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Blu-ray-Rezension: „E Tanta Paura – Magnum 45“

Von , 4. September 2019 07:16

Eine geheimnisvolle Mordserie hält Kommissar Lomenzo (Michele Placido) auf Trab. Der Täter hinterlässt bei seinen Opfer immer eine Seite aus dem „Struwwelpeter“. Durch seine attraktive Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) kommt Lomenzo auf eine heiße Spur, die ihn zur verlassenen Villa Hoffmann führt. Aber auch der undurchsichtige Chef einer mächtigen Detektei (Eli Wallach) scheint mehr über die Morde zu wissen, als er sollte. Scheinbar hängt alles mit einem Todesfall zusammen, der sich im elitären Kreis des „Clubs der Tierliebhaber“ in der Villa Hoffmann zu trug… .

Magnum 45“ ist natürlich ein ziemlich unsinniger Name für diesen ungewöhnlichen Giallo. Das Cover der deutschen VHS verspricht Polizei-Action mit Motorrädern und großen Knarren. Doch „Und so viel Angst“, wie der italienische Titel übersetzt heißt, ist ein ganz anderer Film, als die damalige Werbung glauben machen wollte. Er ist in der Tat aber auch ein ganz anderer Film, als man erwarten würde, wenn man weiß, dass es sich hier um einen Giallo/Poliziottesco-Hybriden handelt. Zwar weist er Elemente sowohl des Giallos (den unheimlichen Mörder, der bei seinen in genau choreographierten, grafischen Szene dahin gemeuchelten Opfern eine Visitenkarte in Form von Seiten aus dem „Struwwelpeter“ hinterlässt) als auch des Poliziottesco (der Kommissar, welcher sich plötzlich in einer Intrige der Mächtigen wiederfindet), doch Regisseur Paolo Cavara hat anderes im Sinn.

Bereits mit seinem ersten Giallo „Der schwarze Leib der Tarantel“ hatte er sein subversives Spiel mit Genrekonventionen betrieben. In beiden Filme wird untypischerweise der Kommissar und sein Liebesleben in den Vordergrund gerückt. In beiden Filmen wird der Kommissar von einem Schauspieler verkörpert, der – zumindest bis dahin – kein bekanntes Gesicht im Genrekino ist. In „Der schwarze Leib der Tarantel“ ist es Lina Wertmüllers Stammschauspieler Giancarlo Giannini, hier ein blutjunger und unverschämt gut aussehender Michele Placido. Placido wurde erst Mitte der 80er mit „Allein gegen die Mafia“ zum internationalen Star. Giannini und Placido verbindet darüber hinaus ein leicht melancholischer Blick. In beiden Filmen rückt Paolo Cavara auch immer wieder fremdartig wirkende Architektur in den Fokus, wenn auch im Falle von „Magnum 45“ weniger offensiv. Die Welt beider Filme wirkt irreal und hermetisch abgeschlossen. Cavara kreiert hier sein ganz eigenes Universum, welches nicht nach „normalen“ Standards funktioniert. Szenen führen ins Nichts, zwischen allen Figuren scheinen unsichtbare Fäden gesponnen zu sein, Logik wird gar nicht erst versucht vorzutäuschen und Zufälle werden einfach nicht thematisiert, sondern als Fakt vorausgesetzt.

Ein Beispiel hierfür ist die Figur der Jeanne. Eigentlich ist sie nur eine Nachbarin des Kommissars, der er zufällig im Aufzug begegnet und kurz darauf auf einer Party (bei der ihm auch prompt die Freundin von einem Modefotografen ausgespannt wird, was er mehr oder weniger mit einem Schulterzucken quittiert). Wenig später fahren sie durch die Gegend, um in der geheimnisvollen Villa Hoffmann zu landen, wo Jeanne Kommissar Lomenzo erzählt, dass sie hier einmal zu Besuch war und seltsame Dinge erlebt hat. Die daraufhin folgende Rückblende erfährt später dann eine erneute, der vorherigen Fassung widersprechende Version. Teilweise fragt man sich, ob Jeanne überhaupt real ist oder ein sexueller Wunschtraum Lomenzos. Denn abgesehen davon, dass sie allen Klischés entspricht (wunderschön, bisexuell, immer willig) spielt sie plötzlich eine wichtige Rolle in seinem Kriminalfall, Sie ist (natürlich) Modell und hat eine lesbische Affäre mit ihrer Kollegin. Was aber für den weiteren Film keine Rolle mehr spielt. Die Versionen ihrer Geschichte ändern sich mit dem Fortschritt der Ermittlungen und sie verschwindet so plötzlich aus der Handlung, wie sie aufgetaucht ist.

Die Auflösung des ganzen Komplotts lässt Cavara ebenfalls in der Schwebe. Zwar wird am Ende plötzlich ein Täter aus dem Hut gezaubert, doch dass er für die Morde verantwortlich war, mag man nicht wirklich glauben. Es ergibt sich kein rundes Bild (was bei Gialli zwar fast immer so ist, aber zumindest wird einem eine endgültige Wahrheit – so abstrus sie auch sein mag – zumindest vorgegaukelt). Hier ist gar nichts sicher. Am Ende bleibt tatsächlich das diffuse Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung, welches durch die unwirkliche, manchmal traumgleiche Szenerie noch verstärkt wird. Einer Szenerie in der in nebligen Parks verlassene Tierkäfige stehen und Figuren scheinbar willkürlich irgendwo auftauchen und dann wieder verschwinden. Wo es eine grotesk anmutende Orgienszene inklusive Schimpansen und ausgesprochen explizit-bizarre Trickfilm-S/M-Porno-Sequenzen des legendären Gibba gibt. Eine Szenerie, in der „so viel Angst“ vorherrscht.

Für die schöne Fotografie ist ein alter Hase verantwortlich: Franco Di Giacomo, der schon bei „Zwei glorreiche Halunken“ die Kamera führte und für die Bildgestaltung in Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ und „Der Postmann“ verantwortlich war. Unter den Darstellern findet man – wie bei „Schwarzer Leib der Tarantel“ – wieder einmal die creme de la creme des europäischen Gernekinos, Wie den immer wieder grandiose John Steiner (in einer leider kleinen Rolle) oder Eli Wallach, der gut 10 Jahre nach „Zwei glorreiche Halunken“ deutlich gealtert Italien besucht. Die bezaubernde Corinne Cléry hat zwar nicht viel zu tun, bereichert den Film mit ihrer Anmut und Jacques Herlin kennt man aus unzähligen Sex-Komödien. Ungewöhnlich ist das kurze Auftauchen eines jungen Tom Skerritt, dessen Figur – ein Kollege des Kommissars – zwar reichlich überflüssig ist und zur Handlung gar nichts beiträgt, der Produktion aber einen weiteren internationalen Namen einbringt (auch wenn sein Durchbruch in „Alien“ erst drei Jahre später erfolgen sollte). Skerritt war im selben Jahr auch in einer kleinen Rolle in Duccio Tessaris Komödie „La Madama“ zu sehen. Dieser Abstecher im Jahre 1976 sollte dann aber auch sein einzige Ausflug nach Bella Italia bleiben.

Die vierte Filmveröffentlichung aus dem Hause Cineploit glänzt zunächst einmal durch eine wirklich schöne Aufmachung. Das Mediabook ist sehr gelungen und enthält ein sehr kluges Essay des ausgewiesenen Italo-Experten Udo Rotenberg, dessen Blog „L’amore in città“ ich hier schon häufiger empfohlen habe. Dieses liegt auf deutsch und englisch vor, was bedeutet, dass mit dieser Veröffentlichung nicht nur in den deutschsprachigen Landesgrenzen, sondern auch international gedacht wird. Das Bild ist in Ordnung und basiert augenscheinlich auf einer HD-Restaurierung, die das italienische Label Raro vorgenommen hat. Der Ton liegt auf Deutsch, Englisch und Italienisch vor. Bei der Italienischen Fassung kann man zwischen festen Deutschen und englischen Untertiteln wählen, wo die deutschen Untertitel an einigen Stellen so schnell auftauchen und wieder verschwinden, als dass man sie ohne Pause-Taste schnell genug lesen könnte. Der englische Ton ist der kräftigste, gefolgt von dem etwas klareren italienischen. Der deutsche Ton ist leider sehr dünn, was daran liegt, dass der Film hier nie im Kino lief und als Quelle die VHS-Kassette eines Klein-Labels dienen musste. Highlight ist ein halbstündiges Interview mit einer sehr lebhaften und bestens aufgelegten Corinne Clery. Ich fand noch das kleine Musik-Special sehr schön, in dem die Gruppe Lawa (hinter der der Label-Chef persönlich steckt), Daniele Patucchis eingängiges Thema sehr druckvoll neu interpretiert.

Blu-ray Rezension: „Der schwarze Leib der Tarantel“

Von , 21. Dezember 2016 16:15

der-schwarze-leib-der-tarantelNach einem Streit mit ihrem Ehemann (Silvano Tranquilli) wird die schöne Maria Zani (Barbara Bouchet) von einem geheimnisvollen Unbekannten ermordet. Der Killer benutzt dabei ein lähmendes Gift, bevor er seine Opfer mit dem Messer abschlachtet. Der mit den Ermittlungen beauftragte Inspector Tellini (Giancarlo Giannini) verdächtigt zunächst Ehemann Zani, der jedoch auf eigene Faust nach dem Mörder sucht. Als Zani bei einer Verfolgungsjagd ums Leben kommt und weitere attraktive Damen dem Killer zum Opfer fallen, führt Tellini eine Spur ihn in einen Schönheitssalon, dessen Besitzerin (Claudine Auger) mit den Opfern in Verbindung stand…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Der schwarze Leib der Tarantel“ war für mich lange Jahre so etwas wie der heiliger Gral des Giallo-Kinos. Als ich Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Tauschpartner im In- und Ausland in Kontakt stand, und wir uns munter VHS-Kassetten mit griechischen Vollbildfassungen, die mittlerweile fast ihre gesamte Farbigkeit eingebüßt hatten, hin und her schickten, war „Der schwarze Leib der Tarantel“ der einzige „Must-Have“-Giallo, der nirgendwo aufzutreiben war. Weder eine englische, noch eine finnische oder schwedische Kopie. Von einer deutschen Fassung ganz zu schweigen, denn hier lief der Film zwar im Kino, doch seltsamerweise kam es nie zu einer Videoveröffentlichung. Dank des sympathischen Berliner Labels CMV Laservision wurde nun, nach 20 Jahren, dieser Gral nun doch auf meinen heimischen Bildschirm gezaubert. Hat sich das lange Warten gelohnt? Ist „Der schwarze Leib der Tarantel“ eben jenes verschollene Meisterwerk, zu welchem er in meiner Vorstellung mangels Verfügbarkeit reifte? Ein klein wenig Furcht hatte ich schon vor den Antworten auf diese Fragen, als ich die Blu-ray in den Player schob.

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Die Furcht erwies sich allerdings als unbegründet. Es hätte auch schon viel passieren müssen, um einen Giallo, der neben solchen Schönheiten wie Barbara Bouchet (in einer wichtigen, wenn auch leider viel zu kurzen Rolle), Claudine Auger und Barbara Bach, der Musik von Ennio Morricone (und der Hilfe von Bruno Nicolai) und gern gesehen Veteranen wie Silvano Tranquilli und Giancarlo Prete vollends in die Grütze zu fahren. Und Regisseur Paolo Cavara ist auch kein Stümper, sondern hat mit „Das wilde Auge“ einen höchst spannenden und mit viel Experimentierfreude gedrehten Magenschwinger gedreht, der als Schlüsselfilm auf das Genre gelten kann, in dem Cavara große geworden ist: Dem Mondo-Film. Hier hatte Cavara 1962 zusammen mit dem legendären Duo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi die Filme „Mondo Cane“ und „Alle Frauen dieser Welt“ gedreht, bis er sich im Streit von ihnen trennte, da er mit den Methoden Jacopettis nicht mehr einverstanden war. „Das wilde Auge“ war dann seine Abrechnung mit Jacopetti dem Philippe Leroy als skrupelloser Regisseur das eiskalte Antlitz leiht. Nachdem Kriegsfilm „Ein Atemzug Liebe“ drehte Cavara 1971 diesen Giallo hier, der sich einerseits am Einmaleins des Giallo (so wie er außerhalb Italiens verstanden wird, in Italien selber bedeutet „Giallo“ einfach nur „Krimi“) abarbeite, andererseits viele Elemente einbringt, welche ungewöhnlich sind und dem Film seine ganz eigene Note geben.

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Zu den typischen Giallo-Elementen gehört natürlich der Mörder im schwarzen Regenmantel und Lederhandschuhen, der sich eine möglichst makabere und sadistische Mordmethode ausgedacht hat, um seine Opfer ins Jenseits zu befördern. Welche dann auch sehr explizit gezeigt wird. Ferner ein Score mit einer einprägsamen Melodie, ein recht abstruses Motiv des Killers, viele Verdächtige und wunderschöne Frauen, die gerne auch mal blank ziehen. Andererseits konzentriert sich Paolo Cavara aber auch untypischerweise auf die Polizeiarbeit und stellt mit Giancarlo Giannini einen Schauspieler in den Vordergrund, der sich mit seinem samtenen, immer etwas traurig-scheu guckenden Augen und der schmächtigen Gestalt so gar nicht in die Reihe harter und selbstbewusster italienischer Kommissare stellen lässt, die sonst die Leinwand bevölkern. Auch von den typischen Giallo-Helden der frühen 70er wie George Hilton oder Anthony Steffens ist Giannini weit entfernt. Bei seinem Anblick denkt man viel mehr an die blumigen Titel der Lina-Wertmüller-Filme, die ihn bekannt machten. Wie „Mimi – in seiner Ehre gekränkt“.

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Zudem rückt Paolo Cavara die ebenso modern, wie fremdartig wirkende Architektur der Randgebiete Roms in den Vordergrund. Eine Verfolgungsjagd endet auf dem Dach eines futuristisch anmutenden Büro-Industrie-Komplexes, der allein aufgrund seines kühl-futuristischen Designs der Szene einen beinahe schon irrealen Anstrich gibt. Auch, dass das Privatleben des ermittelnden Kommissars, sein Hadern mit dem Beruf und der Welt so weit in den Vordergrund gerückt wird, sieht man nicht alle Tage in einem klassischen Giallo. Es macht den Inspector Tellini sehr menschlich und sympathisch. Und das Zusammenspiel mit der sehr lebendigen Stefania Sandrelli als Frau Tellini injiziert dem ansonsten eher düsteren und harten Film eine leichte, amüsante Note, welche die beiden Figuren gleichzeitig auch eine liebenswerte Natürlichkeit verleiht. Umso härter trifft den Zuschauer die finale Konfrontation mit dem Killer, in der Frau Tellini in Todesgefahr gerät. Wie man überhaupt sagen muss, dass Cavara hier wert auf eine genaue Figurenzeichnungen legt. Auch Silvano Tranquilli als betrogener und mordverdächtiger Ehemann oder die großartige Rossella Falk als Erpressungsopfer wird weitaus mehr Tiefe und Vielschichtigkeit als üblich zugestanden.

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„Der schwarze Leib der Tarantel“ ist ein spannender und sehr gut gemachter Giallo, der sich zwar vornehmlich an den Konventionen des Genres abarbeitet, gleichzeitig aber auch überraschende und untypische Elemente einbringt.

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Das Bild der Blu-ray mag nicht den allerhöchsten Ansprüchen einiger Technik-Fetischisten genügen, ist aber für meine Augen vollkommen akzeptabel. Für diese Veröffentlichung hat CMV die alte Kinotonspur aufgetrieben, die sehr sauber und klar klingt. Wer mag kann auch auf die englische Synchronisierung wechseln, die der deutschen Sprachfassunallerdings qualitativ unterlegen ist. Für die Extras wurde das 15-minütig Interview mit Lorenzo Danon, dem Sohn des Produzenten Marcello Danon, aus der amerikanischen und italienischen Veröffentlichung übernommen. Ganz neu ist ein 5-minütiges Interview mit Pietro Cavara, dem Sohn des Regisseurs. Über den Audiokommentar von Thorsten Hanisch und Andrea Sczuka wurde in diversen Foren schon viel Böses geschrieben. Inhaltlich verweise hier einmal dezent auf eben diese Diskussionen (kann man googeln) und erwähne hier nur, dass die technische Umsetzung recht mies geworden ist. Scheinbar wurde eine schlechte Skype-Verbindung genutzt.

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