DVD-Rezension: “Der Schwanz des Skorpions“

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Nachdem ihr Ehemann Kurt Baumer bei einer mysteriösen Flugzeugexplosion ums Leben gekommen ist, kassiert die junge und attraktive Witwe Lisa Baumer (Ida Galli) eine Million Dollar aus seiner Lebensversicherung. Als ihr drogenabhängiger Ex-Liebhaber ermordet wird, flüchtet sie nach Athen, wo sie sich das Geld auszahlen lassen will. Gefolgt wird sie von dem Versicherungsagenten Paul Lynch (George Hilton), der herausfinden soll, ob bei dem Tod Baumers alles mit rechten Dingen zuging. Lynch heftet sich auf Lisas Fersen und kommt gerade rechtzeitig, als Lisa von einem geheimnisvollen Pärchen bedroht wird, die sie beschuldigen, ihren Ehemann umgebracht zu haben. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord…

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Sergio Martino legte zwischen 1971 und 1973 eine beeindruckende Serie von fünf Gialli hin, die alle zu dem Besten zählen, was das Genre hervorgebracht hat. „Der Schwanz des Skorpions“ war der zweite Film dieser Reihe und von daher ungewöhnlich, als dass Edwige Fenech nicht mit von der Partie war und sich das Ganze stark an die Edgar-Wallace-Filme mit ihren tödlichen Erbschaften anlehnt. So hat der Killer nichts von den sexuell aggressiven Gestalten, die noch in „Der Killer von Wien“ oder später in „Torso“ das Messer schwangen. Dieser hier wirkt wie das was er ist: Ein Killer und kein vom Wahnsinn durchdrungener Mörder.  Auch gibt es keine große Intrige, um jemanden in den Wahnsinn zu reißen. Etwas despektierlich könnte man „Der Schwanz des Skorpions“ daher als „konventionell“ bezeichnen, auch wenn das dem Werk nicht gerecht würde.

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Obwohl das Drehbuch von Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi im Grunde eine recht simple Geschichte erzählt, wählt Martino doch für seinen Film sehr verschlungene Pfade, die von vielen Nebenfiguren bevölkert werden. Allen vorweg das seltsame Pärchen Janine Reynaud und Luis Barboo. Die Reynaud kennt man aus einigen Franco-Filme der späten 60er, vor allem „Necronomicon – Geträumte Sünden,“ und das Wiedersehen hier macht große Freude, auch wenn sie ein wenig zu sehr in ihrer Rolle aufgeht. Luis Barboo agiert demgegenüber etwas zurückhaltender und darf sein Narbengesicht mysteriös im Hintergrund halten. Dann gibt es da noch einen freundlichen, aber undurchsichtigen Scotland Yard-Inspektor (gespielt von Alberto de Mendoza); eine immer wieder auftauchende Stewardess und ihr geheimnisvoller Gast, sowie natürlich den immer wieder gern gesehenen Luigi Pistilli als griechischer Ermittler. Genug Personal also, um den Zuschauer bei der Tätersuche aufs Glatteis zu führen, und andererseits, ausreichend Beute für den Killer bereit zu halten.

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Für einen gelungenen Giallo ist auch immer die Musik wichtig und hier kann „Der Schwanz des Skorpions“ ganz aus dem Vollen schöpfen. Diese stammt von Ennio Morricones langjährigen Mitarbeiter Bruno Nicolai, der sich spätestens Ende der 60er vom großen Maestro emanzipierte (tatsächlich wird gemunkelt, dass Nicolai für einige Morricone-Soundtracks federführend verantwortlich sei) und für zahlreiche Filme wundervolle Melodien komponierte. Was auch den beiden belgischen Filmemachern Hélène Cattet und Bruno Forzani aufgefallen ist, die die Nicolais Musik aus „Der Schwanz des Skorpions“ für ihren Neo-Meta-Giallo „Amer“ wiederverwendeten.

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Die Hauptrolle des Versicherungsagenten Peter Lynch übernahm der ehemalige Italo-Western-Star George Hilton, der noch häufiger in Martinos Filmen auftauchen sollte. Immer in einer ähnlichen Rolle: Dem gutaussehenden Sonnyboy und Womanizer, der aber irgendetwas Dunkles und Bedrohliches ausstrahlt. Statt mit der Fenech, spielt er hier mit der blonden Schwedin Anita Strindberg zusammen, deren wunderschönes, ebenmäßiges Gesicht nicht so ganz zu ihrem leicht ausgemergelt wirkenden Körper passt. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Die Strindberg tauchte Anfang der 70er plötzlich in zahlreichen italienischen Genrefilmen auf, bevor sie einen amerikanischen Millionär ehelichte und sich nach nur wenigen Jahren im Rampenlicht, aus dem Filmgeschäft zurückzog. Die erste falsche Fährte legt Martino mit der hübschen, und von mir immer wieder gern gesehenen, Ida Galli (alias „Evelyn Stewart), die er zunächst als Protagonistin einführt. Leider bleibt die Galli ungewohnt blass, und dass sie nicht als Hauptdarstellerin in den Titeln aufgeführt wird, gibt schon einen dezenten Hinweis darauf, wie die falsche Fährte aussehen mag.

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Ungewöhnlich bei „Der Schwanz des Skorpions“ ist der unbedingte Wille zur kreativen Bildgestaltung, die sonst bei Martino in einem solchen Extrem nicht zu finden ist. Zwar setzt Martino gerne mal punktuell surreale Szenen in seinen Gialli ein, in der in der Regel geht er aber eher sachlich, aber effektiv zu Werke. Hier tobt er sich bei den Mordszenen regelrecht aus. Jeder Mord wird wie ein eigener kleiner Film inszeniert und unterschiedet sich vom Stil her deutlich von den anderen. Besonders gelungen ist ein in Zeitlupe gefilmtes Kabinettstückchen. Ein andermal wird mit einer farbintensiven Ausleuchtung Bava gehuldigt und die Farbexzesse eines Argento vorweggenommen. Ungewöhnlich auch die grafische Brutalität, die ihrer Zeit vorweg greift. Doch nicht nur in den Mordsequenzen lässt Martino seinen Spielereien freien Lauf. So wird in einer normalen Verhörszene auch mal die Kamera für mehrere Minuten um 90 Grad gekippt.

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„Der Schwanz des Skorpions“ ist nicht der Beste der fünf legendären Gialli, die Sergio Martino zwischen 1971 und 1973 drehte. Dafür ist seine Geschichte zu hanebüchen und die Auflösung eher lächerlich. Trotzdem kann er dem neugierigen Giallo-Einsteiger durchaus ans Herz gelegt werden, denn er besitzt alle Elemente, die einen Giallo auszeichnet: Einen wunderbaren Soundtrack, schöne Menschen, blutige Morde und einen enormen Einfallsreichtum bei der optischen Gestaltung. Und für Liebhaber des Genres ist der Film, trotz seiner kleinen Schwächen, definitiv ein Muss.

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Der Film ist als zweiter Teil der filmArt Giallo-Collection herausgekommen. Das Bild ist leicht über dem Durchschnitt und im korrekten Format von anamorphen 1:2,35. Hier gibt es nichts zu Meckern. Für den Ton konnte neben der italienischen Originalfassung und der Videosynchronisation auch die alte Kinosynchro ausgegraben werden. Diese finde ich selber der Video-Synchro gegenüber überlegen, da die Stimmen hier voller und lebendiger wirken. Interessanterweise tritt in beiden Fassungen Edgar Ott auf. Nur synchronisiert er in der Kinofassung Alberto de Mendoza und in der Videofassung Lugi Pistili, Was lustig ist, weil die Beiden fast all ihre Szenen zusammen haben. Der deutsche Vor- und Abspann und den Trailer ist noch als Extra dabei, aber das Herzstück ist ein halbstündiges, sehr interessantes Interview mit Sergio Martino über seine Karriere. Ein gut geschriebenes Booklet von Rochus Wolff über den Giallo, rundet dieses schöne Paket ab.

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2 Antworten zu DVD-Rezension: “Der Schwanz des Skorpions“

  1. david sagt:

    Schöne Besprechung zu einem sehr sehr schönen Film. Ich fand diesen absoluten inszenatorischen Overkill sehr reizend und ehrlich gesagt hat mir DER SCHWANZ DES SKORPIONS deshalb auch wesentlich besser gefallen als DER KILLER VON WIEN (auch ohne Edwige Fenech). Die „normale Verhörszene“ ist eben durch den 90-Grad-Winkel nicht mehr „normal“, sondern „twisted“. Mir hat auch der skurrile Kommissar gefallen, der ständig an seinem Puzzle spielt…
    Die DVD ist der Hammer! Beim Menü läuft auf jedem Menü-Unterpunkt (also „Hauptmenü“, „Kapitel“, „Setup“ und „Extras“) ein komplettes Stück vom wunderbaren Soundtrack als Begleitmusik durch. Ein wunderbarer „versteckter“ Bonus! (Aber Achtung: Hat aber großes Suchtpotential! Man will nach dem Film die DVD gar nicht mehr aus dem Player raus nehmen.)

  2. Marco Koch sagt:

    Hi David! Erst einmal vielen herzlichen Dank für das Kompliment. Das mit den Musikstücken war mir gar nicht aufgefallen. Umso schöner das jetzt zu wissen, denn Nicolais Musik ist einfach göttlich. Ich bin ein sehr großer Freund von „Der Killer von Wien“, aber alle fünf Martino Gialli gehören für mich zum Besten, was in diesem Genre hervorgebracht wurde. In meinem Ranking stände dann „Der Killer von Wien“ (den ich dieses Jahr auch als 35mm-Kopie auf großer Leinwand sehen durfte – ein Highlight) ganz oben und „Der Schwanz des Skorpions“ eher unten. Aber es ist für mich auch absout nachvollziehbar, wenn jemand das genau andersherum sieht. Die liegen schon so eng beieinander, dass da dann eher der persönliche Geschmack ausschlaggebend für die Reihenfolge ist. Toll und empfehlenswert sind sie alle.

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