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Blu-ray-Rezension: „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“

Von , 11. Oktober 2018 16:59

Die beiden Polizisten Alfredo (Marc Porel) und Antonio (Ray Lovelock) gehören zu einer Spezialeinheit in Rom an, welche die Straßen vom Verbrechen säubern will. Notfalls auf präventiv durch eine Kugel zwischen die Augen. Als ein Kollege durch die Leute des lokalen Mafiabosses Roberto Pasquini (Renato Salvatori) umgebracht wird, machen sich Antonio und Alfredo daran, Pasquini das Handwerk zu legen und geraten dabei ins Fadenkreuz des Gangsters.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Beim ersten Ansehen von „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ fällt einem erst einmal gepflegt die Kinnlade herunter. Was sich dort von den Augen des unbedarften Zuschauers abspielt ist im Grunde völlig unfassbar. Polizisten benehmen sich wie psychopathische Schulkinder und knallen mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht alles kaltblütig weg, was ihnen vor den Lauf kommt. Ohne Rücksicht auf Verluste unter den Zivilisten, und ohne auch nur einen Gedanken an eine simple Festnahme zu verschwenden. Nein, nur töten macht Spaß. Oder die Autos reicher Bonzen anzuzünden, die sich gerade in dem Spielkasino eines Verdächtigen aufhalten. Warum? Weil! Und wenn da der ein oder andere kleine Handlanger bei draufgeht? Was soll’s? Nebenbei wird die hübsche Kollegin sexuell belästigt oder man rutscht mal hintereinander über die nymphomane Schwester eines Verdächtigen rüber. Lustig ist das Polizisten-Leben!

Dass Regisseur Ruggero Deodato das alles bitterernst gemeint hat und die Taten seiner Protagonisten gut heißt, darf bezweifelt werden. Viel mehr treiben er und sein Drehbuchautor Fernando di Leo das auf die Spitze, was die Poliziotteschi von Leuten wie Lenzi oder Massi vor ihnen schon auf die Leinwand gebracht haben. Der Cop als reinigende Kraft, die auf eigene Faust mit dem Gesocks auf der Straße aufräumt. War Maurizio „Kommissar Eisen“ Merli noch der Watschenverteiler, dem zwar auch der Colt locker an der Hüfte saß, der aber noch ein letztes Bisschen Anstand und Bürgernähe besaß. Das ist hier vollkommen vorbei. Die beiden Posterboys Antonio und Alfredo interessiert eigentlich nur eins, nämlich sie selber. Und da ihnen das Töten solch eine Freude bereitet, sehen sie in ihrem Gegenüber nur das potentielle Opfer ihrer Mordlust. Beide sind Psychopathen reinsten Wassers, was ihr Chef natürlich allzu gut weiß. Halbherzig stellt er sie nach jedem Massaker zur Rede, weiß aber natürlich auch, dass die Beiden für ihn nicht mehr sind als zwei tödliche Waffen, die er bei Bedarf, und ohne mit der Wimper zu zucken einsetzt. So etwas wie Moral kommt in der Welt, wie Deodato sie zeichnet, nicht vor. Da wirkt sogar sein berüchtigter „Cannibal Holocaust“ in dieser Hinsicht etwas sanfter, da es dort mit Prof. Monroe wenigstens eine Figur gibt, die Herz und Gewissen zeigt. So jemanden sucht man in „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ vergebens.

Es wäre interessant herauszufinden, ob es jemanden gibt – heute oder in der Zeit der Filmpremiere – die in Antonio und Alfredo so etwas wie Helden oder gar Vorbilder sieht. Diesem Menschen möchte man allerdings nicht über den Weg laufen. Die gute deutsche Synchro versucht das blutig-misanthropische Treiben mit flotten Sprüchen noch etwas abzumildern, allerdings verstärken diese noch das Unwohlsein nur, welches einen beim Betrachten der Aktionen beider Herren befällt. Wenn beispielsweise Antonio eine Zeugin erst einen Kinnhaken verpasst und dann noch meint „Noch so ’n Scherz und du kannst dein Frühstück aus der Schnabeltasse lutschen“, dann wirkt das nicht cool, sondern im höchsten Maße sadistisch. Und am Ende sind die beiden hübschen Unsympathen nicht nur eitel, selbstverliebt, skrupellos, psychopathisch und übergriffig, sondern auch ziemlich dumm. Ohne das beherzte und ebenso kaltblütige Eingreifen ihres Bosses würden sie nämlich in 1000 Fetzen zerrissen werden. Weshalb? Weil sie lieber eine hübsche Blondine vergewaltigen, als auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, weshalb der Gesuchte nicht zugegen ist.

Aber nicht nur in Bezug auf die (Anti)Helden ihres Filmes, rechnen Deodato und di Leo mit dem klassischen Poliziottesco ab. War dieser bereits durch eine gewisse Epidodenhaftigkeit gekennzeichnet, so zerschlagen die Beiden ihren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ in einzelne Stücke, die nur notdürftig durch die Suche nach Pasquini als roten Faden zusammengehalten werden, oftmals aber gar nichts mit diesem zu tun haben. Dadurch, dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ die typischen Muster eines Poliziottesco gnadenlos übertreibt, legt er dessen Strukturen und oftmals diskussionswürdigen Elemente frei, wie eben gute Satire den Finger auf die Wunde legt, indem sie die Missstände auf die Spitze und darüber hinaus treibt. Dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ aber trotzdem hervorragend als Poliziottesco und Actionfilm funktioniert motiviert dazu, hier vielleicht mal genauer hinzuschauen, was diese Filme eigentlich aussagen und welche Methoden sie propagieren. Und – auf den Zuschauer zurückgeworfen – weshalb er das auch gerne mal so richtig geil findet. Natürlich ist es okay, Poliziotteschi oder Actionfilme zu mögen und ihren nicht zu leugnenden Unterhaltungswert sehr zu schätzen. Aber es ist sicherlich nicht verkehrt, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das eben eine Fantasiewelt ist, die dort kreiert wird und man solche reaktionären und gewaltgeilen Typen wie einen Merli in der realen Welt eben nicht unbedingt antreffen möchte. Von Antonio und Alfredo ganz zu schweigen.

In seinem schier unfassbaren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ arbeitet Ruggero Deodato mit einer Technik, die später auch Paul Verhoeven bei „Starship Troopers“ anwenden sollte. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Fernando di Leo treibt er unter dem Deckmantel rasanter Action und brachialen Unterhaltung die  „Law & Order“-Mentalität anderer Poliziotteschi auf die Spitze, legt so das darunterliegende Gedankengut frei und stellen es in Frage.

Mit „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ macht filmArt das Dutzend in ihrer Polizieschi Edition voll. Dafür wurde das Bild des Filmes neu abgetastet und ist nun – wie man in diversen Internetforen ließt – dem der englischen Bluray überlegen. Diese liegt mir zwar nicht zum Vergleich vor, doch es besteht wirklich kein Grund zur Beschwerde. Das Bild ist sehr gut, ohne seinen „Filmcharakter“ zu verleugnen. Hier hat der technische Partner LSP-Medien wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Auch der Ton ist klar und gut verständlich. Nichtsynchroniserte Stellen liegen auf Italienisch mit deutschen Untertiteln vor. Neben der deutschen ist noch die italienische und die englische Tonspur dabei, sowie ein sehr informativer und kurzweiliger Audiokommentar von Pelle Felsch und Oliver Nöding, der nur zum Ende hin etwas fahrig wird. Eine „unzensierte Deutsche Kinofassung“ ist auch dabei, wobie ich jetzt nicht sagen kann, inwieweit diese sich von dem Hauptfilm unterscheidet – wenn sie doch unzensiert ist. Als Special-Feature gibt es noch die von Ray Lovelock gesungenen Lieder „Maggie“ und „Won’t Take Too Long“, die über einem Foto von ihm abgespielt werden. Englischer Vor- und Abspann und diverse Trailer runden die Extras ab. Hervorzuheben ist noch das wirklich fette Booklet von Martin Beine, welches auch wunderbar bebildert ist.

Blu-ray-Rezension: „Milano Kaliber 9“

Von , 29. März 2017 19:38

Ein dilettantischer durchgeführter Raubüberfall hat Ugo Piazza (Gastone Moschin) hinter Gitter gebracht. Wegen guter Führung wird er nach drei Jahren entlassen und umgehend von seinen alten Kumpanen in Empfang genommen. Kurz vor Ugos Verhaftung verschwanden nämlich 300.000 US-Dollar und der Mailander Gangsterboss „der Amerikaner“ (Lionel Stander) hat Ugo in Verdacht, diese beiseite geschafft zu haben. Nun wird Ugo Schritt auf Tritt von dem Schläger Rocco (Mario Adorf) und seinen Leuten verfolgt, die versuchen ihn unter Druck zu setzen. Doch Ugo scheint sich nur nach einem ruhigen Leben mit der wunderschönen Nelly (Barbara Bouchet) zu sehnen. Doch der Druck auf Ugo wächst und schon bald sieht er sich gezwungen, wieder für den „Amerikaner“ zu arbeiten. Doch gleich der erste Job geht schief, und die Leichen fangen sich an zu türmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Milano Kaliber 9“ ist für mich ein besonderer Film. Es war damals der Film, der mich in das Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, einführte. Der mich von der ersten Sekunde lang mitgerissen hat. Mich nicht wieder losließ und noch lange nach dem Schlussbild beschäftigte. Der zu meiner Messlatte für alle weiteren Poliziotteschi wurde und welche vielleicht in wenigen glücklichen Fällen erreicht, nie jedoch überboten wurde. Dabei hatte es der Film bei mir zunächst nicht leicht. Angefixt durch das Buch „Der Terror führt Regie“ von Karsten Thurau und Michael Cholewa, welches ich irgendwann um 1999 herum auf einer Filmbörse mitgenommen hatte (wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt), waren meine Erwartungen an den Film schon extrem hoch. „Der Terror führt Regie“ damals das erste Buch in Deutschland, welches sich überhaupt mit dem Poliziottesco beschäftigte und von daher für mich ein sehr wichtiges Werk, denn es eröffnete mir ein Genre, mit welchem ich mich bisher noch nicht beschäftigt hatte. Das war noch in einer Zeit, in der das Internet zwar schon Einzug in das allgemeine Leben hielt, aber Filmfreunde tatsächlich noch ihr Wissen noch vor allem aus den – spärlichen – Publikationen zum Thema europäisches Genrekino speisten. Der Säulenheiliger des Autoren-Duos war Fernando di Leo, sein zentrale Meisterwerk „Milano Kaliber 9“.

Dann hatte ich endlich „Milano Kaliber 9“ im Videorekorder. Eine Kopie des alten deutschen VHS-Tapes. Vielleicht die zweite oder dritte. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die her hatte, das Bild war jedenfalls noch erstaunlich gut. Da war man zu den wilden, prä-DVD-Zeiten auch anderes gewohnt – was man aber ohne viel Murren schluckte, nur um endlich mal den begehrten Titel, über den man zuvor nur mal irgendwas gelesen hatte, sehen zu können. Egal wie. Und, holla, allein der Anfang von „Milano Kaliber 9“ hatte es dermaßen in sich, dass ich den Film auch dann als Meisterwerk tituliert hätte, würde der Rest aus Schwarzbild bestanden haben. Diese furiose Montage, in der in nur fünf Minuten zu der kongenialen Musik von Luis Bacalov die Geschichte eines fehlgeschlagenen Geldschmuggels und den brutalen Konsequenzen erzählt wird, gehört bis heute für mich zu den großartigsten Filmanfängen aller Zeit. Gleich ganz oben dort mit jenem von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ oder Leones „Spiel mit das Lied vom Tod“. Vor einigen Jahren gab es im Bremer Kommunalkino mal kurzzeitig ein kleine Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen traf, um Filme anhand von Filmausschnitten vorzustellen und zu diskutieren. Leider habe ich es nur einmal geschafft, an dieser kurzlebigen Veranstaltung teilzunehmen. Das Thema war „Filmanfänge“. Ich hatte natürlich „Milano Kaliber 9“ im Gepäck und danach war es sehr ruhig im Raum und man sah viele heruntergeklappte Kinnladen. Bildungsauftrag erfüllt.

Nun ist „Milano Kaliber 9“ bei filmArt erstmals in Deutschland in HD erschienen. Zeit Mailand mal wieder einen Besuch abzustatten, nachdem ich den Film nun schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und was war das für ein Wiedersehen. Wie beim ersten Mal traf mich die Rasanz und Gewalt der ersten Minuten wie ein Hammer. Mario Adorf liefert in seiner Darstellung des Rocco eine der besten Leistungen seiner an überragenden Darstellungen nicht gerade armen Karriere ab. Er spielt nicht, er ist. Dieses schleimig-einschmeichelnde, dass in der nächsten Sekunde in erschreckend rohe Brutalität umschlägt. Hier der narzisstische Clown mit den viel zu großen Gesten, dort der hitzköpfige, aber in der Wahl seiner Mittel erschreckend kontrollierte Gewaltmensch. Und am Ende die einzig ehrliche Figur in diesem Film Noir voller Intrigen, Masken und Machtspielchen. Rocco mag ein extrem gefährlicher, stets gewaltbereiter Schläger sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Der ohne mit der Wimper zu zucken wortwörtlich über Leichen geht. Aber er gibt niemals vor, jemand anderer zu sein als der, der er ist. Rocco ist immer Rocco, womit er sich von den anderen Figuren in dieser Geschichte unterscheidet.

Überhaupt diese Schauspieler, die Regisseur und Autor Fernando di Leo für sein Poliziottesco-Debüt zusammengetrommelt hat. Allen vorweg der unglaubliche Gastone Moschin, der ein wenig an eine primitivere Version von Jason Statham erinnert. Er versprüht pure Körperlichkeit, wenn er seinen massiven Leib, dieses unbewegte, wie festgemeißelte, grobschlächtige Gesicht durch Mailand schiebt. In jeder Szene nimmt er sich einfach den Raum, den er braucht – ohne dass er sich groß anstrengen müsste. Es ist fast nicht zu glauben, dass dieser aus grobem Fels gehauene Mann auch in der leichten Muse daheim war. Zwei Jahre zuvor hatte er so wunderbar einen spleenigen, britischen Landpolizisten in Michele Lupos schönen „Konzert für eine Pistole“ gespielt und im selben Jahr wie „Milano Kaliber 9“ gab er als Nachfolger von Fernandel (der während der Dreharbeiten verstarb) den Don Camillo! Übrigens mit „Kaliber 9“-Gegenspieler Lionel Stander als Peppone. Um gegen diese Naturgewalt anzuspielen, braucht es ganz besondere Schauspieler, und die Leo hat sie. Neben dem fantastischen Mario Adorf quasi als Gegenentwurf zu Moschins Ugo Piazza, ist da der alt gewordene Philippe Leroy als Killer im Ruhestand. Ruhig, überlegt und von einer schweren Melancholie durchzogen. Frank Wolff, als wütender Kommissar mit althergebrachten, faschistischen Ansichten. Urgestein Lionel Stander als Gangsterboss „Amerikaner“ – irgendwo zwischen Güte und knallharter Skrupellosigkeit. Und letztendlich auch die göttliche Barbara Bouchet in der Rolle ihres Lebens. Von ihrem ersten Auftritt als Erotik-Tänzerin – der niemanden auf dem Sitz halten dürfte – bis hin zum großen Finale, als sich plötzlich ihr schönes Gesicht in eine gierige Hexenfratze verwandelt.

Aber was wären diese tollen Schauspieler und die souveräne Regie Fernando di Leos ohne seine anderen Mitstreiter, die aus „Milano Kaliber 9“ solch einen kraftvollen, unvergesslichen Film gemacht haben. Ohne Kameramann Franco Villa (dessen Lied man nicht laut genug singen kann, wie ich es bereits anlässlich des Western „Mörder des Klans“ tat, wo dieser viel zu unbekannte Meister hinter der Kamera bereits sein großes Können zeigte. Schade, dass er später im Bodensatz des italienischen Exploitationkinos versank), der genau weiß, wie man mit den Schatten spielt. Wie man den Eindruck einer Szene noch verstärken kann, indem die Kamera leicht in die Untersicht gebracht wird bringt. Der im richtigen Moment ganz nah dran an den Gesichtern und Figuren ist. Der Mailand diese raue, triste Antlitz verleiht. Ohne Amedeo Giomini, der mit seinem Schnitt den Actionszenen diese unerhörte Dynamik gibt. Und natürlich – die Musik. Was Luis Bacalov zusammen mit der Prog-Rock-Gruppe Osanna hier zum Film beisteuert, hebt diesen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Ein Soundtrack für die Ewigkeit. Wie bei der eingangs beschrieben Geldübergabe mit jedem Wechsel der Träger die Musik von neuem anschwillt und aus den Boxen birst – das geht unter die Haut. Oder jene Musik, welche Barbara Bouchets erotischen Auftritt begleitet. Melodien für die Ewigkeit. Schade, dass der tollen Veröffentlichung nicht auch noch der Soundtrack beiliegt. Aber das ist schon ein sehr hehrer Wunsch. Man muss filmArt dankbar sein, dass „Milano Kaliber 9“ nun in einem hervorragenden HD-Bild vorliegt, welches all die großen Qualitäten dieses Meisterwerkes noch einmal deutlich hervorhebt.

Ein zeitloser Klassiker des italienischen Gangsterfilms. Keine Maurizio-Merli-Haudrauf-Action, sondern ein desillusionierter Film Noir, bei dem alles stimmt. Von den überragenden Schauspielern bis zur aufpeitschenden Musik. Selten was das ausgelutschte Wort vom „Muss see“ so angebracht wie hier.

„Milano Kaliber 9“ ist die Jubiläumsnummer 10 der „Polizieschi Edition“ aus dem Hause filmArt und endlich mal wieder ein echtes Schwergewicht. Die Scheibe kommt als Blu-ray-/DVD-Kombi daher und hat den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, die Stellen ohne Synchronisation wurden untertitelt) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten) daher. Bild und Ton sind sehr gut. Positiv sei vermerkt, dass der Film bei aller Brillanz seinen „Kinolook“ behält und somit lebendig und nicht totgefiltert aussieht. Beim deutschen Ton hat man allerdings das Gefühl, dass hier etwas zu viel Atmo raus gefiltert wurde. Das klingt manchmal etwas flach. Sehr angenehm und informativ ist die 15-minütige Einführung in den Film, in der Prof. Dr. Marcus Stiglegger das am film beteiligte Personal vorstellt. Sehr interessant sind auch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ – quasi ein Making-Of – und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“ in dem Fernando di Leo über seine lange Karriere Auskunft gibt. Beide Features befinden sich auch auf der Raro-Veröffentlichungen (USA und Italien). Leider wurde auf das Feature „Scerbanenco noir“ (über den Autoren der Vorlage), welches in den internationalen Veröffentlichungen auch enthalten war, hierzulande verzichtet. Ferner sind noch Trailer (leider nicht der deutsche), ein Musik-Video der Gruppe Salem’s Pop (welches zu der Tanz-Szene mit Barbara Bouchet das Hauptthema des Filmes remixt, verfremdet und mit vielen Scratch-Effekten versieht – ist nicht so mein Ding) und ein sogenanntes Artbook mit dem kompletten deutschen Kinoaushang.

Blu-ray-Rezension: “Der Teufel führt Regie”

Von , 17. Januar 2015 21:11

teufelfuehrtregieNick Lanzetta (Henry Silva) wurde vom Mafiosi Don Giuseppe D’Aniello (Claudio Nicastro) wie ein Sohn aufgezogen. In D’Aniellos Auftrag löscht Lanzetta eine rivalisierende Mafia-Familie aus. Doch ein Vertrauter der Familie, Cocchi (Pier Paolo Capponi) kann entkommen. Er ahnt, dass D’Aniello hinter dem Massaker steckt und entführt dessen Tochter Rina (Antonia Santilli). Obwohl vom D’Aniello großen Paten Don Corrasco (Richard Conte) verboten wird, sich einzumischen, nimmt dieser die Sache selber in die Hand und beauftragt Lanzetta seine Tochter aus den Klauen Cocchis zu befreien. Koste es, was es wolle. Damit wird ein blutiger Mafia-Krieg losgetreten und Lanzetta vom Jäger zum Gejagten…

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Der Teufel führt Regie“ ist der Abschluss der sogenannten „Mafia“-Trilogie des italienischen Regisseurs Fernando di Leo. Obwohl alle Filme unabhängig von einander sind und auch nicht aufeinander aufbauen, so besitzen sie doch inhaltliche Schnittpunkte, denn sie erzählen alle drei im Grunde die gleiche Geschichte. Die Geschichte eines Mannes, der sich innerhalb des System der Mafia bewegt, hier jedoch Opfer von Machtspielen und Intrigen wird. War Ugo Piazza aus „Milano Caliber 9“ dabei nur scheinbar ein Opfer, welches aber hinter der Fassade seiner ganz eigene Agenda verfolgte und dabei Freund und Feind betrog, so ist der Kleingangster Luca Canalli, der in „Der Mafiaboss“ von den mächtigen Bossen zum Freiwild erklärt wird, eine bemitleidenswerte Kreatur, die gar nicht weiß wie ihr geschieht, wenn sie zwischen die Mühlsteine der Intrigen und politischen Machtspiele der Bosse gerät. Lanzetta aus „Der Teufel führt Regie“ hingegen ist ein Mann, der durchaus weiß, wie der Hase läuft. Der im System des Verbrechens eiskalt agiert und reagiert. Der die Spielregeln verstanden hat und deshalb seinen Feinden einen Schritt voraus ist.

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Und die Spielregeln lauten: Keine Skrupel – kein Vertrauen. Jederzeit kann der Verbündete zum Feind werden. Zu jedem Zeitpunkt muss man damit rechnen, dass sich der Freund als schlimmster Feind entpuppt. Loyalität wechseln schneller als die Windrichtung. Selbst wenn man jemanden wie seinen eigenen Sohn aufgezogen hat, heißt es nicht, dass dieser einen nicht ohne zu zögern umbringt, wenn es für seine Ziele opportun ist. Traue niemanden. Baue keine emotionalen Bande auf. Sei immer auf der Hut und bereit, jeden zu töten, der dir im Weg steht. Die Welt, die di Leo hier zeichnet ist finster, zynisch und voller Gewalt. Keine seiner Figuren ist ohne emotionale Verkrüppelungen. Das Opfer einer Entführung entpuppt sich als nymphomane Drogensüchtige, die die sexuellen Übergriffe ihrer Entführer genießt, der alte Patriarch lässt seine Weggefährten mit einem Lächeln aus dem Weg räumen und kuscht doch selber vor den noch mächtigeren Bossen aus Rom. Der Polizist ist durch und durch korrupt und Lanzetta selber ein eiskalter Killer, der selbst seine Mutter ohne mit den Augen zu zwinkern über den Haufen schießen würde, wenn es ihm nützt. In seiner Erbarmungslosigkeit und Brutalität erinnert „Der Teufel führt Regie“ stark an die japanische „Battles without Honor und Humanity“-Reihe. Denn Ehre und Humanität sind auch hier völlig abstinent.

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„Der Teufel führt Regie“ war der erste Polizieschi, den ich einst vor vielen Jahren sah. Und er hat mich schon damals stark beeindruckt. Allein die Eröffnungsszene, in der Lanzetta in ein Kino schleicht, um aus dem Vorführraum heraus seine Sprengstoffgeschosse in den Saal zu feuern, blieb mir im Gedächtnis. Aber auch die rockige Musik, die rockig-treibende Musik von Luis Bacalov und die vielen rau inszenierten Mordszenen faszinierten mich. Das Wiedersehen hat diese frühen Eindrücke bestätigt.Dem in Brooklyn aufgewachsenen Henry Silva ist die Rolle des Lanzetta wie auf den Leib geschrieben. Seine durchdringenden Augen, die in einem nahezu unbewegten, kantigen Gesicht wie glühende Kohle lodern, machen schnell klar, dass hier jemand ist, mit dem man sich keine Späße erlaubt. Der aufrechte, katzenhafte Gang und der Sinn für Stil – Silva sah wahrscheinlich in keinem seiner Filme besser aus – lassen Schauspieler und Figur miteinander verschmelzen. Man braucht nicht viel über Lanzetta zu wissen. Silvas eiskalte, unerbittliche Aura erzählt bereits die ganze Geschichte.

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Neben Silva haben es die anderen Darsteller schwer, schaffen es aber, ihren Rollen einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Insbesondere Gianni Garko überrascht, spielt er doch gegen sein Typ. Zwar wirkt seine Darstellung zunächst befremdlich und aufgesetzt, wenn er mit den Händen in der Gegend herumfuchtelt, unterstreicht aber auch die Primitivität seines Commissario Torri , der gerne etwas Größeres darstellen möchte, als er ist. Der alte Westernheld Garko untergräbt in jeder seiner Szenen jedweden Respekt, den man vor Commissario Torri haben könnten. Einen aufgeblasenen Popanz, der so gerne ein cooler Bulle wäre. Letztendlich aber seine Karriere nur dem gut geschmierten System verdankt. Altstar Richard Conte bringt genug Ausstrahlung mit, um seinen Mafia-Paten mächtig und väterlich zu gestalten, lässt aber auch durchblicken, dass Don Corrasco ein schwacher Herrscher über das Reich des sizilianischen Verbrechens ist und am Ende dann doch auch an den Fäden anderer hängt. Dies ist eine weitere Gemeinsamkeit der Figuren in „Der Teufel führt Regie“. Alle überschätzen sich und ihre Möglichkeiten. Allein Lanzetta bildet hier eine Ausnahme. Positiv fällt auch Marino Masè – der einst die Hauptrolle in Jean-Luc Goddards „ Die Karabinieri“ spielte – in der Rolle des Pignataro auf. Ein kluger, gewiefter Taktiker und skrupelloser Killer, dem allerdings sein Stolz auf die eigene Cleverness zum Verhängnis wird.

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„Der Teufel führt Regie“ berichtet von einer Welt in der Niedertracht, Verrat und skrupellose Gewalt regieren. Ohne einen einzigen positiven Charakter dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller und reist alles mit sich, nur um am Ende wieder am Anfang anzukommen. Ein zutiefst pessimistisches Werk der Polizieschi-Legende Fernando di Leo mit einem beängstigenden Henry Silva in der Hauptrolle.

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FilmArt hat diesen Film in einem Media-Book, welches den Film sowohl auf Blu-ray als auch auf DVD enthält, veröffentlicht. Das Bild der Blu-ray ist tadellos und verfügt über kräftige Farben und tiefe Schwarztöne. Bezüglich des Tons gab es im Vorfeld ein großes Problem. Der Film war vor der deutschen Kinoauswertung 1974 massiv gekürzt worden. Um diese Kürzungen zu kaschieren, wurde die Dialoge in der deutschen Synchronisation so hin gebogen, dass die fehlenden Teile nicht weiter auffielen. Wenn filmArt nun eine ungekürzte Fassung mit deutschen Ton anbietet, so passen die wieder eingefügten Teile nicht mehr zur deutschen Fassung. So entschied sich filmArt für die einzig sinnvolle Lösung: Die ungekürzte Fassung wird im italienischen Original mit deutschen Untertiteln– die gekürzte, ganz auf die Action fokussierte, deutsche Kinofassung mit Synchronisation angeboten. Vor Beginn des Filmes, wird der Filmfreund aufgefordert, sich für eine der beiden Fassungen zu entscheiden. Der DVD liegt ein umfangreiches und sehr informatives Booklet von Pelle Felsch bei. Einziger Kritikpunkt: Die deutschen Untertitel der italienischen Fassung sind ab und zu von irritierenden Rechtschreibfehlern geplagt. Laut OFDb soll es übrigens ein 83-minütiges Hidden Feature geben. Dieses habe ich allerdings nicht gefunden und glaube, das ist eine Ente. Falls jemand Näheres weiß, bitte in den Kommentaren posten.

Alle Screenshots stammen von der DVD-Version des Filmes.

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