Bericht vom 33. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 1

Spätestens im August fängt das Kribbeln an, denn das Internationale Filmfest Oldenburg wirft dann langsam seine Schatten voraus. Dann werden die ersten Filme angekündigt, man setzt sich mit dem diesjährigen Programm auseinander und wenn dann endlich der Timetable da ist, beginnt die kunstvolle Zusammenstellung des eigenen Fahrplans. Welcher dann in sich zusammenfällt, wenn eine der geplanten Vorstellungen dann doch ausverkauft ist.

Was in diesem Jahr tatsächlich wieder der Fall war, obwohl ich bereits am Donnerstag eingereist war. Aber dies entpuppte sich im Nachhinein nicht als Nachteil, denn so sah ich den Gewinner des Publikumspreis.

Aber das war am Donnerstag noch Zukunftsmusik. Erst einmal galt es das diesjährige Festival-Center zu finden, welches sich im Hotel Aspire befand. Da wäre ich fast zum falschen, weiter auswärts gelegenen Hotel gefahren. Gottseidank machte mich mein Weird-Xperience-Kollege Stefan aber rechtzeitig auf meinen Irrtum aufmerksam. So wurde dann doch alles gut, nur auf den Film „Big Daddy’s Flowers“ musste ich in diesem Jahr verzichten. Stattdessen ging es ins Casablanca-Kino zu ROMA ELASTICA, den ich eigentlich erst Samstag auf dem Programm hatte. Dort hatte ich mit Stefan aber eine nette Begleitung.

Von Regisseur Bertrand Mandico haben wir im Rahmen unser Reihe Weird Xperience bereits den wundervoll verrückten „The Wild Boys“ gezeigt. Sein neusten Film ROMA ELASTICA glänzt ebenfalls mit fieberhaften und surealen Szenen und einer irrealen Stimmung. Glänzend besetzt mit der wunderbaren Marion Cotillard als Filmstar in der Krise, sowie der ebenfalls großartigen Noémie Merlant als deren Visagistin/Freundin/Bodyguard/Sekretärin. Merlant war 2012 bereits persönlich als Hauptdarstellerin des Filmes „The Orphan Girl Without an Arm“ in Oldenburg zu Gast. Damals noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Heute gehört sie zu den großen Stars in Frankreich – und war leider nicht anwesend.

Wie überhaupt ROMA ELASTICA einer der wenigen Filme der diesjährigen Ausgabe des Internationalen Filmfests Oldenburg war, der völlig ohne Gäste auskommen musste. Das ist in diesem Falle zwar sehr schade, aber angesichts des Kalibers der Beteiligten nicht verwunderlich.

ROMA ELASTICA handelt von einer Schauspielerin, deren Karriere sich im Jahre 1982 dem Ende zuneigt und die in den USA vor allem noch in obskuren Indie-Filmen auftritt. Ein neuer Film in Rom soll noch einmal den alten Glanz bringen. Eine tödliche Krankheit, das Alter und die aufgeregten Filmmenschen um sie herum treiben die Schauspielerin zum Zusammenbruch.

ROMA ELASTICA fühlt sich so an, als hätten die „Amer„-Macher*innen Cattet & Forzani eine Überdosis Fellini eingeatmet. Bizarre Gestalten, eine Filmparty die direkt aus „Toby Dammit“ stammen könnte, eine Fernsehsendung wie aus einem seltsamen Fiebertraum. Die Art die Stadt zu Filmen wiederum erinnert tatsächlich an die Frühen 80er. An Filme wie „Diva“ oder „Stimme des Mondes“. Stillecht sind die Farben in einem leicht blassen Grün-Blau-Ton gehalten, wie man ihn aus italienischen Produktionen Mitte der 80er kennt.

Es gibt Auftritten von Ornella Muti und Franco Nero. Aus den Boxen kommt ein kongenialer Musikmix, bei dem natürlich auch Morricone anklingt. Am Ende findet sich die Schauspielerin in einem irreal-künstlichen Science-Fiction-Film wieder. Jener Art von Film, die man nur als Film-im-Film über das filmemach kennt. Irgendwo zwischen Theater-Performance und Avantgarde.

Die Handlung funktioniert vor allem auf der Metaebene. Aber das ist auch so gewollt. Hier ist nichts geerdet. Alles ist künstlich, alles wie der Traum von einem Film und einer anderen Zeit. Themen wie unter anderem Alter, Öffentliches Image, Sexismus, Queerness, Tod und die Unfähigkeit loszulassen werden verhandelt. Generell ist der Film vollgestopft mit Einfällen und Ideen, aber auch der Liebe zum Film – gerade den italienischen – und den großen Vorbildern.

Mittendrin Marion Cotillard, die sich Kopfüber in ihre Rolle stürzt und auch einmal Isabelle Adjani in Zulawskis „Possession“ reenacted. Wie generell „Possession“ im Film sehr direkt angesprochen wird, man aber auch an andere Filme von Zulawski wie „Die öffentliche Frau“ und „Nachtblende“ denken muss, womit Zulawski neben dem bereits erwähnten Fellini der zweite große Einfluss auf ROMA ELASTICA ist.  Noémie Merlant stielt der glänzend ausspielenden Cotillard sogar noch die Schau als deren coole und taffe Freundin.

Ein hochgradig seltsamer, aber auch faszinierender Film, in dem Bava und Fulci als die großen „Maestros“ erwähnt werden. Kein Film für jedermann, doch wer ein Herz für solche aus der Norm fallenden Filme und vor allem für das italienische Kino der 60er, 70er und frühen 80er hat, der muss ROMA ELASTICA einfach lieben. Ich bin zumindest mit einem breiten Lächeln aus dem Casablanca-Kino gekommen.

Dann ging es geschwind in die Kulturetage. Viel Zeit zum Kinowechsel blieb nicht. Dank Deutschland-Ticket sprangen wir in einen vorbeifahrenden Zug, der zwar zum Bahnhof fuhr, nicht aber unsere gedachte Route einschlug. Aber egal – wir waren rechtzeitig da und machten es uns im cineK Studio bequem, wo sich direkt vor uns die Crew des nun dort laufenden Films drappierte.

DEAD DROP ist viel. Horrorfilm, Mystery, Allegorie und ja, auch schwarze Komödie. Acht Menschen sind in einem Lieferaufzug gefangen, welchen sie als Abkürzung nehmen wollten, als der reguläre Personenaufzug auf sich warten ließ. Nichts geht mehr und eine mechanische Stimme aus der Notruf-Gegensprechanlage fordert die Eingeschlossenen auf, den „Instruktionen zu folgen“. Nur welche dies sind, bleibt ungelöst. Natürlich macht sich jede und jeder dazu eigene Gedanken. Die Anspannung steigt. Plötzlich ist ein erster Todesfall zu beklagen und es zeichnet sich ganz offensichtlich ab, dass hier etwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen vor sich geht.

Die Figuren sind allesamt Stereotype und haben noch nicht einmal Rollennamen. Im Abspann sind sie nur mit ihren Eigenschaften bezeichnet. Aber das funktioniert. Sie beginnen sich aneinander zu reiben, nie hat man das Gefühl, das hier Tiefe fehlen würde. Dazu sind diese Stereotype (und ihre Darsteller*innen) zu interessant, das Geheimnis zu groß und die Dialoge zu geschliffen. Die Zeit vergeht wie im Fluge.

Trotz der Beschränkung der Handlung auf nur einen Spielort hat man niemals das Gefühl, hier einem „Theaterstück“ zuzuschauen. Schnitt und Kamera halten den ganzen Film über das Interesse wach. Ebenso die scharfzüngigen Dialoge. Und da ist natürlich auch das große Rätselraten: Was steckt dahinter, wie kann man sich retten, wer ist als nächstes dran. Auch wenn der Film nicht alle Karten aufdeckt (was gut ist), hat man nicht das Gefühl betrogen zu werden.

Was auch an den sehr guten Schauspieler*innen liegt, die ihre Stereotypen mit viel Leben füllen. Da möchte man auch niemanden hervorheben, wenn auch Melissa Neal als die Figur, die einer Protagonistin am nächsten kommt, und Victor Rivera als nerviger Troll ein wenig im Vordergrund stehen. Riveras Figur mit seinen unzähligen Popkultur-Referenzen und seinem unsensiblen Egoismus sorgt manchmal für Lacher, vor allem aber für eine fortwährende Spannung zwischen den Figuren. Und seine Bereitschaft ständig neue „Verschwörungstheorie“ zu entwerfen, ist auch ein pointierter Kommentar auf unsere Gegenwart.

Generell ist DEAD DROP sehr unterhaltsamer US-Film, der Horror/Mystery und Escape Room miteinander verbindet, philosophische Fragen anreißt, aber in erster Linie viel Spaß macht.

Ned Crowley

Alexandra Kate, Melissa Neal, John O’Mahony

 

Zufrieden ging es mit dem Auto nach Hause. Schließlich wartete am nächsten Tag noch früh am Morgen mein Broterwerbsjob auf mich.

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