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Blu-ray-Rezension: Zwei Filme von G.W. Pabst

Von , 27. April 2018 15:58

Westfront 1918

Der Film erzählt von vier Infanteristen – der Bayer (Fritz Kampers), der Student (Hans-Joachim Moebis), Karl (Gustav Diessl) und der Leutnant (Claus Clausen) – die in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges in Frankreich gemeinsam an der Westfront kämpfen…

Anmerkung: Alle Screenshots von „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“ stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100sten Mal. Ein guter Zeitpunkt, um G.W. Pabsts Anti-Kriegsfilm „Westfront 1918“ in restaurierter Form auf den deutschen Heimkinomarkt zu bringen. Zuvor war der Film bereits auf einer nicht ganz optimalen DVD erhältlich, nun aber kann man Pabsts Werk in restaurierter Form und in HD bewundern. „Westfront 1918“ ist Pabsts erster Tonfilm, und er weiß das Medium für sich zu nutzen. Auffällig seine Entscheidung in „Westfront 1918“ keine Musik einzusetzen. Der ganze Soundtrack besteht aus den Dialogen und den bedrohlichen Geräuschen an der Front. Für heutige Seh- bzw. in diesem Falle Hörgewohnheiten ist das erst einmal gewöhnungsbedürftig. Die Schauspieler sprechen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da wird kein Dialekt glatt gebügelt, was beispielsweise zur Folge hat, dass man das harte Bayrisch eines Fritz Kampers‘ tatsächlich nur schwer verstehen kann. Oder französische Dialoge nicht künstlich „eingedeutscht“ werden.

Dies alles trägt aber zum Realismus des Filmes bei. Teilweise glaubt man, hier zeitgenössische Aufnahmen aus den Schützengräben vor sich zu haben. Es gibt keine heroische Musik, kein ohrenbetäubendes DTS 5.1. Höllenfeuer. Nichts, was man heute von einem Kriegsfilme – die ja auch immer verkappte Actionfilme sind – erwarten würde. Pabst beobachtet seine Figuren, wie sie sich in dem Albtraum Krieg verhalten und was dieser Krieg aus ihnen macht. Dabei entscheidet er sich gegen eine einzige Identifikationsfigur, sondern folgt – wie der vollständige Untertitel „Vier von der Infanterie“ schon ankündigt – vier ganz unterschiedliche Charaktere. Am ehesten könnte noch „der Student“ als unser Wegweiser durch die Hölle fungieren. Wird ihm doch eine kleine Liebesgeschichte mit einem französischen Mädchen gegönnt. Doch „der Student“ wird auch als Erster Opfer des Krieges. Unheroisch und dreckig wird er niedergemacht. Noch nicht einmal seinen Tod in einem schlammigen Drecksloch bekommen wir zu sehen. Sein Tod geschieht nebenbei, ist unwichtig. So wie der Tod des Paul in dem zeitgleich entstandenen „Im Westen nichts Neues“, der in den USA wenige Tage nach der deutschen Premiere von „Westfront 1918“ startete und in Deutschland erst sechs Monate später in die Kinos kam.

Danach ist es Karl, dem Pabst durch das Kriegsgräuel folgt. Karl darf für drei Wochen in die Heimat zurückkehren. Hier wird er mit den dramatischen Auswirkungen des Krieges konfrontiert, den dieser vernichtet nicht nur die Männer an der Front, sondern auch die Seelen der Daheimgeblieben. Lange Schlange vor der knappen Essensausgabe, Frauen, die die verzweifelte Mutter eines gerade Gefallen anschnauzen, sie solle sich ans Ende der Schlange stellen. Mitleid habe niemand, schließlich hätten sie alle Söhne im Krieg verloren. Karls Mutter kann ihren Sohn nicht umarmen, da sie sonst den wertvollen Platz in der Schlange aufgeben würde. Karls Frau geht mit einem Fleischer ins Bett, denn „er bringt doch immer etwas zu essen mit“. Szenen, die an Pabst „Die freudlose Gasse“ erinnern.

In den Kriegsszenen konzentriert sich Pabst ganz auf die beklemmende Atmosphäre. Besonders blutige Szenen, wie heute Usus, gibt es kaum. Umso mehr wirkt das Ende des Filmes, der dann in einem behelfsmäßigen Hospital, welches symbolträchtig in einer zerstörten Kirche eingerichtet wurde, wie ein Abstieg in die Hölle. Hier findet man die versehrten Soldaten, die voller Panik realisieren, dass sie keine Beine mehr haben. Sterbende, schwer Verwundete. Überforderte Ärzte, Wahnsinnige. Hier gibt es dann kein Freund und feind mehr. Deutscher oder Franzose. Hier sind sie alle gleich, zerbrochen unter demselben Leid. Allesamt Kanonenfutter, hüben wie drüben. Erschreckende, eindrückliche Bilder die ihren Höhepunkt darin finden, dass Pabst und sein genialer Kameramann Fritz Arno Wagner das Gesicht eines Sterbenden allein durch die Beleuchtung in einen Totenschädel verwandeln, während neben ihm „der Feind“ auf der Suche nach etwas Trost und menschlicher Nähe dessen Hand hält. Hier erreicht der Film eine intensive Meisterlichkeit, die sich tief das Gedächtnis des Betrachters einfrisst. Es ist kein Wunder, dass der pazifistische Film mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgehend verboten wurde.

Kameradschaft


In der französischen Zeche Thibault nahe der deutsch-französischen Grenze kommt es zu einem schweren Grubenunglück. Mehr als 600 Bergleute werden verschüttet. Als die Bergleute auf der deutschen Seite davon erfahren, fordert der Kumpel Wittkopp (Ernst Busch) kann die deutschen Kollegen auf , den französischen Kumpels umgehend zur Hilfe zu kommen. Er stellt einen Rettungstrupp zusammen und erhält die Erlaubnis von der Direktion nach Frankreich zu fahren, um dort zu helfen. Die Männer fahren mit ihren LKWs über die Grenze und lassen sich auch von den Zollbeamten, die zu spät informiert wurden, nicht aufhalten…

Der ein Jahr später entstandene Film „Kameradschaft“ ist die Weiterführung von „Westfront 1918“. Auch hier geht es um den Konflikt zwischen den Franzosen und der Deutschen, der nach dem verheerenden Krieg noch immer von Vorurteilen und tiefem Misstrauen geprägt ist. Aber auch um die Menschlichkeit. Davon, dass doch alle gleich sind („Kumpels sind Kumpels“), egal auf welcher Seite der Grenze sie leben. Und dass die „einfachen Menschen“ dies begriffen haben (ähnlich wie in „Westfront 1918“, wo am Ende alle im demselben Hospital vor sich hin vegetieren und sterben), aber immer wieder zum Spielball der Regierungen werden.

Wie „Westfront 1918“ ist „Kameradschaft“ ein Appell an das Miteinander und gegen Vorurteile und Hass. Der Film beruht auf dem realen Grubenunglück, welches sich im Jahre 1906 in der Zeche der Compagnie de Courrières im nordfranzösischen Kohlerevier in der Nähe der Stadt Lens, unweit der belgischen Grenze ereignete. Bei diesem waren 1400 Arbeiter unter Tage eingeschlossen gewesen. 1099 kamen um. Damals eilte eine deutsche Rettungsmannschaft aus Dortmund nach Frankreich, um mit dem geeigneten Gerät den Rettern vor Ort zu helfen. Pabst versetzt diese Grundgeschichte in die Gegenwart von 1931. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen wird immer noch von dem 13 Jahre zurückliegenden Krieg bestimmt. Es herrscht Misstrauen und Ablehnung. Zwei Kinder (ein französisches, ein deutsches) spielen mit Murmeln. Doch schon bald kommt es zum Streit. Der französische Junge hätte gemogelt, meint das deutsche Kind. Das französische meint wütend, der Deutsche wolle ihn übervorteilen. Arbeitslose deutsche Arbeiter suchen in Frankreich Arbeit, werden aber an der Grenze abgewiesen. Es gäbe ja kaum genug für die Franzosen.

Drei deutsche Minenarbeiter wollen sich in Frankreich amüsieren, scheitern aber an der Sprachbarriere. Als der eine ein französisches Mädchen zum Tanz auffordern will, lehnt dieses ab, weil es müde ist Sie bittet ihren Freund dies zu erklären, weil er ein wenig „allmand“ spricht. Der deutsche Arbeiter versteht nur „allmand“ und ist außer sich, weil er glaubt, die Französin würde ihm den Tanz nur verweigern, weil er Deutscher sei. Dieser Konflikt führt beinahe zu einer Schlägerei, doch glücklicherweise hat der Arbeiter einen besonnen Freund dabei, der ihn aus der unangenehmen Situation herausführt. Später wird ein französischer Arbeiter seinen deutschen Retter fast erwürgen, weil er von einem Kriegstrauma eingeholt wird und in dem Deutschen einen gegnerischen Soldaten sieht.

All dies zeigt Pabst ohne Wertung. Sein Herz schlägt weder auf der deutschen, noch auf der französischen Seite – sondern für die Menschen an sich. Dementsprechend werden die Deutschen auch nicht als strahlende Helden gezeigt, die „den Franzosen“ mal zeigen, wie man es macht. Sondern als normale Leute, die einfach nur helfen wollen. Die nicht die Glorie des Heldentums suchen, sondern einfach professionell ans Werk gehen. „Ein Kumpel ist ein Kumpel“. Konsequenterweise wird die Geschichte von beiden Seiten her gleichberechtigt gezeigt, und die Franzosen sprechen französisch, die Deutschen sprechen deutsch. Neben seiner ebenso pazifistischen, wie humanistischen Grundierung, hat „Kameradschaft“ aber auch auf der rein visuellen Seite sehr viel zu bieten. Mit seinem kongenialen Kameramänner Fritz Arno Wagner und Robert Baberske begibt sich Pabst tief in die Stollen des Minensystems. Man spürt die Klaustrophobie, die allgegenwärtige Bedrohung. Man wähnt sich tief unter Tage. Es ist kaum zu glauben, dass Pabst nicht vor Ort, sondern in von Erno Metzner and Karl Vollbrecht entworfenen Kulissen agierte. Mit seiner extrem expressionistischen Ausleuchtung, schufen Pabst und Wagner/Baberske starken Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Jede Einstellung für die Galerie, aber jederzeit auch immer im Dienst des Films.

Pabsts Schauspieler rekrutieren sich zu gleichen teilen aus deutschen, wie französischen Darstellern. Am Ende stehen zwei flammende Reden für ein freundschaftliches, ja „kameradschaftlichen“ Miteinander. Eine euphorisch geschmettert von dem französischen Bergmann, der fast seinen Retter umgebracht hätte, die andere nüchterner, aber nicht weniger eindringlich auf deutsch von Wittkop, dem Kumpel, der die Rettungsaktion initiierte. Dass tief unter Tage bereits wieder neue Mauern gezogen werden, damit „alles seine Ordnung hat“, ist ein finsterer Vorgeschmack auf das, was sich zwei Jahre später in Deutschland ereignen soll. Mit dem Wissen, dass trotz aller Hoffnung, sich das Grauen und der Hass des vergangenen Krieges auf das grausamste wiederholen sollte, möchte man nur noch sein Haupt in den Händen wiegen und weinen. Und aufmerksam sein, ob 2018 nicht das neue 1931 ist.

Zur Veröffentlichung: Zunächst die gute Nachricht: Die neue Veröffentlichung von Atlas Film mit der 2014 durch die Deutsche Kinemathek in Kooperation mit dem BFI National Archive und dem CNC erstellte Restaurierung der beiden Filme schlägt die bisherige DVD-Veröffentlichung durch die Ufa um Längen! Unglaublich, was hier noch bei Bild und Ton herausgeholt werden konnte. Siehe Bildvergleich am Ende dieses Artikels. Auch sehen die beiden Mediabooks, die den Film jeweils auf Blu-ray und DVD enthalten und mit einem schönen Booklet mit mit originalen, historischen Dokumenten und Informationen zur Geschichte des jeweiligen Films enthalten, sind ausgesprochen hübsch geworden. Die schlechte Nachricht: Im Gegensatz zu dem bereits vor knapp einem Jahr in England erschienen 3-fach-Set, welches beide Filme zusammen auf einer Blu-ray, sowie jeweils einzeln auf einer DVD enthielt, besitzt die deutsche Variante keinerlei Extras. Auf die in der britischen Variante enthaltenen jeweils ungefähr viertelstündigen Einführung durch Jan-Christopher Korak wird also leider verzichtet. Das ist sehr schade und trübt ein wenig die Freude darüber, dass diese beiden Meisterwerke endlich auch in ihrem Heimatland in einer vernünftigen Form vorliegen.

Vergleich der alten Ufa-DVD (links) und der neuen DVD aus dem Mediabook:

Westfront 1918

 

 

 

 

 

 

Kameradschaft

 

 

 

 

26. Mai im City 46: Ein fast vergessener Klassiker bei “Stummfilm plus zwei”

Von , 24. Mai 2012 14:59

Beim nächsten „Stummfilm plus zwei“ am kommenden Samstag, den 26.Mai um 20:30 Uhr, wird dem geneigten Zuschauer ein ganz besonderes Schätzchen präsentiert. Der heute leider sehr rare „Geheimnisse einer Seele“ von G.W. Pabst. Pabst ist, neben Lang und Murnau, einer der drei Giganten des Deutschen Stummfilms. Während Fritz Lang noch heute, dank „Metropolis“, in aller Munde ist (obwohl sein Mega-Epos „Die Nibelungen“ hier noch immer einer DVD-Veröffentlichung harrt), konnte sich sein Kollege F.W. Murnau zumindest mit seinem „Nosferatu“ im kollektiven Gedächtnis verankern. Aber auch bei ihm gilt, dass viele seine wichtigen Werke (wie z.B. „Faust„) nur als Import auf DVD erhältlich sind. Bei Pabst nun sieht es noch trauriger aus. Zwar liegt sein wegweisender „Die freudlose Gasse“ in einer exzellenten Ausgabe innerhalb der „Edition Filmmuseum“ vor, aber seine berühmtesten Werke, „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“, beide mit der göttlichen Louise Brooks, sind bislang nur im Ausland veröffentlicht worden. Auch „Geheimnisse einer Seele“ wurde bisher nur in den USA auf DVD veröffentlicht. In Deutschland lief er vor vier Jahren einmal im Montagnachtprogramm von Arte. Umso schöner, dieses Werk nun auf der großen Leinwand sehen zu können.

Der Chemiker Martin Fellmann erfährt, dass der attraktive Cousin seiner Frau nach langer Zeit aus Indien zurückkehrt. Seither erlebt er bizarre Albträume, in denen er z. B. versucht, seine Frau mit einem Dolch zu erstechen. Um dem immer stärkeren Drang, sie wirklich zu töten, nicht nachzugeben, entwickelt er eine Messer-Phobie. Sein innerer Konflikt wird von verschiedenen Ereignissen noch verstärkt, bis er voller Schrecken aus seinem Haus flieht und den Psychiater Dr. Orth konsultiert, der bereit ist, ihn psychotherapeutisch zu behandeln…

Psychoanalyse war in der Entstehungszeit des Filmes groß in Mode. Man darf auch nicht vergessen, dass Sigmund Freud zu dieser Zeit seine wichtigsten Werke, wie „Das Ich und das Es“ (1923), schrieb und seine Theorien die Menschen faszinierten. Zwar wurde schon vorher im Film die Psyche des Menschen thematisiert, aber mehr im Nachbau von Innenwelten im Expressionismus („Das Cabinett des Dr. Caligari“). Hier nun stand die Methode der Psychoanalyse erstmals selbst im Mittelpunkt (diese Faszination sollte in den 50er und 60er mit Filmen wie Hitchcocks „Ich kämpfe um Dich“ oder John Hustons „Freud“ ein kleines Revival erfahren). Freud selber war vom Medium Film übrigens wenig angetan. Zwar wurde er gefragt, ob er nicht als Berater bei „Geheimnisse einer Seele“ fungieren wolle, er lehnte aber ab, da er die Abstraktionen der Psychoanalyse als im Film für nicht darstellbar charakterisierte. Seine Schüler Karl Abraham (geboren in Bremen!) und Hanns Sachs übernahmen dann diese Aufgabe.

Der Initiator und Gastgeber der Reihe „Stummfilm plus zwei“, Pianist Ezzat Nashashibi, begrüßt diesmal den Kontrabassisten Johannes W. Schäfer als musikalischen Partner. Johannes W. Schäfer lebt als selbständiger Musiker und Komponist in Bremen. Er gelangte über Geige und Gitarre zum Kontrabass. Als Bassist ist er in mehreren Orchestern und Jazz-Formationen in der Region Bremen/Oldenburg beschäftigt, u.a. in der Drei-Groschen-Oper am Bremer Theater, sowie in den Jazztrios JoGA und Passing Time. Er komponierte bereits Kammermusik, Orchestermusik, Jazz, Elektroakustische Musik, zwei Musicals und ein Oratorium für Kinderchor und Ensemble. Seine Kompositionen werden von internationalen Interpreten im In- und Ausland aufgeführt.

Der Stummfilmabend findet wie immer im City 46 statt. Es empfiehlt sich, sich rechtzeitig um Karten zu kümmern, da die „Stummfilme plus zwei“ immer gut besucht sind.

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