DVD-Rezension: „Das Monster mit der Teufelsklaue“

Von , 8. Juni 2019 20:15

England im 18. Jahrhundert. Julia (Marguerite Hardiman), die Tochter des Bürgermeisters eines kleinen Dorfes ist in Ralph (Stephen Bradley) einen armen Bauern verliebt. Natürlich sind ihre Eltern gegen die Verbindung mit dem „Bauernlümmel“. Trotzdem schwören sich die beiden ewige Liebe, indem sie sich in die Finger ritzen und ihr Blut vermischen. Dummerweise fällt dabei ein Tropfen von Julias Blut genau auf die Stelle, wo der Selbstmörder und Teufelsanbeter Lord Asher (Mike Raven) liegt. Dieser kehrt so auf die Erde zurück und scharrt rasch eine Gruppe untoter Jüngerinnen um sich. Sein eigentlich Ziel ist aber, Julia zu seiner satanischen Braut zu machen…

Im Netz kann man einen schönen Satz über „Das Monster mit der Teufelsklaue“ finden. Da steht, der Film wäre „so incoherent that it comes across as a Dada nightmare“. Das trifft es ziemlich gut. Wer einen „normalen“ Horrorfilm in der britischen Tradition solcher Studios wie Hammer oder Amicus erwartet, ist hier definitiv an der falschen Adresse. Wer sich für solche Laien-Stücke wie die von Andy Milligan begeistern kann, kommt der Sache schon näher. Obwohl der Vergleich etwas hinkt, denn Regisseur Tom Parkinson konnte auf gestandene Schauspieler zurückgreifen. Einer von ihnen – Ronald Lacey – hatte sogar die Ehre, den teuflischen Nazi-Bösewicht in einem der beliebtesten und erfolgreichsten Blockbuster der 80er Jahre zu spielen: Den Toht in „Jäger des verlorenen Schatzes“. In diesem Film hier ist er aber ganz weit weg von Hollywood. Der damals 37jährige spielt einen Priester, der um einiges älter sein soll, eine viel zu große, weiße Perücke trägt und in der deutschen Synchronisation durch die Stimme von Herbert Weicker („Mr. Spock“) noch einmal ein paar Jahre auf den Buckel gepackt bekommt. Von den anderen Darstellern machte niemand die große Karriere, es handelt sich aber durchgehend um gestandene Fernseh-Schauspieler. Die hier aber teilweise ihre Kunst vergessen haben. Oder bereits während des Drehs bemerkten, in was sie da geraten sind und dementsprechend dachten: „Ach, jetzt auch egal“.

Dass der Film im 18. Jahrhundert spielen soll, nimmt man ihn zu keiner Sekunde ab. Alles schreit: 70er Jahre! Inklusive seltsamer Regie-Entscheidungen, wie die, den Bürgermeister und Vater der Heldin in eine Karikatur zu verwandeln, deren üppige Augenbrauen bis zum Scheitel gekämmt sind. Oftmals denkt man sich nur: Was haben die sich dabei gedacht? Warum muss der Dämon aus der Hölle als Trachten tragender Kleinwüchsiger daher kommen? Wobei man gestehen ist, dass diese Figur allein durch ihre Unfassbarkeit recht creepy daherkommt. Auch muss ich gestehen, dass mir das extreme Make-Up des untoten Lord Asher und seiner willenlosen Dienerinnen gut gefallen hat, weil es so seltsam ist. Allein die Entscheidung, die bleichen Gesichter nicht mit schwarz umrandeten Panda-Augen (wie man das normalerweise gemacht hätte) als Zombies darzustellen, sondern die Augenumrandung blutrot zu machen, hat einen merkwürdig schaurigen Effekt. Und bei der Figur des unheimlichen Lord Asher verfuhr man nach dem Motto: Viel hilft viel und kleisterte sein Gesicht derartig mit Schminke zu, dass man eigentlich lachen müsste. Allerdings hat die Schminke eine solch ungesunde grau-blau-silberne Farbe, dass es wirklich krank-schaurig aussieht. Da sieht man gerne darüber hinweg, dass für Arme und Hände nichts mehr übrig war.

Über die Geschichte des Filmes legt man besser den Mantel des Schweigens und verdeckt die gewaltigen Fragezeichen, die einem aus dem Kopf wachsen. Ich will hier dann auch gar nicht auf die zahlreichen Ungereimtheiten eingehen, denn da wäre ich erstens noch lange beschäftigt und zweitens macht es auch gar keinen Sinn, da der Film sich eh nicht um Logik schert. Da macht einem eher schon die oben bereits zitiere Inkonsistenz zu schaffen. Regisseur Parkinson schafft es an einigen Stellen tatsächlich eine, wenn schon nicht besonders schreckliche, so doch interessante Atmosphäre zu schaffen. Dies gilt insbesondere für die Szenen, wenn der Lord in der Nacht auftaucht und diejenigen, die ihn bei seinen blutigen Ritualen mit seinen Dienerinnen zeigen. Andere wirken so, als ob das Bauernstadl eine Horrorfilm-Parodie einstudiert. Mal findet Kameramann William Brayne (später selber ein vielgefragter TV-Serien-Regisseur) besondere, ungewöhnliche Einstellungen, dann wieder sieht es aus, als habe er einfach lustlos seine Kamera in die Gegend gehalten. Mal wird schnell geschnitten und Tempo gemacht, dann wieder mäandern die Protagonisten endlos durch die englische Landschaft. Und dies alles zu Johann Sebastian Bachs Toccata, welche manchmal klingt wie von einem besoffenen Organisten gespielt und bald schon kolossal nervt. Für Regisseur Tom Parkinson sollte „Das Monster mit der Teufelsklaue“ die einzige Spielfilmregie bleiben. Er konzentrierte sich danach vor allem auf die Produktion, vor allem im Fernsehen. Das war vielleicht auch besser so.

Eine faszinierende Gestalt ist Hauptdarsteller Mike Raven, mit bürgerlichem Namen Austin Churton Fairman. Raven hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich, bevor er Mitte der 60er Jahre als Radio DJ bekannt wurde. Er diente im 2. Weltkrieg als Leutnant, wurde nach Kriegsende zunächst Balletttänzer, dann Fotograf, Innendekorateur und schrieb einen erfolgreichen Reiseführer über Spaniens unentdeckte Seiten. Ende der 50er Jahre arbeitete er als Schauspieler, Regisseur und Produktionsmanager beim Fernsehen, bevor er Anfang der 60er seine wahre Berufung fand: Er begann erst bei der BBC als Radiomoderator zu arbeiten und wurde dann einer der populärsten DJs der damaligen britischen Piratensender, wo er vor allem seiner Leidenschaft für Rhythmn & Blues frönte. Dieser Erfolg führte zu Festanstellungen bei einigen offiziellen Radiostationen. Trotz seiner Popularität kehrte er dem Radio 1971 den Rücken, um als Horrorfilmstar Karriere zu machen. Zu dieser Zeit war er schon fasziniert vom Okkulten und bemühte sich ein entsprechendes Image aufzubauen. Tatsächlich wurde er schnell in Hammers „Nur Vampire küssen blutig“ und Amicus „I, Monster“ gecastet. Dann trat er als Star in dem von Tom Parkinson produzierten „Der Leichengießer“ auf und dann in dem von ihm mitfinanzierten „Das Monster mit der Teufelsklaue“. Letzterer floppte allerdings so gewaltig, dass Raven seine Filmkarriere nach nur vier Filmen in knapp zwei Jahren beendete und Holzschnitzer und Schäfer wurde. Er starb 1997. In „Das Monster mit der Teufelsklaue“ merkt man leider, dass Raven mit Parkinson niemanden an seiner Seite hatte, der ihn hätte führen können. Zwar kann man Raven ein gewissen Charisma und einnehmende Präsenz nicht absprechen, doch Parkinson weiß nicht viel mit ihm anzufangen und lässt ihn wie eine laienhafte Mischung aus Bela Lugosi und Christopher Lee erscheinen.

„So incoherent that it comes across as a Dada nightmare“ trifft es sehr gut. Der englische Film kann seine Low-Budget-Herkunft und die Unerfahrenheit des Regisseurs zu keiner Sekunde verleugnen und wirkt wie das Werk eines engagierten Amateuer-Theaters. Darin liegt durchaus ein gewisser Charme. Aber auch trotz einiger stimmungsvoller Szenen und krauser Ideen, die völlig over-the-top sind, kann man hier nicht wirklich von einem guten Film sprechen.

Die filmArt-DVD kann man nur als dem Film angepasst beschreiben. Sie kommt nicht wirklich über VHS-Qualität hinaus. Das Bild ist leicht unscharf, die Konturen schwammig und die Farbe meistens eher dumpf. Netter ausgedrückt: Es besteht ein gewisser Retro-Effekt. Da man davon ausgehen kann, dass es kein anderes Master gab, ist die Entscheidung den Film lediglich auf DVD und nicht auf Blu-ray zu veröffentlichen gut nachvollziehbar. Das sieht schon sehr, sehr billig und eigentlich gar nicht nach filmArt aus. Dazu kommt noch, dass als Tonspur lediglich die deutsche Synchro vorliegt, die zwar mit bekannten Sprechern und einigen sprachlichen Kuriositäten daherkommt, allerdings auch nicht recht zu überzeugen weiß. Wer die englische Tonspur hören möchte, muss auf die als Extra enthaltende US-Grindhouse-Fassung zurückgreifen, die zwar das scheinbar korrekte 1,33:1-Format besitzt, jedoch qualitativ noch mal einige Stufen unter der 1,66:1-Fassung der deutschen DVD steht. Schade. Dazu gibt es noch den deutschen Trailer und das war es. Ein Booklet gibt es auch nicht.

Nachbericht: 5 Jahre „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ – Die Geburtstagsfeier in Magdeburg

Von , 7. Juni 2019 11:15

Es ist immer schön, wenn man sich als Teil von etwas fühlen kann, was einem viel bedeutet und nah am Herzen liegt. In der Ausgabe #7 wurde mein erster Text in der „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ veröffentlicht. Seit der Ausgabe #11 im Oktober 2015 bin ich festes Mitglied der 35MM-Redaktion und ab Ausgabe #17 sogar stellv. Chefredakteur. Nun wurde die „35 Millimeter“ unglaubliche 5 Jahre alt. Unglaublich, weil dieser lange Atem für ein professionell gemachtes Heft, welches allein von ehrenamtlichen Redakteuren und Gastautoren getragen wird, nicht unbedingt selbstverständlich ist. Bedenkt man dann noch, dass es nur per Online-Bestellung auf der Webseite des Magazins zu beziehen ist, wird das Wunder gleich noch größer. Dass sich das Magazin bis heute trägt und auf eine stetig wachsende Leserschaft bauen kann, macht mich sehr stolz.

Und wenn man auf etwas Gutes stolz ist, soll man es auch feiern. Die Redakteure des Heftes sind in ganz Deutschland verteilt, auch wenn sich in den letzten beiden Jahren ein Übergewicht im Norden gebildet hat. Als unser Chefredakteur Clemens Williges die Idee hatte, den 5. Geburtstag in etwas größerer Runde zu feiern, war daher klar, dass die Location dafür irgendwo in mehr oder weniger nördlichen Gefilden stattfinden würden, um möglichst vielen Redakteuren und Weggefährten die Teilnahme zu ermöglichen. Am Ende lief es auf Bremen oder Magdeburg hinaus. Da unser Redakteur Lars Johansen – seines Zeichens bekannter Magdeburger Kabarettist – u.a. Vereinsvorsitzender des Moritzhofs in Magdeburg ist, und wir damit direkt einen Mann für Werbung und Organisation vor Ort hatten, waren die Würfel schnell gefallen.

So machte ich mich zusammen mit Holger (Bremer Filmfreund und Stammleser) auf, um am Samstag, den 1. Juni Richtung Osten zu fahren. Zwar war der Plan vor dem Treffen mit den „35ern“ noch etwas von der Stadt Magdeburg zu sehen, doch ein schier endloser Stau zwischen Bremen und Hannover, sowie eine seltsame Entscheidung meines Navis, machten diesem Vorhaben einen dicken Strich durch die Rechnung. Mit mehr als 1,5 Stunden Verspätung trafen wir im sommerlichen (und recht leergefegten) Magdeburg ein, bezogen unsere Zimmer im zweckmäßig-spartanischen B&B und eilten dann mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln Richtung Moritzhof. Dieser ist mir seit dem Delira-Italiano.de-Forentreffen 2013 wohlbekannt. Wer einmal in Magdeburg weilen sollte, dem sei ein Besuch empfohlen. Der Hof ist tatsächlich ein geräumiger Hof, in dem man wunderbar sitzen und klönen kann, direkt an der freundlichen Gastronomie. Der Moritzhof besitzt drei Kinos: Eins in der großen Scheune, ein kleines direkt am Hof und dann noch das eher winzige „Kino unterm Dach“, welches seinem Namen alle Ehre macht. Dort war unsere Veranstaltung einquartiert.

Doch zunächst begrüßte man sich mit einem großen Hallo, und es war sehr schön die Redakteure einmal persönlich zu treffen/wiederzutreffen. Carsten aus Osnabrück hatte ich das letzte Mal vor 19 Jahren gesehen, Robert aus Gelsenkirchen kannte ich noch gar nicht. Clemens und Christoph aus Braunschweig sehe ich hingegen öfter. Aber mein besonders Highlight war es, nach all den Jahren endlich einmal unseren Herausgeber und den Vater der „35 Millimeter“ persönlich kennenzulernen! Jörg Matthieu hatte den weiten Weg aus Saarbrücken auf sich genommen. Ich glaube, darüber hat sich jeder von uns Redakteuren sehr gefreut. Schade, dass es diese Gelegenheit sich zu sehen, aufgrund der großen räumlichen Distanz, nicht öfter gibt. Aber ich hoffe sehr, es war nicht das letzte Mal, dass wir uns getroffen haben. Wie man sich vorstellen kann, wurde viel miteinander gesprochen, gefachsimpelt oder auch ganz persönliche Dinge ausgetauscht. Man fühlte sich gleich wie in einer großen Familie, was mich sehr angenehm an die von mir so geliebten Forentreffen mit Deliria-Italiano.de erinnerte.

Bald schon war es aber Zeit, die Zelte im Hof abzubrechen und das „Kino unter dem Dach“ zu beziehen. Leider war der Zuspruch der „normalen Zuschauer“ nicht besonders groß. Außer Holger und Dän (einem guten Deliria-Italiano.de-Bekannten aus der Gegend), waren nur noch zwei ältere Ehepaare anwesend. Aber darum ging es ja auch nicht, sondern darum, etwas gemeinsam zu machen und unseren Zeitschriften-Geburtstag zu feiern. Los ging es mit zwei experimentellen und stummen italienischen Kurzfilmen von 1934 resp. 1936, die beide auf Erzählungen von Edgar Allan Poe basieren. Ich hatte dabei die große Freude in den ersten, „Il cuore rivelatore“, einzuführen (siehe Bild unten rechts), über den ich bereits in der Jubiläumsausgabe schrieb. Christoph Seelinger tat selbiges für den zweiten Film, „Il caso Valdemar“. Aber dies war nicht seine einzige Aufgabe. Zusammen mit dem Musiker Jakob Gardemann war er auch für die Musik zuständig. In diesem Falle für die elektronischen Töne, während Jakob Gardemann auf der E-Gitarre die kongenialen, düster-atmosphärischen Klänge zauberte. Eine wundervolle Performance, die zurecht stürmischen Applaus erntete und hoffentlich irgendwann in ähnlicher Form wiederholt wird. Danach lass Robert Zion aus seinem gerade erschienenen Buch „Roger Corman – Die Rebellion des Unmittelbaren“, welches von unserem Chefredakteur Clemens in Ausgabe 30 überschwänglich besprochen wurde. Unterfüttert wurde die Lesung durch Filmausschnitte.

Nach dem letzten Satz der Lesung war dann auch der Sauerstoff im Kino unter dem Dach aufgebraucht, weshalb wir vor dem „Überraschungsfilm“ alle schnell an die frische Luft flüchteten. Zu dem Zeitpunkt flüchteten auch die beiden älteren Ehepaare, aber nicht aufgrund des Programms, sondern ob der mittlerweile fortgeschrittenen Stunde. Der angekündigte „Überraschungsfilm“ wurden daraufhin nach kurzer Beratung aller Beteiligten kurzentschlossen abgesagt, sodass sich die Verblieben, also die sieben 35er, Holger und Dän, plus Musiker Jakob und ein Freund von ihm gemütlich auf den Stühlen im von der Sonne noch warmen Moritzhof niederließen und die Gelegenheit nutzten, sich näher kennenzulernen und miteinander zu fachsimpeln, diskutieren, Infos auszutauschen und einfach den raren Moment zu genießen, dass man sich mal persönlich gegenüber sitzt. Kein Wunder, dass es dann irgendwann 1 Uhr wurde, alle anderen Menschen die Moritzhof schon lange verlassen hatten und unser Mann mit der Schlüsselgewalt, Lars, die Tür abschloss. Während sich die Braunschweiger auf den Weg in die recht nahe gelegene Heimat machten, fuhr der Rest zum Hotel, um am nächsten Morgen die Gespräche beim sehr einfachen Frühstück weiterzuführen. Doch irgendwann muss man sich dann eben doch trennen, und man merkte durchaus, dass dies allen schwerfiel. Und so setzten Holger und ich die Filmdiskussion auf der Rückfahrt (die diesmal staubedingt „nur“ 45 Minuten länger dauerte – wieder war die Strecke Hannover–Bremen schuld) einfach fort. Und insgeheim macht sich wohl jeder, der in Magdeburg dabei war, Gedanken darüber, wann und wie man solch eine angenehme Runde wiederholt. Vielleicht zum 10jährigen und dann sogar mit etwas mehr Zuschauern.

Panorama Theme by Themocracy