Nachbetrachtung: Der Stummfilmabend am 25.6. im Kino 46

Eigentlich sollte der folgende Text Teil eines neuen „Filmtagebuch“-Eintrags werden. Zusammen mit einer Review des Films „Shopping Girls“. Aber jetzt ist er so lang geworden, dass ich a) keine Zeit mehr für die „Shopping Girls“ habe und b) er es eigentlich wert ist, einen eigenständigen Artikel zu bilden.

Am vergangenen Freitag gab es einen Stummfilmabend im Kino 46. Das Kino war leider nicht voll. Aber das war klar, bei diesen Temperaturen und vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig bei der WM Chile gegen Spanien spielte. Trotzdem war die Veranstaltung recht ordentlich besucht, wobei ein Großteil der Zuschauer sicherlich Verwandte und Freunde der vortragenden Musiker waren.

Zunächst gab der Organisator des Abends, Ezzat Nashashibi, eine, wie ich finde, zu kurz geratene Einführung. Was ich schmerzlich vermisste waren Hintergrundinformationen zu dem Unikurs, dessen Abschluss der Abend war (etwas, was ich nur wusste, weil ich mich vorher im Netz informiert hatte), was genau Ziel des Kurses war, eine etwas ausführlichere Vorstellung der Vortragenden und ihrer Rolle, wie es zu der Idee zu dem Event kam. Da die jungen Studenten selber auch etwas mundfaul waren, erfuhr man auch hier nichts weiter über sie selber, ihre musikalischen Wurzeln und weshalb sie überhaupt an diesem Abend auftraten. Auch wäre es sehr schön gewesen, wenn man zumindest erfahren hätte, wieso sie gerade diese Filme vertont haben. War das vorgegeben oder eine persönliche Auswahl? Besonders frustrierend war dies bei dem vorzüglichen Gitarrenduo, welches „The Tramp“ begleitete. Hier kam lediglich der lapidare Hinweis, dass die beiden nicht zum Kurs gehörten und durch Zufall dabei waren. Auch hier wäre etwas mehr Information sehr nett gewesen.

Zu den Filmen und der Musik. Der Abend begann mit einer technischen Panne, als der Film „Der neue Schreibtisch“ irgendwo in der Mitte anfing. Das wurde aber eiligst behoben. Wobei ein bitterer Beigeschmack blieb, denn die Panne kam dadurch zustande, dass scheinbar von einem DVD-Rekorder abgespielt wurde. D.h., keine Filmrollen, sondern nur Fernsehaufzeichnungen, bei denen das „WDR“ oder „Arte“-Logo rechts oben an der Leinwand prangten. Nicht gerade ein Genuss, insbesondere da einige Aufnahmen von minderer Qualität waren (warum hat man da nicht die zum Größtenteils auch in Deutschland veröffentlichten DVDs zurückgegriffen?!?).

Wie bereits geschrieben war der erste Film ein kurzer Sketch mit Karl Valentin von 1913 über einen neuen Schreibtisch. Eine einfache Situation (der der viel zu hohe Schreibtisch und die Bemühungen diesem Problem Herr zu werden) eskaliert und hat die Vernichtung des Schreibtisches und der Zimmerdecke zur Folge). Hat mir gut gefallen und wirkt noch heute zeitlos. Die Musik (Jesper Hohagen, Klavier & Simone Michel, Schlagwerk und Geräusche) war okay. Hier und da ein paar winzige Verspieler, was wohl dem holprigen Beginn geschuldet war, aber im Großen und Ganzen sehr konventionell.

Das galt auch für den zweiten Film, „The Musketeers of Pig Avenue„, einem kurzen Gangster-Drama von D.W. Griffith. Auch hier war die Musik okay (Aljoscha Ristow, Klavier), aber überhaupt nicht überraschend. Wie man sich halt Stummfilmbegleitung vorstellt. Hier hätte ich – wenn schon traditionelles Piano – mehr Esprit, Originalität und Mut zu Ungewöhnlichem erwartet. So war’s irgendwie Musik von der Stange. Okay, aber irgendwie auch langweilig, da nicht überraschend. Der Griffith-Film war okay, hatte aber einige außergewöhnliche Bildkompositionen als zwei Gangsterbanden sich gegenseitig belauern und umeinander herum schleichen. Die Handlung war recht verworren und ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass Teile fehlen würden.

Das Highlight des Abends war dann „The Tramp“ von Chaplin. Den Film habe ich bereits im Rahmen der DVD-Collection mit Chaplins frühen Kurzfilmen gesehen, welche bei absolut Medien herausgekommen ist. Darauf wurde der Film konventionell mit Piano begleitet und hatte mir irgendwie nicht besonders gut gefallen. In der IMDb hatte ich ihn dann mit 5/10 bewertet. Aber welch eine Offenbarung nun hier. Lediglich mit zwei Arkustikgitarren (Die Gitarren.AG: David Niedermayer und Joaquin Butrago) begleitet, wirkte der Film plötzlich ganz anders. Durch die Gitarren wurde das Tempo raus genommen, was dem Film sehr gut tat. Statt hektischem Geklimper, welches die „Gags“ aufdringlich betonte, nun zurückgenommene Musik, die einerseits großartig zum Schauplatz (eine Farm) passte und andererseits die Gags einfach subtiler und dadurch lustiger wirken ließ. In dieser Form hat der Film, für mich, stark gewonnen und ich habe ihn jetzt neu mit 7/10 bewertet. Erstaunlich, was die „falsche“ Musik anzurichten vermag. Und welch ein Plädoyer dafür, dass sich die „Vertoner“ intensiv mit dem Film und der Stimmung beschäftigen, anstatt nur das Offensichtliche zu betonen und ihren „Slapstick-Stiefel“ runter zu spielen. Sehr schön. Und wie Eingangs erwähnt, sehr schade, dass man nicht mehr über die beiden talentierten Musiker, und wie sie zum Projekt gestoßen sind, erfahren hat. Aber wie wunderbar, dass hier ENDLICH einmal auch – für Stummfilmbegleitungen – ungewöhnliche Musikinstrumente eingesetzt wurden.

Ungewöhnlich war da auch der nächste Künstler und der nächste Film.Weg vom narrativen Film gab es einen Avantgarde/Experimentalfilm von Fernand Léger: „Ballet Mécanique„. 19 Minuten lang und mit Musik unterlegt, die ebenfalls in dieses Genre fällt. Elektronische Avantgardemusik (Marc Pira) mit verzerrten Geräuschen und kongenial zum Film auch hart an die Schmerzgrenze dessen gingen, was die menschlichen Sinne bereit sind aufzunehmen. Das tat manchmal weh, aber war innovativ und anderes. Von daher, auch wenn es bei manchen Zuschauern an den Nerven gezerrt haben mag und die 19 Minuten ihnen wie eine Ewigkeit vor kamen, gibt es von mir Applaus für die Bereitschaft etwas Radikales zu machen und nicht ausgetreten Pfaden zu folgen. Das war sicherlich auch ganz im Sinne von Léger.

Als Letztes gab es noch ein humoristisches Highlight: Wenn man heute an die Komiker des Stummfilms denkt, dann fallen ja spontan immer nur die großen Drei ein: Keaton, Chaplin und Lloyd. Vielleicht noch die frühen Filme von Laurel & Hardy und das war’s dann auch schon. Dabei gab es noch viele andere talentierte (und zugegeben weniger talentierte) Komiker. Das größte unbesungene und heute schmählich vergessene Genie war Charley Chase. Chase repräsentierte in seinen Filmen einen normalen Jedermann, der plötzlich in scheinbar harmlose Situationen gerät, die dann schnell eskalieren und im größten Chaos enden. Dabei holt Chase aber fast nie den Holzhammer raus, sondern entwickelt seinen Humor auf subtile Weise, so dass seine Filme noch heute recht modern wirken. soviel „sophistication“ kam beim damaligen Publikum aber nicht so gut an und so gehörte er schon zu seiner besten Zeit nicht zu den (beim Publikum) erfolgreichsten Komikern. Alkoholprobleme kamen dazu und er starb 1940 im Alter von nur 47 Jahren. Gezeigt wurde sein Kurzfilm „Limousine Love“ in dem er als Bräutigam auf dem Weg zur eigenen Hochzeit sich mit einer nackten Frau in seiner Limousine wiederfindet. Ein großartiger Slapstick-Streifen, der Chase in Hochform präsentiert. Eigentlich eine Schande, dass dieser große Komiker immer noch seiner Wiederentdeckung harrt. eine definitive DVD-Box wäre hier hoch willkommen!

Was leider den Spaß etwas trübte, war die hundsmiserable Projektion. Das Bild pumpte extrem zwischen hell und dunkel (Kopierschutz?). Um den Film überhaupt absehbar zu machen, mussten Helligkeit und Kontrast stark runter gefahren werden, so dass das Bild viel zu dunkel und matschig wirkte. Schade. Da frage ich mich eigentlich: Prüft das keiner VOR der Veranstaltung?

Die Musik war wieder klassische Pianobegleitung (nochmal Jesper Hohagen, Klavier & Simone Michel, Schlagwerk) . Der Pianist meinte zwar, er hätte einige bekannte Elemente ein geflochten, ich habe jetzt aber nur den „Imperial March“ und den Hochzeitsmarsch raus gehört. Aber das kann auch dran liegen, dass ich zu laut über den Film gelacht habe 😉

Danach rief noch jemand aus dem Publikum laut nach „Zugabe“ und als großes Finale „improvisierten“ alle Künstler zusammen auf der Bühne zu Walter Ruttmans „Opus III„. Ich bezweifle aber, dass das wirklich so spontan war, denn erstens wurde Ruttman schon im Ankündigungstext zur Veranstaltung erwähnt und dann harmonierten alle Musiker auch ganz gut miteinander. Aber wie dem auch sei, ein sehr netter Abschluss eines sehr netten Abends, dem meines Erachtens der Mut gefehlt hat, einen wirklich neuen, spannenden Kontext zu schaffen. Das fand ich schade, freue mich aber für die jungen Musiker, dass sie die Chance hatten, hier vor Publikum aufzutreten. Und wer weiß, vielleicht ist das ja nicht die letzte Veranstaltung dieser Art. Ich würde mich auf jeden Fall freuen.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Kino 46, Veranstaltungen abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Nachbetrachtung: Der Stummfilmabend am 25.6. im Kino 46

  1. Sehr geehrter „Arkadin“,

    Ich finde es schön, dass Sie sich mit dem Stummfilmabend vom 25.6.2010 auseinander gesetzt haben.

    Auf Ihre Kritik, dass meine Stummfilmbegleitung „zu normal“ war, möchte ich jedoch antworten, dass ich erst 15 Jahre alt bin (da sogar erst 14) und den Hochschulkurs überhaupt nicht mitgemacht habe.
    Ezzat hat mich dann gefragt, ob ich aushelfen kann, weil viele Kursteilnehmer keine Zeit hatten.

    Ich habe das als eine sehr gute Möglichkeit für mich gesehen, da ich bis dahin noch nie einen Stummfilm begleitet, geschweige denn eine Stummfilmbegleitung gesehen hatte.
    Ich sehe daher Ihre Kritik, dass ich so gespielt habe, wie man es erwartet hätte eher als Lob an, da ich dann so zu sagen von 0 auf 100 den richtigen Stil getroffen habe…

    Außerdem ist zu sagen, dass wir die Endimpro wirklich nicht vorher geprobt hatten. Improvisation sollte, finde ich, zu den „Grundbedürfnissen“ eines jeden Musikers gehören. Ich habe, glaube ich noch nie eine Woche lang nicht Klavier gespielt (improvisiert). Wer das nicht versteht, hat nur Spieltechniken auswendig gelernt!

    Trotzdem teile ich mit Ihnen die Meinung, dass eine weitere Veranstaltung dieser Art toll wäre.
    Vielleicht kann ich dann ja etwas mehr „neue Ideen“ einbringen… 🙂

    LG, Aljoscha Ristow
    (Antworten Sie mir gerne hier: http://aljoscha-ristow-kompositionen.jimdo.com/kontakt/ )

  2. Arkadin sagt:

    Hallo Aljoscha,

    erst einmal Danke für Dein Feedback und Deine weiterführenden Erläuterungen. Diese lassen Deine Leistung natürlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wie ich schon schrieb, gefiel mir der Abend sehr gut. Es wäre nur Potential für mehr dagewesen. Dies liegt aber nicht an den Musikern, sondern an der nicht vorhandenen Moderation. So wäre es schön gewesen, wenn jemand durch den Abend geführt und auch die Musiker ausführlich vorgestellt hätte. Dass Du damals erst 14 Jahre alt warst und quasi ins kalte Wasser geworfen wurdest, war dem Publikum ja nicht bekannt. Im Vorfeld war angekündigt, dass es sich hier durchweg um „Abschlussarbeiten“ einiger Musikstudenten handeln würde. Und da legt man natürlich als zahlender Zuschauer/-hörer weitaus härtere Kriterien an. Sehr schade, dass im Vorfeld nicht erklärt wurde, dass nicht alle Vortragenden gestandene Absolventen waren. Vor diesem Hintergrund erscheint auch Dein Vortrag in einem ganz anderen Licht. Wie gesagt, der absolute Schwachpunkt der Veranstaltung war die mangelhafte Moderation und über weite Strecken nicht vorhandenen Information der Zuschauer. Schade, denn darunter leiden natürlich dann an erster Stelle die Künstler, wie man an Deinem Beispiel sieht.
    Ich würde mir sehr wünschen, wenn so eine Veranstaltung in der Zukunft noch einmal (oder gar regelmäßig) durchgeführt wird. Dann mit einer vernünftigen Moderation, die den Zuschauer nicht vollkommen im Dunkeln tappen lässt. Vor allem würde ich es mich dann freuen, Dich wieder auf der Bühne zu sehen. Dann vielleicht – mit etwas mehr Vorbereitungszeit – mit einem mehr „eigenen“ Vortrag. Dass Du aber auf Anhieb die „typische“ Stummfilmmusik aus den Ärmel schütteln konntest, muss Dir wohl am Vornamen (http://de.wikipedia.org/wiki/Aljoscha_Zimmermann) liegen 😉
    Ich würde mich auf jeden Fall freuen, in Zukunft mehr von Dir in diese Richtung zu hören.

  3. Aljoscha sagt:

    Sehr geehrter Arkadin,
    Vielen Dank für die Antwort.
    Da fühle ich mich gleich wieder besser… 🙂
    Ich werde Ezzat diese beiden Mails zukommen lassen und ihn gleich vorschlagen, ob man das Konzert nicht wiederholen kann.

    Bei Interesse an Stücken von mir:
    Meine Homepage (http://aljoscha-ristow-kompositionen.jimdo.com/)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.