DVD-Rezension: “Hetzjagd ohne Gnade“

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Nachdem der Falschspieler Luc Altieri (Luc Merenda) in einem illegalen Spielcasino abgeräumt hat, nutzt er diesen Coup als Bewerbungsschreiben bei dem Besitzer der Spielcasinos, dem „Präsidenten“ (Enrico Maria Salerno). Luca wird schnell zum Star innerhalb der Organisation des „Präsidenten“, doch das Blatt wendet sich, als er eines Tages die schöne Maria Luisa (Dayle Haddon) erblickt. Trotz der Warnung, diese wäre die Geliebte des jähzornigen Corrado (Corrado Pani), dem Sohn des „Präsidenten“, verführt Luca Maria Lusia und die beiden werden ein Paar. Das will Corrado, der Maria Lusia als sein persönliches Eigentum ansieht, allerdings nicht hinnehmen, und er beginnt Luca mit unerbittlichem Hass zu verfolgen.

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Sergio Martino ist zwar in erster Linie berühmt für seine brillanten Gialli, die er von 1970 bis 1973 auf die Leinwand brachte, war aber in seiner Karriere in fast jedem populären Genre Zuhause. Sei es der Italo-Western, die Sex-Komödie, der Endzeitfilm oder sogar der Kannibalen-Film. Bis auf Zombies waren alle dabei. Natürlich auch der Poliziesco, wo er es auf immerhin vier Filme brachte. War es in seinen Gialli vor allem George Hilton, den er immer wieder einsetzte, so verließ er sich in seinen Polizieschi auf den Franzosen Luc Merenda. Nach „Die Killermafia“ kommt nun dank filmArt ihre zweite Zusammenarbeit in Deutschland auf Silberscheibe heraus.

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Genaugenommen ist „Hetzjagd ohne Gnade“ auch gar kein Poliziesco, denn die Polizei tritt hier nur einmal kurz in Gestalt eines korrupten Kommissars auf. Ansonsten spielen die Gesetzeshüter keine Rolle in der Welt der illegalen Spielhallen. Vielmehr mischt Martino bekannte Spieler-Dramen, wie vor allem „Haie der Großstadt“ oder „Cincinnati Kid“ mit Gangster- und auch Westernelementen. So könnte der, von Corrado Pani großartig als neurotischer Schwächling gespielte, Sohn des „Präsidenten“ auch aus einem Italo-Western stammen, wo es auch oft um mächtige Vaterfiguren und ihre unfähigen, aber nichtsdestotrotz brutalen Söhne geht. Mit Pani und dem leider oftmals vergessenen Enrico Maria Salerno als „Präsident“ hat Martino zwei ausgezeichnete Schauspieler an der Hand, die diesen Konflikt mit genügend sprühenden Funken spielen und denen man ihre Figuren jederzeit abnimmt. Da macht es dann auch nicht viel aus, dass Salerno etwas zu stark auf „alt“ geschminkt wurde. Sein Gangster vom alten Schlag, der eigentlich lieber jemanden wie Luca als sein Nachfolger wünschen würde, dominiert in seine Szene und füllt sie mit großer, der Rolle entsprechenden, Präsenz aus. Pani hat seine größte Szene, wenn er einem Leibwächter befielt, seine Geliebte zu vergewaltigen. Wie er sich schwitzend in seinen Sessel flegelt, seiner eigenen Impotenz nur allzu bewusst, zugleich angeekelt und fasziniert von dem Schauspiel, welches er dort inszeniert, dann ist das ganz großes Kino.

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Der scheinbare Held der Geschichte ist einmal mehr Luc Mereda, der zunächst als schier unbezwingbarer, über den Dingen stehender Strahlemann eingeführt wird. Sein Luca ist vollkommen von sich, seiner Fingerfertigkeit und Unbesiegbarkeit überzeugt. Jeder seiner Auftritte absolviert er mit einem breiten Grinsen, und selbst wenn er – wie einst Paul Newman in „Haie der Großstadt“ – seine Hände zertrümmert bekommt, ist er noch immer so cool und überlegen, dass er eine Pokerpartie, auch ohne einen Finger zu krümmen, gewinnen kann. Doch in der zweiten Hälfte des Filmes demontiert Martino seinen Sunnyboy immer mehr und mehr. Luca wird uns als Getriebener offenbart, welcher süchtig nach dem Kick ist, welchen ihm das Spiel bringt. Und der nicht sehen kann, wie er durch seine Sucht und sein Ego unaufhaltsam auf einen Abgrund zu rast. Das, was er am meiste liebt, mitreißend. Da der Zuschauer der Hauptfigur gegenüber einen Wissensvorsprung besitzt und auch Martinos Inszenierung kaum einen Zweifel daran lässt, dass das alles wahrscheinlich nicht gut ausgeht, ist es beinahe schmerzhaft zu sehen, wie Luca ein möglicherweise glückliches Leben für nichts wegwirft.

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Das Objekt der Begierde für Luca und seinen Gegenspieler Corrado, Maria Luisa, wird von dem kanadischen Top-Modell Dayle Haddon, einer überirdisch schönen Frau, gespielt. Diese hat auch– für das männliche Publikum dankenswerterweise – keine Scheu, sich ausgesprochen freizügig zu präsentieren. Zwar wurde ihr das schauspielerische Talent nicht unbedingt in die Wiege gelegt, aber trotzdem macht sie ihre Sache gut und besitzt eine so große, erotische Ausstrahlung, dass sie nicht negativ auffällt. Man jedenfalls verstehen, warum Luca sein gutes Leben beim „Präsidenten“ für sie aufs Spiel setzt.

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Actionszenen sind hier nur spärlich gesät. Die große „Hetzjagd“ spart sich Martino für das Finale seines Filmes auf. Zwar bringt er diese dann auch mit solidem Handwerk über die Bühne, aber von der Rasanz oder Dramatik, mit der sie wahrscheinlich ein Umberto Lenzi inszeniert hätte, bleibt Martino dann doch deutlich entfernt. Vielmehr punktet er mit dem, was auch seine Gialli zu dieser Zeit auszeichneten. Eine überaus elegante Inszenierung und originelle visuelle Einfälle, die er vor allem in den Pokerszenen einbringt. In wie weit hier Martino oder sein Kameramann Giancarlo Ferrando verantwortlich waren, bleibt Spekulation. Immerhin arbeiteten die Beiden seit 1972 bei fast allen Filmen zusammen. Auch Drehbuchautor Ernesto Gastaldi ist wahrlich kein Unbekannter, sondern hat fast im Alleingang alle großen Gialli geschrieben und war auch für zahlreiche Italo-Western-Klassiker und auch bedeutende Polizieschi verantwortlich. Mit Sergio Martino arbeitete er in den 80ern auch bei dessen beiden Endzeit-Filmen zusammen.

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„Hetzjagd ohne Gnade“ ist ein in der Welt der Gangster stattfindendes Spielerdrama, welches weniger Wert auf handfeste Action legt, sondern sich vielmehr auf den Konflikt zwischen dem leidenschaftlichen Falschspieler Luca und dem von Corrado Pani brillant gespielten, schwächlichen Sohn des „Präsidenten“ konzentriert. Diese von Obsessionen und Eitelkeiten geprägte Geschichte kleidet Martino in elegante Bilder und garniert sie mit hübschen optischen Einfälle, wie man sie auch aus seinen legendären Gialli kennt.

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Optisch ist filmArt hier eine sehr empfehlenswerte DVD gelungen. Das Bild ist klar und die Farben kräftig. Was auch ganz im Sinne der ursprünglichen Bildgestaltung liegen dürfte, die viel mit Farben spielt. Hier und da gibt es einmal kurze, dem Filmmaterial geschuldete Defekte, aber das ist zu verschmerzen. Der Ton liegt in Deutsch einmal ungefiltert und einmal gefiltert vor. Dass ich da keinen riesigen Unterschied gehört aber, mag an meinen geschundenen Ohren liegen. Ferner ist noch der italienische Ton mit deutschen Untertiteln dabei. Auf Bonus muss man, abgesehen vom italienischen Trailer, allerdings verzichten. Dafür liegt ein von Heiko Hartmann geschriebenes 16-seitiges Booklet bei, welches man schon als kleines Heftchen bezeichnen muss und das randvoll mit Informationen zum Film und seinen Beteiligten gepackt wurde. Leider leidet es – wie schon das von ihm verfasste Booklet zu „Die letzte Rechnung schreibt der Tod“ – unter einer etwas angestrengten Flapsigkeit.

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