Mein ganz persönlicher Jahresrückblick 2016

Von , 31. Dezember 2016 12:39

Es war ein merkwürdiges Jahr. Ich war ja sicher, dass nach dem für mich sehr schwierigen 2015 das neue Jahr Glück bringen wird. Schließlich sind die geraden Jahre bei mir in der Regel immer gute Jahre gewesen. Der überraschende Tod eines meiner großen Helden, David Bowie, am 10. Januar, war ein Vorzeichen dessen, was da noch alles kommen sollte. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als ich von seinem Tod erfuhr. Es war so ein unwirklicher Moment. So wie der, als es am 21. April meinen anderen Musik-Gott erwischte: Prince. Da war es nur folgerichtig, dass der Schnitter am 7. November auch noch Leonard Cohen holte, der mich einst mit seiner Songs durch eine dunkle Zeit begleitete. Mit den ganzen Verlusten im Filmbereich will ich gar nicht erst anfangen. Dafür sind zu viele. Nur zwei, die mich sehr berührt haben, seien hier trotzdem erwähnt: Der große Andrzej Żuławski und natürlich Bud Spencer. Die ganzen humanitären und politischen Katastrophen machen eigentlich auch nicht gerade Mut für die Zukunft.

Für mich selber war es auch kein einfaches Jahr. Die ganzen Umstände um den Hauskauf und den ganzen bösen Überraschungen, die damit einher gingen, ließen mich mehr als einmal zutiefst verzweifeln. Aber es gibt auch gute Dinge. Die Kinder sind gesund und beruflich hat sich die erzwungene Veränderung des letzten Jahres als ausgesprochen positiv herausgestellt. Jetzt macht der Job direkt wieder Spaß. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt. Ich sehe für meine persönliche Situation auf jeden Fall nicht mehr ganz so schwarz, wie noch vor genau einem Jahr.

Wie jedes Jahr, schaue ich auf diesmal wieder zurück, was ich mir letztes Jahr an dieser Stelle vorgenommen habe. „Mehr Gedrucktes“ war einer meiner Vorsätze. Nun, bei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ habe ich regelmäßig Artikel geschrieben. Darunter sind einige, auf die ich recht stolz bin. Mittlerweile bin ich dort auch „stellvertretender Chefredakteur“ geworden, was sich jetzt aber weitaus bedeutungsvoller anhört, als es ist. Trotzdem war es mit der „35 Millimeter“ ein sehr aufregendes Jahr und viele Dinge haben mich lange beschäftigt. Dann gab es noch ein Booklet-Projekt, bei dem ich nicht weiß, ob ich schon drüber sprechen kann. Wenn es soweit ist, werde ich hier aber berichten, worum es sich handelte. Etwas enttäuscht bin ich darüber, dass das Fulci-Buch, zu dem ich vorletztes Jahr zwei Artikel beigesteuert habe, nach einem Jahr noch immer nicht veröffentlicht ist. Aber vielleicht tut sich da ja im nächsten Jahr irgendwann mal was. Für 2017 habe ich mir jetzt vorgenommen, ein größeres Buch-Projekt, welches ich vor vier Jahren auf Eis gelegt hatte, wieder aufzutauen. Einen ersten Schritt habe ich schon gemacht, jetzt warte ich mal ab, was sich da entwickelt.

Viel Freude hat wieder Weird Xperience bereitet. Zweimal (bei „Der Bunker“ und „Turbo Kid“) waren wir sogar nahezu ausverkauft. Dafür waren bei anderen Vorstellungen (wie bei „True Love Ways“) auch mal nur drei zahlende Gäste da. Aber die Reihe macht Stefan und mir noch immer viel Spaß, und die Zusammenarbeit mit der etage3 im Lagerhaus ist auch ausgesprochen herzlich. Das Highlight war in diesem Jahr natürlich wieder das Open Air am Schlachthof, wo bei den beiden „Weird Xperience“-Tagen– trotz düsterer Vorzeichen – auch das Wetter mitgespielt hat. Das Open Air hat immer eine ganz besondere Atmosphäre und bringt uns regelmäßig mehr Gäste als ein ganzes Jahr regulärer Vorstellungen. Das macht Spaß! Vor allem, wenn man so tolle Gastgeber wie das Team von der Schlachthof Kneipe hat. Apropos: Danke auch wieder an Stefan, ohne den das ganze Ding nicht so toll laufen würde. Für 2017 haben wir auch schon so einiges geplant. So wird es im ersten Halbjahr drei Kooperationen gebe, über die dann in den nächsten Tagen auf der Homepage von „Weird Xperience „berichten werden.

Meine zwei cineastischen Höhepunkte waren auch 2016 wieder das Internationale Filmfest in Oldenburg und das siebte Deliria-Italiano-Forentreffen. In Oldenburg habe ich zwar nicht Nicolas Cage (oder Amanda Plummer), dafür aber einige hervorragende Filme gesehen. 2016 war ein sehr guter Jahrgang, was die Oldenburger Filmauswahl angeht. Und auch die Atmosphäre war wieder „kuscheliger“ als im Vorjahr. Mit Deliria Italiano waren wir dieses Jahr in Düsseldorf zu Gast. Und es war mal wieder traumhaft. Auch wenn der eine oder andere diesmal schmerzlich vermisst wurde, so waren wir am Ende doch noch einmal mehr als in Wien 2015. Es ist schon der Wahnsinn, dass sich zu diesem Event immer so viele nette, umgängliche und interessante Menschen einfinden. Das gibt doch Hoffnung, dass die Welt nicht ganz so schlecht ist, wie sie immer tut.

Der Blog hier lief 2016 nicht ganz so, wie ich es mir gewünscht habe. Seit Mitte Januar liegen die Besucherzahlen bis auf wenige Ausreißer konsequent unter denen des Vorjahres. Am Ende waren es 16% weniger Besucher, die sich auf dem Filmforum Bremen umschauten. Woran das liegt?  An den längeren Auszeiten, die ich mir gegönnt habe und damit daran, dass ich 2016 im Zeitraum Januar bis November gerade mal 95 Artikel gepostet habe. Im Vorjahr waren es 140. 32% weniger Artikel = 16 % weniger Besucher. Das macht Sinn. Da ich optimistisch davon ausgehe, dass 2017 mein Privatleben etwas ruhiger wird, werden es hoffentlich auch wieder mehr Artikel werden. Vor allem eine Rubrik möchte ich ausbauen, die bei der Entstehung dieses Blogs vor 8 Jahren ganz weit im Vordergrund stand, aber über die Jahre von mir immer mehr vernachlässigt wurde: Die Bremer Kinowelt. Der Blog heißt ja nicht umsonst Filmforum BREMEN. Hier muss ich mich selber etwas treten, dass ich rechtzeitig über interessante Events und Neuigkeiten informiere.

Bei der Recherche zu diesem Jahresrückblick habe ich festgestellt, dass ich in diesem Jahr 156 Filme gesehen habe. Das sind 24 mehr als letztes Jahres, als ich so wenig sah, wie wahrscheinlich noch nie seit Kindesalter. Dabei hatte ich gedacht, ich hätte dieses Jahr 2015 noch unterboten. Regulär im Kino (Festivals, spezielle Events und Weird Xperience mal ausgenommen) war ich genau zweimal. Bei „The Hateful Eight“ und „The Forbidden Room“. Und ja, ich finde das auch extrem traurig. Dementsprechend habe ich auch kaum aktuelle Filme gesehen. So ist meine Liste für 2016 auch recht schnell zusammengestellt. Wie im Vorjahr fasse ich darunter mal alles zusammen, was aus den Produktionsjahren 2015 und 2016 stammt. * Eine Ausnahme ist „Remake, Remix, Rip-Off“, der von 2014 ist, aber meines Wissens nach erst in diesem Jahr in die Kinos/das Fernsehen kam.

Top 10 aktuelle Filme (Produktionsjahr 2015/2016)

  1. Der Bunker (Nikias Chryssos, 2015) – meine Besprechung
  2. Remake, Remix, Rip-Off (Cem Kaya, 2014)*
  3. The Forbidden Room (Guy Maddin, 2015)
  4. Under the Shadow (Babak Anvari, 2016) – meine Besprechung
  5. The Hateful Eight (Quentin Tarantino, 2015)
  6. The Apprentice (Emre Konuk, 2016) – meine Besprechung
  7. She’s Allergic to Cats (Michael Reich, 2016) – meine Besprechung
  8. Turbo Kid (François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell , 2015)
  9. Demon – Dibukk (Marcin Wrona, 2015) – meine Besprechung
  10. The Love Witch (Anna Biller, 2016) – meine Besprechung

Top 10 ältere Filme (nur Erstsichtungen)

  1. Große Freiheit Nr. 7 (Helmut Käutner, 1944)
  2. Die endlose Nacht (Will Tremper, 1963)
  3. Die Freunde der Freunde (Dominik Graf, 2002)
  4. A Snake of June (Shin’ya Tsukamoto, 2002)
  5. Thief (Michael Mann, 1981) – meine Besprechung
  6. Ida (Pawel Pawlikowski, 2013)
  7. Super (James Gunn, 2010)
  8. Die Unsterbliche (Alain Robbe-Grillet, 1963)
  9. St. Pauli zwischen Nacht und Morgen (José Bénazéraf, 1967)
  10. Heiße Grenze (Robert Parrish, 1959)

Da ich von jedem Regisseur nur einen Film in der Top 10 haben wollte, fielen einige Tsukamotos und Grafs, sowie der tolle „Playgirl“ von Tremper leider unter den Tisch.

Das war es mit 2016. Letztes Jahr schrieb ich: „Ich strecke diesem Jahr den Mittelfinger entgegen und breite meine Arme aus, um 2016 in Empfang zu nehmen“. Diesmal bin ich vorsichtiger und hoffe einfach nur, dass 2017 für uns alle ein gutes Jahr wird. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Ich wünsche allen meinen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Buch-Rezension: Armin Junge “Banzai! Japanese Cult Movie Posters“

Von , 28. Dezember 2016 17:30

banzai_cover_frontalIch habe ein Faible für Filmplakate. Wenn mich meine Frau lassen würde, wäre das ganze Haus damit tapeziert. Lässt sie mich aber nicht. Darum muss ich meiner Leidenschaft anderweitig frönen. Glücklicherweise gibt es ja einige Bücher, die sich dem Thema Filmplakat verschrieben haben und in denen man diese wundervollen Kunstwerke in Ruhe betrachten kann. Mein liebster Schatz ist da das voluminöse und schwere „The Art of the Modern Movie Poster: International Postwar Style and Design“, welches einst bei Thalia auf dem Grabbeltisch lag.

Aber auch der Verlag Creepy Images hat sich hier schon oft verdient gemacht. Das wohl weltweit einzige Fanzine, das sich ausschließlich seltenen Plakaten und Aushangfotos der 60er, 70er und 80er Jahre widmet, hat bereits 2012 ein wundervolles Buch mit dem Titel „Muchas Gracias, Senor Lobo“ herausgebracht, welches Filmplakate und Aushangfotos aus aller Welt versammelt, die eines gemeinsam haben: Sie werben für einen Film mit dem spanischen Horrordarsteller Paul Naschy. Nun ist ein weiteres Filmbuch bei Creepy Images erschienen. Der Name: „Banzai! Japanese Cult Movie Posters“ von Armin Junge. Wie der Titel schon verrät handelt es sich hier um eine umfangreiche Sammlung japanischer Filmposter. Wer nun erwartet, nur die Poster japanischer Filme vorzufinden wird angenehm überrascht. Einen Großteil nehmen internationale Produktionen ein, für die in Japan dann spezielle Plakate im typisch japanischen Stil designet wurden. Auch aus hiesigen Landen sind einige Vertreter darunter, wie der berühmte „Schulmädchen Report“ oder „Prostitution Heute“.

Überhaupt ist man überrascht, welche Filme in Japan einen Kinostart bekamen. Auffällig ist auch, dass man auf den Postern oftmals Schwierigkeiten hat, herauszufinden, ob es sich nun um einen japanischen oder einen amerikanischen oder europäischen Film handelt, denn die Gesichter wurden häufig ganz dezent und subtil „japanisiert“. Die japanischen Filmposter folgen in de Regel einem Muster: Ein großes, hübsch bearbeitetes Foto einer Schauspielerin oder eines Schauspielers in Aktion, darum drapiert einige besonders aufregende Szenen aus dem Film. Wobei es von Genre zu Genre auch unterscheide gibt. So sind Horrorfilm ganz besonders reich bebildet und bunt, während bei den Sexfilmen vor allem die weiblichen Attribute der Hauptdarstellerin im Vordergrund stehen.

Das Buch teilt sich auf in sechs Bereiche; Bei den „Bad Girls“ geht es um die japanischen Pinky-Violence-Filme, die Sasori-Serie und Sexfilme, wie zum Beispiel die deutschen „Schulmädchen-Report“-Filme. „Tough Guys“ deckt die James-Bond-Filme ab, Yakuza- und Samuraifilme wie die „Lone Wolf & Cub“-Serie, Italo-Western und ähnliches. Im großen „Horror“-Teil findet man viele britische Hammer-Produktionen, Italo-Gothic-Horror aus den 60ern und die ganzen Klassiker. „Mondo“ sind, wie der Name schon sagt, Mondo-Shockumentaries. Unter „Shocking“ ist dann alles zusammengefasst, was eine etwas härtere Gangart hat. Roman Porno mit hohem Bondage-Anteil, „verfemte“ Filme wie „Hexen, bis aufs Blut gequält“, Kannibalenfilme, die „Ilsa“-Filme usw. Im Abschnitt „Science Fiction & Fantasy“ begegnen wir dann Godzilla und seinen Kollegen, aber „Planet der Affen“, Westworld und viele mehr.

banzai-beispielseitenDer Autor des Buches, Armin Junge, kommt aus der Werbebranche. Er lebte und arbeitete viele Jahre in Japan, Südkorea, China und Russland. Als großer Liebhaber des Exploitationkinos, hat er Hobby und Beruf miteinander verbunden, den neben den Filmen an sich, interessiert ihn auch die Art ihrer Bewerbung. Mittlerweile besitzt er die wohl größte Sammlung japanischer Filmplakate außerhalb Japans. Da Armin Junge kein Filmhistoriker ist, sind die kleinen Texte die ab und zu eingestreut werden eher Auflockerung als wirklich tiefgreifende Analyse oder Information. Für jemanden, der mit dem japanischen Kino aber so gar nichts am Hut hat, sind sie durchaus hilfreich. Leider erfährt man auch nicht viel über die verschiedenen Plakatarten, Besonderheiten einelner Studios oder etwas über die prägenden Künstler. Aber das war offensichtlich auch nicht der Anspruch dieses im besten Sinne des Wortes „Bilderbuch“. Schade sind allerdings die die sehr spartanischen Bildunterschriften. Bis auf den englischen (!) Titel und das Jahr erfährt man rein nichts. Kein Originaltitel, Produktionsland des Filmes oder gar Regisseur und Studio. Aber das lässt sich angesichts des wundervollen und teilweise atemberaubenden Filmplakate verschmerzen.

Ein Buch zum immer wieder durchblättern, staunen und genießen. Jetzt wünsche ich mir nur noch eins: Einen dicken Band über polnische Filmplakate.

Armin Junge „Banzai! Japanese Cult Movie Posters“, Creepy Images, 296 Seiten DIN A4, komplett in Farbe, über 560 Abbildungen von japanischen Original-Kinoplakaten, Euro 28,00

Offtopic: „Bremen History“ braucht Hilfe

Von , 23. Dezember 2016 16:16

Vor gut einem Jahr bin ich das erste Mal auf die Facebook-Seite von „Bremen History“ gestoßen. Was ich zunächst für eine der unzähligen „Bremen“-Gruppen hielt, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als größeres Projekt. Eine privat betriebene, aber sehr professionell gemachte Webseite auf der ich mich schon stundenlang verloren habe, um allerlei Geschichte über die Vergangenheit Bremens zu lesen und die unzähligen zum Teil uralten Fotos zu bewundern. Und zu meiner großen Freude konnte ich auch feststellen, dass mein großes Steckenpferd, nämlich das Thema „Bremer Kinogeschichte“ das ein oder andere Mal aufgegriffen wurde.

Jetzt ist der Fortbestand des Projektes „Bremen History“ in Gefahr. Wie immer liegt es nicht am Enthusiasmus der Beteiligten, sondern am lieben Geld. Bereits vor einigen Wochen startete deshalb eine Crowdfunding-Initiative. Euro 20.000,- wurden gebraucht, um auch 2017 weitermachen zu können. Jetzt, einen Tag vor Weihnachten und und nur 8 Tage vor dem Ende der Aktion ist das Ziel zum Greifen nahe. Knapp über 3/4 ist da, aber der Rest fehlt noch. Darum habe ich mich entschlossen, hier etwas Werbung für dieses tolle Projekt zu machen, auch wenn ich weiß, dass es sicherlich nur die Bremer interessiert. Aber mein Blog heißt ja nicht umsonst „Filmforum BREMEN“, auch wenn ich das „Bremen“ in diesem Jahr etwas stiefmütterlich behandelt habe. Also, HIER findet ihr alle Infos zur Crowdfunding Kampagne und den Dankeschöns, die es für eine Spende gibt. Und hier geht es zu der schönen und informativen Bremen History-Seite, die immer einen Besuch lohnt.

Bei Bremen History geht es

um Geschichte und Geschichten. In Bremen und „umzu“. Jenseits des Bekannten. Die Erinnerungen Bremens verblassen vielerorts während andere auf Dachböden, in Pappkartons und Archiven darauf warten, entdeckt zu werden. Dabei geht es nicht ausschließlich um die „ganz großen Ereignisse“, die ihren Weg automatisch in die Stadtchronik gefunden haben. Es sind vielfach die kleinen Details, ungewohnten Blickwinkel, Randfiguren der Öffentlichkeit und Menschen, die „im Kleinen“ Spuren in der Stadt hinterließen.

Blu-ray Rezension: „Der schwarze Leib der Tarantel“

Von , 21. Dezember 2016 16:15

der-schwarze-leib-der-tarantelNach einem Streit mit ihrem Ehemann (Silvano Tranquilli) wird die schöne Maria Zani (Barbara Bouchet) von einem geheimnisvollen Unbekannten ermordet. Der Killer benutzt dabei ein lähmendes Gift, bevor er seine Opfer mit dem Messer abschlachtet. Der mit den Ermittlungen beauftragte Inspector Tellini (Giancarlo Giannini) verdächtigt zunächst Ehemann Zani, der jedoch auf eigene Faust nach dem Mörder sucht. Als Zani bei einer Verfolgungsjagd ums Leben kommt und weitere attraktive Damen dem Killer zum Opfer fallen, führt Tellini eine Spur ihn in einen Schönheitssalon, dessen Besitzerin (Claudine Auger) mit den Opfern in Verbindung stand…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Der schwarze Leib der Tarantel“ war für mich lange Jahre so etwas wie der heiliger Gral des Giallo-Kinos. Als ich Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Tauschpartner im In- und Ausland in Kontakt stand, und wir uns munter VHS-Kassetten mit griechischen Vollbildfassungen, die mittlerweile fast ihre gesamte Farbigkeit eingebüßt hatten, hin und her schickten, war „Der schwarze Leib der Tarantel“ der einzige „Must-Have“-Giallo, der nirgendwo aufzutreiben war. Weder eine englische, noch eine finnische oder schwedische Kopie. Von einer deutschen Fassung ganz zu schweigen, denn hier lief der Film zwar im Kino, doch seltsamerweise kam es nie zu einer Videoveröffentlichung. Dank des sympathischen Berliner Labels CMV Laservision wurde nun, nach 20 Jahren, dieser Gral nun doch auf meinen heimischen Bildschirm gezaubert. Hat sich das lange Warten gelohnt? Ist „Der schwarze Leib der Tarantel“ eben jenes verschollene Meisterwerk, zu welchem er in meiner Vorstellung mangels Verfügbarkeit reifte? Ein klein wenig Furcht hatte ich schon vor den Antworten auf diese Fragen, als ich die Blu-ray in den Player schob.

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Die Furcht erwies sich allerdings als unbegründet. Es hätte auch schon viel passieren müssen, um einen Giallo, der neben solchen Schönheiten wie Barbara Bouchet (in einer wichtigen, wenn auch leider viel zu kurzen Rolle), Claudine Auger und Barbara Bach, der Musik von Ennio Morricone (und der Hilfe von Bruno Nicolai) und gern gesehen Veteranen wie Silvano Tranquilli und Giancarlo Prete vollends in die Grütze zu fahren. Und Regisseur Paolo Cavara ist auch kein Stümper, sondern hat mit „Das wilde Auge“ einen höchst spannenden und mit viel Experimentierfreude gedrehten Magenschwinger gedreht, der als Schlüsselfilm auf das Genre gelten kann, in dem Cavara große geworden ist: Dem Mondo-Film. Hier hatte Cavara 1962 zusammen mit dem legendären Duo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi die Filme „Mondo Cane“ und „Alle Frauen dieser Welt“ gedreht, bis er sich im Streit von ihnen trennte, da er mit den Methoden Jacopettis nicht mehr einverstanden war. „Das wilde Auge“ war dann seine Abrechnung mit Jacopetti dem Philippe Leroy als skrupelloser Regisseur das eiskalte Antlitz leiht. Nachdem Kriegsfilm „Ein Atemzug Liebe“ drehte Cavara 1971 diesen Giallo hier, der sich einerseits am Einmaleins des Giallo (so wie er außerhalb Italiens verstanden wird, in Italien selber bedeutet „Giallo“ einfach nur „Krimi“) abarbeite, andererseits viele Elemente einbringt, welche ungewöhnlich sind und dem Film seine ganz eigene Note geben.

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Zu den typischen Giallo-Elementen gehört natürlich der Mörder im schwarzen Regenmantel und Lederhandschuhen, der sich eine möglichst makabere und sadistische Mordmethode ausgedacht hat, um seine Opfer ins Jenseits zu befördern. Welche dann auch sehr explizit gezeigt wird. Ferner ein Score mit einer einprägsamen Melodie, ein recht abstruses Motiv des Killers, viele Verdächtige und wunderschöne Frauen, die gerne auch mal blank ziehen. Andererseits konzentriert sich Paolo Cavara aber auch untypischerweise auf die Polizeiarbeit und stellt mit Giancarlo Giannini einen Schauspieler in den Vordergrund, der sich mit seinem samtenen, immer etwas traurig-scheu guckenden Augen und der schmächtigen Gestalt so gar nicht in die Reihe harter und selbstbewusster italienischer Kommissare stellen lässt, die sonst die Leinwand bevölkern. Auch von den typischen Giallo-Helden der frühen 70er wie George Hilton oder Anthony Steffens ist Giannini weit entfernt. Bei seinem Anblick denkt man viel mehr an die blumigen Titel der Lina-Wertmüller-Filme, die ihn bekannt machten. Wie „Mimi – in seiner Ehre gekränkt“.

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Zudem rückt Paolo Cavara die ebenso modern, wie fremdartig wirkende Architektur der Randgebiete Roms in den Vordergrund. Eine Verfolgungsjagd endet auf dem Dach eines futuristisch anmutenden Büro-Industrie-Komplexes, der allein aufgrund seines kühl-futuristischen Designs der Szene einen beinahe schon irrealen Anstrich gibt. Auch, dass das Privatleben des ermittelnden Kommissars, sein Hadern mit dem Beruf und der Welt so weit in den Vordergrund gerückt wird, sieht man nicht alle Tage in einem klassischen Giallo. Es macht den Inspector Tellini sehr menschlich und sympathisch. Und das Zusammenspiel mit der sehr lebendigen Stefania Sandrelli als Frau Tellini injiziert dem ansonsten eher düsteren und harten Film eine leichte, amüsante Note, welche die beiden Figuren gleichzeitig auch eine liebenswerte Natürlichkeit verleiht. Umso härter trifft den Zuschauer die finale Konfrontation mit dem Killer, in der Frau Tellini in Todesgefahr gerät. Wie man überhaupt sagen muss, dass Cavara hier wert auf eine genaue Figurenzeichnungen legt. Auch Silvano Tranquilli als betrogener und mordverdächtiger Ehemann oder die großartige Rossella Falk als Erpressungsopfer wird weitaus mehr Tiefe und Vielschichtigkeit als üblich zugestanden.

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„Der schwarze Leib der Tarantel“ ist ein spannender und sehr gut gemachter Giallo, der sich zwar vornehmlich an den Konventionen des Genres abarbeitet, gleichzeitig aber auch überraschende und untypische Elemente einbringt.

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Das Bild der Blu-ray mag nicht den allerhöchsten Ansprüchen einiger Technik-Fetischisten genügen, ist aber für meine Augen vollkommen akzeptabel. Für diese Veröffentlichung hat CMV die alte Kinotonspur aufgetrieben, die sehr sauber und klar klingt. Wer mag kann auch auf die englische Synchronisierung wechseln, die der deutschen Sprachfassunallerdings qualitativ unterlegen ist. Für die Extras wurde das 15-minütig Interview mit Lorenzo Danon, dem Sohn des Produzenten Marcello Danon, aus der amerikanischen und italienischen Veröffentlichung übernommen. Ganz neu ist ein 5-minütiges Interview mit Pietro Cavara, dem Sohn des Regisseurs. Über den Audiokommetnar von Thorsten Hanisch und Andrea Sczuka wurde in diversen Foren schon viel Böses geschreiben. Inhaltlich verweise hier einmal dezent auf eben diese Diskussionen (kann man googeln) und erwähne hier nur, dass die technische Umsetzung recht mies geworden ist. Scheinbar wurde eine schlechte Skype-Verbindung genutzt.

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Das versteckte Kino“

Von , 19. Dezember 2016 13:26

verstecktekinoEr hat es wieder getan. Nachdem er seinen Leser zweimal in kurzer Folge „Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“ geliefert hat, hat Christian Keßler nun „Das versteckte Kino“ ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geholt. Der Aufbau des Buches gleicht seinen beiden Vorgängern, der Ton ist aber ein anderer. Während in „Wurmparade auf dem Zombiehof“ und „Der Schmelzmann in der Knochenmühle“ viel Liebe über die Filme aus dem unteren Videothekenregal ausgeschüttet wurde, ist es hier vor allem Respekt, der bei den Vorstellungen der Film überwiegt. Und während bei „Wurmparade“ und „Schmelzmann“ eigentlich klar ist, warum die dort vorgestellten Filme keinen Platz in der „normalen“ Filmgeschichte gefunden haben, so ist es bei den Filmen, über die Christian Keßler in „Das versteckte Kino“ schreibt, doch höchst verwunderlich, dass das Gros bis heute nicht im goldenen Rahmen in der Hall of Fame der Cinephilie hängen.

Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Filme wie „Heathers“, „Die Frau mit der 45er Magnum“ oder „Johnny zieht in den Krieg“ dürften jedem Filmfreund, der etwas weiter über den Tellerrand schaut, durchaus geläufig sein. Hier nimmt sich Christian Keßler einfach das Recht des Hausherren heraus, auch über Filme zu schreiben, auf die die selbstgewählte Kategorie „verstecktes Kino“ nicht zu 100% zutrifft. Der Großteil der Filme sind allerdings wirklich weit weniger bekannt. Manche erzeugen irgendwo weit hinten in der Erinnerung einen Wiederhall, wie „Die Chorknaben“, „Joe“ oder „Wo is‘ Papa?“. Andere sind ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden wie „Marjoe“, „The Groove Tube“ oder „Alabama’s Ghost“.

Hier darf man Christian Keßler sehr dankbar dafür sein, dass er sie aus dem dunklen-feuchten Schatten der Filmgeschichte an die Sonne zerrt. Oder man verflucht ihn, weil es mitunter recht schwer ist, einer (legalen) Kopie dieser Werke Herr zu werden, um sich in den heimischen vier Wänden selbst von ihren Vorzügen zu überzeugen. Was bei diesem Buch verwundert ist ein neuer Ton bei Christian Keßler. Wurde es in den vorherigen Veröffentlichungen peinlichst vermieden, Filme zu erwähnen, die der Autor nicht mag, so nimmt er hier kein Blatt vor den Mund. Etwas, was insbesondere „The Breakfast Club“ zu spüren bekommt. Ferner haben sich zwei kleine, wenn auch belanglose Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, auf die ich hier aber nicht eingehen will, da sie für den Kontext vollkommen unwichtig sind. Ich erwähne es hier auch nur, weil sie mich in dem Moment doch sehr irritiert haben.

Aber das soll nicht davon ablenken, dass Christian Keßler mit „Das versteckte Kino“ ein großer Wurf gelungen ist. Das Buch macht einen noch reiferen Eindruck als die – ebenfalls sehr empfehlenswerten – „Trashfilm“-Bücher. Der unverwechselbare Keßler-Groove ist hier etwas zurückhaltender und der Ernsthaftigkeit vieler der hier vorgestellten Filme angemessen. Aber trotzdem spürt man in jeder Zeile, dass ihm dieses Buch eine Herzensangelegenheit ist und wie sehr es ihn wurmt, dass die hier besprochen Filme bisher nicht den ihnen eigentlich zustehen Platz in der Filmgeschichte einnehmen konnten. Warum auch immer. Umso wichtiger ist diese wundervolle Missionarstätigkeit der Liebe.

Christian Keßler “Das versteckte Kino – Die besten Filme,von denen Sie niemals gehört haben!, Martin Schmitz Verlag, 336 Seiten, € 18,80

Blu-ray-Rezension: „Demon – Dibbuk“

Von , 17. Dezember 2016 12:49

demon-dibbukDer in England aufgewachsene Piotr (Itay Tiran) reist nach Polen, um dort Zaneta (Agnieszka Zulewska), die Schwester seines besten Freundes Jasny (Tomasz Schuchardt)  zu heiraten. Als Hochzeitsgeschenk hat Zanetas Vater (Andrzej Grabowski) dem jungen Paar ein heruntergekommenes Landhaus vermacht. Als Piotr dort einen Grube für einen Swimming Pool ausheben will stößt er auf ein menschliches Skelett. In der Nacht vor der Hochzeit wird er von der Vision einer jungen Frau in einem weißen Kleid heimgesucht. Am Tag der Hochzeit scheinen diese Vorkommnisse zunächst vergessen zu sein. Die zahlreichen Gäste sprechen dem Wodka literweise zu, es wird Getanzt und Gefeiert, was das Zeug hält. Da fällt es kaum auf, dass Piotr plötzlich anfängt, sich seltsam zu benehmen…

Bei seinem kurzen Lauf durch deutsche Kinos konnte „Demon – Dibbuk“ leider kaum Zuschauer in die Kinosäle ziehen. Was vielleicht an seinem unglücklichen Verleihtitel „Eine Hochzeit in Polen“ lag. Dieser provoziert Assoziationen mit sommerlichen Feelgood-Komödien aus Frankreich. Wer mit diesen Erwartungen ins Kino gegangen ist, dürfte gehörig vor den Kopf gestoßen worden sein. Nein, sommerlich leicht ist hier nichts. Der Film ist durchweg düster und auch seine komischen Momente, die es durchaus gibt, sind am Ende doch nur ein Ausdruck menschlicher Unzulänglichkeiten und lassen das Geschehen vollends in die Katastrophe laufen. Doch auch wer den Originaltitel, der tatsächlich auch in der polnischen Originalfassung „Demon“ lautet, kennt, wird davon auf eine falsche Fährte gelockt. Denn ein waschechter Horrorfilm ist „Dibbuk“ nun auch nicht. Zwar gibt es ein-zwei nette Erschrecker, aber „Dibbuk“ legt es nicht darauf an, Angst und Schrecken zu verbreiten. Zumindest nicht auf die direkte Art und Weise. Erschreckend ist hier nur die menschliche Natur.

Als ich „Dibbuk“ sah, fühlte ich mich stark an einen anderen Film erinnert, denn ich vor längerer Zeit sah, nämlich „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ (OT: Wesele) von Wojciech Smarzowski aus dem Jahre 2004. Tatsächlich schienen einige Szenen geradezu identisch zu sein. Die große Hochzeitsgesellschaft, das ausgelassene, exzessive Feiern und die überbordende, alkoholgeschwängerte Ausgelassenheit der Hochzeitsgäste, während im Hintergrund alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Und wie die Anstrengungen der Brauteltern, dass davon niemand etwas mitbekommt, immer absurderer Formen annehmen. Sind es in „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ eine Leiche, eine Lebensmittelvergiftung und ein gestohlenes Auto, welches die Hochzeit in eine einzige Katastrophe zusteuern lässt, ist es hier ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit und die Besessenheit des Bräutigams, welche unbedingt verschwiegen werden muss.

Während „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ als Komödie begann, die immer finsterere Töne anschlug, so ist „Dibbuk“ zunächst einmal recht humorlos, gönnt sich aber mit erhöhtem Alkoholpegel einige launige Einsprengsel. Die große Ähnlichkeit zwischen „Dibbuk“ und „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ ist kein Zufall. Beide Filme sind von einem berühmten polnischen Stück „Wesele“ (dt. „Hochzeit“) inspiriert, welches Ende des 19. Jahrhunderts von Stanisław Wyspiański geschrieben wurde und eine Hochzeit beschreibt, die als Metapher für das polnische Volk gedacht ist. Andrzej Wajda hat es bereits 1973 verfilmt. Und wie die Hochzeit (polnisch: Wesele) in dem Film 2004 dann eine Allegorie auf die Korruption im Land darstellt, ist es in „Dibbuk“ die unterdrückte Vergangenheit, in der es auch polnische Bürger waren, die im zweiten Weltkrieg ihre jüdischen Nachbarn an die Nazi verraten oder kurzerhand selber umgebracht haben, um an ihren Grund und Boden zu kommen. Ein düsteres Kapitel, dass in den letzten Jahren in vielen polnischen Film thematisiert wurde. Allen voran in dem kraftvoll-depremierenden „Poklosie“.

Regisseur Marcin Wrona zeigte in „Dibbuk“ ein großes Talent eindringliche, ebenso drastische, wie poetische Bilder zu schaffen. Sein Selbstmord mit nur 42 Jahren, kurz nach Beendigung des Filmes, reißt eine große Lücke in die Reihe der vielversprechenden, jungen polnischen Filmemachern. In der Rolle des Bräutigams glänzt der Israeli Itay Tiran, der zuvor neben eigen israelischen, auch in deutschen Produktionen zu sehen war. Es gelingt ihm, die Rolle des Besessenen immer auf der Messerschneide zwischen beunruhigend und lächerlich zu halten. Denn, dass Piotr von einem weiblichen Geist besessen ist und mit hoher Stimme auf jiddisch redet, könnte auch schnell ins Alberne umschlagen. Tut es aber nicht. Ebenso muss man Agnieszka Zulewska in der zunächst sehr undankbaren Rolle der Braut Zaneta ein großes Kompliment aussprechen. Anfangs ist sie eher ein Ausstattungsstück, welches in dem Drama keine besondere Rolle zukommt, außer eben die Braut zu sein. Doch dann entwickelt sie sich in der zweiten Hälfte immer mehr zu einem eigenständigen Charakter, der die Handlung vorantreibt und vor allem auch Stärke zeigt. Eine Veränderung, die man ihr zunähst nicht zugetraut hätte.

„Dibbuk“ nutzt die Metapher der „Hochzeit“/“Wesele“, um ein Polen zu zeigen, welches sich strikt weigert, die eigene Vergangenheit und die Verbrechen an den Juden aufzuarbeiten. Im Gegenteil, es hat sich nichts geändert und die Seelen der Opfer können nicht auf Vergebung und Ruhe hoffen. Toll gefilmt und treffend besetzt ist „Dibbuk“ aber weder die vom deutschen Kinotitel „Eine Hochzeit in Polen“ suggerierte Komödie, noch der im internationalen Titel „Demon“ anklingende Horrorfilm, sondern ein dunkler und deprimierender Film, der sich mit einem finsteren Kapitel der polnischen Geschichte und die Unfähigkeit sich dieser zu stellen, beschäftigt.

Die Blu-ray aus dem Hause Donau Film weißt ein sehr gutes Bild und einen guten Ton auf. Insbesondere wenn der regen einsetzt, drückt man unwillkürlich auf Pause, um zu sehen, ob draussen ein Unter herrscht oder das aus den Lautsprechern kommt. Weitere Effekte werden aber nur sehr sparsam eingesetzt. Die polnische Originalfassung ist zu bevorzugen, da die Figuren Polnisch, Englisch und Jiddisch reden. Dieses Sprachgewirr versucht die  deutschen Fassung ebenfalls wiederzugeben, allerdings werden hier die in Englisch gesprochenen Passagen nicht nochmal übersynchronisiert, so dass man hier dann die Originalstimmen der Schauspieler mit deutschen Untertiteln hört. Deren echte Stimmen unterscheiden sich allerdings teilweise sehr stark von ihren Synrchonstimmen in der  eher schwachen  deutschen Sprachfassung.  Ärgerlich ist zudem, dass es bis auf Trailer keine weiteren Extras gibt.

Interview mit Jens Dehn – Autor von „Victor Sjöström – Film can be art“

Von , 15. Dezember 2016 14:55

Seit einiger Zeit bin ich stellvertrender Chefredakteur beim „35 Millimeter – Retro-Filmmagazin“. Nun erscheint in den nächsten Tagen der erste Band einer Buchreihe, die vom „35 Millimeter“-Verlag herausgegeben wird. Das erste Buch heißt „Film can be art“ und widmet sich dem schwedischen Regisseur Victor Sjöström, der einer der bedeutensten Stummfilmregisseure war und beispielsweise Ingmar Bergman (der ihm 1957 in die Hauptrolle in seinem Meisterwerk „Wilde Erdbeeren“ anvertraute) stark beeinflusste. Grund genug, um mit dem Autoren des Buches, Jens Dehn, ein Pläuschen zu halten.

Ingmar Bergman und Victor Sjöström

Filmforum Bremen: In „Film can be art“ behandelst Du mit Victor Sjöström einen der ersten bedeutenden, innovativen Regisseure der Stummfilmzeit. Wie kam es zu dem Buch?

Jens Dehn: Sjöström war immer einer meiner Favoriten aus der Frühzeit des Films. Leider sind viele seiner Filme außerhalb Schwedens ein wenig in Vergessenheit geraten, da sie weder im Kino noch im Fernsehen gezeigt werden und auch auf DVD kaum erhältlich sind. Ich hatte schon seit längerem den Gedanken, über Sjöström zu schreiben, nicht zuletzt, da es bislang kein anderes deutschsprachiges Buch gibt, das sich mit ihm und seinen Filmen beschäftigt. Ich war mir aber bewusst, dass es in Deutschland keinen Verlag gibt, der ein Buch über einen schwedischen Stummfilmregisseur herausbringen würde. Der deutsche Markt für Filmfachbücher ist ja generell sehr überschaubar. Und die Zeit vor dem Tonfilm wird nur ganz selten behandelt. Sjöström ist so gesehen die Nische einer Nische.

Dann habe ich die Zeitschrift 35 Millimeter kennen gelernt und fand damals schon, dass dies das passende Zuhause für ein Sjöström-Buch sein könnte. Wenn nicht hier, wo dann? Bei 35 Millimeter passt das Umfeld: Wenn es so etwas wie eine Zielgruppe gibt, dann wird sie durch das 35 Millimeter-Magazin direkt erreicht. Das hat es für mich reizvoll gemacht – zwischen den Lesern der Zeitschrift und denen, die sich für den Stummfilm interessieren, gibt es eine Schnittmenge. Daher fühlte ich mich unter dem Label 35 Millimeter bestens aufgehoben. Als Jörg Mathieu, der Herausgeber von 35 Millimeter, 2015 dann ankündigte, auch eine Buchreihe starten zu wollen, habe ich ihn kontaktiert und gefragt, ob er sich Sjöström in dieser Reihe vorstellen kann. Glücklicherweise ist er ebenfalls ein großer Stummfilmfreund und Sjöström zählt auch zu seinen Lieblingen. Dadurch kamen wir eigentlich sehr schnell zusammen und vereinbarten, dass Sjöström der erste Band der neuen Reihe werden soll.

Das Buch ist die erste deutschsprachige Monografie über Sjöström. Es hat mich sehr überrascht, dass es vorher noch keine Arbeit zu ihm gegeben hat.

Mich ehrlich gesagt auch. Natürlich gibt es deutschsprachige Literatur, in der Sjöström vorkommt: Gösta Werner hat in „Geschichte des schwedischen Films“ ihm und Mauritz Stiller ein gemeinsames Kapitel gewidmet, Ulrich Gregor und Enno Patalas haben Sjöström in ihrer „Geschichte des Films“ auf eineinhalb Seiten erwähnt. Es sind eben immer nur einzelne Abschnitte, die schnelle Vorstellungen beinhalten, aber genauso schnell zum nächsten Thema weiterziehen. In der englischsprachigen Literatur ist das übrigens auch nicht viel anders. Dass „Film can be art“ nun die erst Sjöström-Monografie im deutschsprachigen Raum sein würde, hat dann aber natürlich auch den Aufbau des Buchs beeinflusst.

Inwiefern?

Der erste Gedanke war eigentlich, filmanalytisch vorzugehen. Zu zeigen, wie Sjöström seinen Stil entwickelt hat, welches seine Vorbilder und Einflüsse waren bzw. ob es solche Einflüsse überhaupt gab. Eine Analyse von Sjöströms Filmen hätte sich ja am Material abgearbeitet, wäre also zumeist eng an den Filmen selbst geblieben. Dann habe ich mit Jörg darüber gesprochen, dass es bislang noch nichts gibt, was einen Gesamtüberblick anbietet und Sjöström etwas ausführlicher vorstellt. Wir waren uns schnell einig, dass wir diese Lücke mit dem Buch füllen sollten.

Eine Monografie bedeutet aber, von den Filmen selbst etwas wegzugehen, umfassender zu werden, äußere Einflüsse mit einzubeziehen, Produktionsbedingungen, aber auch biografische Bezüge aufzugreifen. Es gibt einige Querverbindungen zu Sjöströms eigenem Leben, die sich in seinen Filmen wieder finden, das alles wird nun viel stärker thematisiert. Zudem hatte ich schon den Anspruch, eine gewisse Vollständigkeit zu geben. Also auch jene Filme einzubeziehen, die als verloren gelten – was bei Sjöström auf einen Großteil seiner frühen Filme zutrifft. Natürlich ist es nicht möglich, Filme eingehend zu analysieren, die es nicht mehr gibt und die man nicht mehr sehen kann, aber anhand der Inhalte lassen sich zumindest thematische Übereinstimmungen und Vorlieben ableiten. Ich habe anfangs aber unterschätzt, wie zeitaufwendig es sein würde, diese Inhalte zusammenzutragen.

Wie bist Du da vorgegangen? Viele Filme sind ja verschollen und Du hast Du ja kein Material, das Du sichten kannst.

Ich konnte mich in diesen Fällen fast ausschließlich nur auf schwedische Primärquellen beziehen, also zeitgenössische Zeitungsberichte, Werbematerialien und ähnliches. Das schwedische Filminstitut hat mit seiner Enzyklopädie Svenska filmografi vieles zusammengetragen und vereint, auf das ich da zurückgreifen konnte. Aber ich musste das meiste erst einmal aus dem Schwedischen übersetzen und oft natürlich gegenprüfen, denn es kommt vor, dass sich Quellen und Kritiken in den Inhaltsbeschreibungen auch mal widersprechen und voneinander abweichen.

Und wie bist Du mit dem Ergebnis zufrieden – deckt „Film can be art“ am Ende den „ganzen Sjöström“ ab?

Das möchte ich schon sagen, ja. Biografische Abschnitte beziehen Sjöströms persönlichen Hintergrund mit ein, zudem behandelt ein Kapitel die damaligen Produktionsbedingungen und die Geschichte von Svenska Bio, die Mitte der 1910er Jahre die größte Produktionsgesellschaft Europas war neben Pathé Frères in Frankreich. Aber im Zentrum stehen doch immer die Filme selbst: Es gibt analytische Kapitel zu seinen schwedischen Filmen, ein Kapitel über seine Zeit in Amerika und auch eines, das sich mit Sjöström als Schauspieler beschäftigt. Schließlich war das für ihn mindestens ebenso wichtig und abgesehen von seinem Fuhrmann des Todes ist ja auch Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergman der Film, für den Sjöström heute am bekanntesten ist. Weil seine darstellerische Leistung darin so beeindruckt. Zudem gibt es eine große kommentierte Filmografie, die alle Filme einschließt, die er inszeniert hat.

Sjöströms bekanntester Film ist Der Fuhrmann des Todes. Mir ist aufgefallen, dass Du ihm – gemessen an seiner Bedeutung – aber nicht außerordentlich viel Platz einräumst.

Es ist ja oft so, dass Regisseure am Ende auf einen oder zwei Filme reduziert werden: Wenn wir von Murnau reden, ist es meistens Nosferatu, bei Eisenstein Potemkin. Griffith wird auf Birth of a Nation und Intolerance reduziert, obwohl er insgesamt über 500 Filme gemacht hat. Bei Pabst sind vor allem die Sachen mit Louise Brooks bekannt, bei Abel Gance Napoleon und bei Sjöström ist es eben Der Fuhrmann des Todes. Davon abgesehen hat er aber ein gutes Dutzend weiterer Filme gemacht, in denen es vieles zu entdecken gibt, die aber in Deutschland mittlerweile niemand mehr kennt. Da wollte ich mit meiner Gewichtung schon ein wenig gegensteuern.

Das Bemerkenswerte ist ja, dass dem schwedischen Stummfilm immer attestiert wird, er habe als erster die Natur nicht mehr nur als bloße Kulisse, sondern als integralen Bestandteil der Handlung genutzt. Das hat sich in der Filmgeschichtsschreibung, von Toeplitz bis in die heutige Zeit, fast schon schlagwortartig etabliert. Und Sjöström war dabei die wesentliche, treibende Kraft. Aber gerade die beiden Filme, mit denen er diesen naturalistischen Stil entwickelt hat, Terje Vigen und Berg-Ejvind und sein Weib, sind aus sämtlichen Kanons und dem filmischen Bewusstsein beinahe komplett verschwunden. Stattdessen wird Sjöström mit dem Fuhrmann des Todes assoziiert, der im Grunde ein Schritt zurück war, relativ statisch gefilmt und ausschließlich im Atelier entstanden. Natürlich beeindruckt der Film nach wie vor aufgrund seiner Erzählweise und der Tricktechnik, die für das Jahr 1921 wirklich erstaunlich ist. Aber insgesamt finde ich es schon paradox, dass Sjöström meistens nur auf diesen Film reduziert wird.

„Film can be art“ wird über den Internet-Shop von 35 Millimeter zu kaufen sein, allerdings nicht über den normalen Buchhandel. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Jörg und ich lagen bei der Einschätzung des Projektes von Beginn an sehr nah beieinander. Uns war beiden klar, dass wir mit diesem Buch keine Verkaufsrekorde brechen werden. Dafür ist das Thema zu speziell. Wir haben uns daher bewusst für eine kleine Auflage von 250 Exemplaren entschieden. Das hält Jörgs verlegerische Risiken in Grenzen, verleiht dem Ganzen auf der anderen Seite aber auch etwas Exklusives. Dass das Buch über den regulären Buchhandel nicht zu erwerben ist, ist auf der einen Seite natürlich schade, aber wir denken, dass es heutzutage kein wirklicher Nachteil mehr ist, ein Buch lediglich online zu vertreiben.

Wer darf sich mit dem Buch als potenzieller Leser angesprochen fühlen?

Letztlich jeder, der sich für die Filme Sjöströms oder den frühen Film allgemein begeistert. Es ist daher gleichermaßen für Filmliebhaber interessant wie zum Beispiel auch für Studenten der Filmwissenschaft. Wobei ich diesen wissenschaftlichen Stil nicht mag, bei dem die Autoren mit Fremdwörtern und Fachbegriffen um sich werfen, nur um elitär zu wirken. Das hat mich schon als Student immer abgestoßen, daher war mir wichtig, leicht verständlich zu schreiben.

Es ist nun zwar schon ein paar Jahre her, dass ich selbst Filmwissenschaft studiert habe, aber schon zu meiner Zeit war es auffällig, dass das Interesse für Filmgeschichte immer stärker nachließ. Vor allem was die Zeit vor den 1930ern angeht, war bei vielen kaum mehr so etwas wie Wissensdurst vorhanden. Die Folge ist dann, dass auch aktuelle Filme nicht mehr richtig bewertet, eingeordnet und schon gar nicht in einen Kontext gesetzt werden können. Wenn es uns – 35 Millimeter und mir – also gelingt, die Liebhaber glücklich zu machen und obendrein noch den ein oder anderen Neuling zu Sjöström zu bekehren, würde mich das schon sehr glücklich machen.

Vielen Dank für deine Zeit Jens.

Das Buch „VICTOR SJÖSTRÖM – Film can be art“ kann hier bezogen werden: http://35mm-retrofilmmagazin.de/produkt/35-millimeter-buchreihe-1-victor-sjoestroem/

DVD-Rezension: „Der Student von Prag“

Von , 13. Dezember 2016 16:57

student-von-prag_Prag, um 1820: Balduin (Paul Wegener) ist der „beste Fechter und wildeste Student“ der Stadt. Sein exzessiver Lebensstil hat ihn allerdings in den Bankrott getrieben. So nimmt er das Angebot des geheimnisvollen Scapinelli (John Gottowt) an, diesem für hunderttausend Goldgulden sein Spiegelbild zu verkaufen. Mit dem Geld versucht er dann, die Komtesse Margit Schwarzenberg (Grete Berger) zu erobern. Die in ihn verliebte Lyduschka (Lyda Salmonova) lässt er dafür links liegen. Etwas, was sich bald rächen soll…

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Der Student von Prag“ gehört zu jenen Stummfilmen, die ich wohl am Häufigsten gesehen habe. Dies in unterschiedlichen Fassungen und an den unterschiedlichsten Orten. Zuletzt bei der TV-Ausstrahlung der restaurierten Fassung 2014 auf Arte. Eben jene findet sich auch auf der vorbildlichen Doppel-DVD, die vom Filmmuseum München herausgebracht wurde. Wenn man dem sehr informativen Booklet Glauben schenken kann, sorgte eben diese Fassung auch für viel Streit hinter den Kulissen. So ging Wilfried Kugel, der als Rechteinhaber des Hanns-Heinz-Ewers-Nachlasses offensichtlich maßgeblich an der Restaurierung beteiligt war, im Zorn, da er mit der musikalischen Orchestrierung durch Bernd Thewes, sowie mit der langsameren Laufgeschwindigkeit nicht einverstanden war. Das Ende vom Lied war dann, dass Wilfried Kugel die Aufführung der Arte-Restauration untersagte. Auf der Doppel-DVD finden sich aber nun zwei Versionen des Filmes. Die für Arte hergestellte Fassung mit einem Orchesterscore und einer verlangsamten Laufgeschwindigkeit, sowie die scheinbar von Kugel bevorzugte, etwa schneller Fassung mit einem Piano-Score. Die Musik selber wurde 1913 von Josef Weiss für den Film komponiert. Es handelt sich hierbei also um eine zeitgenössische Originalmusik. Neben diesen beiden Versionen, kann man sich noch die US-amerikanische, nur 41 Minuten dauernde Fassung ansehen, welche bis vor Kurzem noch die einzige auf DVD Verfügbare war.

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Rätselhaft bleibt, wer letztendlich „Der Student von Prag“ inszeniert hat. Während die DVD den Autoren Hanns Heinz Ewers als alleinigen Regisseur aufführt, hatte ich den Film immer seinem Hauptdarsteller Wegener – der später den berühmten „Der Golem, wie er in die Welt kam“ drehen sollte zugeordnet. In manchen Quellen taucht auch der dänische Regisseur Stellan Rye auf. In der IMDb wird er neben Wegener als Co-Regisseur geführt. Wie dem auch sei, „Der Student von Prag“ war ein Meilenstein der Filmgeschichte. Trotz seiner sehr frühen Entstehungszeit.1913 war das Kino ja gerade mal 18 Jahre alt und technisch revolutionäre Filme wie „Die Geburt einer Nation“, der ja als Beginn des modernen Kinos gilt, waren auch noch zwei Jahre entfernt. Natürlich hat „Der Student von Prag“ noch viel Theaterhaftes, vor allem bei den Sets, die sehr eindeutig als Bühnen erkennbar sind. Doch es wurden auch schon viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen im alten Prag verwendet. Auch die Kameratricks sind noch heute höchst beeindruckend. Die Aufnahmen in denen Balduin mit seinem bösen Ich konfrontiert wird, müssen dem Publikum damals ähnlich den Atem haben stocken lassen, wie die revolutionären CGI-Effekten in „Terminator 2“ oder „Jurassic Park“ den Zuschauern Anfang der 90er Jahre.

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Hauptdarsteller Paul Wegener war bei den Dreharbeiten bereits 39 Jahre, was man ihm auch ohne weiteres ansieht. Daher ist er nicht gerade die Idealbesetzung für den jungen Studenten, aber darüber lässt sich leicht hinweg sehen. Nimmt man als Maßstab, dass das Schauspiel der Akteure 1913 noch sehr theatralisch war, nimmt sich Wegener sogar recht zurück. Vor allem, wenn man ihn mit seinem Gegenspieler, den von dem Österreicher John Gottowt gespielten Scapinelli, vergleicht. Gottowt legt seinen Scapinelli allerdings recht übertrieben an und wirkt wie ein fleischgewordener Springteufel, was aber wiederum durchaus zu seiner Rolle passt. Hanns Heinz Ewers Drehbuch ist ganz der schwarzen Romantik verschrieben, in der Nachfolge eines E.T.A. Hoffmann, den der damals enorm erfolgreiche Autor fanatischer Romane (wie „Der Zauberlehrling“ und „Alraune“) auch als Vorbild bezeichnete. Damit kommt ihm auch die Ehre zuteil mit seiner Faust-ischen Geschichte einer der ersten deutschen Horrorfilme, ja Horrorfilme generell, zu sein. Zwar wirkt „Der Student von Prag“ aus heutiger Sicht hier und dort etwas holprig, aber zieht man den Umstand in Betracht, dass sich hier unerfahrene Filmemacher (egal, ob nun Ewers, Wegener oder Rye hauptsächlich Regie führten – alle drei hatten vor 1913 noch keinen Film gedreht) an einem noch sehr jungen Medium versuchten, dann ist das Ergebnis schlichtweg enorm.

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„Der Student von Prag“ ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und liegt nun erstmals in seiner vollständigsten und schönsten Form auf DVD vor. Hanns Heinz Ewers Geschichte des Studenten Balduin bedient sich frei bei Elementen aus der „Faust“-Geschichte, ebenso wie bei Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann. Das der Film teilweise noch etwas unfertig und unfokussiert wirkt (wie eine für die Handlung nicht wichtige, sehr in die Länge gezogene Fuchsjagd)  liegt daran, dass hier noch mit dem jungen Film experimentiert wurde und die Filmemacher noch über keine keine große Erfahrung mit dem Medium hatten. Die Trickeffekte sind aber auch heute noch überzeugend.

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Die Edition Filmmuseum hat mit der Veröffentlichung von „Der Student von Prag“ mal wieder eine tolle Arbeit hingelegt, die vollkommen Zurecht mit dem Willy-Haas-Preis für bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film bzw. zum Film in Deutschland prämiert wurde. Wie oben bereits beschrieben, liegt der Film auf zwei Scheiben in drei verschiedenen Versionen vor, die sich in Musik, Vorführgeschwindigkeit (und im Falle der US-Version auch in Länge) unterscheiden. Ferner wurde als Bonus noch der Kurzfilm „Die ideale Gattin“ (16 Minuten) beigelegt, bei dem wiederum Hanns Heinz Ewers zusammen mit einem gewissen Marc Henry Regie führt und ein junger Ernst Lubitsch eine kleine Nebenrolle spielt. Ansonsten spielen in dieser kurzen burlesken Komödie noch Grete Berger und Lyda Salmonova mit, die ja beide auch beim „Student von Prag“ dabei sind. Das informative Booklet enthält u.a Texte von Ewers über das Kino und eine Erklärung zu den unterschiedlichen Versionen. Im CD-Rom-Teil (ja, so etwas gibt es noch) findet man das Originalskript, das Programmheft, Werbematerial und noch einiges mehr.

Das Bloggen der Anderen (05-12-16)

Von , 5. Dezember 2016 20:57

bartonfink_type2Die letzte Woche fiel „Das Bloggen der Anderen“ leider aus, da ich dem Abgabetermin für meinen Artikel in der nächsten „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ hinterher hechelte und meine Beschäftigung mit einer schillernden Persönlichkeit des deutschen Nachkriegsfilmes epische Ausmaße angenommen hatte. Und auch diese Woche habe ich eine schlechte Nachricht: Da ich mich bis zum Ende des Jahres jetzt doch überraschend kurzfristig mit einem größeren Projekt beschäftigen muss und gleichzeitig noch einen Stapel Reviews vor mir her schiebe, verabschiedet sich „Das Bloggen der Anderen“ für dieses Jahr. Aber vorher gibt es nochmal die volle Breitseite.

– Sehr gut hat mir eine zweiteilige Artikelserie mit dem Titel „Sex Trouble“ auf critic.de gefallen. „Das queere und das feministische Kino wollen Strukturen aufreißen und schaffen dabei selbst Stereotype. Mit einem zweiteiligen Special wollen wir uns dem Unbehagen widmen, wenn man gemeint ist, sich aber nicht angesprochen fühlt“. Im ersten Teil erklärt Michael Kienzl die gängige Vorstellung von queerem Kino zu einem Fall für die Mottenkiste. Im zweiten Teil erzählt die unnachahmliche Silvia Szymanski von der Freiheit, sich auch und gerade in diesen Filmen als „Frau“ zu sehen, als sexuelles Wesen.  Und Florian Vollmers berichtet vom Filmfestival in Tallinn.

– Drüben bei B-Roll denken Beatrice Behn und Joachim Kurz über den Status der US-Filmindustrie nach der Trump-Wahl und die Rolle des kritischen Filmjournalismus nach.  Lucas Barwenczik schreibt über das Denken und Fühlen in aktuellen Science-Fiction-Filmen. Und Andreas Köhnemann plädiert für enthemmtes DRAMA!

Eine nette Idee: Acht Bundeskanzler charkterisiert in acht Filmen auf Das Magazin des Glückes. Mit Wim Wenders konnte ich mich nie wirklich anfreunden. Aber was Sebastian über Wenders frühe Filme schreibt, macht mich dann doch wieder etwas neugierig.

Der amerikanische Schriftsteller William Riley Burnett war mir bisher kein Begriff. Dank Claudia Siefens schönen Text auf Jugend ohne Film weiß ich jetzt aber, dass er nicht nur die Vorlagen zu „Little Cesar“ und „Asphalt Jungle“, sondern auch das Drehbuch zu einem Lieblingsfilm, „Gesprengte Ketten“ geschrieben hat.

– Udo Rotenberg beschäftigt sich auf seinem Blog L’amore in città weiter mit der Commedia sexy all’italiana und hat diesmal einen Kostüm-Film mit der Traumbesetzung Robert Hoffmann, Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg und Lucretia Love am Start.

– Auf seinem Schwesterblog Grün ist die Heide heißt es „Verdammt die jungen Sünder nicht“. Und es geht um einen österreichischen „Sittenfilm“ von 1961.

– Auch Christian Genzel begibt sich auf die Spur der teutonischen Unterhaltungsfilmindustrie. Sein Beitrag auf Wilsons Dachboden heißt „Zärtlich, aber frech wie Oscar“. In dieser Produktion der berühmt-berüchtigten Lisa-Film tummeln sich Herbert Fux, Corinna Drews, Tobias „die deutsche Stimme von Brad Pitt“ Meister. Natürlich Otto W. Retzer und „lauter Nackerte“.

– Wer erinnert sich daran, dass Marios Sohn Lamberto Bava in den 90er Jahren einen riesigen Erfolg in Deutschland hatte? Sogar einen größeren Erfolg als all seine „Dämonen“-Splatterfilme und Gialli zusammen: Prinzessin Fantaghirò. Morgen Luft von Cinematographic Tides hält Rückschau.

– Da wir gerade bei Erinnerungen sein. „Die drei Amigos“ war ein Film, der mein Leben Ende der 80er stark beeinflusste. Na ja, vielleicht nicht das Leben, aber meine Sprüchesammlung. Andreas Eckenfels erinnert sich auch auf Die Nacht der lebenden Texte.

– Klassiker-Zeit: funxton über „Der Löwe im Winter“ mit Peter O’Toole und Kathrine Hepburn.

– Klassiker-Zeit 2: Hauptsache (Stumm)Film über den grandiosen „Die Brücke am Kwai“. Muss ich auch mal wieder sehen. Toller Film.

– Da bin ich aber reingefallen. Tatsächlich hielt ich „Laila – Vampir der Lust“ für einen Vampirfilm. Tatsächlich ist es aber einen Film, der sich mehr mit LSD und anderen Drogen auseinandersetzt und laut totalschaden von Splattertrash dies optisch sehr reizvoll umsetzt.

– „Gruft der Vampire ist wohl der schärfste Film, den Hammer jemals produziert hat“ meint Bluntwolf von Nischenkino. Na ja, er hat die junge Ingrid Pitt, das sollte als Argument genügen.

– Das nenne ich mal Einsatz: Im Kino eingeschlafen und dann Zuhause gleich auf dem Fernseher nachgeholt: Oliver Nöding berichtet auf Remember It For Later über seine Erfahrungen mit William Castles „Mr. Sardonicus“. Außerdem erklärt er, warum ihn  Jeremy Saulniers „Green Room“ etwas enttäuscht hat.

– Während Frank Schmidke auf cinetastic von dem neuen Zombiefilm „The Girl with All the Gifts“ sehr überzeugt ist, hält sein Kollege Peter Gutting den neuen Film von Park Chan-wook, „The Handmaiden“, für eher so mittel.

Tolle Filme findet man diese Woche wieder bei Witte’s wöchentliche Tipps. U.a. ein Film vom „Halbstarken“-Regisseur Georg Tressler, der auch schon lange auf meiner „Guck-den-mal“-Liste steht. Und was von Veit Harlan.

– So, es weihnachtet schon sehr und da wir uns in dieser Rubrik dieses Jahr nicht mehr lesen werden (siehe oben), hier zum Abschluss noch Douscope über einen meiner Lieblingsweihnachtsfilme: „Die Muppets-Weihnachtsgeschichte“.

DVD-Rezension: „Desierto – Tödliche Hetzjagd“

Von , 1. Dezember 2016 20:56

desiertoDer Mexikaner Moises (Gael García Bernal) versucht heimlich über Grenze in die USA zu gelangen. Doch kurz vor der Grenze, mitten im Niemandsland, gibt der Truck der Schleuserbande plötzlich seinen Geist auf. So muss sich eine Gruppe illegaler Immigranten zu Fuß durch die unwirtliche Wüste schlagen. Doch kaum haben sie die Grenze passiert, werden sie von einem Scharfschützen (Jeffrey Dean Morgan) aufs Korn genommen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, keine Mexikaner in „sein Land“ zu lassen…

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Nachdem er gerade noch mit seinem Vater Alfonso das Drehbuch zu dessen Hit „Gravity“ geschrieben, realisierte der Mexikaner Jonás Cuarón nun im Alleingang seinen zweiten Spielfilm. Bei „Desierto“ handelt es sich um eine kleine, unaufwändige Produktion, die der typischen, schnörkellosen Narrative eines klassischen B-Western folgt. Zwei Personen auf der Flucht, ein Jäger, die ebenso beeindruckende, wie feindliche Umwelt. Mehr braucht Cuarón nicht für seinen Film. Dass die Gruppe um Protagonist Moises (get it?) zunächst noch größer ist, dient allein dazu, einerseits die tödliche Entschlossenheit seines Gegners zu bestätigen, und andererseits genug Figuren zu haben, die den Stellvertretertod für den im Zentrum des Filmes stehenden Moises sterben können. Eine größere charakterliche Zeichnung wird der Beute des skrupellosen Jägers nicht zugestanden. Allerdings hält sich Jonás Cuarón auch bei seinen drei Protagonisten diesbezüglich stark zurück, was dem Film durchaus gut tut. Von Moises und Adela erfahren wir nur das allernötigste. Moises war bereits einmal in Amerika gewesen, ist hier aber durch unglückliche Umstände mit dem Gesetz in Konflikt geraten und abgeschoben worden. Nun will er zurück zu seiner Familie, die sich noch immer in Amerika aufhält. Adela wurde von ihren Eltern sanft gezwungen über die Grenze zu gehen, um im gelobten Land USA ein besseres Leben zu haben.

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Mehr muss man auch nicht wissen. Weitere Informationen hätten den sehr kompakten Filme nur zerredet und künstlich in die Länge gezogen. Es tut gut, dass Jonás Cuarón hier ökonomisch vorgegangen ist und alles überschüssige Fett abgeschnitten hat. Von seinem Antagonisten Sam gibt er sogar noch weniger preis. Weder Motivation, noch Hintergründe der Figur werden erklärt. Aus seinen Handlungen kann man ableiten, dass er Ausländer hasst und sein Land vor ihnen „verteidigen“ will. Auch, dass er eine tiefe Abscheu vor Autoritäten hat und für ihn „sein Land“ nicht mehr sein Land ist. Mit diesen Voraussetzungen hätte Sam auch gut als unmenschliche, gefühlskalte Killermaschine inszeniert werden können. Doch Cuarón geht zusammen mit seinem hervorragenden Schauspieler Jeffrey Dean Morgan einen anderen Weg. Trotz seiner verabscheuungswürdigen, unentschuldbaren Grausamkeiten, ist Sam doch nie ein entmenschlichter Bösewicht, der mit der stumpfen Effizienz eines Slashers oder der diabolischen Intelligenz eines (Film)-Serienmörders oder Superschurken vorgeht. Sam bleibt immer Mensch und gerade das macht einen so fassungslos. Das Böse ist keine schier übermenschliche Kraft, sondern ein schwitzender Typ aus Fleisch und Blut, der aus irgendwelchen verqueren Gründen glaubt, das Recht auf seiner Seite zu haben und etwas „Gutes“ zu tun. Das erschreckt gerade in den heutigen Zeiten sehr viel mehr, als ein unheimlicher Butzemann.

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Die Schwächen des Filmes bestehen in den Klischeefallen, in die er immer wieder tappt. Natürlich ist Hauptdarsteller Gael García Bernal ein guter bis sehr guter Schauspieler. Natürlich verkörpert er den verzweifelten Helden glaubwürdig und man fiebert gerne mit ihm mit. Doch Bernal ist eben auch immer ein netter Junge. Prädestiniert für den freundlichen, sich immer wieder für die Anderen einsetzender Kumpel. Während sein Gegenspieler Sam durchaus ambivalente Gefühle hervorbringt (in einem anderen Film hätte er auch gut und gerne ein cooler, abgeklärter Westernheld sein können), so ist Moises eindeutig als ein Guter ohne große Ecken und Kanten gezeichnet, wodurch seine Figur auch flach und langweilig ist. Und wenn er dann doch einmal überraschend aus seinem engen Rollenbild ausbricht, dann kann man fest davon ausgehen, dass er seinen Egoismus umgehend korrigiert und doch gleich wieder seiner Mit-Flüchtenden hilfreich zur Seite steht. Zudem nervt es, dass dem todsicheren Schützen Sam, der es ohne große Anstrengung schafft aus einem Kilometer Entfernung seinem armen Opfer durch das Auge zu schießen, urplötzlich seine eiskalte Präzision verliert, wenn er auf den Helden anlegt. Da trifft er dann aus zwei Metern Entfernung kein Scheunentor mehr. Natürlich wäre der Film zu ende, wenn Sam nicht immer wieder unter diesem eklatanten Mangel an Zielwasser leiden würde. Doch so spielt der Film derart vehement mit dem „Zufall“, dass es durchaus ärgerlich ist.

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Neben den nominellen Hauptdarstellern spielt in „Desierto“ die beeindruckende Naturkulisse eine wichtige Rolle. Die Wüste, die mächtigen, bizarr geformten Felsen, die Kakteenfelder. Sie lassen das Grenzgebiet zu Mexiko zu einem bedrohlichen, ausserweltlichen Ort werden, in welchem der Mensch nichts zu suchen hat. Eine Hölle, mit welcher der tödliche Jäger förmlich verschmilzt, und die wie ein Teil seiner offensichtlich gestörten und absonderlichen Psyche wirkt. All dies wird von Damia Garcias hervorragender Fotografie eindrucksvoll festgehalten. Sie sorgt zusammen mit der großartigen, immer weiter vorwärtstreibenden Musik von Woodkid (die hätte ich gerne auf CD) für ein spannendes, optisch wie akustisch eindrucksvolles Erlebnis. Nicht nur deshalb ist die Wahl Mexikos, gerade „Desierto“ in das Oscar-Rennen um den besten fremdsprachigen Film zu schicken, nachvollziehbar. Der andere Grund dürfte ein kräftiger Seitenhieb auf die Pläne des frisch gekürten Präsidenten Trumps sein, Mexikaner notfalls mit einer unüberwindbaren Mauer daran zu hindern, in „sein geliebtes Land“ einzudringen.

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Ein spannender, optisch und akustisch eindrucksvoller Film mit einem interessanten, von Jeffrey Dean Morgan sehr physisch gespielten Antagonisten, welcher allerdings unter allzu vielen vermeidbaren Klischees leidet und einen vielschichtigeren Helden hätte gebrauchen können.

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Wie eigentlich immer bei Ascot elite ist das Bild für eine DVD sehr gut. Das Bild so scharf, dass man auch bei dingen die in weiter Entfernung sind Details sieht. Auch der Ton weiß zu überzeugen und gerade das Zusammenspiel zwischen Geräuschen, Dialogen und der tollen Filmmusik überzeugt. Gar nicht berzeugt leider mal wieder die Bonus-Sektion. dann hier gibt es bis auf den Trailer nichts zu sehen.

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