DVD-Rezension: “Das Grauen kommt nachts”

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Dr. Herbert Lyutak (Mickey Hargitay) ist ein Serienkiller, der versucht junge Mädchen zu vergewaltigen, und sie dann umbringt. Gleichzeitig arbeitet der Psychiater aber auch eng mit der Polizei zusammen, die vergeblich versucht die Morde aufzuklären. Als eines Tages ein Mord geschieht, der nicht auf Lyutaks Konto gehen, versucht er auf eigene Faust herauszufinden, wer dahinter steckt.Dabei dreht sich die Spirale von Mord und Wahnsinn immer schneller…

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„Heißes Delirium“ würde der italienische Originaltitel übersetzt heiße. Der deutsche Titel lautet etwas irreleitend „Das Grauen kommt nachts“. „Heißes Delirium“ trifft es aber besser. Denn im Delirium dürfte sich so mancher Zuschauer nach diesem Erlebnis fühlen. Es ist auch etwas schwer, eine Kritik zu Renato Polsellis Werk zu verfassen, denn dazu muss man eine gewollte Objektivität ablegen und versuchen, dem werten Leser ein Gefühl davon zu vermitteln, was der Film mit einem macht. Wer es nicht schafft, in den Rausch, den Film auslösen kann, einzutauchen, lustvoll zu delirieren und sich einfach vom überbordenden Wahnsinn mitreißen zu lassen, der wird nur kopfschüttelnd davor stehen und diejenigen, die von „Das Grauen kommt nachts“ so begeistert schwärmen, als arme Irre („Ich liebe Dich, aber ich bin ein impotenter Irrer!“) abstempeln. Er wird nur die abstruse, zum Teil hoffnungslos unlogische Handlung sehen, ohne sich an ihrer Bizarrheit („Ich bin’s. Der Kartoffel“) erfreuen zu können. Mickey Hargitays hemmungsloses Grimassieren („Ich haben einen instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters“) wird diesem Zuschauer wahrscheinlich ebenso sauer aufstoßen, wie die enervierenden „Marzia!“-Rufe am Ende des Filmes. Er wird es nicht als Ausdruck des Irrsinns, der von der Leinwand auf den sich dem Film bedingungslos öffnenden Enthusiasten ergießt, wahrnehmen können. Polselli zeigt eine andere Welt, einen anderen Film. Eine in der das Delirium regiert und die Akteure nicht mehr aus seinen Krallen entlässt.

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Der Film erschien Anfang der 80er Jahre bei einem obskuren Video-Kleinstlabel, welches wohl auch die Synchronisation in Auftrag gab. Da augenscheinlich nicht viel Geld zur Verfügung stand, muss hier der billigste Anbieter genommen worden sein. Die Synchronisation klingt zu keinem Zeitpunkt so, als wüssten die Verantwortlichen, was und wie sie das da eigentlich vertonen sollten. Die Dialogen scheinen zum Teil so wortwörtlich aus dem Italienischen übersetzt worden zu sein,  so dass sie, in die deutsche Sprache überführt, ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben und dafür nun zu holprigen Seltsamkeiten verkommen sind, die auf ihre Art und Weise dann fast schon wieder wie ein poetisches Dada-Gedicht klingen. Hinzu kommen Sprecher, die zwischen Hysterie und Apathie oszillieren und keine Zwischentöne zu kennen scheinen. Doch dieses nur scheinbare Manko potenziert den seltsam ausserweltlichen Effekt des Filmes noch. Insbesondere der Sprecher des Dr. Lyutak, der etliche Jahre älter klingt als die Figur, deklamiert seine Sätze mit dem Charme einer leiernden Schallplatte, die zu langsam abgespielt wird. Doch auf eine seltsame Art und Weise passt es. Wenn Mickey Hargitay sich wie wild durch das Gesicht fährt und dabei nicht das manische Geschrei der italienischen Originaltonspur, sondern die melancholisch-monotone Synchronstimme erklingt, hat dies einen Verfremdungseffekt, den viele avantgardistische Regisseure suchen, und der hier ganz zufällig gefunden wird.

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Polsellis Film macht vielen falsch, aber dabei alles richtig. Lange Zeit glaubte ich, dass die Handlung keinen Sinn machen und nur Vorwand für möglichst viel nackte Haut und grimassierende Schauspieler liefern würde. Nun, beim vierten oder fünften Mal, dass ich diesen Film sehe, habe ich plötzlich den roten Faden entdeckt und festgestellt, dass mein erster Gedanke falsch war. Tatsächlich gibt es eine nachvollziehbare und – in den Grenzen des Genres – sogar logische Handlung. Nur ist diese unter meterdickem Irrsinn verborgen (und auch die „ungewöhnliche“ Synchronisation führt einen hier und dort auf die falsche Spur). Polselli packt einfach viel zu viel Fleisch auf sein Handlungsgerüst, so das dieses also solches kaum noch wahrnehmbar ist. Seien es Mickey Hargitays enthusiastische Darbietung, die knalligen Farben und freizügigen Traumsequenzen oder der lustige Kartoffel, aufdreht wie eine Louis-de-Funes-Imitation der B-Klasse. Dann sind da die Morde und die sich wie im Fieberwahn drehende, völlig unberechenbare Kamera. Und selbstverständlich diese unglaublichen Figuren, die immer agieren, als würden sie sich in einer nur ihnen bekannten, für alle anderen nicht sichtbaren, Realität bewegen.

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Und dann gibt es auch noch Rita Calderoni. Wahrscheinlich ist sie im traditionellen Sinn eine schlechte Schauspielerin, aber bei Gott, sie ist eine begnadete Darstellerin. Sie umweht eine spezielle Aura, die man nicht in Wort fassen kann. Würde man es tun, hörte es sich wahrscheinlich platt und hilflos an. Sie ist nicht göttlich schön wie Edwige Fenech, nicht von dieser unbedingten Präsenz wie Barbara Steele. Aber sie umweht eine ihr ganz eigene, kummervolle Erotik. Sie ist die Frau mit der man schlafen will, obwohl man weiß, dass es ein Fehler ist, weil sie voller Probleme und trauriger Geschichten steckt. Diesen Effekt wusste Polselli nicht nur hier zu nutzen, er verströmt auch in seinen anderen Werken, in welchen er Rita Calderoni immer wieder einsetzte. Und auch bei anderen Regisseuren brachte sie diese spezielle Qualität mit. Wenn sie in „Nuda per Satana“ von Luigi Batzella, in einem Spinnenetz hängt und von einer schlecht getricksten Plüschspinne angegriffen wird, behält sie trotzdem noch diese melancholisch-würdevolle Haltung.

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Meine erste Erfahrung mit „Das Grauen kommt nachts“ machte ich irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Mangels allgegenwärtiger Verfügbarkeit obskurer Filme, verabredete man sich im damals noch jungen Internet in Newsgroups (Foren in der heutigen Form gab es noch nicht) oder in Mailinglisten, um untereinander Videotapes zu tauschen. Eines Tages fiel mir auf diese Weise auch „Das Grauen kommt nachts“ in die Hände. Es war eine Kopie der wasweißichwievielten Generation. Die Bildqualität war dementsprechend und bei einer Szene rätselte ich lange, ob ich sie nur nicht verstand, weil das Bild so schlecht war, und ich nicht wirklich sehen konnte, was vor sich ging, oder weil sie einfach keinen Sinn machte. Auf jeden Fall faszinierte mich dieser seltsame Film augenblicklich. Bald schon fand ich heraus, dass es unterschiedliche Versionen des Filmes gab und tatsächlich stolperte ich schon bald ein anderes Tape, auf dem sich eine Fassung befand, die sich in einigen Szenen deutlich von der mir bekannten unterschied. Z.B. durch den Anfang, der plötzlich in Vietnam spielte. Leider hatte auch diese Version eine lausige Bildqualität und die oben gestellte Frage nach dieser bestimmten Szene stellte sich mir noch immer. Jahre später ließ mir ein guter Mann eine Kopie der US-DVD zukommen und erstmals erstrahlte der Film in seinem ganzen Glanz (auch wenn man auf die surreale deutsche Tonspur verzichten musste). Auch das Rätsel wurde gelüftet. Es lag einerseits am schlechten Bild, andererseits schaut in dieser Szene jemand durch eine löchrige Wand und kann auch nichts erkennen. Als nun filmArt eine deutsche DVD ankündigte, war dies nicht nur für mich ein Grund für uneingeschränkte Euphorie, die sich bei der Aussicht auf gleich vier verschiedene Schnittfassungen zur Ekstase wandelte.

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„Das Grauen kommt nachts“ ist kein Film für jedermann. Die einen werden ihn als langweiligen und unglaublich schlecht gemachten Müll abtun. Andere werden sich über den Film und seine offensichtlichen Unzulänglichkeiten schief lachen, um ihn anschließend als „Trash“ abzufeiern. Und dann gibt es noch die, denen sich seine somnambule Seltsamkeit ins Herz schleicht. Für diese stellt diese perfekte Edition ein wahres Schatzkästchen dar.

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Als Freund des Filmes „Das Grauen kommt nachts“, muss man filmArt für diese Doppel-DVD zu tiefem Dank verpflichtet sein. Diese kommt nämlich gleich mit vier (!) unterschiedlichen Fassungen daher. Wer sich in der Vergangenheit mit „Das Grauen kommt nachts“ beschäftigt hat, weiß sicherlich, dass der Film immer wieder in anderer Form aufgetaucht ist, was seinen Mythos nur noch verstärkt hat. Die erste Scheibe enthält die Hauptfassung, also quasi den „Director’s Cut“. Es ist der Film, wie er damals in Italien veröffentlicht wurde, d.h. ohne Vietnam-Bezüge. Diese Fassung läuft 97:34 Minuten und besitzt ein wunderbar klares und farbintensives Bild. So gut hat man den Film – zumindest in Deutschland – bisher nicht zu Gesicht bekommen. Ferner wird diese Scheibe noch um die sogenannte „Sex-Fassung“ (93:41 Minuten) ergänzt. Um Gerüchten, die im Internet herumschwirren, gleich den gar aus zu machen: Dies ist keine Hardcore-Variante. Es werden alternative Szene aus einer sehr schlechten Quelle (scheinbar von einem bereits häufig kopierten VHS-Tape) hineingeschnitten. Der auffälligste Unterschied ist der Mord Miss Heindrich, der hier gänzlich anders und sehr viel offenherziger vollzogen wird. Auf der zweiten Scheibe befindet sich die deutsche Langfassung. Dies ist im Grunde die italienische Fassung mit dem Vietnam-Vorspann und einem anderen Ende (99:23Minuten). Die deutsche Kurzfassung (79:01 Minuten) besitzt auch den Vietnam-Vorspann, ist aber massiv gekürzt. Als quasi fünfte Version findet man auch der Scheibe noch die Szenen, die nur in der US-Fassung vorkommen. Diese laufen zusammen knapp eine halbe Stunde und haben es in sich. So gibt es nur hier zwei zusätzliche Morde, die in keiner anderen Fassung vorkommen. Eine dieser Szenen ist komplett neu, in der anderen nimmt eine bereits bekannte Sequenz einen gänzlich anderen, mörderischen Ausgang. Ferner gibt es es noch weitere zum Teil drastische Abweichungen von der italienischen Fassung und auch das Ende ist neu. Die Szenen liegen in exzellenter Qualität vor, daher finde ich es sehr schade, dass die US-Fassung nicht komplett auf der Scheibe ist. Ich hätte dies besser gefunden als die zusammengestückelte Sex-Fassung – aber Sex verkauft sich eben besser. Neben diesen vielen Fassungen hat es auch das Special „The Theorem of Delirium“ von der US-DVD auf diese Veröffentlichung geschafft. Hier gibt es knappe 15 Minuten lang Interviews mit Renato Polselli und Mickey Hargitay. Ein weiteres Highlight ist der hervorragende Audiokommentar von Christian Keßler und Pele Felsch, der die italienische Fassung begleitet. Besonders schön: Christians überschäumende Begeisterung, als er das erste Mal das Ende dieser Version sieht. Desweiteren gibt es als PDF noch einen Fotoroman des Filmes. Wie immer ist auch wieder ein ausführliches Booklet dabei. Geschrieben von Heiko Hartmann, der am Ende Christian Keßler und Ivo Ritzer dankt, deren sehr speziellen und unterschiedlichen Schreibstile er in seinem Booklet zusammenführen möchte. Ob ihm dies gelungen ist, mag jeder selber entscheiden. Mir hat dieser Schreibstil überhaupt nicht zugesagt, auch wenn eine Menge Informationen zum Film untergebracht wurden.

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