Filmtagebuch: “Filmforum Bremen” unterwegs – Filmfestival Warschau Teil 2

Und weiter geht’s mit meinem kleinen Bericht über das 26. Internationale Filmfestival in Warschau.

"Kinoteka" im Kulturpalast am Abend

"Kinoteka" im Kulturpalast am Abend

Mein fünfter Tag begann gleich am frühen Vormittag mit dem argentinischen Animationsfilm „Boogie, the Oily„, der auf einer in seiner Heimat sehr erfolgreichen Comicserie von Roberto Fontanarrosa beruht. Hierin geht es um den Auftragskiller Boogie, der den Zeiten nachtrauert, als er noch in echten Kriegen Menschen abschlachten durfte, der sich in seinem Träumen auch schon mal über grüne Wiesen tänzelnd sieht, mit MG im Anschlag und flüchtende Vietnamesen niedermähend. Boogie tötet alles, was ihm in die Quere kommt: Auch Omas und kleine Hunde. Eines Tages kommt ein neuer Killer in die Stadt und Boogie zeigt ihm erst einmal, wo die Panzerfaust hängt. Mehr Inhalt muss man eigentlich nicht wiedergeben, denn die ist nur Vorwand für eine unglaubliche Ansammlung von Brutalitäten, Menschenverachtung, Sexismus, Rassismus und eiskaltem Zynismus. Die Schraube hierbei so weit überdreht, dass der Film wirklich lustig ist. Zwar fällt es einem schwer sich irgendwie mit der Hauptperson, dem gefühllosen und egozentrischen Killer „Boogie“, zu identifizieren und bei den ersten Geschmacklosigkeiten bleibt einem noch das Lachen im Halse stecken, aber dann gewöhnt man sich sowohl an den bösen und politisch extrem unkorrekten Humor, wie auch an die leicht groteske Animation. Was man „Boogie“ vorwerfen kann ist, dass er eigentlich nur ein großer, fieser Witz ist. Und diesen dann 90 Minuten dauern zu lassen, kann auch mal anstrengend werden und hier und da wiederholt sich vieles einfach nur. Andererseits zaubert der Film dann immer wieder einige Szenen aus dem Hut, die wirklich gelungen sind und einem mit staunendem Lachen zurücklassen. Das große, blutige Finale ist dann vielleicht etwas zu sehr over-the-top geraten, aber insgesamt weiß der Film absolut zu unterhalten.

Danach musste ich ein wenig zittern, um eine Karte für die folgende Vorstellung zu bekommen.

Trotz der frühen Zeit (Donnerstag um 13:30 Uhr) war nämlich der schwedische Film „Sound of Noise“ schon ausverkauft – wie übrigens alle anderen Vorstellungen dieses Filmes auch. Meine einzige Chance noch an eine Karte zu kommen bestand also darin mich an der Akkreditierten-Kasse anzustellen und zu hoffen, dass einige Akkreditierte von dem Presse-Kontingent keinen Gebrauch gemacht haben. Da man sich nicht auf eine Liste u.ä. eintragen konnte, blieb mir tatsächlich nichts weiter übrig, als mir 35 Minuten vor der Kasse die Beine in den Bauch zu stehen und zu beobachten, die die Schlange hinter mir immer länger wurde. Aber es gab ein Happy End und ich konnte tatsächlich noch eines der begehrten Tickets ergattern.

Das Foyer der "Kinoteka"

Von „Sound of Noise“ war ich etwas enttäuscht, was aber sicherlich auch an meinen sehr hohen Erwartungen lag. Denn die Geschichte ist einfach bestechend. Ein Kommissar, der aus einer fanatischen Musikerfamilie stammt und daher seit seiner schweren Kindheit „musik-phob“ ist, wird mit Musik-Terroristen konfrontiert, die Stockholm mit „Musik-Attentaten“ überziehen. Das sorgt für Stimmung, tolle Musik und viele schöne Gags. Aber es gibt ein Handlungselement, welches mir überhaupt nicht gefiel. So wird dem Kommissar die Fähigkeit angedichtet, dass er sobald die „Terroristen“ (und nur die!) wieder einmal einen Gegenstand oder Menschen als Musikinstrument missbraucht haben, diesen nicht mehr hören kann. Das macht nicht wirklich viel Sinn und stört den Genuss der ansonsten gut gelungen Komödie meines Erachtens nach gewaltig. Diese „Fähigkeit“ führt dann auch in ein Finale, welches ich logisch irgendwie nicht nachvollziehen kann. Okay, Logik in einem solchen Film zu suchen ist sicherlich ein schlechter Ansatz, aber da der Schluss hier als clevere Pointe gesetzt werden soll, stößt man sich doch.

Ansonsten ist „Sound of Noise“ (der übrigens auch Eröffnungsfilm bei den „Nordischen Filmtagen“ in Lübeck sein wird) ein echter „crowd pleaser“. Das Publikum ging insbesondere bei den Musik-Szenen richtig ab und belohnte den Film letztendlich auch mit dem Publikumspreis des Warschauer Filmfests.

Mittlerweile machte ich mir dann Sorgen um mein „Restprogramm“. Die verbleibenden Filme waren immer schneller ausverkauft und ohne Planung konnte es gut passieren, dass man entweder nichts mehr zu gucken hatte oder wieder einmal stundenlang um die „Return tickets“ anstehen musste.

Da ich aber noch nicht genau wusste, wann genau ich Zeit fürs Kino haben würde, blieb mir nur zittern übrig.

So ging ich dann auch am sechsten Tag in aller Herrgottsfrühe (okay, am Vormittag) zur Kinokasse, um mir mein Ticket für den ungarischen Film „Bibliotheque Pascal“ um 16:00 Uhr zu sichern. Eine weitere Vorstellung des Filmes am Samstag um 9:30 Uhr (!) war nämlich bereits ausverkauft (!!).

Das "Screening Schedule" mit den ausverkauften Vorstellungen (Stand: Mittwoch)

Auf „Bibliotheque Pascal“ hatte ich mich schon gefreut. Die Inhaltsangabe klang viel versprechend und das Foto im Katalog sah auch interessant aus. Und ich habe eine gute Wahl getroffen, den „Bibliotheque Pascal“ wurde im Handumdrehen zu meinem Lieblingsfilm auf diesem Festival. Auch wenn mich die Inhaltsangabe mal wieder in die Irre geführt hatte. Demnach sollte es nämlich um den Weg einer jungen Frau aus Rumänien in ein Edelbordell nach England gehen. Das Pressefoto versprach schon mal verruchte Erotik. Der tatsächliche Film – also nicht der, der sich schon in meinem Kopf abgespielte – hatte aber einen ganz anderen Ansatz und stand Emir Kusturica, Tim Burtons „Big Fish„, Charles Dickens und dem von mir so geliebten „magischen Realismus“ sehr viel näher als z.B. Radley Metzger (wenn’s elegant sein soll) oder Jess Franco (wenn’s hässlich wird). In einer sehr realistischen Szene kämpft eine junge rumänische Mutter vor einem Beamten des Jugendamtes um das Sorgerecht für ihre Tochter. Der Beamte bittet sie, ihm zu erzählen was sie die letzten drei Jahre gemacht hat und warum sie in London war. Die junge Frau beginnt ihre Geschichte zu erzählen. Zunächst glaubt man sich in einem Kusturica-Film, wenn sie von ihren Roma-Freunden erzählt und die Bilder in goldene Farben getaucht werden, relativ schnell nimmt der Filme ein magische Wendung, wenn sie einen Kleinkriminellen kennen lernt, der die Gabe hat im Schlaf seine Träume in den Raum zu projektieren. Mit diesem nimmt es aber kein gutes Ende, verarmt und mit der aus dieser Verbindung hervorgegangen Tochter und einer Puppenbühne schlägt sie sich weiter durch, wird von ihrem Vater an Menschenhändler verschachert, die sie in ein merkwürdiges Bordell nach London bringen. Mehr möchte ich nicht verraten. Mich hat dieser Film begeistert und das Schlussbild finde ich zum Heulen schön. Ich weiß nicht, wie „Bibliotheque Pascal“ beim restlichen Publikum angekommen ist, ich denke aber mal seine märchenhaften Elemente, die immer wieder mit realistischer Brutalität gemischt werden, dürften so einige verstört haben. Für mich definitiv der Höhepunkt in meiner Filmauswahl. Schade, dass er nicht den Publikumspreis gewonnen hat.

Am für mich siebten und letzten Tag ging es in den Film „The Man Who Screamed„. Eine Co-Produktion von Frankreich-Belgien-Tschad. Der stand eigentlich nicht auf meiner Liste. Nur waren wir mit einem anderen Paar verabredet und dieses hatte sich für eben diesen Film entschieden. Sehr gut, denn so hatte nicht ich die Schuld als sich der film als ziemlicher Langeweiler rausstellte. Es ging darin um einen alten Mann, früher ein Schwimmstar in seiner Heimat, der nun im Tschad als Poolaufsicht in einem großen Hotel arbeitet, was sein ganzer Stolz ist. Durch Bügerkriegsunruhen und die Tatsache, dass sein Sohn seinen Job am Pool übernimmt und er zum Pförtner degradiert wird, gerät sein Leben durcheinander. Ich mag zwar langsam erzählte Filme, aber beim „Screaming Man“ (der übrigens nicht einmal schreit) wurde meine Geduld doch auf eine harte Probe gestellt. Fast jede Szene sah so aus, als ob der Cutter eingenickt war und lief immer einen Tick zu lang. Zudem litt der Film extrem daran, dass er einfach keinen richtigen Spannungsbogen aufbauen konnte. Ich verstehe ja, dass der Regisseur wahrscheinlich ein Fenster in das Leben der Menschen im Tschad öffnen wollte und nicht so sehr daran interessiert war, sein Publikum zu unterhalten. Aber dann greift er hasenfüßig auf einige ausgelutschte Klischees zurück und reißt  dem Film am Ende sogar noch eine schlüssige Auflösung unter den Füssen weg. 90 Minuten, die sich locker anfühlten wie 180. Nein, das war leider nichts. Aber ich hatte den Film ja auch nicht ausgesucht 🙂

So endete das 26. Internationale Filmfestival Warschau leider mit dem schwächsten Film meiner kleiner Auswahl. Aber das tat der guten Stimmung keinen Abbruch.

Mein Fazit: Mir hat es gefallen. Bis auf die fehlenden Untertitel bei „Kookie“ gab es keine Misstöne. Aber auch in dieser Situation wurde schnell, freundlich und unbürokratisch weitergeholfen. An den Kassen verstanden die Leute nicht immer Englisch, holten dann aber immer sofort jemanden der es tat. Auch hier keine Problem und alle waren sehr freundlich. Etwas befremdlich war es, dass man im Multikino relativ früh in den Kinosaal hineingelassen wurde – und dann die Zeit hatte sich in aller Ruhe einen Platz zu suchen -, in der Kinoteka aber die Türen immer erst 10 Minuten vor der Vorstellung geöffnet wurden.Was hier zu einem gewaltigen Geschiebe und Gedränge führte, da alle Vorstellungen sehr, sehr gut besucht waren. Besonders nervig war es, dass sich hinter den geschlossenen Türen der Kinoteka scheinbar auch irgendwelche Räume für die Angestellten (und vermutlich auch Akkreditierte) befanden. Weswegen sich ständig Leute mit Festivalsausweisen um den Hals durch die wartenden Massen quetschten.

Was ich wirklich noch nie bei einem Festival erlebt habe, war die Tatsache, dass überall große Zettel hingen, dass 5 Minuten nach Vorstellungsbeginn niemand mehr in den Saal gelassen wird und das Ticket dann seine Gültigkeit verliert. So stand es auch auf dem Ticket selber. Finde ich ja nicht schlecht. Allerdings habe ich es auch noch auf KEINEM Festival erlebt, dass so viele Leute noch 20 Minuten nach Filmbeginn in den Kinosaal strömten. 😉

Insgesamt ein sehr lohnender Ausflug, den ich im nächsten Jahr gerne wiederholen werde. Jetzt freue ich mich erst einmal auf Lübeck im November 🙂

Das Einkaufszenrum "Złote Tarasy" mit dem "Multikino"

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