DVD-Rezension: “Eden und danach”

Von , 3. Januar 2014 20:31

Eden und danach

Das Café Eden ist der Treffpunkt einiger Studenten, die sich dort nach ihren Vorlesungen die Zeit mit merkwürdigen Rollenspielen und Ritualen vertreiben. Eines Tages taucht ein Fremder (Pierre Zimmer) im Café Eden auf und fasziniert die Studenten mit Zaubertricks und Erzählungen. Der Studentin Violette (Catherine Jourdan) verabreicht er ein mysteriöses Pulver, welche sie in Angstzustände versetzt. Am Ende des Abends verabredet sich Violette mit dem Fremden. Am vereinbarten Treffpunkt findet sie seine Leiche und wird von merkwürdigen Visionen heimgesucht. Violette geht mit ihren Kommilitonen ins Kino, wo sie sich gemeinsam einen Film über Nordafrika ansehen. Plötzlich befindet sich Violette in diesem Film und trifft dort nicht nur den Fremden wieder, sondern in unterschiedlichen Rollen auch ihre Freunde…

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„Kino – Realität – Mein Leben“ mit diesen Worten endet die Einleitung zu Alain Robbe-Grillet filmischem Rätsel „Eden und danach“. Die emotionslos gesprochenen Worte, die Verbindung Leben – Kino, das erinnert natürlich sogleich an Jean-Luc Godard. Auch die aseptische, künstliche Umgebung in der der Film beginnt, das Café Eden, lässt zunächst an die Filme Godards aus den späten 60ern denken. Alles ist bewusst künstlich und theaterhaft gehalten. Die Wände sind als Labyrinth arrangiert und mit popkulturellen Hinweisen bestückt. Doch hier endet auch die Vergleichbarkeit zwischen einem Godard-Film und diesem Werk des französischen Schriftstellers und Filmemachers Alain Robbe-Grillet. Während Godard einen brechtschen Verfremdungseffekt nutzte, um politische Statements und philosophische Kommentare plakativ zu unterstreichen, geht es Robbe-Grillet mehr um die Verfremdung an sich und das Herausstellen von Ritualen. So wird das Café von den Studenten in der Tat als Theater für ihre kleinen Spielchen und Stücke verwendet. Dadurch verwandelt sich das Café gleich in doppelter Hinsicht zur Bühne. Für die Spielenden für ihre Spiele, genauso wie für den Zuschauer, der sie bei diesen beobachtet. Bereits hier setzt das Prinzip der Dopplung ein, welches Robbe-Grillet bei diesem Film konsequent verfolgt. Alles findet seine doppelten Entsprechungen später im Film, der sich in eine Hälfte im Café und eine Hälfte in Tunesien spaltet. Die abstrakten Spiele im Café werden später in Tunesien ihre bebilderte Entsprechung finden, ebenso wie Personen, Gegenstände und Symbole.

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In einem sehr aufschlussreichen Interview, welches dankenswerterweise mit auf der vorzüglichen DVD aus dem Hause Donau-Film enthalten ist, erklärt Robbe-Grillet seine Herangehensweise mit zwei Arten der neuen Musik. „Eden und danach“ hat er wie ein serielles Musikstück aufgebaut. „Serielle Musik wird nach strengen Regeln komponiert. Die Kompositionstechnik basiert auf dem Versuch, möglichst alle Eigenschaften der Musik, wie zum Beispiel Tondauer, Tonhöhe und Lautstärke, auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen. Diese Idee einer musique pure entspringt dem Wunsch, eine Musik von möglichst großer Klarheit hervorzubringen, frei von Redundanz, Unbestimmtheit und der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks.“ (Quelle: Wikipedia). Genauso geht auch Robbe-Grillet vor. Er setzt Szene an Szene und wiederholt darin Elemente, die schon zuvor im Film vorkamen. Laut William F. Van Wert, der in „Pioniere und Prominente des Modernen Sexfilms“ zitiert wird, legt Robbe-Grillet den Film als eine Serie von 10 Abschnitten an, in denen sich die 12 Themen des Filmes jeweils wiederfinden. Dies führt zwar dazu, dass eine konventionelle Handlung nicht mehr erkennbar ist, und der Zuschauer die Bilder und Filmelemente „pur“, also ohne Einbettung in eine bewertende Geschichte, aufnimmt. Somit bleibt es auch ganz ihm überlassen, was er daraus macht.

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Dies ist die Idee hinter dem Nouveau Roman, einer literarischen Stilrichtung zu dessen Vertretern Robbe-Grillet gehörte. Hierbei werden „Aspekte des konventionellen Romans wie eine stringent-chronologische Erzählführung, eine individuelle Charakterisierung der Figuren und Subjektivität nicht berücksichtigt und der Vorstellung von Literatur als einer moralischen oder politischen Kraft entgegentritt. Anmerkung: Hier findet sich also auch der Gegensatz zu Godard, der ja Film als politische Kraft Kraft verstand. Die Autoren des Nouveau Roman versuchen die Welt aus einer möglichst neutralen Erzählposition zu schildern, die nur das Sichtbare aufnimmt. Relevant ist dabei nur die Oberflächlichkeit der Dingwelt, zu deren Bedeutung nicht mehr vorgestoßen werden kann. Allenfalls dem Leser bleibt die Auffindung von Sinn überlassen.“ (Quelle: Wikipedia) „Eden und danach“ ist somit eine konsequente Überführung des Nouvau Romans in das Medium des Films.

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Noch deutlicher wird dies beim Gegenstück zu „Eden und danach“, dem experimentellen „N. a pris les dés…“, welcher ebenfalls auf dieser 2-Disc Special Edition enthalten ist. Hier wiederum verwendete Robbe-Grillet, wie er im Interview erklärt, das Prinzip der Aleatorik. „Aleatorik (von lat. aleatorius „zum Spieler gehörig“, alea „Würfel, Risiko, Zufall“) wird in Musik, Kunst und Literatur im weitesten Sinne die Verwendung von nicht-systematischen Operationen verstanden, die zu einem unvorhersehbaren, zufälligen Ergebnis führen. In der Musik können diese Zufallsoperationen sowohl auf der Ebene der Komposition als auch auf der als deren Fortsetzung aufgefassten Ebene der Interpretation angewendet werden und z. B. die Art und Anzahl der Instrumente, die Dauer des Stückes, die Reihenfolge einzelner Abschnitte oder das Tempo betreffen.“  (Quelle: Wikipedia) Nicht umsonst heißt dieses Stück „N. wirft die Würfel“. Robbe-Grillet nahm das gefilmte Material für seinen Film „Eden und danach“, zerschnitt es und ordnete es nach dem Zufallsprinzip neu an. Das Ergebnis ist noch „unverständlicher“ als „Eden und danach“. Dem Zuschauer wird gar nicht erst die Chance eingeräumt, eine Handlung oder einen tieferen Sinn zu erkennen. Er wird mit den Bildern allein gelassen, gezwungen loszulassen und sich ganz dem Bilderrausch hinzugeben. Louis Malle hat etwas Ähnliches mit „Black Moon“ versucht, der aber im Vergleich „N. a pris les dés…“, und auch „Eden und danach“, weitaus erzählerischer ausgefallen ist.

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Bei den Bildern seines ersten Farbfilms orientierte sich Robbe-Grillet an der Farbpalette des großen surrealistischen Malers Rene Magritte, dem er in „Die schöne Gefangene“ ein Denkmal setzen sollte. Insbesondere im Tunesien-Teil dominieren die Farben hellblau, braun und weiß, hier und da durchsetzt mit einem kräftigen Rot. In seine Szenen baut Robbe-Grillet immer wieder Verfremdungseffekte ein, spielt mit Blut- und Sperma-Symbolen, zeigt S/M- und Fetisch-Fantasien und lässt Gegenstände Aussehen und Beschaffenheit ändern. Zentrum des Ganzen ist die umwerfende Catherine Jourdan, deren Schönheit und schlafwandlerisches Spiel einen augenblicklich in den Bann zieht. Mit ihr und um sie herum schafft Robbe-Grillet ikonische Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf wollen. Wenn sie im Meer badet und sich ihr Kleid an den darunter nackten Körper schmiegt, oder sie vor einem Feuer am Strand tanzt. Catherine Jourdan ist das Aorta des Filmes, die das Blut in alle Körperteile pumpt. Sie macht den Film nicht nur zu einer intellektuellen, sondern auch zu einer ausgesprochen sinnlichen Erfahrung.

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„Eden und danach“ bietet keine nachvollziehbare Handlung, sondern ist ein experimentelles und kompositorischen Regeln unterworfenes Spiel mit Bildern und Themen. Wer dies akzeptiert und Freude am Dechiffrieren von Hinweisen und Symbolen hat, dem wird dieser Film gefallen. Man kann sich aber auch ohne Kenntnis der Hintergründe einfach in die surreale Bilderwelt Robbe-Grillets fallen lassen. Die bezaubernde Catherine Jourdan macht einem leicht, sich von dem Strom der Assoziationen mitreißen zu lassen.

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Die 2-Disc Collector’s Edition aus dem Hause Donau Film trägt im Titel „Alain Robbe-Grillet #1“, was darauf schließen lässt, dass hier noch weitere Titel des bisher in Deutschland sträflich vernachlässigten Künstlers erscheinen werden. Wie man aus zuverlässiger Quelle hörte, sollen dies der bisher in Deutschland unveröffentlichte „Glissements progressifs du plaisir“ und Robbe-Grillets letzter Film „Der Ruf der Gradiva“ (lief bisher nur einmal im Original mit Untertiteln auf arte) sein. Das ist schon mal großer Grund zur Freude, wie überhaupt die DVD wunderbar aufgemacht ist. Neben dem Hauptfilm „Eden und danach“ befindet sich auf einer zweiten DVD noch das „Gegenstück“ „N. a pris les dés…“, sowie ein 30-minütiges Interview mit Alain Robbe-Grillet, welches scheinbar für das französische Fernsehen aufgezeichnet wurde, und welches sehr interessante Statements enthält, die das Verständnis des Filmes etwas vereinfachen und auch einen interessanten Einblick in das Denken Robbe-Grillets werfen. Abgerundet werden die Extras von einem ausgezeichneten 16-seitgen Booklet von Dr. Marcus Stiglegger (der bereits in dem empfehlenswerten, aber leider vergriffenen, englischsprachigen Kompendium „Eyeball“ einen hochspannenden Artikel über den Robbe-Grillet veröffentlicht hat), welches die Person Robbe-Grillet, sein filmisches Werk, aber auch seine literarische Bedeutung beleuchtet. Ein paar kleinere Abstriche muss man beim Bild machen, welches oftmals so wirkt, als ob man durch ein leichtes „Grisselmuster“ sieht. dies fällt allerdings nur auf, wenn man recht dicht vor dem Bildschirm sitzt. „Eden und danach“ besitzt eine deutsche Tonspur, kann aber auch auf Französisch mit deutschen Untertiteln geschaut werden. „N. a pris les dés…“ liegt auf Französisch mit deutschen Untertiteln vor.

4 Antworten für “DVD-Rezension: “Eden und danach””

  1. Interessanter Text. Das Café (?) in deinem ersten Screenshot sieht aus wie ein dreidimensionales Bild von Piet Mondrian. Vielleicht auch eine Referenz an eine Kunst der klaren Strukturen, wie bei der seriellen Musik.

  2. Marco Koch sagt:

    Hallo Manfred, erst einmal danke für das Kompliment aus berufenem Munde. Das mit Piet Mondrian kann sehr gut sein. Nach allem, was ich über Robbe-Grillet gelesen habe, hat er immer – wie ja z.B. auch Greenaway – viele Kunstzitate in seine Filme eingebaut. „Die schöne Gefangene“ zitiert ja scheinbar auch nicht nur im Titel die Gemälde Magrittes (habe diesen Film leider bisher noch nicht gesehen).

  3. dr.olds sagt:

    Die DVD ist keineswegs „vorzüglich“, sind doch die deutschen untertitel mit dem französischen orginalton nicht zu geniessen, da sie auf den deutschen ton passen, und zwar NUR auf den deutschen ton. mit dem französische ton liegen sie zeitlich fast immer daneben (mal zu früh und mal zu spät), teilweise massiv – von den „freiheiten“ beim übersetzen gar nicht zu reden.
    denselben schwerwiegenden fehler hat übrigens auch die dvd von „glissement“.
    ich habe mich jedenfalls massiv geärgert.

  4. Marco Koch sagt:

    Hallo dr. olds. Danke für Deinen Kommentar. Da mein Schulfranzösisch leider schon lange nicht mehr ausreicht, um dem O-Ton zu folgen, kann ich über die Güte der Übersetzung leider keine Aussagen treffen. Auch ist mir eine ein zeitlicher Versatz beim Einblenden der Untertitel nicht negativ aufgefallen. Daher Danke für die ergänzenden Infos.

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