DVD-Rezension: “The Raid“

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Vom 15. Stock eines heruntergekommenen Hochhauses aus, kontrolliert der skrupellose Gangsterboss Tama seine Geschäfte. Alle Versuche gegnerischer Gangs bis zum 15. Stock vorzudringen, sind bisher kläglich gescheitert. Jede Etage wird durch Kameras überwachten und in den Appartements wohnen Tamas Gefolgsleute. Trotzdem versucht eine 20-köpfige Eliteeinheit der Polizei in das Gebäude einzudringen, um Tama zu verhaften. Bis zum 6. Stock können sie zwar unbemerkt gelangen, doch dann wird der Alarm ausgelöst…

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Was passiert, wenn ein Junge aus Wales in Indonesien einen Dokumentarfilm über die örtlichen Martial-Arts-Stile drehen soll? Nun, im Falle von Gareth Evans hatte dies zur Folge, dass er gleich dablieb und in die lokale Filmindustrie einstieg. Dort begann er, Actionfilme zu drehen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Okay, dieser Superlativ mag etwas übertrieben sein. Tatsache ist aber, dass „The Raid“ – sein dritter Spielfilm nach dem britischen Thriller-Drama „Footsteps“ und dem indonesischen „Merantau – Meister des Silat“, welcher bereits zeigte, wo Bartel den Most holt – ein Musterbeispiel für eine gradlinige, hyperbrutale und kompromisslose Actioninszenierung ist. Mit so etwas Trivialem wie einer Handlung, hält sich Evans nicht groß auf. In den ersten 15 Minuten wird erzählt, was man rudimentär wissen muss (Gangsterboss lebt im 15 .Stock einer schier uneinnehmbaren Festung und dazwischen gibt es unzählige Gegner), und dann geht es schon los. Eine Charakterisierung fällt aus, von den 20 Elite-Cops sind 15 eh nur Kanonenfutter. Der Rest entspricht den Klischees. Allein dem Hauptdarsteller wird eine kurze Hintergrundszene mit seiner schwangeren Frau gegönnt. Wobei diese auch nur dazu dient, dem Zuschauer gleich klarzumachen, wer der Held der Geschichte ist. Nach einer Stunde schwerstem Geballer, Gesterbe, Geschlitze, Getrete und Geprügel wird noch einmal der Versuch unternommen, etwas mehr Fleisch an das schlanke Handlungsgerüst zu hängen. Man wird aber den Verdacht nicht los, dies geschieht vor allem, um dem Zuschauer eine kurze Pause zu können. Dem dürften, nach all dem Dauerfeuer, nämlich schon ordentlich die Sinne schwirren.

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„The Raid“ macht keine Kompromisse. Alles wird der Bewegung und der Action untergeordnet. Ja, „The Raid“ ist äußerst brutal. Nicht einmal Kinder werden verschont. Allerdings besitzt die Gewalt keine Schönheit, wie bei den eleganten Kampfepen aus Hongkong. Die Shoot-Outs sind nicht ästhetisiert wie bei John Woo und seinen Epigonen. Die Aktionen sind rau und dienen ausschließlich dazu, den Gegner so schnell wie möglich auszuschalten, bevor er einen selber tötet. Schön ist das nicht, aber von einer archaischen Wucht, die Angst macht. Fairness existiert nicht in dieser von Gareth Evans entworfenen Welt. Es heißt töten oder getötet werden. Die Gegner der Polizisten werden wie in einem Horrorfilm inszeniert. Überhaupt erinnert „The Raid“ stark an einen Zombiefilm wie „Dawn of the Dead“ oder „[rec]„. Egal, wohin sich die Polizisten wenden, hinter jeder Tür kann sich eine tödliche Horde verbergen. Und selbst wenn es gelingt, die erste Reihe der Gegner auszuschalten, so macht vor allem die schiere Masse der anrückenden Gegner die Situation für die Cops aussichtslos. Und wie im Zombie-Film ist alles erlaubt, um die Gegner zu vernichten. In einer Szene pflügt sich unser Held wie ein Mähdrescher durch die Reihen der Angreifer, die anonym bleiben und nur als Masse eine Gesicht haben. Gareth Evans inszeniert seine Bösen als ein über die Protagonisten hereinbrechendes Grauen, so wie es John Carpenter schon in „Das Ende“ tat.

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Die Action- und Kampfszenen erinnern an die gnadenlose Brutalität des thailändischen „Ong Bag“, wobei hier aber die Artistik fehlt. Es wird gekloppt und geschlitzt, was das Zeug hält. Das muss nicht schön anzusehen, sondern effektiv sein. Mehr als einmal klappt einem dabei die Kinnlade runter und man fragt sich, wie dieser oder jener Stunt wohl ausgeführt wurde, ohne dass dabei jemand zu Tode kam. Ab und zu sind Hilfsmittel wie Drähte oder kleine Computertricks offensichtlich, doch in der Mehrheit wird hier ohne Tricks und doppelten Boden operiert. So vergehen die 96 Minuten wie im Fluge und lassen einem kaum die Zeit, einmal tief durchzuatmen.

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Von der Handlung darf man nicht viel erwarten. Sie ist auf ein Minimum zurückgefahren und zudem aus dem Baukasten. Die „überraschenden“ Wendungen kann man schon nach wenigen Minuten vorhersagen. Interessant auch, dass die Guten alle gut aussehend und die Bösen alle hässlich sind. So verwundert es auch nicht, dass der einzige gut aussehende Böse zwischendurch die Seiten wechselt. Will man den Film genießen, muss man über diese offenkundigen Mängel in der Erzählweise hinwegsehen.

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Hauptdarsteller Iko Uwais besitzt genug Ausstrahlung und vor allem Athletik, dass er noch eine ähnliche Zukunft vor sich haben kann, wie z.B. der Thailänder Tony Jaa. Auch, wenn er nicht dessen schier unglaublichen physischen Möglichkeiten besitzt. In Erinnerungen bleiben aber vor allem zwei andere Dinge. Einmal Yayan Ruhian als bösartiger Handlanger des Gangsterbosses, dem es eine sadistische Freude bereitet, seine Gegner langsam mit den eigenen Händen zu töten. Yayan Ruhian war zuvor Trainer des indonesischen Geheimdienstes und der indonesischen Militärpolizei, was man auch deutlich merkt. Gemeinsam mit Iko Uwais übernahm er auch die Kampfchoreographie des Films. Zum andere gelingt es Gareth Evans perfekt, auch das Hochhaus zu einem der Hauptdarsteller seines Films zu machen. Die engen Gänge, die abgerissenen Zimmer, die Wände und Decken, durch die jederzeit ein Gegner brechen kann, erzeugen ein Gefühl der permanenten Bedrohung, welches sich nicht so leicht abschütteln lässt.

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„The Raid“ ist ein ultrabrutaler Actionfilm, der einen mehr als einmal große Augen machen lässt, und zeigt, was mit dem menschlichen Körper alles angestellt werden kann. Dabei wird eine Handlung oder Charakterisierung der Figuren hinten angestellt und ganz der enormen Vorwärtsbewegung des Filmes untergeordnet. Wenn dann als Verschnaufpause doch einmal eine Geschichte erzählt werden soll, erstickt diese in Klischees und altbekannten Standards. Doch aufgrund der brachialen Wucht der Action, kann man durchaus gewillt sein, gnädig darüber hinwegzusehen.

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Das Bild der Koch Media-DVD ist mittlerer Standard, was allerdings dem Ausgangsmaterial und der künstlerischen Entscheidung des Regisseurs geschuldet sein dürfte. Der Film erscheint dadurch noch rauer und unmittelbarer. An Extras wurde bei der, mir zur Rezension vorliegenden,  normalen Ausgabe ziemlich gespart. Gerne hätte man einige Hintergründe über die unglaubliche Stuntarbeit erfahren. Stattdessen gibt es nur einen Audiokommentar des Regisseurs und eine 3-minütige „Claycat“-Episode, in der „The Raid“ mit Knetgummi-Katzen nachgespielt wird. Die 2-DVD-Special Edition bietet da einiges mehr.

DVD und BluRay sind als Single Disc und 2-Disc-Special-Edition ab 25. Januar im Handel erhältlich.

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