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Blu-ray-Rezension: „Crash“

Von , 23. Juni 2020 17:43

Der Filmproduzent James Ballard (James Spader) verursacht einen Verkehrsunfall, bei dem ein Mann ums Leben kommt. Selber schwer verletzt, beginnt Ballard nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus eine Affäre mit Helen Remington (Holly Hunter), der Witwe des Getöteten. Über sie wird er mit einer Gruppe von Leuten bekannt gemacht, die tödliche Autounfälle berühmter Persönlichkeiten nachstellen und sexuelle Erregung empfinden, wenn Autos fatal ineinander krachen. Anführer dieser Gruppe ist der geheimnisvolle Vaughan (Elias Koteas), den Ballard bereits im Krankenhaus kennengelernt hat, als Vaughan seine Wunden fotografieren wollte. Ballard erliegt immer mehr der Faszination für Vaughan und schließlich stößt auch Ballards Ehefrau Catherine (Deborah Kara Unger) zu der Gruppe der Unfall-Fetischisten.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

In meiner Erinnerung war “Crash” immer mit einer Farbe verbunden: Einem eiskalten Blau. Und ich gebe zu, vor dem Wiedersehen mit “Crash” tatsächlich etwas gefröstelt zu haben. Zwar war es gut 20 Jahre her, dass ich Cronenbergs Film – damals noch zu VHS-Zeiten aus der Videothek ausgeliehen – gesehen habe, aber viele Szenen waren mir noch immer sehr präsent. Und noch mehr dieses seltsame Gefühl, welches sich mit dem Film verband. Eine Faszination, aber auch etwas Unangenehmes, was man nicht direkt fassen konnte. Figuren, die man nicht oder gerade doch verstand, wobei man letzteres vielleicht nicht unbedingt vor sich selbst zugeben möchte. Cronenbergs Figuren sind egozentrisch, ohne Empathie. Sie kreisen um sich selbst, zusammengehalten nur von der gemeinsamen Suche nach Befriedigung und etwas, was ihre leere Existenz füllt. Beim Ehepaar Ballard ist es zunächst der Sex. Tagsüber suchen sie sich ihre Abenteuer. Sie lässt sich in einem Flugzeughangar von einem Mechaniker oral verwöhnen, doch ihr Interesse gilt nicht dem Mann hinter ihr, sondern der kalten, glatten Oberfläche des Flugzeugs vor ihr. Er fällt förmlich über eine Mitarbeiterin her, tierisch, ohne Freude, ganz dem schnellen eigenen Höhepunkt entgegen strebend – der ihm dann doch verwehrt wird. Am Abend versuchen sich die Ballards dann mit ihren Erlebnissen gegenseitig heiß zu machen, was auch nur bedingt funktioniert. Echte Leidenschaft füreinander? Fehlanzeige. Eher hat man das Gefühl, dass man sich gerne übertrumpfen möchte und sich seine Geschichten mehr für sich selber und zur Bestätigung der eigenen Libido erzählt.

Dieser eklatante Mangel an Empathie stößt zunächst einmal von den Figuren ab, die sich in einem ganz eigenen Kosmos zu bewegen scheinen. Als James einen tödlichen Unfall verursacht und eine Leiche durch seine Windschutzscheibe kracht, verspürt er weder Schrecken, Angst oder Ekel, sondern nur ein erstauntes Interesse an dem Toten. Vielmehr erregt ihn die entblößte Brust der Fahrerin im verunglückten Wagen. Dass er fahrlässig einen Menschen umgebracht hat, scheint ihn nicht weiter zu beschäftigen. Und wenn, ist es für ihn eher Kollateralschaden auf dem Weg zu einer neuen, sexuellen Erfahrung. Der Chance seine im Grunde langweilige Existenz mit einem erregenden Gefühl zu füllen. Vielleicht wirklich einmal so etwas wie Ekstase zu empfinden. Verstörenderweise scheint es allen Figuren um Ballard herum so zu gehen. Sogar für die Witwe von Ballards Opfer scheint der tote Ehemann nicht viel mehr zu sein als ein Spielzeug, welches jetzt kaputt gegangen ist, aber schnell gegen ein neues ersetzt werden kann. Und tatsächlich sieht man sie bald schon beim Sex mit dem “Mörder“ ihres Mannes. Diese im Grunde irrationale und „falsche“ Verhaltensweise verstört und entfremdet ebenso, wie die „Shows“ um Vaughan herum, in denen tödliche Autounfälle als Amüsement und zur Erregung des Publikums nachgestellt werden. Und eine fast schon surreale Szene, in der die Protagonisten in einer unwirklichen Unfallszenerie herumwandern, neugierig die Opfer bestaunen, sich in erotischen Posen vor den blutverschmierten Autos fotografieren oder sich fasziniert unter die Schwerverletzten mischen.

Man kann mit den Figuren in „Crash“ im wahrsten Sinne des Wortes nicht „warm werden“. Sie bleiben kalt, fremd, ja auch ein wenig unheimlich (denn wer möchte im wahren Leben schon solchen emotionalen verkrüppelten, ich-fixierten Menschen begegnen) und abstoßend. Aber Cronenberg lässt uns in ihre Welt schauen ohne zu werten. Man blickt hinein, wundert sich, ist durchaus fasziniert, versucht hinter den Sinn des Ganzen zu kommen, muss sich sein eigene Gedanken zum Gesehenen machen. Cronenberg nimmt einen nicht väterlich an die Hand und führt einen herum. Er stößt einen hinein in diese seltsam-verwirrende Welt und lässt einen dort allein mit seinen Gefühlen zurück. Dies macht die Stärke von „Crash“ aus. Es ist kein bequemer Film. Keiner in dem man sich wohl fühlt. Das Verhalten der Figuren beunruhigt einen, macht einen vielleicht auch wütend. Aber es lässt einen nicht gleichgültig. Es trifft einen im Inneren, macht etwas mit einem.

Tatsächlich Leidenschaft findet man selten in „Crash“. Wenn die Figuren miteinander Sex haben, geschieht dies meist auf eine seltsam distanzierte Weise. Kaum blicken sie sich dabei ins Gesicht. Meisten wird der Beischlaf von hinten vollzogen, voneinander abgewandt. Befindet sich die Gesichter dann doch einmal zugewandt, verschließt man die Augen, um sich wieder ganz auf sich selbst zurückzuwerfen. Es scheint auch immer um Kontrolle zu gehen. Man kontrolliert seine Lust, seinen Höhepunkt. Der andere ist Mittel zum Zweck. Einzig in der Sexszene zwischen James und Vaughan scheint es so etwas wie ein Interesse an dem Anderen, an dessen Körper zu geben. Ja, wenn schon nicht Liebe (zu so etwas sind die Menschen in „Crash“ gar nicht mehr fähig), dann doch zumindest Interesse und Neugier. Auch bei Vaughan geht es um Kontrolle. Um kontrollierten Kontrollverlust. Vaughan schafft ein Umfeld, welches er kontrolliert, aber welches zu einer Situation führt, deren Ausgang er nicht kennt. Das verschafft ihm seinen Kick. Sei es nun beim Nachstellen von Verkehrsunfällen, wenn er mit seinem im Laufe des Filmes immer mehr zerbeulten Wagen Jagd auf andere macht oder eben beim Sex die aktive Rolle an James abgibt. Bei allem was er tut steht nur ein Mensch im Mittelpunkt: Vaughan. Alle anderen dienen nur dazu, ihm seine ihm eigene Befriedigung zu verschaffen.

„Crash“ ist ein bedrückender Kommentar auf die Entfremdung der Menschen, den Verlust des Mitgefühls, die konsequent selbst vorangetriebene Vereinsamung. Den Rückzug in einen Raum, der einen noch mehr von seinen Mitmenschen trennt: Das Auto, welches als Exoskelett der Egomanen wird. Zur mächtigen Verlängerung des eigenen Körpers. Ein typisches Thema bei Cronenberg. Die Technik, die den menschlichen Körper verändert, mit ihm verschmilzt. Hier treibt der Mensch diese Veränderung selbst voran. In fatalen Unfällen wird der Körper durch das Auto deformiert, verändert, mechanischer gemacht. Gut sehen an der Figur der Gabrielle, welche sich nur noch mit Krücken fortbewegen kann, deren Gelenke von künstlichen Schrauben gehalten, deren Körper durch ein Korsett in Form geschnürt wird – und an deren Oberschenkel sich vaginaartige Narbenwucherungen gebildet haben. Oder an James selber, dessen Beine nach dem Unfall von unzähligen Schrauben gehalten werden. Das Verschmelzen mit den Fahrzeugen, das auf sich selbst zurückgeworfene Selbst im Inneren der Maschine, der „Crash“ mit anderen und der Tod als ultimativer Orgasmus, weil man zum liebevolle Verschmelzen mit einem geliebten Anderen gar nicht mehr in der Lage ist, sondern in einer lieblosen und (Selbst)optimierungsfixierten Welt selber schon Maschine geworden. Davon erzählt „Crash“ und es ist keine optimistische, sondern eine zutiefst bedrückende Geschichte.

Cronenberg gelingt all dies in wundervoll ambivalenten Bildern einzufangen, die seinen Stammkameramann Peter Suschitzky ebenso wunderschön, wie erschreckend abstoßend gestaltete. Wunden, Blut und Verstümmelungen werden als ästhetische Alternativen zum klassischen Schönen gezeigt. Die Schauspieler leisten Unfassbares und zeigen einen großen Mut. Nicht nur in Bezug auf die Nacktheit des Körpers, sondern auch der Seele. Insbesondere die wunderschöne, immer etwas geheimnisvoll und undurchsichtig wirkende Deborah Kara Unger muss hier hervorgehoben werden. Gerade in der Szene, in der ein zunächst harmloses Liebesspiel mit Vaughan auf dem Rücksitz zu einer brutalen Vergewaltigung entwickelt, die von ihrem Ehemann mit einer Mischung aus Neugier und Erregung beobachte wird. Wie sie die tiefe Verletzung ihrer Seele und ihres Körpers zeigt ist beeindruckend. Aber auch Spader, der mit seinem Yuppie-Image spielt, eigentlich zu jugendlich und beinah kindlich wirkt, aber eben auch die perfekte Verkörperung der seelenlosen, ich-bezogenen 90er ist, die auch Monstren wie Brett Easton Ellis‘ Patrick Bateman erschaffen konnten. Wie überhaupt „Crash“ eine große Nähe zu „American Psycho“ besitzt, der ähnlichen Themen bearbeitete. Ebenfalls fantastisch: Holly Hunter. Und interessant: In einer Szene nimmt sie während eines gemeinsamen „Videoabend“ sexuelle Handlungen an James und der von Rosanna Arquette ebenfalls großartig gespielten Gabrielle vor, während sie sich von Bildern von Autocrash stimulieren lässt. Eine ähnliche Szene gibt es in Jörg Buttgereits „Nekromantik 2“ und irgendwie reizt es einen auch, gerade diese beiden Filmen, in denen es um spezielle Fetische und aber auch die Vereinsamung geht, miteinander in Verbindung zu setzen. Und was wäre „Crash“ ohne die packende und ebenso simple, wie hochkomplexe Musik Howard Shores, die in jede gute Soundtrack-Sammlung gehört? „Crash“ ist ein allen Bereichen ein unbequemes Meisterwerk, auf das es lohnt, sich einzulassen.

Das Mediabook von Turbine wird dem absolut gerecht. Endlich kann man „Crash“ in jener Brillanz sehen, die der Film verdient. Das Bild der Blu-ray ist kristallklar, ohne artifiziell zu wirken. Der Ton ohne Beanstandungen und gerade Shores kongenialer Soundtrack bekommt den Raum, den er benötigt. Das Mediabook erschien in zwei Cover-Varianten. Das oben abgebildete, über welches ich mal den Mantel des Schweigens ausbreitete und das alte Kinoplakat mit Spader und Hunter im Auto. Die Extras sind ausgesprochen interessant. Herzstück ist ein fast einstündiges Gespräch zwischen Cronenberg, seinem späteren Stammschauspieler Viggo Mortensen und einem Mitarbeiter des tiff auf dem Toronto International Filmfestival. Mortensen durfte sich zwei Film aus dem tiff-Archiv aussuchen und wählte (neben Dreyers „Passion der Jeanne D’Darc“) eben „Crash“. Er leitete kompetent in den Film ein und holt später Überraschungs-Gast Cronenberg auf die Bühne, um mit ihm vor allem über „Crash“ zu sprechen. Das ist alles sehr sympathisch, unterhaltsam und vor allem informativ. Weiter geht es mit jeweils um die 25-Minuten langen, aktuellen Interviews mit Kameramann Peter Suschitzky, Produzent Jeremy Thomas, Komponist Howard Shore und Casting-Director Deirdre Bowen, die allesamt auch sehr detailliert und interessant über „Crash“ sprechen und dabei allesamt sehr sympathisch erscheinen. Da macht es großen Spaß zuzuhören. Älter sind 11 Minuten mit Aufnahmen von den Dreharbeiten und kurze Promo-Interviews, die zum Kinostart mit Cronenberg, Autor Ballard, James Spader, Holly Hunter, Deborah Kara Unger und Elias Koteas geführt wurden. Wunderbarerweise wurden noch drei neuere Kurzfilme von Cronenberg mit auf die Scheibe gepackt: The Nest (2013), Camera (2000) und At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World (2007). Letzteren konnte man schon mal bei Arthaus in der Kurzfilm-Sammlung „Chacun son cinéma – Jedem sein Kino“ sehen, „Camera“ war Teil des „Videodrome“-Mediabooks von Koch und „The Nest“ war bisher nur auf YouTube zu sehen. Hervorheben möchte ich noch das sehr ausführliche und informative 40-seitige Booklet (mehr Book, als -let) von Stefan Jung und Christoph N. Kellerbach.

Filmrezension: „A Thought of Ecstasy“

Von , 8. Januar 2019 06:34

August 2019. Der Deutsche Frank (RP Kahl) glaubt in dem neu erschienenen Buch „Desert LA“ von einem Ross Sinclair die Geschichte seiner ehemaligen Geliebten Marie wiederzuerkennen. Hat sie dieses Buch geschrieben? Wie kann es sein? Marie ist doch tot? Als er für einen Job nach Los Angeles kommt, macht er sich auf die Suche nach Marie. Die Verlegerin des geheimnisvollen Buches (Deborah Kara Unger) bringt ihn auf eine Spur, die ihn in die kalifornische Wüste führt. Hier trifft er auf Nina (Ava Verne), die ihn auf merkwürdige Weise in ihren Bann zieht..

A Thought of Ecstasy“ ist ein Film, der das Publikum radikal spalten wird. Man kann ihn für prätentiös, gestelzt und mit gewagten Sexszenen krampfhaft auf Provokation gebürstet halten und dafür sicherlich auch gute Argumente vorbringen können. Man kann sich aber auch einfach in den Fluss der Bilder gleiten lassen, sich fortziehen lassen in diese ebenso karge, wie geheimnisvolle Gegend, die irgendwo in diesem seltsamen Riss zwischen Traum und Wachen, Leben und Tod liegt. Sich hypnotisieren lassen, von der dunklen, rauen Stimme Deborah Kara Ungers, die das Geschehen nicht nur aus dem off mit Passagen des mysteriösen, scheinbar von einer Toten unter dem Pseudonym Ross Sinclair geschrieben Romans „Desert LA“ kommentiert, sondern auch sonst wie eine der Nornen die Fäden in der Hand hält und den Helden der Geschichte dahin lockt, wo er sich seiner Vergangenheit und seinem Schicksal stellen muss.

Egal, wie man den Film letztendlich rezipiert, die formidable Kameraarbeit von Markus Hirner (interessanterweise erst seine erste Spielfilmarbeit) kann man nicht zur Diskussion stellen. Hirners Kamera fängt die karge Wüsten-Landschaft ebenso unvergesslich ein, wie es Filme wie „Twentynine Palms“ oder „Zabriskie Point“ tun. Man spürt die Hitze, den Staub und die sandigen Felsen unter den Füssen. Sie erforscht nächtliche Ecken am Rande von Los Angeles, die wie erträumt wirken und einen Einsamkeit und Stille fühlbar machen. Sie verwandelt Räume in beinahe schon lebende Organismen in irrealem Rotlicht. Begleitet wird dies von einem kongenialen, grandiosen elektronischen Soundtrack für den sich Matti Gajek und Sebastian Szary  verantwortlich zeichnen. Musik, die einen mitnimmt auf diese geheimnisvoll-erotische Reise in jene Welt, welche sich Frank langsam als seine ganz eigene offenbart.

RP Kahls Film wird oft mit dem Werk David Lynchs verglichen. Was beiden gemein ist, sind die nächtlichen Fahrten durch ein Amerika, welches wie eine Traumlandschaft wirkt. Auch das Spiel mit Identitäten, welches an „Lost Highway“ erinnert. Die mysteriöse Gestalt im Hintergrund, die das Schicksal der Figuren lenkt. Hier Deborah Kara Ungers, dort Robert Blake. Überhaupt ist Kahl ein Filmbesessener, der seinen Film mit Zitaten und Verweisen füllt. Da findet sein Held im Apartment der geheimnisvollen Schönen eine (deutsche!) DVD von Peter Lorres „Der Verlorene“ (in dem es auch um das Thema Schuld geht, wie auch in „A Thought of Ecstasy“, in dem Frank ein ebensolcher Verlorener ist, wie der von Lorre gespielte Mörder, der von den Nazis gedeckt wurde). Aber auch Filme wie „OldBoy“ oder „Carnival of Souls“ schweben über „A Thought of Ecstasy“. In einer wundervollen Einstellung telefoniert Unger vor einer Leinwand, auf der gerade Radley Metzgers wunderschöner „Therese und Isabell“ läuft. Dem großen Meister des erotischen Films ist „A Thought of Ecstasy“ auch gewidmet und man freut sich einerseits, dass jemand dem leider 2017 verstorbenen Metzger auf diese Weise gedenkt, andererseits wird einem das Herz schwer, dass sein Werk bis heute in Deutschland so stiefmütterlich behandelt wird und es hierzulande bisher keine vernünftige Auswertungen seines großartigen Werkes gibt.

Wie bei Metzger stehen auch bei RP Kahl starke, schöne Frauen (wie die faszinierende Ava Verne) im Vordergrund, die Kahl in teilweise hocherotischen Bildern einfängt. Dabei wird mehr als einmal (zumindest im „Director’s Cut“) die Grenze zum Hardcore überschritten. Dieser fügt sich aber harmonisch ein und wirkt wechselweise erregend oder einfach nur beiläufig natürlich. Dabei verfängt sich der Protagonist in einem Strudel von Voyeurismus und Obsessionen, bei denen BDSM eine Rolle spielt. Dass Protagonist Frank dabei zum Filmemacher wird, der das sexuelle Treiben mit der Kamera einfängt, legt nahe, dass „A Thought of Ecstasy“ auch ein hochpersönlicher Blick in den Kopf des Filmemachers RP Kahl darstellt. Und das jene Szenen, in denen Frank als kleine, nackte Gestalt eine Sanddüne irgendwo im Nirgendwo herunter taumelt, dem Zuschauer zurufen soll:  Sieh her, hier bin ich. Nackt. Ich entblöße mich vor Dir. Das sind meine Seele, meine Obsession, meine Leidenschaft. Ich habe Euch alles gezeigt, jetzt verschwinde ich aus dieser Welt, die ich Euch gezeigt habe. Am Ende des Filmes existiert ein Buch namens „A Thought of Ecstasy – A Diary From the Realm of the Dead“ welches aus der Zwischenwelt von Leben und Tod, Realität und Traum gefallen scheint. In der realen Welt existiert ein Film namens „A Thought of Ecstasy“. Einer, der einem vielleicht nicht gleich all seine Geheimnisse offenbart, den man sacken und dann ein zweites und drittes Mal ansehen muss, um immer wieder Neues zu entdecken und zu dechiffrieren. Ein Film, der wächst.

“A Thought of Ecstasy” ist bei Koch Media in zwei  Ausführungen als Director’s Cut mit FSK18 erschienen: Als normale Ausgabe mit Audiokommentar und Interview, und noch einmal als Special Edition im Mediabook mit sehr viel mehr Extras und Booklet.

Wer einmal unverbindlich hineinschauen möchte, der kann dies auch am übermorgen, Donnerstag den 10. Januar um 22:45 Uhr auf 3SAT tun, wo die entschärfte FSK16 Fassung läuft.

Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 26. September 2014 14:53

Olenburg1Wieder einmal Oldenburg. Wie jedes Jahr habe ich mich auch in diesem Jahr auf in die schöne Nachbarstadt (mit nur 45km kann man durchaus noch von Nachbarschaft sprechen) gemacht. Das 21. Internationale Filmfest rief, und ich war nur allzu bereit, dem Ruf zu folgen. Im Vorfeld waren wieder einige unerfreuliche Dinge bezüglich der mangelhaften Unterstützung durch die Stadt zu hören gewesen. Fast macht es den Anschein, als hätten die politisch Verantwortlichen einen persönlichen Hass auf das Festival. Und wenn man sich noch einmal die mimosenhaften Streitereien aus dem Vorjahr ins Gedächtnis ruft, ist man fast geneigt, diese Möglichkeit Glauben zu schenken.

Noch kann die fehlende Unterstützung der Stadt so halbwegs mit Sponsorengeldern und viel Improvisation mehr oder weniger kompensiert werden. Aber es stellt sich die bange Frage: Wie lange noch? So war ich sehr gespannt, was mich dieses Jahr in Oldenburg erwarteten würde. Wird man die Einschnitte bemerken? Die Antwort lautet: Nein. Der „normale“ Zuschauer wird die dünnen Fäden, mit denen alles zusammengehalten wurde, nicht bemerkt haben. Dafür ein ganz großes Kompliment an Torsten Neumann und sein Team.

Wenn man ganz genau hinsieht, fällt einem natürlich auf, dass der German Independence Award auf Eis gelegt werden musste, so dass es dafür auch keine Jury mit bekannten Namen gibt. Dass das Filmangebot weiter ausgedünnt wurde und vor allem wieder neue, scheinbar kostengünstigere Abspielstätten (mit dem winzigen cineK und dem Casablanca nehmen wieder nur zwei „echte“ Kinos teil) dazukamen, und. Andererseits unterstreicht letzteres noch die familiäre Intimität dieses Festival. Ich erinnere mich noch, dass diese spezielle Stimmung einer großen, cineastischen Familie, in den beiden Cinemaxx-Sälen, die bis 2012 noch zur Verfügung standen, nicht aufkam. Mit der Ausnahme des Casablanca und der weit abseits gelegenen, ungemütlichen Alten Flaiva, konzentriert sich das Festival nun ganz auf die Bahnhofstr. mit cineK, Kulturetage und theaterhof. Was zur Folge hat, dass man sich trotz Kinowechsel immer wieder über den Weg läuft und sich auf der Straße Festival-Gäste und Publikum wunderbar vermischen. Was diesmal sicherlich auch daran lag, dass uns das Wetter laue Altweibersommer-Nächte beschwerte.

Vielleicht war das gute Wetter auch daran Schuld, dass die immer schon recht positive Stimmung auf dem Filmfest Oldenburg, einem diesmal gleich noch wärmer erschien. Oder waren es die Gäste? Viele junge Weiter lesen 'Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1'»

DVD-Rezension: “Fear X – Im Angesicht der Angst”

Von , 14. Juli 2012 15:55

Die schwangere Frau des Kaufhaussicherheitsbeamten Harry Caine ist bei einer mysteriösen Schießerei in der Tiefgarage ums Leben gekommen. Seitdem ist Harry davon besessen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum seine Frau sterben musste. Nacht für Nacht sieht er sich die Bänder der Überwachungskameras an, um irgendwo einen versteckten Hinweis zu finden. Eines Tages entdeckt er durch Zufall Fotos einer ihm unbekannten Frau, die eine vage Spur darstellen. Harry fährt nach Montana, um dort diese Frau zu finden. Er mietet sich in einem Hotel ein und weckt schon bald die Aufmerksamkeit der lokalen Polizei und eines Mannes, der ihm seine bohrenden Fragen beantworten könnte…

Nach zwei erfolgreichen Indie-Filmen, die er in seinem Heimatland Dänemark geschrieben, produziert und inszeniert hatte, zog es den damals noch sehr jungen Nicolas Winding Refn 2003 nach Kanada. Gründe hierfür waren Abschreibungsgeschichten, die es lukrativer machten, seinen nächsten Film teilweise in Kanada, statt in Dänemark zu drehen. Wobei Kanada für die US-amerikanischen Bundesstaaten Wisconsin und Montana herhalten musste. Zudem konnte Refn erstmals auch mit gestandenen amerikanischen Schauspielern drehen. Allen voran John Turturro, aber auch Deborah Kara Unger und James Remar.

Für Refn muss die Herstellung seines Filmes „Fear X“ ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. In  dem, auf der DVD enthaltenen, aufschlussreichen „Making Of“ sieht man ihn irgendwann kleinlaut vor seinem Team stehen und ihnen mitteilen, dass er kein Geld mehr habe und den geschuldeten Lohn nicht mehr zahlen könne. Dann appelliert er schüchtern an sie, trotzdem weiterzumachen.  Scheinbar hat dieser Appell geholfen, denn der Film wurde irgendwie fertig gestellt. Doch sein kommerzieller Misserfolg brach Refns Produktionsfirma das Genick und schickte sie in die Insolvenz. Zurück in Dänemark konzentrierte er sich dann erst einmal darauf, mit den Fortsetzungen seines sensationellen Erstlings „Pusher“ weiter an seiner Reputation zu arbeiten. Erst 2008 ging es wieder ins Ausland, wo er in England „Bronson“ drehte. 2010 folgte der Überfilm „Walhalla Rising“, und aktuell dürfte er mit seinem US-Film „Drive“ endgültig seinen Durchbruch geschafft und sich für weitere, großbudgetierte  Projekte empfohlen haben.

In der IMDb wimmelt es nur so vor hasserfüllten Kritiken zu „Fear X“. Bis auf wenige Stimmen, wird der Film in der Regel in der Luft zerrissen. Die Leute hassen insbesondere das Ende des Filmes. Der Grund für diese totale Ablehnung ist mir schleierhaft. Wenn man sich das Drehbuch ansieht, so muss man nüchtern konstatieren, dass es relativ dünn ist. Aber was Refn mit dieser im Grunde einfachen Geschichte macht, ist schlichtweg atemberaubend. Über allem liegt der Hauch des Mysteriösen, des Unbehaglichen, der Welt zwischen den Bildern.

Und Refn ist nicht nur selber ein großer Könner, was das perfekte Tempo und die Bildgestaltung angeht, hier  holte er sich auch gleich die Hilfe der Allerbesten. Für das dröhnende Sounddesign, welches  sich wie ein dichtes Netz über den Film legt (ähnlich wie in „Walhalla Rising“, wo dieses Stilmittel aber noch exzessiver eingesetzt wird),  sicherte er sich die Dienste von Brian Eno. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit dem großen Hubert Selby Jr., der durch Romane wie „Last Exit Brooklyn“ und „Requiem for a Dream“ weltberühmt und „weltberüchtigt“ wurde. Und schlussendlich konnte er für die Arbeit hinter der Kamera Larry Smith  gewinnen.  Jener hat unter Stanley Kubrick mit dem legendären Kameramann John Alcott  zusammengearbeitet. Bei „Barry Lyndon“, wo zum Ausleuchten reines Kerzenlicht verwendet wurde, und bei „The Shining“, der in „Fear X“ visuell zitiert wird.

Gemeinsam verwandeln sie die normale Quasi-Detektivgeschichte in einen Aufenthalt im Vorhof der Hölle. Der allgegenwärtige, bedrohliche Klangteppich, eine – durch langsame Kamerafahrten und die tranceähnlichen Bewegungen der Protagonisten – traumgleiche Stimmung, das Spiel mit Licht und Farben. All das erinnert zunächst einmal an Filme von David Lynch, wie „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“. Aber auch die großen  Klassiker des „Hotel als Hölle“-Genres werden zitiert. Natürlich „The Shining“, was bei der Wahl des Kameramannes ja auch kein Wunder ist. Teilweise erinnert der Film aber auch an „Barton Fink“, und dies nicht nur, weil Barton Fink persönlich, John Turturro, hier die Hauptrolle spielt. Auch die Visionen, die Caine plagen, sind dem Meisterwerk der Coen Brothers nicht unähnlich. Wenn Harry Caine am Anfang immer wieder die VHS-Tapes der Überwachungskamera auf der Suche nach Hinweisen durchlaufen lässt, mit der Kamera Bilder vom Bildschirm abfotografiert und vergrößert, fühlt man sich auch in Michelangelo Antonionis „Blow-Up“ versetzt. Refn kennt eben seine filmischen Väter. Und, ähnlich wie ein Quentin Tarantino, baut er aus den Zitaten, die nicht 1:1 übernommen, sondern nachgefühlt werden, etwas Neues.

Ich verstehe Zuschauer, die aufgrund des Finales – welches mehr Fragen stellt, als zuvor beantwortet wurden – frustriert sind.  Auch bedingt durch die Entscheidung Refns, die große Konfrontation, auf die seine Geschichte hinausläuft, nicht zu zeigen. Den Höhepunkt des Filmes einfach zu verweigern. Diesen konsequent auszublenden und provozierend durch mysteriöse Computergrafiken zu ersetzen. Möglicherweise ist diese große Leerstelle aber auch keine bewusste Entscheidung Refns gewesen, sondern schlicht und einfach dem fehlenden Geld geschuldet. Da im „Making Of“ betont wird, dass Refn unbedingt chronologisch filmen wollte, ist dies durchaus denkbar. Vielleicht soll aber auch unterstrichen werden, dass  Wahn und Wahrheit bei diesem Film enger zusammen liegen, als gedacht. Die Antwort kennen vielleicht nur Refn und Selby Jr. selber.

So bleibt es dem Zuschauer überlassen, wie er auf dieses Ende reagiert. Mit Wut, wie die Internetgemeinde, die ihn mit Hass und Ablehnung überschütten. Oder er lässt sich einfach in den Film fallen und Mitreißen von dem Sog, den er entfaltet. Man kann das Ende auch als Aufforderung verstehen, tiefer in die unterschiedlichen Schichten des Filmes einzutauchen und sich mit der Obsession der Hauptfigur zu beschäftigen. Denn auch Harry Caine ist besessen davon, Antworten zu finden. Und die große Tragik ist, dass er diese Antworten nicht finden wird. Ebenso, wie dem Zuschauer am Ende die Antworten vorenthalten werden, nach denen er so begierig lechzt. Und so werden die Schmerzen Harrys am Ende identisch mit den Schmerzen des Zuschauers, dem nur zwei Dinge übrig bleiben: Er suhlt sich in diesem Schmerz, oder er akzeptiert, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt. Dieselbe Möglichkeit hat auch Harry Caine.

In „Fear X“ findet sich schon viel von Windings späteren Meisterwerken, „Walhalla Rising“ und vor allem „Drive“. Trotz des relativ großen zeitlichen Abstandes kann „Fear X“ als Studienobjekt und Fingerübung für größere Aufgaben angesehen werden. Mit dem Erfolg von „Drive“ hat nun endlich auch „Fear X“ eine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erhalten. Die qualitativ sehr gute DVD von Sunfilm Entertainment enthält neben dem Film noch das bereits oben angesprochene, 25-minütige und hochinteressante „Making Of“, welches während der Dreharbeiten entstanden ist und eine gute Ahnung von den vielen Schwierigkeiten während des Drehs gibt.

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