Bericht vom 11. Filmfest Bremen – Tag 1

Der erste Tag des 11. Filmfest Bremen fing für mich beruflich bedingt etwas später an. Mein Highlight an diesem Donnerstag war es natürlich, den Film „2551.03 – The End“ im Rahmen unserer Weird-Xperience-Kooperation mit dem Filmfest moderieren zu dürfen, und die Q&A mit dem sympathischen Filmemacher Norbert Pfaffenbichler zu leiten.

Doch zuvor sah ich mir um 17:00 Uhr den Film „The Winter of the Crow“ von Kasia Adamik (Tochter von Agnieszka Holland) an, der auf einer Novelle meiner Lieblingsautorin Olga Tokarczuk beruht.

THE WINTER OF THE CROW

Die englische Psychologie-Professorin Joan Andrews wird im Winter 1981 nach Warschau eingeladen, um im dortigen Kulturpalast eine Lesung zu halten. Zu ihrem großen Ärger wird diese jedoch von protestierenden Studenten gestört. Auch sonst verläuft die Reise nicht wie vorgestellt: Statt im Hotel wird sie im Apartment ihrer polnischen Kontaktperson, der jungen Nadia, einquartiert. Als am nächsten Tag das Kriegsrecht ausgerufen wird, ist Joan von der Außenwelt abgeschnitten. Der Sprache nicht mächtig, gerät sie in einen Strudel aus Gewalt und Repression, denn Nadia und ihr Bruder gehören zum Widerstand gegen das kommunistische Regime, das eine gnadenlose Jagd auf den Untergrund macht. Bald schon wird Joan Zeugin eines politischen Mordes und gerät selbst ins Visier der Behörden.

„Winter of the Crow“ ist ein klassischer Polit- und Paranoia-Thriller vor dem historischen Hintergrund der Solidarność-Bewegung und des Kriegsrechts unter General Jaruzelski. Die Stimmung ist durchgehend trist und finster, das Bild grau und trüb. Warschau wirkt wie der siebte Kreis der Hölle – ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Die unwirklichen Computergrafiken, die die Stadt ins Jahr 1981 zurückversetzen, erzeugen die Ästhetik eines dystopischen Science-Fiction-Films und fügen sich damit kongenial in die spannende Geschichte und die hervorragende Fotografie des Kameramanns Tomasz Naumiuk ein.

Getragen wird der Film von seinen herausragenden Darstellern. Allen voran brilliert Lesley Manville, die ihre „Fish out of water“-Figur facettenreich porträtiert: zunächst arrogant und unsympathisch, später bedauernswert und hilflos, aber zugleich auch kämpferisch. Sie formt einen höchst komplexen, dreidimensionalen Charakter, mit dem man bis zur letzten Minute mitfiebert.

„Winter of the Crow“ ist ein hochspannender, atmosphärischer Thriller, der sein Publikum packt und auch nach dem Ende nicht so schnell wieder loslässt. Ich kenne die zugrundeliegende Novelle von Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk noch nicht, bin nach diesem Film aber sehr gespannt auf die literarische Vorlage.

Bedauerlich war lediglich, dass zu dieser Vorstellung noch kein Gast anwesend sein konnte, da Co-Drehbuchautorin Sandra Buchta erst für das nächste Screening zwei Tage später anreiste.

Danach dann noch eine kurze Vorbereitung auf die Moderation. Im Foyer des Cinema entdeckte ich auch Regisseur Norbert Paffenbichler, so dass ich ein zwei Sachen vorab besprechen konnte. Dann gesellte sich noch Holger dazu, der wie ich auch zur Sichtungskommission „Innovation“ gehörte, und mit dem ich die meisten Filme beim Filmfest zusammen sehen sollte. Was sehr schön war.

2551.03 – THE END

In einer nicht allzu fernen Zukunft irrt ein Mann mit Affenmaske durch eine feindselige, dystopische Unterwelt. Er trifft auf seinen lange vermissten Sohn, gerät in die Mühlen eines absolutistischen Systems und unterzieht sich einem Geschlechterwechsel.

„2551.03 – The End“ ist der dritte Teil einer Trilogie, deren Teile aufeinander aufbauen, aber auch unabhängig voneinander funktionieren. Die Stimmung wird maßgeblich von den schroffen, zweifarbigen Bildern und dem industriellen Soundtrack getragen.

Der No-Budget-Film gleicht sein fehlendes Budget durch überbordende Kreativität und Improvisationstalent aus. Dass die Kulissen aus Sperrmüll und vor Ort vorgefundenem Material gebaut wurden, kommt der dichten Atmosphäre nur zugute. Man mag kaum glauben, dass hier kein Studio im Hintergrund stand, sondern alles in langer Kleinarbeit vom Regisseur und einer kleinen Crew geschaffen wurde. Bis auf den großartigen Kameramann Martin Putz und Regisseur Norbert Paffenbichler selbst waren keine Profis am Werk – was man dem Film erstaunlicherweise nicht ansieht.

Da der Film ohne Sprache gedreht wurde, muss sich das Publikum die Handlung rein über die Bilder erschließen. Dies funktioniert meistens sehr gut, lediglich in der Transformationsszene ist die Vorstellungskraft des Zuschauers besonders gefragt. Denn manches lässt sich hier eher erfühlen als rational verstehen. Alle Darstellerinnen und Darsteller tragen Masken, was die düstere und geheimnisvolle Stimmung weiter verstärkt. Der Film bewegt sich beinahe im Territorium von „Begotten“, erreicht jedoch nie dessen drastische Konsequenz.

Wer möchte, kann viele kluge Filmzitate entdecken. Insgesamt erschafft der Film einen verstörenden Sog aus seltsamen Bildern, dem man sich kaum entziehen kann. Stilistisch erinnert er an den bereits erwähnten „Begotten“, an die Werke von Guy Maddin, „Thunderscrack!“ und vielleicht auch ein wenig an den Landsmann Carl Andersen. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass ich den Film sehr mochte. Er hätte für meinen Geschmack zwar ruhig noch etwas drastischer sein können, doch dem „normalen“ Publikum dürfte das Gesehene bereits mehr als ausgereicht haben.

Nach der schönen Q&A, die ich mit Norbert Paffenbichler halten durfte, hätte ich mich gerne noch ein wenig mit ihm unterhalten. Aber nachdem ich meine sieben Sachen zusammengerafft hatte, war er schon in die Nacht entschwunden. So tat ich es ihm dann irgendwann gleich und war verhältnismäßig früh wieder Zuhause. Am nächsten Tag ging es ja auch für meine Verhältnisse wieder früh weiter.

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