Nachrichten getagged: Tomas Milian

Blu-ray-Rezension: „Der Berserker“

Von , 23. August 2017 17:00

Der kleine Gangster Giulio Sacchi (Tomas Milian) ist ein Soziopath wie er im Buche steht.Als er bei einem Bankraub vor Nervosität einen Polizisten erschiesst, wird er von seinen Komplizen zusammengeschlagen und vom Hof gejagt. Kurze Zeit später muss wieder ein Staatsdiener daran glauben, als er Sacchi dabei erwischt, wie er einen Zigarettenautomaten knacken will. Auf sich allein gestellt, versucht Sacchi einen großen Coup zu landen. Er überredet die Kleinkriminellen Vittorio (Gino Santercole) und Carmine (Ray Lovelock) mit ihm zusammen Marilù Porrino (Laura Belli), die Tochter eines Industriellen (Guido Alberti) zu entführen. Doch damit soll der blutige Weg des immer gewissenloser agierenden Gulio Sacchi erst seinen Anfang nehmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Der Berserker“ haben Umberto Lenzi und sein kongenialer Hauptdarsteller Tomas Milian ein richtiges Brett abgeliefert, welches – wie sein Protagonist – keine Gnade kennt und einem permanent die verschwitzte Faust in den Magen rammt. „Der Berserker“ sah ich erstmals Mitte der 90er Jahre auf einer ranzigen VHS-Kopie des alten Verleihtapes. Eigentlich die perfekte Präsentationsform für diesen – neben vielleicht Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ – unangenehmsten Poliziotteschi. Natürlich hat man gut 20 Jahre später vieles gesehen, was der Niedertracht dieses Filmes gleich kommt, und so war ich gespannt, ob „Der Berserker“ heute noch jene schmerzhafte Sprengkraft entwickeln kann wie damals. Um es kurz zu machen: Ja, er kann. Und wie. Zu verdanken ist dies in erster Linie einem brillanten Tomas Milian, der bei seiner Darstellung des Soziopathen Gulio Sacchi die richtige Balance zwischen vollkommen überzogenen Schauspiel und einer unglaublichen Lebendigkeit findet. Sacchi ist laut, vulgär, in seiner extremen Körperlichkeit (wie bei Milians „Strickmützen“-Cop Nico Giraldi und dem seelenverwandten Kleingauner Monnezza aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ (ebenfalls von Lenzi und mit Silva als Milians Gegenspieler) verrenkt sich bei Milian jeder Teil des Körpers, wenn er jemanden von etwas überzeugen will­. Er schwitzt, schreit, grimassiert, zuckt – seine körperlichen Reaktionen sind ebenso unberechenbar wie er selber. Sacchi ist eine tickende Zeitbombe, bei der man nie weiß, wann sie das nächste Mal explodiert und wie groß der Schaden sein wird, den sie anrichtet. Man sollte aber darauf gefasst sein, dass er sehr groß sein wird. Da der Film aus Sacchis Perspektive erzählt wird und er derjenige ist, dem der Zuschauer durch die Handlung folgt, ihm also eine gewisse Identifikation aufgezwungen wird, macht dies den Film umso unangenehmer.

Milians Kunst ist es dabei, den „Berserker“ Sacchi, den der englische Titel als „Almost Human“ bezeichnet, trotzdem nicht als unrealistisches Schreckgespenst, sondern als Wesen aus Fleisch und Blut zu zeichnen. So unmöglich es ist, Sacchis Handlungen zu akzeptieren, so bleiben sie aber in Rahmen der Handlung jederzeit nachvollziehbar. Milians Sacchi ist ein Mensch. Kein angenehmer, aber ein Mensch mit all seinen Komplexen. Ein großkotzigen Wichtigtuer, der seine Ängste und die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt mit prolliger Angeberei kaschieren will. Der sich mit Alkohol und Pillen aufputscht und irgendwann alle Grenzen und jegliche Moral vergisst. Letzteres erlebt man auch physisch, wenn Milians Blick immer glasiger und die Haut immer grauer wird. Die Haare von Schweiß verklebt und und die Ringe unter den geröteten Augen immer tiefer. Sacchi tötet wahllos, aber nie mit Freude. Er entledigt sich anderer Menschen, wie man normalerweise Müll entsorgt. Als er dem Entführungsopfer seine Macht über ihr Leben demonstrieren will, fordert er seinen Komplizin auf, die junge Frau zu vergewaltigen. Ihm geht es hier nicht um etwas sexuelles, er will sie nur demütigen. Nur einmal meint man so etwas wie eine moralische Irritierung bei ihm festzustellen. Wenn er realisiert, dass er ein kleines Kind erschossen hat. Doch dies führt bei Sacchi nicht zum Einhalten. Er wischt diese Tat nach einem kurzen stutzen beiseite und brüstet sich später noch damit, was den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt stürzt. Denn spätestens nach dieser Tat und seine Reaktion darauf ist Sacchi nicht für ihn nicht mehr tragbar. Doch Lenzi inszeniert ihn weiterhin als Identifikationsfigur, denn Sacchi ist mit weitem Abstand die interessanteste und lebendigste Figur in diesen Film, gegen die alle anderen verblassen müssen. In der Regel ist der Schurke ja auch die faszinierendste Gestalt in einem Film.Jemand, den man aufgrund seiner Skrupellosigkeit und oftmals auch Coolness heimlich bewundert. An Sacchi gibt es aber nichts zu bewundern. Ein Dilemma.

Die einzigen beiden Figuren, die positiv besetzt sein können, sind sein Komplize Carmine und Kommissar Brandi. Der von Ray Lovelock gespielte Carmine ist aber ein weicher, manipulierbarer Schlappschwanz, der sich Sacchi unterordnet. Nicht etwa, weil er für Sacchi irgendwelche Sympathien hegt oder vor ihm Angst hätte. Man hat das Gefühl, Carmine wüsste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Willenlos tut er das, was ihm befohlen wird. Zu dumm, zu naiv um einen eigenen Willen zu entwickeln. Auch seine ungelenken Versuche das Entführungsopfer zu schützen wirken halbherzig und schwach. Nein, zur Identifikation lädt Carmine nun wirklich nicht ein. Bleibt die starke Hand des Gesetzes, die von dem ewigen Gangster-Darsteller Henry Silva gegeben wird. Silva ist eine grandioses Steingesicht. Und die perfekte Besetzung für die Killer in Fernando di Leos Meisterwerken „Der Mafiaboss“ und vor allem „Der Teufel führt Regie“. Doch als Kommissar Walter Grandi bleibt er leider ungewöhnlich blass. Was daran liegen kann, dass er mehr reagiert als agiert und in den Actionszenen außen vor bleibt. Bis auf seine Wut auf seine Vorgesetzten bleibt er auch ohne besondere Eigenschaften. Erst ganz am Schluss tritt er in Aktion, um äußerst fragwürdig zur Selbstjustiz zu greifen. Gerade dieses Ende hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, zeigt es doch, dass es auf der Welt nichts Gutes mehr gibt, sondern die Grenzen zwischen schießwütigen Gangstern und schießwütigen Polizisten, die sich ebenso nicht an Gesetze gebunden wähnen, verschwimmen.

Die einzige Figur, die tatsächlich so etwas wie Hoffnung gibt, dass die Welt nicht gänzlich verkommen ist, wird von Laura Belli gespielt. Das Entführungsopfer Marilù ist eine starke Frau, die weiß was sie will und sich keine falsche Illusionen macht. Die ihren Entführern jederzeit überlegen ist und gerade deshalb bei Sacchi diesen unbändigen Wunsch hervorruft, sie zu demütigen, erniedrigen und letztendlich zerstören. Und natürlich hat so jemand in der verkommen Welt des „Berserkers“ keine Chance. Sie wird vernichtet wie alles andere, was gut und schön ist.

Umberto Lenzi hat mit „Der Berserker“ einen hammerharten Tritt in die Weichteile inszeniert, der ganz von einem grandios asozialen Tomas Milian getragen wird, dem es gelingt seinen Soziopathen Gulio Sacchi nie zu einer comichaften Karikatur verkommen, sondern ihn bei aller Grausamkeit doch noch als Menschen erscheinen zu lassen. Und gerade das macht Lenzis Film so wahnsinnig unangenehm.

Mit der Nummer 9 ihrer Polizieschi Edition hat filmArt nach dem grandiosen „Milano Kaliber 9“ nun einen zweiten Klassiker nicht nur des italienischen Polizeifilm-Genres, sondern des italienischen Films überhaupt veröffentlicht. Wie erwartet ist auch das technische Niveau dieser Veröffentlichung wieder sehr gut. Die Blu-ray hat ein sehr gutes Bild, welches auch nicht durch diverse Filter „getötet“ wurde, sondern einen authentischen Kinolook besitzt, ohne dabei irgendetwas an Schärfe einzubüßen. Der deutsche Ton wird auf gleich zwei Spuren angeboten, von der sich eine „Videotonhöhe“ nennt. Der Unterschied zwischen beiden Spuren ist – soweit ich meinen Ohren trauen darf – dass die eine etwas mehr Wums hat, dafür aber auch dumpfer klingt, die andere dafür in der Sprache etwas klarer ist, dafür aber etwas dünner klingt. Das Highlight der Edition ist das einstündige Interview „The Journey of Tomas Milian – From Cuba to America“, mit einem sichtlich gealterten, kaum wiederzuerkennenden Tomas Milian, der sehr interessant und spannend aus seinem aufregenden Leben erzählt. Bei der Schilderung seiner Kindheit in einem lieblos-strengen Haushalt können einem fast die Tränen kommen und dies erklärt wohl auch seine arrogante Haltung, die er in Interviews in den 70ern – auf der Höhe seines Ruhmes – an den Tag legte. Milian hat auch einen kurzen Gruß als Intro zum Film eingesprochen. Weitere Extras sind der italienische und englische sowie ein US-Grindhouse Trailer. Es gibt zwei Audiokommentare. Den ersten mit dem Traum-Team Pelle Felsch und Christian Keßler, der andere mit Bennet Togler und Tillmann Beilfuß. Nicht zu vergessen ist auch das sehr lesenswerte Booklet von Oliver Nöding. Also eine rundum gelungene Veröffentlichung.

Nachruf: Tomas Milian (1933-2017)

Von , 24. März 2017 19:43

Nachrufe zu schreiben ist immer eine ebenso traurige, wie ungeliebte Aufgabe. Darum halte ich mich damit zumeist gerne zurück, es sei denn, es betrifft einen jener Leinwand-Heroen oder Menschen hinter der Kamera, die mir etwas ganz Besonderes bedeuten. Vorgestern verstarb Tomas Milian. Wer sich nur im Entferntesten für das italienische Kino der 60er und 70er Jahr interessiert, der kennt dieses Gesicht. Nun, vielleicht sogar nicht nur dieses eine, denn Milan war ein begnadetes Chamäleon, welches vollkommen mit seiner Rolle verschmolz.

Besonders schön ist dies in Umberto Lenzis „Die Kröte“ zu sehen, wo er eine Doppelrolle spielt. Einmal den langhaarigen Buckligen, aus dem ein aus jahrelangem Spott und Unterdrückung geborener Menschenhass herausbricht (unvergesslich die Szene, in der sich zunächst vor der „feinen Gesellschaft“ zum Clown macht, um sich dann langsam als furchterregender Springteufel zu entpuppen, der bereit ist jeden einzelnen von ihnen mit seiner MG zu durchsieben). Und dann spielte er auch noch den bärtigen, mit einem gewaltigen Lockenkopf versehenen „Monnezza“, der ständiger in er blaue Latzhose steckt und sich lautstark über alles und jeden beschwert. Diesen wild gestikulierenden, lauten und immer ziemlich assigen „Monnezza“ , kannte man bereits aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ und „Die Gangster-Akademie“.

1976 transformierte Milian diese Figur in „Die Strickmütze“ in den unkonventionellen, an Al Pacinos „Serpico“ orientierten Polizisten Nico Giraldi. Dem „Hippie Nico von der Kripo“, dem „Superbullen“ und „Schlitzohr“ von dem die deutschen Filmtitel der zwischen 1976 und 1984 enstandenen, 11-teiligen „Nico-Geradi-Reihe“ künden. Hierzulande hieß Geraldi bald schon „Tony Marroni“, die Kastanie, und dürfte unter diesem Namen vielen ein Begriff sein, die sich in den 80ern die den Videotheken herumgetrieben oder Anfang der 90er viel frühes Privatfernsehen geschaut haben. Milians bekannteste Figur, zeigte ihn als sehr körperlichen Schauspieler. Überlebensgroß, schon jenseits der Grenze zum comichaften. Leinwandsprengend, mitunter auch etwas nervig.

Aber Milian konnte auch ganz anders. Still, grüblerisch und ernsthaft in Filmen wie „Der Todesengel“ oder „Don’t torture a duckling“. Bedrohlich als vollkommen außer Kontrolle geratener Giulio Sacchi in Lenzis intensivem „Der Berserker“ oder als sadistischer Chako in Lucio Fulcis „Verdammt zu leben – verdammt zu sterben“. Milian war im Arthouse-Kino eines Michelangelo Antonioni („Identifikation einer Frau“) und Luchino Visconti („Boccaccio 70“ ) ebenso Zuhause, wie in herrlichem Blödsinn wie „Stetson – Drei Halunken erster Klasse“, wo er einen verrückten Samurai verkörperte oder in „Bud, der Ganovenschreck“ als schmierige Gigolo an der Seite von Bud Spencer.

Bei mir hinterließ er den ersten großen Eindruck in Sergio Sollimas erstklassiger Italo-Western-Trilogie „Der Gehetzte der Sierra Madre“, „Von Angesicht zu Angesicht“ und „Lauf um Dein Leben“. Meilensteine des Genres, die auch von Milians fiebriger Darstellung leben. Und natürlich als stoischer Fremder in Giulio Questis surrealistischen Albtraum-Western „Töte Django“.

Mitte der 80er ging der auf Kuba geborene Schauspieler in die USA, wo er schon in den 50er Jahren lebte und sich wie James Dean in den legendären Actor’s Studios ausbilden ließ. Dort war er im Fernsehen in den Serien „Miami Vice“ und „Mord ist ihr Hobby“ zu sehen, aber auch in großen Produktionen wie Sydney Pollacks „Havanna“, Oliver Stones „JFK“ oder Steven Spielbergs „Amistad“. Meist in kleiner Nebenrollen. 2000 holte ihn Steven Soderbergh für „Traffic“ vor die Kamera, wo er noch einmal eine größere Rolle spielte. Dann wurde es still um diesen großen Schauspieler. 2014 hatte er nach neun Jahren Pause noch einmal einen Auftritt in der Komödie „Fugly!“ mit John Leguizamo in der Hauptrolle.

Nun ist die Legende am 22. März in Miami mit 84 Jahren gestorben. Uns aber bleiben seine Filme, die diesen Ausnahme-Schauspieler für immer lebendig halten werden.

DVD-Rezension: „Im Dutzend zur Hölle“

Von , 25. November 2015 21:02

dutzendzurhoelleAls der „consigliori“ des einflussreichen Mafiaboss Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), Anwalt Thomas Accardo (Tomas Milian), aus dem kriminellen Milieu aussteigen will, löst er damit einen Mafiakrieg aus. Da Don Antonio seinen Ziehsohn Thomas unbehelligt ein neues Leben mit der schönen Laura (Dagmar Lassander) beginn lässt, hat Don Antonios rechte Hand Vincent Garofalo (Francisco Rabal) einen Grund gefunden, um sich gegen seinen Don zu wenden und dessen Organisation mit Duldung der anderen Familien zu vernichten. Als Don Antonio beinahe Opfer eines Attentats wird und auch Thomas nur knapp einem Anschlag entgeht, kehrt Thomas an die Seite Don Antoinis zurück, um mit Garofalo abzurechnen…

vlcsnap-00168vlcsnap-00170

Alberto de Martino ist vielleicht der „amerikanischste“ Regisseur des italienischen Genre-Kinos. Seine Filme greifen immer nach Höherem. Er besetzt gerne US-Stars und verlegt die Handlung seiner Streifen immer wieder in die USA. Das tun andere italienische Filme zwar auch, doch die wahren Drehorte strafen sie immer wieder Lüge oder es werden nur wenige Minuten an markanten Stellen wie der Brooklyn Bridge aufgenommen, damit die Illusion der authentischen Drehorte entsteht. De Martino hat den größten Teil seines Mafia-Filmes „Im Dutzend zur Hölle“ aber tatsächlich vor Ort in Kalifornien gedreht. Die Besetzung des Filmes ist zwar überwiegend aus italienischen Produktionen bekannt, aber mit Martin Balsam hat De Martino einen bekannten Charakterdarsteller aus den USA mit der zweiten Hauptrolle betraut, den man u.a. aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt und der für seine Rolle in „Tausend Clowns“ einen Oscar gewann. Balsam hatte zwei Jahre zuvor seinen ersten Film in Italien gedreht, Damiano Damianis großartigen „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“, und Gefallen am italienischen Leben gefunden. Es sollten noch zahlreiche Italo-Produktionen folgen und Balsam verlagerte seinen Lebensmittelpunkt immer mehr in sein geliebtes Italien, wo er dann auch 1996 verstarb.

vlcsnap-00178vlcsnap-00186
„Im Dutzend zur Hölle“ ist stark von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ inspiriert, was man schon am Originaltitel „Il consigliori“ merkt. Im „Paten“ spielte Robert Duvall den „consigliori“ Tom Hagen, eine Rolle die ganz ähnlich angelegt ist, wie von Tomas Milian in „Im Dutzend zur Hölle“. Jemand, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem für den Mafia-Paten so etwas wie ein eigener Sohn ist. Ein Anwalt und brillanter Stratege, seinem Ziehvater treu ergeben. Zudem mixt das Drehbuch auch noch einiges von der Persönlichkeit des Michael Corleone in die Figur des Thomas Accardo. Beide wollen ein normales Leben führen und der Mafia-Familie den Rücken kehren. Kam Michael Corleone im „Paten“ aus dem Krieg zurück, so ist es bei Thomas Accardo das Gefängnis, wo er über sein Leben nachgedacht hat und beschloss, es in eine neue Richtung zu lenken. Die wunderbare Dagmar Lassander übernimmt dabei die Rolle, die Diane Keaton in „Der Pate“ inne hatte. Nur leider wird die gute Dagmar von de Martino ziemlich verschwendet. Nicht nur, das sie hier etwas mopsig aussieht und kaum etwas von ihrem natürlichen Charisma verbreiten kann, auch ihre Figur der Laura stark unterentwickelt. Dies fällt insbesondere bei der Abschiedsszene mit Milian ins Gewicht, welche überhastet und ohne echte Chemie zwischen den Beiden inszeniert ist.

vlcsnap-00187vlcsnap-00189
Milian selber schlägt sich sehr gut als „consigliori“. Seine zynische, manchmal etwas zu selbstsicher wirkende Art, verleiht ihm Autorität. Auch seine Rückkehr in die Arme der Mafia ist recht überzeugend ausgefallen. Man ihm vorher sowieso nicht so recht abnehmen können, dass er tief im Herzen nicht das Leben an der Seite von Don Antonio weitaus mehr genossen hat, als jenes, welches er nun mit Laura führt. Im Grunde hegt er für seinen Ersatz-Vater Don Antonio doch weitaus tiefere Gefühle als für die, in diesem Film, doch recht fade Dagmar Lassander. So gewinnt der zuvor eher hölzern agierende Milian plötzlich an Charisma und Elan, wenn er seinem bedrohten Paten zur Seite steht, Strategien entwirft und mit der Knarre in der Hand kurzen Prozess macht. Die blutigen Actionszenen sind Alberto de Martino gut gelungen. Hier kommt der gewalttätige Wahnsinn durch, der das Genre des Polizieschi auszeichnet. Es werden keine Gefangenen gemacht und tatsächlich im Dutzend Gangster zur Hölle geschickt. Sie werden niedergemäht, in die Luft gesprengt, verbrannt und erstochen. Zwischendurch werden Autoverfolgungsjagden eingestreut und Leichen auf besonders kreative Weise entsorgt. Eine unglückliche Gestalt wird erst in ein Fass eingeschweißt und dann im Sockel einer Brücke versenkt.

vlcsnap-00202vlcsnap-00200
Wie in „Der Pate“ wird die Mafia als große Familie mit einem strengen Ehrencodex beschrieben. Auch Don Antonios Organisation erinnert mehr an ein komplexes Familienunternehmen mit sonderbaren Geschäftsmethoden als an eine Gangsterbande. Die Gefahr für die Familie entsteht dann auch nicht durch die Polizei – welche hier kaum eine Rolle spielt – sondern durch Figuren, die die alten Methoden nicht respektieren und den Ehrencodex brechen. Waren es im Paten die Drogendealer, so ist es hier der Emporkömmling Garofalo, der sich gegen Don Antonio und den alten Stil stellt. Gerade diese Besinnen auf „alte Werte“ wird in „Im Dutzend zur Hölle“ aber große geschrieben und gerade darum hat Garofalo kein Chance, wenn sich das Kampfgebiet in die Heimat der Mafia, Sizilien, verlagert. Dort, wo der eine Don den anderen noch herzlich empfängt und Abmachungen eingehalten werden. In diesen Sizilien-Szenen gibt es dann auch ein willkommenes Wiedersehen mit so beliebten Gesichtern, wie denen von Edoardo Fajardo und Nello Pazzafini, was den Liebhaber italienischer Genrekost ebenso erfreut, wie der wunderbare Score von Riz Ortolani. Das die Geschichte sehr episodenhaft erzählt wird, kennt man ja aus diversen anderen Polizieschi und gehört fast schon zum guten Ton dieses Genres.

vlcsnap-00206vlcsnap-00208
„Im Dutzend zur Hölle“ orientiert sich am Welterfolg „Der Pate“, ist aber trotz vieler Gemeinsamkeiten ein eigenständiges und actionbetontes Werk. Prominent besetzt weiß der Film trotz eines recht episodenhaften Drehbuchs kurzweilig zu unterhalten.

vlcsnap-00218vlcsnap-00219
Zur DVD aus dem Hause filmArt, der No. 7 der Polizieschi-Edition, muss man leider zunächst sagen, dass Bildqualität nicht wirklich gut ausgefallen ist. Wie man im Internet lesen kann, stand hier lediglich eine Digibeta im originalen 2.35:1 Scope zur Verfügung. Das Negativ scheint verschwunden zu sein. Da es keine besseren Quellen gibt, kann man die Bildqualität akzeptieren, doch es erschreckt zunächst, auch wenn man sich mit zunehmender Spieldauer daran gewöhnt. Neben deutschen Ton ist nur die englische Tonspur mit an Bord. Eine italienische fehlt. Ferner gibt es noch eine Bildergalerie und eine Trailershow, sowie ein zwölfseitiges Booklet mit kompetent geschriebenen Texten von Ulrich Köhler und Gerald Kuklinski zum Film und de Martino.

DVD-Rezension: „Die Gewalt bin ich“

Von , 28. März 2015 15:03

gewaltbinichKaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

vlcsnap-00266vlcsnap-00269

Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Dabei ist er sich jedoch der Unterstützung seines alten, von Renzo Palmer gespielten, Kollegen Astalli sicher. Die Beiden liefern sich dabei Dialoge, als wäre Tanzi noch immer bei der Polizei. Astalli drückt auch schon mal beide Augen zu, wenn der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster pflügt. Merli ist für seine Stammrolle als zuschlagender und, trotz akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer, immer ziemlich prollig wirkender Verbrechensbekämpfer geboren. Auch hier lässt er gerne mal das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellen. In den 80ern hätte er wohl auch einen Vokuhila getragen. In Interviews wird Merli von seinen Zeitgenossen häufig als sehr schüchtern und freundlich beschrieben. Da ist war eine Figur wie der Tanzi, der auch gerne mal saftige Backpfeifen an herumstehende Frauen verteilt, für ihn möglicherweise eine größere schauspielerische Herausforderung gewesen, als man bei der hier eher eindimensionalen mimischen Leistung denkt.

vlcsnap-00274vlcsnap-00273

Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Zwar ist sein „Chinese“ nicht mit dem buckligen Vincenzo Moretto – der dann aber in Lenzis „Die Kröte“ wieder auftauchen sollte – identisch, doch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Figuren sind unübersehbar. Beide stammen aus dem Proletariat, sind Charaktere, die sich von ganz unten hochgearbeitet haben, aber nicht in der Lage sind, sich in der gehobeneren Schicht wirklich anzupassen. Beide sind durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Den Respekt ihres Gegenüber gewinnen sie nie und das wissen sie. Also gleichen sie diesen Mangel mit einer gehörigen Portion Gefährlichkeit aus. Wenn man Milian dabei zusieht, wie er beim Besuch des über ihn stehenden Gangsterbosses herum lümmelt, blöde Sprüche reist und mit falscher Freundlichkeit agiert, vergisst man trotzdem zu keiner Sekunde, dass er eine entsicherte Waffe ist, die jeden Augenblick losgehen kann. Auch wenn die „Viper“ im Vorgängerfilm lediglich eine Erfindung der deutschen Titelschmiede ist und sich auf Merlis Tanzi bezieht, hier wäre dieser Spitzname für Luigi Maietto mehr als angebracht. Zumindest weitaus mehr als „der Chinese“, was im Film mit der Ähnlichkeit von Maiettos Hartnäckigkeit und der chinesischen Wasserfolter begründet wird.

vlcsnap-00293vlcsnap-00282

Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon der Star des Filmes. Dieser heißt im italienischen Original übersetzt „Der Zyniker, die Ratte und die Faust“ – in Anlehnung an „Der Gute, der Schlechte und der Hässliche“, wieder der Originaltitel des Sergio-Leone-Klassikers „Zwei glorreiche Halunken“ lautet. Welcher Part dabei Saxon zukommt, ist nicht so ganz klar. Denn er ist sowohl zynisch, als auch eine fiese Ratte. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, Mario Bavas „The Girl Who Knew Too Much“, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

vlcsnap-00303vlcsnap-00297

Am Drehbuch strickten die besten und bekanntesten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Kinos: Dardano Sacchetti, der an fast jedem der großen Giallo-, Polizieschi- und Zombiefilmen von 1970 bis 1986 als Autor beteiligt war. Von Argentos „Die neunschwänzige Katze“ bis zu seiner Kollaboration mit Lucio Fulci, die 1977 mit „Sieben Noten in Schwarz“ begann und über fünf Jahre alle großen Klassiker hervorbrachte bis sie 1982 mit „New York Ripper“ endete. Ebenfalls beteiligt war Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi, der regelmäßig mit Sergio Martino zusammenarbeitete. Die Story stammt von Sauro Scavolini, der für seine Italo-Western-Drehbücher berühmt wurde und den wunderbaren „Liebe und Tod im Garten der Götter“ inszenierte. Auch Lenzi selber schrieb mit. Bei diesem Triumvirat an hochtalentierten Autoren scheint der Spruch von den vielen Köchen, die den Brei verderben, leider zu stimmen, denn das Drehbuch ist ein ziemliches Durcheinander. Da gibt es unerklärte Lücken in der Handlung, dann wird recht holprig eine lange heist-Sequenz eingebaut und Nebenfiguren eingeführt, die dann entweder schnell wieder beseitigt oder schlichtweg vergessen werden. Vor allem enttäuscht aber das doch recht unspektakulär ausgefallene Finale. In den Einzelteilen ist der Film sehr unterhaltsam, als großes Ganzes passen diese aber nicht richtig zusammen und es knirscht im Getriebe. Immerhin aber wird diese Geknirsche durch großartige Musik übertönt, für welche Franco Micalizzi verantwortlich ist.

vlcsnap-00300vlcsnap-00306
Mit Blick auf die Besetzungsliste und die Verantwortlichen hinter der Kamera, sollte man mindestens einen „Citizen Kane“ des Polizieschi erwarten. Leider bleibt „Die Gewalt bin ich“ durch ein lückenhaftes und episodenhaften Drehbuch hinter den hohen Erwartungen weit zurück. Löst man sich von diesen, so liefert Umberto Lenzi solide Action-Unterhaltung mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung.

vlcsnap-00309vlcsnap-00310

Nachdem „Die Gewalt bin ich“ schon 2012 in einer wunderschönen Edition bei filmArt erschien, wurde nun noch einmal eine preisgünstigere Variante hinterher geschoben. Dabei muss der geneigte Käufer allerdings auf so schöne Extras wie den Audiokommentar mit Christian Kessler und Pelle Felsch, sowie die Featurettes „Saxxon -Die Gewalt bin ich“ und „Franco Micalizzi – A Conversation“ verzichten. Das Design der DVD wurde der Polizieschi-Reihe angepasst und statt der Extras der ursprünglichen Edition, gibt es jetzt lediglich Trailer für eben diese Reihe, sowie zu der ebenfalls bei filmArt erscheinenden Giallo-Serie. Nichts geändert hat sich an der hervorragenden Bildqualität des Filmes und den Tonspuren. Diese liegen wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Unterstützt von deutschen und englischen Untertiteln. Wer den Film noch nicht in der Sammlung stehen hat und auf die Extras verzichten kann, ist hier also bestens bedient.

Blu-ray-Rezension: “Töte, Django“

Von , 14. September 2014 18:34

djangoNach einem gemeinsamen Überfall wird eine Bande mexikanischer Banditen von ihren amerikanischen Partnern, die von Oaks (Piero Lulli) angeführt werden, exekutiert. Doch der Anführer der Mexikaner (Tomas Milian, im Original ein namenloser Fremder, in der internationalen Werbung „Django“ getauft) überlebt das Massaker und wird von zwei Indios gepflegt. Er folgt Oaks und seiner Bande in die Stadt „Unhappy Place“, wo diese bereits von den Einwohnern aufgehängt wurden. Nur Oaks kämpft noch um sein Leben, wird aber von Django tödlich verwundet. Django beschließt in der Stadt zu bleiben und wird bald Zeuge, wie die Bewohner der Stadt, allen voran der Barbesitzer Templer (Milo Quesada) und der Kaufmann Hagerman (Francisco Sanz), sowie der Großgrundbesitzer Zorro (Roberto Camardiel) mit seiner Armee hübscher, in schwarzes Leder gewandeten Leibwächter, versuchen an das Gold aus dem Überfall zu kommen, welches Oasks Bande in die Stadt gebracht hat und das seitdem verschwunden ist…

Töte, Django“ wird allgemein dem Genre des Italo-Western zugeschlagen. Und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Film alle Ingredienzien besitzt, die zu einer zünftigen Italo-Western-Suppe gehören. Eine Rachegeschichte, die Gier nach Gold, schöne Frauen, harte Kerle. Es wird auch viel geschossen in diesem Film. Doch was Spielfilmdebütant Giulio Questi aus einem scheinbar simplen Genrefilm geschaffen hat, sprengt die Grenzen des Genres und verwandelt „Töte, Django“ in einen surrealen Trip ins Purgatorium.

Questi ist einer der interessantesten Regisseure des italienischen Films, und es ist sehr schade, dass sein merkwürdiges, und sehr spezielles, Ouevre lediglich drei Spielfilme umfasst. Sein nächster Film „Die Falle“ gehört zum Genre des Giallo, aber ebenso, wie sich „Töte, Django“ nicht in die Schublade des Western pressen lasen will, sperrt sich die „Die Falle“ gegen eine eindeutige Charakterisierung, ist gleichzeitig Science Fiction und Farce. Nachdem Questi mit seinem dritten – dem Vernehmen nach ebenfalls überaus seltsamen – Spielfilm „Arcana“ dem Kino den Rücken kehrte, inszenierte er noch bis 1994 zahlreiche Kurzfilme und arbeitete für das Fernsehen.

„Töte, Django“ ist die Beschreibung einer Fahrt in die Hölle. Questi nimmt dabei Anleihen bei Experimentalfilm (insbesondere in der Montage der Flashbacks) und des surrealistischen Films. Tatsächlich nimmt er ähnliche Hybride vorweg. Filme wie Cesare Canevaris „Willkommen in der Hölle“ – mit dem er die albtraumhafte, hoffnungslose Stimmung teilt – und das surreale Meisterwerk „El Topo“, dessen korrupt-inhumane Westernstadt und das blutrünstige Finale von „Töte, Django“ inspiriert sein könnten. Questi findet Bilder, die direkt aus einer bedrückenden Traumwelt stammen könnten. Gleich zu Beginn kämpft sich ein geschundener Körper aus einem Massengrab. In der Stadt werden Kinder gequält oder spucken sich gegenseitig ins Gesicht. Hinter den Scheiben der Häuser nimmt man geduckte Schemen wahr. Die Stadt „Unhappy Place“ ist das Fegefeuer, durch das alle Figuren gehen müssen.Auch der von Tomas Milian gespielte Fremde, der hier nach seiner Wiederauferstehung weniger als Racheengel, als vielmehr an der Grausamkeit der Welt verzweifelnder Messias auftritt. Diese christliche Implikation wird auch visualisiert, wenn er in einer Gefängniszelle an ein Kreuz gebunden wird.

Der Fremde schaut verständnislos auf die Niedertracht und Schlechtigkeit seiner Mitmenschen. Tatsächlich gibt es kaum eine positive Gestalt in diesem Film. Die ganze Atmosphäre vibriert vor Heuchelei, Gier, Egoismus und Bosheit. Die Bösen werden von Menschen gerichtet, die sich selbst als rechtschaffend ausgeben, aber tatsächlich kein Deut besser sind als die Banditen. Ja, sie sind noch schlimmer als diese. Denn während die Banditen sich als genau das geben, was sie sind (skrupellose Mörder und Diebe), verstecken sich die ehrenwerte Bürgen hinter edlen Werte, die sie selber hinter verschlossenen Türen mit Füssen treten.

Die treibenden Kräfte in der Stadt sind dabei der Kapitalismus (Templer, der Inhaber der Bar) und der Glaube. Letzterer repräsentiert durch den Händler Hagerman, der zwar stetig das Wort des Herren und andere moralisch einwandfreie Gesinnungen im Mund führt, tatsächlich aber beim Anblick des Goldes zu sabbern anfängt, und seine eigene Tochter gefangenhält. Diesen beiden Institutionen, die vorgeben nur das Beste für die Allgemeinheit zu wollen, sich in Wahrheit jedoch nur selbst die Taschen vollstopfen, hält Questi einen Spiegel vor das Gesicht und entlarvt sie als das, was sie sind: Bigotte Schurken, die sich die Maske des edlen Menschen vors Gesicht halten, dahinter aber nur das gierige Monster verbergen. Und während die Beiden versuchen, sich ihre Vorteile zu erschleichen, steht der Großgrundbesitzer Zorro für den Staat, der mit seiner Armee/Polizei, sein großes Stück vom Kuchen einfordert. Doch treibt er, der Staat, es zu weit, droht ihm der Aufstand durch das Bürgertum, welches nicht für eine bessere Welt, sondern allein für seine eigene egoistischen Ziele kämpft.

Der von Tomas Milian dargestellt Fremde wandelt durch diese zutiefst nihilistische und grausame Welt. Seine Versuche ein Gleichgewicht herzustellen und die guten Seelen zu retten, müssen in dieser Vorhölle erfolglos bleiben. Der junge Evans, der die Unschuld der Jugend darstellt, wird von dem Vater betrogen und den Männer Zorros missbraucht. Er entschließt sich zum Selbstmord, den der Fremde nicht verhindern kann. Eine junge Frau, die die Liebe in diese finstere Welt bringt, muss elendig verbrennen. Selbst die Kinder bieten keine Hoffnung mehr, wenn im letzten Bild zwei Kinder „Folter“ spielen und das Mädchen den Jungen anbrüllt:“Schreien musst Du! Schreien!“.

Neben dem noch jungen Milian, der hier fernab seiner späteren, bis zum Anschlag aufgedrehten Clownerien mit einer stoischen Ruhe und einer resignierten Melancholie agiert, gibt es ein Wiedersehen mit Piero Lulli, der in zahlreichen Italo-Western den eleganten und intriganten Schurken gab. Auch hier ist sein Auftritt zunächst von der, für ihn typischen, selbstsicheren Arroganz und Gewissenlosigkeit geprägt. Dadurch wirkt seine Begegnung mit den Stadtbewohnern, die ihn an gieriger Grausamkeit noch überbieten, noch stärker und beängstigender. Auch Milo Quesada als Barbesitzer und vor allem Francisco Sanz als bigotter, vor Gier fast wahnsinniger Ladenbesitzer, wissen zu überzeugen. Nur Marilù Tolo bleibt blass. Zwar hat sie eine überaus dankbare Rolle als intrigantes Luder mit Lady McBeth-Attitüde, aber wirklich im Gedächtnis bleibt sie nicht. Dafür wird man sich an den damals gerade 16-jährigen Ray Lovelock in seiner ersten Filmrolle erinnern, dessen zartes, engelsgleiches Wesen in hartem Kontrast zu den Demütigungen steht, die er sogar noch als Leiche ertragen muss.

Kameramann Franco Delli Colli hält diesen Albtraum in ebenso ästhetischen, wie grausamen Bildern fest, die man so leicht nicht vergisst. Zudem verleiht er dem Film eine traumähnliche Stimmung und gestaltet den Film so, dass man sich an die visuell innovativen Horrorfilme der 70er Jahre erinnert fühlt. Tatsächlich fotografierte Delli Collie später sowohl den Polischetti/Giallo-Crossover „Der Tod trägt schwarzes Leder“ und Pupi Avtis unheimlichen „Zeder“, als auch Bruno Matteis Billig-Produktion „The Riffs 3 – Die Ratten von Manhatten“. Dem brutalen, visuellem Reichtum steht eine Filmmusik gegenüber, die einerseits mit typischen Elementen eines Italo-Western-Soundtracks spielt, diese aber auch immer wieder durch schräge, experimentelle Klänge bricht.

Für Freunde eines wagemutigen, den Konventionen widersprechenden Kinos ist „Töte, Django“ ein Muss. Um so schöner, dass filmArt den Film nun in einer edlen Blu-ray-Edition veröffentlicht hat. Das in HD-remasterte Bild ist umwerfend schön und der Film erstrahlt in dem Glanz, der ihm angemessen ist. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch in Stereo und in Englisch in einer Mono-Version vor. Szenen, die in der deutschen Kinofassung geschnitten waren, liegen auf Italienisch mit Untertiteln vor. Extras beinhalten die alte deutsche Kinofassung, die 3,5 Minuten kürzer ist. Hier wurden die deutschen Titel scheinbar von einer alten Kinorolle übernommen, während mir der Rest mit der ungekürzten HD-Fassung identisch scheint. Hier hätte ich mir allerdings aus Nostalgiegründen den ganzen Film im „Kinolook“ gewünscht. Leider wurden für die Extras nicht auch die Interviews mit Guilio Questi,Tomas Milian und Ray Lovelock der amerikanischen Blu-ray von Blue Underground übernommen. Dafür hat man für diese Veröffentlichung exklusives Material in Form einer 26-minütigen Featurette mit dem Titel „Ray Lovelock in Coversation“ (Italienisch mit deutschen Untertiteln) produziert, in der ein gut aufgelegter Ray Lovelock über seine Anfänge beim Film berichtet. Ebenfalls erwähnenswert ist das wunderschöne Booklet, welches neben einem informativen Essay von Pelle Felsch, das deutschem Werbematerial der Erst- und Wiederaufführung enthält. Alles in allem eine sehr schöne, essenzielle Veröffentlichung.

DVD-Rezension: “Die Killermafia”

Von , 10. Dezember 2013 21:25

Die-Killermafia

Inspektor Giorgio Solmi (Luc Merenda) untersucht den Mord an einem Erpresser. Obwohl die Indizien darauf hindeuten, dass der Mann von einer jungen Prostituierten umgebracht wurde, finden sich bald schon Hinweise darauf, dass hinter der Sache mehr steckt. Je mehr sich Solmi in den Fall verbeißt, desto gefährlicher wird es für ihn. Den hinter dem scheinbaren Routinefall steckt eine groß angelegte, politische Intrige, die bereits drei hochrangigeren Offiziere das Leben kostete…

vlcsnap-00331vlcsnap-00332

Während der 70er Jahre sorgten in Italien die linken Roten Brigaden für Angst und Schrecken. Auf der anderen Seite kam es zu Attentaten neofaschistischer Extremisten, an denen auch die Geheimdienste beteiligt waren. In dieser unsicheren Zeit mit instabilen Verhältnissen, schwebte über Italien das Damokles-Schwert eines Putsches. Tatsächlich versuchten bereits 1964 einige Carabinieri-Offiziere den Staat zu stürzen. In dieser als „bleierne Zeit“ bekannten Ära, wurde ein Genre in Italien populär, das diesen Zeitgeist aufnahm und ganz unterschiedlich verarbeitete: Der Poliziesco. Damiano Damiani drehte seine paranoiden Thriller, in denen es um die Verstrickung der Politik und der Mafia ging, und der Staatsmacht durch Korruption und Einschüchterung die Hände gebunden ist. Umberto Lenzi oder Stevio Massi wiederum etablierten die Figur des entfesselten Polizisten, häufig gespielt von Maurzio Merli, der ohne Rücksicht auf Regeln und Gesetze die Gewalt auf den Straßen mit Gegengewalt beantwortet.

vlcsnap-00338vlcsnap-00341

Sergio Martino nahm 1975 beide Strömungen des Poliziesco auf und verband sie in seinem Film „Die Killermafia“. Hier gibt es einerseits den Kommissar, der notfalls auch mit Gewalt durchgreift, andererseits zeigte Martino aber auch die allgegenwärtige Angst vor einem rechtsextremen Staatsstreich und die Verquickung des Geheimdiensts mit dem rechten Terror. Nicht umsonst heißt der Film im Original: „Die Polizei klagt an – Der Geheimdienst tötet“. Der pessimistische Ton, den Martino dabei anschlägt, rückt ihn in die Nähe seiner großen Kollegen Damiani und Francesco Rosi, allerdings ohne deren Qualität zu erreichen. Martinos Film bleibt trotz seines politischen Statements in erster Linie ein actionreicher Unterhaltungsfilm. Wobei die Action lange auf sich warten lässt. Zunächst zeigt Martino in aller Ruhe die Polizeiarbeit und das komplizierte Netz von Abhängigkeiten und Intrigen, das hinter einer Reihe von Morden liegt, die von Inspektor Giorgio Solmi untersucht werden.

vlcsnap-00340vlcsnap-00343

Solmi wird von dem Franzosen Luc Merenda gespielt, einem ehemaligen Modell. Meranda spielt den Inspektor etwas steif und ohne das Charisma eines Merli. Trotzdem gehört er zum Stammensemble Martinos, der ihn nicht nur in seinem Giallo „Säge des Teufels“, sondern auch seinen beiden folgenden Polizieschi einsetzte. Als internationaler Star wurde Merenda Mel Ferrer zur Seite gestellt, der zu dieser Zeit häufig in Italien drehte. Ferrer macht das, was er in diesen Filmen häufig macht. Ohne große mimische Anstrengungen schlafwandelt er aristokratisch durch den Film, und nur seine unbestreitbare Ausstrahlung rettet seine Figur davor, gänzlich uninteressant zu sein. Tatsächlich ist auf Seiten der Polizei der Gehilfe Solmis, De Luca, die lebendigste Figur. Ständig lamentiert er, dass er für einen kärglichen Lohn und einen Mangel an Respekt sein Leben aufs Spiel setzen soll und seine Familie vernachlässigen. So wird es im wahren Leben sicherlich vielen Polizeibeamten gegangen sein und noch immer gehen. Ein Einfallstor für Korruption und laxen Umgang mit den Gesetzen. Noch immer ein großes Problem, nicht nur in Italien. Gianfranco Barra verleiht dem ein Gesicht, auch wenn es am Ende jemand anderer ist, der der Versuchung nicht widerstehen kann.

vlcsnap-00339vlcsnap-00356

Tomas Milian beweist in der Rolle des Captain Sperli einmal mehr seine Vielseitigkeit. Hatte man ihn zuvor gerade in der filmArt-Veröffentlichung „Die Kröte“ als krakeelender Monezza oder durchtriebener Buckliger gesehen, so ist er hier nicht wiederzuerkennen. Mit ungewohnter Frisur und Barttracht gibt er den Sperli mit einer für ihn unglaublichen Ruhe. Ja, man kann sogar sagen, er „unterspielt“ ihn, wo Milian doch in vielen seiner Filme dazu neigt, seine Charaktere „bigger then life“ zu zeichnen. Was allerdings auch dazu führt, dass sein Sperli nicht unbedingt im Gedächtnis hängen bleibt. Hätte Milian Sperli allerdings dämonisch oder überzogen dargestellt, so wäre dies ein Verrat an der Rolle gewesen. Sperli ist ein normaler Beamter, der es versteht, seine wahren Überzeugungen gut zu verbergen. Gegen Ende des Filmes gibt es einen interessanten Dialog zwischen Solmi und ihm, in dem es um die damalige Situation in Italien geht, und Sperlis Argumente für sein Handeln durchaus ambivalent dargestellt werden. Hätte Milian also den Sperli zu sehr auf „Bösewicht“ angelegt, würde die Wirkung dieser Schlüsselszene einfach verpuffen.

vlcsnap-00348vlcsnap-00361

Nach der Hälfte des Filmes eröffnet eine wilde und rasant choreographierte Verfolgungsjagd den actionreicheren Teil des Filmes, der schließlich in einer großen Schlacht zwischen Polizei und Terroristen gipfelt. Zwar ist die Autoverfolgungsjagd nicht so perfekt wie bei Lenzi und die Schießereien nicht so dynamisch wie bei Castellari, aber Martino zieht sich gut aus der Affäre. Wo seine wahren Stärken liegen, sieht man aber in einer Szene, der eine junge Frau vor den Handlangern der Bösen flieht und in eine Telefonzelle flüchtet. Das erinnert stark an seine brillanten Gialli und ist dementsprechend intensiv inszeniert. Ebenfalls erwähnenswert ist der überraschende Schlussakkord in Moll, der ein enorm pessimistisches Weltbild transportiert und entweder als deutliche Warnung Martinos an seine italienischen Landsleute oder als Akt der Resignation verstanden werden kann.

vlcsnap-00350vlcsnap-00353

„Die Killermafia“ droht sich in der eher bedächtigen ersten Hälfte etwas in seinem komplizierten Intrigengeflecht zu verheddern, legt in der zweiten Hälfte dann deutlich an Tempo zu und unterhält kurzweilig. Der gesellschaftskritische Ansatz gerät dabei dann allerdings zugunsten rasanter Actionszenen etwas in den Hintergrund. Martino ist eben kein Damiani, weshalb seine Botschaft etwas grobschlächtig und wenig subtil an den Adressaten gerichtet ist. Es gelingt ihm aber recht gut, seine bittere Gesellschaftskritik mit dem Unterhaltungsfilm zu verbinden.

vlcsnap-00365vlcsnap-00360

Die filmArt-DVD scheint aus unterschiedlichen Quellen montiert. Manche Szenen wirken etwas milchig-unscharf, während zwar gestochen scharf sind, dafür aber leichte Filmschäden wie schwarze Lauffäden aufweisen. So ist das Bild im Format 1:2,35 leider nur als durchschnittlich zu bezeichnen. Der Ton liegt, wie schon bei „Die letzte Rechnung schreibt der Tod“ aus lizenzrechtlichen Gründen wieder nur auf Deutsch vor. In der alten deutschen Fassung fehlende Szenen sind auf Italienisch mit deutschen Untertiteln eingefügt. Man kann im Menü eine Variante des Filmes mit verlängerter Anfangssequenz einstellen. Diese stammt augenscheinlich von einem VHS-Master und ist nur windowboxed vorhanden. Der erweiterte Anfang unterscheidet sich in den Credits und vor allem einigen blutigen Details von dem Auftakt der „normalen“ Fassung. Als Extras gibt es den alternativen deutschen Filmanfang, den italienischen Trailer, sowie ein sehr informatives und gut geschriebenes Booklet von Michael Cholewa.

DVD-Rezension: “Die Kröte“

Von , 21. November 2013 20:08

kröte

Der buckelige Kleingangster Vincenzo Marazzi (Tomas Milian) kehrt aus seinem Exil auf Korsika zurück. In Rom angekommen, tut sich gleich wieder mit seiner alten Bande zusammen, um einen Geldtransport zu überfallen. Doch seine ehemaligen Partner haben andere Pläne als er, und versuchen Vincenzo während des Überfalls zu erschießen. Doch Vincenzo überlebt und bereitet mit Hilfe seiner Geliebten, der Prostituierten Maria (Isa Daniela), seine Rache vor. Unterstützung erhält er dabei auch von seinem Zwillingsbruder Sergio „Monnezza“ Marazzi (ebenfalls Tomas Milian), der ihm die Polizei in Gestalt des Kommissars Sarti (Pino Colizzi) vom Leib hält.

vlcsnap-00183vlcsnap-00184

Mit „Die Kröte“ legte das Gespann Umberto Lenzi (Regie) und Tomas Milian (Hauptdarsteller) ihre letzte gemeinsame Zusammenarbeit vor. Dabei griffen sie auf die beiden Hauptfiguren aus den zuvor entstanden Filmen „Das Schlitzohr und der Bulle“ und „Die Viper“ zurück. Damit führten sie ihre gemeinsame Kollaboration auf einen Höhepunkt. In „Der Bulle und das Schlitzohr“ hatte Milian die Figur des „Monnezza“ etabliert. Einen lauten, vulgären Typ, der gerne seine scheinbare Naivität in den Vordergrund stellt, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Die Figur war so erfolgreich, dass sie in dem vom Stelvio Massi ein Jahr später inszenierten „Die Gangster-Akademie“ wieder auftauchte. Ihr zur Seite gestellt wird der „Bucklige von Rom“ Vincenze Moretti, der hier hier in Vincenzo Marrazi umbenannt wurde und als 10 Minuten älterer Zwillingsbruder von Monnezza vorgestellt wird. Gegenüber seinen ersten Auftritt in „Die Viper“ ist Vincenzo hier kein brutaler, schießwütiger Killer, sondern ein besonnener, wenn auch weiterhin missgelaunter kleiner Gangster. Auch wird sein Hass auf die Welt durch seine Missbildung erklärt und diese nicht als äußeres Zeichen von Bösartigkeit präsentiert. Vincenzo ist ein rüder, aber auch tragischer Charakter, den man im Laufe des Filmes so gut kennenlernt, dass man mit ihm mitzufühlen kann. Insbesondere sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder – so widersprüchlich es auch scheinen mag – sorgt am Ende dafür, dass man eine kleine Träne im Augenwinkel hat.

vlcsnap-00193vlcsnap-00196

Während Lenzis anderen Poliziotteschi oftmals episodenhaft wirken und durch perfekt inszenierte Action auffallen, ist „Die Kröte“ ein eher ruhiger Film. Zwar setzt Lenzi auch hier seine Markenzeichen, wie die rasanten, realistisch in Szene gesetzten Autoverfolgungsjagden, ein, doch die Actionszenen sind eher spärlich gesät. Was auch daran liegt, dass der Hauptfigur Vincenzo kein markanter Gegenspieler entgegen gesetzt wird. Einen Maurizio Merli, der sich prügelnd und ballerend durch die Unterwelt walzt, sucht man hier vergebens. Es gibt zwar einen Kommissar, doch dieser ist sehr viel realistischer als der „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“-„Merli gezeichnet. Er legt wert auf korrekte Ermittlungen und gesteht selbst dem schlimmsten Verbrecher ein faires Verfahren zu. Für einen Merli undenkbar. Dies hat auch zur Folge, dass die Polizei in den Hintergrund tritt und Milian sehr viel mehr Raum bekommt, seine Figur des Vincenzo zu entwickeln. Was er auch in vollen Zügen ausnutzt, denn Milian schrieb die Dialoge seiner Figur Vincenzo und Monezza selber und baute darin nicht gerade wenig Sozialkritik ein. Legendär schon Monnezzas Ausspruch: „An dem Tag an dem aus Scheiße Gold wird, wird der erste Arme ohne Arsch geboren“.

vlcsnap-00218vlcsnap-00195

Höhepunkt des Filmes ist der Besuch Vincenzos mit seiner Geliebten Maria (handfest und praktisch veranlagt dargestellt von einer sympathischen Isa Danieli) in einem feinen Nachtclub. Als Maria tanzen möchte, fragt sie Vincenzo zunächst, ob es ihm was ausmacht, wenn sie mit einem seiner Bandenmitglieder tanzen würde. Vincenzo fragt sie, warum sie nicht ihn auffordere und sie sagt ihm ehrlich, sie dächte es wäre ihm aufgrund seiner körperlichen Behinderung unangenehm. Doch Vincenzo entgegnet, dass das Quatsch wäre. Er würde seiner lieben Maria einen tollen Abend bieten wollen und mit ihr gemeinsam Spaß haben. Man ahnt wie es ausgeht. Und tatsächlich: Das Pärchen wird von den Reichen und Schönen begafft und bald schon fängt man an, sich über Vincenzo und seinen Buckel lustig zu machen. Als es ihm zu viel wird, legt Vincenzo selber noch einen drauf und gibt für die gackernde Menge den Hofnarren. Hätte der Vincenzo aus „Die Viper“ nun ein Blutbad angerichtet, so geht diese Inkarnation weitaus subtiler vor. Statt seine Peiniger mit Blei vollzupumpen, wählt er einen anderen Weg: Er macht sie lächerlich und peinlich. Gewalt ist eben nicht immer die Lösung für alles.

vlcsnap-00214vlcsnap-00216

Vincenzos Zwillingsbruder Monnezza wird ebenfalls von Tomas Milian gespielt. Im Blaumann und mit einer unglaublichen Afroperücke, so wie er etwas später auch in der populären Komödien-Reihe um den „Superbullen“ Nico Giraldi (in der deutschen Fassung Toni Marroni) aussehen sollte. Eigentlich ist der vorlaute und proletenhafte Monnezza eine ideale Witzfigur, doch so spielt Milian ihn nicht. Trotz seiner unflätigen Ausdrucksweise und seinem gestenreichen Auftreten, ist Monnezza eine Figur aus Fleisch und Blut. Sie wird nicht auf oberflächlichen Witz reduziert, sondern bekommt gerade in den Szenen mit dem geliebten Bruder Vincenzo Tiefe. Auch wird deutlich, dass er seine scheinbaren Naivität und „Verrücktheit“ als Schutzschild gegen diejenigen verwendet, die ihm nicht wohlgesonnen sind oder seine Pläne durchkreuzen wollen.

vlcsnap-00209vlcsnap-00212

Wie Milian diese beiden optisch sehr unterschiedlichen Charaktere spielt, ist sehenswert. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, es handele sich um zwei Schauspieler, so verschieden sind die Figuren auch in Mimik und Gestik. Das diese Trennung in zwei Charaktere so überzeugend geschieht, ist auch der deutschen Synchronstimme, dem 2007 leider viel zu früh verstorbenen Randolf Kronberg, zu verdanken. Kronenberg war die deutsche Stimme von Edie Murphy und mit dieser „Quietschstimme“ spricht er auch den Monnezza. Vincenzo spricht er sehr viel dunkler und bedrohlicher. Führt man sich vor Augen, dass Kronberg auch Michael Landon in der TV-Serie „Ein Engel auf Erden“, Dr. „Pille“ McCoy in „Raumschiff Enterprise“ oder Bürgermeister Quimby in den „Simpsons“ sprach, wird einem seine großen Stimmkunst erst so richtig bewusst.

vlcsnap-00202vlcsnap-00203

„Die Kröte“ wartet nicht mit den großen Actionszenen und Gewaltausbrüchen, wie Lenzis vorherigen Poliziotteschi, auf. Der Film konzentriert sich vornehmlich auf die Charakterisierung seiner beiden Hauptfiguren Vincenzo und Monnezza, die beide auf großartige Art und Weise von einem gut aufgelegtem Tomas Milian verkörpert werden. „Die Kröte“ ist gleichzeitig ein Höhe-, wie auch würdiger Schlusspunkt aus der Spätphase des Genres. Danach verkam der Poliziottesco – ebenfalls mit Tomas Milian als Protagonisten – immer mehr zu einer Travestie. Aber in „Die Kröte“ zeigen Regisseur Lenzi und Hauptdarsteller Milian noch einmal eindrucksvoll, zu welchen Höchstleistungen sie beide fähig waren.

vlcsnap-00219vlcsnap-00199

Die filmArt-DVD ist empfehlenswert. Auch wenn die Kopie offensichtlich von einer gut erhaltenen Kinorolle gezogen wurde und manchmal leichte Bildschäden aufweist, sind doch Schärfe und Farbe ohne Fehl und Tadel. Auch der Ton ist einwandfrei. Das Bild hat das Format 1:2,35, der Ton liegt in Deutsch, Englisch und Italienisch (mit hinzu schaltbaren Untertiteln) vor. Als Extras gibt es den Trailer, sowie weitere Trailer für Filme aus dem filmArt-Programm. Highlight ist der zweite Teil eines Interviews mit dem Komponisten Franco Micalizzi, der bei dem Film den richtigen Beat sorgte. Dieses geht 25 Minuten und ist sowohl interessant, als auch durch die sympathische Art Micalizzis sehr unterhaltsam. Ferner liegt der DVD ein sehr gut geschriebenes und informatives Booklet von Dr. Markus Stiglegger und Ivo Ritzer bei.

Western Unchained: „Navajo Joe“ & „Tepepa“

Von , 1. März 2013 15:31

navajojoe

Die Bande des Banditen Duncan (Aldo Sambrell) ermordet wahllos Indianer und verkauft ihre Skalps. Als sie das Dorf des jungen Indianers Joe (Burt Reynolds) niedermachen, setzt sich dieser auf ihre Fährte, um blutige Rache zu üben. Als die Banditen einen Zug überfallen und eine halbe Million Dollar stehlen, nimmt Joe ihnen die Beute ab und bringt das Geld zu seinem Bestimmungsort, eine abgelegene Stadt am Rande der Zivilisation. Dort bietet er den Einwohnern an, sie gegen die Banditen zu verteidigen. Obwohl diese dem Indianer nicht trauen und mit offener Feindseligkeit entgegentreten, sind sie doch bald gezwungen, Joes Angebot anzunehmen…

vlcsnap-00467vlcsnap-00473

Burt Reynolds bezeichnet „Navajo Joe“ als den schlechtesten Film, den er je gemacht hat. Er würde wohl nur in Gefängnissen und auf Schiffen gezeigt werden, weil dort niemand weglaufen könne. Wie Reynolds zu diesem Urteil kommt, lässt sich nur vermuten. Scheinbar hatte er bei der Annahme der Hauptrolle geglaubt, Sergio Corbucci wäre mit Sergio Leone identisch und war deshalb enttäuscht. Möglicherweise waren auch die Dreharbeiten kein Zuckerschlecken. Wenn man die Stunts sieht, die Reynolds offensichtlich selbst ausführt, dann kann man sich gut vorstellen, dass die Dreharbeiten für den Amerikaner sehr anstrengend und auch schmerzhaft waren.

vlcsnap-00479vlcsnap-00487

Natürlich ist „Navajo Joe“ kein schlechter Film. Sicherlich nicht Corbuccis Bester, aber gut, harte Unterhaltung. Reynolds sieht als Indianer Joe in der Tat etwas merkwürdig aus, was an dem übertriebenen Make-Up und der unpassend-albernen Perücke liegt. Zudem merkt man ihm an, dass er nicht mit dem Herzen dabei ist. So wird ihm die Show dann auch von dem großartigen Aldo Sambrell gestohlen, der sich mit Leib und Seele in die Rolle des bösen Halbbluts Duncan wirft. Die Actionszenen sind – wie immer bei Corbucci – sehr solide umgesetzt, und mit der Gewalt wird auch nicht gerade zimperlich umgegangen, was „Navajo Joe“ ein FSK 18 einbrachte.

vlcsnap-00497vlcsnap-00499

Der heimliche Star des Filmes ist Ennio Morricones Musik, die er unter dem Pseudonym Leo Nichols beigesteuert hat. Das Titelthema ist schlichtweg himmlisch und das unvergessliche Hauptthema fand auch prominent in Tarantions „Kill Bill“-Saga und Alexander Paynes „Election“ Verwendung. „Navajo Joe“ ist für Fans des Genres definitiv ein Must-See, auch wenn der Film nicht ganz an die großen Glanztaten seines Regisseurs heranreicht.

vlcsnap-00484vlcsnap-00485

Auch „Navajo Joe“ (Nummer 9 auf Tarantinos Top 20 Liste) ist ein Repack. Als Extras ist, wie bei der Erstveröffentlichung, das 11-minütige Featurette „On Behalf of American Indians“ an Bord, in dem Filmkritiker Antonio Bruschini das Werk bespricht. Die etwa 30-minütige Doku „An Indian Named Joe“ besteht aus Interviews mit Rugero Deodato (der hier als Regieassistent tätig war), Sergio Corbuccis Frau Nori und der Schauspielerin Nicoletta Machiavelli. Wie bei „Mercenario“ gibt es auch hier einen Vergleich der Drehorte gestern und heute (6 Minuten). Das Bild könnte etwas schärfer sein, ist aber sonst absolut in Ordnung. Der Ton liegt wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. „Navajo Joe“ ist auch auf BluRay erschienen.

 

tepepa

Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der ehemalige Revolutionär, Jesus Maria Moran (Tomas Milian), genannt Tepepa, steht bereits vor dem Exekutionskommando des Oberst Cascorro (Orson Welles), da rettet ihm der Engländer Dr. Henry Price (John Steiner) das Leben. Doch dies tut dieser nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil er in Tepepa den Mann vermutet, der am Tod seiner Verlobten Schuld ist. Und diesen will er eigenhändig umbringen. Doch Tepepa gelingt es immer wieder, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Enttäuscht von einer Revolution, die den Armen des Landes nichts eingebracht hat, sammelt Tepepa seine Männer um sich und beginnt erneut, gegen die Armee zu kämpfen…

vlcsnap-00601vlcsnap-00593

Tepepa“ ist eine ideale Ergänzung zu „Mercenario“. Der Film ist ebenfalls ein Revolutions-Western, Giulio Petroni geht aber weitaus ernster und weniger episodenhaft als Corbucci zur Sache. Diesmal schlüpft wieder Tomas Milian in eine Rolle, die er so oder in ähnlicher Form, oft verkörperte. Der ungebildete Bauer, der in die Wirren der Revolution geworfen wird. Hier spielt Milian aber weitaus ernsthafter als z.B. in „Zwei Companeros“. Sein Tepepa weiß, was er will, und er versteht, was Revolution ist. Zwar lässt auch er, wenn er die Möglichkeit erhält, keine Gelegenheit vorübergehen, sich selbst etwas Gutes zu tun, aber generell hat er in erster Linie das Wohl seiner Leute und den Kampf für soziale Gerechtigkeit im Sinn. Dabei spielt Milian weitaus weniger „krakelig“, als man es von ihm in solchen Rollen gewohnt ist.

vlcsnap-00604vlcsnap-00598

Auch der Humor hält sich in Grenzen. Nur über Milians eigenwillige Art, seinen Sombrero zu tragen, sollte man besser hinwegsehen. Dadurch wirkt die Figur alberner, als sie eigentlich angelegt ist. Auch in Tepepa taucht wieder ein Gringo auf, der das für ihn exotische Geschehen mit kühlen, westlichen Augen sieht. Der junge John Steiner erinnert hier vom Aussehen noch stark an Peter O’Toole zu Lawrence-von-Arabien-Zeiten. Seine Rolle ist aber etwas verschenkt. Zwar wird ihm eine Rachegeschichte untergeschoben, viel zur Handlung trägt er allerdings nicht bei. Hier und da darf er Tepepa retten oder sich die ganze Geschichte aus der Distanz ansehen, aber bis auf das Ende ist sein Dr. Price eigentlich unwichtig, wenn auch nicht störend.

vlcsnap-00616vlcsnap-00627

Aber wie Franco Nero als Kowalski in „Mercenario“ oder Gian Maria Volonté in „Von Angesicht zu Angesicht“ ist er mal wieder ein „Kapitalist“, der sich nur in Mexiko aufhält und bei der Revolution lediglich mitmischt, weil er einen eigenen Vorteil sucht. Wenn auch hier keinen monetären, sondern die Befriedigung seiner Rache. Milians Figur Tepepa ist sehr vielschichtig angelegt. Obwohl Held der Geschichte, und damit eigentlich Sympathieträger, erlaubt er sich einige folgenschwere Fehltritte und Grausamkeiten, die man zwar objektiv nachvollziehen kann, einen aber trotzdem erschüttern. Auch seine Einstellung Frauen gegenüber spricht nicht dafür, dass er tatsächlich alle Menschen als gleichwertig ansieht. Doch genau diese Widersprüche machen ihn interessant.

vlcsnap-00612vlcsnap-00614

Als Antagonist wurde der große Orson Welles verpflichtet, der seinen Stiefel routiniert runter spielt, aber merklich wenig mit dem Herzen involviert ist. Im Vergleich zu „Mercenario“ ist Tepepa der ruhigere und auch ernsthaftere Film. Der Zynismus eines Corbucci geht Giulio Petroni völlig ab, vielmehr meint man eine gewisse Melancholie zu verspüren, dass die Armen am Ende immer die Betrogenen sind und sich an den herrschenden Verhältnissen nichts ändert, sondern nur die Köpfe oben ausgetauscht werden.

vlcsnap-00608vlcsnap-00626

„Tepepa“ ist nun erstmals in Deutschland auf DVD veröffentlicht worden. Auf der Tarantino Liste steht er auf Platz 17. Im Kino und auf VHS war der Film bisher immer massiv gekürzt. Überhaupt war es bisher sehr schwierig, den Film überhaupt einmal ungeschnitten zu sehen zu bekommen, da auch die internationalen Veröffentlichungen gekürzt waren. Hier nun liegt er erstmals in voller Länge vor, worauf Regisseur Giulio Petroni direkt nach dem Start der DVD mit einem kurzen Grußwort aufmerksam macht. Giulio Petroni hat für diese Veröffentlichung auch einen Audiokommentar eingesprochen. Die 30-minütige Doku „Freude und Revolution“ besteht aus einem Interview mit Regisseur Giulio Petroni und einem Audiointerview mit Tomás Milian. Milian macht in seinem Part allerdings einen ausgesprochen selbstverliebten Eindruck, was sich aber auch mit den Schilderungen Petronis deckt. Von der dreiminütigen entfallenen Szene ist kein Ton mehr enthalten. Sie wird von Petroni kommentiert. Der alternative Vorspann und zwei Trailer zum Film runden die Extras ab. Das Bild ist sehr gut, der Ton wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch dabei. Leider „jault“ der deutsche Ton etwas. Was man zwar in den Dialogen nicht bemerkt, was aber bei Morricones grandioser Musik auffällt. Eine BluRay ist auch erschienen.

Panorama Theme by Themocracy