allem macht es auch Lust, Argentos Filme wieder einmal zu sehen. Auch – oder vielleicht grade – sein bei den Fans sehr unbeliebtes Spätwerk.

Die Idee zu dem Buch entstand beim letztjährigen Cinestrange-Festival in Dresden, bei dem Dario Argento Stargast war und ihm eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Laudatio – die nun in verlängerter Form die Einleitung des Buches bildet – hielt Marcus Stiglegger, der zusammen mit dem Festival-Gründer Michael Flintrop auch als Herausgeber von „Dario Argento – Anatomie der Angst“ fungiert. In der Folge lieferten dann die halbe Autorenmannschaft des legendären – und für eine ganze Generation von Filmfans prägenden – Filmmagazins „Splatting Image“ (für das auch Stiglegger schreibt), aber auch bekannte Liebhaber des italienischen „Trivialfilms“, wie der Regisseur Dominik Graf (der mit „Der scharlachrote Engel“ selber schon einen Giallo-mäßigen „Polizeiruf 110“ inszeniert hat) oder Leonard Elias Lemke, der eine regelmäßige Kolumne über italienisches Genrekino in dem Filmmagazin „Deadline“ hat, vor allem aber Geisteswissenschaftler mit unterschiedlichsten Schwerpunkten, Essays, Aufsätze und Filmbesprechungen ab. Durch diese bunte Mischung ist das Buch naturgemäß recht inhomogen, aber gerade die große Bandbreite an unterschiedlichen Autoren macht das Projekt auch sehr spannend.

Der erste Teil des Buches beginnt mit der oben angesprochen Laudatio, welche etwas über die Hintergründe von Argentos Filmen, ihre Einordnung in den filmgeschichtlichen Kontext und Argento selber berichtet. Man merkt deutlich, dass der Text ursprünglich als Laudatio – also Lobrede zur Ehren einer Person – gedacht war, denn an einigen Stellen droht sich dadurch der Beigeschmack unkritischer Heldenverehrung breitzumachen. Doch davon abgesehen, eignet sich der Text sehr gut, den Leser auf den Weg zu schicken, die filmischen Welten des Dario Argento zu entdecken.

Kunstwissenschaftlerin Joanna Barck schreibt dann zunächst über die Rolle, die Gemälde und Kunstgegenstände in Argentos Werk einnehmen. Dies ist sehr interessant und nachvollziehbar, nur wenn Frau Barck anfängt, dies auch noch psychoanalytisch zu fundamentieren, ist dies ein wenig zu viel des Guten und führt in Sphären, denen man nicht mehr so recht folgen mag. Theaterwissenschaftler Jörg von Brincken zeigt die Verbindung zwischen Argentos Filmen und dem legendären Grand Guignol Theater in Paris auf, dessen Geschichte er auch näher ausführt. Um Räume und die Architektur in Argentos Filmen geht es bei Johannes Binotto. Ein sehr interessanter Artikel, der noch einmal den Blick auf das unheimliche und durchdachte Set-Design bei Argento schärft.

Dr. phil. Ivo Rizer beschäftigt sich mit „Genre und Gender bei Dario Argento“. Ein spannendes Thema, welches hier leider mit einer derart hochgestochenen Wissenschaftssprache abgehandelt wird, dass man selbst als Absolvent eines eines anderen Studienzweiges oftmals das Wörterbuch zu Rate zieht, oder glaubt ein Medientheoretisches Studium absolvieren haben zu müssen, um den Text nachvollziehen zu können. Das macht ein flüssiges und genussvolles Lesen recht unmöglich und nervt auch schnell. Als rein wissenschaftliche Arbeit sicherlich ohne Fehl und Tadel, aber man sollte zur Diskussion stellen dürfen, ob man in einem Buch, welches sich auch an Leser wendet, die nicht in dem selben Fachbereich wie Dr. Rizer habilitiert haben, diesen ständig solche Satzungetüme wie „…,wie es sich geradezu paradigmatisch ausnimmt für Mechanismen der Doppelcodierung im postklassischen Kino. Derselbe Signifikant besitzt multiple Signifikanten, er produziert mehrere Bedeutungsketten, die eine semantische Ambivalenz auslösen, um mit de Genrebewusstsein zu spielen“ zumuten muss. Schade um das interessante Thema.

Demgegenüber versöhnt Dominik Grafs leidenschaftlicher Artikel über die Musik in Argentos Filmen. Wer Grafs Buch „Es schläft ein Lied in allen Dingen“ gelesen hat, weiß bereits, wie begeisternd Graf über Filme schreibt. Der Titel seines Textes „Der wildeste Rausch von allen“ gibt das gut wieder. Folgerichtig gibt es darauf ein (leider recht kurzes) Interview von Marc Fehse mit Claudio Simonetti, der zu insgesamt 13 Argentos die Filmmusik, allein oder mit der Gruppe „Goblin“, beigesteuert hat.

Sebastian Selig begibt sich auf die Spur von Argentos Meisterwerk „Suspiria“, besucht die Drehorte in München und Freiburg und vergleicht einst mit jetzt. Ein schöner, gut zu lesender Text, der allerdings etwas nach Füllmaterial aussieht, da er sich im Gegensatz zu den andern Essays, nicht tiefer mit einem besonderen Aspekt Argentos Arbeit widmet. Der Text wurde auch in der „Splatting Image“ wiederverwendet und die Vermutung liegt nahe, dass er ursprünglich auch dafür geschrieben wurde, da er im Buch wie ein Fremdkörper wirkt.

Der Journalist Ingo Knott räumt, indem er beide Regisseure gegenüberstellt, mit dem Vorurteil auf, Argento wäre ein „Schüler“ des großen Mario Bava. Etwas, was Argento scheinbar auch selber immer vehement – und in jüngerer Zeit immer verärgerter – bestritten hat. Ein anderer Regisseur mit dem Argento häufig – und das nicht ganz zu unrecht – verglichen wird, ist Brian de Palma. In einem der schönsten Artikel des Buches, vergleicht Medien – und Literaturwisenschaftler Heiko Nemitz die unterschiedlichen Herangehensweisen der Beiden an ihre Themen und entdeckt dabei sowohl Gemeinsamkeiten, wie auch bedeutende Unterschiede. Zudem führt er an die Wurzeln ihrer Filmleidenschaft und betont, dass Argento zwar – wie de Palma – immer mit Hitchcock in Zusammenhang gebracht wird, seine Wurzeln aber bei Lang und Antonioni liegen. Der Text macht nicht nur Lust auf Argentos Filme, sondern auch auf eine Neuentdeckung von De Palmas Werken.

Filmwissenschaftler Harald Steinwender wiederum widmet sich einem in der Regel leider wenig beleuchteten Kapitel, nämlich Argentos, zumeist im Italo-Western verorteten, Drehbucharbeiten für andere Regisseure. Zu guter Letzt informiert Mit-Herausgeber und Cinestrange-Gründer Michael Flintrop – der „im wahren Leben“ als Strafverteidiger arbeitet – nicht nur über die Probleme, die Argentos Filme mit den deutschen Behörden hatten, sondern gibt auch einen fundierten und interessanten Einblick in die, gerade in der Vergangenheit oftmals willkürliche, Praxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Im zweiten Teil des Buches werden sämtliche Filme, bei denen Argento als Regisseur tätig war – dies umfasst auch seine TV-Arbeiten – vorgestellt und analysiert. Dabei wird mir für meinen Geschmack vor allem in den späteren Filmen teilweise etwas zu unkritisch mit dem Gegenstand der Betrachtung umgegangen und scheinbare Schwächen als gewollte Mittel des Regisseurs interpretiert, sich durch das Unterlaufen von Erwartungen, aus dem Korsett der eigenen ruhmreichen Vergangenheit zu befreien und dabei das Genre bewusst zu dekonstruieren. Hier könnte sich der Verdacht einschleichen, dass hier krampfhaft nach Elementen gesucht wurde, die durch eine Überhöhung aus einem eher misslungen, dann doch noch ein gelungenes Werk gemacht wird. Interessant ist an dieser Stelle z.B. der Text von Beatrice Behn über den bis dato letzten Argento-Film “Dracula 3D“, den man mit jenem vergleichen kann, den sie auf kino-zeit.de zum selben Film geschrieben hat. Während sie dort recht deutlich mit dem Film abrechnet, wird im Buch daraus die Intention Argentos, eine Persiflage abzuliefern und alles nicht ernst, sondern ironisch zu meinen. Etwas, was sich aus Argentos eigenen Äußerungen zum Film, nicht unbedingt herauslesen lässt. Hier wäre es vielleicht angebracht gewesen, auch einmal auf die Schwächen und Missratens hinzuweisen, wie es z.B. Ulrich von Berg seiner Analyse von „Torn Curtain“ in dem ebenfalls bei Bertz+Fischer erschienen Buch über Alfred Hitchcock getan hat.

Ebenfalls schade ist es, dass Jochen Werners Analyse zu „Giallo“ nun schon die dritte Auswertung des Textes darstellt, nachdem er bereits in der „Splatting Image“ und im Internet auf f.lm – Texte zum Film erschienen ist. Hier hätte man vielleicht darüber nachdenken können, einen frischen Text von einem anderen Autoren zu nehmen. Aber dies sind nur kleine Kritikpunkte an einem ansonsten rundum gelungenen Projekt, welches einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, als auch den interessierten Laien und Filmfreund wertvolle Denkanstöße und spannende Blickwinkel auf das Werk eines der interessantesten (und in der „seriösen“ Filmwissenschaft schmerzlichst unterschlagenen) Regisseure offenbart.

Eine umfangreiche Filmo- und Biblographie runden diese vorbehaltlos empfehlenswerte Veröffentlichung des Bertz+Fischer-Verlages ab. Das Werk hat 304 Seiten und 204 schwarz-weiß Abbildungen. Es ist zum Preis von Euro 25,00 erhältlich, und wer etwas Gutes tun möchte, bestellt es direkt beim Verlag und umgeht damit die hohen Provisionen, die Amazon & Co einsacken, und die am Ende diesem kleinen Verlag fehlen.

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