Carol Hammond (Florinda Bolkan), eine wohlhabende Londonerin, wird von verstörenden Träumen und sexuellen Fantasien geplagt, in denen sie ihre freizügige Nachbarin Julia erlebt. Als Julia eines Tages ermordet aufgefunden wird, gerät Carol unter Mordverdacht. Sie kann sich an die Tat nicht erinnern und beginnt zunehmend, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Während die Polizei ermittelt, vermischen sich Traum und Wirklichkeit immer stärker, bis eine überraschende Wendung die wahren Hintergründe des Mordes enthüllt.
1971 hatte sich Lucio Fulci von seiner Rolle als Komödienregisseur (vor allem für das in Italien höchst erfolgreiche Duo Franco & Ciccio) emanzipiert und zwei Jahre zuvor mit Nackt über Leichen seinen ersten Giallo gedreht. Nun hatte im Vorjahr gerade Dario Argento mit seinem „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ das Genre nicht nur neu definiert, sondern auch einen ganzen Schwall an ähnlich gelagerten Filmen ausgelöst. Plötzlich schien jeder von den eben noch erfolgreichen Italo-Western auf die urbanen Thriller umzuschwenken. Gerne mit einem Tier im Titel, da Argentos Film im italienischen Original einen „Vogel“ im Titel hatte. So wimmelte es plötzlich vor Skorpionen, Taranteln, Katzen, Fliegen und Entchen. So ist es kein Wunder, dass Fulcis nächster Giallo eine Eidechse im Titel aufweisen kann. Laut dem kompetenten Audiokommentar auf dieser Veröffentlichung war dies eine kurzfristige Entscheidung des Produzenten. Auch wenn die Kommentierenden Pelle Felsch und Markus Stiglegger ihre ganz eigenen, interessanten Interpretationen für „Lizard in a Woman’s Skin“ finden, glaube ich doch, dass dies eine Vorgabe war, um sich an Argentos Erfolg zu hängen. Daher könnte auch die Dialogzeile, in der eine Eidechse erwähnt wird, die sich in einer Drogenhalluzination aus der Haut einer Frau schält, nachträglich ins Drehbuch eingebaut worden sein, um den Titel zu rechtfertigen.
„Lizard in a Woman’s Skin“ galt lange Zeit als Geheimtipp. War er doch nie in Deutschland erschienen, wo Fulci vor allem als „Godfather of Gore“ gefeiert wurde. Seine Verdienste vor seinen berühmt-berüchtigten Zombiefilmen fielen da häufig unter den Tisch. Was vielleicht auch mit der Nichtverfügbarkeit zu tun hatte, denn neben diesem Film fand sich auch für sein Meisterstück „Don’t Torture a Duckling“ und „The Psychic“ kein deutscher Verleih. Weder für das Kino noch später eine VHS-Auswertung. Erst im DVD-Zeitalter fanden die Werke zu uns. „Lizard in a Woman’s Skin“ musste sogar bis jetzt warten. Dabei ist gerade „Lizard in a Woman’s Skin“ ein kleines Meisterwerk, welches es verdient hätte, schon vor dieser sehr schönen Veröffentlichung durch filmArt seinen Weg in unsere Gefilde gefunden zu haben.
Dies allerdings nicht zwangsläufig aufgrund der Handlung, welche die zu dieser Zeit gängigen Giallo-Zutaten durchexerziert und zu denen auch die nicht unbedingt logische Auflösung gehört, sondern aufgrund der Meisterschaft Fulcis, seine Figuren im Bild zu platzieren. In Räumen sind diese immer präzise so angeordnet, dass die Distanz oder Nähe spürbar ist. Und wie Fulci sie dann in großen, leeren Räumen inszeniert, ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino. Beispielhaft soll hier jene Szene angeführt werden, in der die Protagonistin in einer scheinbar leerstehenden Kirche von einem Killer verfolgt wird. Wie hier Fulci erst die Räume verengt, um diese dann urplötzlich zu erweitern und seine Figuren einsam und schutzlos in einer riesigen Leere zu zeigen, ist meisterhaft. Hier wird über Räume erzählt, um das Gefühl der Bedrohung zu inszenieren. Da ist Fulci auch nah an Hitchcock und gerade diese eine Szene lässt einem den Puls rasen.
Aber auch sonst weiß Fulci effektiv Albtraum-Sequenzen zu inszenieren und lässt seiner Kreativität freien Lauf. Wobei er zielstrebig einer Traumlogik folgt, wie man sie in Filmen nicht so häufig sieht, denn er geht hier nicht linear vor, sondern sprunghaft. Abläufe verändern sich plötzlich und die Wahrnehmung springt hin und her. Da wirkt die berühmt-berüchtigte Szene mit den verstümmelten Hunden fast ein wenig plump und ganz auf Schock ausgelegt. Wobei sie im Kontext der entsprechenden Szene gerade durch dieses übertriebene, völlig aus dem Nichts kommende Extrem durchaus funktioniert, wenn auch keinen großen Sinn macht. Aber darum geht es nicht. Die Szene unterstreicht noch einmal das Unvorhergesehene, die wortwörtlich hinter der Ecke lauernde Grausamkeit und Gefahr, die unser Leben bedroht. Eine Schraube, die Fulci in seinen späteren „Zombiefilmen“ dann noch einmal zwei Umdrehungen weiter dreht, und die eine Weltsicht offenbart, welche scheinbar Teil seines Wesens war.
Die Brasilianerin Florinda Bolkan ist die perfekte Besetzung der Frau, die scheinbar ihre Sexualität und heimlichen Wünsche unterdrückt. Ihre spröde Schönheit, die eine Distanz ausstrahlt, wird von den glutvollen Augen Lügen gestraft. Sie ist einerseits eine Frau, die wie der Fels in der Brandung wirkt, aber jederzeit von dem Getöse um sie herum umgeworfen und an die Ufer des Wahnsinns gespült wird. Dagegen wirkt der mit grauem Haaransatz auf alt getrimmte Jean Sorel reichlich blass. Perfekt gecastet ist auch die Schwedin Anita Strindberg als geheimnisvolles Mordopfer, welche in Rückblenden ihre dominante Erotik offenbart. Und letztendlich ist da noch Leo Glenn in einer ambivalenten Rolle als Carols Vater. Ihm gelingt der Spagat zwischen sorgenvoller Liebe und tiefem Abgrund.
Natürlich muss man auch die Musik Ennio Morricones erwähnen. Wie schon in seinen Arbeiten für die frühen Argento-Gialli mischt er ein wunderbar süßes und einprägsames Hauptthema mit bedrohlichen Dissonanzen und nervenzerrenden, avantgardistischen Tönen. Das klingt anstrengend, fügt sich aber – wie auch schon bei Argento – perfekt in den Film ein.
„Lizard in a Woman’s Skin“ ist bei filmArt als Nummer 10 ihrer „Filmart Giallo Edition“ erschienen. Für diese Veröffentlichung wurde erstmals eine deutsche Synchronfassung erstellt, die erfreulicherweise nicht zu modern klingt und solide bis gute Sprecher*innen aufweist. Allein die Synchronstimme für Leo Glenn ist für meinen Geschmack viel zu jung geraten. Es liegen auch die italienische und die englische Tonspur in guter Qualität und mit deutschen Untertiteln vor. Das HD-Bild ist gestochen scharf (was zur Folge hat, dass man manchmal Dinge sieht, die man eigentlich nicht sehen möchte – wie z. B. Frau Strindbergs Brust-OP-Narben), aber nicht totgefiltert, sodass ein sehr guter Filmlook erhalten geblieben ist. Als Extras gibt es den bereits oben erwähnten Audiokommentar von Pelle Felsch & Marcus Stiglegger, eine „Deleted Scene“, die allerdings keinen Mehrwert bringt, sowie Trailer und eine Bildgalerie. Ferner liegt der Veröffentlichung ein 32-seitiges Booklet mit Texten verschiedener Autor*innen zum Film bei.