Mein ganz persönlicher Jahresrückblick 2017

Von , 23. Dezember 2017 12:26

Seitdem ich meinen Blog vor nunmehr neun Jahren begann, pflege ich die Gewohnheit, das (Schreib)Jahr mit einem Rückblick auf die letzten 12 Monate zu beschließen. Dies soll auch diesmal der Fall sein. Es gibt mir nämlich die schöne Gelegenheit, das Jahr auch für mich selber Revue passieren zu lassen. Ich kann mich dabei an Dinge zu erinnern, die ich fast schon wieder vergessen hätte, aber auch schauen, was ich mir 2016 für 2017 vorgenommen hatte – und was ich letztendlich davon umgesetzt habe. Was ich mir damals vom neuen Jahr gewünscht habe, und wie es wirklich gekommen ist.

Alles zusammengenommen, war 2017 ein recht durchschnittliches Jahr ohne besondere Höhepunkte. Was keine so schlechte Meldung ist, denn besondere Tiefpunkte, wie ganz besonders in 2015 und teilweise auch in 2016, bleiben erfreulicherweise aus. Die Sorgen sind zwar nicht weniger geworden, aber die Familie ist gesund und die Existenzängste verlaufen in ganz normalen Bahnen.

Schaue ich zurück auf das, was ich im letzten Jahr an dieser Stelle schrieb, so ist aus den ganzen guten Vorsätzen wenig geworden. Immerhin, das Booklet für „Die toten Augen des Dr. Dracula“ ist tatsächlich erschienen und erfüllt mich noch immer mit gewissen Stolz. Da hätte sich gerne noch mehr draus entwickeln können, tat es dann aber nicht. Aber vielleicht liest hier ja jemand mit, der einen Autoren für das Booklet einer anstehenden Veröffentlichung sucht. Ich stände bereit. A

us dem Buchprojekt, welches ich Ende 2016 wieder angeschoben hatte, wurde auch nichts. Was daran liegt, dass sich der von mir ausgeguckte Partner als ausgesprochen unzuverlässig herausgestellt hat, und ich dann irgendwann auch keine Lust mehr verspürte, da hinterherzulaufen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und ich habe mittlerweile jemand anderen gefunden, der Lust und Interesse hätte. Ich denke mal, da passiert dann in 2018 etwas. Gehofft hatte ich auch, dass das Fulci-Buch, für das ich 2014 (!) zwei Artikel geschrieben hatte, irgendwann erscheint. 2017 ist man als Autor weiter vertröstet worden, aber ich hege nicht allzu viel Hoffnung, dass da nächstes Jahr endlich irgendwas passiert. Dafür scheint mir, nach allem was man so inoffiziell hört, die Situation hinter den Kulissen zu verfahren.

Mit einer Enttäuschung begann das Jahr auch für die Kinoreihe Weird Xperience, die ich mit meinem tollen Kompagnon Stefan mache. Ende letzten Jahres schrieb ich noch: „So wird es im ersten Halbjahr drei Kooperationen geben“. Davon fielen die ersten beiden ins Wasser. Was aber nicht unseren Kooperations-Partnern, sondern unserer damaligen Heimat, der etage3 lag, die unsere Termine – ohne uns Bescheid zu geben – anderweitig vergab. Ganz schlimm war es dann im März, als wir einmal zusammen mit den tollen Leuten von „Unknown Pleasures“ eine kombinierte Filmvorstellung/Partynacht geplant hatten und nur wenige Stunden (!) vor Veranstaltungsbeginn alles absagen mussten. Bezüglich der Gründe, will ich hier keine schmutzige Wäsche waschen und mit dem Finger auf andere zeigen. Uns hat das Ganze zumindest so sehr geärgert und frustriert, dass wir der etage3, wo wir uns immer so wohl gefühlt hatten, den Rücken kehrten. Immerhin waren wir im Mai noch in der Schwankhalle zu Gast, wo wir ein kleiner Teile des wunderbaren A.r.G.da.Na.ni.-Projekts des Filmemachers und Künstlers Jan van Hassel sein durften. Und im Juni gab es wieder zwei Termine bei unserem sehr netten und sympathischen Gastgeber Olli vom Open-Air-Kino am Schlachthof. Leider spielte dieses Jahr erstmals das Wetter so gar nicht mit, was nicht nur zu einigen kurzfristigen Verschiebungen, sondern dadurch bedingt auch relativ wenige Zuschauer führt. Spaß gemacht hat es aber trotzdem wieder, auch weil wir dort immer so nett aufgenommen werden. Nach diesem turbulenten Jahresbeginn, haben wir seit September eine neue Heimat im ältesten Programmkino Deutschlands, dem Cinema im Ostertor gefunden. Endlich zurück in einem richtigen Kino! Aber auch mit dem Druck, eine vernünftige Anzahl Zuschauer zu liefern. Was uns leider nicht wirklich gelang. Argentos „Opera“ und der Anime-Klassiker „Perfect Blue“ blieben hier unter den Erwartungen, der für das Cinema eigentlich perfekt passende „Eyes of My Mother“ erwies sich sogar als desaströs. Und als wir im Dezember mit Julia Ostertag einen sehr engagierten Gast hatten und Werbung wie noch nie für ihren Film „Dark Circus“ gemacht haben – schlug das Wetter zu und lies Bremen in einem Schneetreiben untergehen. Trotzdem war die Vorstellung recht gut besucht (für die äußeren Bedingungen sogar sehr gut), aber ohne die Wetterkapriolen hätten wir sicher nochmal deutlich mehr Zuschauer gehabt. Trotzdem gehen wir 2018 in die Verlängerung und werden noch einmal drei Monate lang die Möglichkeit haben zu beweisen, dass es möglich ist, in Bremen ein „anderes Kino“ zu machen. Ich hoffe sehr, dies wird vom Publikum honoriert.

Schön war es, dass ich im Juni endlich mal einige Kollegen aus der 35-Millimeter-Redaktion, sowie unseren neuen Chefredakteur Clemens kennenlernen konnte. Auch die Kinobesuche in Hamburg zu „Monster machen mobil“ und ganz besonders „Hard-Boiled“ habe ich sehr genossen. Die cineastischen Highlights waren auch in diesem Jahr wieder das Filmfest in Oldenburg, welches ich diesmal erstmals drei Tage lang besuchte und das mich mit einer gut bis sehr gut kuratierten Filmauswahl beglückte, und das unglaublich tolle Deliria-Italiano-Forentreffen in München, wo die Bande liebgewonnener Gesichter das legendäre Werkstattkino heimsuchte. Ich finde es noch immer unglaublich, wieviel Euphorie und familiäre Herzlichkeit bei diesen Treffen herrscht, obwohl doch so viele unterschiedliche Menschen da zusammenkommen, die sonst – bis auf die gemeinsame Filmleidenschaft – kaum oder keine Verbindungen haben. Doch für drei Tage fühlt man sich trotzdem unter Freunden und vermisst diese dann auch ganz schrecklich, wenn es wieder gen Heimat geht. Mit „regulären“ Kinobesuchen jenseits dieser Events und unserer eigenen Reihe sah es allerdings noch finsterer aus als im Vorjahr. Gerade einmal habe ich es einfach mal so ins Kino geschafft.

Der generelle Filmkonsum ist auch wieder deutlich runtergegangen. Zwar nicht auf die 132 Filme aus 2014, aber 136 ist sicherlich die zweitniedrigste Wert seit 35 Jahren. Was aber auch dran lag, dass ich die Zeit anderweitig genutzt habe, um Anfang des Jahres noch einmal die ersten beiden Staffeln von „Twin Peaks“ zu schauen und dann die phantastische dritte Staffel zu sehen, welche es locker auf Platz 1 meiner Top10-Liste schaffen würde – wäre es ein Film und nicht (nominell) eine TV-Serie. Vielleicht das Beste, was ich je in diesem Format gesehen habe. Da ich jetzt Prime habe, habe ich auch „American Gods“ geguckt (fand ich ganz gut) und noch so ein bisschen hier und dort. Und die alten „Der Fahnder“-Folgen habe ich auch immer wieder gerne mal reingeworfen. Da ich in der Zeit nicht gleichzeitig Filme gucken konnte, ist es also kein Wunder, dass der Konsum nach unten zeigt.

Komme ich zu meinem Blog, der teilweise wie ein Mühlstein um meinen Hals baumelte. Der selbstauferlegte Zwang eine wöchentliche Rubrik (Das Bloggen der Anderen) zu füllen, kann manchmal schon zu Ermüdungserscheinungen führen. Insbesondere, wenn gleichzeitig noch die Deadline für die nächste Ausgabe des 35-Millimeter-Retrofilm-Magazins ansteht und Werbung/Organisatorisches für Weird Xperience erledigt werden muss. Mehr als einmal hatte ich dieses Jahr das Gefühl, dass ich da irgendwo mal dringend kürzer treten muss. Aber am Ende wüsste ich nicht wo, da mir alles am Herzen liegt. Am meisten leidet wohl das Blog darunter, obwohl ich im Zeitraum Januar bis November 100 Artikel veröffentlicht habe. Das sind 5 mehr als im Vorjahr (wo es aber auch immer wieder größere Pausen gab). Zu vielem, was ich mir vorgenommen hatte, bin ich dann auch einfach nicht gekommen. Hier wäre gewiss mehr möglich, aber das würde auch bedeuten, dass meine anderen Aktivitäten (und am Ende auch die Familie) darunter leiden würde. Eine Zwickmühle.

Die Entwicklung der Besucherzahlen trugen aber auch nicht dazu bei, mich zu euphorisieren und motivieren. Zwar kann ich keinen Vergleich zum Vorjahr ziehen, da Google Analytics ordentlich an seiner Erfassung gedreht hat und die Google-Bildersuche nicht mehr auf eine Seite, sondern erst einmal auf das eigenen Google-System verweist. Das hatte für mich zur Folge, dass ich von einem Tag auf den anderen dauerhaft 2/3 weniger Besucher hatte. Okay, die neuen, niedrigeren Zahlen sind realistischer und geben mehr Auskunft, wer sich eigentlich für meine geschriebenen Inhalte interessiert, da die „Bildersucher“ rausfliegen… aber die nackten Zahlen, die jetzt nur noch selten am Tag dreistellig sind, machen es einem auch nicht einfacher, sich immer wieder aufzuraffen, um etwas zu schreiben. Mal schauen, wie das nächstes Jahr wird, wenn ich wahrscheinlich noch weniger Zeit habe. Irgendwie muss ich diese dann einfach besser verteilen und akzeptieren, dass mal die eine oder andere Sache liegen bleibt.

Meine Liste mit aktuellen Filmen ist extrem kläglich. Was daran lag, dass ich es weder ins Kino geschafft, noch mich wirklich um Bemusterungen für Rezensionen gekümmert habe (und bei Splendid scheinbar auf die schwarze Liste gerutscht bin. Vielleicht war ich denen ja zu kritisch). Meine zusammengefassten Top 10 (wie in den Vorjahren brauche ich schon zwei Jahre, um auf etwas Masse zu komme) spiegelt schon fast alle Filme wider, die ich aus dem entsprechenden Zeitraum gesehen habe. Spannender waren da schon die „Klassiker“, welche ich 2017 zum ersten Mal sah. Hier fiel es mir extrem schwer, mich auf nur 10 zu beschränken. Auf Platz 10 hätten ebenso gut auch „Laurin“ von Robert Sigl, „Perfect Blue“ von Satoshi Kon, „Island of Lost Souls“ von Erle C. Kenton oder „Endstation Schafott“ von José Giovanni stehen können. Auf eine „Worst-of“-Tabelle verzichtete ich wieder.

Top 10 aktuelle Filme (Produktionsjahr 2016/2017)

1. The Neon Demon (Nicolas Winding Refn, 2016)
2. Outrage Coda (Takeshi Kitano, 2017) – meine Besprechung
3. Fashionista (Simon Rumley, 2017) – meine Besprechung
4. Spit’n’Split (Jérôme Vandewattyne, 2017) – meine Besprechung
5. The Eyes of My Mother (Nicolas Pesce, 2016) – meine Besprechung
6. In the Flesh (Kong Pahurak, 2017) – meine Besprechung
7. The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years (Ron Howard, 2016)
8. Midnighters (Julius Ramsay, 2017) – meine Besprechung
9. Maze (Stephen Burke, 2017) – meine Besprechung
10. Dark Circus (Julia Ostertag, 2016)

Top 10 ältere Filme (nur Erstsichtungen)

1. Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger (Elio Petri, 1970)
2. Marketa Lazarová (Frantisek Vlácil, 1967) – meine Besprechung
3. Under the Skin (Jonathan Glazer, 2013)
4. The VVitch: A New-England Folktale (Robert Eggers, 2015)
5. Sennentuntschi (Michael Steiner, 2010)
6. San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen (Carlo Lizzani, 1976)
7. Mörderland (Alberto Rodríguez, 2014)
8. Mädchen mit Gewalt (Roger Fritz, 1970)
9. Geständnisse (Tetsuya Nakashima, 2010)
10. Alice (Jan Svankmajer, 1988)

Das war es nun für 2017. Ich wünsche allen meinen Lesern ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Wir lesen/sehen uns wieder in 2018!

Blu-ray Rezension: „Escalation“

Von , 22. Dezember 2017 09:29

Luca Lambertinghi (Lino Capolicchio) genießt das Leben als Hippie im Swinging London in vollen Zügen. Bis eines Tages sein Vater Augusto (Gabriele Ferzetti), ein italienischer Industrieller, auftaucht und ihn zur Mitarbeit im Familien-Betrieb zwingt. Obwohl Luca darauf keine Lust hat, folgt er seinem Vater zurück nach Italien. Da Luca immer wieder – erfolglos – versucht, sich aus der auferlegten Verantwortung zu stehlen, heuert der Papa die wunderschöne Psychologin Carla Maria (Claudine Auger) an. Diese soll aus seinem Sohn einen fleißigen firmenerben machen. „umdrehen“ soll. Tatsächlich gelingt es der eiskalten Carla Maria Luca zu „bekehren“, und Luca verliebt sich in sie. Bald schon wird geheiratet. Doch Clara Maria verfolgt ihre ganz eigenen Pläne und hält den ihr gänzlich verfallenen Luca an der ganz kurzen Leine…

Es ist der große Verdienst des Labels Forgotten Film Entertainment, dass es seinen Namen ernst nimmt. Satt den leichten Weg zu gehen und sattsam bekannte Titel zu veröffentlichen, hat Forgotten Films tief in der Geschichte des europäischen Films gegraben und „Escalation“ hervorgezaubert. Einen Film, von dem selbst ich als Italo-Afficado lediglich das markante Poster mit der hübsch bemalten Claudine Auger kannte. Noch nicht einmal der schöne Soundtrack von Ennio Morricone war mir bisher untergekommen. Dabei bringt der Film alle Voraussetzungen mit, um nicht nur einer kleinen Zirkel cinephilen Italo-Liebhabern, sondern einem weitaus größerem Publikum bekannt zu sein. Er schwelgt in Pop-Art Kulissen wie „Das 10. Opfer“ oder „Danger: Diabolik“, bringt die wütende, gesellschaftskritische Kino eines Carlo Lizzani mit, hat mit Claudine Auger eine faszinierend-schöne Hauptdarstellerin, und erinnert in seiner teilweisen surrealen Groteske an geliebte Klassiker wie „Femina Ridens“ oder „Die Falle“. Hinter jeder Ecke scheint auch Elio Petri zu lauern, in dessen Oeuvre „Escalation“ sehr gut gepasst hätte. Bezeichnenderweise war „Escalation“-Produzent auch für Petris „Zwei Särge auf Bestellung“, aber auch den oben erwähnten „Femina Ridens“ verantwortlich. Trotzdem scheint „Escalation“ heute tatsächlich vergessen.

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass sich der Film gegen jegliche Einordnung sperrt. Er beginnt als locker-flockige Hippie-Komödie aus dem Swinging London, um bald schon dunklere Töne anzuschlagen, dann in eine böse Satire umzuschlagen und am Ende tatsächlich zu einer galligen Krimigeschichte zu werden. Auch wenn sich dies alles auf dem Papier ausgesprochen inhomogen liest, so folgt der Film dabei doch einer bestechenden Logik und bitteren Konsequenz. Je mehr sich der Film von seinem heiter-sorglosen Ton entfernt, umso artifizieller und kälter werden die Bilder. Und auch die Figur des Luca Lambertinghi verändert sich immer mehr. Vom lustigen Hippie zum Hanswurst, der von seiner dominanten Frau an der kurzen Leine geführt und manipuliert wird bis er schließlich zum kühl kalkulierenden Mörder wird. Diese Verwandlung findet auch äußerlich statt. Die lockigen Haare und bunten Klamotten werden bald schon gegen Pomade, gepflegten Schnäuzer und Anzüge eingetauscht. Wirken diese an Luca zunächst noch wie eine Verkleidung, wächst er immer mehr in sie hinein bis man am Ende glaubt, er hätte nie etwas anderes getragen.

Sein Inneres ändert sich dabei aber kaum. Ob Hippie, Ehemann oder Konzernerbe – getrieben wird er immer von einer unglaublichen Bequemlichkeit. Seine ganzes Hippietum nebst Indien-Träumerei ist nur eine Maske, hinter der es sich gut und bequem leben lässt. Für irgendwelche Ideale zu kämpfen käme Luca nie in den Sinn. Als sein Vater ihn aus seiner London-Idylle herausreißt, um das Firmenerbe anzutreten, folgt Luca zwar murrend, aber ohne wirkliche Gegenwehr. Statt „Nein“ zu sagen, denkt er sich kuriose Mätzchen aus, damit sein Vater ihn rauswirft. Lediglich, wenn er aus einer Irrenanstalt ausbüchst, wendet er so etwas wie Energie auf, bevor er sich von einer skurrilen Detektiv-Bande wieder zurück in die Heimat schleppen lässt. Von seiner Ehefrau lässt er sich dann später in Aussicht auf guten, leidenschaftlichen Sex wie ein Tanzbär an der Nase herumführen, ohne dass sich dieses Versprechen wirklich erfüllt. Liegen sie im Ehebett nebeneinander, tragen sie hautenge Overalls, die nicht umsonst an Kondome oder aseptische Schutzkleidung erinnert.

Ist die Figur des Luca Lambertinghi eine Kritik an den bourgeoisen Hippies, die von den Idealen diese Kultur keine Ahnung haben, und einfach mal mitmachen, aber ohne irgendwelche Konsequenzen zu tragen? Die im Herzen noch immer spießig und kleinbürgerlich sind, es aber toll finden, in der ach so hippen, freien Szenen herumzuspazieren und so zu tun, als wenn sie dazugehören? Diese tristen Büroangestellten, die einmal im Jahr ihre grauen Anzüge gegen geschmacklose Hemden und bunte Perücken tauschen, um so schrecklich lustig, verrückt und „alternativ“ zu sein, um am nächsten Tag wieder an ihre penibel aufgeräumten Schreibtischen zurück zu kriechen. Leute die am Wochenende Punk sind und in der Woche das FDP-Parteibuch im der Tasche tragen. Ist Luca am Anfang nicht genau derselbe, wie am Ende? Ein auf seinen eigenen Vorteil bedachter, kaltschnäuziger, bürgerlicher und weiterhin verdammt bequemer Typ, dem es einfacher erscheint, sich anzupassen anstatt zu rebellieren?

Dies ist eine Leseweise des Films. Aber er behält sich auch die Möglichkeit offen, dass Luca Lambertinghi einfach ein naiver, gutgläubiger Typ ist, der von den manipulativen Kräften des Kapitalismus und der Gier langsam, aber sicher korrumpiert wird. So, dass er am Ende seine Unschuld verloren hat, sein Herz erkaltet und seine Seele verkümmert. Zwar hat er sich noch immer ein kleines Stückchen Anarchie bewahrt, doch dies tief in seinem Inneren begraben. Wie bei so manchem 68er, der später in die Wirtschaft oder die Politik gegangen ist, blieb von der anfänglichen Leichtigkeit und Lebensfreude, den guten Vorsätzen und hehren Idealen nicht viel übrig, wenn diese erst einmal durch die Schleifmühle der leistungsorientierten und gierigen, kapitalistischen Gesellschaft gegangen ist. Sieht man sich heute im Bundestag oder den Firmenzentralen um, sieht man viele Luca Lambertinghis. Die grandiose Begräbniszeremonie, mit der „Escalation“ beschließt, trägt auch das Jahr 1968 zu Grabe. Getötet vom Menschen selber, der schwach, bequem und habsüchtig ist.

All dies gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Roberto Faenza vorzüglich, in seinem Film zu verpacken. Dabei wird er bei seinem Regiedebüt nicht nur von exzellenten Schauspielern, wie den großartigen Gabriele Ferzetti unterstützt, sondern auch von einem absolut fabelhaften Design, an dem sich das Auge des Betrachters förmlich festsaugt. Ebenso wie an der überirdisch schönen Claudine Auger, die selbst als Bond-Girl Domino in „Feuerball“ nicht solch eine sinnesbetörende Ausstrahlung besaß. Da versteht man gut, dass der Hauptfigur Luca Lambertinghi das Gehirn in die Hose rutscht und er sich von ihr an der Nase herumführen lässt. Denn die Gute stellt einen weiteren Aspekt des Kapitalismus da. Während Ferzetti als Vater und Firmeninhaber die Dekadenz und altmodische verkörpert, ist Claudine Auger der kühle, emotionslos berechnende Intrigant, der durch geschickte Schachzüge und ohne Rücksicht auf andere seine Macht und sein Geld vergrößert. Die verführerische Attraktivität des Bösen. Faenza style.

Mit „Escalation“ hat Forgotten Film Entertainment eine sehr gelungen Veröffentlichung auf den Markt geworfen, die locker mit vergleichbaren Labels wie Cinema Obscura oder Wicked Vision Media mithalten kann. Die Bildqualität ist sehr ordentlich. Es gibt zwar immer wieder kurz auftauchenden kleine Filmkratzer in Betracht, aber aus gut unterrichtete Quelle weiß ich, dass der Blu-ray trotzdem das Negativ zugrunde liegen, welches in 2K abgetastet und restauriert wurde. Wobei sich das auch viel zu dramatisch anhört. Man sieht gerade am Anfang halt ab und zu kleine weiße Sprenkel, die von besagtem Negativ stammen und nicht weggefiltert wurden. Nichts woran man sich stören sollte. Das Bild ist sehr klar und scharf, und enthält erfreulicherweise eine schöne Filmkörnung, die „Escalation“ auch richtig schön nach Kino aussehen lässt. Einzig eine Partyszene zu Beginn fällt extrem ab und das Bild wirkt dunkel und sehr verrauscht. Aber dies gilt wirklich nur für diese eine Szene gilt, und der suboptimale, dokumentarisch anmutende Look ist durchaus vom Regisseur gewollt, der hierfür eine 8mm- oder 16mm-Kamera benutzte. Ansonsten gibt es nichts zu beanstanden. Auch der Ton ist klar und deutlich. Er liegt in Deutsch und Italienisch (beides mono) vor. Dazu kann man sich deutsche und italienische Untertitel einblenden lassen. Auf einer dritten Tonspur findet man einen Audiokommentar von meinem 35-Millimeter-Retro-Filmagazin-Kollegen Leonhard Elias Lemke und Robert Wagner. Sehr spannend ist das halbstündige Interview „1968 Ways To Be A Protester“ mit Regisseur Roberto Faenza geworden, in dem er über seine Karriere und insbesondere sein Debüt „Escalation“ plaudert. Ebenfalls eine halbe Stunde dauert „Endless Escalation“, ein weiteres, informatives Interview mit Hauptdarsteller Lino Capolicchio. Drei Minuten lang kann man sich in „Die weißen Strände von Rosignano Solvay“ einige Drehorte des Filmes anschauen. Ferner gibt es noch umfangreiche Bildgalerien. Der Veröffentlichung liegt außerdem noch ein 56-setiges Booklet (oder sollte man besser „Büchlein“ sagen?) mit Texten von Thomas Hübner, Endre Udvari, Sebastian Schwittay, Gerald Kuklinski und Richie Pistilli bei.

„35 Millimeter“-Magazin: Doppelausgabe 23/24 erhältlich

Von , 21. Dezember 2017 14:00

Wer seinen Lieben (oder sich selbst) noch kurzfristig etwas Schönes unter den Tannenbaum legen möchte, dem sei an dieser Stelle die aktuelle Ausgabe des 35-Millimeter-Retro-Filmmagazins empfohlen, welche sich diesmal – passend zu dieser Zeit des Jahres – mit dem Weihnachtsfilm beschäftigt. Und da es eine Doppelausgabe ist, kommen auch alle, die es nicht so mit Glühwein, Zimtsternen und Weihnachtsliedern haben, auf ihre Kosten. Denn in der zweiten Hälfte der Aufgabe geht es gleich härter zur Sache: Da heißt das Titelthema „Der Gangsterfilm“. Dazu kommen natürlich wieder die regelmäßigen Rubriken, Kolumnen und interessanten Artikel jenseits der beiden Titelthemen. Ich habe mich diesmal tatsächlich ganz auf die Weihnachtszeit konzentriert und geschaut was passiert, wenn der Weihnachtsmann von Marsmenschen entführt wird.

Hier das komplette Inhaltsverzeichnis der extradicken Doppelausgabe:

Heft #23/24 kann man HIER für € 6,50 zzgl. Versand beziehen.

Blu-ray Rezension: „Mutant – Das Grauen im All“

Von , 20. Dezember 2017 06:36

Mike Colby (Jesse Vint) hat auf dem Heimweg zur Erde die letzten Jahre in einem kryonischen Schlaf verbracht. Als sein Raumschiff von Piraten angergriffen wird, weckt ihn seine Roboter SAM-104. Doch erfolgreicher Schlacht, kann Colby seinen Heimflug nicht fortsetzen, sondern bekommt von der Föderation den Auftrag, zu einer Forschungsstation auf dem Planeten Xarbia zu reisen. Dort scheint ein Experiment aus dem Ruder gelaufen zu sein. Bei seiner Ankunft wird er von Dr. Barbara Glaser (June Chadwick) und Dr. Gordon Hauser (Linden Chiles) empfangen, die ihm das Subjekt 20 zeigen. Dieses hat alle Forschungstiere auf der Station getötet und sich dann in einer Art Kokon eingesponnen. Während Colby noch mit den Wissenschaftlern berät, wie weiter vorgegangen werden soll, schlüpft das Subjekt 20 aus seinem Kokon und fordert ein erstes menschliches Opfer…

Als Ridley Scott 1979 seinen großen SF-Horror-Klassiker „Alien“ drehte, muss der Film wie eine Offenbarung für unzählige Filmemacher und Produzenten gewirkt haben. Besonders für die, welche zwar gerne einen Horrorfilm drehen wollten, aber dafür leider nicht das nötige Kleingeld in der Kasse hatten oder nicht in die Hand nehmen wollten. Ein übersichtlicher, geschlossener Schauplatz, eine überschaubare Gruppe von Menschen und ein Monster, dass gerne im Dunkeln lauerte. Fertig war das Rezept für die preisgünstigen SF-Schocker, welche in den folgenden Jahren den Markt und die unteren Videotheken-Regale überschwemmen sollten. Und bald schon wurden unbekannte Schauspieler – und noch lieber Schauspielerinnen – durch die schier unendlichen Gänge von Raumschiffen, unterirdischen Laboratorien, Bergstollen, Lagerhäusern oder eben – wie im vorliegenden Falle – Raumstationen gehetzt.

Dass ein gewiefter Pfennigfuchser wie Roger Corman nicht lange warten würde, bis er die Erfolgsformel aufgriff, ist klar. Als aus einer anderen Produktion (den etwas bekannteren „Planet des Schreckens“) am Wochenende noch einige Kulissen ungenutzt herumstanden, schickte er den Cutter Allan Holzman los, um darin einfach mal einige Szenen zu drehen. Das Drehbuch, in die diese Szenen passen sollten, wurde dann später geschrieben. Warum auch nicht? „Mutant – Das Grauen im All“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie Corman vorging. Er ergriff eine Möglichkeit beim Schopfe und ließ dann junge, hungrige Filmemacher von der Leine, die dafür brannten, endlich selber einen eigenen Film zu drehen. Diesen Enthusiasmus atmet „Mutant“ zu jeder Sekunde. Da ist nicht alles perfekt, aber charmant. Manches würden böse Zeitgenossen als „Trash“, andere eben als „großen Spaß“ bezeichnen. Das Monster sieht zwar aus, wie eine Aubergine mit Zähnen, aber es hat Charakter. Die Effekte sind plakativ, aber man merkt den Spaß, den die großen Jungs am herum sauen hatten.

„Mutant“ bringt alles mit, um Vorurteile gegenüber Low-Budget-Horror zu bestätigen. Es gibt viele vollkommen unnötige Nacktszenen mit den attraktiven Schauspielerinnen. Ja, aber weshalb soll man sich nicht gerade gegenseitig unter der Dusche einseifen, wenn man darüber diskutiert, wie das Monster zur Strecke gebracht werden soll? Die Vermutung liegt nahe, dass gerade diese Szene auf dem Mist von C-Autor Jim Wynorski gewachsen ist. Aber das ist eben nur eine – wenn auch naheliegende – Vermutung. Nein, die Handlungen der Figuren bestechen nicht gerade durch besondere Klugheit. Da wird der Kopf eben in den Brutkasten der mutierten Lebensform gehalten, sich mit offenen Armen und seligem Lächeln der Kreatur, die gerade die Hälfte der Filmbesetzung gekillt hat, entgegengegangen („Es braucht doch nur Liebe“) und generell mit Dingen herum gefummelt, die jeden vernünftig denkenden Menschen dazu bringen würden, die eigenen Beine in die Hand zu nehmen – und nicht irgendwelche fremden Leichenteile. „Mutant“ ist eben nicht „Alien“ und das wird zu keiner Sekunde versteckt – auch wenn das große Vorbild über allem schwebt.

Gleich in den ersten 30 Sekunden schafft es Allan Holzman mit „Alien“, „Krieg der Sterne“ und „2001“ gleich drei Klassiker zu zitieren. Allerdings nicht als großes Staatstheater, sondern als mehr schlecht als recht zusammengezimmertes Theaterstadl. Hauptdarsteller Jesse Vint, ein verdienter TV-Veteran, ist dann auch kein strahlender Held, sondern eher ein solider Handwerker. Vint führt die eher unbekannte Darstellerriege an. Am ehesten kennt man noch June Chadwick, die kurze Zeit später als außerirdische Invasorin Lydia in der TV-Serie „V – Die Außerirdischen Besucher kommen“ zu kurzer Bekanntheit kam. Mit fast 50 Jahren gibt Fox Harris sein Leinwand-Debüt und scheint alles, was er zuvor versäumt hatte, in einem Rutsch nachholen zu wollen. Seine extrem physisch, verschwitzt, überlebensgroße Darstellung eines der Wissenschaftler ist ein Highlight des Filmes. Er blieb bis an sein viel zu frühen Lebensende 1988 dem Genre treu und war sogar bei zwei Filmen von Alex Cox dabei.

„Mutant“ ist ein sehr preisgünstiges „Alien“-Rip-Off und täuscht auch nicht eine Sekunde lang vor, mehr sein wollen. Das im Grunde dünne Süppchen wird mit viel Blut, Schleim und Sex angedickt und ergibt so ein ausgesprochen schmackhaftes Fast-Food-Gericht für Zwischendurch, das man ohne Reue verdrücken kann.

Die Blu-ray von „Mutant – Das Grauen im All“ ist das Debüt einer neuen Reihe aus dem wundervollen Hause Anolis. Hier werden in Zukunft acht weitere „Phantastische Filmklassiker“ – so der Name der Reihe – erscheinen. Mit „Geheimagent Barrett greift ein“ und „Willard“ stehen auch schon zwei weitere Titel fest. Und wenn die weiteren Veröffentlichungen den hohen Standard halten, den „Mutant“ gesetzt hat, darf man jetzt schon frohlocken. Das Bild ist sehr gut und sieht nach echtem Kino, und nicht seelenlos gefiltertem Video aus. Der Ton liegt im Original 2.0. Mono vor. Auch hier wurde nicht versucht, etwas durch hochrechnen auf 5.1. zu „modernisieren“. Der englische Ton ist sehr gut, der deutsche fällt durch ein Zischen bei den „S“-Lauten auf. Wo Antolis wirklich ganze Arbeit und noch mehr geleistet hat, sind die Extras. Das geht schon los mit dem hervorragenden 20-seitigen Booklet mit einem Text von Ingo Strecker, reichlich wunderschönem Bildmaterial, sowie zwei Seiten genaue Produktionsdaten. Vom Film bekommt man drei Fassungen: Die US-Version mit 77 Minuten, die vom deutschen Verleih leicht verlängerte 82-minütige deutsche Kinofassung und den Director’s Cut. Das Master dieser Fassung stammt von einer privaten VHS des Regisseurs, hat eine dementsprechende Qualität und liegt daher nur als DVD bei. Dafür glänzt sie aber mit einem eigens für diese Fassung von Regisseur Allan Holzman eingesprochenen Audiokommentar. Die weiteren Extras stammen größtenteils von der 2010 erschienenen US-Blu-ray von Shout Factory. Hier gibt es ein sehr informatives, mehr als halbstündiges Making-Of zu sehen. Ferner ein Interview mit Special-Effects-Mann John Carl Buechler und ein 5-minütiges Interview mit Roger Corman. Natürlich gibt es auch noch Kinotrailer, Werberatschläge und Bildergalerien, sowie einen Audiokommentar mit Ingo Strecker und Pelle Felsch zur deutschen Kinofassung. Toll, toll, toll.

Das Bloggen der Anderen (18-12-17)

Von , 18. Dezember 2017 19:46

So, es ist so weit. Das letzte „Bloggen der Anderen“ für dieses Jahr. Irgendwann im Januar wird es wieder zurück sein. Bis dahin gibt es zwar noch ein paar Artikel, an denen ich gerade schreibe – aber diese Rubrik hat erst einmal Pause.

– Es ist die Zeit der Jahresrückblicke. Den Anfang macht critic.de. Während ich den „schlechtesten Filmen und schlimmsten Kinomomenten 2017“ nicht viel abgewinnen kann, haben mich doch „die besten Filme und schönsten Kinomomente 2017“ sehr erfreut. Besonders die Texte von Karsten Munt und der wunderbaren Silvia Szymanski haben mich sehr entzückt. Absolut lesenswert auch der Blick auf die schwulen Sexfilme von Hisayasu Satô durch Michael Kienzl.

– Auf B-Roll schreiben weiter die Autoren unter der gemeinsamen Klammer „Advent, Advent“ über Themen, die ihnen am Herzen liegen. Diesmal fand ich insbesondere die Texte von Rajko Burchardts über die fragwürdige Verleihpolitik von Disney; Björn Helbig über das Film-Glück gestern, heute und morgen, sowie Simon Hauck über die Macht und Ohnmacht des Dokumentarfilms im alltäglichen Bildersturm sehr spannend. Olga Galicka arbeitet sich noch einmal an Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ab und Lucas Barwenczik steuert einen erheiternden (oder deprimierenden, wie man mag) Beitrag über die schlechtesten Verleihtitel 2017 bei.

– Tina Thiele von Out takes wirft einen Blick auf die langjährige Geschichte der Ufa aus der Sicht des Castings werfen und stellt vier Besetzungsexperten vor, die Casting bei der Ufa mitgeprägt haben oder es heute noch tun.

– Mit Spoilern habe ich gerade schlechte Erfahrungen gemacht und nur ein beherzter Sprung aus der Kaffeeküche rettete mich kürzlich davor, vor dem Kinobesuch zu viel über „Star Wars 8“ zu erfahren. Filmlichtung hat sich einmal eingehende Gedanken zum „Spoiler“ gemacht.

– Apropos „Star Wars 8“. Die Filmlöwin hat den Film mal sehr, sehr akribisch nach seinem Umgang mit feministischen Themen untersucht.

– Schwanenmeister stellt auf Negative Space die ersten elf Filme der Berlinale-Sektion Panorama vor.

– Der 17. Hofbauer-Kongress steht vor der Tür und auf Eskalierende Träume werden vom Hofbauer-Kommando die ersten Filme vorgestellt.

– Werner Sudendorf präsentiert in der Reihe „Filme der Fünfziger“ auf new filmkritik „Der Mann meines Lebens“ von 1954.

„Verdammt zu leben – verdammt zu sterben“ ist einer von Mauritia Mayers Lieblings-Fulcis. Entsprechend leidenschaftlich schreibt sie auf Schattenlichter über ihn. Und ich denke mir: Verdammt, der gehört auch endlich in die Sammlung!

– Sehnsüchtig wird von mir auch schon „Die Rache des Paten“ erwartet. Einer der unfassbarsten und sleazigsten Filme des Genres. Bluntwolf von Nischenkino sieht das ebenso.

– Volker Schönenberger ist vom „TCM“-Prequel „Leatherface“ der talentierten Franzosen Alexandre Bustillo und Julien Maury gar nicht begeistert. Auf Die Nacht der lebenden Texte erklärt er auch warum.

Robert Zion stellt wieder einen sehr unbekannten William-Castle-Film vor. Diesmal das Technicolor-Historien-Kriegs-Epos „Das Zigeunermädchen von Sebastopol“ von 1954.

– Und Schlombies Filmbesprechungen schockiert mich, wenn Charles Laughtons Meisterwerk „Die Nacht des Jägers“ gerade mal ein „unterhaltsam“ bekommt. Aber den Kinderfilm-Ansatz finde ich sehr interessant.

Blu-ray-Rezension: „Laurin“

Von , 12. Dezember 2017 15:39

Im einer kleinen, norddeutschen Hafenstadt Anfang des 20. Jahrhunderts, verschwindet eines nachts ein kleiner Zigeunerjunge. Zur selben Zeit kommt Flora (Brigitte Karner), die Mutter der 9-jährigen Laurin (Dóra Szinetár), unter mysteriösen Umständen ums Leben. Einige Zeit vergeht, da kehrt der junge Van Rees (Károly Eperjes), der Sohn des tyrannischen Dorfpastors (Endre Kátay) in den Ort zurück und wird von seinem Vater zum neuen Lehrer des Ortes gemacht. Laurin lebt mittlerweile allein bei ihrer kränkelnden Großmutter (Hédi Temessy), denn der Vater ist schon lange wieder zur See gefahren. Laurin von Visionen gequält und verdächtigt den neuen Lehrer, mit den Ereignissen der schicksalsschweren Nacht in Verbindung zu stehen. Gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Freund Stefan (Barnabás Tóth), macht sie sich auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen…

Ich weiß nicht, ob ich „Laurin“ damals bei seiner ersten Fernsehausstrahlung sah. Wahrscheinlich nicht, denn daran sollte mich erinnern können. Trotzdem hatte ich nun, da ich „Laurin“ das erste Mal ganz bewusst sah, das Gefühl, ich würde ihn kennen. Nicht wegen bestimmter Szenen, Bilder oder anderen, konkreten Erinnerungsfetzen. Nein, es war dieses Gefühl, das ich kannte. Dieses diffuse, seltsame Gefühl aus der Kindheit, wenn man etwas sah, was einen beunruhigte, ja ängstigte, aber gleichzeitig ungeheuer faszinierte.

Da war einmal „Das Haus der Krokodile“, diese TV-Serie mit Tommy Ohrner, die ich wahrscheinlich bei der zweiten Wiederholung 1981 sah. Ich weiß noch, wie mich die unheimlichen Augen, die ein unter mysteriösen Umständen verstorbenes Kind gemalt hatte, in den Schlaf verfolgten. Eigentlich verfolgen sie mich bis heute. Wie die Handlung der Serie auf meinen Alltag übergriff und unser Haus sich plötzlich nicht mehr sicher anfühlte, weil da vielleicht irgendwo auf dem Dachboden etwas lange Vergessenes lauern konnte. Dieses latente Gefühl der Bedrohung, welches mich nachts nicht schlafen ließ. Und gleichzeitig die Ungeduld, die Spannung, wie es denn in der Serie weitergehen wird. Diese Melange aus Ängstlichkeit und Sehen wollen, die im Magen ebenso sehr feurige Wärme, wie eisige Kälte hervorruft. Heiß, kalt – stimulierend. Oder „Mandara“. Noch so eine Kinderserie, die vielleicht noch gar nichts für meine zarte Seele war. Wo die Macher tatsächlich den Mut hatten, die kindlichen Helden nach der Hälfte Folgen einfach sterben bzw. den Bösen verfallen zu lassen. Ein Schock, von dem ich mich lange nicht erholen konnte. Der Ängste schürte, über die ich mir damals noch keine Gedanken machen wollte. Der Horror, das wohlige Gruseln.

Was hat das alles mit „Laurin“ zu tun? „Laurin“ erinnerte mich an diese Empfindungen aus meiner Kindheit. Denn auch „Laurin“ könnte ein solcher Kinderfilm sein. Ein sehr dunkler Kinderfilm. Seine Protagonisten sind ungefähr sind in dem Alter, in dem ich damals war, als oben genannte Serien an etwas in mir zerrten und es aufweckten. Sie werden mit schrecklichen Dingen konfrontiert. Märchenhafte Dinge. Der schwarze Mann. Ein archaische Sagengestalt, die Kinder fängt und verschleppt (wie man es in „Laurin“ in einer Buchillustration sehen kann). Sie müssen sich plötzlich mit etwas auseinandersetzten, was in der geborgenen Kinderwelt noch keinen rechten Platz hat: Dem Tod. Den der Eltern, der Freunde, der eigene Tod. Und sie müssen Mittel finden, damit umzugehen. Ihm entgegenzutreten oder sich mit ihm zu arrangieren. Denn der Tod übt auch eine merkwürdige Faszination aus.

Der Tod, der schwarze Mann, das ist in „Laurin“ der Lehrer Van Rees. Ein ehemaliger Soldat, der zurückkehrt ins Dorf. Kein Dämon, sondern ein von Dämonen gejagter und besessener Mann. Der als Kind von seinem grausamen Vater, dem evangelischen Pastor, misshandelt und seelisch missbraucht wurde. Bei der Figur des schrecklichen Vaters kommt einem augenblicklich der Pastor Edvard Vergérus aus Ingmar Bergmans Meisterwerk „Fanny und Alexander“ in den Sinn. Noch so eine seltsame Kindheitserinnerung. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich mit dem „magischen Realismus“ in Kontakt kam, den ich heute so sehr liebe, und von dem auch „Laurin“ durchtränkt ist. Die Szene aus „Fanny und Alexander“, in der Alexander auf dem Dachboden den Geistern zweier ertrunkener Kinder begegnet, lässt mich noch heute erschaudern. Ebenso wie der erbarmungslose, grausame Pastor, der sich zum Stiefvater der Geschwister macht. Der alte Van Rees in „Laurin“ ist genauso ein menschliches Monster. Getrieben von der Gier, Macht über Andere auszuüben. Sie zu dominieren und nach einem völlig verkorksten, religiösen Weltbild zu formen. Seinen Sohn hat er seelisch verkrüppelt, mit Ängsten und Obsessionen vollgestopft. Ihn zum Kindesmörder gemacht.

Der alte Van Rees ist der Dämon in diesem Film. Sein Sohn ebenso Opfer, wie die Kinder, die er tötet. Ein wahrer Besessener. Besessen von dem Schmerzen und Verletzungen, die ihm zugefügt wurden, als seine Seele am verletzlichsten war. Das ist der Schrecken von „Laurin“: Dass Monster gemacht werden und dann hinter Masken lauern. Károly Eperjes verkörpert diesen jungen Van Rees mit viel Hingabe und Gefühl. Sein feines Gesicht spiegelt glaubhaft seine Verzweiflung wider. Über die Arbeit als Lehrer, die er nicht machen will, und die ihn vollkommen überfordert. Aber auch die Angst vor sich selbst, vor der Entdeckung und das Bedrohliche, das Wölfische, wenn sein Mordtrieb die Oberhand gewinnt. Allein seine deutsche Synchronstimme macht leider einiges von seinem Spiel kaputt. Denn sie klingt viel zu alt und zu abgeklärt für einen jungen, verwirrten Mann. Hier empfiehlt sich in der Tat die englische Fassung, zumal am Set auch auf Englisch gedreht wurde.

Überhaupt die Schauspieler. Regisseur Robert Sigl hat am Drehort Ungarn Gesichter gefunden, die man so schnell nicht vergisst. Sei es Endre Kátay als Pastor Van Rees oder Hédi Temessy als Großmutter Olga. Letztere ist eine faszinierende Gestalt, über die man mehr wissen möchte. Die scheinbar viel erlebt hat und eine Vorliebe für seltsame Blätter hat, die sie in einem Buch versteckt und gerne in ihre kleine Pfeife stopft. Nicht zu vergessen die Kinderdarsteller, wie der kleine Barnabás Tóth als Stefan und – natürlich – Laurin selber, die wundervolle Dóra Szinetár. Ein schönes Mädchen, welches ebenso neugierig wie herausfordernd in die Welt der Erwachsenen blickt. Sigl hat sie genau auf der Schwelle zwischen Kind und junger Frau gefunden. Kindliche Angst und unbekümmerte Spiele mit ihrem Freund Stefan, stehen erste Versuchen gegenüber, einen erwachsen Mann zu verführen. Und dem Mut, sich ihrer Angst zu stellen.

„Laurin“ handelt auch davon, wie das ist, wenn beide, das Kind und die Erwachsene, noch immer in einem Körper stecken. Von der Verwirrung, die dies stiftet. Die Sehnsucht nach der Sicherheit des Zuhauses und der unbändige Wunsch, die gefährliche, geheimnisvolle Welt dort draußen zu erforschen. Eben jenes Gefühl, welches ich auch hatte, als ich damals diese Geschichten im Fernsehen sah, die mir zeigen, dass es hinter meiner heilen Kinderwelt noch etwas anderes, etwas dunkleres, unheimliches, beunruhigendes gab. Und ich jede Woche ungeduldig darauf wartete, diese andere Welt zu betreten.

Nun könnte ich noch lange über die anderen Aspekte von „Laurin“ schreiben. Von den stimmungsvollen Bildern, die oftmals an die Meisterschaft eines Mario Bava erinnern und sich ähnlich unter die Haut schleichen. Von dieser seltsamen Stimmung, irgendwo zwischen tschechischem Märchenfilm und Ingmar Bergmann. Von alten Ruinen, die auch in einem Film von Jean Rollin auftauchen könnten. Davon, dass all diese Vergleich natürlich hinken, weil dies ein Film von Robert Sigl ist und eben ganz viel Robert Sigl in ihm steckt. Und ich könnte über eben jenen Robert Sigl schreiben. Darüber, dass „Laurin“ ein unerfülltes Versprechen auf eine große Karriere oder gar einer Wiedergeburt des deutschen Horrorfilms gewesen sei. Dass es eine Schande ist, dass er nie wieder die Möglichkeit bekam, seine eigenen Stoffe zu verwirklichen. Und dass man auf jeden Fall seine TV-Arbeiten für sich entdecken sollte. Aber das haben schon andere getan und sicherlich besser, als ich es könnte. Und es ist auch nicht wahr, dass „Laurin“ ein unerfülltes Versprechen sei. Denn es löst das Versprechen ein, den Zuschauer für knapp ein und ein halb Stunden mit in eine schrecklich-schöne, dunkle, märchenhafte Welt mit zu nehmen und sein Leben zu bereichern. Ja, es ist schade, dass Sigl bisher keinen weiteren „Laurin“ verwirklichen konnte/durfte. Aber „Laurin“ ist immer noch da. Ist nie weg gewesen. Existierte im Geflüster der cinephilen Gemeinde, verschwand nie aus der Erinnerung derer, die ihn gesehen haben. Und lies stetig eine kleine, aber feine Fangemeinde wachsen, die auch Sigls anderen Werke – Auftragsarbeiten allesamt – zu schätzen wissen. Und ist jetzt dank der nun endlich vorliegenden Blu-ray bereit, von einer neuen Generation entdeckt zu werden.

Dem verdienstvollen Label Bildstörung ist mit „Laurin“ ein weiterer Meilenstein in ihrer nun schon 30-teiligen Reihe „Drop-Out“ gelungen. Es kann an dieser Stelle gar nicht deutlich genug betont werden, was für eine großartige Arbeit hier jedes Mal geleistet wird. Für „Laurin“ beispielsweise wurde das Filmmaterial neu in 2K vom Negativ abgetastet und in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Sigl restauriert. Und das sieht man auch. So gut, hat „Laurin“ höchstens bei seiner Kinopremiere mal ausgesehen. Natürlich ließ es sich Robert Sigl nicht nehmen, einen höchst informativen Audiokommentar einzusprechen. Wer nicht so viel Zeit hat, sich diesen anzuhören, dem sei hier ausdrücklich das charmante und ausgesprochen spannende Interview „Robert Sigl erzählt..“ ans Herz gelegt. Hier wird Sigl vom (ebenfalls einer Wiederentdeckung harrenden) Filmemacher Eckhart Schmidt zu „Laurin“ und seiner Karriere befragt. Dieses ist mit 30 Minuten fast noch zu kurz ausgefallen, dann man könnte Herrn Sigl noch stundenlang zuhören. Aber für die weniger Eiligen gibt es ja noch den bereits erwähnten Audiokommentar. Auch Sigls früher Kurzfilm “Der Weihnachtsbaum” ist in dieser Edition enthalten. Sehr aufschlussreich und kurzweilig sind auch die Interviews mit Dóra Szinetár, Barnabás Tóth und dem Kameramann Nyika Jancsó, die noch einige weitere Aspekte des Drehs beleuchten und davon erzählen, wie es im Leben der drei nach „Laurin“ weiterging. Spannend auch die Interviews mit den Filmhistorikern Jonathan Rigby und Olaf Möller. Rigby höre ich immer gerne zu und liebe seine – im übrigen höchstempfehlenswerte – Bücher über die Geschichte des Horrorfilms. Besonders begeistert hat mich aber Olaf Möller und seine ruhige, aber gleichzeitig sehr enthusiastische Art über „Laurin“ zu erzählen. Auch hier hätte ich noch stundenlang zuhören können. Sehr erhellend waren auch die „Deleted Scenes“ (die leider nur in einer schlechten VHS-Qualität vorlagen) mit dem Kommentar von Robert Sigl, weshalb sie herausgeschnitten wurden und wo er sich wünschte, sie wieder in den Film einbauen zu können – und wo nicht. Ein wundervolles Zeitdokument ist ein 9-minütiger Ausschnitt aus einer Fernsehsendung, die über die Dreharbeiten zu „Laurin“ berichtete und die Vision von einem neuen, europäischen Horrorfilm entwirft, mit „Laurin“ als Saatkorn. Eine Vision, die leider nie wahr wurde. Aufnahmen von der Verleihung des Bayrischen Filmpreis an Robert Sigl und Setfotos runden diese perfekte Veröffentlichung ab. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch das gewohnt informative Booklet, welches einen Einführungstext von Robert Sigl selber enthält, sowie eine Filmanalyse von Markus Stiglegger und ein Interview, welches Stiglegger Mitte der 90er Jahre mit Sigl für die legendäre (und schmerzlich vermisste) „Splatting Image“ führte.

Das Bloggen der Anderen (11-12-17)

Von , 11. Dezember 2017 17:28

– In der vergangenen Woche verstarb überraschend Ulli Lommel. Allesglotzer hat sich ihm zu Ehren noch einmal seinen vielleicht besten Film, „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, angesehen.

Japeau ist ein neues Blog rund um das Thema Japan. Und da es hier auch einen Filmbereich gibt, in dem der ehemalige Splatting-Image-Autor Björn Eichstädt schreibt, habe ich es gerne in meine Liste aufgenommen und mich sehr über den Artikel zum schönen „Belladonna of Sadness“ gefreut.

– Camera Obscura bewirbt seine neue Veröffentlichung „Deadly Games“ überall als Kultfilm. Davon gehört habe ich bisher zwar nicht, dafür aber Duoscope-Autor Marco. Er war recht angetan von dem Film, dessen (deutscher) Untertitel „Allein gegen den Weihnachtsmann“ lautet.

– Peter Hartig fragt auf out takes noch einmal in Bezug auf die Berlinale: „Wie geht’s weiter?“.

– „Advent, Advent“ heißt es auf B-Roll. Und unter diesem Motto schreiben die Autoren dort über Themen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Besonders interessant fand ich Sonja Hartls Beitrag darüber, wie man sich fühlt, wenn Werk und Persönlichkeit seines Erschaffers weit auseinanderklaffen. Und Rochus Wolff freut sich über goldene Zeiten im Animationsfilm. Ferner hat Andreas Köhnemann zwei spannende Artikel verfasst. Im ersten geht es darum, wie Film heute Schrecken im Digitalen erzeugen kann. Im zweiten schreibt er über Fatih Akins neuen Film „Aus dem Nichts“, welchen er anhand von Marcus Stigleggers 2006 veröffentlichter filmtheoretischen Arbeit „Ritual & Verführung: Schaulust, Spektakel und Sinnlichkeit im Film“ analysiert.

Filmlichtung befasst sich diesmal mit Filmen, deren Dreharbeiten begonnen haben, bevor das Drehbuch fertig war – und was dies aus ihnen gemacht hat.

Robert Zion hat sich in dieser Woche Brian de Palmas frühes Werk „Sisters“ vorgenommen.

– Mario Landi kannte ich bisher als Großmeister des Sleaze, der so berüchtigte Werk wie „Patrick lebt!“ oder „Giallo in Vencia“ zu verantworten hat. In den 60ern drehte er noch mit Gino Cervi eine seriöse Maigret-Adaption, wie man auf Die Nacht der lebenden Texte nachlesen kann.

– Lara von Dehn empfiehlt auf film-rezensionen.de den spanischen Horror-Thriller „Compulsión“, den ich mal gut im Auge behalte.

Lommel/Bremen

Von , 8. Dezember 2017 21:03

In der letzten Zeit habe ich das Kino in Bremen ziemlich vernachlässigt. Sowohl was das „echte Leben“ angeht, als auch die Berichterstattung hier im Blog. Dabei ist in unserer schönen Hansestadt mehr los, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Auch wenn man erst viele Jahre später davon erfährt. So war ich ausgesprochen überrascht, als ich gestern in der Stadtteil-Beilage des Weser Kuriers in einem Artikel lass, dass es 2011 in der Schwankhalle scheinbar einen Auftritt von Ulli Lommel gab.

Jener ist leider am letzten Samstag überraschend verstorben. Ich hatte ihm hier keinen Nachruf gewidmet, da ich einerseits mit Lommel, seinem Leben und Werk nicht so gut vertraut bin (bis auf seine schauspielerische Arbeit bei Fassbinder und seinen schönen Film „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, den ich hier besprochen habe). Andererseits gibt es bereits einen ganz fantastischen Nachruf von Doris Kuhn auf der Seite der Zeit.

In dem erwähnten Artikel geht es auch nicht so sehr um Ulli Lommel, sondern um den Bremer Schauspieler und Musiker Denis Fischer. Als damaliger Künstlerischer Leiter der Schwankhalle in der Neustadt holte er 2011 Ulli Lommel nach Bremen und produzierte hier mit ihm „The Factory“. Darin ging es um Lommels Begegnungen mit Fassbinder, Warhol, Romy Schneider, Jackie Kennedy Onassis, Truman Capote, Frank Sinatra und anderen Stars der damaligen Zeit. Und ich frage mich heute, warum ich davon nichts mitbekommen habe? Ulli Lommel hier in Bremen – das hätte ich zu gerne gesehen. Aber obwohl ich aufgrund dieses Blogs mich regelmäßig über kinorelevante Themen informiere und Lommel spätestens seit seinen Fassbinder-Filmen (und dem schönen „Rumhänger“-Film „Detektive“ von Rudolf Thome) ein mir sehr bekanntes und gern gesehenes Gesicht war, hatte ich das nicht auf meinen Radar bekommen. Eine Gelegenheit, die jetzt leider nie wiederkommt.

Aber immerhin: Lommel selber scheint die Produktion hier in Bremen sehr viel Freude gemacht zu haben, denn eine Verfilmung von „The Factory“ – mit Denis Fischer in der Rolle von Andy Warhol – ist nun sein letzter Film geworden. Und dieser soll im Februar tatsächlich auf der Berlinale vorgestellt werden. Das wäre dann der erste Lommel-Film (zumindest meines Wissens nach, man korrigiere mich, wenn dem nicht so ist), der seit 2004 in Deutschland zu sehen ist. Das war damals der berühmt-berüchtigte „Daniel, der Zauberer“, welcher bei der IMDb zwar immer noch auf Platz 4 der schlechtesten Filme aller Zeiten steht, nun langsam seine Rehabilitierung erfährt. Bis dahin kann man Warhol-Darsteller Denis Fischer aber noch – soviel Werbung für das Viertel in dem ich lebe muss sein – im Bremer Kriminaltheater in Walle sehe. Dort spielt er die Hauptrolle in „Die Falle“. Ein Stoff an dem sich Alfred Hitchcock einst kurz vor seinem Tod die Rechte sicherte, aber nicht mehr realisieren konnte.

Sonntag: Julia Ostertag stellt ihren Film „Dark Circus“ im Cinema Ostertor vor

Von , 6. Dezember 2017 16:46

Veranstaltungs-Tipp in eigener Sache: Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon weiß, organisiere ich neben meiner Blogger- und Autorentätigkeit auch noch zusammen mit meinem Mitstreiter Stefan die monatliche Filmreihe Weird Xperience.

Und nach langer Zeit dürfen wir im Rahmen dieser Reihe auch endlich wieder einen Gast begrüßen. Die großartige Julia Ostertag (bekannt u.a. durch ihren Film “Noise & Resistance”) wird da sein und ihr neues Werk DARK CIRCUS vorstellen. Eine mit minimalem Budget und größtem Aufwand und Liebe zum Detail gedrehte „Alice im Wunderland“-Geschichte: Undergroundfilm trifft auf erotischen Okkulthorror. Kritiker beschreiben Julia Ostertags Film als „einen dunklen Weg voller Latex, Blut und Lust“.

Der Film lief bereits auf Festivals in den Niederlanden, Frankreich, Mexico, dem Filmfest Braunschweig und dem Pornfilmfest Berlin und wurde in Brasilien mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Regisseurin Julia Ostertag sagt über die Entstehung des Films: „Ich bin beeinflusst vom magischen Kino des Alejandro Jodorowsky, sowie Kenneth Anger, Okkulthorror der 70er und dem Cinema of Transgression. Diese Einflüsse habe ich in dreijähriger Produktionszeit mit einem beeindruckenden Cast aus Performance-KünstlerInnen, SchauspielerInnen und StatistInnen aus der Berliner Fetisch- und Subkultur zu einem visuellen Trip umgesetzt.“

Johanna langweilt sich ziellos und uninspiriert inmitten des Berliner Großstadtlebens. Als sie ihren Job in einem Friseursalon verliert, beginnt sie von Tagträumen und Visionen ereilt zu werden. Sie folgt dem mysteriösen Ruf in eine Parallelwelt, in der sie in die Zirkel einer Gothic-Fetisch-Clique und zugleich in die magischen Fänge der „Mistress“ gerät.

Dark Circus ist die Geschichte einer Transformation, eine sinnliche Reise in die Abgründe des Unbewussten.

Der Soundtrack zum Film stammt von der Dark Ambient Ritual Band „Vortex“ des bekannten Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger.

Mehr Infos zum Film findet ihr hier: www.darkcircus.net

DARK CIRCUS läuft nur am Sonntag, den 10. Dezember um 20:45 Uhr im Cinema Ostertor.

Die Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin des Filmes Julia Ostertag wird zu Gast sein und vor und nach dem Film für Fragen zur Verfügung stehen.

Wir freuen uns schon sehr darauf!

Das Bloggen der Anderen (04-12-17)

Von , 4. Dezember 2017 17:41

– Im Zentrum der letzten Woche standen einmal mehr die Berlinale und die Nachfolge des Festivalleiters Dieter Kosslick. Schwanenmeister erklärte auf Negative Space weshalb sich die Unterzeichner des Berlinale-Aufrufs sich für eine Anti-Kosslick-Kampagne ausgenutzt fühlten. Rüdiger Suchsland hat seinen Artikel auf out takes sogar als Beginn einer ganzen Serie angelegt: „Der Kampf um die Zukunft der Berlinale – Teil 1: Kampf um die Meinungsmacht“. Und auf critic.de fragt Frédéric Jaeger: „Wie viel ist dran an der Behauptung der Branchenzeitschrift Blickpunkt:Film, Regisseure hätten nicht auf eigene Initiative einen Neuanfang bei der Berlinale gefordert?“ Und sieht hier eine faule Desinformations-Kampagne.

– David von Whoknows presents war auf dem 30. exground Filmfest in Wiesbaden und hat einen sehr ausführlichen und detaillierten Festivalbericht geschrieben.

– Neulich fragte jemand in meinem Lieblingsforum Deliria-Italiano.de nach prägnanten Regenszenen in Filmen. Leider habe ich vergessen, wer das war. Ansonsten könnte ich ihn jetzt auf den Artikel auf Filmlichtung hinweisen, wo es genau um diese geht.

„Tödliche Weihnachten“. Ein Film, der gnadenlos floppte und die Karrieren gleich dreier damaliger Stars (Regie, Drehbuch und Hauptdarstellerin) unter sich begrub. Wie es dazu kommen konnte, und ob der Film wirklich schlecht war oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort beantwortet Marco von Duoscope.

– Den Filmemacher David Lowery habe ich bisher gar nicht auf dem Schirm gehabt, obwohl mich sein neustes Werk „A Ghost Story“ durchaus interessiert. Dank Lucas Barwencziks Portrait auf B-Roll bin ich jetzt aber bestens informiert. Und Alexander Matzkeit schreibt über Selbstvergewisserungsfilme für Männer. Was das ist? Am besten gleich seinen gut geschrieben Artikel lesen!

– Oliver Nöding hat auf seinem eigenen Blog schon einige Filme des Japaners Hisayasu Satō besprochen. Auf critic.de fasst er seine außerordentlichen Erfahrungen mit diesem extremen Filmemacher noch einmal zusammen.

– André Malberg schwärmt auf Eskalierende Träume über „Eheinstitut Aurora“ von 1962. Hier ist es sehr lohnenswert auch die Kommentare zu lesen, denn Sano Cestnik hat dort auch noch einiges zu dem Film zu sagen.

– Sebastian stellt auf Das Magazin des Glücks wieder unter dem Titel BRD noir drei Filme aus der frühen Bundesrepublik vor. Unter anderem einer von John Brahm, den ich erst kürzlich für mich entdeckt hatte. Spannend!

– Hach, Kindheitserinnerungen. Dazu zählt für mich eindeutig auch „Meuterei am Schlangenfluss“ den ich damals (gefühlt oder real?) bei jeder TV-Ausstrahlung erneut mit klopfendem Herzen gesehen habe. Bis heute in Lieblingsfilm. Schade, dass der Artikel von Sebastian auf Nischenkino so schrecklich kurz ist.

– Bleiben wir im Genre: Robert Zion bringt seinen Lesern William Castles beiden Kavallerie-Western nahe.

Panorama Theme by Themocracy