Das Bloggen der Anderen (30-04-18)

Von , 30. April 2018 17:45

– Unter dem schönen Titel „Schwarz wie Schnee“ stellt Robert Zion die seiner Meinung nach vier besten Schnee-Western vor.

– Sonja Hartl hat auf kino-zeit.de einen sehr interessanten Artikel zur Frage „Wie Jazz in den Film kam“ beantwortet.

– Valerie Dirk schreibt auf Jugend ohne FilmVom Aufbrechen der Rituale: Lady Bird von Greta Gerwig“.

– André Malberg kann auf Eskalierende Träume zwar nicht widersprechen, dass “Der Teppich des Grauens” „am Ende des Tages unter den Gruselkrimis, die in der BRD der 60er Jahre so boomten, maximal eine Randnotiz“ ist. Aber er ist gleichzeitig erstaunt darüber, wie der Film das Bild von „Krimiregular und Frauenschwarm in Personalunion Blacky Fuchsberger (…) nicht gründlicher zu demontieren versuchte als jeder andere Film dieser Ära“.

– Was für ein Zufall: Da sah ich mit gerade just diesen Freitag Michael Armstrongs/Adrian Hovens „Hexen bis aufs Blut gequält“ an, schon erscheint auf Schattenlichter ein ausführlicher Drehort-Bericht von der geschätzten Mauritia Mayer.

– Letztes Jahr leider auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg verpasst – jetzt kommt er ins Kino „Familiye“ von Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya. Ronny Dombrowski von cinetastic findet bei diesem Debütfilm zwar kleinere Defizite, weiß ihn darüber hinaus aber doch zu schätzen.

– Klingt sehr spannend: Die Doku „Der Prinz und der Dybbuk“ über den polnischen Filmemacher Michal Waszynski (1904-1965). Oliver Armknecht von film-rezensionen.de hat den Film besprochen.

– Noch habe ich mich an Martin Scorseses letzten Film „Silence“ nicht so recht ran getraut. Nach funxtons sehr positiver Rezension werde ich das aber bald mal nachholen.

Blu-ray-Rezension: Zwei Filme von G.W. Pabst

Von , 27. April 2018 15:58

Westfront 1918

Der Film erzählt von vier Infanteristen – der Bayer (Fritz Kampers), der Student (Hans-Joachim Moebis), Karl (Gustav Diessl) und der Leutnant (Claus Clausen) – die in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges in Frankreich gemeinsam an der Westfront kämpfen…

Anmerkung: Alle Screenshots von „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“ stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100sten Mal. Ein guter Zeitpunkt, um G.W. Pabsts Anti-Kriegsfilm „Westfront 1918“ in restaurierter Form auf den deutschen Heimkinomarkt zu bringen. Zuvor war der Film bereits auf einer nicht ganz optimalen DVD erhältlich, nun aber kann man Pabsts Werk in restaurierter Form und in HD bewundern. „Westfront 1918“ ist Pabsts erster Tonfilm, und er weiß das Medium für sich zu nutzen. Auffällig seine Entscheidung in „Westfront 1918“ keine Musik einzusetzen. Der ganze Soundtrack besteht aus den Dialogen und den bedrohlichen Geräuschen an der Front. Für heutige Seh- bzw. in diesem Falle Hörgewohnheiten ist das erst einmal gewöhnungsbedürftig. Die Schauspieler sprechen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da wird kein Dialekt glatt gebügelt, was beispielsweise zur Folge hat, dass man das harte Bayrisch eines Fritz Kampers‘ tatsächlich nur schwer verstehen kann. Oder französische Dialoge nicht künstlich „eingedeutscht“ werden.

Dies alles trägt aber zum Realismus des Filmes bei. Teilweise glaubt man, hier zeitgenössische Aufnahmen aus den Schützengräben vor sich zu haben. Es gibt keine heroische Musik, kein ohrenbetäubendes DTS 5.1. Höllenfeuer. Nichts, was man heute von einem Kriegsfilme – die ja auch immer verkappte Actionfilme sind – erwarten würde. Pabst beobachtet seine Figuren, wie sie sich in dem Albtraum Krieg verhalten und was dieser Krieg aus ihnen macht. Dabei entscheidet er sich gegen eine einzige Identifikationsfigur, sondern folgt – wie der vollständige Untertitel „Vier von der Infanterie“ schon ankündigt – vier ganz unterschiedliche Charaktere. Am ehesten könnte noch „der Student“ als unser Wegweiser durch die Hölle fungieren. Wird ihm doch eine kleine Liebesgeschichte mit einem französischen Mädchen gegönnt. Doch „der Student“ wird auch als Erster Opfer des Krieges. Unheroisch und dreckig wird er niedergemacht. Noch nicht einmal seinen Tod in einem schlammigen Drecksloch bekommen wir zu sehen. Sein Tod geschieht nebenbei, ist unwichtig. So wie der Tod des Paul in dem zeitgleich entstandenen „Im Westen nichts Neues“, der in den USA wenige Tage nach der deutschen Premiere von „Westfront 1918“ startete und in Deutschland erst sechs Monate später in die Kinos kam.

Danach ist es Karl, dem Pabst durch das Kriegsgräuel folgt. Karl darf für drei Wochen in die Heimat zurückkehren. Hier wird er mit den dramatischen Auswirkungen des Krieges konfrontiert, den dieser vernichtet nicht nur die Männer an der Front, sondern auch die Seelen der Daheimgeblieben. Lange Schlange vor der knappen Essensausgabe, Frauen, die die verzweifelte Mutter eines gerade Gefallen anschnauzen, sie solle sich ans Ende der Schlange stellen. Mitleid habe niemand, schließlich hätten sie alle Söhne im Krieg verloren. Karls Mutter kann ihren Sohn nicht umarmen, da sie sonst den wertvollen Platz in der Schlange aufgeben würde. Karls Frau geht mit einem Fleischer ins Bett, denn „er bringt doch immer etwas zu essen mit“. Szenen, die an Pabst „Die freudlose Gasse“ erinnern.

In den Kriegsszenen konzentriert sich Pabst ganz auf die beklemmende Atmosphäre. Besonders blutige Szenen, wie heute Usus, gibt es kaum. Umso mehr wirkt das Ende des Filmes, der dann in einem behelfsmäßigen Hospital, welches symbolträchtig in einer zerstörten Kirche eingerichtet wurde, wie ein Abstieg in die Hölle. Hier findet man die versehrten Soldaten, die voller Panik realisieren, dass sie keine Beine mehr haben. Sterbende, schwer Verwundete. Überforderte Ärzte, Wahnsinnige. Hier gibt es dann kein Freund und feind mehr. Deutscher oder Franzose. Hier sind sie alle gleich, zerbrochen unter demselben Leid. Allesamt Kanonenfutter, hüben wie drüben. Erschreckende, eindrückliche Bilder die ihren Höhepunkt darin finden, dass Pabst und sein genialer Kameramann Fritz Arno Wagner das Gesicht eines Sterbenden allein durch die Beleuchtung in einen Totenschädel verwandeln, während neben ihm „der Feind“ auf der Suche nach etwas Trost und menschlicher Nähe dessen Hand hält. Hier erreicht der Film eine intensive Meisterlichkeit, die sich tief das Gedächtnis des Betrachters einfrisst. Es ist kein Wunder, dass der pazifistische Film mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgehend verboten wurde.

Kameradschaft


In der französischen Zeche Thibault nahe der deutsch-französischen Grenze kommt es zu einem schweren Grubenunglück. Mehr als 600 Bergleute werden verschüttet. Als die Bergleute auf der deutschen Seite davon erfahren, fordert der Kumpel Wittkopp (Ernst Busch) kann die deutschen Kollegen auf , den französischen Kumpels umgehend zur Hilfe zu kommen. Er stellt einen Rettungstrupp zusammen und erhält die Erlaubnis von der Direktion nach Frankreich zu fahren, um dort zu helfen. Die Männer fahren mit ihren LKWs über die Grenze und lassen sich auch von den Zollbeamten, die zu spät informiert wurden, nicht aufhalten…

Der ein Jahr später entstandene Film „Kameradschaft“ ist die Weiterführung von „Westfront 1918“. Auch hier geht es um den Konflikt zwischen den Franzosen und der Deutschen, der nach dem verheerenden Krieg noch immer von Vorurteilen und tiefem Misstrauen geprägt ist. Aber auch um die Menschlichkeit. Davon, dass doch alle gleich sind („Kumpels sind Kumpels“), egal auf welcher Seite der Grenze sie leben. Und dass die „einfachen Menschen“ dies begriffen haben (ähnlich wie in „Westfront 1918“, wo am Ende alle im demselben Hospital vor sich hin vegetieren und sterben), aber immer wieder zum Spielball der Regierungen werden.

Wie „Westfront 1918“ ist „Kameradschaft“ ein Appell an das Miteinander und gegen Vorurteile und Hass. Der Film beruht auf dem realen Grubenunglück, welches sich im Jahre 1906 in der Zeche der Compagnie de Courrières im nordfranzösischen Kohlerevier in der Nähe der Stadt Lens, unweit der belgischen Grenze ereignete. Bei diesem waren 1400 Arbeiter unter Tage eingeschlossen gewesen. 1099 kamen um. Damals eilte eine deutsche Rettungsmannschaft aus Dortmund nach Frankreich, um mit dem geeigneten Gerät den Rettern vor Ort zu helfen. Pabst versetzt diese Grundgeschichte in die Gegenwart von 1931. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen wird immer noch von dem 13 Jahre zurückliegenden Krieg bestimmt. Es herrscht Misstrauen und Ablehnung. Zwei Kinder (ein französisches, ein deutsches) spielen mit Murmeln. Doch schon bald kommt es zum Streit. Der französische Junge hätte gemogelt, meint das deutsche Kind. Das französische meint wütend, der Deutsche wolle ihn übervorteilen. Arbeitslose deutsche Arbeiter suchen in Frankreich Arbeit, werden aber an der Grenze abgewiesen. Es gäbe ja kaum genug für die Franzosen.

Drei deutsche Minenarbeiter wollen sich in Frankreich amüsieren, scheitern aber an der Sprachbarriere. Als der eine ein französisches Mädchen zum Tanz auffordern will, lehnt dieses ab, weil es müde ist Sie bittet ihren Freund dies zu erklären, weil er ein wenig „allmand“ spricht. Der deutsche Arbeiter versteht nur „allmand“ und ist außer sich, weil er glaubt, die Französin würde ihm den Tanz nur verweigern, weil er Deutscher sei. Dieser Konflikt führt beinahe zu einer Schlägerei, doch glücklicherweise hat der Arbeiter einen besonnen Freund dabei, der ihn aus der unangenehmen Situation herausführt. Später wird ein französischer Arbeiter seinen deutschen Retter fast erwürgen, weil er von einem Kriegstrauma eingeholt wird und in dem Deutschen einen gegnerischen Soldaten sieht.

All dies zeigt Pabst ohne Wertung. Sein Herz schlägt weder auf der deutschen, noch auf der französischen Seite – sondern für die Menschen an sich. Dementsprechend werden die Deutschen auch nicht als strahlende Helden gezeigt, die „den Franzosen“ mal zeigen, wie man es macht. Sondern als normale Leute, die einfach nur helfen wollen. Die nicht die Glorie des Heldentums suchen, sondern einfach professionell ans Werk gehen. „Ein Kumpel ist ein Kumpel“. Konsequenterweise wird die Geschichte von beiden Seiten her gleichberechtigt gezeigt, und die Franzosen sprechen französisch, die Deutschen sprechen deutsch. Neben seiner ebenso pazifistischen, wie humanistischen Grundierung, hat „Kameradschaft“ aber auch auf der rein visuellen Seite sehr viel zu bieten. Mit seinem kongenialen Kameramänner Fritz Arno Wagner und Robert Baberske begibt sich Pabst tief in die Stollen des Minensystems. Man spürt die Klaustrophobie, die allgegenwärtige Bedrohung. Man wähnt sich tief unter Tage. Es ist kaum zu glauben, dass Pabst nicht vor Ort, sondern in von Erno Metzner and Karl Vollbrecht entworfenen Kulissen agierte. Mit seiner extrem expressionistischen Ausleuchtung, schufen Pabst und Wagner/Baberske starken Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Jede Einstellung für die Galerie, aber jederzeit auch immer im Dienst des Films.

Pabsts Schauspieler rekrutieren sich zu gleichen teilen aus deutschen, wie französischen Darstellern. Am Ende stehen zwei flammende Reden für ein freundschaftliches, ja „kameradschaftlichen“ Miteinander. Eine euphorisch geschmettert von dem französischen Bergmann, der fast seinen Retter umgebracht hätte, die andere nüchterner, aber nicht weniger eindringlich auf deutsch von Wittkop, dem Kumpel, der die Rettungsaktion initiierte. Dass tief unter Tage bereits wieder neue Mauern gezogen werden, damit „alles seine Ordnung hat“, ist ein finsterer Vorgeschmack auf das, was sich zwei Jahre später in Deutschland ereignen soll. Mit dem Wissen, dass trotz aller Hoffnung, sich das Grauen und der Hass des vergangenen Krieges auf das grausamste wiederholen sollte, möchte man nur noch sein Haupt in den Händen wiegen und weinen. Und aufmerksam sein, ob 2018 nicht das neue 1931 ist.

Zur Veröffentlichung: Zunächst die gute Nachricht: Die neue Veröffentlichung von Atlas Film mit der 2014 durch die Deutsche Kinemathek in Kooperation mit dem BFI National Archive und dem CNC erstellte Restaurierung der beiden Filme schlägt die bisherige DVD-Veröffentlichung durch die Ufa um Längen! Unglaublich, was hier noch bei Bild und Ton herausgeholt werden konnte. Siehe Bildvergleich am Ende dieses Artikels. Auch sehen die beiden Mediabooks, die den Film jeweils auf Blu-ray und DVD enthalten und mit einem schönen Booklet mit mit originalen, historischen Dokumenten und Informationen zur Geschichte des jeweiligen Films enthalten, sind ausgesprochen hübsch geworden. Die schlechte Nachricht: Im Gegensatz zu dem bereits vor knapp einem Jahr in England erschienen 3-fach-Set, welches beide Filme zusammen auf einer Blu-ray, sowie jeweils einzeln auf einer DVD enthielt, besitzt die deutsche Variante keinerlei Extras. Auf die in der britischen Variante enthaltenen jeweils ungefähr viertelstündigen Einführung durch Jan-Christopher Korak wird also leider verzichtet. Das ist sehr schade und trübt ein wenig die Freude darüber, dass diese beiden Meisterwerke endlich auch in ihrem Heimatland in einer vernünftigen Form vorliegen.

Vergleich der alten Ufa-DVD (links) und der neuen DVD aus dem Mediabook:

Westfront 1918

 

 

 

 

 

 

Kameradschaft

 

 

 

 

Das Bloggen der Anderen (23-04-18)

Von , 23. April 2018 17:21

– 1936 inszenierte Robert Siodmak in Frankreich den Film „Mister Flow“. Siodmaks französische Filme sind hierzulande wenig bekannt, und die meisten sind auch schlecht zugänglich. Umso erfreulicher, dass sich Manfred Polak von Whoknows presents sich „Mister Flow“ angenommen hat und ihn eingehend analysiert.

– Olgar Baruk portraitiert anlässlich einer Werkschau im Berliner Arsenal auf critic.de kurz die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann.

– Anna Wollner führt auf kino-zeit.de ein Interview mit Schauspielerin und Filmemacherin Greta Gerwig.

– Beim Kinogänger gibt es eine erste Vorschau auf den Kinosommer 2018.

– Rainer Kienböck schreibt auf Jugend ohne Film über den Künstler und Dokumentarfilme Ben Russel, dessen Werk „Good Luck“ auch bereits auf ARTE lief.

– Christian Witte war bei seinem Freund Siegfried Bendix zu einem Filmabend eingeladen und beschreibt auf Witte’s Wöchentliche Tipps das Resultat.

– Werner Sudendorf hat auf new filmkritik einen interessanten Text zu Eduard von Borsodys „Geliebte Corinna“ von 1956 verfasst.

– Dass deutsche Regisseure eine Remake des eigenen Werks drehen kommt eher selten vor (aktuelles Beispiel: Wolfgang Petersen mit „Vier gegen die Bank“). Alfred Vorher hat 1975 seinen 1958 gedrehten „Verbrechen nach Schulschluss“ auf den neusten Stand gebracht. Und das recht exploitativ, wie totalschaden von Splattertrash meint.

– Ein Film, der nach der ersten Sichtung immer mehr wächst. Als ich ihn als „Das Manhatten Massaker“ sah, war ich noch wenig begeistert, mittlerweile liebe ich „Im Jahr des Drachen“. Auch Sebastian von Nischenkino ist ein großer Fan dieses Filmes.

– Christian Genzel zeichnet auch Wilsons Dachboden nach, wie Sandra Bullock sich mit „Verrückt nach Steve“ ihre Goldene Himbeere verdiente.

– Flo Lieb nimmt auf symparanekronemoi den wunderbaren Ted Kotcheff-Klassiker „First Blood“ (hier allgemein als „Rambo“ und für seinen Hauptdarsteller bekannt) auseinander, kommt aber am Ende zu einem sehr positiven Ergebnis.

Blu-Ray-Rezension: „Good Time“

Von , 17. April 2018 22:08

Ein gerade auf Bewährung entlassener Ex-Sträfling Connie Niklas (Robert Pattinson) will sich um seinen geistig behinderten Bruder Nick kümmern. Allerdings verwickelt diesen prompt in einen Bankraub, woraufhin Nick geschnappt wird. Connie versucht daraufhin ihn irgendwie aus dem Knast zu bekommen, was aber nicht klappt. Als Connie dann erfährt, dass Nick mittlerweile in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, will er ihn daraus entführen. Und von da an geht so ziemlich alles schief…

Good Time“ wird gerne mal mit Nicolas Winding Refns „Drive“ verglichen. Was natürlich ein ziemlicher Unsinn ist und vollkommen auf die falsche Fährte führt. Wobei es durchaus auf den zweiten Blick Gemeinsamkeiten gibt, aber nicht jene, welche die Marketing-Leute herbei schreiben wollen. Ja, in beiden Filmen gibt es eine Farbdramatugie, die in kräftigen Neon-Farben schwelgt und auch der Synthie-Soundtrack klingt hübsch Retro. Doch die eigentliche Schnittstelle ist es, dass beide Filme Neo-Noirs sind, welche sich nicht um die großen, spektakulären Coups kümmern, sondern Geschichten aus der Unterschicht des Verbrechens, von den kleinen Kriminellen und nicht den großen Bossen erzählen. Und von den Gefühlen, die man nicht zulassen sollte und die unweigerlich zu falschen Entscheidungen und in finaler Konsequenz zum Untergang führen. Wobei dem von Robert Pattinson eindrucksvoll gegen den Strich gespielten Connie, die Intelligenz und coole Skrupellosigkeit der von Ryan Gosling gespielten Figur vollkommen abgeht.

Connie Niklas agiert rein aus dem Bauch hinaus. Er macht sich keine große Gedanken über die Folgen seines Handelns, und ob er damit Andere ins Verderben stürzt. Er ist beseelt von dem Glauben, das Richtige zu tun, plant nicht großartig voraus und versucht Probleme im Moment zu lösen, ohne an die Auswirkungen zu denken. Was zu einer Serie katastrophaler Fehlentscheidungen führt. In einem Film der Coen Brothers, die ein ähnliche Feld bestellen, würde dies höchstwahrscheinlich zu einer sehr schwarzen Komödie mit ätzendem Humor führen. Die Safdie-Brüder betonen im Interview zwar, dass auch sie ihren Film als schwarze Komödie sehen, gehen in der Praxis aber weitaus ernsthafter zu Sache. Zwar steckt ihr Drehbuch ebenfalls voller aberwitzig-skurriler Einfälle, doch zum Lachen oder zumindest Schmunzeln ist einem nicht zumute. Was allerdings fehlt ist eine gewisse Tragik, die einen Sympathien für die Hauptfigur hegen lassen. Connie ist in erster Linie eine gewaltiger und gewalttätiger Egoist, dem die Konsequenzen seines Handelns für andere ziemlich egal ist. Allein sein Bruder Nick bedeutet ihm etwas. Allerdings besitzt er keinerlei Empathie für dessen Situation und eine feste Überzeugung, was für Nick das Beste ist. Dass er Nick damit auf direktem Wege in den Knast bringt, wo dieser kaum eine Überlebenschance hat, sieht er auch nicht im Geringsten als sein Fehler. Sondern als unglücklichen Zustand, den es zu korrigieren gilt.

„Good Time“ lebt vor allem von seinen hervorragenden Schauspielern, Robert Patinson ist sehr überzeugend als Connie, und man könnte sich am Ende keine bessere Besetzung für die Rolle vorstellen. Ebenfalls hervorzuheben ist die großartige Jennifer Jason Leigh, die eine wundervolle Vorstellung als Connies völlig verpeilte Geliebte abliefert. Doch in den Schatten werden alle von Co-Regisseur Benny Safdie gestellt, der Connies zurückgeblieben Bruder Nick spielt. Dies tut er so natürlich und bewegend, dass man den Eindruck bekommen kann, hier wäre tatsächlich ein Schauspieler mit mentalem Handiacap gecastet worden. Zumindest in der Originalfassung. In der deutschen Fassung klingt seine verwaschen-vernuschelte Sprache weit weniger realistisch. Man erschreckt sich förmlich, wenn im Bonus-Bereich der BluRay Benny Safdie sich als aufgeweckter, gutaussehender und fröhlicher Interview-Partner entpuppt. Nick ist dann auch die Seele des Films. Der Motor für Connies unüberlegte und impulsiven Aktionen. Und eine Figur von tiefer Traurigkeit und Tragik. Wunderbar fangen die Safdie-Brüder dies in einer zu herzen gehenden und zutiefst ambivalenten Schlussszene ein, die einem auch durch die kongeniale Musikbegleitung durch Oneohtrix Point Never (alias Daniel Lopatin) mit Iggy Pop noch lange im Gedächtnis bleibt, wenn man den Rest des Filmes schon nur noch schemenhaft erinnert.

Das Bild der Ascot Elite-BluRay ist durchgehend gut. Satte Farben dort wo sie von den Regisseuren intendiert wurden und eine durchgehend angenehme Schärfe. Beim Ton fällt wieder eine unangenehme Mischung aus Effekten und Dialogen auf. Letztere sind deutlich leiser leiser als die Effekte, was dazu führt, dass man den Anlage lauter einstellt und die Effekten einen dann senkrecht auf dem Sofa stehen lassen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass dies in der deutschen Tonspur nicht ganz so drastisch ausfällt. Dafür ist die deutsche Synchro dem o-Ton deutlich unterlegen. Insbesondere was Benny Safdies Nick angeht. Überhaupt verliert der Film in der deutschen Bearbeitung einiges von seinem schonungslosen Realismus. Als Extras sind zwei kurze Interviews enthalten. Einmal mit Hauptdarsteller Robert Pattinson (5 Minuten) und dann mit den beiden Regisseuren (6 Minuten). Insbesondere das zweite ist trotz der Kürze sehr informativ ausgefallen.

Das Bloggen der Anderen (16-04-18)

Von , 16. April 2018 19:32

– Unglaublich, aber wahr. In den deutschsprachigen Blogs (zumindest denen, denen ich regelmäßig folge) fand sich in der vergangenen Woche nur ein einziger Nachruf auf den großen Miloš Forman. Weshalb dieser Beitrag des Kinogängers auch in dieser Woche den Reigen eröffnet.

– Rüdiger Suchsland hat sich anlässlich eines zweitägigen Kongresses in Frankfurt getan, der im Rahmen des »Lichter«-Filmfest stattfand und um die „Zukunft des deutschen Films“ auf out-takes einige Gedanken zur Gegenwart des deutschen Films gemacht.

– Auf jenem Kongress war auch Joachim Kurz von kino-zeit.de und hat ebenda einen längeren Bericht dazu verfasst. Alex Matzkeit fragt sich, ob es nicht so einige Filme gibt, die wir nicht gesehen haben, aber glauben zu kennen – die aber in Wirklichkeit ganz anders sind. Anna Wollner hat ein Interview mit der Regisseurin Emily Atef über deren Romy-Schneider-Biopic „3 Tage in Quibéron“.

– Dazu passt, dass Bianca von Duoscope eine lautstarke Lobeshymne auf den Film „3 Tage in Quibéron“ angestimmt hat.

– Nicht Romy Schneider, sondern einer anderen Grand Dame gilt der Liebesbrief, den Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film auf das elektronische Papier gebracht hat: Delphine Seyrig.

– Unter dem Titel „Scarface, R. und ich – Borderline, Sucht und mein Patriarchat“ hat Gastautor Nicolai bei der Filmlöwin einen erschütternden, sehr persönlichen Text geschrieben.

– Schauspieler, die nach ihrem Ableben noch immer jung und schön in Filmen mitspielen? Die Digitalisierung macht es möglich. Darüber hat Filmlichtung einmal nachgedacht.

– Michael Kienzl hat auf critic.de anlässlich der Helmut-Käutner-Retrospektive im Berliner Zeughauskino über drei seiner unbekannteren Filme geschrieben.

Was läuft in Cannes und was nicht? Schwanenmeister von Negativ Space weiß Bescheid.

– Und gute Filmtipps gesucht? Da kann man gerne mal einen Blick auf Witte’s wöchentliche Tipps riskieren.

– Totalschaden hat sich auf Splattertrash Dario Argentos „Tenebrae“ vorgenommen.

– André Malberg hat sich auf Eskalierende Träume in einem schön bebilderten Text über den weniger bekannten Italo-Western „Pistoleros“ ausgelassen.

– Schweine vor Gericht? Sascha auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte über „Pesthauch des Bösen“.

– Gastautor Dr. Wily führt seine Marvel-Reihe auf Wilsons Dachboden mit „Captain America – First Avenger“ weiter.

Blu-ray-Rezension: „Entertainment/The Comedy“

Von , 11. April 2018 17:38

Ein namenloser Stand-Up-Comedian (Gregg Turkington ) befindet sich auf einer kleinen Tournee durch den Südwesten der USA. Er spielt in Gefängnissen, auf Privatparties und kleinen Clubs. Seine unlustig-geschmacklosen Auftritte enden regelmäßig in der Beschimpfungen des Publikums, was ihm auch schon mal handfesten Ärger einbringt. Jenseits der Bühne treibt er antriebslos durch den Tag, trifft Menschen mit denen er aber zu keiner Kommunikation fähig ist und spricht abends seiner Tochter Maria auf den Anrufbeantworter. Sie hofft er am Ende der Tour treffen zu können.

Wenn es einen irreführenden Titel gibt, dann ist es „Entertainment“ für Rick Alversons vierten Film. Ähnlich wie in Paul Wellers großartigen The-Jam-Song „That’s Entertainment“ ist „Unterhaltung“ hier nur zutiefst sarkastisch zu begreifen. Oder aber als Deckmantel für eine tief darunter liegende Traurigkeit und bodenlose Verzweiflung. „Entertainment“ folgt einer innerlich durch und durch toten Figur, die im Abspann des Filmes nur „The Comedian“ genannt wird. Gespielt wird der Comedian von Gregg Turkington, der im wahren Leben die Bühnenfigur „Neill Hamburger“ erfunden hat, welche mit dem Comedian des Films identisch ist. Wie uns das gelungene und aufschlussreiche Booklet dieser aktuellen „Bildstörung“-Veröffentlichung lehrt, gehört „Neil Hamburger“ zu der Bewegung des Anti-Humors. Einer in den USA spätestens seit Andy Kaufman recht populären Humor-Gattung, die darauf abzielt, dem Publikum absichtlich die Pointe vorzuenthalten und gerade den schlechten Auftritt und misslungene Witze zelebriert.

Im Film bekommen die schrecklichen Auftritte des Comedians aber noch eine andere Bedeutung. Nur durch sie tritt er mit der Außenwelt in engeren Kontakt, lässt (wenn auch negative) Gefühle zu. Nutzt seine Rolle, um seinen Hass, seinen Ekel und seine Verzweiflung in die Welt heraus zu schreien. Kurzzeitig etwas zu spüren, was sich irgendwie wie Lebendigkeit anfühlt. Seine Witze sind nicht nur vollkommen unkomisch, sondern beleidigend, unglaublich geschmacklos und aggressiv. Aber man sieht seine Augen aufblitzen, die Adern anschwellen und in der Tat so etwas wie Leben in diesem zerstörten Mann, dessen Seele zu nahezu keiner Regung mehr fähig ist. Jemand, der sich vollkommen aufgegeben hat und wie eine Zombie durch eine ebenso abweisende, wie kalte Welt streift. An seinen Auftrittsorten irgendwo in der schroffen und kargen Mojave-Wüste, einem Spiegelbild seiner Seele, schließt er sich Touristengruppen an, die bizarre Flugzeugfriedhöfe oder Geisterstädte besichtigen. Dabei ist er aber nie Teil der Gruppe, sondern selbst hier jemand, der sich nur am Rand und darüber hinweg bewegt. Als er von zwei YouTubern um ein Interview mitten in der Wüste gebeten wird, sagt er erst zu, rennt dann aber davon, bevor die Jungs ihr Equipment aufgebaut haben. Selbst eine Zufallsbekanntschaft in einem Hotel endet nicht mit trauter Zweisamkeit, sondern gemeinsamen Starren aus dem Fenster.

Alverson stellt seinen Protagonisten dabei in wundervoll komponierte Bilder, welche teilweise an das Werk von Roy Anderson erinnern. Noch so ein großer Melancholiker und gnadenloser Beobachter menschlicher Einsamkeit. Erst ein schockierendes Erlebnis, welches auch den Zuschauer aus der Bahn wirf, schafft es einen Riss in seinem versteinerten Inneren zu erzeugen, welcher dann plötzlich aufbricht und in einem verzweifelten Ausbruch endet. Ob dieser aber zu einer Katharsis oder der deprimierende Einsicht führt, dass das eigene Leben leer und sinnlos ist, verrät Averson nicht.

Rick Alverson ist mit „Entertainment“ ein ebenso beeindruckender, wie todtrauriger und deprimierender Film gelungen. Dass Averson zu den interessantesten Stimmen des US-amerikanischen Indie-Films gehört, scheint sich herum gesprochen zu haben. Für „Entertainment“ konnte er große Namen gewinnen, die vollkommen in ihren Rollen aufgehen. Der wie immer großartige John C. Reilly spielt den jovialen Cousin, der zwar eine riesige Orangenplantage sein eigenen nennt, aber keinerlei echte Empathie für sein Gegenüber aufbringen kann. Tye Sheridan, der gerade in Steven Spielbergs Big-Budget-Extravaganza „Ready Player One“ die Hauptrolle spielt, gibt hier einen derben Clown, der im Vorprogramm des Comedian auftritt, ebenso geschmacklos agiert, aber damit mit sich vollkommen im Reinen ist. Und Michael Crae, der Scott Pilgrim, der gegen die Welt gekämpft hat, spielt einen unsicheren Stricher.

Wunderbarerweise hat Bildstörung nicht nur „Entertainment“, sondern auch dessen direkten Vorgänger „The Comedy“ mit auf seine Veröffentlichung gepackt. War war der Titel „Entertainment“ schon eine gnadenlose Übertreibung, so führt einen auch „The Comedy“ auf die falsche Fährte. Es sei denn, man assoziiert den Titel mit Dantes göttlicher Komödie und den Besuch der Höllenkreise. „The Comedy“ handelt von Swanson (Tim Heidecker) und seinen Freunden. Reiche und gelangweilte Hipster, die außer kindischen Spielen, aus dem Ruder laufenden Parties und sich selbst nicht viel im Kopf haben.

Ist der Comedian aus „Entertainment“ innerlich tot, so ist Swanson vollkommen leer. Diese Leere versucht er zu füllen, indem er entweder auf Konfrontation mit anderen geht und ihnen böse, ganz und gar unkomische Streiche spielt – oder in Rolle eines anderen schlüpft. Eines Menschen, der in der sozialen Leiter weiter unter ihm steht. So gibt er sich spontan als Gärtner aus und beteiligt sich kurz an schweißtreibender Gartenarbeit, überredet einen Taxifahrer ihm seinen Wagen gegen eine große Geldsumme zu überlassen, um selber Taxifahrer zu spielen oder heuert als Tellerwäscher in einem Diner an. Zwischendurch beleidigt er andere oder zieht in grotesken Dialogen mit einem schmierigen Immobilen-Menschen („Entertainment“s Gregg Turkington) über Minderheiten und Obdachlose her. Seine Freunde sind auch nicht besser. Keiner von ihnen scheint ein Leben zu haben. Wenn sie sich treffen, ist das Ziel Exzess. Oder sie picken sich den Schwächsten in ihrer Gruppe heraus, um ihn zu erniedrigen. Oder alles beides.

Warum sollte man sich also für 93 Minuten diese Arschlöcher ansehen? Weshalb an einem Typen interessiert sein, der sich unverhohlen mit faschistischen Sozialdarwinismus begeistert und sich quasi per Stand, also dem Geld seines Vaters, für etwas besseres hält. Der sich daraus das Recht ableitet, sich alles herausnehmen zu dürfen? Weil Averson unter der abstoßenden Oberfläche, hinter der Fassade dieses Typen, dessen weit aufgeknöpfte Hemd sich über die Wampe spannt, der immer in viel zu kurzen Shorts herum läuft, etwas spürbar macht.

Für Swanson kann man eigentlich nur Verachtung und Wut übrig haben. Aber Averson macht in diesem Swanson auch immer wieder diese große, todtraurige Leere fühlbar und wirft sie auf den Zuschauer zurück. Und der fühlt ein Teil davon vielleicht auch in sich selbst. Nur so kann man auch Szenen wie jene ertragen, in der Swanson ungerührt mit einer undefinierbaren Mischung aus Desinteresse und Faszination eine junge Frau beglotzt, die während einer gerade beginnenden Liebesnacht einen heftigen epileptischen Anfall erleidet (wobei Averson offen lässt, ob Swanson diesen nicht vielleicht bewusst herbeigeführt hat), ohne Swanson ins Gesicht spucken zu wollen. „The Comedy“ ist ein Film, den man nicht mögen will, nicht mögen kann. Der einen aber noch lange beschäftigt mit der Frage: Steckt vielleicht ein Teil von Swansons auch in mir?

Unter den vielen kleinen Filmlabels, die immer wieder hochspannende Filme der Öffentlichkeit zugänglich machen und viel Liebe und Mühe in ihre Veröffentlichungen stecken, ragt Bildstörung schon immer hervor. Der Ruf, das deutsche Criterion oder zumindest das Pendant der britischen Mastrs of Cinema-Reihe zu sein, wird Bildstörung gar nicht gerecht, da die Filmauswahl sogar noch mutiger erscheint, als bei den internationalen Kollegen. So wurden in der Vergangenheit so vollkommen unterschiedliche Filme – Czech New Wave, Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“, Zbynek Brynychs fast vergessener „Die Weibchen“, aber auch kontroverses wie die großen Jodorowsky-Filme, Walerian-Borowczyk-Werke oder Agustí Villarongas „Im Glaskäfig“ herausgebracht. Was diese Filme eint? Dass sie durch die Bank hochklassige und hochspannende Filme sind, die zeigen, wozu mutiges, kompromissloses und innovatives Kino fähig war und heute noch ist. Obwohl der Hauptoutput in den 60er und 70er Jahren liegt, bringt Bildstörung aber auch immer wieder brandaktuelle Filme, wie kürzlich auch Nikias Chryssos‘ wunderbaren „Der Bunker“, die sich nahtlos in die Reihe einfügen. Und dies immer in höchster Qualität. Das Bild der „Entertainment“-BluRay ist messerscharf und von großer Schönheit. Auch aus „The Comdey“ wurde das Optimum herausgeholt. Der Ton liegt bei beiden Filmen lediglich in Englisch vor, dafür können.jeweils deutsche Untertitel zugeschaltet werden. An Extras gibt es bei „Entertainment“ 16 Minuten mit Deleted Scenes (optional mit deutschen Untertiteln) und den Trailer. „The Comedy“ kann demgegenüber mit einem Audiokommentar mit Regisseur Rick Alverson und Hauptdarsteller/Co-Autoren Tim Heidecker aufwarten. Daneben gibt es ebenfalls Deleted Scenes (20 Minuten) und den Trailer. Sehr schön ist auch das 16-seitige Booklet mit interessanten und informativen Texten von Caveh Zahedi und Thorsten Hanisch geworden.

Das Bloggen der Anderen (09-04-18)

Von , 9. April 2018 17:32

– Es ist schon eine Weile her, aber trotzdem immer noch hochspannend: Das Filmkollektiv Frankfurt veranstaltete zwischen dem 18. Und 20. August 2017 die Reihe „Tropische Sinnlichkeit – Hommage an Armando Bo und Isabel Sarli“. Silvia Szymanski war damals dabei und macht ihren Lesern auf Hard Sensations nun den Mund wässrig, sich intensiv mit dem Schaffen von Herrn Bo und seiner Muse zu beschäftigen. Bei mir steht es jedenfalls ganz oben auf dem Zettel.

Kann Kino eine therapeutische Wirkung haben? Und wenn ja, wie? Joachim Kurz hat sich dieser Frage auf kino-zeit.de angenommen. Erst kürzlich fiel mir bei der Sichtung eines 80er-Jahre-Actioners auf, wieviel Wert auf und wieviel Kreativität in den Vorspann des Filmes gesteckt wurde. Das kennt man heute leider gar nicht mehr. Findet auch Rajko Burchardt.

– Wichtige Info für alle Blogger und ein persönlicher Albtraum. Christian Gertz gibt auf mehrfilm.de die Geschichte einer Abmahnung wieder. Gruselig! Und eine Warnung für alle.

– In gewohnter Länge und mit einem unglaublichen Detailreichtum hat sich david auf Whoknows presents mit der sowjetischen Sex-Komödie „„Bett und Sofa“ von 1927 beschäftigt. Eine wie immer hochinteressante Lektüre.

Filmlichtung verteidigt leidenschaftlich einen Film, der vor 10 Jahren (wirklich erst 10? Kommt mir in der Erinnerung viel länger vor) fürchterlich floppte und von allen Seiten verrissen wurde: „Speed Racer“ von den Wachowski-Geschwistern. Warum er den Film so sehr liebt, erklärt er ausführlich.

– Okay, eigentlich verlinke ich nur deutschsprachige Texte (sonst würde das einfach zu viel), aber wenn jemand wie André Malberg auf der tollen Seite von Eskalierende Träume so viel und fundiert über Jess Francos „Drácula contra Frankenstein“ schreibt, darf das ausnahmsweise auch mal auf Englisch sein.

– Dass der so reißerisch betitelte „Hexen bis aufs Blut gequält“ durchaus ein oder mehrere Blicke wert ist, führt Mauritia Mayer auf Schattenlichter aus.

– Ein kurzes Schlaglicht wirft Lukas Foerster von Dirty Laundry auf „La viaccia“ von Mauro Bolognini.

– Der beste St-Pauli-Film, der nicht von Rolf Olsen stammt: Wolfgang Staudtes großartiger „Fluchtweg St. Pauli“. Warum? Nachzulesen bei Splattertrash.

– Amateuer-Splatter-Zeit auf Schlombies Filmbesprechungen. Christian hat den berüchtigten „Weasels Rip My Flesh“ vom Amteuer-Splatter-Pionier Nathan Schiff ausgegraben und dessen Kurzfilm „The Day the Dog Went Insane“ noch gleich dazu.

– Michael Schleeh von Schneeland beschäftigt sich derzeit näher mit dem modernen Indische Kino und empfiehlt, mal einen Blick auf den Hindi-crime-Film „Shaitan“ von Bejoy Nambiar zu werfen.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über Bob Fosses wunderbaren „Lenny“.

„Blutiger Zahltag“ ist noch einmal bei filmArt erschienen

Von , 7. April 2018 11:05

In filmArts Giallo-Edition ist ein als neuster Titel „Blutiger Zahltag“ erschienen. Allerdings nicht als Teil der Reihe, sondern ohne Nummerierung als Stand-Alone. Wo man die Nummer 8 erwartet hätte, prangt lediglich das Produktionsjahr 1977. Aus gutem Grunde, denn hierbei handelt es sich um eine Neuverpackung der alten Koch-Media-DVD. Diese war bisher nur in der „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ zusammen mit „The Child – Eine Stadt wird zum Albtraum“ und „In the Fold of the Flesh“ enthalten. Schon damals gab es Kritik, da „Blutiger Zahltag“ bereits in Deutschland erhältlich war. Allerdings nur in gekürzter Form, lediglich mit deutschem Ton und im falschen Bildformat. Ebenso zeigten sich jetzt wieder einige potentielle Käufer enttäuscht, dass der aktuelle Giallo von filmArt keine neue Veröffentlichung, sondern ein alter Bekannter sei. Zudem wieder nur auf DVD und nicht als Bluray-Update. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich und klug, dass filmArt den Titel außerhalb der Reihe laufen lässt und sich vor allem an diejenigen wendet, die aus welchem Grund auch immer, nicht zur „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ greifen wollten oder noch wollen. Da sich inhaltlich an der Veröffentlichung nichts geändert hat (einziger Unterschied ist ein wirklich voluminöses, 24-seitiges „tenebrarum“-Booklet von Martin Beine), verweise ich hier auf meine Review der Koch-Media-DVD.

Blu-ray-Rezension: „Die Rache des Paten“

Von , 4. April 2018 06:35

Es gibt Dinge, die gehen selbst der ehrenwerten Gesellschaft zu weit. Wie das schmuggeln von Drogen in toten Kinderkörpern. Die großen Mafiabosse beschließen daher ein Exempel zu statuieren. Auf ihr Geheiß wird der Killer Tony Aniante (Henry Silva) entsandt, um Don Ricuzzo Cantimo (Fausto Tozzi), der hinter diesen ehrlosen Aktionen steckt, und seinen Clan zu vernichten. Zunächst macht sich Tony daran, Don Ricuzzo und dessen Rivalen Don Turi (Mario Landi) gegeneinander auszuspielen. Als das dieser Plan aber durchkreuzt wird, schleicht er sich bei Don Ricuzzo und dessen nymphomaner Ehefrau (Barbara Bouchet) ein…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der italienischen Langfassung auf der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Rache des Paten“ ist einer jener unfassbaren Filme aus Italien, die man sehen muss, um zu glauben, dass es sie wirklich gibt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Andrea Bianchis „Mafia-Western“. Damals noch in grausamen Vollbild, welches dem Film noch einmal eine Extra-Portion schmuddeliger und billiger erscheinen ließ. Mit großen Augen und offenem Mund sah ich gebannt zu, was für ein Feuerwerk Herr Bianchi hier abfackelte. Heute wäre dies nur noch in Form augenzwinkernder Parodien möglich. Damals war es blutiger Ernst, wenn Henry Silva auf die Dampfwalze steigt oder die Gürtelschnalle schwingt. Überhaupt Silva. Gibt es eine idealere Besetzung für den Antihelden Tony Aniante? Silva hat immer dieses unterschwellig bedrohliche, ja fast schon unheimliche an sich. Seine kleinen, schwarzen Augen, die sich förmlich durch die Leinwand brennen. Das versteinerte Gesicht, auf dem geschrieben scheint: „Leg dich nicht mit mir an“. Silva lächelt in diesem Film nicht einmal. Würde er es tun, fiele man vor Schrecken sicherlich vom Stuhl.


Das Verwirrende an „Die Rache des Paten“ ist, dass wir Silvas Tony Aniante als klassischen Antihelden ala Eastwoods Fremden ohne Namen annehmen sollen. Wie eben jener bewegt er sich schlau und überlegen zwischen zwei Verbrecher-Clans und spielt diese gegeneinander aus. Eastwood ist zwar ein cooler und skrupelloser Typ, hat aber unter der meterdicken Stahlschale ein gutes Herz, wenn es um die Armen und Wehrlosen geht. Bei Tony Aniante ist es scheinbar ähnlich. Schließlich will er spontan einem jungen Pärchen zur Flucht und in ein besseres Leben verhelfen. Aber gleichzeitig ist Tony auch ein psychopathischer Sadist, der seine Opfer nicht nur erschießt, sondern auch verstümmelt und der ohne echtes Motiv eine Frau so brutal verprügelt, dass man sie danach kaum wiedererkennt. Der in der bekanntesten Szene des Filmes, den Verführungsversuch des Mafiaboss-Lieblings damit beantwortet, dass er sie förmlich in eine blutige Schweinehälfte hinein fickt. Seine Worte dabei „Wir machen es so, wie ich will“ und ihr erschrockenes Gesicht bei der Penetration geben auch Auskunft über seine speziellen Vorlieben. Was die „Helden“ von Bianchis Filmen häufiger mal auszeichnet (siehe auch die „Schlusspointe“ des Schmier-Giallo „Die Nacht der blanken Messer“). Von Bianchis spätere Ausflüge in das horizontale Filmgewerbe mal ganz abgesehen.

Bianchi geht mit seinen Figuren nicht gerade zimperlich um. Generell gibt es kaum einen Sympathieträger. Vielleicht das junge Romeo-und Julia-Paar. Doch ganz ungebrochen ist es auch nicht. So lässt die junge Dame ohne mit der Wimper zu zucken ihren Schutzbefohlenen, den verkrüppelten Sohn ihres Chefs, zurück, um sich mit einem der Schläger der Gegenseite zu vergnügen. Da wundert es nicht, dass Bianchi ihnen auch jede Hoffnung versagt. Der von Fausto Tozzi mit viel Energie und Charisma gespielte Ricuzzo Cantimo hört sich gerne detailliert die Sexabenteuer seiner Ehefrau (einer Ex-Prostituierten) an, um in Fahrt zu kommen. Die Tochter von Don Turi ist halbwahnsinnig. Alle anderen sind willfährige Helfershelfer, die für ihren Job mit Blei entlohnt werden. Allein Don Turi Scannapieco ist so etwas wie eine Vaterfigur, auch wenn er natürlich gleichzeitig auch ein skrupelloser Drogendealer ist. Gespielt wird der Patriarch übrigens von Mario Landi. Jener Mann, der mit seinen Filmen „Giallo a Vencia“ und „Patrick lebt!“ den guten Bianchi an Schmierig- und Verkommenheit noch um ein vielfaches übertraf. Was man angesichts von „Die Rache des Paten“ kaum glauben kann.

Aufgrund der Drehbücher, die nach dem Motto „Alles oder nichts“ verfahren und dabei eine Unglaublichkeit an die nächste Reihen, dem oftmals kaum existierenden Budget und der früher leider suboptimalen Präsentation seiner Werke im Heimkinobereich, eilt Andrea Bianchi kein besonders guter Ruf voraus. Sieht man nun aber beispielsweise „Die Rache des Paten“ in voller wunderbarer Breitwand, muss man ihm allerdings zugute halten, dass er ein guter und versierter Handwerker war, der seine Filme durchaus kompetent in Szene setzte. Das „Problem“ besteht nur darin, dass er nicht wirklich das Geld zur Verfügung hat, großes Kino zu zelebrieren. Was man an der lächerlichen Puppe, die das tote Kind in „Die Rache des Paten“ darstellen soll (wobei ich in diesem Falle durchaus dankbar, bin dass dieser Effekt nicht im geringsten realistisch aussieht) oder die Matsch-Watteköpfe der Zombies in „Die Rückkehr der Zombies“ sieht. Bianchi kaschiert dies aber mit einer unglaublichen Schöpfkelle an „Zu viel“. Seien es die oben bereits angesprochenen Szenen mit Silva, einer wunderschönen, aufregenden Barbara Bouchet, die sich erst lasziv den Körper mit Milch einreibt und dann später beim Essen Fellatio mit einer Banane vollführt. Oder der verkrüppelte Sohn des einen Mafios, welcher in etwa so alt aussieht wie seine Mutter (in „Die Rückkehr der Zombies“ nutzt Bianchi einen erwachsenen Kleinwüchsigen, um ein kleines Kind darzustellen). So entsteht kein Gourmet-Menü, aber eine deftige Currywurst mit viel, viel Ketchup.

„Die Rache des Paten“ ist mit seiner unfassbaren Mischung aus schmierigem Sex und blutiger Gewalt einer der großen Höhepunkte des sonnendurchfluteten Bahnhofskinos italienischer Machart. Wer der „Rache des Paten“ das erste Mal begegnet kann mit großen Augen und heruntergefallener Kinnlade eigentlich nur Fan dieser wahnsinnigen und wilden Filmen werden – oder die Scheibe in den Müll werfen und schleunigst duschen.

„Die Rache des Paten“ ist nach „Milano Kaliber 9“ und „Der Berserker“ der nächste Knaller in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt, nachdem diese davor einen kleinen Durchhänger hatte. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Giallo-Reihe ebenso entwickeln wird. Die Bildqualität ist recht gut und das Bild der Langfassung hat eine schöne körnige Schärfe, die sehr nach Kino aussieht. Neben dieser um einige kurze Dialoge erweiterten und insgesamt ungefähr eine Minute längere Version, ist auch die etwas kürzere Internationale Exportfassung mit an Bord, die außerhalb von Italien als Basis für alle anderen Veröffentlichungen diente. Auch diese sieh gut aus, hier wurden allerdings etwas mehr Filter eingesetzt, um ein glatteres Aussehen hinzubekommen. Als Tonspuren sind der deutsche Synchronton, der englische und natürlich der italienische mit dabei. Die Stellen der Langfassung für die kein deutscher Ton vorliegt, werden auf italienisch mit deutschen Untertiteln abgespielt. Freude macht das 8-seitiges Booklet zum Film von Christian Kessler. Als weitere Extras sind noch der lange, und qualitativ sehr gut aussehende italienische und ein sehr kurzer amerikanischer Teaser-Trailer dabei. Als Easter-Egg gibt es noch die amerikanische Titelsequenz. Und wer das Motiv auf dem Cover nicht mag, kann dieses umdrehen und erhält ein alternatives Artwork.

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