Blu-ray-Rezension: “Der schwarze Tag des Widders“

Auf einer sehr feuchten Silvesterparty betrinkt sich der Reporter Andrea (Franco Nero) fast bis zur Besinnungslosigkeit. Als er am nächsten Morgen erwacht, erfährt er, dass einer der Gäste auf dem Heimweg von einem Unbekannten brutal überfallen und schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Kurz darauf wird ein weiterer Partygast ermordet. Da Andrea beide Opfer kannte, vermutet er einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen. Bald findet er Indizien, die seinen Verdacht erhärten. Und dann schlägt der Killer ein weiteres Mal zu. Wieder steht das Opfer im Zusammenhang mit Andrea und es wird nicht das letzte gewesen sein. Da Andrea weiterhin das einzige Bindeglied zwischen den Morden ist, wird nun auch der ermittelnde Kommissar ihm gegenüber misstrauisch…

Mit der Veröffentlichung von „Der schwarzer Tag des Widders“ (es wurde von filmArt der alte DDR-Titel und nicht der besser bekannte, spätere Titel „Ein schwarzer Tag für den Widder“ übernommen) schließt sich eine schmerzhafte Lücke. Denn Luigi Bazzonis Giallo-Meisterwerk gab es in Deutschland bisher in keiner Heimkino-Auswertung. Weder auf VHS, noch auf DVD. Immerhin im Fernsehen lief er mal. Wer sich aufgrund der vielen begeisterten Stimmen den Film in die Sammlung stellen wollte, der war bislang auf Importe angewiesen. Nun ist der Widder – nach langer Wartezeit – endlich auch in Deutschland angekommen. Leider aus lizenzrechtlichen Gründen nur mit deutscher Tonspur, aber da die 1987 in der DDR hergestellte Synchronisation sehr gut geworden ist, soll dies kein allzu großer Mangel sein. Auch wenn es ungewohnt ist, den großen Wolfgang Preiss mit einer völlig anderen Stimme (Werner Ehrlicher) zu hören.

Obwohl „Der schwarze Tag des Widders“ von der Geschichte her ein klassischer Giallo ist, macht Bazzoni dort etwas ganz anderes draus. Die Figuren sind allesamt kaputt, das alles scheint gar nicht in einer realen Welt zu spielen. Ein starkes Gefühl der „Seltsamkeit“ macht sich breit und sorgt dafür, dass man sich nie zu sicher fühlt. Dies spiegelt sich zuerst in dem von Franco Nero großartig gespielten Journalisten Andrea Bild. Eine höchst ambivalente Figur, der man bis zum Schluss nicht trauen kann. Zwar ist der alkoholkranke, gewalttätige und teilweise ziemlich arrogante Andrea unser Protagonist, doch allein aufgrund der eben erfolgten Aufzählung seiner sonstigen Eigenschaften nicht unbedingt ein Sympathieträger. In einer besonders unangenehmen Szene schlägt er ohne besonderen Grund auf seine Freundin ein. In einer anderen bedrängt er immer wieder seine Ex-Geliebte. Andrea stolpert förmlich durch die Geschichte. Doch so wie Franco anlegt, schimmert durch seinen kaputten Panzer auch immer etwas Melancholisches. Und wenn er sich der Wahrheit immer mehr nähert, spürt man seine Wut auf eine Welt, in der alle Werte völlig aus den Fugen geraten sind.

Diese Welt wird von Bazzoni düster gezeichnet und bevölkert von egozentrischen Menschen, die nur noch ihre eigenen Bedürfnisse sehen und die Zuneigung anderer gefühlskalt ausnutzen. Wie der Arzt, den seine gehbehinderte Frau sichtlich anekelt. Wie eben jene Frau, die darum von sich und ihrer Krankheit selber angewidert ist und dies alle anderen spüren lässt. Wie der Vater, der seine junge Tochter auf den Strich schickt. Deren junger Liebhaber, der sich als ihr Zuhälter aufspielt. Die geilen, alten Säcke, die sich an der Nacktheit junger Menschen aufgeilen und dafür bezahlen, diesen beim Liebesakt zuzusehen. Interessanterweise sind es gerade die beiden Frauenfiguren um Andrea Bild, die wie Felsen aus dieser Brandung der Niedertracht herausragen. Die starke, unabhängige Helene (Silvia Monti) und die freche und selbstbewusste Lu (Pamela Tiffin) . Beide scheinen den labilen Macho nur zum eigenen Amüsement um sich herum zu dulden. Helene lässt ihn betteln und dann nur zu sich, wenn es ihr passt. Dazu passt, dass sie in Scheidung von ihrem Ehemann lebt, und Andrea nur ein alter Ex-Geliebter ist, den sie sich noch immer gönnt. Lu ist ein Freigeist, der Andrea ebenfalls nicht braucht und sich nur solange mit ihm abgibt, wie es IHR Spaß macht.

Regisseur Bazzoni ist ein großer Stilist. Jeder seiner Filme ist großartig fotografiert und hat seinen ganz eigenen Stil. In „Der schwarze Tag des Widders“ erreicht dieser Stilwille aber seinen Höhepunkt. Die Bilder sind perfekt durchkomponiert und teilweise von einer Düsternis, wie in einem Film Noir oder gar einem Horrorfilm. Dann wieder von erlesener, bunter Schönheit, fast schon nicht mehr von dieser Welt, was das oben bereits angesprochene Gefühl der „Seltsamkeit“ noch einmal unterstreicht. Auffällig ist auch, wie meisterhaft Bazzoni Architektur und urbane Landschaften in seine Bilder einbaut und diese kommentieren lässt. Wenn sich beispielsweise Andrea und der Kommissar vor einer riesigen aus auf hunderten spiegelnden Glasfenstern bestehenden Fassade unterhalten und dies den Eindruck eines Gefängnisses erweckt, in welches der Kommissar Andrea sicherlich gerne stecken würde. Dafür hat Bazzoni in dem genialen Kameramann Vittorio Storaro einen kongenialen Partner gefunden. Storaro hatte im Vorjahr Dario Argentos wegweisenden Giallo „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ fotografiert und war mit Bernardo Bertoluccis „Der Konformist“ zu dessen Stammkameramann geworden. Später war er seit „Apocalpyse Now“ für Francis Ford Coppola erste Wahl für die Arbeit des Kameramannes, später ebenso für Carlos Saura und Woody Allen. Aber auch mit Bazzoni sollte er immer wieder zusammenarbeiten, u.a. bei dessen nächstem Meisterwerk, dem hochgradig merkwürdigen und wunderschönen „Spuren auf dem Mond“.

Neben einer hervorragenden Darstellerriege, zu der neben Franco auch Wolfgang Preis, Silvia Monti, Rossella Falk, Edmund Purdom, Ira von Fürstenberg, Pamela Tiffin und eine noch sehr junge Agostina Belli gehören, kann Bazzoni auch auf die Dienste eines der größten Filmkomponisten aller Zeiten zurückgreifen. Kein geringerer als Ennio Morricone erschuf den Soundtrack, der effektvoll zwischen eingängigen, wunderschönen Melodien und nervenzehrenden dissonanten Tönen oszilliert. Da wird das Drehbuch eher Nebensache. Dies soll auf dem Roman „The Fifth Cord“ (so auch der englischsprachige Titel des Films) des schottischen Autoren DM Devine beruhen, welches 1967 veröffentlicht wurde. Devine schrieb bis zu seinem Tod 1980 dreizehn Krimis und war ein Favorit von Agatha Christie. Seine Krimis erhielten durch die Bank gute Kritiken und galten als sehr gut konstruiert. In wie weit sich der Inhalt von „The Fifth Cord“ mit „Der schwarze Tag des Widders“ deckt ist mir nicht bekannt. Ich vermute aber mal eher weniger. Denn von „gut konstruiert“ kann beim „Widder“ nicht die Rede sein. Dass alle Figuren irgendwie eng miteinander zusammenhängen ist ebenso an den Haaren herbeigezogen, wie die finale, Giallo-typisch haarsträubende Entlarvung des Killers. Vieles bleibt im Dunkeln, vor allem das wer wann mit wem und warum. Aber dies tut nichts zur Sache, denn es ist einerseits im Giallo-Genre nichts ungewöhnliches, und zweitens kreierte Bazzoni hier ein Film, der auf ganz anderen Ebenen vorzüglich funktioniert und trotz des teilweise wirren Plots eine ganze Menge Spannung erzeugt.

Es ist wunderbar, dass filmArt den Film doch noch auf Blu-ray veröffentlicht hat, obwohl er ursprünglich als DVD angekündigt war. Denn ein stilistisch so wundervoller Film wie „Der schwarze Tag des Widders“ ist einfach für HD gemacht. Entsprechend ist das Bild auch sehr gut und vor allen Dingen nicht totgefiltert, sondern wundervoll „filmisch“. Leider konnte filmArt aus lizenztechnischen Gründen keine italienische oder englische Tonspur mit auf die Scheibe packen. So bleibt nur die deutsche Tonspur, die aber in unterschiedlichen Tonhöhen (24FPS/25FPS) vorliegt. An Extras gibt es nicht viel: Der italienische und der englische Trailer, die sich nur in der Sprache unterscheiden, eine gelöschte Szene (die sich nur beim Ende unterscheidet und nicht weiter wichtig ist). Eine Bildgalerie und als Easter Egg soll es noch den deutschen Vorspann geben (habe ich aber nicht überprüft). Hervorheben sollte man noch das 12-seitige Booklet mit einem Text von Heiko Hartmann.

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