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Blu-ray-Rezension: „Das Grauen aus der Tiefe“

Von , 11. Januar 2017 20:49

das-grauen-aus-der-tiefeIn dem beschaulichen Fischerdorf Noyo an der Westküste der USA passieren merkwürdige Dinge. Ein Boot fliegt scheinbar ohne Grund in die Luft und unschuldige Hunde werden bestialisch abgeschlachtet. Schließlich verschwinden noch einige junge Menschen. Der Mob der Stadt unter Führung des rassistischen Hank Slattery (Vic Morrow) machen Johnny Eagle (Anthony Pena), einen Indianer, für die Vorfälle verantwortlich. Johnny behauptet jedoch, ein fischähnliches Monster gesehen zu haben. Bald schon macht er sich zusammen mit Dr. Susan Drake (Ann Turkel) und seinem Freund Jim Hill (Doug McClure) auf die Suche, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Schnell werden sie fündig und bekommen heraus, dass die Fischmonster genmanipulierte Lachse gegessen haben und zu menschenähnlichen Wesen mutiert sind, die sich fortpflanzen wollen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

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Die 80er Jahre haben viel hervorgebracht, was in den ach so coolen 90ern verlacht wurde, sich heute aber wieder seinen Platz in den Herzen der Filmfreunde zurückerobert. Insbesondere der B-Film der frühen 80er erfreut sich wieder einer großen Beliebtheit. Und ein hervorragendes Beispiel für eben diese B-Filme ist der unglaubliche „Das Grauen aus der Tiefe“, dessen Originaltitel „Humanoids from the Deep“ wie ein Misfits-Song klingt. Produziert wurde dieser kleine Kultfilm von der Legende Roger Corman für seine damalige Produktionsgesellschaft New World Pictures. Die Regie übernahm überraschenderweise eine Frau – zumindest offiziell, dazu später mehr – und die Darstellerriege wird vom alten Cowboy Doug McClure angeführt, dessen besten Jahre damals auch schon etwas zurücklagen. Und es geht um Fischmonster aus dem Meer, die an Land junge, hübsche Mädchen jagen und vergewaltigen. Also ein Stoff, aus dem Exploitation-Träume sind. Dementsprechend erfolgreich war der Film dann auch. So erfolgreich, dass 1996 sogar ein Remake folgte.

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Zunächst einmal klaut sich „Das Grauen aus der Tiefe“ durch die Filmgeschichte. Gleich der Anfang erinnert mit seinen Kameraeinstellungen und der Musik frappierend an „Der weiße Hai“, die frauenverrückten Fischwesen sind natürlich Verwandte des „Schreckens vom Amazonas“, die Umweltproblematik hat man schon in „Piranhas“ und „Die Prophezeiung“ gehabt, die Hinterwäldler kennt man aus Filmen von „Wer Gewalt säht“ bis „Beim Sterben ist jeder der Erste“ und am Ende guckt noch das „Alien“ vorbei. Aber das stört alles nicht, sondern macht ganz im Gegenteil den Charme dieses kleinen, schmutzigen B-Films aus, der vor allem auf ein setzt: Blut und Titten. Letzteres dürfte aber nicht auf dem Mist seiner Regisseurin Barbara Peeters gewachsen sein. Wenn man den Ausführungen der Beteiligten in den Making-Ofs Glauben schenkt, ist „Das Grauen aus der Tiefe“ ein Fall von Zwei-Filmen-in-Einem. Während Peeters einen sehr straighten und düsteren Monsterfilm mit dem Titel „Beneath the Darkness“ drehte, schickte Corman ein zweites Team unter der Führung von Jimmy T. Murakami los, welchen einen komplett anderen Film dreht, der sehr viel mehr mit hemmungsloser Exploitation zu tun hatte. Als Barbara Peeters das Ergebnis sah, welches Cutter Mark Goldblatt (später Regisseur des Lundgren’schen „Punisher“) aus den beiden Elementen zusammengefrickelt hatte, war sie entsetzt. Neben den extrem blutiger Monster-Angriffen im Schutze der Nacht, gab es jetzt auch plötzlich noch Szenen, in denen die Fischmonster am helllichten Tag ihren knackigen, jungen, weiblichen Opfern den Bikini vom Leib rissen und sich um die Fortpflanzung kümmerten. So wild das Ergebnis dies Mash-Ups auch war, Corman landet damit einen Hit.

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Für einen jungen James Horner, der sich später zu einem der größten Filmkomponisten Hollywoods mauserte und für „Titanic“ den Oscar gewann, war „Das Grauen aus der Tiefe“ die erste größere Arbeit. Seine Musik verlieht dem Geschehen eine epische Ernsthaftigkeit, die fast gar nicht zu dem Geschehen auf der Leinwand passen will, dieser aber auch nach weit mehr aussehen lässt. Geschickt verwendet Horner auch Motive aus den Vorbildern bei denen sich „Das Grauen aus der Tiefe“ bedient. Geschäftsmann der er ist, verwendete Corman Teile des edlen Scores dann auch in späteren Produktionen. Was auch für einige Action- und Monsterszenen gilt, die dann teilweise in „Der Vampir aus dem All“ auftauchen. Mit seinen gerade Mal 80 Minuten lässt „Das Grauen aus der Tiefe“ auch keine Langweile aufkommen. Ständig ist was los. Es gibt Schlägereien, fiese Brandanschläge, es wird sich beim Slasherfilm bedient und wenn schließlich die Monster beim großen „Lachsfest“ zuschlagen, sorgt Daniel Lacambres gute Kamera und Mark Goldblatts Talent als Cutter dafür, dass die drei Männer in Gummikostümen aussehen wie eine Armee Fischmenschen.

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„Das Grauen aus der Tiefe“ ist ein 80er-Jahre-B-Film at it’s best. Eine abstruse Handlung, die ordentlich aus anderen Filmen zusammen klaut, viel Sex, deftige, handgemachte Effekte und das alles sauber mit einigen Veteranen in den Hauptrollen inszeniert. Das macht Spaß und weckt nostalgische Gefühle.

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Die Luxus-Ausstattung, die OFDb Filmworks diesem Film angedeihen ließ, ist fast schon zu edel für dieses kleine, aber feine B-Filmchen. Auf drei Scheiben finden sich neben dem Film auf Blu-ray und DVD zahlreiche Extras. Der Film selber hat gleich zwei Audiokommentare spendiert bekommen. Einen vom Cutter Mark Goldblatt und einen vom bewährte Team Kai Naumann & Marcus Stiglegger. Ein sehr informatives „Making Of“ strotzt nur so vor Anekdoten und bringt in seinen nur 23 Minuten ein Maximum an Wissenswertem unter. Ferner gibt es noch zwei Featurettes mit Sound Designer David Lewis Yewdall (15 Min.) und Creature Effects Artist Steve Johnson (22 Min.), die beide auf sehr unterhaltsame Weise nicht nur ihre Spezialbereiche näher beleuchten, sondern auch etwas über ihren Werdegang und die ihre Arbeit an sich erzählen. Wie schon bei „Thief“ hat sich OFDb Filmworks auch hier eine einstündige Episode der Reihe „The Directors“ gesichert. Diesmal handelt sie von Roger Corman. Neben einem sehr kurzem Interview von Leonard Maltin mit Roger Corman (knapp vier Minuten), gibt es noch Trailer, TV-Spots und sonstiges Werbematerial. Des weiteren liegt noch ein 16seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch bei, der sich allerdings weniger um den Film als vielmehr um die „Beach Party“-Serie aus den 60ern dreht. Auch wenn „Horror of Beach Party“ an einigen Stellen immer wieder als Vorbild für „Das Grauen aus der Tiefe“ genannt wird, halte ich diese Verbindung und vor allem die Beschäftigung mit der Serie für etwas weit hergeholt. Kann man aber machen. Bild und Ton lassen keine Wünsche übrig. Das Bild hat einen sehr hübschen 80er-Look, wie man es von den preisgünstigen Produktionen bis zum Mitte des Jahrzehnts kennt. D.h. das Bild ist etwas dunkel und körnig, hat aber satte, wenn auch etwas dunklere Farben. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch vor, ist gut zu verstehen und in orignialen 2.0 Stereo belassen. D.h. er kommt nur von vorne.

DVD-Rezension: „Ausgeburt der Hölle“

Von , 10. November 2016 20:38

ausgeburtEine außerirdische Intelligenz will im Alleingang die Erde erobern. Dazu will es zunächst die Gedanken der Tiere und der nicht ganz so klugen Menschen kontrollieren. Sein Raumschiff geht in der Ödnis der kalifornischen Wüste nieder. Dort hält sich die Familie Kelley gerade so mit ihrer Dattelplantage über Wasser. Besonders die Frau des Hauses, Carol (Lorna Thayer) leidet unter der schlechten Lage und der Einsamkeit so weit draußen. Ihr Frust entlädt dabei sich immer wieder an der Tochter Sandra (Dona Cole). Und dann gibt es noch „Er“, ein stummer Farmarbeiter (Leonard Tarver) der in einem Schuppen lebt. Bald schon kommt es zu unerklärlichen Vorfällen: Die Tieren greifen die Menschen an! Als der Nachbar der Kelleys seiner Kuh zum Opfer fällt, versucht Familienvater Allan Kelley (Paul Birch) Hilfe zu holen…

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Ausgeburt der Hölle“ ist eine jener 50er-Jahre-Billig(st)-Produktionen, die Roger Cormans Ruf als einfallsreicher und effizienter Produzent festigten. Der Film macht große Versprechungen – laut Originaltitel soll er von einer „Bestie mit einer Million Augen“ handeln – die natürlich nie eingehalten werden. Die titelgebende „Ausgeburt der Hölle“ stellt sich als niedliche Puppe heraus, die keine 50cm groß ist. Die „Millionen Augen“ als telepathische Fähigkeiten, die sich aber nur auf Tiere und geistesschwache Menschen anwenden lässt. So fällt „Ausgeburt der Hölle“ dann prinzipiell mehr in die Rubrik Tierhorror, auch wenn hier nur Vögel (fast immer offscreen), eine Kuh, ein Hund und der merkwürdige Typ im Schuppen unter den Einfluss einer teuflischen, außerirdischen Intelligenz fallen. Dabei kann man dann erleben, dass Kühe sich wahrlich nicht besonderes für Grusel und Schrecken eignen. Ebenso wenig wie Hunde, die freudig mit dem Schwanz wedeln, wenn sie angeblich Menschen bedrohen.

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Das fehlende Budget merkt man an allen Ecken und Enden. Dass der sinistere Außerirdische als Ausgangspunkt für seine Invasion keine Großstadt, sondern ein gottvergessenes Fleckchen Erde irgendwo im Niemandsland wählt, ermöglicht es Corman und seinen „Einmal und nie wieder“-Regisseur David Kramarsky – von Haus aus eigentlich Produzent – das Ganze als Kammerspiel mit sehr reduziertem Personal zu drehen. Die Darsteller bemühen sich dann auch redlich, die dünne Geschichte und die teilweise haarsträubenden Dialoge mit einem souveränen Ernst zu füllen. Allerdings lässt sie dabei das von Tom Filer verfasste Drehbuch ein ums andere Mal im Stich. So wird die Mutter zunächst als frustrierte Ehefrau mit eifersüchtigem Hass auf die Tochter eingeführt, nur um diesen potentiell spannenden Konflikt schnell wieder zu vergessen. Der Vater darf das Hohelied auf die amerikanischen Familienwerte anstimmen und dass er seine Frau und Tochter allein mit einem unheimlichen Kerl, der der Tochter heimlich nachstellt und in seinem Schuppen unzählige Pin-Up-Poster anstarrt, zurücklässt, ist auch weniger glaubhaft.

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Doch um Glaubhaftigkeit geht es hier auch gar nicht, sondern um Ökonomie. Und wie hier mit den nicht vorhandenen Mitteln umgegangen wird, nötigt einem doch einigen Respekt ab. Auch wenn das Resultat eher komisch als gruselig geraten ist. Die schönste Innovation ist es da sicherlich, dass das unheimliche Funkeln in den Augen der unter Einfluss stehenden Tiere, durch einfaches Zerkratzen des Filmmaterials entstand. Und dass der Höhepunkt der außerirdischen Bedrohungsszenarien – ein Angriff tausender Vögel auf einen Pick-Up-Truck – einfach nur erzählt, aber nicht gezeigt wird. Das muss man sich auch erst einmal trauen. Trotz seiner kurzen Spielzeit von nur 75 Minuten muss man „Ausgeburt der Hölle“ allerdings auch einige Längen attestieren, die daraus resultieren, dass man die Zeit mit Elementen des Familiendramas strecken wollte, was leider gar nicht funktioniert.

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Mehr ein faszinierendes Stück Filmgeschichte als ein wirklich guter Film. „Ausgeburt des Bösen“ ist ein Paradebeispiel für die Ultra-Low-Budget Filme der 50er, für das Schüren von falschen Erwartungen durch Titel und Werbung, sowie der Kunst ohne Geld doch irgendwie einen Film auf die Beine zu stellen. Für den geneigten Filmfreund daher durchaus interessant.

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Der Film ist als Nummer 4 in der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ erschienen. Die Bildqualität ist erstaunlich gut. Viel besser, als es der Film eigentlich verdient. Was die Extras angeht, so hat Anolis dem Film gleich zwei Audiokommentare spendiert. Einen mit Wicked-Vision-Chef Daniel Peree und Ingo Strecker. Und der zweite mit Dr. Rolf Giesen. Neben der deutschen Kinofassung ist noch die amerikanische Kinofassung enthalten, die sich beide minimal voneinander unterscheiden. Der „Bonus“ der deutschen Fassung ist es vor allem, dass sich hier die leuchtenden Augen der besessenen Tiere finden, welche durch ein zerkratztes Negativ entstanden. Ferner gehören zu den Extras noch eine animierte Bildergalerie mit seltenem Fotomaterial, sowie der deutsche und der amerikanische Trailer zum Film. Ein 16-seitiges Booklet von Ingo Strecker mit vielen Abbildungen und interessanten Hintergrundinformationen runden die Veröffentlichung ab.

Blu-ray Rezension: “Der Mann mit den Röntgenaugen“

Von , 4. November 2015 21:31

mannaugenDr. Xavier (Ray Milland) hat ein Serum entwickelt, mit dessen Hilfe die Sehkraft des menschlichen Auges gesteigert wird. Beaufsichtigt von seinem Freund Dr. Brant (Harold J. Stone) testet er das Mittel im Selbstversuch. Dieser ist ein voller Erfolg. Schon bald kann Xavier sogar durch Gegenstände hindurchsehen. Als Xavier immer exzessiver das Serum nutzt, versucht Brant ihn von weiteren Versuchen abzuhalten. Bei einem Streit, stößt Xavier seinen Freund versehentlich durch ein Fenster in den Tod. Xavier flüchtet und versteckt sich als Wahrsager Dr. Mentalo auf einem Jahrmarkt…

Regisseur Roger Corman hält „Der Mann mit den Röntgenaugen“ für seinen besten Film. Eine Haltung, die man durchaus diskutieren kann, schließlich ist der Mann auch für „Satanas – Schloss der blutigen Bestie“ verantwortlich. Unstrittig dürfte aber sein, dass „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zu den allerbesten Film des King of the Bs zählt. Wofür, neben einem starken Drehbuch und innovativen Kameraeffekten, vor allem Hauptdarsteller Ray Milland verantwortlich ist. Milland ist einer der großen, aber heutzutage leider immer etwas unterschätzten Hollywood-Stars. Wer sich an „Der unheimliche Gast“ oder seine Glanzleistung in Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“ erinnert, kann kaum verstehen, weshalb dieser Mann, der sowohl eleganten Esprit, als auch tiefste Verzweiflung gleich überzeugend auszudrücken vermochte, es nie ganz in den heute gültigen Hollywood-Pantheon geschafft hat. Und das, obwohl er nach „Verlorenes Wochenende“ zu den bestbezahltesten Schauspielern Hollywoods gehörte. Vielleicht war es sein normales Aussehen – welches allerdings, wie in „Bei Anruf Mord“, durchaus auch dämonisch daherkommen konnte. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass er sich in den 50er Jahren zunehmend auf die Arbeit hinter der Kamera konzentrierte. Anfang der 60er adelte er das Reich der B-Filme mit seinen beeindruckenden Auftritten in drei Roger-Corman-Produktionen. Neben der Poe-Verfilmung „Lebendig begraben“, waren dies der hier besprochene Film und „Panik im Jahre Null“, welchen er auch selber inszenierte. In den 70ern wurde zu einem Relikt aus einer anderen Zeit, mit dessen Namen sich viele preisgünstige Produktionen gerne schmückten. Aber auch in größeren Produktionen trat er hin und wieder in kleinen Nebenrollen auf. Heute sind es neben „Bei Anruf Mord“ und dem grandiosen „Verlorenen Wochenende“ gerade die Corman-Produktionen, an die man sich bei seinem Namen erinnert.

In „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zeigt Ray Milland noch einmal die ganz Palette seines Könnens. Sein Dr. Xavier ist ein Getriebener seines Forschungsdrangs. Den von ihm versehentlich herbeigeführten Tod seines besten Freundes, quittiert er mit einem Blick, der sagt „Schade, ist aber so“. Gleichzeit kann Milland aber auch glaubwürdig die spitzbübische Freude zeigen, wenn er die netten Nebeneffekte seiner Erfindung entdeckt – ebenso wie die tiefe Verzweiflung und Lebensmüdigkeit, wenn er sich aus der Umklammerung seiner Fähigkeiten nicht mehr lösen kann. Mit Milland kann man also ebenso sehr Mitleid haben, wie man seine wissenschaftliche Kaltschnäuzigkeit, die an Herzlosigkeit grenzt, verabscheuen kann. Doch ein Bösewicht im klassischen Sinne ist Xavier nicht. Tatsächlich will Xavier Gutes für die Menschheit tun, und dabei gleichzeitig zu beweisen, was für ein brillanter Kopf er doch ist. Xavier ist nicht wirklich gut, nicht wirklich böse. Das verleiht diesem Charakter seine Tiefe. Milland erkennt dies und macht Xavier zu einer der interessantesten Gestalten des klassischen Science-Fiction-Films.

Am Ende ist es Xaviers Stolz und seine Gier nach Anerkennung, die sei Schicksal besiegelt. Niemand hat ihn gezwungen, das Mittel an sich selbst auszuprobieren. Den unglücklichen Tod seines besten Freundes hätte er verhindern können, wenn er nicht so starrsinnig gewesen wäre. Und wenn seine Tarnung am Ende auffliegt, so liegt es auch wieder nur daran, dass er sich nicht zurückhalten konnte und anfing mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten zu prahlen. Der Film erzählt also die klassische Geschichte eines begnadeten Mannes, der das Gute will und am Ende über die eigene Eitelkeit stolpert. Roger Corman erzählt Xaviers Tragödie in drei Akten. Im ersten Akt lernen wir Xavier als (über)ambitionierten, enthusiastischen Wissenschaftler kennen, der sich über die Konsequenzen seines Tuns nicht im Klaren ist. Xavier ist selbstsicher und arrogant. Im zweiten Akt lernen wir einen ganz anderen Xavier kennen. Die vorangehenden Ereignisse haben ihn zu einem verbitterten, zynischen Menschen gemacht. Abgestiegen zu einen billigen Jahrmarktsattraktion, die sich ohne großen Widerstand einem kleinen Gauner manipulieren lässt. Im dritten Akt dann das letzte Aufbäumen. Xavier sieht seine Chance gekommen, dem Dreck und Elend den Rücken zu kehren, und wieder in der besseren Gesellschaft anzukommen. Sich ein Stück Normalität in seiner anormalen Situation zu erkämpfen. Sein Anker ist die junge Frau, die sich in ihn verliebt hat. Doch wieder sind es seine Gier nach Bewunderung, die zur endgültigen, persönlichen Katastrophe führen.

Neben Millands brillanter Darstellung tragen noch weitere Faktor dazu bei, aus „Der Mann mit den Röntgenaugen“ einen Klassiker seines Genres zu machen. Wie die wunderbare, sich auf unheimliche Weise in die Gehörwindungen schleichende Musik von Lex Baxter. Auch die Titelsequenz, in der minutenlang ein blutiger Augapfel zu sehen ist, dürfe dem Publikum damals schlaflose Nächte bereitet haben. Möglicherweise liegt hier auch der Grund darin zu sehen, warum der Film zu seiner Entstehungszeit keinen deutschen Verleih fand. Trotz Ray Milland und den Erfolgen von Cormans Poe-Filmen. Oder war Film den Verleihern hierzulande zu ernst, zu düster? Ein ähnliches Schicksal erfuhr ja auch Hammers Juwel „Sie sind verdammt“, welches ich hier erst kürzlich vorstellte. Im Falle von „Der Mann mit den Röntgenaugen“ mussten die deutschen Zuschauer sogar bis 1979 warten, bis der Film in der ARD seine Deutschland-Premiere erlebte.

Um so schöner, dass der Film hier nun als Blu-ray erschienen ist. Nachdem er bereits in Anolis Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“ als DVD erschienen ist, liefert Anolis nun die HD-Variante nach. Und das Ergebnis ist durchaus beeindruckend. Die Farben sind kräftig, das Schwarz wirklich tiefschwarz und insbesondere die Titelsequenz wird fast schon plastisch. Manchmal ist das Bild fast schon zu klar, wodurch einige Effektszenen plötzlich sehr deutlich als sehr simple Kameratricks zu entlarven sind. Doch dies tut der Freude keinen Abbruch. Schade ist es allerdings, dass die wunderbaren und vielzähligen Extras der DVD-Fassung nicht mit auf die Blu-ray gepackt wurden. Vermutlich um die Exklusivität der „Rückkehr der Galerie des Grauens“ zu wahren und die Käufer der nicht gerade preisgünstigen DVD nicht zu verärgern. So befinden sich auf der Blu-ray unter „Extras“ dann auch nur zwei Trailer und eine Bildgalerie. Der Mono-Ton liegt in klar verständlichem Englisch und in einer guten TV-Synchronisation mit bekannten Sprechern vor.

Bericht vom 22. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 14. Oktober 2015 20:27

MatratzeDer zweite Tag in Oldenburg begann naturgemäß sehr viel entspannter, als der chaotische erste Tag. In netter Begleitung meines „Weird Xperience“-Kompagnons Stefan und seiner reizenden Frau ging es zunächst wieder in den Theaterhof, wo uns der serbische „Travelator“ erwartete, den ich am Vortag für den guten „Dixieland“ hatte sausen lassen.

Travelator: Slav, ein junger serbischer Mann, der Champion in Ego-Shooter-Wettbewerben ist, wird nach Las Vegas geschickt, wo er einen echten Tötungsauftrag ausführen soll. Hier lebt ein korrupter serbischer Politiker im Zeugenschutzprogramm. Der junge Attentäter verliert sich zunächst in der Glitzerstadt und beginnt eine Liebesaffäre mit einer Prostituierten. Doch dann schreitet er doch noch zur Tat…

Der Film war im Vorberichterstattung des Festivals mehrmals positiv erwähnt worden und im Programmheft als „Taxi Driver meets Blade Runner“ angekündigt worden. Bei der anschließenden Q&A hätte ich den anwesenden Regisseur gerne mal gefragt, was er denkt, wenn er solch einen Quatsch liest. Ich habe es dann aber gelassen. Die Frage ist allerdings berechtigt, denn der Film hat weder mit „Taxi Driver“ (mit sehr viel gutem Willen kann man das abschließende Massaker als Parallele sehen, aber dazu gehört schon viel Fantasie), noch mit „Blade Runner“ (Las Vegas als futuristischer Moloch?) etwas zu tun. Davon einmal abgesehen ist „Travelator“ ein Film mit viel Licht und leider auch viel Schatten.

Zunächst der Schatten: Die Bilder sind zwar schön, aber Weiter lesen 'Bericht vom 22. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2'»

DVD-Rezension: “Mach ein Kreuz und fahr zur Hölle”

Von , 16. Dezember 2014 21:28

Fighting MadTom Hunter (Peter Fonda) kehrt zusammen mit seinem Sohn Dylan (Gino Franco) auf die väterliche Ranch zurück. Dort muss er allerdings feststellen, dass sich der skrupellose Industrielle Pierce Crabtree (Philip Carey) in der Gegend breit gemacht hat und den Farmern ihr Land abpresst, um in der Nähe ein großes Kraftwerk zu bauen. Auch Toms Vater Jeff (John Doucette) und sein Bruder Charlie (Scott Glenn) werden von Crabtree bedroht. Insbesondere Charlie leistet erbitterten Widerstand, weshalb Crabtree seine Schläger zu ihm schickt, um ihn und seine schwangere Frau aus dem Wege zu räumen. Nach Charlies grausamen Tod, macht sich Tom daran, zu beweisen, dass sein Bruder umgebracht wurde. Damit gerät auch Tom ins Fadenkreuz…

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Der legendäre B-Film-Produzent Roger Corman hatte schon immer ein Näschen für die momentane n Filmmoden. Nachdem die Filme „Billy Jack“, „Der Große aus dem Dunkeln“ und „Kesse Mary – Irrer Larry“ an den Kinokassen recht erfolgreich waren, sollten die scheinbar erfolgreichsten Elemente dieser Filme zu einer neuen Corman-Produktion verschmolzen werden. Wie so oft, gab Corman bei der Regie einem jungen Talent eine Chance. Jonathan Demme hatte für Corman bereits den heutigen Kultfilm „Caged Heat – Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen“ und „Crazy Mama“ inszeniert. „Mach ein Kreuz und fahr zur Hölle“ war der letzte Film, den er für seinen Mentor inszenierte. Kurze Zeit später sollte er mit dem wegweisenden Konzertfilm „Stop Making Sense“ mit den Talking Heads für Furore sorgen und 1992 den Regie-Oscar für sein „Schweigen der Lämmer“ erhalten. Bei den nächsten Oscars konnte sein Aids-Drama „Philadelphia“ mit Tom Hanks ebenfalls kräftig abräumen. An diese großen Erfolge konnte er in der Folge dann nicht mehr anknüpfen. Allein sein Remake von „Der Manchurian Kandidat“ brachte ihn noch einmal einem größeren Publikum in Erinnerung. Ansonsten dominieren TV-Arbeiten und Musikvideos. „Mach ein Kreuz und fahr zur Hölle“ macht noch nicht den Eindruck, dass hier ein zukünftiger Oscar-Gewinner das Zepter schwingt, man erkennt aber durchaus, dass hier jemand am Werk ist, der seine Materie versteht.

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„Mach ein Kreuz und fahr zur Hölle“, oder „Fighting Mad“, wie der treffende Original-Titel lautet, ist eine gute Ergänzung zu „Vigilante Force – Die Gewalt sind wir“ (Kritik hier), der ebenfalls vor Kurzem bei Explosive Media erschienen ist und wie „Fighting Mad“ aus der AIP-Schmiede stammt. Und der letzten Endes auch der bessere Film ist, hat er doch mit Kris Kristoffersen einen charismatischen und gefährlichen Schurken. Eine Qualität, die „Fighting Mad“ leider vollkommen abgeht. Allenfalls der Sonnenhut-bewehrte, etwas dickliche Handlanger stellt so etwas wie eine erinnerungswürdige Bedrohung dar. Der von Philip Carey gespielte Hauptschurken bleibt ebenso abziehbildhaft und blass, wie die anderen Streiter auf der bösen Seite. Die ambivalente Rolle des Sheriffs könnte zwar interessant sein, doch das Drehbuch vernachlässigt ihn sträflich. Auch der Held, der von Peter Fonda gegeben wird, kann kein besonderes Profil gewinnen. Peter Fonda hatte sich zwar mit „Easy Rider“ als eine Ikone der Gegenkultur etabliert, dieser Ruhm verblasste allerdings schnell, angesichts seiner Auftritte in preisgünstigen Action-Thrillern. In diesen sollte er als harter und zorniger junger Mann aufgebaut werden.

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In „Fighting Mad“ funktioniert dies aber nur bedingt. Abgesehen von seinen manchmal cholerisch und auch unnötig anmutenden Wutausbrüchen, wirkt sein Tom Hunter eher wie eine linker Lehrer, den es zufällig auf eine Farm verschlagen hat. Außer Wut, scheint er keinerlei großen Gefühle zu hege. Auch als sein Bruder brutal ermordet wird, ist von tiefer Trauer nicht viel zu spüren. Nur in einer einzigen Szenen, in der er erst seinen Sohn anraunzt und dann doch reumütig und voller Liebe zu ihm geht, deutet sich ein Potential an, welches der Film und sein Hauptdarsteller aber sonst an keiner Stelle wirklich ausschöpfen. Vielmehr bleiben dem Zuschauer die handelnden Charaktere herzlich egal. Tom Hunter agiert häufig unsympathisch und auch seiner Freundin Lorene gegenüber nicht besonders liebevoll. Auch sein Vater kann – obwohl die Figur darauf angelegt ist – nicht das emotionale Loch füllen, welches das Drehbuch hinterlässt. Einzig Lynn Lowry kann als Lorene ein wenig menschliche Wärmen einbringen. Die lebendigsten und interessantesten Figuren sind allerdings der von Scott Glenn gespielte Bruder des Helden und seine Frau. Leider werden beide schon früh durch einen ausgesprochen brutal inszenierten Mord aus der Handlung entfernt.

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Wie schon „Vigilante Force“ hat auch „Fighting Mad“ eine erzreaktionäre Botschaft: Wenn dem guten Amerikaner sein Land weggenommen werden soll, so rechtfertigt dies alle Mittel, um sich zu wehren. Und das wirksamste Mittel gegen die Gewalt ist Gegengewalt, die hier völlig ironiefrei und ungebrochen zelebriert und für gut befunden wird, wie das merkwürdig fröhliche Schlussbild suggeriert. Der sadistische Mord an Tom Hunters Bruder und Schwägerin und Hunters finaler und ausgesprochen blutig inszenierter Rachefeldzug bilden die beiden Höhepunkte des Filmes. Zwischen diesen passiert zwar einiges, aber nichts davon bleibt wirklich nachhaltig im Gedächtnis hängen. Abgesehen vielleicht von einem völlig an den Haaren herbeigezogenen Mord an einem Richter, der auch wie aus einem anderen Film hineingeschnitten wirkt und die Nacktszenen der zauberhaften Lynn Lowry. Ebenfalls im Gedächtnis, wenn auch aus weniger erfreulichen Gründen, bleibt der zum Teil schrecklich dudelnde Synthie-Sountrack von Bruce Langhorne, der auf Peter Fondas speziellen Wunsch mit an Bord gebracht wurde.

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Zwischen zwei brutalen und packend inszenierten Höhepunkten, kommt „Mach ein Kreuz und fahr zur Hölle“ nicht wirklich vom Fleck, was auch an seinem nicht wirklich sympathischem Helden und den blassen Nebenfiguren liegt. Dafür, dass hier der zukünftige Oscar-Gewinner Jonathan Demme seine letzte Roger-Corman-Produktion abliefert, ist das Endergebnis etwas enttäuschend.

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Die Bildqualität der bei Explosive Media herausgekommenen DVD ist im mittleren Sektor anzusiedeln, und reißt nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hin. Allerdings erscheint sie dem dreckigen, kleinen Film durchaus angemessen. Die englische Tonspur ist etwas leise und besonders die Geräusche und Hintergrundmusik verschwinden etwas. Daher ist der deutsche Ton hier ausnahmsweise einmal vorzuziehen, wenngleich man ihm sein Alter durchaus anhört. An Extras gibt es nur den Trailer und eine Trailershow zum restlichen Programm des Labels.

DVD-Rezension: “Ich – Ein Groupie“

Von , 15. August 2014 20:47

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Die junge Engländerin Vicky (Ingrid Steeger) lernt den Musiker Stewart (Stewart West) kennen. Dieser verspricht ihr, sie auf die Tournee seiner Band mitzunehmen, doch am nächsten Morgen sind er und seine Kollegen bereits verschwunden. Ingrid tut sich mit dem Groupie Vivian (Vivian Weiss) zusammen und folgt der Band zunächst nach Amsterdam, wo die Beiden von ihrem letzten Geld Drogen kaufen, die sie in die Schweiz schmuggeln wollen, um sie dort mit hohem Gewinn zu verkaufen. Dies ist für Vicky der Beginn eine abenteuerlichen Reise, die sie immer mehr in einen Sumpf aus Sex, Musik und harten Drogen führt…

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Ursprünglich sollte „Ich – ein Groupie“ der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Erwin C. Dietrichs Urania (später dann Elite) und Roger Cormans AIP werden. Am Ende aber war viel Porzellan zerschlagen worden und die geplante Kooperation kam nie zustande. Der Deal sah laut Dietrich so aus: Corman sollte das Drehbuch und den Regisseur stellen, Dietrich das Geld und den Rest der Crew. Corman schickte daraufhin Jack Hill über den großen Teich. Hill ist der Regisseur des Kultklassikers „Spider Baby“ und hat während der Frühphase der Blaxploitationwelle Pam Grier in Filmen wie „Coffy“ und „Foxy Brown“ zum Star gemacht. Später drehte er den unglaublichen „Die Bronx-Katzen“ in dem am Ende sogar ein Panzer durch die Bronx rollte. Mit dem „Groupie“-Projekt kam er aber nicht klar. Nach vier oder fünf Drehtagen wurde er von Dietrich gefeuert und wieder nach Amerika zurückgeschickt. Damit war der Corman-Deal geplatzt. Hill gab an, selbst gekündigt zu haben, da ihm nicht klar war, dass er einen Softporno drehen sollte (was der Film im Übrigen nicht ist), Dietrich und sein Kameramann Peter Baumgartner erzählen, Hill hätte fünf Tage lang die selbe Szene gedreht und sichtlich ein Problem mit Drogen gehabt. Wie dem auch sei, Dietrich übernahm, ein neues Drehbuch wurde über Nacht aus dem Nichts gestampft und die Arbeiten an „Ich – Ein Groupie“ konnten neu beginnen. Interessanterweise erzählt Baumgartner im auf der neuen DVD erhaltenen Interview, dass wiederum er beim größten Teil des Filmes als Regisseur tätig war.

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Trotz des chaotischen Beginns, wurde „Ich – Ein Groupie“ einer der besten Filme der Dietrich-Schmiede und der frühe Höhepunkt seiner Regie-Tätigkeit. „Ich – Ein Groupie“ fängt perfekt den Zeitkolorit 1970 ein. Der Sommer der Liebe war vorbei, von nun an wurde es finster. Zwar hingen die Leute noch den Idealen der freien Liebe und Freiheit nach, in Wirklichkeit hatte aber spätestens die Tragödie von Altamont, als beim „Westküsten-Woodstock“ die als Aufpasser engagierten Hell’s Angels die Zuschauer verprügelten und ein junger Farbiger erstochen wurde, ein rauer, gewalttätiger Wind Einzug in die schöne Hippie-Welt gehalten. Harte Drogen zerstörten Träume, statt sie zu befeuern. 1970 unterschied sich dramatisch von der naiven Welt der 60er und „Ich – Ein Groupie“ legt Zeugnis davon ab. Die Hauptfigur Vicky unternimmt stellvertretend eine Reise vom utopischen summer of love bis in die neue, harte Wirklichkeit der 70er.

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Wenn wir Vicky das erste Mal sehen, ist sie ein junges, frisch aussehendes Mädchen. Vielleicht etwas naiv, aber voller Freude am Leben. Sie besucht ein free concert in einem Park – welches vielleicht stellvertretend für Woodstock stehen kann. Vicky glaubt an die große Liebe und als ihr der Sänger der Band das Blaue vom Himmel verspricht, ist sie nur allzu bereit den Versprechungen der Hippies zu glauben. Dass der Song, den er inbrünstig vorträgt „I’m a liar“ heißt, nimmt sie dabei nicht besonders ernst. Ohne großes Gewissen wird Vicky das erste Mal ausgenutzt, und es soll nicht das letzte Mal sein, dass ihre naive Gutgläubigkeit sie in Schwierigkeiten bringt. Bald schon ist sie in einen Drogenschmuggel involviert, der aber aus ihrer Warte als harmloses Späßchen durchgehen kann. Denn jeder nimmt leichte Drogen und hat eine gute Zeit.

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Doch dann treten die Hell’s Angels auf (Schatten von Altamont?) und der Spaß ist vorbei. Die Hell’s Angels haben nichts mehr mit den Easy Rider zu tun, die Peter Fonda und Dennis Hopper verkörperten und die in einer wunderbaren Szenen direkt ins Bild gerückt werden. Dort begutachten zwei der Rocker die Aushangfotos des Filmes vor einem Kino. Mit den Angels bricht die Gewalt in Vickys Leben ein. Zwar scheint sie glimpflich davonzukommen und sich sogar mit den Rockern zu befreunden. Doch nach der Begegnung wirkt sie abgeklärter und selbstbewusster. Als Vicky schließlich in einer kryptischen Szenen, die sie mitten in eine schwarze Messe versetzt, damit konfrontiert wird, dass ihre gutmütigen Träume von der großen Liebe verraten wurden und sie nur benutzt wurde, bricht ihre Welt zusammen und sie sucht Zuflucht im Heroin, welches ihr einen Ausweg aus der kalten Realität bietet, sie aber auch zerstört. Die Szenen, in denen Vicky im Drogenrausch nackt durch Berlin rennt und sich dabei gleichzeitig in die heile Heidi-Welt der Schweizer Berge imaginiert, ist eine kraftvolle Metapher dafür, wie die optimistischen Träume der 68er Hippies und brutale Wirklichkeit der frühen 70er Jahre auseinanderklaffen und so wird Vicky – und mit ihr der summer of love – am Ende von dem Konsumsymbol schlechthin, dem Auto, plattgemacht.

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Neben der jungen Ingrid Steeger in ihrer ersten Hauptrolle, die sie überraschend gut und natürlich meistert, spielt die Musik eine wichtige Rolle. Dietrich hat einige Bands engagiert, die nicht nur in dieser Zeit gerade auf dem aufsteigendem Ast waren, wie die legendären Kraut-Rocker „Birth Control“ (hier leider schon ohne Hugo-Egon Balder am Schlagzeug) oder „Murphys Blend“. Ihre Musik passt hervorragend in den Film und lädt ihn mit zusätzlicher Energie auf. Dies wird auch von den Konzertszenen getragen, die einen Schlüssellochblick in die damalige Zeit erlauben und vollkommen authentisch daherkommen. Das Publikum scheint echt zu sein, denn es werden sich munter Joints gebaut und manche Fans wartet mit Gestiken auf, die Joe Cocker wie eine Litfaßsäule erscheinen lassen. Und solche Gesichtsakrobatik wie hier wirkt einfach von einem anderen Stern. Das kann einfach nicht geschauspielert sein. Dass die Musiker sich hier auch in den Spielfilmszenen selber darstellen, trägt zur Glaubwürdigkeit bei. Auch die andern Darsteller sind gut gecastet, allen voran Rolf Eden, der hier seinen Nachtclub zur Verfügung stellt, mit Pony Poindexter eine wahre Jazz-Legende in den Film schmuggeln konnte. Auch hier wird der Zeitkolorit perfekt eingefangen, wie „Ich – ein Groupie“ überhaupt wie eine Zeitkapsel wirkt.

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Natürlich darf man trotz all seiner Meriten bei „Ich – ein Groupie“ kein Schweizer „Citzen Kane“-Äquivalent erwarten. Selbstverständlich ist „Ich – ein Groupie“ in erster Linie als Sexfilm mit hohem Publikums- Appeal gedacht. Einige seiner Schwächen sind sicherlich den Schnitten der deutschen Fassung geschuldet, die manchmal zu ungestüm von A nach B springt und den Zuschauer dabei immer wieder zu verlieren droht. Die als Bonus enthaltene italienische Langfassung schafft die Übergänge eleganter, wenn auch langatmiger. Die deutsche Fassung ist eher kurzatmig, lässt einfach mal jede unnötige Handlung und Erklärung weg und wirkt ständig so, als sei man kurz eingenickt und hätte etwas nicht mitbekommen. Auch werden die Sexszenen zum Teil unnötig ausgewalzt. Aber vor dem Hintergrund, dass gerade diese ja der Aufhänger für den Film waren und das Publikum in Scharen anlocken sollten, verzeiht man dies. Zumal der Anblick der höchst appetitlichen Ingrid Steeger versöhnt. Umso drastischer dann das Ende, bei dem eine lesbische Liebesszene – sicherlich zum Erschrecken der männlichen Regenmantelfraktion – durch eine Kotzattacke unterbrochen wird.

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„Ich – ein Groupie“ ist großes, deutschsprachiges Kino. Weit abseits des Neuen Deutschen Films in schmuddeligen Bahnhofskinos, aber nicht weniger wichtig. Eine saftige Zeitkapsel, die den Zuschauer augenblicklich ins Jahr 1970 transportiert und gleichzeitig als bitterer Abgesang auf die Ideale der Hippie-Bewegung und dem Idealismus des summer of love funktioniert.

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Die neue Ascot Elite DVD präsentiert den Film in einer neuen HD-Abtastung und 74:54 Minuten Länge. Das Bild ist fehlerfrei und strahlt in kräftigen Farben. Allerdings wirkt es zeitweise auch etwas flach und „stumpf“. Der Ton ist auch sehr gut und liegt in Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch vor. Auch bei den Extras wurde nicht gespart. Wie mit dabei ist die bereits aus „Die Stewardessen“ bekannte Doku: „Andreas Mankopff: Von Groupies und Stewardessen“ (24:59 Minuten) in der Andreas Mankopff über seine Zeit bei Erwin C. Dietrich erzählt. Über „Ich – Ein Groupie“ – bei dem er gleich mehrere Synchronrollen übernahm – verliert er nicht viele Worte, trotzdem sind seine Erinnerung sowohl amüsant, als auch lustig. Neu hinzubekommen sind Features „Memories of a Groupie“ (13:23 Minuten) in der Erwin C.Dietrich und Peter Baumgartner sich an die Dreharbeiten erinnern und „Rolf Eden: Ich, ein Playboy“ (13:44 Minuten) in dem Rolf Eden über den Film und die Zeit damals plaudert. Schade, das sein Versuch, am Ende noch Ingrid Steeger ans Telefon zu bekommen, dann doch nicht geklappt hat. Die Scheibe wird abgerundet durch den italienischen Fotoroman zum film (untermalt von „I’m a Liar“ in Endlosschleife), den Trailer, einer Fotogalerie, einem Trailer zu einer Doku über den Gründer der Hell’s Angels Schweiz und dem mittlerweile üblichen CD-ROM Teil.
Auf einer zweiten DVD befindet sich dann die italienische Langfassung (93:54) des Filmes, die der DVD-Version der deutschen Fassung zwar 20 weitere Minuten, aber inhaltlich bis auf eine längere Szene nicht viel mehr hinzufügt. Eine vollständige und sehr detaillierte Aufstellung der Unterschiede findet man auf Schnittberichte.com. Ich hatte im vorletzten Jahr die große Ehre, den Film als 35mm Kopie in unserer Reihe Weird Xperience präsentieren zu dürfen. Diese Fassung ist ebenfalls länger als die deutsche DVD-Fassung. In wie weit sie sich genau von der italienischen unterscheidet, kann ich nicht im Detail sagen. Auf jeden Fall enthielt sie den längeren Anfang, in dem man Vicky durch London gehen sieht und auch die in der deutschen DVD-Fassung fehlte Szene mit dem Mann, der Vicky vor der Berlin-Episode per Anhalter mitnimmt und der dann angelt, sowie die Szene mit der Straßensängerin war definitiv dabei. Diese zweite DVD startet sofort, ohne dass man erst ins Menü kommt, und beginnt mit einem 19-sekündigen Grußwort von Rolf Eden. Das Bild ist schlechter als beim „Hauptfilm“, ist scheinbar direkt von einer älteren Kinorolle übernommen worden und leicht grünstichig. Der Ton liegt nur auf Italienisch vor und ist eher unterdurchschnittlich. Der Film besitzt aber (fest eingebrannte) deutsche und französisch Untertitel. Eine Kapiteleinteilung gibt es nicht. Lustigerweise wird Erwin C. Dietrich im Vorspann „Irving C. Dietrich“ genannt und auch einige andere Leute haben dort anglisierte Namen.

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