Nachruf: Claude Chabrol

Es ist ein schlechtes Jahr, wenn sich die Nachrufe so häufen. Mit Claude Chabrol ist wieder einer der großen Regisseure gestorben. Und nachdem Jacques Rivette letztes Jahr seinen (angeblich) letzten Film gedreht hat ist von den „Hardcore“-Nouvelle-Vague-isten jetzt nur noch Godard aktiv.

Ich war nie ein wirklich riesiger Chabrol-Fan, mag aber viele seiner Arbeiten. Das größte Problem in Bezug auf Chabrol ist der ständige Vergleich mit Hitchcock und die Bezeichnung „der französische Hitchcock“. Diese Etikettierung ist meines Erachtens nach völlig falsch und wird Chabrol in kleinster Weise gerecht. Zudem schürt sie falsche Erwartungen an seine Filme. Raffinierte Suspense und technische Kabinettstückchen findet man bei Chabrol eigentlich nicht. Seine Filme sind betont nüchtern gefilmt. Spannung ergibt sich ganz aus der Psychologie und Tiefe seiner Figuren und dem Spiel mit den bürgerlichen Masken, die sie tragen. Auch würde ich viele seiner Werke nicht unter der dem Prädikat „Thriller“ sehen, sondern es sind lupenreine Dramen, deren Ausgangs- oder Schlusspunkt oftmals ein Verbrechen ist. Auch ist es fast unmöglich sich – wie bei Hitchcock – mit Chabrols Protagonisten zu identifizieren. Man betrachtet ihre Aktionen aus der Distanz, so wie man Tiere im Zoo beobachtet.

Leider hat Chabrols Gesamtwerk bei mir noch große Lücken. So kenne ich seine erste, Ende der 50er unter dem Einfluss der von ihm mit initiierten Nouvelle Vague entstanden Filme noch nicht. Auch sein Mainstream-Werk Mitte der 60er ist mir (bis auf die comic-artige Spy-Thriller-Persiflage „Strasse nach Korinth„) noch unbekannt. Ich bin eigentlich erst mit der Reihe von Meisterwerken eingestiegen, die Chabrol Ende der 60er/Anfang der 70er am Fliessband produzierte. Hier gefallen mir insbesondere „Die untreue Frau„, „Das Biest muss sterben„, „Der Riss“ und „Vor Einbruch der Nacht“ sehr gut. Nach dem interessanten „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ klafft bei mir dann wieder eine gewaltige Lücke bis zur Mitte der 90er Jahre. Ich erinnere mich hier nur, in den 80ern mal „Die Fantome des Hutmachers“ und „Hühnchen in Essig“ im TV gesehen zu haben. Beide mochte ich damals sehr gerne, müsste ich aber mal wieder gucken. Von seinen Filmen ab ’95 gefielen mir insbesondere „Die Brautjungfer“ und „Biester„. Von den beiden ansonsten überall sehr geschätzten „Süßen Gift“ und „Geheime Staatsaffären“ oder dem harmlosen „Das Leben ist ein Spiel“ war ich eher enttäuscht.

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