Blu-ray-Rezension: „The Painted Bird“

Irgendwo in Osteuropa während des 2. Weltkriegs. Der kleine Joska (Petr Kotlár) lebt bei seiner Großmutter Marta auf einem abgelegenen Hof. Seine Eltern haben ihn hier hingeschickt, damit er in Sicherheit ist. Als seine Großmutter überraschend stirbt, setzt Joska versehentlich das Haus in Brand. Dann macht er sich ganz allein auf, seine Eltern zu finden. Seine Odyssee führt ihn durch ein Land, in dem ein Menschenleben nur sehr wenig wert ist, grausame Gewalt und Aberglauben regieren, und der Krieg und Holocaust blutige Ernte halten…

Um es kurz zu machen: „The Painted Bird“ ist ein schrecklicher Film. Damit könnte ich es jetzt bewenden lassen und doch würden diese paar lapidaren Worte in eine völlig falsche Richtung weisen. Denn gemeint ist hier, er steckt voller Schrecken, die einem nahe gehen. Nach nicht einmal fünf Minuten hatte ich das Bedürfnis den Film abzubrechen, nachdem gezeigt wurde, wie eine Gruppe Kinder den kleinen Protagonisten Joska völlig grundlos zusammenschlagen , dann ihm sein – scheinbar geliebtes – Frettchen entreißen, es anzünden und sich daran erfreuen, wie das arme, schreiende und noch umherlaufende Tier seinen grausamen Tod findet. Diese Szene erwischt einen wie ein unerwarteter Schlag in die Weichteile. Und es wird von da an nicht besser. Für den armen Joska und den Zuschauer. Fast drei Stunden wird man durch eine Hölle geschleift, die weder Mitgefühl, noch Hoffnung kennt.

Wenn da nicht einmal zu Beginn ein deutsches Kriegsflugzeug am Himmel zu sehen wäre, so könnte man die Geschichte auch zeitlich gar nicht verorten. Die Dörfer, die Menschen, das Zivilisationsferne, das alles wirkt wie das 19. Jahrhundert. Und tatsächlich waren die armen, ländlichen Gegenden in Osteuropa lange – bis in die 50er Jahre – solche Zeitkapseln, in die sich die Moderne nicht vorgewagt hat. Auch örtlich kann man die Handlung des Filmes nirgendwo verankern. Es wird nie erwähnt, wo genau der Film spielt und gesprochen wird „Interslawisch“. Eine künstliche Sprache – vergleichbar mit Esperanto – in der Elemente unterschiedlicher slawischer Sprachen vereint werden.

In „The Painted Bird“ bekommt man einen guten Einblick in die slawische Kultur. In ein seltsames und fast gleichberechtigtes Nebeneinander von archaischen Naturglauben und Katholizismus. Dort gibt es die alte Schamanin, welche in den Dörfern die Funktion einer Ärztin und gleichzeitig einer unfehlbaren Autorität für die spirituellen Dinge ausübt. In den Städten ist es die katholische Kirche, die mit dieselbe Aura der Nichthinterfragbarkeit über das Leben der Menschen herrscht. Beiden vertraut Joska, beide enttäuschen sein Vertrauen. Beide lassen ihn noch mehr leiden. Die Schamanin vollführt ihn ihm ein grausames Ritual als er erkrankt und gräbt ihn bis zum Hals ein, woraufhin Krähen seinen ungeschützten Kinderkopf zerhacken. Der Priester, der es gut mit ihm meint, vermittelt ihn an einen brutalen Päderasten – und will danach seinen Fehler nicht sehen, obwohl er deutlich spürt, dass er Joska in die Hände eines sadistischen Kinderschänders gegeben hat. Doch nicht nur die „geistlichen Autoritäten“ handeln ähnlich.

Auch ihre Anhänger nehmen sich nichts in ihrer Ablehnung gegenüber allem Fremden. Der hübsche, feingesichtige Joska, südländisch wirkend mit seinem dunkleren Teint, den schwarzen Haaren und dunklen Augen, ist ein Fremder in dieser Welt. Er ist der im Titel genannte „bemalte Vogel“. In einer Szene trifft Joska auf einen Vogelfänger. Dieser bemalt einen gefangenen Vogel mit weißer Farbe und entlässt ihn scheinbar in die Freiheit. Der Vogel kehrt zu seinem Schwarm zurück. Doch weil er nun „anders“ ist, wendet sich der Schwarm gegen ihn und hackt ihn zu Tode. So ergeht es auch Joska. Wo er auftaucht, wendet sich die Gemeinschaft gegen ihn. Die abergläubischen Dorfbewohner, den er als Sklave der Schamanin begegnet, halten ihn für einen, der mit Dämonen im Bunde ist. Später wird ihn einer in einen Fluss schubsen, was er nur knapp überlebt. Vermissen wird ihn aber niemand. Nicht einmal die Schamanin. Als er für den Priester als Messdiener arbeitet, stolpert er einmal beim Rückwärtsgehen und die Bibel fällt zu Boden, woraufhin die aufgebrachte Menge – die ihn schon vorher geschnitten hat – einen Grund gefunden hat, ihrer vorher mühsam unterdrückten Wut und Hass gegen alle andersartigen ihn in eine ekelhafte Jauchegrube wirft.

Die Dinge, die dem vielleicht 10jährigen Joska widerfahren sind fast unerträglich mitanzusehen. Regisseur Václav Marhoul zeigt unsagbare Brutalität, emotionsloses Abschlachten Unschuldiger, Kindesmissbrauch, das Töten von Säuglingen, Vergewaltigung, Sodomie – das völlige Zerstören des Gegenübers. Keine Gnade, keine Hoffnung, kein Lichtschein am Ende des Tunnels. Eine Welt in der Mitgefühl grausame Konsequenzen hat. Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt werden und vom Stärkeren benutzt oder zerstört werden. Dass man dies als Zuschauer durchsteht liegt einer Distanzierung durch die Art der Inszenierung. Marhoul kleidet seinen Film in teilweise betörend schöne schwarz-weiße Bilder. Die dadurch entstehende Künstlichkeit, der Verweis auf das Medium Film, machen das visuelle Erleben der Grausamkeiten halbwegs erträglich, da einem durch die hohe Ästhetisierung immer wieder deutlich gemacht wird: Es ist „nur“ ein Film.

Dafür verzichtet Marhoul komplett auf Musik. Die Ereignisse werden also nicht extern emotional aufgeladen. Zudem gibt es keinen inneren Monolog der Hauptperson oder einen übergeordneten Erzähler, der das Geschehen ordnet. Der Zuschauer muss sich das selber erarbeiten und sich seine Gedanken machen. Vor diesem Hintergrund ist die schauspielerische Leistung des kleinen Petr Kotlár, der bei Beginn der Dreharbeiten erst 9 Jahre alt war, umso mehr zu loben. Auch wenn sein Joska zu Beginn nur sehr wenig spricht und dies im Laufe des Filmes fast komplett einstellt, sieht man ihm jederzeit an, was in ihm vorgeht und wie sich sein Wesen durch die schrecklichen Erlebnisse verändert.

Überhaupt hat Marhoul dahingehend ein gutes Händchen bewiesen. Insbesondere die beeindruckenden Laiendarsteller*innen und hierzulande eher unbekannten Schauspieler*innen machen ihre Sache hervorragend. Dass Marhoul mit Udo Kier und Julian Sands (beide absolut diabolisch) auf der einen, und Harvey Keitel, Barry Pepper und Stellan Skarsgård auf der anderen auch international sehr bekannte Gesichter dabei hat, hilft wieder ein wenig bei der Distanzierung zu der niederschmetternden Handlung. Es ist dann eben wie gesagt „nur“ ein Film. Man könnte aber auch argumentieren, dass das plötzliche Auftauchen dieser „Hollywood-Gesichter“ einen etwas aus dem Sog des Filmes zieht.

Einen besonderen Darsteller hat Marhoul in Aleksey Kravchenko gefunden, der hier einen Rotarmisten spielt. Kravchenko spielte einst Flyora, die Hauptfigur in „Komm und sieh“, der ebenfalls bei Bildstörung erschienen ist (meine Rezension hier), und in mancher Hinsicht wie eine Blaupause zu „The Painted Bird“ wirkt, da er eine ganz ähnliche Geschichte – ein Junge gerät in die Mühlen des Krieges und wird durch die grauenvolle Erlebnisse seelisch zerstört – erzählt. Aber auch wie ein Gegenentwurf zu „The Painted Bird“ wirkt. Direkter, unmittelbarer, wahrhaftiger, weniger distanziert zum Gezeigten. Und noch erschütternder in seiner Wirkung. Denn Marhoul gönnt seinem Helden am Ende den Hauch einer Hoffnung, welcher Aleksey Kravchenkos Flyora nicht vergönnt war.

Bildstörung hat „The Painted Bird“ in perfekter Bild- und Tonqualität veröffentlicht. Da gibt es keinen Grund irgendetwas zu beanstanden. Es gibt eine deutsche Tonspur, empfehlen würde ich aber auf jeden Fall den Originalton in Interslawisch. Auch die Extras sind wie immer absolut vorbildlich. Allem voran eine Dokumentation zur Entstehung des Filmes, die mit 120 Minuten selber mehr als normale Spielfilmlänge hat und ausgesprochen spannend ist. Erzählt wird aus der Perspektive Petr Kotlárs, wie er die Dreharbeiten erlebte. Ergänzt wird dies mit Interviews, die mit Marhoul, der seine Sicht der Dinge präsentiert. Die Kamera begleitet die Dreharbeiten über die vollen zwei Jahre. Es werden keine Schwierigkeiten unterschlagen, einmal ist das Geld alle und niemand weiß wie es weitergeht. Dann will Kotlár hinschmeißen, da er sich die Haare nicht weiter lang wachsen lassen möchte. Man darf nie vergessen und das kommt hier auch gut rüber, dass er eben noch ein kleiner Junge ist, der erst 9 ist als das Abenteuer beginnt und gerade 11, wenn es endet. Klar, dass es für ihn nicht leicht ist und er ab und zu „streikt“. Auch die Techniker*innen aus der zweiten Reihe werden ausführlich vorgestellt. Als einmal gezeigt wird, wie in der Ukraine gedreht wird, bekommt der Film noch einmal einen sehr unbequemen tagespolitischen Bezug. So viel weiter hat sich die Menschheit scheinbar nicht entwickelt. Natürlich wird auch auf die Kontroverse um den Autor der 1965 erschienen Buchvorlage eingegangen. Jerzy Kosinski hatte sein Buch „The Painted Bird“ als seine eigene Autobiographie verkauft. Etwas, was widerlegt werden konnte. Zudem bestehen Zweifel an seiner alleinigen Urheberschaft. Interessanterweise wird Václav Marhoul auch zweimal bei cholerischen Wutausbrüchen gezeigt. Insgesamt ein extrem interessantes und aufschlussreiches Making Of. Das zweite Extra ist ein 90minütiges Werkstattgespräch mit Václav Marhoul, welches 2020 beim goEast-Festival aufgenommen wurde. Durch den Ausbruch der Corona-Pandemie konnte Marhoul nicht vor Ort sein, so dass das Gespräch als qualitativ eher unterdurchschnittlicher, nichtsdestotrotz hochspannender Zoom-Mitschnitt vorliegt. Das 24-seitige Booklet enthält Vorwort von und ein Interview mit Václav Marhoul.

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